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Bleib

Summary:

Leos Körper schickt einen kleinen Reminder, dass es eigentlich nicht so ganz schlau war, sich jetzt schon wieder voll in einen Fall zu stürzen. Adam weiß derweil nicht so ganz, wo er heute eigentlich schlafen soll. Und dann kommt auch noch eine Erinnerung hoch und bringt so einiges ins Rollen…

> > > Dieses "Kapitel" meiner Serie schließt ziemlich direkt an das letzte an, ist aber auch ohne Kontext lesbar, glaube ich :) Allen, die gerade noch quereinsteigen ein herzliches Willkommen!
Falls doch kleine Fragezeichen aufkommen beim Lesen, finden sich die Antworten vermutlich überwiegend in Part 3 - „Party Girl“...oder ihr steigt einfach gleich bei Part 1 - „Auftakt“ ein ;)

Notes:

Keine andere Szene habe ich so oft komplett überarbeitet, neu geschrieben, geändert...wie diese hier. Aus Gründen...Und weil ich natürlich Angst hatte, das zu vermasseln. Hoffe ich konnte das vermeiden. Also das mit dem Vermasseln. Ich weiß es grade schon wieder nicht mehr so Recht haha :D Betriebsblindheit lässt grüßen...

Anyway.

Danke an dieser Stelle mal an die kleine crowd an Leuten, die hier mitlesen, ich weiß das sehr zu schätzen!!! <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Adam wirft seine Jacke auf den Tisch und lässt sich auf einen Stuhl fallen. Die leisen Klick-Laute, die vom Schlafzimmer her durch den Flur zu ihm hinüberdringen, verraten, dass Leo gerade dabei ist, den Tresor zu öffnen, um seine Waffe darin zu verstauen. Wie immer nach dem Nach-Hause-Kommen.

Mit einem Seufzen streift Adam sein Schulterholster auf der Stuhllehne hinter sich ab und löst die Gürtelschlaufen. Normalerweise würde er seine Waffe jetzt auch rüber zu Leo ins Schlafzimmer bringen. Leo hätte ihn eigentlich inzwischen auch längst dazu aufgefordert. Oder wäre einfach selbst ins Wohnzimmer gekommen und hätte sie sich geholt.
Aber weil gerade alles irgendwie nicht so klar ist, tut er das heute halt auch nicht, sondern geht einfach erstmal in die Küche und schaltet das Radio an.

Nach einigem Herumkramen findet Adam in der Tasche seiner Jeansjacke eine Zigarette und beginnt, sie zwischen seinen Fingern herumtanzen zu lassen. Satzfetzen wehen zu ihm herüber.

Der Polizei in Saarbrücken gelang es, eine lange gesuchte Verbrecherin zu überführen und festzunehmen. Die 48-jährige Täterin hatte sich zuletzt des Mordes an …“

Das Klappern einer Schranktür und das Rauschen des Wasserhahns übertönen die folgenden Sätze.

...nun zum Wetter: Es bleibt weiter regnerisch bei Temperaturen um die….“

Klirren. Rauschen.

„Kannst du das bitte ausmachen, Leo?“, ruft Adam in Richtung Küche hinüber.

Das Gelabere bricht abrupt ab. Wenig später kommt Leo mit zwei Gläsern Wasser ins Wohnzimmer und lässt sich neben Adam am Tisch nieder. „Was hast du gegen ein bisschen belanglose Berieselung?“, fragt er.

„Keine Ahnung. Mein Kopf ist voll genug. Mir reichts für heute“, gibt Adam zurück.

Stirnrunzelnd beobachtet Leo, wie Adam die Zigarette zwischen seinen Fingern herum wandern lässt. Tatsächlich macht er es ziemlich geschickt. So als würde er das schon länger üben.
„Vielleicht hattest du Recht und es wird wirklich Zeit, dass du ’ne Wohnung findest“, stellt Leo fest. „Dann kannst du endlich hemmungslos überall Rauchen und brauchst dich nicht mehr ungemütlich nach draußen zu quälen."
Er schenkt Adam einen mitleidigen Blick und nickt kurz in Richtung der Zigarette, die just in diesem Moment aus Adams Fingern entwischt und auf die Tischplatte fällt. Eigentlich ist Leo schon klar, dass der Balkon jetzt nicht gerade eine Zumutung ist und es am Rauchen nicht wirklich liegen kann, dass Adam vor zwei Tagen diesen Impuls hatte, auszuziehen. Aber jetzt, wo sie wieder hier sind, liegt das Thema eben zwangsweise wieder in der Luft. Weil plötzlich wieder Raum ist für solche Dinge. Und Adams fertig gepackter Rucksack irgendwo hinter ihnen im Flur steht.

Leo hebt sein Glas und prostet Adam zu, der ihn jedoch ignoriert, da er damit beschäftigt ist, die Zigarette auf dem Tisch anzustarren, als sei sie ein rätselhaftes Beweisstück in einen neuen Fall. Mit einem Augenrollen streckt Leo seine Hand danach aus, doch Adam kommt ihm zuvor und schnappt sie sich, bevor Leos Hand sie erreichen kann.

„Adam, bitte! Du machst mich noch ganz kirre mit deinen Fingerübungen“, entfährt es Leo lachend. Er versucht, Adams Hand aus der Luft abzufangen, doch der zieht seinen Arm ruckartig weg. Sein abwesender, starrer Blick von vorher verwandelt sich in etwas Gespielt-Unschuldiges.

„Ey, das ist Teil meiner Sucht-Bewältigungsstrategie!“

Leo hebt die Augenbrauen. „Ach so! Wow. Und, funktioniert es?“, fragt er spöttisch.

Adam wiegt den Kopf hin und her und verzieht den Mund.

„Na dann hör doch auf, mir damit die Nerven zu rauben“, fügt Leo hinzu und versucht erneut, die Zigarette an sich zu nehmen. Doch Adam denkt gar nicht daran, es ihm so leicht zu machen...

Nach einigem Hin und Her wirft sich Leo halb auf ihn und schafft es dann doch noch irgendwie, ihm die Zigarette aus den Fingern zu entwinden. Mit einem bemüht unschuldigen Lächeln schnippst er sie zum Sofa hinüber, auf dem immer noch die Bettsachen liegen, die Adam vor zwei Tagen abgezogen und zusammengefaltet hat.
„Ups...sorry“, kommentiert er trocken.
Adam seufzt theatralisch und muss dann doch ein bisschen schmunzeln.

Schweigend greifen sie nach ihren Gläsern, um etwas zu trinken. Zeit zu schinden. Weil sie beide irgendwie warten. Darauf, dass es hier weiter geht mit den Entscheidungen, die heute noch getroffen werden müssen. Leo spürt, wie sich eine ziemlich heftige Müdigkeit in seinem Körper breit macht. Was ja auch kein Wunder ist, da er jetzt schon seit fast zwei Tagen nicht mehr geschlafen hat. Auf jeden Fall hat er das Gefühl, dass es besser wäre, sich mal in eine bequemere Position zu begeben und beschließt, sich auf den Weg nach drüben zum Sofa zu machen.

Das Hochkommen fühlt sich natürlich mal wieder ein bisschen mühsam an, aber das ist er ja inzwischen schon gewohnt. Doch kaum, dass er aufgestanden ist, fängt sich auf einmal alles an zu drehen.

Das wiederum, ist er nicht gewohnt...

„Fuck.“

Er hält sich instinktiv an der Stuhllehne fest, die jedoch, aufgrund des ungüstigen Winkels, sofort weg kippt.

Bevor der Boden ihm zu nahe kommen kann, ist Adam bereits aufgesprungen, um ihn festzuhalten.
„Whoa, alles okay?“, fragt er etwas erschrocken und blickt Leo mit großen Augen an.

„Ja, geht schon. Kreislauf oder so, keine Ahnung“, wehrt Leo ab.

Adam, der weiß, dass das mit dem „geht schon“ immer noch Auslegungssache ist, entscheidet sich dafür, Leo vorerst lieber nicht los zu lassen, bis der sicher beim Sofa angekommen ist.

Nachdem Leo sich auf das Polster fallen lassen hat, stützt er die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab und beugt sich nach vorne, um sich mit den Fingern die Schläfen zu massieren.

Etwas unschlüssig bleibt Adam vor ihm stehen und beobachtet, wie er den Kopf schüttelt, sich mit den Händen über das Gesicht fährt, und schließlich einfach nur den Boden anstarrt.

„Ich bin immer noch so ein Wrack“, murmelt Leo schließlich in die Stille hinein und seine Stimme klingt so brüchig, dass es mal wieder kaum zu ertragen ist.

Adam presst die Lippen aufeinander.

„Unsinn, Leo“, knurrt er. „Das ist doch alles schon viel besser geworden. Ich wette mit dir, innerhalb von ’n paar Wochen bist du wieder so fit, dass man den Unterschied kaum noch merkt. Vielleicht hast du’s schon vergessen, aber es ist gar nicht so lange her, da warst du noch mit einem Bein im Jenseits!“

Als Leo ihn nur finster anblickt, verdreht er die Augen zur Decke und seufzt genervt. Weil ihm klar ist, dass er hier sagen kann was er will...es würde alles nicht viel nützen. Weil das zu leicht wäre, wenn Leo ihm einfach glauben würde. Dass sein Körper von außen betrachtet den Umständen entsprechend echt ziemlich gut funktioniert und auch ziemlich gut aussieht. Und auch schon wieder viel, viel fitter als noch vor einigen Wochen.
Leo könnte sich auch selbst davon ein Bild machen, nur müsste er dafür mal dieses bescheuerte Laken wegnehmen, was da seit Wochen vor dem Spiegel im Schlafzimmer hängt und diesen seiner Funktion beraubt.
Das Laken, was Adam am Anfang auch schonmal weggeräumt hatte, weil er dachte, dass das da nur zum Trocknen da hing oder so. Was aber dann kurz darauf sofort wieder dort war, sodass Adam es dann einfach da gelassen hatte. Aber irgendwie ist das langsam echt zum verrückt werden, dass Leo immer noch so tut, als wäre sein Körper eine Zumutung, bloß weil der noch nicht wieder seine Topform erreicht hat.

„Du hast einfach keine Ahnung, wie sich das anfühlt“, fügt Leo hinzu, als hätte er Adams Gedanken gelesen. Dann starrt er mit versteinerter Miene den Boden an.

Adam bemüht sich, seiner Antwort eine gewisse Bestimmtheit zu verleihen. „Kann sein, Leo. Aber ich hab dafür eine andere Ahnung, nämlich, dass du dich da echt ein bisschen zu sehr rein steigerst. Andere Leute würden sich freuen, in deiner Situation innerhalb von so kurzer Zeit schon wieder so fit zu sein.“

Er verschränkt die Arme und blickt Leo so lange an, bis dieser schließlich zurückschauen muss. Sein Blick wirkt resigniert. Aber immerhin widerspricht er mal wieder nicht. Und da ja meistens nicht mehr rauszuholen ist, belässt Adam es dabei und beschränkt sich darauf, noch ein paar pragmatische Vorschläge zu bringen. „Du hättest dich halt auch einfach nochmal ’ne Weile krankschreiben lassen können, weißt du? Das wäre vielleicht ein bisschen cleverer gewesen. War ja jetzt kein Spaziergang das alles die letzten Tage...und du wusstest, dass das bei ’nem Fall nicht wirklich drin ist, das Ganze ruhig anzugehen.“

Leo fährt sich erneut übers Gesicht und starrt dann seine eigenen Hände an.

„Ja, aber ich hab mich eigentlich fit genug gefühlt, verdammt! Und ich kann doch nicht ewig zuhause rumhocken, während ihr alle am arbeiten seid!“, entgegnet er verzweifelt und schüttelt erneut den Kopf. „Das hier, gerade eben, das kam echt aus dem Nichts! Sowas kenne ich einfach nicht…“

„Tja, dann lernst du es halt jetzt mal kennen. Mal was Neues. Geht auch wieder weg“, stellt Adam trocken fest. „Vorausgesetzt zu schaffst es, mal noch ein bisschen halblang zu machen. Ich mein...keine Ahnung, wenn du schon darauf bestehst, zu arbeiten, dann lass uns doch wenigstens mehr übernehmen. Den Kram heute hätten wir auch ohne dich geschafft. Du hättest einfach mal pennen gehen können!“, fügt er dann in einem etwas weniger trockenen sondern eher ein bisschen ratlosen Tonfall hinzu.

Leo schüttelt den Kopf. „Das kann ich nicht“, murmelt er leise und sieht dabei mal wieder so unglücklich aus, dass Adam selbst unwillkürlich das Gesicht verzieht.

Mit einem erneuten Seufzen, diesmal leiser und ohne den genervten Unterton, lässt er sich neben Leo auf das Sofa fallen. Mustert ihn verstohlen ein bisschen von der Seite. Sein Blick gleitet an Leos Armen entlang, die, ja okay, natürlich schon noch ein wenig zarter sind als vor der ganzen Bunker-Geschichte, hinab bis zu seinen Händen, und dann wieder hinauf, wo ihm einmal mehr auffällt, dass Leos Haare echt ein gutes Stück länger geworden sind. Weil Leo schlichtweg in letzter Zeit anderes im Kopf hatte, als sich um sein Äußeres zu kümmern und ja, wie gesagt, sowieso möglichst vermeidet, in irgendwelche Spiegel zu schauen.

Und dann landet er schließlich wieder bei Leos Gesicht, das sich ihm just in diesem Moment zuwendet und ihn fragend anblickt.

„Was?“

Leo zieht die Augenbrauen zusammen. „Du schaust mich gerade so an, als wenn...“
Er lässt den Rest des Satzes unausgesprochen im Raum stehen.

Adam senkt den Blick und rutscht ein wenig unbehaglich auf der Kante des Sofas herum. „Shit. Ja, sorry“, murmelt er.

Leos Blick wird eine Spur eindringlicher.
„Adam?“
Es ist eigentlich keine Frage. Auch keine Aufforderung. Sondern irgendetwas dazwischen.

„Ja...ich - “, setzt Adam an und weicht ihm aus, indem er sich kurzerhand nach vorne schiebt und aufsteht. „Ich mach dann mal los und such mir ’n Hotelzimmer. Du hast Recht, ich hab dich lange genug hier belagert und du kommst ja jetzt auch ganz gut alleine zurecht, ne?“
Er zwinkert Leo kurz zu.
„Solange du ’n bisschen langsam machst. Und vielleicht nochmal übers Krankschreiben-Lassen nachdenkst...“

Die Beiläufigkeit mit der er die Worte ausspricht, kommt ein wenig künstlich daher, aber besser geht es halt grade nicht.
Als er einen Schritt vom Sofa weg machen will, hält Leo ihn am Arm zurück.

„Warte.“

Ohne Widerspruch lässt Adam sich zurück auf die Sofakante ziehen und senkt den Blick. Etwas Unausgesprochenes hängt auf einmal zwischen ihnen in der Luft.

„Bleib“, fügt Leo schließlich so leise hinzu, dass es Adam gerade so eben noch versteht. Er schluckt.

„Okay“, flüstert er dann ebenso leise zurück.

Und dann sagen sie erst einmal gar nichts, sitzen nur da und starren vor sich hin. Leo auf den Fußboden und Adam auf Leos Hand, die irgendwie auf seinem Arm liegen geblieben ist. Ein paar belanglose Geräusche dringen von draußen herein.
Irgendwann holt Leo schließlich tief Luft.
„Woran hast du grade gedacht?“, fragt er. Es klingt irgendwie weich, fast ein bisschen verunsichert.

Anstatt zu antworten hebt Adam den Kopf und wendet sich Leo zu. Als sich ihre Blicke wieder treffen, hält der Raum den Atem an. Und während sie sich einfach nur für eine halbe Ewigkeit gegenseitig in die Augen schauen, beginnt die Luft ein kleines bisschen zu knistern.

Adam senkt den Blick und lächelt etwas verlegen in sich hinein.

„Ich hab nur gedacht, dass du ’n bisschen aussiehst wie früher, irgendwie. Nicht wirklich natürlich, aber ’n bisschen halt, keine Ahnung. Und dann musste ich dran denken...naja. An früher halt. Nicht an das, was scheiße war, sondern an die anderen Dinge. Wie du neulich schon gesagt hat. Die gab es ja auch.“

Ganz kurz verschlägt es Leo die Sprache. Er öffnet den Mund, wie um etwas zu erwidern, schließt ihn dann jedoch sofort wieder. Adam hält den Kopf weiterhin leicht gesenkt, schielt nur gerade so eben ein bisschen hoch zu Leo, der gedankenverloren ins Leere blickt. Und dann doch noch ein bisschen zurück schielt. Schließlich auch seine Sprache wiederfindet.

„Ja. Die gab es.“

Und dann kommt die Erinnerung hoch. Und obwohl sie es nicht wirklich wissen können, ahnen sie doch irgendwie, dass sie jetzt gerade beide gleichzeitig daran denken müssen. An einen dieser Momente, wo sie auch auf einem Sofa saßen. So einem ähnlichen, wie diesem hier. Bei Leos Eltern zuhause, zu zweit und ganz und gar ungestört. Weil bei ihnen ein paar Unterrichtsstunden ausgefallen waren. Weil Leos Eltern noch bei der Arbeit gewesen waren und die Mädels noch in der Schule.
Einen dieser Momente in der Zeit nach der Sache mit dem Hellhole. Wo mal für kurze Zeit einiges überhaupt nicht scheiße war. Wo sie eigentlich dachten, sie würden vielleicht die Zeit nutzen, um gemeinsam für die Matheklausur zu lernen. Aber daraus dann nichts wurde, weil stattdessen Adam Leo Nachhilfe im Judo gegeben hatte. Sie irgendwann angefangen hatten, sich gegenseitig mit den Sofakissen zu bewerfen. Und das ganze dann ziemlich eskaliert war, sodass sie am Ende einfach nur lachend und raufend auf dem Sofa herumgerollt waren.
Bis dann irgendwann, als Adam Leo gerade unter sich festgenagelt hatte, Leo irgendwie seine Arme frei bekommen hatte. Weil Adam sich kurz von Leos Augen hatte ablenken lassen, die ausgerechnet in diesem Moment von der Nachmittagssonne, die durch die Fensterfront hereinfiel, total intensiv angestrahlt wurden. Und Leo die Chance genutzt hatte, Adam kurzerhand mit beiden Händen im Nacken zu packen und ihn, genauso wie bei ihrem ersten Kuss im Hellhole, einfach zu sich heran zu ziehen...

Und während all das vor ihrem inneren Auge abläuft, merken sie kaum, wie ihre Körper sich irgendwie ein bisschen mehr zueinander hin lehnen und ihre Münder näher und näher zusammenkommen, irgendwie ganz von alleine…

Bis zu dem Moment, wo sich ihre Lippen leicht streifen und sie, wie von einem Stromschlag getroffen, kurzerhand in die Realität zurück katapultiert werden.

Blitzschnell zieht Leo seine Hand von Adams Arm weg und fährt sich dann mit den Fingern durch die Haare, während Adam aufspringt und ihn einfach nur anstarrt. Ihre Blicke huschen umher, weichen sich aus, suchen einander, verfehlen sich. Und finden sich schließlich doch wieder. Und für einen Moment vergessen sie fast zu atmen.
Von draußen dringt schon wieder ein bisschen Verkehrslärm herein, aber sie nehmen ihn kaum wahr, da die Spannung, die sich zwischen ihnen aufgebaut hat, immer lauter wird.

„Leo...“, murmelt Adam schließlich. „Was ist das mit uns?“

„Keine Ahnung“, murmelt Leo leise zurück.

Adams Gesicht nimmt einen dieser unlesbaren Ausdrücke an, die er so perfekt drauf hat. „Ich hab mich das damals schon gefragt“, sagt er. Dann wendet er sich ab und läuft zum Balkon hinüber, wo er ein wenig verloren stehenbleibt und nach draußen starrt. „Wir haben ja nie darüber geredet...Und dann, als ich beschlossen hatte weg zu gehen, war’s eh zu spät. Ich dachte, dass sich das dann mit der Zeit sowieso erledigen würde. Dass es vielleicht ja nur so’n Teenager-Ding war, keine Ahnung, was weiß ich. So’n Ausprobieren. Aber irgendwie war’s das nicht.“

„Ne“, entfährt es Leo mit einem leisen Schnauben. Er verzieht kurz das Gesicht und beginnt dann erneut seine Schläfen zu massieren.

Adam verschränkt seine Finger ineinander und fängt an, sie etwas rastlos an unterschiedlichen Stellen ineinanderzupressen. „Ich versteh das nicht. Wie kann das sein, dass mich das all die Jahre über nicht losgelassen hat?“, murmelt er. Seine Stimme klingt rau und es schwingt eine ganz, ganz leichte Note von aggressiver Hilflosigkeit darin mit.

Leo lehnt sich mit einem Seufzen auf dem Sofa zurück und versucht ein bisschen Halt an der Zimmerdecke zu finden, wo die Farbe an einer Stelle ein wenig abblättert. Etwas das ihn schon länger nervt. Das er schon längst mal hatte in Ordnung bringen wollen. „Ich weiß es doch auch nicht, Adam“, entgegnet er leise. „Das Einzige was ich weiß ist halt, dass da manchmal diese Momente waren, wo ich einfach plötzlich das Gefühl hatte - ach, keine Ahnung. Wenn du mich so angeschaut hast manchmal...da hab ich dann plötzlich einfach gedacht, wow, ich…ich muss irgendwo hin mit all dem, was grade in mir abgeht und...“

Er muss einen Moment lang innehalten, weil sein Puls beschleunigt und es sich plötzlich unglaublich schwer anfühlt, weiter zu sprechen. Als würde etwas tief in ihm drin die Worte festhalten wollen. Er mustert die abgeblätterten Stellen an der Decke. Zerrt mit einer Hand ein wenig am Kragen seines T-Shirts herum. Und schafft es nach einigem Ringen dann doch endlich weiter zu sprechen. „...da fiel mir halt einfach nichts besseres ein, als dich zu küssen.“
Seine Stimme wird gegen Ende so leise, dass sie fast in dem Geräusch eines unten auf der Straße vorbeifahrenden LKWs untergeht. Unmittelbar danach fährt er sich mit der Hand über den Mund, so als wolle er die Worte, die da gerade raus gekommen sind, einfach wieder zurück stopfen. Aber dafür ist es natürlich jetzt zu spät.

Er starrt die Decke an. Die Sekunden verstreichen quälend langsam, während Adam eine lange Zeit erstmal gar nichts sagt. Und um dieses Schweigen herum, steigert sich die Spannung im Raum ins Unermessliche.

Als Leo gerade dazu ansetzten will, noch etwas nachzuschieben, irgendetwas, was vielleicht die Situation entschärfen könnte, die Sache irgendwie relativieren, egal, was auch immer, schickt Adam plötzlich doch noch ein paar Worte in Richtung Balkon hinaus.

„Und jetzt? In letzter Zeit?“

Seine Stimme klingt so, als würde er gerade alles dafür tun, dass sie eben nach gar nichts klingt.

Leos Puls hämmert. Er atmet einmal tief ein und aus und spürt, wie er immer mehr ins Schwitzen kommt. Als er schließlich antwortet, kommt es fast ein wenig erschöpft daher.

„Immer noch. So wie damals.“

Adams Schultern spannen sich an, so als würde er erwarten, in jedem Momente eine Attacke abwehren zu müssen. Wieder dauert es eine geraume Zeit bis er antwortet.

„Und warum machst du’s dann nicht einfach? So wie damals?“, murmelt er schließlich. Das Nichts in seiner Stimme bekommt Risse, durch die etwas Verwundbares durchschimmert.

Leo schiebt sich die Hände in den Nacken und versucht, ein wenig die Spannung hinaus zu massieren, die sich dort im Laufe der letzten Minuten angestaut hat. „Vielleicht, weil du mir den Rücken zu wendest?“, antwortet er, schielt zu Adam hinüber und muss nun doch kurz ein bisschen Lachen. Was irgendwie hilft. Das Reden fühlt sich jetzt jedenfalls ein wenig leichter an.
„Ne, keine Ahnung“, fährt er seufzend fort. „Vielleicht weil ich nicht weiß, ob das okay ist? Ob es das Richtige ist. Ob es das jemals war. Und auch, ob du das überhaupt noch wollen würdest.“

Er dreht den Kopf und schaut Adam direkt an, so direkt, wie es eben möglich ist, wenn jemand einem überwiegend den Hinterkopf zuwendet. Für einen Augenblick fragt er sich, ob Adam überhaupt noch atmet, so still steht er da. Doch dann, endlich, dreht er sich um, wendet Leo zumindest das Gesicht wieder zu, und sieht ihn an. Mit einem Blick, der mal wieder schwer zu deuten ist.

Da Leo das Gefühl hat, eigentlich alles gesagt zu haben, beschränkt er sich darauf, einfach nur zurückzuschauen. Und als er nach einer Weile dann doch beginnt, sich zu fragen, wie lange sie das hier jetzt noch weiter so durchhalten wollen, trifft Adam eine Entscheidung, kommt zurück zum Sofa und lässt sich wieder neben Leo auf das Polster fallen. Schon noch mit ein bisschen Abstand. Aber nicht allzu viel. Sodass sie jetzt immerhin wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt sind, da, wo sie vor ein paar Minuten schonmal waren.

Und wieder starren sie eine Weile lang einfach auf ihre Hände und auf den Fußboden. Eine ganze Weile lang...

Bis Leo das irgendwann echt nicht mehr aushalten kann und schon wieder lachen muss.

„Oh mann, ey!“, rutscht es ihm heraus. Er dreht sich zu Adam um und mustert ihn kurz ein wenig von der Seite. Um wenigstens halbwegs zu checken, was bei ihm wohl gerade abgeht. Und auszuloten, ob das jetzt klargeht, wenn er hier mal einfach seinem Impuls folgt.

Und als er Adam da so sitzen sieht, den Kopf leicht gesenkt zwischen den angespannten Schultern, und der ihm dann von der Seite auch noch diesen Blick zuwirft, der jetzt irgendwie gar nicht mehr so kryptisch ist, sondern einfach nur mega verletzlich wirkt, legt er einen Arm um seine Schultern und rüttelt ihn ein bisschen. Weil das ja kaum auszuhalten ist, wie verkrampft er da sitzt und irgendjemand ja mal diese Spannung endlich aus ihm raus schütteln muss. Und dann lehnt er sich zu ihm rüber und drückt ihm einen Kuss auf die Schulter, bevor er seinen Blick rasch zurück auf den Fußboden richtet, genauso wie Adam, der ihn jetzt natürlich schon wieder nicht mehr ansehen kann.

Aber überraschenderweise doch derjenige ist, der als nächstes von sich aus den Mund aufmacht und noch etwas sagt, mit ganz, ganz leiser, etwas rauer Stimme.

„Kannst du das nochmal machen?“

Leo muss unwillkürlich ein wenig grinsen. Er schaut Adam an, der jetzt auch wieder kurz zu ihm hin schielt und dann schnell wieder den Boden anstarrt. Aber immerhin dann doch irgendwie auch ein ganz, ganz kleines bisschen lächeln muss.

Und da das ja schon irgendwie eine ziemlich konkrete Ansage war, macht Leo das natürlich nochmal, lehnt sich also wieder zu Adam rüber und gibt ihm einen Kuss. Diesmal ein bisschen höher, irgendwo in den Nacken, wo kein T-Shirt Stoff mehr zwischen ihnen ist. Und im Gegensatz zu vorher, zieht er sich nicht sofort wieder zurück, sondern verharrt kurz mit seinem Mund dicht über Adams Haut, auf der sich eine leichte Gänsehaut gebildet hat. Und presst dann seine Lippen einfach direkt noch einmal da drauf, diesmal auch ein wenig länger.

„Okay“, murmelt er leise, während er abwartet, ob irgendein Zeichen der Abwehr von Adam kommt. Da das jedoch nicht geschieht, macht er schließlich einfach weiter. Fängt an, seine Lippen mit jedem Abdruck, den er auf Adams Haut platziert, weiter wandern zu lassen. An seinem Hals hinauf und dann an seinem Unterkiefer entlang, bis zu seinem Kinn.

Erst, als er hört, wie Adam durch den leicht geöffneten Mund ganz leise Luft holt, hält er schließlich noch einmal kurz inne und schaut ihm in die Augen. So lange, wie es braucht, um herauszufinden, ob das, was gerade passiert, sich falsch anfühlt. Komisch. Weird. Ob es alles, was sie sich in der letzten Zeit wieder aufgebaut haben, kaputt macht, sprengt oder ad absurdum führt. Ob es wirklich okay ist, diese Tür, wieder aufzustoßen. Noch gibt es ein zurück. Noch ist da die Möglichkeit, alles wie es zuletzt war, zu belassen.

Aber so wie Adam jetzt Leos Blick erwidert, mit einem irgendwie ein bisschen unsicheren und gleichzeitig aber auch verdammt warmen Ausdruck in den Augen, und dann ebenfalls ein leises „Okay“ zurück haucht, fasst Leo den Entschluss, dass es das jetzt einfach ist. Dass er sich über falsch oder richtig keine Gedanken mehr machen kann. Weil es für ihn gerade nichts anderes mehr zu tun gibt, als diese leicht offen stehenden Lippen einfach mit seinen eigenen zu umschließen, erst die obere, dann die untere. Und dann kurz dort zu verharren und abzuwarten, bis Adam ihm entgegenkommt, seinen Mund endgültig mit Leos verschränkt und ihn schließlich mit einer weichen, kleinen Bewegung seiner Zunge dazu einlädt, weiter zu gehen.

Und diesmal gibt es keinen Stromschlag, der sie wieder auseinander katapultiert. Auch sonst passiert nichts, was sich falsch anfühlen würde. Es fühlt sich überraschend einfach und normal an. So normal, wie eine Umarmung. Wie eine Hand auf der Schulter. Ein bisschen, wie nach Hause kommen. Weil ihre Lippen sich halt doch irgendwie noch kennen, trotz all der Zeit die inzwischen vergangen ist. Falls das hier also nicht das Richtige sein sollte, falls es noch etwas Besseres, Passenderes gäbe, was sie tun könnten, um dem, was da zwischen ihnen ist, gerecht zu werden, spielt das in diesem Moment keine Rolle. Es ist schlichtweg jetzt gerade das Bestmögliche und damit mehr als gut genug.
Also machen sie einfach weiter. Weil da kein Raum mehr ist für Zweifel. Kein Raum mehr für irgendetwas was sie auseinander drängen könnte.

Leos Hände krallen sich leicht in Adams Haare und schicken einen angenehmen Schauer über seinen Rücken. Und da sie beide die Augen geschlossen haben, kommt es ihnen auf einmal schon wieder so vor, als wären sie zurückversetzt worden in dieses sonnendurchflutete Wohnzimmer im Haus von Leos Eltern. Und auch diesmal verselbstständigen sich ihre Körper irgendwie, sodass sie schließlich in einer ähnlichen Position landen wie damals. Weil Adam sich unwillkürlich immer mehr zu Leo rüber lehnt und ihn dann ein bisschen nach hinten drückt. Und Leo seine Hände durch Adams Haare hinunter in seinen Nacken gleiten lässt und ihn mit sich nach unten zieht, während er sich selbst längs auf das Sofa hinauf manövriert.

Sie schaffen es sogar ziemlich gut, sich die ganze Zeit irgendwie weiter zu küssen. Oder sich zumindest immer sofort wieder zu finden, wenn sie sich mal kurz voneinander lösen müssen. Bis sie schließlich ankommen, Leo auf dem Rücken und Adam über ihm, auf Händen und Knien. Und während sie sich immer noch so weiter küssen, legt Adam sich irgendwann seitlich in die Lücke zwischen Leos Körper und der Sofalehne und lässt die Hand, die er jetzt frei hat, über Leos Körper wandern. Ohne bestimmte Absicht. Einfach nur, weil sich Leos Körper gut anfühlt und weil er das verdammt nochmal schon sehr, sehr, sehr lange endlich mal tun wollte.
Und trotz dieser absichtslosen Selbstverständlichkeit, mit der er das macht, oder gerade deswegen vielleicht, merkt Leo irgendwie, dass er sich, zumindest für den Moment, in diesem Körper, der ihm zurzeit so unerträglich schwach und fremd vorkommt, doch wieder ein ganz kleines bisschen mehr zuhause fühlt.

Draußen ist es inzwischen dunkel und der angekündigte Regen beginnt mit einem leisen Plätschern den Balkon zu fluten. Aber drinnen auf dem Sofa ist es immer noch ein bisschen so, als hätten sie die Nachmittagssonne von damals zurückgeholt. Und zumindest vorübergehend scheint es, als würden die Schatten der Vergangenheit in diesem Licht tatsächlich ein bisschen an Kontrast verlieren.

Notes:

Kann sein, dass das ein bisschen zu kitschig geworden ist…ich verliere mit den beiden manchmal das Maß für die Dinge, ohne es zu merken, glaub ich... xD

Kleines, etwas verspätetes Shoutout bzw. Dankeschön an AO3-Autor:in absurdisms für die wunderbare Story „sei allem Abschied voran, als wäre er bereits hinter dir, wie der Winter, der eben geht“, die mich sehr inspiriert hat. Auch wenn meine Version der Teenage-Love-Story dann doch eine etwas andere ist, gibt es ja durchaus parallelen :) Die Fic war jedenfalls wirklich schön! <3 ich glaub, absurdisms weilt hier nicht mehr unter uns, bzw. wenn, dann incognito ;) aber lest das, es lohnt sich :)
Hätte das eigentlich schon bei Part 3 -Party Girl anfügen sollen...aber hab es jetzt wenigstens mal nachgeholt.

PS.: Die ganze AI-scraping Geschichte die gerade bekannt wurde treibt mich natürlich auch um...ich bringe es gerade noch nicht ganz fertig, meine Sachen zu sperren und damit meine guests auszuschließen...rede es mir zurecht, indem ich mir sage, dass die AI sicher gelernt hat, sich mehr auf fics zu stürzen, die deutlich populärer sind und dass ich da eh unter dem Radar durchrutsche...aber früher oder später muss ichs vllt doch noch machen mit dem locken… :(