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„Danke dir, dass du so schnell gekommen bist“, sagte Bob, als er in Peters MG stieg. Er strecke die Beine auf dem viel zu weit nach hinten gestellten Beifahrersitz und schnallte sich an.
„Willst du mir auch verraten, warum du mich um halb zwölf aus dem Bett klingelst?“
„Justus hat doch nächste Woche Geburtstag“, antwortete Bob, als wäre damit alles erklärt.
Peter sah ihn noch immer ratlos an, startete aber den Motor.
„Glaubst du, das hab ich schon vergessen? Bob, wir waren letzte Woche im Einkaufszentrum und haben ihm diese Festplatte gekauft, von der er andauernd spricht.“
Bob verdrehte die Augen.
„Ja, ja die Synology R2401 Z. Ich weiß. Aber darum geht es nicht.“
Kühle Luft drang durch die geöffneten Fenster und Bob schloss die Augen. In seinem Zimmer hatte die Idee fantastisch geklungen.
„Wir haben seit Monaten keinen neuen Fall.“
Vier Monate, um genau zu sein. Oder in Justus Worten: seit 128 Tagen. Was ihnen eigentlich recht gelegen kam, da die Abschlussprüfungen anstanden. Aber Bob konnte Justus deprimierten Blick nicht mehr ertragen.
„Ich dachte, wir könnten uns ein wenig umhören, vielleicht finden wir was Interessantes.“
Statt einer Antwort brach der zweite Detektiv in schallendes Gelächter aus.
Bob musste zugeben, dass es laut ausgesprochen doch etwas albern klang.
„Also machen wir uns jetzt nachts in Rocky Beach auf Gangsterjagd?“
„So in etwa.“
Peter schüttelte den Kopf und drehte das Radio auf. Laute Musik ertönte im Wagen und Bob Widerstand dem erneuten Verlangen, mit den Augen zu drehen. Doch er riss sich zusammen. Wahrscheinlich war er zu müde gewesen und sein Verstand hatte sich ausgeschaltet. Dafür, dass Peter ihn überhaupt, um diese Zeit abgeholt hatte, (sein eigener Wagen stand seit einer Woche in der Werkstatt) war er ihm dankbar.
Außerdem hatte sie eine einfache Regel. Wer fährt, bestimmt die Musik. Sehr zu Justus Leidwesen.
„Und wohin darf ich Sie fahren?“, fragte Peter, als sie die Hauptstraße erreichten.
„Santa Monica? Da ist zu der Zeit doch immer was los. Auch wenn es nur ein gestohlenes Portmonee ist.“
„Nach der langen Pause wird sich unser Erster wohl kaum mit einem einfachen Diebstahl zufriedengeben. Und ich glaub, wir sollten uns auch nicht mit den Drogenbanden dort anlegen. Das ist eine Nummer zu groß für uns.“
Bob runzelte die Stirn und seufzte. Peter hatte recht.
„Und was schlägst du vor?“
„Das wir wieder zurückfahren und Justus noch ein paar Kriminalromane besorgen?“
„Oder wir fahren zur Küste. Kaufen uns was zu essen und hören und ein wenig um? Ich geb aus. Für die Umstände“, schlug Bob vor.
„Deal.“
Vom Highway waren es nur wenige Minuten, bis sie den Strand erreichten. Trotz der Dunkelheit der Nacht war die Promenade hell erleuchtet von den Lichtern der Restaurants und umherstehenden Fackeln. Der Topanga Beach schlief nie. Zumindest nicht an einem Samstag. Von weiten sah Bob einige Jungen in ihren Alter, die Beachvolleyball spielten. Einen davon erkannte er sofort. Emil Thomson. Sie waren im selben Chemiekurs.
„Und kommt dir schon was verdächtig vor?“, fragte Peter und folgte seinem Blick.
„Der Ball zum Beispiel. Könnten durchaus Betäubungsmittel drin versteckt sein? Wollen wir mal hin und fragen, ob wir ihn inspizieren dürfen?“
„Ach, halt die Klappe. Willst du Pommes oder einen Burger?“, fragte Bob, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen.
„Pommes. Und eine große Cola. Für die Umstände.“ kopierte er Bobs Stimme und zwinkerte.
Der Imbiss war voll mit Menschen. Als schienen alle Bewohner aus Rocky Beach, auf die selbe Idee gekommen zu sein, diese warme Juli Nacht auszunutzen. Nachdem sie bestimmt vier Mal durch den Laden gelaufen waren, um einen Platz zu finden, kam eine besonders freundliche Kellnerin auf sie zu und entschuldigte sich, dass sie keine Plätze mehr hatten.
„Könnten wir das Essen auch mitnehmen?“, fragte Bob und lächelte Olivia, er hatte den Namen auf ihrer Uniform gelesen, an.
„Eigentlich nicht. Aber bei dir, kann ich eine Ausnahme machen“, sagte sie grinsend.
„Aber nur, wenn du mir versprichst, die Teller wirklich zurück zu bringen.“
„Natürlich, dafür geben wir dir unser Wort.“
Peter zog die Augenbrauen nach oben, sagte aber nichts.
Kurze Zeit später gingen sie beladen mit Pommes, einer Packung Zwiebelringe, die komischerweise heute aufs Haus ging und zwei Flaschen Cola zum Strand.
„Die hat aber ganz schön mit dir geflirtet“, sagte Peter als sie sich etwas abseits von dem Tumult im noch immer warmen Sand niederließen.
„Quatsch, sie war nur freundlich.“
Wenn er Peter nicht so lange kennen würde, würde er beinahe annehmen, dass er eifersüchtig war. Was natürlich keinen Sinn ergab. Peter war deutlich beliebter bei den Mädchen als er.
„Nur für dich Bob, mache ich ausnahmsweise eine Ausnahme“, sagte Peter mit künstlich hoher Stimme.
„So hat sie es gar nicht gesagt.“
Er nahm ein Schluck aus seiner Cola und als er die Box mit den Zwiebelringen öffnete, flog ihm ein kleiner Zettel entgegen. Eine Telefonnummer.
„Ich hab doch gesagt, sie flirtet mit dir.“
„Vielleicht hat sie das. Ist doch egal.“
Er verstand nicht, warum Peter so eine große Sache daraus machte.
„Wirst du sie anrufen?“
„Nein“, erwiderte Bob mit fester Stimme.
Statt einer Antwort nickte Peter nur und steckte sich eine Pommes in den Mund.
Ein unangenehmes Schweigen entstand und er sah sich um. Aus der Ferne hörte er gedämmte Musik, das Rauschen der Wellen und die Autobahn. Nichts Verdächtiges. Was hatte er auch erwartet? Ein Verbrechen fand man nicht. Normalerweise fand das Verbrechen die drei Fragezeichen.
„Wirst du sie nicht anrufen, weil du momentan jemanden siehst?“, fragte Peter plötzlich und ihm fiel beinahe die Cola aus der Hand.
Bob wusste nicht einmal mehr, wann er das letzte Mal ein Date gehabt hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er sich öfters mit Mädchen getroffen hatte. Aber egal wie nett sie waren oder wie viel Spaß sie gehabt hatten. Er hatte immer an jemand anderes gedacht.
„Nein. Was ist mit dir? Das mit Kelly ist ja schon eine Weile her.“
Peter schüttelten den Kopf und Erleichterung durchströmte seinen Körper.
„Seit Kelly hab ich mich mit Niemanden mehr getroffen. Irgendwie ist es nicht dazu gekommen.“
Bob erinnerte sich noch gut daran, als Peter verkündet hatte, dass sie sich getrennt hatten. Diesmal endgültig und nicht wieder eine ihrer Pausen. Und er erinnerte sich auch an sein schlechtes Gewissen und was diese Neuigkeit mit ihm gemacht hatte. Peter war völlig im Liebeskummer versunken. Hatte seine ganzen Tage nur damit verbracht, zum Sport zu gehen und sich in Selbstmitleid zu suhlen. Bob dagegen war glücklich Zuhause gewesen. Er war ein schrecklicher Freund.
Zuerst hatte er versucht sich einzureden, dass er nur Peter Wohl im Sinne hatte. Sie hatten immer gestritten und Bob glaubte, dass Kelly nicht die Richtige für ihn war. Aber seine eigentlichen Gründe waren viel egoistischer als das. Er wäre vor Eifersucht beinahe gestorben, als Peter zum ersten Mal von seiner neuen Freundin gesprochen hatte.
„Wer hätte gedacht, dass Justus, der einzige von uns ist, der Glück mit Mädchen hat?“
„Weißt du. Ich glaub, ich will überhaupt kein Glück mit Mädchen“, platze es aus ihm raus und im selben Moment bereute er es. Er könnte sich selbst ohrfeigen.
Peter sah ihn überrascht an. Er öffnete immer wieder den Mund und schloss ihn wieder.
„Ich- also vergiss es. Wir sollten wieder zurück zum Wagen. Du hattest recht, die Idee war bescheuert.“
Doch gerade als Bob aufstehen wollte, hielt Peter sanft seinen Arm fest und er setzte sich wieder, unfähig seinen Freund anzusehen.
„Meinst du damit, dass du naja lieber Glück bei Jungs hättest?“
Bob lief rot an. Er hatte noch nie mit jemanden darüber gesprochen. Nicht mit seiner Familie, nicht mit seinen besten Freunden. Nie hatte er es laut ausgesprochen. Das machte es realer und es machte ihm Angst.
„Vielleicht“, antwortet er vage. Bob traute sich noch immer nicht vom Boden aufzusehen. Er hatte keine Ahnung, was er in Peters Gesichtsausdruck finden würde. Ekel, Mitleid? Sie waren seit sie denken konnten beste Freunde und vielleicht hatte Bob gerade alles ruiniert.
Er spürte plötzlich kühle Finger an seinem Kinn und blickte auf. In Peters Gesicht war kein Ekel zu sehen. Ein leichtes Lächeln war auf seinen Lippen zu erkennen und ein Stein fiel ihm vom Herzen. Gerade als er etwas erwidern wollte, hatte Peter ihn an sich gezogen und seinen Mund auf seinen gepresst. Im ersten Moment war er zu geschockt, um zu reagieren. Das war was er sich seit der siebten Klasse wünschte und trotzdem saß er nun mit weit aufgerissen Augen da, unfähig sich zu bewegen.
Peter löste sich von ihm und gerade als er den Mund öffnete, um wahrscheinlich eine Entschuldigung zu brabbeln, schloss Bob die Augen und küsste ihn erneut. Er schlang die Arme um Peters Hals, der anscheinend zu überrascht war und rückwärts in den Sand fiel. Bob lachte und reichte Peter eine Hand, die er sofort griff.
„Also dich stört es nicht, dass ich doch nicht so hetero bin wie du dachtest?“
„Nur wenn es dich auch nicht stört, dass ich auch nicht so hetero bin“, antwortet Peter und strich ihm eine blonde Locke aus dem Gesicht.
„Aber du meinst es schon ernst, oder?“, fragte Bob unsicher.
„Wenn du nur experimentieren möchtest, ob du vielleicht auch Jungs magst. Bin ich der falsche dafür.“
„Oh Bob, dafür dass du so ein Streber bist, bist du manchmal ziemlich dämlich. Du bist mein bester Freund, glaubst du wirklich, ich setze unsere Freundschaft so einfach aufs Spiel und außerdem weiß ich schon länger, dass ich Jungs mag. Oder naja. Dich mag.“
„Ach wirklich? Wie lang denn?“, fragte Bob. Er konnte sich die Neugierde nicht verkneifen.
„Warum glaubst du, hat Kelly mit mir Schluss gemacht? Sie hat sich immer beschwert, dass du und Justus bei mir immer an erster Stelle steht. Und dass ich ausgerechnet viel zu viel von dir spreche.“
Peter seufze und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Etwas das er immer tat, wenn ihm etwas unangenehm war und Bob wollte ihn wieder küssen.
„Zuerst dachte ich, es wär Schwachsinn und nur eine Ausrede, um mich abzuservieren. Aber irgendwie hatte sie schon recht“ sagte Peter und zuckte mit den Schultern.
Gerade als Bob etwas erwidern wollte, klangen laute Stimmen aus der Ferne, die wild diskutierten.
„Komm“, flüstere Bob und griff nach Peters Arm. Mit leisen Schritten näherten sie sich den Geräuschen. Zwei junge Männer standen hinter einem kleinen Pavillon.
Einer von ihnen hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Das einzige, was Bob erkannte, war sein schwarzer Kapuzenpullover, eine blaue Shorts und auffällig hässliche grüne Flip-Flops.
„Ist das nicht Emil? Der neben diesem komischen Typen“ fragte Peter leise.
Bob nickte.
„Ich hab dir doch schon gesagt, dass es nicht hab“, sagte Emil wütend und fuchtelte wild mit den Armen umher.
„Du hast noch drei Tage. Du weißt, was passiert, wenn du nicht lieferst.“
Das Gesicht ihres Klassenkameraden wurde kalkweiß und er sah zu Boden.
„Ich schwöre, ich weiß es nicht. Aber bitte-“
„Vergiss es Thomson. Drei Tage. Dienstagabend hier am Strand.“
Mit schnellen Schritten verschwand der vermummte Mann und ließ Emil schluchzend zurück.
„Was war das denn?“
„Zweiter? Ich glaube, die drei Fragezeichen haben einen neuen Fall.“
„Hast du unsere Karte dabei?“
„Klar“, antwortete Bob und zog sie aus seiner Hosentasche. Mittlerweile lagen sie überall. Er würde sich nicht wundern, wenn Justus sie heimlich in ihrer Kleidung versteckte.
„Warte. Lass uns danach noch einen Film bei mir gucken. Du weißt schon. Für die Umstände. Morgen erzählen wir Justus alles.“
Bob nickte grinsend und drückte Peters Hand, bevor sie auf ihren immer noch ängstlich dreinblickenden Mitschüler zugingen.
