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Für die Studierendenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München war die Mittagspause eine friedvolle Tageszeit.
Es war eine Zeit der Erholung. Es war eine Zeit der Entspannung. Und einige Studierende verbrachten diese Zeit im behaglichen Unterrichtsraum von Professor Albert Harebrayne – von vielen für verrückt erklärt, angezweifelt von den allermeisten und doch rechtmäßig beliebt bei einer kleinen Schar Auserwählter. Außenseiter zogen sich schließlich gegenseitig an und viele junge Leute, die sonst keine Gesellschaft beim Essen hatten, fanden sich stattdessen in seinen Hallen wieder, wo er allzeit dazu bereit war, ein wenig Hilfe bei den Hausaufgaben oder ein einladendes Lächeln anzubieten.
Jeder war jederzeit willkommen in Professor Harebraynes Unterrichtsraum.
Wie die zu Tisch sitzenden Teilnehmer seines sogenannten Mittagskurses
bald erfahren würden, richtete sich diese Einladung offenbar auch an Kreaturen Satans aus dem Jenseits.
Klopf … klopf … klopf …
So begann ihre Begegnung mit der Ausgeburt des Teufels. Ein langsames, gleichmäßiges Klopfen.
Es war Franz, der die Tür öffnete, denn er saß ihr am nächsten und war im Allgemeinen eine freundliche Natur. Als er dann also wie angewurzelt stehen blieb und bleich wie die Wand wurde, wussten alle sofort, dass die Welt in München aus den Fugen geraten war.
Da stand etwas auf der Türschwelle. Etwas Großes und Breites und Finsteres.
Es schien ein Mann zu sein, der mit seiner enormen Größe, doch vielmehr durch seine enorm einschüchternde Präsenz über ihnen aufragte. Seine durchdringenden Augen waren silbern wie sein Haar und eine gezackte Narbe durchzog sein Gesicht. Seine elegante Kleidung saß perfekt, war aber ernstlich modisch überholt.
Es war, als wäre er von einem Sockel oder aus einem Gemälde gestiegen oder irgendeinem anderen künstlerischen Artefakt einer längst vergessenen Zeit entflohen.
Grüß Gott.
Steif winkte er dem Kurs zu, steifer noch verneigte er sich vor ihnen.
Ich bin … Van Zieks.
Er sprach mit einem sehr starken Akzent – möglicherweise ein englischer Muttersprachler aus irgendeinem dieser Gebiete – der seine Worte verbog und verunstaltete; das ich
aus ich bin
verließ seine Lippen begleitet von einem schauerlichen Fauchen. Der Mann war offensichtlich ein Fremdling, aber ob er nun in diesem Land oder doch im gesamten Reich der Lebenden fremd war, wurde immer ungewisser.
Die Studierenden starrten ihn an. Er starrte zurück. Eine Person mit einem größeren Herzen und kleineren Verstand hätte denken können, der Fremdling wirkte nervös.
I-Ich … Sie … D-Dozent …
Was auch immer er sagen wollte, wurde mit einem frustrierten Grollen verworfen und er ballte das Revers seines Jacketts in seiner Faust zusammen.
Deutsch … nicht gut …
Unter normalen Umständen besäße ein ganzes Klassenzimmer voll junger und größtenteils gut situierter Studierenden ausreichend Weltwissen, um anzunehmen, dass der Mann sich schlichtweg für seine mangelhaften Sprachkenntnisse entschuldigte. Doch jeder Gedanke daran wurde schnell von dem gespannten Zorn, der in seinen Augen funkelte und zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen saß, beiseite gefegt und die Studierenden entschieden einstimmig, dass diese Aussage eine Drohung gegen die gesamte Bevölkerung von Deutschland ausdrückte.
Der junge Mann, der in der ersten Reihe am nächsten bei ihm saß, bekreuzigte sich.
Adelheid, die Mutigste unter ihnen, stand mit wackligen Knien auf und hob den Kopf, um diesem übergroßen, ummantelten Ungeheuer in die kalten, silbernen Augen zu sehen.
W-Was wollen Sie von Professor Harebrayne …?
Der Mann starrte sie nur an und runzelte die Stirn. Die erdrückende Stille wurde durch ein einzelnes Wort durchbrochen.
... Mittagessen.
Mein Gott
, sagte eine zitternde Stimme auf den hinteren Bänken. Er wird ihn auffressen.
Der Besucher griff in seinen Mantel. Schrecken ließ den Raum mitsamt Studierenden erschaudern, aus Angst, er würde eine Waffe ziehen oder einen Schwarm Fledermäuse auf sie hetzen oder vielleicht eine abgebissene Gliedmaße zum Vorschein bringen. Stattdessen zog er jedoch eine kleine, knittrige Papiertüte heraus, sauber gefaltet und bekritzelt, sodass sie einem Schaf ähnelte.
Es war ein … unerwartet niedliches Päckchen. Ganz offensichtlich, um von seinem bösartigen Inhalt abzulenken.
Mit zielstrebigen und doch leicht zittrigen Schritten ging der Mann hinüber zu Professor Harebraynes vollgestelltem Pult und setzte mit großer Vorsicht die Tüte dort ab.
... Ich gehen jetzt
, murmelte er, sein Blick am Boden festgenagelt.
Damit drehte er sich langsam zur Tür und die Studierendenschaft atmete erleichtert auf.
Endlich ging er. Zweifelsohne zurück zu seiner alten Schlossruine in den Bergen. Den Studierenden wurde ein weiterer Tag ihres Lebens gewährt –
Ah, es tut mir so, so schrecklich leid!!
, rief eine lebhafte Stimme auf der anderen Seite der Tür. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich die zweite Hälfte meines Unterrichtsplans im Büro vergessen hatte, also – hm?
Der monströse Mann war bei diesem Klang wie zu Stein erstarrt und jeder einzelne Student folgte seinem Blick hinüber zu Professor Harebrayne, der nun im Türrahmen stand, seine Hände und sein Gesicht voll mit Notizbüchern und Verblüffung.
Barok?!
Zugegeben wirkte der Professor eher verwirrt als verängstigt, aber für seine Studierenden war das nichts Neues. Sein Selbsterhaltungstrieb war noch nie besonders ausgeprägt gewesen.
Was in aller Welt tust du denn hier??
, fragte er auf Englisch, was keiner von den Studierenden verstand.
Daraufhin zeigte der Mann, der nun rot bis über die Ohren war – von all dem Blut seiner Opfer, flüsterte eine junge Frau in der Ecke des Raums – stumm und mit zitternder Hand auf die Papiertüte.
Du
, der Professor sah aufgeregt zwischen dem Päckchen und dessen Boten hin und her. D-Du bist den ganzen Weg hierher gekommen, nur weil ich mein Mittagessen vergessen habe??
Ein langsames Nicken war die einzige Antwort.
Barok, ich …!
Die Augen des Professors wurden tellergroß, leuchteten auf (sicherlich entfacht von purem Grauen) und trotz alledem begann er, auf das Biest zuzugehen.
Manche Studierende sprangen von ihren Plätzen auf, um diese Tragödie aufzuhalten, aber sie waren nicht schnell genug. Andere kauerten unter ihren Tischen oder hielten sich die Augen zu, um das unausweichliche Blutbad nicht mit ansehen zu müssen. Der Rest von ihnen konnte jedoch nur dasitzen und zusehen, wie ihr geliebter Dozent langsam, aber entschlossen seinem Tod entgegen schritt.
Sie sahen zu, wie er dem Monster näher und immer näher kam und …
… und unmöglich war das, was sich vor ihnen abspielte. Unglaublich. Unerklärlich.
Professor Harebrayne hatte es in eine Umarmung gezogen.
Oh, danke, dankeschön, das wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber – hm?
Offensichtlich war dem Professor aufgefallen, dass sein gesamter Kurs ihn entgeistert anstarrte.
Habe ich euch etwa noch nie von ihm erzählt?
, fragte er nun wieder auf Deutsch.
Sie starrten weiter.
Ach, wie unhöflich von mir!
Der Professor wandte sich zu seinem dämonischen Kumpanen, der nur da stand und ratlos aus der Wäsche guckte. Ich habe dich gar nicht richtig vorgestellt!
Harebrayne präsentierte ihn mit viel Begeisterung und Stolz. Verehrte Damen und Herren, das ist mein lieber Freund, Barok van Zieks! Wir haben zusammen die University of London besucht!
Ein britischer Vampir?
, wisperte Frida verdattert. Ich wusste gar nicht, dass die die da machen.
Heinrich zuckte mit den Achseln. Vielleicht ist es eine invasive Art.
Freut mich … Sie kennenzulernen.
Das ummantelte Ungeheuer verbeugte sich noch einmal tief und ausladend und murmelte: ... Verzeihung.
Dann drehte es sich mit flatterndem Umhang auf dem Absatz um und verschwand.
(Tatsächlich war der Mann wie ein ganz normaler Mensch aus dem Raum gegangen, doch die Studierenden waren so fasziniert oder alternativ, hatten sich so vor dem wehenden Stoff erschrocken, dass rund fünfzig Prozent von ihnen überzeugt waren, er hätte sich einfach in Luft aufgelöst.)
Ist er nicht reizend?
, sagte Professor Harebrayne ohne einen Hauch von Ironie.
Totenstille.
Na ja, wie dem auch sei!
Mit scheinbar unbeirrt guter Laune griff der Professor in die Papiertüte, holte ein Käse-Schinken-Sandwich heraus und nahm einen großen Bissen. Wer braucht heute ein wenig Nachhilfe?
Barok?
Die Tür zu Alberts Wohnung öffnete sich vorsichtig. Die zwei alten Freunden teilten sich die Wohnung schon seit Baroks Ankunft in Deutschland vor ein paar Wochen; er war aus Großbritannien für die Sehenswürdigkeiten und ein wenig Gesellschaft angereist. Hinter der Tür erschien erst eine Masse fluffiger Haare, dann ein weißer Kittel und schließlich lugte das Gesicht eines gewissen Professors hervor. Er war zu einem relativ ungelegen Zeitpunkt zurückgekehrt: Barok war gerade dabei, alle seine Energie in den Versuch zu investieren, sich selbst mit den Sofakissen zu ersticken.
Barok?
Die sonst übliche Heiterkeit in der Ausstrahlung seines Freundes verwandelte sich schlagartig in Beunruhigung. Ist alles in Ordnung??
Der Staatsanwalt knautschte sein Gesicht tiefer in sein Kissen. Nichts wird jemals wieder in Ordnung sein.
Altbekannte Schritte kamen auf ihn zu und Barok spürte, wie sich Alberts Hände behutsam auf seine Schultern legten.
Oh, du darfst nicht den Mut verlieren, Barok! Ich versichere dir, alle meine Studierenden sind ganz wunderbare Menschen! Dieses Missverständnis werden wir im Handumdrehen geklärt haben!
Zweifel zogen sich durch jede Faser von Baroks Wesen.
... Mein Deutsch ist vollkommen abscheulich. Mein Auftreten ist ebenso grauenvoll. Dieses Missverständnis wird sich niemals aufklären, denn ich habe nicht vor, jemals wieder einen verfluchten Fuß auf die unverdorbene Schwelle deiner Universität zu setzen.
Ach, Papperlapapp!
Baroks Schultern wurden freundschaftlich gedrückt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dich die Leute sehen wie ich!
Zögerliche graue Augen sahen hinauf in zuversichtliche Blaue, und das war genug, um ihn ein bisschen seiner Demütigung vergessen zu lassen.
Ein kleines bisschen.
Also dann
, fuhr Albert fort und ließ sich neben Barok plumpsen, der sich bemitleidenswert auf dem Sofa aufgerollt hatte. Was hälst du von etwas Deutschunterricht, um dich auf deine Neuvorstellung morgen vorzubereiten?
Barok blinzelte ihn an.
... Was meinst du mit morgen?!
Das Monster war zurückgekehrt.
Es war nicht so, als hätte man es leicht übersehen können. Jeder Anwesende in der Universität, Studierende wie auch Dozierende, hatte das Geflüster gehört, dass sich an der Uni wie Lauffeuer verbreitete, seitdem bekannt wurde, dass Professor Harebrayne einen Freund hatte. Ausnahmslos hatte jeder das schwere Klomp von Wellingtons auf Steinboden, die langen, dunklen Schatten und den flatternden Umhang wiedererkannt.
Und natürlich auch dieses langsame, furchteinflößende Klopfen.
Franz der Türöffner war nirgends zu sehen. Er hatte sich unter seinem Tisch versteckt und hoffte vergebens, dass wenn man ihn nicht fand, man ihn auch nicht fressen konnte. Wäre Professor Harebranye nicht mit im Raum gewesen, als die Kreatur eintraf, hätte niemand ihr Einlass gewährt.
Aber stattdessen wurde die Tür mit großem Elan und einem beschwingten Barok!
aufgestoßen und der monsterhafte Mann wurde abermals hereingebeten.
Augen wie Stahl musterten den Raum, bevor der Mann seinen Blick zu Boden senkte.
Nicht … Vampir
, murmelte er. Entgegen allen Erwartungen hörte sich seine Stimme sogar zaghaft an.
Alle zwanzig Studierenden sahen sich an. Dann blickten sie wieder zu Barok. Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
Allen zwanzig Studierenden ging nur ein Gedanke durch den Kopf:
… Das würde doch nur ein Vampir sagen.
