Work Text:
Kai
Es gab keine Worte, die beschrieben, was ich gerade fühlte. Diese Leere. Stumm saß ich auf meinem Platz in der Kabine und starrte einfach nur ins Nichts. Ich trug immer noch mein Trikot, dass nach über 120 Minuten vollkommen verschwitzt war und sich auf meiner Haut unangenehm anfühlte.
Doch die Kraft, mich umzuziehen, fehlte mir. An meinen Füßen begannen die Schuhe langsam zu drücken. Die Schuhe, in denen ich eben einen Elfmeter verschossen hatte. Die Schuhe, in denen mein Team deswegen gerade hochkant im Sechzehntelfinale der WM rausgeflogen war.
Die Szene spielte sich in meinem Kopf auf Loop ab. Wieder und wieder prallte mein Schuss am paraguayischen Torhüter ab. Hinter dem Tor schlugen hunderte Fans in Deutschlandtrikots die Hände über dem Kopf zusammen. Ihre Blicke, voller Enttäuschung, Trauer und Wut, hatten sich in mein Gedächtnis eingebrannt.
„Kai. Hey. Kai!“ Eine in meinem Sichtfeld herumwedelnde Hand beförderte mich aus meiner Trance zurück ins Hier und Jetzt. Ich wandte meinen Blick von der gegenüberliegenden Wand ab und erblickte nun stattdessen Nadiem, der mich mit schmerzendem Gesichtsausdruck ansah.
Er hatte seinen Elfmeter nicht verschossen, sondern wunderschön verwandelt. An ihm lag es nicht, dass wir jetzt gegen Paraguay rausgeflogen waren. Ich hätte den Ball besser treffen müssen.
„Willst du dich nicht langsam mal umziehen?“, erkundigte Nadiem sich vorsichtig, „Der Bus fährt bald ab.“ Ein Blick durch die Kabine bestätigte mir, dass alle anderen tatsächlich schon fast fertig waren. Langsam nickte und begann schwerfällig, mich aus meinem Trikot zu pellen.
Während ich unter der Dusche stand, dachte ich darüber nach, wie gerne ich jetzt einfach ein paar Tage alleine wäre. Wie schön wäre das, einfach mit niemandem reden zu müssen, sich keine ungläubigen oder mitleidigen Nachrichten geben zu müssen und einfach vergessen zu können?
Leider würde ich wohl nicht darum herumkommen, zumindest mit meiner Familie und einigen meiner Freunde zu sprechen. Jegliche Social Media Apps würde ich aber gleich erstmal für einige Zeit löschen. Wie die Presse und die allgemeine Öffentlichkeit sich ihre Mäuler über uns zerrissen, musste ich nicht unbedingt mitbekommen.
Frisch geduscht und in trockenen Klamotten saß ich schließlich eine Weile später im Mannschaftsbus, der uns zu unserem Hotel bringen würde. Der Adler, den ich auf der Brust trug, brannte auf meiner Haut und ich hätte ihn mir am liebsten vom Leib gerissen. Ich hatte es gar nicht verdient, ihn zu tragen.
Die Fahrt verlief in Stille. Ich starrte die meiste Zeit aus dem Fenster, nachdem ich Flo und Jamal beobachtet hatte, die einander ein paar Reihen weiter vorne Trost spendeten. Bei dem Anblick hatte mein Herz sich schmerzhaft in meiner Brust zusammengezogen.
Nicht, weil dadurch die frische Wunde noch weiter aufgerissen wurde. Sondern weil eine andere wieder aufging.
Geistesabwesend entsperrte ich mein Handy und wurde sofort mit hunderten neuen Nachrichten geflutet. Meine Mutter hatte mir geschrieben, genauso wie meine Geschwister und einige weitere Familienmitglieder und Freunde.
Ich öffnete WhatsApp, doch anstatt die oberen Chats zu lesen oder zu beantworten scrollte ich nach unten. So weit, bis ich an einem Namen hängen blieb. Bei der einen Person, der ich mich gerade anvertrauen wollte.
Doch in unserem Chat herrschte Funkstille. Ich öffnete ihn. Keine neuen Nachrichten. Der letzte Text war schon über ein halbes Jahr alt.
‛Jannis 🤍’, war der Kontaktname, der trotz unserer Funkstille gleichgeblieben war. Nach unserer Trennung hatte ich es nicht übers Herz gebracht, ihn zu ändern. Zu sehr hatte ich trotzdem noch an ihm gehangen – hing ich immer noch an ihm.
Die Trennung nach mehreren Jahren Beziehung war ein Produkt unserer ewigen Fernbeziehung gewesen. Jannis war zwar häufig zu mir nach London gekommen, aber das ständige Hin-und-Her-Pendeln hatte ihm sehr zu schaffen gemacht, das wusste ich.
Ich wusste es spätestens, seitdem Jannis mir im letzten Herbst eröffnet hatte, dass es so nicht weitergehen konnte. Erst, als er mir das ins Gesicht gesagt hatte, hatte ich verstanden, wie sehr er unter der Entfernung gelitten hatte.
Wie anstrengend es für ihn gewesen war, all die Jahre immer wieder aus Köln nach London zu mir zu fliegen und dann trotzdem den halben Tag alleine in meiner Wohnung zu sitzen, weil ich beim Training war oder anderen Verpflichtungen seitens des Vereins nachkam.
Dazu kam, dass wir uns nie öffentlich zeigen konnten, wenn wir auf Dates gingen. Alles, weil ich als Profifußballer in der Öffentlichkeit stand und meine Karriere von Vereinen und Sponsoren abhing und es im Fußball leider immer noch genug Homophobie und Queerfeindlichkeit gab.
Jannis hatte jahrelang Opfer gebracht, damit ich einen Karrierehöhepunkt nach dem anderen feiern konnte. Bis er es irgendwann nicht mehr ausgehalten hatte. „Ich brauche eine Pause“, hatte er gesagt und ich war in keiner Position gewesen, ihm diese zu verwehren.
Der Abschied war tränenreich gewesen, aber ich war der festen Überzeugung, dass es das Beste für uns gewesen war. Jannis hatte es nicht verdient, sein Leben im Schatten zu leben. Er sollte jemanden finden, mit dem er offen und stolz leben konnte.
Ich schreckte aus meinen Gedanken hoch, als unten im Chat plötzlich die drei kleinen Pünktchen auftauchen. Jannis schrieb.
Jeden Moment rechnete ich damit, dass die Blase verschwand, weil er es sich doch anders überlegte. Doch nach kurzer Zeit ploppte tatsächlich eine neue Nachricht auf.
Jannis 🤍
Es ist nicht deine Schuld (9:40 pm)
Mein Herz setzte einen Schlag aus. Er hatte das Spiel gesehen. Natürlich hatte er das. Vermutlich saß er gerade mit Jule und Jascha auf der Couch und trauerte genau wie 80 Millionen andere Deutsche dem Titeltraum hinterher.
Mach dir keine Vorwürfe (9:41 pm)
Folgte die nächste Nachricht. Dann:
Ich weiß, dass du denkst, du hättest alles besser machen müssen. Aber es ist ein Teamsport, Kai. Du hast gut gespielt und alles gegeben. Mehr kannst du nicht tun. (9:44 pm)
Jannis kannte mich einfach viel zu gut. Nach all den Jahren wusste er immer noch genau, was nach Niederlagen in meinem Kopf vorging. Er wusste genau, was ich hören musste, um mich aus einer Negativspirale zu befreien.
Ich wollte antworten, mich bei ihm für die Worte bedanken, doch ich konnte mich keinen Millimeter rühren. Erst, als ein eingehender Anruf auf dem Bildschirm angezeigt wurde, bewegte ich meinen Finger, um diesen anzunehmen.
„Wie lange willst du den Chatverlauf noch anstarren?“ War das Erste, was Jannis mich fragte, nachdem ich abgenommen hatte. Es schwang ein wenig Scherzhaftigkeit in seiner Stimme mit, aber auch Besorgnis und etwas, was ich nicht ganz deuten konnte.
„Hm?“ Mehr brachte ich nicht hervor. Jannis atmete lachend aus. „Du hast meine Nachrichten in der Sekunde gelesen, in der sie zugestellt wurden.“, erklärte der Blonde, „Ich bin nicht blöd, Kai.“ Das stimmte. Wenn überhaupt war Jannis einer der cleversten Menschen, die ich je getroffen hatte.
„Ich…“, begann ich, brach jedoch sofort wieder ab. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich ihn nach über einem halben Jahr immer noch so krass vermisste? Dass er im Moment die einzige Person war, mit der ich trotz allem Umständen reden wollte?
Die Worte blieben mir im Hals stecken. Stattdessen würgte ich ein leises Schluchzen hervor. Nein, nein, nein, ich konnte jetzt nicht anfangen zu heulen. Doch entgegen meiner vehementen Bemühungen, spürte ich schon die ersten Tränen meine Wangen hinunterfließen.
„Jannis“, entkam es mir gebrochen, „Ich kann das alles nicht mehr.“ „Ich weiß, Kai, ich weiß.“ Seine Stimme war so warm, so sanft, dass ich erschauderte. „Und ich wünschte, ich könnte dir sagen: ‚Beim nächsten Mal wird es besser‘. Wahrsagen gehört aber leider noch nicht zu meinen Fähigkeiten.“
Diese Aussage entlockte mir ein leises Lachen. Jannis sprach weiter. „Die Wahrheit sagen kann ich aber ganz gut und die ist, dass es nicht an dir lag“, wiederholte er, was er mir vorher schon geschrieben hatte, „Und vielleicht bin ich in meiner Meinung beeinflusst, aber ich finde, dass du in allen Spielen von allen am besten gespielt hast.“
Das ließ mein Herz schneller schlagen. „Wirklich?“ „Ja, Kai. Wirklich.“ Ich konnte nicht anders, als ihm zu glauben, so ehrlich wie er dabei klang. Für einen Moment herrschte Schweigen zwischen uns.
„Ich wünschte, du wärst hier“, brach es dann einfach aus mir heraus, ohne dass ich vorher darüber nachdenken konnte. In der nächsten Sekunde kam ich mir erbärmlich vor. Ich war ein erwachsener Mann, gottverdammt, und trotzdem konnte ich einfach nicht ohne ihn.
Am anderen Ende der Leitung hörte ich Jannis seufzen. „Kai…“ Mir rutschte das Herz in die Hose. Natürlich. Das zwischen uns war Vergangenheit. Im Gegensatz zu mir hatte Jannis sein Leben weitergelebt. Vielleicht hatte er sogar schon jemand neues an seiner Seite.
„Ich auch.“ Es dauerte ein paar Sekunden, bis Jannis‘ Worte bei mir ankamen. „Was?“ Ich war perplex. „Ich vermiss‘ dich, Kai. Uns.“ Jannis Stimme war leise, doch trotzdem drang jedes Wort glasklar zu mir durch.
„Die Pause war gut.“, befand der Blonde, „Aber sie hat mir auch gezeigt, wie wichtig du mir bist…und wie wenig ich mir ein Leben ohne dich vorstellen kann.“ Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Das Herz schlug mir bis zum Hals und in meiner Bauchgegend flatterten Schmetterlinge umher.
Unwissend, was ich sagen sollte, entschied ich, Taten sprechen zu lassen. „Ich flieg nicht zurück nach London.“, beschloss ich. „Ich komm nach Köln.“ Ich konnte das Lächeln des Blonden durch den Anruf quasi hören. „Das fänd‘ ich schön.“
Der Bus rollte langsam auf den Parkplatz des Hotels. „Ich muss jetzt auflegen“, verkündete ich, „Aber ich buche heute Abend noch einen Flug zu dir.“ „Versprochen?“, hakte Jannis nach, als wäre ich jemals in der Lage dazu, ihn anzulügen. „Versprochen.“
Wir beendeten den Anruf und ich folgte meinen Teamkollegen aus dem Bus ins Hotel. Das Spiel war noch nicht vergessen, doch die Enttäuschung saß nicht mehr ganz so tief. Nicht jetzt, wo ich etwas hatte, dem ich entgegensehen konnte.
