Work Text:
1
„Meint ihr, die haben hier auch Glückskekse?“
Pia lehnte sich ein Stück nach hinten, um den Tresen am Eingang besser zusehen und schaute dann wieder fragend in die Runde.
„Bezweifle ich“ antwortete Leo. Das Restaurant war eine Trattoria und wirkte eher ländlich, obwohl der Laden mitten in Saarbrücken lag.
„Augen auf bei der Restaurantwahl, Schürk,“ tadelte Esther scherzend. „Ich habe zuhause noch eine Packung von Silvester. Ich kann dir morgen ein paar mit ins Büro bringen.“
Pia schmunzelte. „Super,“ sagte sie und drückte kurz die Hand ihrer Kollegin, ehe sie wieder nach ihrer Gabel griff.
So ein gemütliches Beisammensitzen tat dem Team sehr gut. Insbesondere nach dem letzten Fall vergönnte Leo ihnen allen diese Atmosphäre. Und weil sie bei der Restaurantwahl immer damit rotierten, wer denn nun entscheiden durfte, wohin sie gingen, war Adam an der Reihe gewesen. Obwohl er ein Auge zugedrückt hatte und Leo deshalb nicht ganz unbeteiligt bei der Wahl gewesen war. Aber er wollte, dass das Team einen schönen Abend hatte und sie fürs erste die Arbeit hinter sich lassen konnten.
„Glaubst du auch an Horoskope, so wie du immer auf Glückskekse geierst?“, fragte Adam und zog seine Augenbrauen nach oben.
„Klar! Und ich geier nicht. Ich lass mir nur nicht die Chance entgehen etwas über meine Zukunft zu erfahren“, sagte sie eindeutig und blickte in die Runde. Esthers schaute etwas bestürzt drein.
„Ihr etwa nicht?“, fragte Pia nach dem lauten Schweigen fast schon empört.
Adam musste schnauben.
„Gott, Pia. Du machst mich fertig. Das denkt sich jemand aus. Sowas steht ganz sicher nicht in Sternen?“, fragte Esther.
„Und wenn schon,“ Pia zuckte mit den Schultern und gabelte den letzten Bissen auf ihrem Teller auf. „Wahr wird es trotzdem immer. Oder nicht?“
„Ja, weil die Dinger so vage wie möglich gehalten werden,“ sagte Leo.
„Drei gegen eins ist fies. Adam, schlag dich doch auf meine Seite,“ bat Pia ihn.
Adam hatte sich mit verschlossenen Armen zurückgelehnt und beobachtete das Gespräch mit einem Grinsen.
„Denkst du ich beschäftige mich mit dem Scheiß,“ fragte er schmunzelnd.
„Du hast doch in Berlin gelebt. Ich dachte da ist man etwas aufgeschlossener.“
Adam verdrehte leicht die Augen. „Ich hab in Berlin gelebt, aber ich komme aus dem Saarland.“
„Ich finds schon furchtbar, dass dort manchmal nur negative Sachen drinstehen,“ meinte Esther.
„Du ließt also doch dein Horoskop,“ meinte Pia und zeigte mit der Gabel auf sie.
„Das ist meine Art von Hate-Watch,“ entgegnete Esther.
„Man sollte sich nur auf das positive konzentrieren,“ meinte Pia dann. „In meinem Horoskop stand gestern, dass das, was ich suche mich finden wird. Und was ist passiert? Der Verdächtige ist mir praktisch in die Arme gelaufen.“
„Ich glaube wir lassen das Argumentieren. Was haltet ihr von noch einer Runde?“, fragte Leo.
Er wollte das Thema Arbeit ausnahmsweise wirklich mal liegen lassen. Im Herzen war er zwar ein Arbeitstier, aber nach den vielen Überstunden der letzten Woche, wusste selbst er, dass es irgendwann wirklich reichte.
„Ich glaube Adam ist dran mit der nächsten Runde,“ meinte Pia.
„Dabei trink ich nichtmal Alkohol“, meinte Adam und schaute sich nach einer Bedienung um.
Mit einem verschmitzten Ausdruck in den Augen blieb sein Blick einen Moment an der kleinen Bar hängen am Ende des Restaurants. Und Leo war sofort klar, dass Adam etwas im Schilde führte.
Sein Blick ging zu Pia. Fragend hob sie die Augenbrauen.
„Ich misch mal kurz den Laden auf. Machst du mit?“
Pia schaute zur Theke, als würde dort die Antwort sein auf Adams sinnlosen Worte.
„Das heißt nichts Gutes,“ schloss Esther daraus und schüttelte nur den Kopf.
Es ärgerte Leo, dass er nicht deuten konnte, was Adams schelmischer Blick bedeutete. Adam nicht lesen zu können, war immer verbunden mit Nervenkitzel.
„Tu was du nicht lassen kannst,“ wies Pia ihn an und schien anscheinend verstanden zu haben, was vor sich ging.
Pia zog einen ihrer Ringe von ihrem Finger und schob ihn über den Tisch zu Adam.
Leo musterte die Interaktion regungslos. Erst als Adam plötzlich aufstand und sich vor Pia kniete, begannen sich die Räder in seinem Hirn zu drehen. In der Hand hielt Adam ganz bedeutungsvoll Pias Ring und das Lächeln auf seinen Lippen war aufgesetzt. Aber Leo konnte den Schalk aus ihnen lesen.
„Pia Heinrich,“ sagte Adam. „Du bist meine Traumfrau. Mein Tag wird versüßt, wenn ich dir morgens nur mit einer Tüte Croissants eine Freude bereiten kann. Du bist die Liebe meines Lebens.“
Pia schlug sich ein wenig zu übertrieben die Hände vor den Mund. Aber wahrscheinlich versuchte sie nur ein Lachen zu unterdrücken. Sie versuchte es mit einem geschockten Gesichtsausdruck zu überspielen. Ergriffen vom Moment, wollte sie wirken. Und auch die Gäste im Restaurant schienen nun das Paar zu bemerken.
Etwas, was Leo nicht benennen wollte, meldete sich in seiner Brust. Leo zog die Mundwinkel nach oben. Er spielte in Adams Spiel mit.
Oh wow, ein Antrag! An ihrem Tisch!
„Ich kenne niemanden, die so spontan ist wie du. Die jeden Scheiß mitmacht. Du verteilst so viel Freude im Leben. Für jeden,“ sagte Adam, als hätte er es schon hundertmal gesagt.
Es war beeindruckend, wie ehrlich Adams Worte zu Pia waren. Und Leo musste sich kurz im Raum umschauen, um im Moment zu bleiben und nicht in irgendwelchen Fantasien abzutauchen. Reiß dich zusammen, Leo.
Das hier ist lustig. Das hier ist ein Spaß unter Freunden.
Das hier war eine Geschichte, die sie immer wieder und wieder erzählen konnten, um darüber zu lachen.
Das hier fühlte sich an, wie ein Schlag ins Gesicht.
„Pia, willst du mich heiraten?“
Pia sprang von ihrem Stuhl auf und spielte aufgeregt mit. Ganz ungläubig schaute sie kurz zu den anderen Gästen. Dann wieder auf den Ring.
„Ja!“, rief sie. „Ja, ich will!“
Adam stellte sich wieder auf beide Beine und Pia sprang ihm in die Arme und umarmte ihn stürmisch. Pia und Adam lachten beide.
Erst als die Gäste im Restaurant anfingen zu klatschen, wachte Leo aus seinen Gedanken auf. Er setzte wieder das Lächeln auf und klatschte eifrig mit. Ein kurzer Blick zu Esther verriet ihm, dass auch sie ein wenig durch den Wind war. Ihr Blick war streng, aber immerhin klatschte sie mit.
Es war witzig. Aber es war vor allem seltsam. Zumindest fühlte sich Leo seltsam.
Und erst als Pia und Adam wieder grinsend auf ihren Plätzen saßen, legte sich das Gefühl in Leos Brust.
„Eine Runde Champagner für alle,“ sagte Adam zu Ihnen.
Erst jetzt entdeckte Leo eine Kellnerin, die mit einer Champagner-Flasche auf sie zu kam. Vielleicht war es genau das, was ihr Team brauchte. Zumindest Pia und Adam freuten sich sehr über den Trubel.
Von den anderen Tischen kamen immer wieder Glückwünsche.
„Auch vom Personal wünschen wir ganz viele Glückwünsche. Die Flasche ist natürlich aufs Haus,“ meinte die Kellnerin und stellte die Flasche auf den Tisch, um dann die leeren Teller mitzunehmen.
Erst nachdem sie gegangen war, wurden wieder Worte am Tisch gewechselt.
„Ein falscher Antrag, nur um nicht die Getränke zu bezahlen? Wirklich Schürk?“, fragte Esther ein wenig entsetzt. Sie warf einen Blick auf Pias Ring. Ein Schmuckstück, dass Esther ihr tatsächlich zu ihrem letzten Geburtstag geschenkt hatte.
„Ach komm, Esther. Nimm es mit Humor,“ Pia stupste sie liebevoll an.
„Wenn du drauf bestehst, kann ich auch die nächste Runde zahlen. Wenn ihr überhaupt die Flasche schafft.“ Adam schob ihr den Champagner entgegen.
Esther verdrehte zwar die Augen, aber nahm dennoch die Flasche.
„Hätte nicht gedacht, dass du durchziehst, Schürk,“ meinte Pia.
Adam schmunzelte. „Du hast mir die halbe Woche Videos davon geschickt. Vielleicht kannst du jetzt damit aufhören.“
Videos? Was sollen das für Videos sein? Schickt Pia Adam Videos von Heiratsanträgen? Hatte Leo irgendwas zwischen den beiden übersehen? Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Quatsch. In keiner Welt lief da irgendwas zwischen Pia und Adam.
„Nö,“ antwortete Pia frech. „Wie kommst du denn darauf?“
„Was für Videos?“, unterbrach Esther sie und Leo konnte den ungeduldigen Unterton heraushören und nachvollziehen.
„Mir wurden auf Instagram Reels angezeigt von Leuten, die in der Öffentlichkeit falsche Anträge machen. Ich finde die zum schießen,“ erklärte ihr Pia so leise, dass sie es grade noch hören konnten und jeder um sie rum nicht mehr.
Esther verschränkte die Arme. „So so,“ sagte sie.
„Hör schon auf so eifersüchtig zu gucken,“ raunte Pia ihr zu. „Wir zwei haben das ganze nächste Wochenende Zeit crazy Dinge zu tun.“
Dadurch schien Esther wieder etwas an Fassung zu gewinnen.
Leo nippte an seinem Glas Champagner. „Was für Ideen kommen, denn sonst noch in eurem Chat auf,“ fragte er.
„Keine Sorge, Hölzerchen. Das soll’s fürs erste gewesen sein. Aber ich finds richtig gut. Das werden die Kollegen aus dem ersten EG lieben,“ antwortete Pia. Und wieder schmunzelte Adam nur.
Gott, Leo wünschte sich dieses schelmische Lächeln öfter sehen zu können. Es stand ihm besser als gut. Ganz selbstzufrieden und ein bisschen verschmitzt.
„Ach, erzählst du die Geschichte jetzt rum?“, fragte Adam. „Da musst du aufpassen, dass keine falschen Gerüchte aufkommen.“
Pia lachte.
„Kein Sorge, Schürk. Wenn das jemand glaubt, dann hat die Person dich noch nicht kennengelernt.“
„Hältst du mich nicht für heiratsfähig?“
Esther legte den Kopf schief. „Ich kann es mir einfach nicht vorstellen,“ gab sie zu.
Adam in einem Smaragdgrünen Anzug. Adam wie er vor dem Standesamt ein Glas Sekt in der Hand hält. Adam mit einem Ring am Finger. Adam der nie mehr gehen würde. Leo hatte das Gefühl, dass er sich die nächsten Tage nichts anderes mehr vorstellen konnte.
2
Adam war schon wieder auf ein Knie gegangen.
Leo kippte abermals das Gesicht. Dabei war er davon überzeugt gewesen, dass diese Aktion eine einmalige Sache gewesen sein sollte. Und er hätte nicht gedacht, dass in ihm noch einmal die Emotionen hochkochten.
In einem Moment hatten sie einen scheiß Arbeitstag und einen abgeschlossenen Fall im Eiscafé ausklingen lassen wollen, im anderen Moment war Adam wieder mit einem Knie auf dem Boden und bot Pia einen Ring an, den er aus einer Serviette gefaltet hatte.
Die Gäste um sie herum beobachteten den „Antrag“ mit neugierigen und freudigen Blicken. Auf der glitzernden Saar fuhr ein Boot, von dem aus man lautes klatschen und Gelächter hörte.
Alles für Pia und Adam.
Leo wusste seine Gefühle gar nicht richtig einzuordnen. Das war gelogen. Er wusste sie sogar ziemlich gut einzuordnen. Er seufzte innerlich fast jämmerlich.
Leo konnte nicht anders, als etwas in den Antrag hineinzulesen. Der erste war Spaß. Aber der zweite war einfach einer zu viel für Adam. Er konnte es Pia nicht verübeln. Leo sollte es ihr gönnen. Sie strahlte über beiden Ohren, spielte mit so gut sie konnte.
Sie ließ sich den improvisierten Ring an den Finger stecken und lachte. Adam umschloss sie mit beiden Armen in einer innigen Umarmung.
Leo tat es schmerzlichst weh, wie sehr er gerne der Mittelpunkt dieser Umarmung gewesen wäre. Er wollte Adams Arme um sich geschlungen fühlen, seine Wärme fühlen, seinen Duft einatmen, den sanften, aber festen Druck von Adams Handflächen auf seinem Rücken fühlen. Fest umschlungen, untrennbar und versunken.
Gott, er hasste diese Eifersucht. Er hasste es wie sehr sein Inneres dagegen ankämpfte sauer auf Adam zu sein, weil er Leo nicht diese Aufmerksamkeit schenkte. Was kümmerte es ihn? Er sollte froh sein, dass sich so etwas Schönes, wie die Liebe vor seinen Augen entwickelte. Er sollte froh sein, dass Adam sich so gut auf Pia einlassen konnte, dass er ihr so viele Liebe Worte sagen konnte.
Diese Worte, die er Pia auch zum zweiten Antrag geschenkt hatte. Worte die Pia anpriesen. Die ganze Liebe, die er ihr einfach so geben konnte und die Versprechungen für die Zukunft. Klar hatte Leo das Augenzwinkern gemerkt. Der schelmische Ausdruck in Adams Augen, der ein Hinweis darauf war, dass es sich eben doch um keinen echten Antrag hielt.
Und dennoch ließ es Leo nicht los. Das quälende Gefühl, dass Adam solche Worte niemals für ihn hatte. Und das unangenehme Gefühl von seinem nervös klopfenden Herz, dass Leo sagte, dass es Adam wollte. Leos Kopf versuchte sich angestrengt wieder auf die Gegenwart zu fokussieren. Das Klatschen war verstummt und die Gespräche an den übrigen Tischen wurden fortgeführt.
Lachend ließ sich Pia auf ihren Stuhl fallen.
„Wenn das noch einmal passiert, dann musst du es ernst meinen, Adam,“ scherzte Pia und brachte Adam damit zum Lachen. Leo versuchte die aufbrennende Eifersucht zu unterdrücken. Er konnte sich beherrschen. Er musste sich beherrschen.
„Ich weiß nicht, wovon du nachts träumst,“ scherzte Adam zurück und schüttelte grinsend den Kopf.
„Könnt ihr das bitte nur machen, wenn ich nicht mehr dabei bin?“ fragte Esther. Ihr schien die Aufmerksamkeit der anderen Tische unangenehm zu sein. Leo fühlte mir ihr.
„Wir machen das immer mit Absicht, Baumann,“ versuchte Adam sie aufzuziehen und kassierte einen bösen Seitenblick. Pia legte ihr dafür behutsam eine Hand um die Schulter und drückte sie leicht an sich. „Letztes Mal. Versprochen,“ sagte sie.
„Das will ich doch hoffen.“
Leo räusperte sich verlegen. Er fühlte sich verpflichtet die Situation ein Stück in die Hand zu nehmen. Deeskalation und so weiter. „Themenwechsel,“ bot er an, „Wie sehen eure Urlaubspläne für nächste Woche aus?“
Den Vorschlag ließ Esther sich nicht zweimal machen.
„Zehn Tage Griechenland all inclusive,“ sagte Esther dankbar und zückte ihr Handy. Sie schob es vor Leo. „Das Hotel ist traumhaft. Direkt am Strand und kinderfrei.“
Leo schaute sich die Bilder an. Umso mehr freute er sich darauf bald selbst Urlaub machen zu können. Aber zuerst waren Pia und Esther dran. Adam und er würden solange die Stellung auf der Wache halten. Vermutlich würde es bei der Hitze zu keinen großen Fällen kommen.
„Mit Buffet am Morgen, Mittag und Abend. Und nachmittags gibt’s Kuchen und Eis,“ schwärmte Pia. „Und es gibt eine Strand Bar.“
„Das Komplettpaket,“ bestätigte Esther. „Morgen um diese Uhrzeit liegen wir am Strand.“
„Es wird höchste Zeit,“ meinte Pia.
„Habt ihr Besichtigungen geplant,“ fragte Adam.
„Ne, das wollen wir spontan Vorort machen. Oder wir bleiben einfach am Strand. Wir haben beschlossen dort zuschauen, wie wir den Urlaub gestalten,“ erzählte Esther.
„Ich freu mich endlich, dass wir zwei auch Mal ein paar Tage gemeinsam die Seele baumeln lassen können,“ sagte Pia und Leo bemerkte aus dem Augenwinkel, wie sie unter dem Tisch nach Esthers Hand griff.
„Genau, Schürk. Nur Pia und ich. Ohne deine Anträge,“ zog Esther nun Adam auf. Das schien ihn herzlich wenig zu jucken.
„Ach, schmoll doch nicht. Ist nicht so, als könnte es je ernst gemeint sein,“ gab er trocken zurück und Pia musste wieder lachen. Esther schien jedoch ganz empört.
„Ist sie dir nicht gut genug? Unfassbar. Wie kannst du sowas nur über unsere Pia sagen? Sie hat dir so viele gefallen getan und dich in all deinen schrägen Situationen unterstützt. Hast du sie noch alle?“, fragte Esther, auch wenn der Tonfall nicht so eindringlich war, wie ihre Worte
„Deswegen muss er sie nicht heiraten,“ antwortete Leo halbherzig.
„Wie kann man sie nicht heiraten wollen?“
Adam grinste nur. „Pia ist definitiv der beste Fang für uns alle,“ dabei zwinkerte er insbesondere Esther vielsagend zu. „Aber wir schwimmen definitiv in unterschiedlichen Gewässern.“
Pia schmunzelte wieder und schien zu wissen, worauf Adam hinauswollte. Und auch Esther schien es zu dämmern, was Adam zwischen den Zeilen mitteilte. Leo fühlte sich wie eingefroren.
Er spürte ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass in ihm streute. Die Eifersucht war wie vergessen. Leo musste sich zurückhalten, um nicht bis über beide Ohren grinsen zu müssen.
„Unterschiedliche Gewässer?“, wiederholte Esther prüfend.
„Unterschiedliche Gewässer,“ bestätigte Adam geheimnistuerisch.
„Ich bin schwul,“ räumte er dann ein.
Esther zog beide Augenbrauen nach oben und dachte einen Augenblick nach. „Darauf hätte ich eher kommen können,“ meinte sie dann.
„Ich bin stolz auf dich,“ sagte Pia, die es anscheinend schon vorher erzählt bekommen hatte.
Adam winkte ab. „Ich will es nicht an die große Glocke hängen.“
Leo bemerkte, wie er den Atem angehalten hatte. Er holte Luft.
Wieso hatte Adam ihm das nicht anvertraut? Wieso wusste es Pia vor ihm?
Der kleine Anflug von dem Gefühl verraten worden zu sein wurde übertrumpft von einem kleinen glimmernden Hoffnungsfunken. Leo konnte sich selbst nichts vormachen. Der Funke brannte das letzte bisschen Widerstand herunter und ließ das unbenannte Gefühl nackt und frei zurück. Kurz huschte es über Leos Gesicht und wurde dann von einem zaghaften Lächeln übertönt. Freundlich. Unterstützend.
Er bemerkte Adams fragenden Blick.
Ist das okay, Leo? Sind wir okay? Hab ich was falsch gemacht?
Und das tat Leo Leid. Schließlich ging es jetzt um Adam und nicht um Leos eigenes Gefühlschaos. Es würde später auch noch da sein. Jetzt war das Gefühl frei und schon bereitete es Leo die ersten Probleme.
Leo schaute Adam aufmunternd an. „Danke, dass du es uns sagst. Wir stehen immer an deiner Seite.“
Für mehr Worte fehlte Leo im Augenblick die Gehirnkapazität.
“Du hast schon schlimmeres verbrochen,” scherzte Esther. Sie warf ihrem Kollegen ein zustimmendes Nicken zu.
„Leute, wie schon gesagt, kein großes Ding,“ sagte Adam und doch konnte Leo die Erleichterung in Adams Bewegung erkennen. Adam war robust, aber Leo wusste nur zu gut, wie zerbrechlich er aussehen konnte, wenn man sich augenscheinlich gegen ihn stellte. Wie verletzt er sein konnte…
Aber das hier war keine Verhaftung an irgendeinem See. Das hier war ein kleines Outing bei Kolleg: innen. Kein großes Ding, wie Adam sagte.
„Themenwechsel?“, bot Leo ihm an und Adam nickte ihm dankbar zu.
3
Der Tag war hart gewesen. Eigentlich war die ganze Woche ein reiner Alptraum gewesen. Aber dieser Tag war besonders nervenzerreißend. Leo bildete sich ein, dass er seine eigenen Augenringe spüren konnte. Vielleicht hätte er einfach direkt nach Hause fahren und sich schlafen legen sollen.
Der Vorschlag noch etwas essen zu gehen war von Adam gekommen.
„Zum runterkommen,“ hatte er gesagt.
Der Fall war wirklich beschissen. Leo wollte gar nicht weiter drüber nachdenken und war froh, dass sie so schnell alles abschließen konnte. Pia und Esther waren grade wieder aus dem Urlaub da und das rechtzeitig. Der Fall hatte so viele unschöne Details, dass Leo jetzt einfach nur noch Ablenkung wollte.
Sie hatten sich etwas verdient. Un das war schick essen gehen. Nicht Abendgarderobe-Schick, aber so schick, dass die Google Bewertungen sehr zuversichtlich klangen.
Leo lehnte sich ein Stück zurück und hatte das Gefühl, dass er erst jetzt richtig durchatmen konnte. Adam und Leo hatten die letzten Tage nur im Büro verbracht. Akten, Akten, Akten. Pia und Esther hatten sich um die Befragungen gekümmert.
Doch jetzt mit vollem Magen und ohne Papierkram vor der Nase, merkte er wie müde ihn diese eine Woche gemacht hatte.
Das gesamte Essen über hatten sie geschwiegen und waren alle in sich versunken gewesen. Eigentlich eher ungewöhnlich, aber Leo war wohl nicht der Einzige, der übermüdet war. Trotzdem wollte grade niemand allein sein.
Adam winkte grade den Kellner herbei, damit sie bezahlen konnten.
Er sah mindestens genauso fertig aus, wie Leo. Nur hatte er das Gefühl, dass Adam sich sowas weniger anmerken ließ.
„Bar oder mit Karte?“, fragte der Kellner, ein Herr mittleren Alters.
„Karte,“ antwortete Adam.
„Zahlen Sie für alle?“
„Ja.“
Eilig holte der Mann das Gerät hervor und hielt es Adam hin.
„Feiern Sie heute etwas oder sind Sie heute auf einem Doppeldate?“, fragte der Kellner in Smalltalk Laune, während das Gerät in seiner Hand den Kassenzettel ausspuckte.
„Kollegen,“ antwortete Leo.
„Ach schön. Ein wenig den Feierabend ausklingen lassen, was? Machen mittlerweile überraschend wenig.“
„Die Leute haben viel zu tun,“ meinte Esther schulterzuckend.
„Sehr wahr. Dabei ist es das A und O, für das gute Verhältnis unter Kollegen.“
„Wir kommen miteinander aus,“ meinte Adam.
„Sehr schön. Ich hielt sie zuerst für eine dieser modernen Erscheinungen,“ lachte der Kellner.
„Moderne Erscheinungen?“, fragte Leo perplex.
„Naja, Sie wissen schon.“ Der Kellner beugte sich ein Stück nach vorne zu ihnen. „Heutzutage sind die Dinge nicht mehr so eindeutig, wie sie einmal waren. Da gab’s noch nicht so viele… Leute, die sich querstellen.“ Er lächelte kumpelhaft.
Adam hob eine Augenbraue. „Was?“
„Ach, das ist doch nur ein kleiner Spaß,“ meinte der Kellner.
„Was meinen Sie mit querstellen?“, fragte Esther.
Der Kellner winkte ab. „Man wird wohl noch sagen dürfen, was man denkt,“ sagte er mit gereizter Stimme. „Die Schwulen sind nun mal ein wenig bekloppt.“
„Ach ja?“, fragte Adam schroff. Sein Blick herausfordernd.
„Sie wissen doch sicher, was ich meine.“
Leo konnte die Eskalation in Adams Blick sehen. Und so gerne er beobachten würde, wie Adams Chaos auf den Kellner einbrechen würde, so wollte er auch, dass der Rest des Tages ohne weitere unschöne Details verging.
„Nein wissen wir nicht,“ antwortete Leo also tonlos. „Einen schönen Abend noch.“
Leo stand auf und spürte im selben Moment wie eine Hand sich um sein Handgelenk schloss und ihn aufhielt. Sein Blick traf Adams.
‚Ehrlich jetzt?‘, konnte er Adams vorwurfsvollen Gedanken hören.
Natürlich wäre es Leo lieber, wenn er dem Kellner einfach seine Meinung geigen könnte und mit erhobenem Mittelfinger das Restaurant verlassen könnte. Aber aus eigener Erfahrung wusste er, dass manche Menschen unbelehrbar waren.
Auf der anderen Seite wusste Leo, dass Adam ein Kämpfer war. Und jetzt grade wollte er gegen jedes Wort dieses Kellners kämpfen. Oder ihn seine Worte zumindest bereuen lassen. Adam wollte dem Kellner nicht ungeschoren davonkommen lassen.
Lautes Diskutieren würde nicht bringen. Und Leo kam eine kleine bescheuerte Idee, was vielleicht die beste Medizin für diese Situation sein könnte.
Leo warf Adam einen vielsagenden Blick zu. ‚Vertrau mir‘.
Wo Adam ihn noch eben am Handgelenk festgehalten hatte, hatte Leo nun Adams Hand mit seiner umschlossen und presste ihm nun seinen eigenen Schmuckring in die Hand. Silber, schlicht und glänzend poliert. Den Ring, den er sich für schickere Anlässe gerne überzog.
Und Adams Augen blitzten. So konnte Leo immerhin Adams Feuer kontrolliert legen.
In der Ecke seiner Gedanken konnte Leo eine klitzekleine Stimme wahrnehmen, die genau diese Aufmerksamkeit gewollt hatte. Die wusste, dass das hier auch ein wenig Eigennutz hatte.
Adams Aufmerksamkeit nur auf Leo. Adams Hand in seiner. Adams Blick, der immer sicherer wurde.
Klar hätte Leo Adam auch mit ein paar Worten dazu bringen können, dass sie das Restaurant verlassen. Aber das hier brachte ihnen nicht nur Genugtuung, sondern befriedigte auch den kleinen selbstsüchtigen Teil in Leo, der sich hier nach gesehnt hatte. Auch, wenn es nur eine Wunschvorstellung war. Das Herzklopfen war echt. Die Nervosität war echt. Und Leo wollte diese Gefühle fühlen nach diesem furchtbar langen Tag. Leo wollte sich gut fühlen, sich gesehen fühlen und diesem despektierlichen Mann das Maul stopfen.
„Warte,“ sagte Adam nun und spielte seine Rolle, wie Leo es unterschwellig gefordert hatte.
Leo hörte seinen eigenen Herzschlag. Adams Hand lag warm und fest in seiner.
„Ich wollte noch etwas sagen.“
Das hier sollte ein Spektakel werden. Sie taten so, als wäre der Kellner nicht einmal anwesend. Als hätten Sie grade keine Konversation mit ihm geführt.
Adam ließ Leos Hand los und nahm einen kleinen benutzten Löffel in die eine Hand und klirrte damit ein paar mal gegen ein Glas auf dem Tisch.
Das Restaurant verstummte. Leos lauter Herzschlag war für jeden hörbar. Das musste er sein. Und Leo blendete alles aus. Bereit dafür Adams Worte und Anpreisungen einzusaugen.
Wie gern er Adam zeigen würde, dass er diese Aufmerksamkeit auch wirklich genoß. Dieses Gespräch hob er für einen passenderen Zeitpunkt auf.
Eigentlich genoß Leo es sogar nur ein wenig zu schwärmen. Eine Schwärmerei ohne Konsequenzen. Quatsch, das hier vor ihm waren die Konsequenzen. Adam der sich auf seinen Stuhl stellte, um von allen gesehen zu werden.
Leo hielt den Atem an.
„Leo, willst du mich heiraten,“ kam es von Adam kurz und bündig und er grinste Leo an. Mit der Hand, mit der er ihn noch immer hielt, zog Adam Leo vom Stuhl hoch.
Perplex fing auch Leo an zu grinsen. Das waren nicht die blumigen Worte, die er für Pia beim Eiscafé gehabt hatte. Irgendwie hatte Leo erwartet dieselbe Aufmerksamkeit von Adam zu bekommen, wie Pia sie bekommen hatte.
Leo ließ sich seine Irritation nicht anmerken. Adam tat das hier nicht für ihn, sondern einfach um das peinlich berührte Gesicht des Kellners zu sehen, der unauffällig versuchte die Szene zu verlassen.
„Ich will,“ antwortete Leo ganz einfach und beobachtete, wie Adam von dem Stuhl herunterkletterte. Das Restaurant klatschte überraschend laut und freudig. Leo konnte Pia und Esther lachen hören. Sie klatschten am lautesten. Der Kellner war längst vergessen. Leo wollte einfach alles vergessen.
Sie waren auf Augenhöhe und Leo musste seinen Kopf nur ein kleines Stück heben, um in Adams Augen zuschauen. Der lächelte noch immer und zog Leo ganz sanft ein kleines Stückchen näher.
‚Mehr?‘, fragte Adams Blick.
Und wieder fühlte Leo den Funken in sich aufblitzen. Er nahm Adams Einladung ohne einen zweiten Gedanken an und drückte seine Lippen auf Adams. Nur kurz, aber entschlossen.
Langsam gingen sie wieder auf Abstand. Adam hob kurz die Hand, als Dank an die klatschenden Gäste und das übliche Gesprächsrauschen erklang wieder.
Dass Leo Adam seinen Ring gegeben hatte, war längst im Trubel vergessen.
Pia und Esther schoben nun ihre eigenen Stühle an den Tisch und sie verließen das Restaurant.
„Unglaublich, dass sich solche Menschen nicht schämen,“ Esther schüttelte den Kopf. Sie spazierten langsam zu den Autos.
„Ich wünschte ich hätte ein Foto vom Kellner gemacht. Sein verdutztes Gesicht war zum schießen! Das hat so gutes Potential,“ lachte Pia. „Adam stellt sich auf den Stuhl und der Kellner war ganz verdattert und nach der Frage hat er nur noch den Kopf eingezogen. Der hat mit allem gerechnet, aber nicht damit.“
Leo grinste ebenfalls. Er konnte gar nicht aufhören. Er fühlte sich ein Stück leichter, als wäre die ganze Last vom letzten Fall plötzlich nicht mehr auf seinen Schultern. Als hätte Adams Antrag alle Gedanken daran mit sich genommen.
Leo wusste, dass ihn diese Situation erstmal nicht mehr loslassen würde.
„Der Arsch hat ganz andere Sachen verdient,“ knurrte Adam übellaunig.
„Einen Job weniger,“ schlug Esther vor. Adam stimmte ihr mit einem verächtlichen Schnauben zu.
„Der Kuss am Ende war ja wirklich das Sahnehäubchen. Das haben Esther und ich auch nicht kommen sehen,“ sagte Pia.
„Pias Mund hat offen gehangen.“
„Esther hat mich drauf hingewiesen.“
Adam wirkte belustigt.
„Alles für ne gute Show,“ sagte Adam. Fast als wären die Anträge mittlerweile seine Routine. „Ich finde das war bisher die beste Show.“
„Ach werden wir jetzt schon gerankt,“ fragte Leo.
„Bei dem Kuss hätte ich euch auch auf Platz 1 gestellt,“ gab Pia zurück.
„Die paar Sekunden können doch nichts gegen euren Antrag beim Eiscafé,“ meinte Leo. Solche schönen Worte hätte Leo sich fast ein bisschen mehr gewünscht, auch wenn er den Kuss nicht mehr hergeben würde.
„Das muss Adam entscheiden,“ sagte Pia und schaute erwartungsvoll zu Adam.
Adam blickte nachdenklich zwischen Pia und Leo hin und her. „Wie soll ich mich den zwischen euch Perlen entscheiden?“, fragte er.
Dabei beließ er es.
4
Auf dem kleinen Fernseher, der in der Ecke über der Theke hing, lief ein Fußballspiel. Auch wenn Leo sich noch immer nicht für Fußball begeistern konnte, hatte Esther sie überzeugt zumindest diesen Abend in ihrer Lieblings Kneipe zu verbringen. Dabei ging es vor allem darum, dass Spenden gesammelt wurden für ein Hilfsprojekt von den Saarbrücker Fußballfans. Es waren so viele Leute gekommen, dass vor dem Gebäude eine Bierzeltgarnitur aufgebaut worden war.
Der Kuss zwischen Adam und Leo lag bereits ein paar Wochen zurück. Und eigentlich sollte er garnicht der Rede wert sein. Leo wollte den Kuss so gerne mit einem Schulterzucken hinnehmen. Wollte drüber lachen können.
Er machte sich Sorgen um das Band zwischen ihm und Adam. Er durfte es nicht noch mehr belasten. Es hatte schon so viel aushalten müssen. Es war Zeit für Ruhe. Es brauchte Zeit, um zu heilen. Leos Gefühle wurden langsam zu einem echten Problem.
Und deshalb war es heute an der Zeit seinen Problemen so richtig aus dem Weg zu gehen. Es kam ihm gelegen, dass sein Team heute mit zu Esther in die Kneipe ging.
Gemeinsam mit Pia standen Leo und Adam an einem Stehtisch. Zwei Freundinnen von Esther, Jay-Lou und Kira, hatten Esther zwischenzeitlich entführt, um mit ihr Einen zu trinken. Leo war nicht wirklich ein Trinker. Und auch Pia und Adam hatten alkoholfreie Getränke vor sich auf dem Tisch stehen.
Der Abend wirkte recht viel versprechend, auch wenn es seltsam war zwischen den ganzen Fußballfans zu stehen. Leo wollte abschalten.
Es war laut und voll in der Kneipe und das fühlte sich heute überraschend gut an. Die meisten kannte Leo nicht. Doch er schien zumindest erkannt zu werden.
„Leo?“, eine Frau hatte sich neben Leo an den Tisch gestellt.
„Hey,“ sagte Leo und schaute sie an. Woher kannte er sie?
„Ich hätte dich kaum wieder erkannt,“ stellte sie fest. „Ich hab dich nie bei Klassentreffen gesehen. Wie schaut’s aus?“
Da dämmerte es Leo. Sie war mit ihr in die Oberstufe gegangen. Wie war nochmal ihr Name?
Leo lächelte. „Ganz gut. Adam und ich arbeiten jetzt bei der Polizei.“ Dabei zeigte er auf Adam, den sie hoffentlich auch noch wieder erkannte.
Sie nickte höflich Adam zu. „Mensch, ihr seid immer noch ein Duo?“, fragte sie an Leo gewandt. Sie schien kein Interesse an einem Gespräch mit Adam zu haben. Klar, er war damals derjenige gewesen, der sich mit jedem angelegt hatte. Zumindest aus der Sicht der Außenstehenden.
Adam hatte auch nicht wirklich Lust sich das Gespräch anzuhören. Er warf Leo einen kurzen Blick zu und deutete ihm, dass er zur Theke verschwand. Pia ließ sich auch mitnehmen. Damit waren es nur noch Leo und seine alte Schulkameradin.
„Es war nur ein Zufall, dass Adam auch zur Polizei gegangen ist. Ich wusste nichts davon,“ erzählte Leo ihr kurzerhand.
„Wundert mich nicht, dass du den Weg eingeschlagen bist.“
„Und was machst du?“
„Ich bin Tierpflegerin,“ erzählte sie.
„Adam ist auch echt gut mit Tieren,“ meinte Leo.
„Okay. Hast du denn Tiere?“
„Ich hätte nicht die Zeit dafür, selbst wenn ich es wollte. Mein Job nimmt mich da komplett ein. Und du?“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich auch nicht. Also teilst du deine freie Zeit mit niemanden?“
Daher spielte also die Musik. „Könnte man so sagen. Wie siehts bei dir aus?“
Vielleicht war das hier ja Leo’s Chance den Kuss mit Adam ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Warum auch nicht. Der Abend war jung und Leo hatte schon eine längere Durststrecke.
„Ich bin ungebunden,“ antwortete sie. Und Leo war auch endlich wieder ihr Name eingefallen.
„Also Marie, was machst du so in deiner Freizeit?“
(…)
„Hätte nicht gedacht, dass wir fünf irgendwann mal hinter dieser Theke stehen,“ stellte Jay-Lou fest. „Ich dachte wirklich ihr zwei hasst euch.“Dabei zeigte sie erst auf Adam und dann auf Esther.
„Es ist eine Hass-Liebe,“ klärte Pia sie auf. „Die zwei geben sich so lange Kontra, bis die Situation ernst wird.“
Der Abend war vorangeschritten. Der Fernseher war aus und das Fußballspiel schon zu Ende. Adams Packung Kippen machte langsam schwach. Hätte er doch bloß noch eine zweite mitgenommen. Er nahm die Letzte raus und zündete sie an. In der Kneipe lief laut Musik.
„Irgendwer muss ja für Spannungen im Team sorgen,“ meinte Jay-Lou.
„Spannungen gibt’s genug. Nur ne andere Art von Spannung. Stimmt’s Schürk?“, fragte Esther ihn.
Adam zog die Augenbrauen hoch. „Hm?“
„Er weiß doch gar nicht was du meinst,“ sagte Pia zu ihr. „Als ob er sowas mitbekommt.“
„Was soll ich mitbekommen?“
Bevor Esther ihm eine Antwort geben konnte, zeigte Kira belustigt in einer Richtung hinter Adam. „Ey ist das nicht euer Kumpel dahinten. Der scheint ja ne richtig gute Zeit zu haben,“ lachte sie.
Adam drehte sich um. Sofort entdeckte er Leo. An seinem rechten Arm hatte sich die Frau von eben eingeharkt und flüsterte ihm ins Ohr. Auf seiner linken Schulter lag die Hand einer anderen Dame, bei der Adam sich ziemlich sicher war, dass auch sie eine alte Schulkollegin war. Zu dritt standen sie umgeben von weiteren Adam bekannt vorkommenden Gesichtern.
Adam drehte sich wieder zurück. Er nahm einen Zug von seiner Kippe.
Sollte Leo doch tun, was er wollte.
„Ja, das ist Leo,“ sagte Esther.
„Wer ist das bei ihm?“, fragte Kira.
„Alte Schulkolleg:innen,“ antwortete Adam schroff. Sollte Leo es doch genießen mit den ganzen Arschlöchern von damals abzuhängen. Er schien den Frauen in der Gruppe offensichtlich zu gefallen. Kein Wunder. Er war intelligent, höflich und achtsam. Ganz davon zu schweigen, dass Leo auch das Aussehen von einem Märchenprinz hatte. Das Komplettpaket.
Adam wehrte sich heftig dagegen nochmal zu Leo hinüberzuschauen…oder Blickkontakt aufzunehmen. Leo verdiente alles Glück der Welt. Leo verdiente so viel, dass Adam ihm nie geben könnte.
„Stur wie ein Esel,“ flüsterte Esther zu Pia. „Immer muss man die Leute zu ihrem Glück zwingen.“ Adam bekam die Worte gar nicht mit. Er war tief in Gedanken versunken.
„Schürk,“ sprach Esther ihn direkt an.
Adam zog fragend die Augenbrauen hoch.
„Ich geb unserer Gruppe den Rest des Abends einen aus, wenn du Leo hier einen Antrag machst,“ sagte sie.
„Na das ist doch ein Versprechen!“, sagte Jay-Lou und hob ihr Glas.
Pia lachte begeistert darüber, dass Esther scheinbar doch kein so großes Problem mit den Anträgen hatte. Zumindest mittlerweile nicht mehr.
„Ich kann ihm doch jetzt nicht seine Nummer kaputt machen,“ meinte Adam und nahm einen Zug von der Kippe.
Esther sah ihn unbeeindruckt an. „Würdest du es gerne?“
Adam wartete einen Augenblick. „Erwischt.“
„Ich kann die Musik ein wenig mitspielen lassen,“ meinte Kira und deutete auf den Laptop hinter der Theke, der mit den Lautsprechern verbunden war.
„Los! Geh rüber!“
„Ich habe keinen Ring.“ Was genau genommen ein wenig gelogen war. Leos Ring war in Adams Jackentasche in der Küche der Kneipe. Adam hatte ihn zugegebenermaßen immer bei sich.
„Du brauchst doch keinen Ring,“ meinte Kira.
„Nimm einfach seine Hand,“ schlug Pia vor.
Adam wurde mit einem Mal sehr nervös. Es kam ihm vor, als würde er sich damit die Blöße geben oder irgendeine Grenze überschreiten.
„Jetzt stell dich nicht so an Schürk. Frühstück geht nächste Woche auch auf mich, wenn du jetzt hingehst,” forderte Esther ihn heraus.
Adam straffte die Schultern. Eine Herausforderung konnte er annehmen. Leo wird so verärgert sein, oder? Aber wieso sollte er Leo damit verärgern? Nur, weil Adam ihm eine Tour vermasselte? Leo konnte mit seinem ganzen Sein sicher ganz schnell jemand neuen finden.
Er drückte seine Kippe aus und ging dann zu der Gruppe.
„Adam, da bist du ja endlich wieder,” sagte Leo.
„Adam?”, fragte einer der Männer. “Der Adam, der damals Schulhofschläger war?”
„So war das damals nicht,” sagte Leo.
„Ja, der,” meinte Adam. Er gab keinen Fick darauf, was diese Leute von ihm dachten. Es war ihm herzlichst egal.
„Der Adam über den du die ganze Zeit redest?” fragte eine der Frauen.
Adam hob überrascht eine Augenbraue.
„So viel war es auch nicht,“ meinte Leo.
„Klar,” antworte einer der Kerle.
„Darf ich dich kurz entführen?”, fragte Adam unbeeindruckt.
Eine Sorgenfalte bildete sich auf Leo’s Stirn. Höflich entschuldigte er sich bei der Frau, die bis dato noch neben ihm gestanden hatte und folgte Adam mittig in den Raum.
„Ist was passiert?”, fragte Leo.
„Ich würde dir jetzt einen Antrag machen,” antwortete Adam.
Leo legte den Kopf leicht schief und zog die Augenbrauen zusammen.
„Bitte?”
„Passt das für dich?”
„Wie-“
„Ach vergiss es. Das war eine beschissene Idee.”
„Beschissene Idee?”, wiederholte Leo die Worte verwirrt.
„Esther hatte mich herausgefordert, weil…,” Adam hielt inne.
„Adam, nochmal von vorne. Ich komme nicht mit.“
„Ich werde dir jetzt einen Antrag machen.“
Leo lächelte schief.
„Wieso willst du mir jetzt einen Antrag machen?“, fragte er mit Nachdruck.
Weil ich eifersüchtig bin.
„Ist nur eine dumme Wette mit Esther. Machst du mit?“, fragte Adam und unterdrückte in seinem Ausdruck seinen Unmut. Stattdessen lächelte er herausfordernd. Er nahm Leo’s Hand.
Ja, Leo. Es ist nur eine dumme kleine Neckerei unter Kollegen und Freunden. Nimm es doch auf die leichte Schulter.
„Ich werde Marie nur eben vorwarnen,“ meinte Leo schulterzuckend. Seine Stirn lag in tiefen Falten. Ob er Adam‘s Unmut aufgeschnappt hatte?
„Marie?“, fragte Adam, als wäre er blöd. Natürlich wusste er, wen Leo meinte.
„Unsere alte Schulkollegin,“ antwortete Leo.
„Bleib doch hier. Stell dich doch lieber mit zu uns hinter die Theke. Ich versteh nicht, wieso dich mit denen unterhalten willst du,“ sagte Adam stumpf.
„Sie ist nett.“
„Wir sind auch nett,“ sagte Adam bissig. Warum konnte er den Ton nicht unterdrücken. Er sollte sich freuen für Leo. Sollte ihm sagen, dass sie das einfach vergessen sollten und Adam erst garnicht hätte fragen sollen. Er steigerte sich viel zu sehr hinein in so etwas belangloses.
„Ich wollte sie später noch fragen, ob sie mit zu mir kommt.“
Adams Miene verdunkelt sich. Er wusste, dass er Leo unrecht antat. Das ganze Schauspiel musste bei Leo viele fragen aufwerfen, die Adam nicht beantworten wollte. Nicht jetzt. Nicht hier. Nicht nie.
Noch immer fühlte er Leos warme Hand in seiner. Aber im Augenblick war der ganze Raum viel zu warm.
„Wieso?“, fragte Adam.
„Was möchtest du Adam?“, fragte Leo perplex.
Adam schaute zur Seite. Er schaffte es nicht Leos Augen zu treffen.
„Ich will nur diese fucking Wette mit Esther gewinnen.“
„Du willst einen Antrag machen. Jetzt hier vor allen Leuten,“ fasste Leo es zusammen.
„Ja.“ Endlich schaute Adam wieder zu Leo.
„Dann lass mich doch nur kurz Marie Bescheid geben.“
„Wieso mir Bescheid geben?“, Marie war hinter Leo aufgetaucht.
Die Musik setzte mit einem Mal aus. Man hörte nur das Surren der Stimmen, die sich unterhielten.
„Hab das hier gefunden,“ Pia war plötzlich neben Adam und drückte ihm einen Ring mehr oder weniger heimlich in die Hand. Leos Ring aus Adams Jackentasche.
„Hab Kippen gesucht. Du hast keine mehr,“ erklärte Pia sich.
„Mein Ring,“ stellte Leo überrascht fest.
„Oh, habe ich was falsch verstanden?“, fragte Marie plötzlich. Sie starrte kurz auf Leo’s und Adams verschränkte Hände.
„Ich dachte wir flirten Das hätte ich mir eigentlich gleich denken können,“ lachte Marie. „So viel, wie du über ihn redest.“
Und dann fingen die Boxen wieder an Musik zu spielen. Er hörte, wie Jay-Lou dem Lied begeisterte Zustimmung gab. ‚Every Breath You Take‘ von The Police. Adam war nur dankbar, dass es kein Schlagerlied geworden war.
Fragend schaute Adam zu Leo. Und Leo schaute zu Marie.
„Also eigentlich-“, fing Leo an sich und Adam zu erklären.
Doch Pia unterbrach ihn ganz freundlich. „Ah du bist also die Frau, die mit Leo und Adam in einer Schule war. Ich habe viele Fragen,“ sagte sie lachend und legte einen Arm um Marie.
„Bist du auch Fußballfan? Ich stell dir mal ein paar Leute hier vor,“ sagte sie und ging mit Marie im Arm durch die Menge davon.
Leo drehte sich mit hochgezogenen Brauen zu Adam.
Was passiert hier? Du schuldest mir hier nach nen echt guten Antrag.
Und jemanden mit dem du nach Haus gehen kannst, wollte Adam ihm am liebsten Antworten
„Oh, can’t you see?“, donnerte es durch die Boxen „You belong to me? How my poor heart aches with every step you take?“
Erst dann kam wieder Bewegung in das seltsame Paar, das sie grade abgeben mussten. Leo, knallrot. Seine Stirn lag in Falten. Adam, kreidebleich. Er schaute auf den Ring, den er in den Fingern hielt. Ihre Hände berührten sich noch immer.
„Sorry,“ meinte Adam.
Leo drückte Adams Hand kurz und ließ sie dann los. Mit verschränkten Armen stellte er sich nun vor Adam und deutete ihm zu reden.
„Ich lass dich jetzt in Ruhe und stell das bei Marie wieder richtig,“ sagte Adam. So, wie er es von Anfang an hätte tun sollen. Sich einfach zurückziehen.
Leo zog die Augenbrauen hoch. „Mehr hast du nicht zu sagen?“, fragte er flach.
„Es gibt nicht mehr zu sagen.“
„Wieso ausgerechnet jetzt?“
Adam riss den Blick von dem Ring und schaute hoch. „Es war nur ein bisschen Spaß unter Kollegen.“
Leo seufzte geschlagen. Es würde wohl nicht mehr aus Adam herausbekommen.
Die Mädels hinter der Theke sangen laut mit: „Every clame you stake, every single day.“
Adam steckte den Ring in seine Hosentasche. Die Situation fühlte sich seltsam an. Hatte er es seltsam gemacht? Er hätte sich nicht darauf einlassen sollen. Aber er hatte es gewollt.
Er hatte Leos Abend ziemlich versaut. Er hatte ihm nicht einmal das lassen können.
Er gehört dir nicht, Adam.
Er konnte sich selbst so oft daran erinnern, wie er wollte. Dennoch benahm er sich so trotzig, dass es ihm unangenehm sein sollte. Er hätte Wingman spielen sollen, statt eifersüchtig zu sein.
Leo war nicht dumm. Früher oder später würde er verstehen, was in Adam vorging. Er würde Adams irrationales Verhalten verstehen.
Und was dann?
Adam wollte die Konsequenzen nicht kennen. Er sollte einfach den Abend auf sich beruhen. Er sollte nach Hause gehen und ein wenig Abstand gewinnen zu Leo.
Er schaute vorsichtig in Leos Augen. Sah seine Lippen, die so schrecklich küssbar waren. Es hätte Leo nie den ersten Antrag machen sollen. Aber es war so richtig gewesen. Er würde es jedesmal so tun.
„Stellst du jetzt den Antrag?“, fragte Leo. Adams Gedanken wurden unterbrochen. Seine Augen hoben sich von Leos Lippen. Leo musste es doch mittlerweile verstanden haben.
„Das ganze Spiel soll jetzt nicht für nichts gewesen sein. Dafür erwarte ich jetzt auch was.“
Das ließ Adam sich nicht zweimal sagen. Er erwiderte Leos herausforderndes Lächeln und stand wenige Sekunden später auf der Theke. Kira machte die Musik leiser, so dass die meisten Blicke jetzt zu Adam gingen.
„Hier spielt die Musik,“ rief Adam durch die Kneipe. „Ich würde gerne ein paar Worte loswerden.“
Adam hatte Leos Ring in seiner Hand fest umschlossen.
„Geiler Abend bisher. Die Spenden laufen super, hab ich mir sagen lassen,“ sagte Adam. „Vielen Dank an das Team, dass so viel Arbeit hineingesteckt hat.“
Im Raum wurde gejohlt.
Adam suchte nach den richtigen Worten. Die Worte, die angemessen waren für all das, was Leo bedeutete. Subtil genug, um nicht zu intim zu sein. Er wollte Leo nicht bedrängen. Nicht mehr als es Leo recht war. Aber die Worte sollten überzeugen.
Leo ist…
„Spendet fleißig weiter,“ sagte Adam.
Leo ist…
Adam hatte immer Worte. Und wenn er keine Worte mehr hatte, dann hatte er Beleidigungen und zwei Mittelfinger.
Fuck. Leo ist so viel.
„Vielleicht verdoppeln wir das Spendenziel.“
Reiß dich zusammen. Das hier ist nur eine Show. Finde fucking Worte!
Adam fand aber keine.
Die Leute klatschten und Adam stand immer noch auf dem Tresen.
Kippe. Jetzt.
„Bin gleich wieder da.“ Adam sprang vom Tresen und griff an seine Hosentasche. Ah shit. Seine Packung war leer. Dann nach draußen! Jetzt! Irgendwer würde schon was haben. Er lief nach draußen und fragte einen der Fußballfans nach einer Kippe. Dann stellte er sich abseits von allen an die Wand.
Er musste nur kurz denken. Nur kurz seine Gedanken sortieren.
Leo ist gutherzig. Leo ist mutig. Leo ist intelligent.
Nicht davon war das, was Adam wirklich sagen wollte. Und auch, wenn alles davon der Wahrheit entsprach, war es nicht das, was wirklich widerspiegelte, was Adam über Leo dachte.
Adam hatte es seltsam gemacht mit seiner plötzlichen Flucht. Warum hatte er nicht einfach ein paar Worte herausbringen können. Dann wären sie jetzt am Lachen. Er machte Leos Abend immer schlimmer. Was war er für ein Freund?
(…)
„Was ist eigentlich los, Adam?“
Es war kalt, aber Adam wollte nicht wieder reingehen. Ihm fehlten einfach die Worte.
Leo war nach draußen gekommen und kam auf Adam zu. Er hatte Adams Jacke im Arm.
Adam hatte sich im Hinterhof mehr oder weniger versteckt. Immerhin konnte wegrennen so leicht sein.
„Musste nur kurz rauchen.“
Die dritte geschnorrte Kippe glimmerte zwischen seinen Lippen.
„Nur kurz rauchen?“, fragte Leo misstrauisch. „Hättest du das nicht tun können, bevor du auf den Tresen gesprungen bist?“
„Hätte ich tun sollen,“ sagte Adam und seufzte.
„Ist irgendwas passiert, Adam?“
„Nein.“
Leo seufzte und stellte sich neben Adam an die Wand. Die Sonne war schon lange untergegangen. Adam war wirklich kalt.
Er fand einfach nicht die passenden Worte. Konnte Leo keine Erklärung liefern. Konnte Leo nie ganz die Wahrheit sagen.
„Du willst nicht, dass ich mit Marie nach Haus gehe. Du willst mir einen Antrag machen und dann plötzlich doch nicht,“ sagte Leo. „Wenn du den Abend nur mit unserer verabredeten Gruppe verbringen wolltest, hättest du mir das auch ganz einfach sagen können. Ich kann das gut nachvollziehen.“
Adam zog an der Kippe.
„Was war das Problem? Du hast dich so selbstbewusst auf die Theke gestellt. Esther sagt du schuldest uns jetzt Frühstück.“
Adam schmunzelte. „Stimmt. Da war ja was.“
„Wolltest du den Antrag nicht wegen der Wette machen?“, fragte Leo und verzog den Mund jetzt ebenfalls zu einem Lächeln.
„Baumann hat mich angestiftet,“ bestätigte Adam.
Leo gab Adam seine Jeansjacke. Adam behielt sie in der Hand.
„Willst du deinen Ring endlich wieder?“, fragte Adam. „Der war jetzt lang genug bei mir.“
„Es gibt nur einen Weg, wie du ihn mir zurückgeben kannst,“ sagte Leo dann einladend und deutete auf die Kneipe. „Es sei denn du willst mir den Grund verraten, wieso du keinen falschen Antrag machen willst.“
„Mir sind nicht die richtigen Worte eingefallen,“ gab Adam sich geschlagen.
„Oh,“ sagte Leo.
„Keine Worte, die richtig passend waren zumindest.“
„Wäre doch sowieso alles nur ein Witz,“ meinte Leo. „Ich erwarte nicht viel Mühe.“
Was gelogen war, wie Leo sich eingestehen musste.
Adam fragte sich, ob Leo ein wenig bitter klang oder, ob er es sich nur einbildete. Für Adam war Leo kein Witz. Natürlich nicht.
Er sagte Leo viel zu selten, wie wichtig er war. Hier konnte er die Worte verpacken ohne, dass sie darüber später viel reden mussten.
„Sorry,“ sagte Adam. „Ich wollte es nicht komisch machen.“
„Du machst nichts komisch. Ich mache mir Sorgen,“ entgegnete Leo.
„Danke. Brauchst du nicht.“
„Du musst keinen Antrag machen. Gehen wir wieder rein. Wird langsam echt kalt.“
Adam überlegte. Er würde noch die richtigen Worte finden. Aber vielleicht sollte er die für ein anderes Mal aufbewahren. Vielleicht dafür, wenn der Moment reif war.
„Ja, lass uns rein gehen.“
Adam trat die Kippe auf dem Boden aus.
„Die Wette will ich trotzdem nicht verlieren,“ sagte er dann.
„Was ist dein Plan?“
(…)
Adam schwang sich wieder auf die Theke hoch.
„Die Spenden haben sich verdoppelt, hab ich gehört,“ rief er. Er wusste nicht, ob es stimmte. Die Leute jubelten. Man merkte, dass der Pegel nochmal gut angestiegen war. Daran würde sich morgen bestimmt keiner mehr erinnern.
„Es gibt noch ein Grund mehr zu feiern,“ johlte Adam. Dann zeigte er auf Leo, der das Spektakel mit Pia beobachtete.
„Dieser Mann macht mich zum glücklichsten Mann der Welt. Es ist jetzt offiziell: Wir sind verlobt! Getränke in den nächsten 10 Minuten gehen auf mich!“
Leo musste schmunzeln und wurde von den Leuten um ihn herum beglückwünscht, während Adam jubelnd vom Tresen stieg. Er hätte sich echt keinen Druck machen müssen. Irgendwann würde er für Leo die richtigen Worte finden. Jetzt sollte er einfach den Spaß genießen.
Lachend ging er auf Leo zu.
„Wie war ich?“, fragte er mit verschmitztem Grinsen.
„Der Antrag kommt nicht in die top ten“, scherzte Pia. „Dafür, dass es nur Spaß ist, kostet es dich aber ganz schön viel Geld.“
„Geld, dass ich bereit bin auszugeben,“ entgegnete Adam.
Leo blickte Adam abschätzend an. Dann nickte er. „Könntest du auch in unsere Flitterwochen stecken,“ scherzte er.
„Ihr müsst euch auch küssen,“ rief Jay-Lou hinter der Theke.
Und im nächsten Moment feuerte die gesamte Kneipe Adam und Leo an. „Kuss!“
Adam öffnete seine Arme einladend und grinste über beide Ohren. Das ließ er sich doch nicht zweimal sagen. Leo kam auf ihn zu. Seine Hände legte er an Adams Wangen. Dann presste er seine Lippen kurz, aber fest auf Adams.
Adam drückte Leo an sich. Er musste feststellen, dass der Kuss der belohnendste Teil der Anträge gewesen war. Seine Knie fühlten sich plötzlich weich an. Schon hatten sie sich wieder voneinander gelöst und es wurde Beifall geklatscht.
Adam sollte sich wirklich ein paar rührende Worte überlegen. Wer weiß, wie Leo dann küssen würde.
Adam berührte Leo’s Ring in seiner Jackentasche.
Scheiße, er wollte Leo wieder küssen. Er wollte ihm so viele Worte sagen.
5
Leo stand am Herd in seiner Küche. Es roch nach Tomaten, Pfeffer und Basilikum.
Die Woche war sehr ruhig gewesen. Nur ein wenig Papierkram, den sie zu erledigen hatten. Das war der Grund, wieso das Team am Freitag Abend pünktlich Feierabend machen konnte.
Adam kam mit zwei vollen Einkaufstaschen durch die Küchentür. Er und Leo hatten seit Wochen den Feierabend miteinander verbracht. Und dabei hatte sich eine Arbeitsteilung eingependelt. Leo kochte, Adam kümmerte sich um den Einkauf.
Die einzige Zeit am Tag, die sie einzeln verbrachten waren die Nächte. Abends fuhr Adam zu seiner Wohnung und Leo blieb in seiner. Nur damit sie am nächsten Tag wieder zu zweit zur Arbeit fahren konnte.
Adam stellte sich neben Leo und nahm ihm den Löffel aus der Hand, um zu probieren.
„Perfekter geht nicht,“ lobte er und wollte sich sofort mehr aus dem Topf stibitzen. Leo hielt ihn auf und nahm ihm den Löffel wieder aus der Hand.
„Erst Einkäufe einräumen,“ sagte er mit einem schmunzeln, nur um Adam zu ärgern.
„Ich verhungere,“ beschwerte sich Adam und Leo bekam direkt ein schlechtes Gewissen. Er stellte den Herd aus und holte Teller raus.
„Na gut, dann räum aber zumindest die TK-Sachen ein,“sagte er.
Das ließ Adam sich nicht zweimal sagen.
Leo war klar geworden, dass sich etwas anbahnte. Er hatte es realisiert, als Adam sich so seltsam verhalten hatten bei dem Spendentreffen in Esthers Kneipe. Er hatte es verstanden mit jedem Tag den sie gemeinsam verbrachten, mit jeder kleinen Handlung, die ihre Konstellation mehr, wie altes Ehepaar, als wie zwei Bros in einer WG hatte wirken lassen. Er verstand es, als Adam die TK-Einkäufe einräumte, weil Adam gerne Eis bei ihm lagerte und er so viel Zeit mit ihm verbrachte, dass es selbstverständlich für ihn war, dass er diese Aufgaben übernahm. Er verstand es, als sie sich gemeinsam zum Essen setzten.
„Was ist der Plan heute Abend?“, fragte Adam zwischen zwei Gabeln.
„Wie wäre es mit einem Film?“
„Hab sowieso zu viele Snacks eingekauft. Wir können plündern.“
Leo schaute Adam gespielt vorwurfsvoll an.
„Was denn? Die waren im Angebot. Und ich hatte Hunger,“ verteidigte Adam sich und schob sich beweisend die nächste Gabel in den Mund.
Leo zog die Einkaufstasche zu sich und schaute rein.
Neben den Einkäufen, die auch auf der Einkaufsliste gestanden hatten, hatte Adam wirklich so einige Snacks mitgehen lassen.
Salzstangen, gesalzene Erdnüsse, vegane Gummibären…
„Ferrero Küsschen?“, fragte Leo.
„Die waren im Angebot.“
Leo zuckte mit den Schultern. Wer konnte sich schon über Schokolade beschweren.
„Wenn wir hier schon von Zucker reden, wollte ich vorschlagen, dass wir demnächst auch Burger oder Pizza machen,“ sagte Adam.
„Schmeckt es dir etwa nicht?“, fragte Leo neckend. Er liebte es, wenn Adam ‚wir‘ sagte.
Adam schaute Leo ein bisschen geschockt an. „Es schmeckt großartig. Aber so langsam kann ich kein Gemüse mehr sehen. Der Burger ist nur eine Prävention dagegen. Wir können den trotzdem gesund machen.“
Leo schmunzelte. „Dann stellst du dich hinter den Herd,“ meinte er.
„Alles klar, Chef.“ Adam kratzte seinen Teller aus. „Dann gibt’s Sonntag Burger.“
„Ist alles dafür da?“
„Ich habe alles mitgebracht. Das meiste hatten wir sowieso noch im Kühlschrank,“ meinte Adam.
„Haben wir?“, sagte Leo. Dabei musste er das ‚wir‘ betonen. Er konnte nicht genug davon bekommen.
„Ja, haben wir,“ antwortete Adam und lehnte sich ein Stück vor. „Wir haben auch noch Burgerbrötchen, Gürkchen, Ketchup…“
Adam wackelte mit den Augenbrauen. „Weißt du, was wir noch nicht haben?“
Leo schaute ihn fragend an.
„Den Abwasch gemacht.“ Damit stand Adam mit seinem leeren Teller auf.
Leo schmunzelte. „Ich mach den Abwasch und du räumst die Einkäufe zu Ende ein.“
Kurz darauf war dich Küche sauber. Leo stellte die Snacks auf den kleinen Sofatisch. Adam war kurz auf den Balkon gegangen zum Rauchen.
Leo war zufrieden. Er setzte sich auf die Couch und machte seine Beine lang. Alles war gut. Die Tage waren nicht überladen. Adam war fast immer da. Leo war sich so sicher, dass Adam auch wirklich nicht mehr gehen wollte.
Leo hörte, wie die Tür zum Balkon auf und wieder zu ging. Adam pflanzte sich neben Leo und machte es sich bequem.
„Schon was ausgesucht?“, fragte Adam und schnappte sich die Erdnüsse vom Wohnzimmertisch.
„Ich hab keine Lust auf einen Film. Schauen wir was anders?“, fragte Leo.
„Lass uns Brooklyn Nine Nine weiter binge watchen,“ entschied Adam.
Das ließ Leo sich nicht zweimal sagen. Erst hatte er es seltsam gefunden quasi eine Serie über seinen eigenen Beruf zum Abschalten zu schauen. Aber die Serie war ihm doch sehr ans Herz gewachsen.
Leo schnappte sich die Fernbedienung.
„Bekomme ich die?“, fragte Adam und wollte schon danach greifen.
„Keine Chance.“
„Komm schon. Meine Hände sind größer. Ich komme besser an alle Knöpfe,“ meinte Adam ihn und stieß ihm sanft in die Seite.
„Was ist das denn für eine Begründung?“ teaste Leo ihn. Er schaltete den Fernseher ein. „Ich komme genauso gut an die Knöpfe.“
„Glaubst du mir nicht?“
„Ich weiß es sogar.“
Er wusste, was Adam tat.
„Ich bin nicht bekannt dafür die Wahrheit zu sagen,“ stimmte Adam ihm zu. Seine Hand schlich sich hinter um Leo’s Rücken herum. Adam versuchte jetzt von beiden Seiten die Fernbedienung zu erreichen.
Adam tat alles für ein bisschen Körperkontakt. Leo merkte, dass er immer danach suchte. Mehr als früher. Meistens bestand es nur daraus möglichst nah an ihm zu stehen, so dass ihre Schultern sich berührten. Seltener waren die Versuche so offensichtlich.
„Adam!“, mahnte Leo ihn und lehnte sich zur Seite. Adam holte einmal Schwung und lag plötzlich auf Leo. Leos Rücken drückte sich in das Sofa. Die Hand mit der Fernbedienung streckte er weit weg von Adam.
Leo ließ den Körperkontakt immer zu. Er wollte es genauso, wie Adam.
„Ich lüge dich nicht an,“ meinte Adam. Mit einer Hand stützte er sich und mit der anderen versuchte er Leos Arm zu erreichen.
Leo versuchte ihn halbherzig wegzudrücken. Adam verlor fast das Gleichgewicht. Seine Hände platzierte er link und rechts neben Leos Kopf. Für einen kurzen Moment schauten sie sich nur an. Leo konnte schwören, dass er es irgendwo knistern hörte. Dann musste Adam grinsen.
„Komm, gib mir deine Hand,“ sagte Adam. Er ließ Leo unter sich frei und rückte wieder zu seinem alten Platz zurück.
Leo setzte sich auf. Er fuhr sich durch die Haare und versuchte sie einigermaßen zu richten. Dann gab er Adam seine Hand. Die ohne Fernbedienung.
Adam drückte seine eigene Hand gegen Leo’s. Handballen an Handballen. Finger an Finger. Und Leo konnte nicht anders als die Nähe zu genießen.
Adams Grinsen wurde breiter. „Siehst du! Ich habe recht,“ sagte er.
„Minimal,“ räumte Leo ein.
Zaghaft nahm er seine Hand zurück. Er wollte Adam nie loslassen. Er genoß jeden Moment mit ihm. Jedes Lachen, jeder Witz. Jeder Moment in dem das Leben einfach weitergehen konnte. Er konnte Adam wohl auch einfach nicht mehr loslassen. Dafür war es wohl lange zu spät.
„Bekomme ich jetzt die Fernbedienung?“, fragte Adam.
„Sei nächstes Mal schneller. Dann vielleicht,“ antwortete Leo und wurde angesteckt von Adams Grinsen.
Seufzend gab Adam auf und überließ Leo die Fernbedienung. Leo hätte auch liebend gerne weiter um die Fernbedienung ‚gekämpft‘. Er lehnte sich zurück und schaltete ihre Serie ein.
Adam knabberte die Nüsse, die Leo auf den Tisch gestellt hatte. Es wurde still im Wohnzimmer. Die Rollläden waren halb geschlossen und draußen war es dunkel geworden.
Leo starrte auf den kleinen Wohnzimmertisch. Vielleicht sollte er auch zugreifen. Er hatte Hunger auf etwas Süßes. Adam hatte die Schokolade von Ferrero in einer Schale in der Hand. Allerdings hatte er sie wohl vergessen, denn er hatte schon eine Weile keinen Finger mehr bewegt.
„Gibst du mir ein Küsschen?“, fragte Leo ihn und schaute auf die Schokolade in Adams Händen.
„Was willst du?“, fragte Adam und wendete den Blick vom Bildschirm ab.
„Ein Küsschen,“ wiederholte Leo.
Adam zog die Augenbrauen hoch, zuckte dann aber mit den Schultern.
„Wenn du schon so direkt fragst, warum nicht,“ meinte er und lehnte sich zu Leo herüber. Eine Hand legte sich in Leos Nacken und zog ihn näher zu sich. Seine Augen fielen auf Leos Lippen.
In Leos Kopf machte es klick.
Er fror einfach ein. Und dann küsste Adam ihn. Wie bei den Anträgen, aber es fühlte sich intimer an. Es war keine Show. Er ließ sich küssen.
Adam unterbrach den Kuss. Es war kurz. Viel zu kurz. Unsicher schaute er Leo in die Augen. Leo schüttelte die Überraschung ab. Den Blick konnte er nicht ertragen. Der Kuss schien ihn aufgetaut zu haben. Sanft und fast zaghaft ließ er eine Hand in Adams Haaren verschwinden. Dann küsste er ihn erneut.
Er fühlte, wie Adam lächeln musste und er selbst so grinste, dass der Kuss viel zu viele Zähne involvierte. Aber es war egal. Es war so egal. Er küsste Adam. Ohne Show. Nur für sie zwei.
Leo fuhr erneut mit seiner Hand durch Adams Haare und sucht halt. Sie waren viel zu weit auseinander. Leo löste sich von Adam. Um Adams Augen war noch immer ein Lächeln zu sehen. Sie waren außer Atem. Leo drückte mit seiner Hand gegen Adams Brust und Adam ließ sich auf das Sofa gleiten. Leo folgte ihm sofort. Endlich hatte er mehr von Adam.
Doch bevor Leo ihn wieder küssen konnte, hatte Adam ein Ferrero Küsschen in der Hand und hielt es vor Leos Gesicht.
„Das wolltest du doch,“ meinte er gedehnt.
Für einen Moment war Leo sich unsicher, ob der Kuss doch nur ein Spaß gewesen war und dass hier nur Adams Art war, um das hier zu beenden. Ob die Funken doch nur ein Hirngespenst gewesen waren. Dann lächelte Adam gerissen und ließ sich von Leo die Schokolade aus der Hand nehmen.
„Hab was besseres bekommen,“ meinte Leo und legte genauso viel Schelm in seine Worte, wie sonst nur Adam es konnte. Sofort hatte sich Adam zu ihm hoch gelehnt und küsste ihn erneut. Seine Hände schlossen sich wieder um Leos Nacken und hielten ihn fest.
„Ach, hast du das?“, fragte Adam zwischen zwei Küssen. Leo konnte die Worte auf seiner Haut spüren. Er antwortete nicht.
„Besser als Schokolade?“, harkte Adam nach.
Leo schaffte so viel Abstand zwischen ihnen, dass Adam ihm mit seinen Lippen nicht mehr folgen konnte und ließ sich von Leo wieder ins Sofa drücken.
„Adam,“ mahnte Leo ihn. Er wollte ihn grade nur küssen.
„Ich höre auf zu reden.“
Leos Blick erweichte sofort. „Was willst du loswerden?“
Adams Finger zeigte auf Leos Brust. Auf sein Herz. „Wann hast du es verstanden?“
Leo überlegte. „Durch die Anträge,“ gab er zu.
Adam grinste. „Welcher?“
Leo seufzte theatralisch und ließ seinen Kopf auf Adams Brust fallen.
„Du machst den Moment kaputt,“ beschwerte sich Leo halbherzig und spürte, wie sich Adams Brust bewegte, als er lachte.
„Bezweifle ich,“ meinte er.
Leo schaute wieder hoch. „So richtig realisiert habe ich es beim letzten. Gefühlt habe ich es schon beim ersten.“
„Bei der Nummer mit dem Kellner? Das war wirklich stark.“
„Nein, bei dem von Pia.“
Wieder lachte Adam. Diesmal herzlicher. „Dem von Pia? Warst du-“
„Eifersüchtig,“ beendete Leo den Satz. „Das bleibt unter uns.“
„Das kann ich nicht versprechen.“
„Du kriegst die Fernbedienung dann beim nächsten Mal.“
„Wow. Erst küsst du mich und dann bestichst du mich. Ich werde wohl meinem Teamleiter sagen müssen, dass sich ein Kollege mir gegenüber unzüchtig verhalten hat.“
„Wie ist dein Teamleiter so,“ fragte Leo.
„Für den hatte ich schon immer was übrig. Vielleicht sollte ich mich doch eher an ihn ranmachen als an dich,“ überlegte Adam grinsend.
Leo brummte. „Das würde ihm sicher gefallen.“
Adam küsste ihn wieder. „Würde ihm das?“
„Sehr.“
„Und du warst wirklich eifersüchtig bei Pias Anträgen?“
„Das wirst du mich nie vergessen lassen.“
„Willst du einen Antrag, Leo?“, fragte Adam
„Das geht jetzt doch etwas schnell.“
„Willst du eine Beziehung mit mir?“, fragte er. „Oder nur ein bisschen rummachen,“ schob er etwas leiser hinterher.
Leo schaute ihn ganz warm an. „Ja, ich will. Beides.“
+1
Leo hörte, wie Adam neben ihm leise atmete.
Er schaute auf die kleine Digitaluhr auf seinem Schrank. Halb drei. Er bekam kein Auge zu. Er fühlte sich wach. Unruhig drehte er sich zu Adam. Er sah, wie Adams Augenlieder flatterten. Adam war genauso wach wie er selbst.
„Adam?“, fragte Leo leise.
„Hm?“, kam es zurück.
„Ich glaub ich geh ne Runde spazieren. Ich kann nicht schlafen,“ sagte er.
„Nein,“ grummelte Adam leise. „Bleib hier.“
„Willst du mitkommen?“, fragte Leo ihn.
Adam schüttelte sanft den Kopf. „Komm zu mir,“ sagte er stattdessen. Er öffnete seine Bettdecke für Leo.
Leo rückte zu Adam und ließ sich in seine Arme ziehen.
„Denkst du zu viel nach?“, fragte er.
„Nein,“ sagte Leo ehrlich. „Ich kann nie vor Reisen schlafen.“
Sie hatten Urlaub. Sie wollten abschalten. Das war ihr Ding geworden. Sie waren nicht mehr nur Leo und Adam, sondern ein ‚wir‘, ein ‚sie‘. Eigentlich hatte sich nicht viel verändern. Sie waren schon so lang zusammen, dass Leo feststellen musste, dass vieles trotzdem noch so lief, wie vor ihrer Beziehung. Leo kochte, Adam ging einkaufen. Sie gingen mit ihren Freunden essen. Sie standen so dich beieinander, dass ihre Schultern sich berührten. Leo konnte eifersüchtig werden, aber konnte dadurch nie ernsthaft um die Beziehung besorgt sein.
„Und du?“, fragte Leo.
„Schon ein bisschen,“ meinte Adam.
„Worüber musst du nachdenken?“, fragte Leo.
Adam küsste Leos Haaransatz. „Darüber, dass ich dich so liebe.“
„Schleimer,“ seufzte Leo. „Erzähl schon.“
Adam schien nachzudenken.
„Wieso eigentlich nicht,“ sagte er dann.
„Ich frag mich, was genau dich an den Anträgen dazu gebracht hat mich zu lieben.“
Leo lachte kurz auf. „Die Anträge haben mich nicht dazu gebracht. Ich habe es durch sie nur realisiert. Ich liebe dich, weil du du bist,“ antwortete er dann ehrlich.
Adam drückte ihn ein Stück fester. „Wodurch genau hast du es realisiert?“
Leo lächelte. „Adam, ich werde gleich rot,“ warnte er ihn vor, was Adam zum Lachen brachte.
„Das bringt dich zum Erröten?“, fragte er. „Wenn ich dich frage, warum du realisiert hast, dass du mich willst?“
„Ich war eifersüchtig. Das weißt du schon. Aber ich war eifersüchtig wegen der schönen Worte, die du für Pia hattest. Ich wollte sowas auch hören,“ gab Leo zu, ehe er noch weiter mit Adam diskutieren musste.
Adam brummte nachdenklich.
„Aber mittlerweile habe ich das alles gehört,“ meinte Leo.
Wieder lachte Adam. „Ich weiß, wie gut dir anpreisende Worte gefallen können,“ raunte Adam.
„Ja ja,“ sagte Leo.
Adam ließ Leo los und drehte sich zu seinem Nachtschrank. Er kramte nach irgendwas. Leo konnte es nicht sehen. Es war zu dunkel. Adam drehte sich wieder zu Leo und hielt ihn wieder fest.
„Ja ja heißt leck mich,“ meinte Adam lachend. Er legte eine Hand sanft an Leos Wange.
„Aber du weißt wie viel du mir bedeutest,“ meinte Adam dann und seufzte. „Ich weiß, dass ich nicht der Allerbeste bin mit Worten. Insbesondere in Situationen in denen sie wichtig sind.“
Leo strich ihm sanft über den Rücken.
„Ich will es richtig machen. Ich will mehr sagen. Ich hätte nie geträumt, dass ich so viel sagen kann. Manchmal kommt mir das vor wie eine richtige red flag. Du bist so geduldig, Leo. Mehr als ich verdiene. Aber du verdienst ein Happy End. Und vielleicht verdienen wir sogar ein gemeinsames Happy End. Wir beide zusammen. Ich will das hier. Ich will uns.“
Adam räusperte sich. Seine Stimme war ganz rau geworden. Leo konnte nicht anders, als zu lächeln.
„Du hältst mich zusammen. Und ich hoffe immer, dass ich dir auch das gleiche zurückgeben kann. Du bist unbeschreiblich. Du bist immer für mich da. Ich weiß, dass das nicht die perfekten Worte für dich sind. Du bist so unglaublich.“
Leo hielt den Atem an. Er wollte jedes Wort aufsaugen.
„Ich würde wirklich alles für dich tun und dir überall hin folgen.“
Adam hielt Leo eine kleine Schatulle hin und schaute ihn dabei mit so viel Liebe an, dass Leo gar nicht wusste wohin mit sich.
„Ich meine es ernst, wenn ich das alles sage. Ich liebe dich. Willst du mich heiraten?“
Adams zitterte leicht, als er mit einer Hand die Schatulle öffnete und ein Ring aufblitzte.
Leo griff nach Adams Hand und hielt sie fest.
„Ja,“ sagte Leo. „Wow, Adam. Ja, ich will.“
Er küsste ihn.
„Scheiße,“ meinte Leo dann. „Du warst schneller als ich. Bei den ganzen Anträgen damals, dachte ich, dass es jetzt mal meine Aufgabe sein sollte, dir einen zu stellen.“
Jetzt drehte sich Leo weg und kam mit einem Verlobungsring wieder zu Adam.
Adam lachte. „Zwei dumme, ein Gedanke.“
„Mein Plan war es gewesen das im Urlaub zu tun,“ sagte Leo. Dann zuckte er mit den Schultern. „Weißt du was? Ich stelle dir den Antrag trotzdem im Urlaub. Du wirst ihn nicht kommen sehen. Das, was du mir heute Nacht gesagt hast, werde ich jetzt nicht überbiete können.“
Adam küsste ihn. „Ich bin mir so sicher, dass du das könntest. Aber ich freue mich schon sehr auf das, was du geplant hast.“
„Sei gespannt.“ Leo nahm den silbernen Ring aus der Schatulle. „Hey, der kommt mir bekannt vor.“
Adam schmunzelte. „Den hab ich dir nie zurückgegeben,“ meinte er. „Der ist noch von meinem ersten Antrag an dich.“
„Und ich habe für dich extra einen Neuen besorgt,“ meinte Leo lachend.
„Wie wäre es, wenn ich mich um die Eheringe kümmere,“ schlug Adam vor.
Das schien Leo zu gefallen. „Das bist du mir schuldig.“
„Soll ich dir sagen, was ich dir noch schuldig bin?“
„Was denn?“
„Ein Geständnis. Du warst nicht der Einzige mit Eifersucht,“ meinte Adam.
„Wie meinst du das?“, fragte Leo.
„Erinnerst du dich an den Kneipen Abend in der Fußballkneipe von Esther? Da war unsere alte Schulkollegin bei der ich dir die Tour vermasselt habe. Ich war eifersüchtig auf sie. Deshalb der Antrag.“
„Ich wusste es,“ meinte Leo lachend.
„Du kennst mich eben am besten,“ meinte Adam und drückte Leo wieder näher an sich.
Adams Umarmungen waren warm. Leo fühlte Adams Hände auf seinem Rücken. Er atmete Adams Duft ein. Das hier hatte er immer gewollt.
Sie hielten sich fest. Ringe in den Händen. Mitten in der Nacht. Glücklich. Nur sie zwei. Offiziell verlobt.
