Chapter Text
Wie sehr konnte man einen geliebten Menschen vermissen? „Unendlich“ war eine leichte Antwort, aber wieviel war „unendlich“? Gab es überhaupt Worte dafür? Vielleicht kannte Russell welche, für Frank zeigte sich das Vermissen aber durch die Aufregung seinen Geliebten bald wiedersehen zu können. Kaum hatte er das Team verabschiedet, um Russell aus der Black Site abzuholen, machte er sich daran, aufzuräumen. Russell würde wahrscheinlich sofort über die nächsten Schritte reden wollen, also legte er einige Karten bereit. Dann suchte er Kerzen und – wo war der verdammte Wein? Den hatte Russell doch nicht getrunken, als er hier allein war? In der hintersten Ecke der Küchenschränke fand Frank doch noch eine Flasche, zum Glück waren die anderen nicht da, er bot einen unwürdigen Anblick dabei, diese Flasche zu greifen. Wehe daraus war bereits Essig geworden. Vielleicht sollte er noch den Whisky mitnehmen, aber für später verstecken.
Mit allem, was er brauchte, fuhr er in den Wintergarten, stellte die Flaschen und Gläser auf die Tische und räumte andere Sachen weg. Beinahe sah es aus wie an ihrem ersten Abend, als sie den Turm gemeinsam gefunden hatten. Der Strom war ihnen versehentlich durchgebrannt und es war zu dunkel, um sich in diesem riesen Anwesen zurechtzufinden. Außerdem waren sie nicht sicher, ob die Sowjets den Ort wirklich verlassen hatten, deswegen war minimales Licht besser. Zumindest behaupteten sie das voreinander und zündeten die Kerzen im Wintergarten an, die sie fanden. Ah, er brauchte noch ein paar Decken. Irgendwann wurde es so kühl, sie hatten sich in eine Decke gewickelt. Russell, obwohl minimal größer und etwas schwerer, hatte sich einen Spaß daraus gemacht, sich auf Franks Schoß zu setzen. Zusammen waren sie warm, stahlen immer wieder Küsse vom anderen, vergaßen die Zeit gemeinsam.
Bei der Erinnerung konnte Frank nicht anders als vor sich hin zu lächeln. Russell würde sich bestimmt freuen. Außerdem brauchte er etwas Ruhe nach allem, was passiert war. Wie die CIA- nein darüber wollte er in dem Moment nicht nachdenken. Auch nicht über die Möglichkeit, dass etwas bei der Mission schieflaufen könnte. Nein, Russell würde zu ihm zurückkehren. Er musste, konnte nicht anders. Sie kamen immer zueinander zurück. Sobald Frank alles bereitgelegt hatte und vorbereitet war -zu seinem Leidwesen musste er das Abendessen für das Team heute kochen- setzte er sich in den kleinen Erker, der den Blick zum Eingang ermöglichte. In seiner Nähe das Telefon, er hoffte so sehr, das Team würde sich bald melden. Vielleicht kamen sie früher.
Als sie anriefen, kündigten sie ihre Rückkehr an, alle unverletzt. Ein Glück. Troy faselte von Jane, davon, wie die CIA sie jetzt alle als gesuchte Verbrecher verfolgte, doch Frank interessierte das nicht. Solange sie Russell zurückbrachten, waren ihm Status und Name egal. Dieser Arsch von Livingstone ging ihm sowieso immer auf die Nerven, Hudson konnte wenigstens Informationen sammeln, was der Typ machte und was er bei der CIA machte, war Frank ein Rätsel. Wenn er könnte, hätte er ihm nicht nur die Nase gebrochen. Aber das war ein Thema für später.
Frank positionierte sich überpünktlich draußen, wollte Russell sobald wie möglich empfangen. Am liebsten wäre er sogar die Treppen runter, aber mit dem Rollstuhl wäre das problematisch. Keine Kniescheiben zu haben war manchmal besonders scheiße. Aus der Ferne konnte er sein Team sehen, Russell schien schneller zu gehen, als er ihn sah. Wobei das auch Einbildung gewesen sein könnte. Kaum war Russell oben an der Treppe, reichte er Frank die Hand zum Gruß und Frank zog ihn in eine herzliche Umarmung runter. Sie lachten beide. „Ich bekomme sogar ein Empfangskomitee, wer hätte das erwartet?“
„Nur dieses eine Mal und auch nur, weil ich nicht in dieser staubigen Bude hocken wollte“, witzelte Frank. Er würde jedes Mal draußen warten, wenn er müsste.
„Komm, wir bringen dich zurück in die ‚staubige Bude‘, es gibt einiges zu erzählen.“ Ganz selbstverständlich fasste Russell an die Griffe von Franks Rollstuhl und schob ihn wieder rein. Der Rest des Teams warf sich unsichere Blicke zu, Troy öffnete sogar kurz den Mund, um etwas zu sagen, aber Frank winkte ganz schnell ab. Russell durfte ihn schieben. Der Rest halt nicht.
Sobald sie drinnen waren, wandte Russell sich an das Team: „In zehn Minuten ist die Besprechung. Lasst mich nur vorher noch ein paar Worte mit Woods unter vier Augen wechseln.“
„Los, ausschwärmen!“, setzte Frank nach. Warum wollte Russell reden? Worüber wollte er reden?
Russell schob ihn zum großen Tisch in der Mitte des Raumes und staunte kurz über die Karten. Während Frank sich auf den Tisch stemmte, musterte Russell ihn, statt die Karten weiter zu betrachten.
„Also, warum hast du die anderen weggeschickt?“
„Um Zeit dafür zu haben“, sagte Russell und nahm Franks Gesicht in beide Hände, bevor er die Lippen auf seine presste. Russell küsste ihn wie ein verdurstender Mann, der jeden Tropfen Wasser schluckte, den er finden konnte, was Frank langsam zum Schmelzen brachte. Offensichtlich Russell hatte sich vor dem Flug noch rasiert, seine Haut war beinahe glatt. Wie Frischverliebte hingen sie aneinander. Als müssten sie neu erkunden, was sie kannten, unwillig den anderen auch nur für einen Moment loszulassen. Als wären sie der Rauch, dem sie nachjagten, doch viel vollkommener. Frank würde keine Kippe mehr anfassen, könnte er ewig an Russells Lippen hängen. Den Mund wund arbeiten, bis nichts mehr da war, wenn er könnte, weil er nicht loslassen wollte.
Mit einem Mal drückte Russell ihn nach hinten. Ein Stück weit ließ Frank sich das grinsend gefallen, dann unterbrach er den Kuss, um zu protestieren. „Die anderen sehen das noch.“
„Wir haben noch etwas Zeit, keine Sorge“, hauchte Russell, bevor er wieder Franks Lippen in Beschlag nehmen wollte. Zum Reden waren sie gerade nicht da. Frank verließ sich auf Russels Worte und ließ sich auf die Tischplatte drücken. Das vertraute Gewicht verscheuchte die Gedanken daran, vielleicht gesehen zu werden. Es zählte nur der Moment. Nur Russell und er. Mit einer Hand fuhr er durch Russells Haar, spürte wie Russell entspannt ausatmete bei der Berührung. Die andere Hand versuchte einen Weg unter Russells Shirt zu finden. Sie lachten kurz, weil Frank das Shirt aus der Hose ziehen musste dafür. Über blanke Haut zu streichen, fühlte sich viel besser an, als über eine blöde Jacke, es fühle sich näher an, intimer. Am liebsten hätte er auch die Beine um ihn gelegt. Sie taten nicht mehr, sie brauchten nicht mehr. Zeit spielte keine Rolle.
Über ihren Köpfen räusperte sich jemand. Erschrocken sahen beide auf. Felix stand mit etwas Sicherheitsabstand im Türrahmen und hatte die Arme verschränkt. „Vielleicht hättet ihr mehr als zehn Minuten einplanen sollen. Außer das…soll besprochen werden.“ Frank verdrehte die Augen. Warum musste Felix so ein Arsch sein? Oder so pünktlich? Die anderen ließen sich scheinbar mehr Zeit. Deutsche und ihr seltsamer Fetisch für Pünktlichkeit.
Russell richtete sich eilig auf und zog auch Frank wieder in eine Sitzposition. „Nein, natürlich nicht.“ Dann wandte sich Russell endlich den Karten zu und zog die richtige hervor. Frank biss sich grinsend auf die Lippe. Niemals würde sich Russell für sowas entschuldigen. Das mochte er an ihm.
Als Russell gerade die Karte ausbreitete, beugte sich Frank zu ihm vor und griff ihn am Oberarm, damit er innehielt. „Komm später in den Wintergarten, gewohnte Zeit“, flüsterte Frank. Russell nickte knapp und lächelte. Frank ließ ihn gerade los, als auch die anderen eintrafen und die Besprechung begann.
Wie sehr sie sich vermissten? So sehr, wie man sich vermissen kann, wenn man kaum erwarten kann, den anderen in seinen Armen zu halten. So sehr, wie Decken sie wärmen können, Frank auf dem Schoß von Russell, mit Weingläsern in der Hand und dem Whisky unweit entfernt bei Kerzenschein. „Unendlich“ traf nicht einmal annähernd die Beschreibung.
