Chapter Text
Der hohe Saal war von drückender Stille erfüllt. Das Licht der flackernden Fackeln warf verzerrte Schatten an die massiven Steinwände, während der muffige Gestank von altem Pergament und kalter Feuchtigkeit in der Luft hing. Soldaten in schweren Uniformen standen an den Rändern des Raumes, die Hände fest um die Griffe ihrer Klingen gelegt. Keiner von ihnen entspannte sich. Den dies war kein gewöhnliches Tribunal. In der Mitte des Saals, auf der hölzernen Anklagebank,saß eine abgemagerte Gestalt.
Zerzaustes, helles Haar fiel ihm in die kantigen, von Schlägen gezeichneten Züge. Seine Kleidung war nicht mehr als blutverkrustete Lumpen. Schwere Eisenfesseln schnitten in sein Handgelenk. Doch trotz der Wunden und der Erschöpfung blieben seine Augen erhoben und starr. Dunkel. Berechnend. Gefährlich. Doron war ein Name, der im Untergrund geflüstert wurde. Ein Mörder, ein Schatten, ein Geist. Nun war er hier, vor Gericht, aus dem Dreck gezerrt und den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Die Militärpolizei wollte seinen Kopf.
Ein Schreiber trat nach vorne, entrollte mit geübten Bewegungen ein Pergament. Die Stimme, die nun durch den Raum hallte, war emotionslos.„Der Angeklagte Doron, geboren und aufgewachsen im Untergrund, wird der folgenden Verbrechen beschuldigt: 63 dokumentierte Morde, verübt im Auftrag unbekannter Geldgeber. Angriffe auf militärische Einrichtungen. Schmuggel illegaler Substanzen und Waffen. Unbefugtes Eindringen in Sperrgebiete. Beteiligung an drei Untergrund Aufständen. Er wurde vor sechs Wochen gefasst – bei einem fehlgeschlagenen Attentat auf einen hochrangigen Offizier der Militärpolizei." Ein leises Raunen breitete sich aus. Manche tuschelten, andere verzogen angewidert das Gesicht. Der Richter hob die Hand und die Unruhe er starb.
„Doron, Bewohner des Untergrunds." Die dröhnende Stimme des Richters füllte den Raum. „Die Anklage gegen dich ist erdrückend. Die Militärpolizei fordert deine sofortige Hinrichtung. Hast du etwas zu sagen?" Langsam hob Doron den Kopf. Blut verkrustete seine Lippen, doch als er sprach, klang seine Stimme ruhig. „Wenn ihr mich schon richtet, dann mit etwas mehr Überzeugung. Sonst könnte man meinen, es wäre euch gleichgültig." Ein Offizier der Militärpolizei zischte erbost. Der Raum schien für einen Moment in der Luft zu hängen. Der Militärpolizist trat nach vorne mit stählernem Blick und noch starrerer Haltung. „Dieser Mann ist ein Mörder. Ein Schatten, der jahrelang die Straßen vergiftet hat. Sein Leben ist nichts wert. Wir sollten ihn jetzt und hier richten!"
„Und doch ist es genau dieser Schatten", erklang eine Stimme, ruhig und berechnend, „der eure Korruption ans Licht gezerrt hat." Schritte hallten auf dem Steinboden. Die Anwesenden wichen zurück, als ein Mann mit durchdringendem Blick nach vorne trat. Erwin Smith. Der Kommandant des Aufklärungstrupps. „Doron hat Informationen geliefert, die einige eurer hochrangigen Offiziere bloßgestellt haben", fuhr Erwin fort. „Das allein zeigt, dass er von Wert sein kann. Ich beantrage seine Überstellung in den Aufklärungstrupp. Er kann sich seine Freiheit verdienen – oder sterben, wenn er versagt."
Ein verächtliches Schnauben.
„Ihr wollt diesen Abschaum unter eure Soldaten mischen?", zischte der Offizier. „Levi, sag du doch etwas dazu. Du kennst diesen Dreck besser als wir."
Levi Ackermann, bis jetzt eine unbeteiligte Statue neben Erwin, neigte leicht den Kopf. Seine grauen Augen fixierten den Offizier kalt und abwertend.
„Abschaum?", wiederholte Levi langsam. Dann trat er vor. Seine Stimme blieb ruhig, doch ein tödlicher Unterton lag darin. „Wenn jeder, der aus dem Untergrund kommt, Abschaum ist, dann geh und such mir einen Henker. Ich leg mich gleich dazu." Der Offizier presste die Lippen zusammen, aber Levi sprach weiter. „Doron ist ein Killer. Keine Frage. Aber er ist nicht dumm. Und wir brauchen Leute, die nicht dumm sind. Ihr wollt ihn tot sehen? Gut. Macht es selbst. Oder lasst uns ihn benutzen, bevor wir ihn verrotten lassen."
Der Richter trommelte mit den Fingern auf die Lehne seines Stuhls. Sein Blick wanderte von Levi zu Erwin, dann zur Militärpolizei. Schließlich atmete er tief durch. „Der Aufklärungstrupp hat sich bereits als fähig erwiesen, mit problematischen Individuen umzugehen", verkündete er. „Doron wird unter die Aufsicht vom Hauptgefreiten Levi gestellt. Sollte er sich als unzuverlässig erweisen, wird seine Strafe ohne Zögern vollstreckt." Ein schneidendes Schweigen.
„Ihr bewegt euch auf dünnem Eis", zischte der Offizier. Erwin lächelte leicht. „Und doch ist es das Eis, auf dem wir bereits so viele male gewandelt sind."
Der Richter erhob sich. „Die Entscheidung ist gefallen. Doron wird dem Aufklärungstrupp überstellt."
Langsam hob Doron den Kopf. Ein blasses,schattenhaftes Grinsen zuckte über seine Lippen.„Na dann", murmelte er. „Auf eine lange Zusammenarbeit."
