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Intermezzo am See

Summary:

Leo ist wieder arbeitsfähig, aber noch eingeschränkt (was er hasst). Adam verschwindet mal wieder kurz einfach, während sie gerade mitten in einem Fall stecken und wird dafür von Leo ziemlich gründlich durchgeschüttelt. Und dann eskaliert alles irgendwie...aber das war halt auch mal nötig...

>>>Dies ist eigentlich kein OneShot sondern ein weiteres Kapitel meiner Post-EdN Story, die bei Part 1 - „Auftakt“ beginnt.
Die einzelnen Storys funktionieren aber mal mehr und mal weniger gut auch out-of-context. Von daher: Feel free to take it however you like :)

Notes:

Dieser Teil hat mir massives Kopfzerbrechen bereitet...der erste Entwurf steht schon seit Februar. Aber während sich der Rest der Serie weiter entfaltet hat musste ich immer und immer wieder Sachen umschmeißen und ergänzen, weil die ganze Nummer einfach nicht funktioniert hat, so wie ich sie ursprünglich hatte. Ob’s jetzt funktioniert...I don’t know :D

Außerdem bin ich mir darüber bewusst, dass ich mich hier mal wieder in eine gute Tradition einreihe und solche Szenen schon in vielfacher Ausfertigung existieren und auch teilweise in so guter Qualität, dass es schwer ist, da noch was hinzuzufügen...aber ich musste/wollte das trotzdem irgendwie auch selbst einfach nochmal verhandeln. Naja. So halt. Ufff!

Besser als das, was es geworden ist, kriege ich’s grade nicht hin. Ich will aber weiterkommen mit der Serie, also geht das jetzt raus hier! Macht euch euer eigenes Urteil :)

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Mit einem leisen Ächzen schiebt Leo sich von seinem Schreibtischstuhl hoch und geht hinüber zum Fenster. Wäre er nicht gerade alleine hier im Büro, hätte er sich das mit dem Ächzen nicht erlaubt. Aber so nutzt er es eben aus, dass ihn gerade eh niemand hören kann. Dass er sich nicht ganz so zusammenreißen muss, um alle non-stop davon zu überzeugen, dass er wirklich wieder arbeitsfähig ist.
Er zieht unwillkürlich eine Grimasse, als er an die Tests denkt, die er absolvieren musste, um wieder zum Dienst zugelassen zu werden. Nicht, dass er sie nicht bestanden hätte. Aber wie er sie bestanden hat…gerade so eben halt. Wo er sich sonst immer zuverlässig bei allem am oberen Ende der Skala bewegt hat

Ein tiefes, frustriertes Seufzen kommt ihm über die Lippen.

Naja.

So wie es jetzt ist, muss er zwangsweise die Schreibtischarbeit übernehmen und die anderen zu den Außeneinsätzen fahren lassen. Auch wenn er natürlich schon in der Lage wäre, eine Befragung durchzuführen…
Aber, ja, okay.
Natürlich ist er nicht blöd.
Selbst eine harmlos wirkende Befragung kann aus dem Nichts heraus eskalieren. Und deswegen fügt er sich eben seinem Schicksal.

Während er aus dem Fenster auf das Wasser hinaus blickt, fährt er sich gedankenverloren mit den Händen durch den Nacken. Aus reiner Gewohnheit. Doch dann zuckt er zurück und lässt die Arme wieder sinken. Weil sich einfach immer noch alles so falsch anfühlt. Sein ganzer Körper. Normalerweise sollte da ein Widerstand sein, sollten seine Arme sich gar nicht so leicht beugen lassen. Weil da ja eigentlich Muskeln dazwischen sein sollten. Also richtige Muskeln, die sich zumindest ein bisschen bemerkbar machen und seinen Bewegungsradius ein wenig einschränken würden.
Aber da ist kein Widerstand. Alles ist immer noch viel zu frei, viel zu
leicht, viel zu zerbrechlich an ihm. Und auch sein Nacken fühlt sich einfach gar nicht gut an...so ungepolstert und ungeschützt...als würde ein leichter Schlag ausreichen, um ihm die Wirbel zu brechen.

Was natürlich Quatsch ist. Aber zwischen den Tatsachen und dem Gefühl klafft da momentan teilweise eine Lücke, die er nicht so richtig geschlossen bekommt.

Als er nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus zum erstem Mal wieder in seinem Schlafzimmer am Spiegel vorbeigekommen war, hatte er einen fremden Körper vor sich gesehen. Eine optische Bestätigung für den Eindruck, den er eh schon hatte. Nämlich, dass das irgendwie nicht wirklich sein Körper ist, in dem er da gerade haust. Eine Bestätigung, auf die er gerne verzichtet hätte, weil das Gefühl schon schlimm genug ist. Zum Glück ging es mit den körperlichen Einschränkungen immerhin kontinuierlich bergauf seitdem und irgendwann war das befremdliche Gefühl für eine Weile sogar mal wirklich ein bisschen weniger präsent. Einfach weil eh alles anders war. Weil Adam und er sich in so eine Art Ausnahmezustand hineingelebt hatten und der Vergleich mit dem vorher nicht ganz so präsent gewesen war. Außerdem gab es halt einfach nur die eine Richtung – aufwärts.

Aber dann, ohne dass sie es so wirklich gemerkt hatten, wann genau, war die kleine Blase, in der sie sich befunden hatten, wieder geplatzt und die „Normalität“ hatte sie eingeholt. Und somit auch die Tatsache, dass es mit dem Arbeiten auch irgendwann wieder weitergehen muss.

Natürlich hätte Leo sich noch länger krankschreiben lassen können. Oder sich bei den Fitness-Tests ein bisschen weniger anstrengen können.
Aber es wäre ihm irgendwie falsch vorgekommen. Sein Körper fühlt sich zwar scheiße an, aber er funktioniert ja schließlich wieder. Mehr oder weniger. Wobei das weniger ihm jetzt, auf der Arbeit, doch nochmal mehr auffällt als zuhause. Und ihm eben mehr zu schaffen macht, als er sich eingestehen will.

Auf dem besten Weg dahin, sich seine kurze Arbeitspause mit sinnlosen, negativen Gedankenspiralen zu ruinieren, wird Leo durch die aufspringende Bürotür wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt.

„Hi! Wo hast du denn Adam gelassen?“, fragt er, während Esther das Büro betritt und ihre Jacke über einen Stuhl wirft.

„Ich dachte eigentlich, dass der schon wieder hier wäre...der wollte nur nochmal mit der...Freundin...?“
Esther unterbricht sich kurz und zieht vielsagend die Augenbrauen hoch, bevor sie den Satz beendet.
“...von unserer Verdächtigen reden. Er glaubt, dass die irgendwas weiß, was sie uns verheimlicht.“
Sie zuckt mit den Schultern. „Ich bin dann alleine weiter zu Frau Wenzel gefahren, weil mir noch ein paar Fragen gekommen waren. Kann ich dir gleich erzählen.

Auf dem Weg zu Kaffeeautomaten wirft sie Leo nochmal einen Blick zu. „Ist Pia immer noch im Archiv?", fragt sie beiläufig, während sie dabei zuschaut, wie die schwarze Brühe in ihre Tasse läuft.

„Ja“, murmelt Leo und zückt sein Handy, um Adams Nummer zu wählen. Eine Weile lang hört er dem monotonen Klingeln zu. Dann legt er wieder auf.

„Der ist wohl immer noch dabei, diese Kira Zernial mit seinem überwältigenden Charme aus der Reserve zu locken“, hört er Esther sagen. Ihre Mundwinkel zucken ein kleines bisschen nach oben und Leo fühlt sich irgendwie ertappt. Was er normalerweise mit Humor genommen hätte. Aber in seinem momentanen, ohnehin irgendwie fragilen Zustand, fühlt es sich doch eher unangenehm an. Er entschließt sich, erstmal nichts weiter dazu zu sagen.

Esther wirft einen Blick auf ihre Uhr. „Okay, also bis zur Teambesprechung mit den anderen haben wir noch eine Stunde. Das Alibi von Frau Felske scheint ziemlich wasserdicht...jedenfalls bestätigen mehrere Leute, dass sie an dem Abend dort im Ruder-Club war. Was machen wir jetzt? Hast du noch irgendwas Sinnvolles rausfinden können hier?

Leo fährt sich mit einer Hand über das Gesicht, in dem Versuch, jegliche Gedanken an Adam vorerst aus seinem Hirn zu wischen. „Nicht so richtig“, erwidert er. „Ich würde sagen, du trinkst jetzt deinen Kaffee und dann sortieren wir nochmal alles, was wir bisher so haben.“

Als Pia eine Stunde später im Präsidium eintrifft, wird Adams Fehlen schon ein bisschen zu auffällig, um es einfach weiter wegzuschieben. Die Tatsache, dass er auf seinem Handy nach wie vor nicht erreichbar ist, macht es auch nicht gerade besser. Leo bemüht sich, cool zu bleiben, in der Hoffnung, dass Adam jeden Moment hereinspaziert kommen könnte. So als wenn nichts gewesen wäre. Was ja zu diesem Zeitpunkt auch durchaus noch drin wäre. Noch im Rahmen dessen, was man als „Nichts“ gelten lassen kann.
Doch es liegt eine gewisse Unruhe
in der Luft. Einfach, weil alle im Raum sich unwillkürlich daran erinnern, dass sie genau so eine Situation schon einmal hatten…
Und niemand von ihnen scharf darauf ist, die Erinnerung an damals wieder aufzufrischen...

Nachdem eine ganze Weile verstrichen ist, ohne dass sie von Adam auch nur den Hauch eines Lebenszeichens bekommen haben, gestehen sie sich schließlich ein, dass es keinen Sinn macht, das Thema weiter unter den Tisch zu kehren.

Geh doch nachschauen, ob er vielleicht einfach zuhause vorbei gegangen ist“, schlägt Pia vor. Sie versucht es mit einem schiefen Lächeln, das nicht ganz so ermutigend daherkommt, wie es gemeint ist.Vielleicht hat er sich mit der Zernial gezofft und sie hat ihn in die Saar geschubst, sodass er kurz Klamotten wechseln gehen musste. Oder sein Akku ist fast leer und er hat sein Ladegerät vergessen oder so...Keine Ahnung. Ich mache hier solange mal ein bisschen weiter und halte die Stellung und du - “
Sie schaut Esther an.
„Kannst ja vielleicht…?“

Esther verdreht die Augen zur Decke und seufzt. „Der Typ macht mich wahnsinnig“, murmelt sie. Dann schaut sie Pia an und muss ein bisschen lächeln. Nicht, weil sie jetzt weniger genervt wäre, sondern wegen Pias Blick. Wegen diesem etwas bemühten Lächeln. Und weil sie natürlich genau weiß, dass Pia irgendwie auch Recht hat mit ihrem Vorschlag. Es schon nicht völlig unangemessen ist, da jetzt ein bisschen nachzuforschen, weil so mitten in den Ermittlungen zu einem Mordfall ja durchaus jederzeit etwas Unvorhergesehenes passieren kann.

Okay“, stimmt sie mit einem erneuten Seufzen zu. „Ich kann nochmal bei der Zernial vorbeifahren und mich erkundigen, ob Schürk da wirklich war und wann er da los ist.“ Sie wirft Leo einen kurzen Blick zu.
Zisch schon ab. Je eher wir dieses Nebenproblem geklärt haben, umso schneller können wir hier weitermachen. Wir melden uns, wenn wir was rausfinden.“

Gut“, gibt Leo mit einem knappen Nicken zurück. „Wir bleiben in Kontakt.“

Dann schnappt er sich seine Jacke und macht sich auf den Weg.

...

In der Wohnung stolpert er zunächst fast über Adams Rucksack, der, fertig gepackt, mitten im Flur steht. Irgendetwas daran lässt direkt eine unschöne Beklommenheit in ihm aufkommen. Es wirkt so, als hätte Adam vorgehabt zu gehen.
Auszuziehen.
Aber
wenn er sich tatsächlich von jetzt auf gleich in den Kopf gesetzt hätte, sich für die kommende Nacht ins Hotel zu verabschieden, hätte er ja diesen Rucksack nicht hier stehen lassen...?

Eine unwillkürliche Spannung macht sich in Leos Körper breit. Vorsichtshalber zieht er die Waffe aus dem Holster und entsichert sie, während er mit langsamen, bedachten Schritten weiter in die Wohnung vordringt. Er scannt einen Raum nach dem anderen gründlich ab. Doch da ist niemand. Auch sonst kann er nichts finden, was auf einen Kampf oder ähnliches hindeutet. Oder darauf, dass Adam vielleicht bedroht worden wäre. Eigentlich sieht alles total normal aus. Genauso, wie sie die Wohnung heute morgen verlassen haben.

Nur im Wohnzimmer steht ein halbvolles Wasserglas auf dem Tisch, das da vorher nicht stand. Und…

Adam hat das Bettzeug auf dem Sofa abgezogen und ordentlich zusammengefaltet. Was Leo jetzt doch einen leichten Schock versetzt, weil der Anblick einfach so...ungewohnt ist.

Er geht hinaus auf den Balkon und schaut sich auch hier noch einmal gründlich um. Nichts. Also sichert er seine Waffe wieder und steckt sie zurück ins Holster. Dann fährt er sich mit den Händen durch die Haare und atmet einmal tief durch.
Okay. Adam hat irgendwann im Laufe des Tages scheinbar beschlossen, auszuziehen. Gut. Theoretisch ist es ja vielleicht eigentlich auch an der Zeit dafür. Also ganz normal eigentlich. Weil diese inoffizielle WG-Situation ja jetzt schon echt lange anhält, ohne dass sie darüber jemals so wirklichgeredet haben.
Aber hätte Adam dann nicht vielleicht morgens mal kurz was sagen können?

Leo lässt sich auf das Sofa fallen und starrt durch die Balkontür hinaus. Dann seufzt er tief und beantwortet sich seine Frage selbst.

Nein. Natürlich nicht .

Weil das einfach noch nie Adams Art war. Etwas im voraus zu planen und dann offen zu kommunizieren. Weil Adam halt einfach aus einem Impuls heraus macht, was er gerade für nötig hält. In diesem Fall also, die Zelte hier abbrechen, von einem Moment auf den anderen. Weil es ihm vermutlich einfach ein bisschen zu eng geworden ist hier. Durchaus nachvollziehbar. Vor allem, da er ja jetzt schon seit einer Weile wieder auf diesem nur so mäßig bequemen Sofa schläft. Seit dieser einen Nacht halt.

Dieser Nacht, wo Leo irgendwann ganz früh morgens kurz wach geworden war und festgestellt hatte, dass Adam im Schlaf irgendwie sehr nah an ihn herangerutscht war und einen Arm um ihn gelegt hatte. Vielleicht aus dem Grund, dass Leo mal wieder ’nen Alptraum hatte und Adam im Halbschlaf versucht hatte, ihn wachzurütteln. Und dann eben so liegen geblieben und wieder eingeschlafen war.

Leo selbst kann sich nicht daran erinnern, ob er in dieser Nacht etwas bestimmtes geträumt hatte. Vielleicht hatte er sich aber auch einfach nur im Schlaf herumgewälzt und Adam damit wahnsinnig gemacht, sodass der sich nicht anders zu helfen wusste, als ihn festzuhalten. Was auch immer. Jedenfalls war es nach dem ersten Moment der Überraschung irgendwie ein verrücktes Gefühl gewesen. Ein bisschen surreal. Irgendetwas daran hatte sich wahnsinnig vertraut angefühlt. Hatte Leo zurückkatapultiert in eine Zeit, die sehr kurz und sehr kostbar gewesen war. Eine Zeit, an die er versucht, möglichst nicht zu denken. Die er schon oft versucht hat, einfach zu vergessen. Vollkommen vergeblich, natürlich.

Lange hatte der Moment nicht gedauert, denn Adam war kurz darauf auch wach geworden. Weil Leo sich ein kleines bisschen bewegt hatte. Und war dann wie von einem Stromschlag getroffen zusammengezuckt, hatte Leo sofort losgelassen und sich wie ein verschrecktes Tier blitzschnell auf die andere Seite des Bettes hinüber gerollt. Einen kurzen Moment lang hatten sie sich im Halbdunkel des durch die schrägen Jalousien hineindringenden Morgendunstes angeschaut. Und dieser Blick von Adam war mal wieder einer von der Sorte, die sich für immer in Leos Netzhaut eingebrannt haben. Den Leo auch jetzt, über eine Woche später, immer noch genau vor sich sieht. Weil Adam so gehetzt aussah und gleichzeitig so traurig irgendwie. Eine unmögliche, ziemlich schmerzhafte Mischung

Kurz darauf hatte Adam sich dann umgedreht und nur noch ein leises, etwas schroffes „Sorry.“ von sich gegeben. Und Leo war irgendwie zu perplex gewesen von der ganzen Situation, um etwas zu erwidern. Obwohl er eigentlich doch gerne irgendwas gesagt hätte. Weil da das Gefühl war, dass er etwas hätte sagen müssen. Aber als ihm dann ein paar Dinge eingefallen waren, die er vielleicht hätte sagen können, war Adam schon wieder eingeschlafen. Jedenfalls wirkte es so, als würde er schlafen. Und Leo hatte das Gefühl, den Moment verpasst zu haben.
Naja
. Am nächsten Tag war Adam dann jedenfalls wieder auf das Sofa zurückgezogen.
Eben dieses Sofa, auf dem Leo jetzt gerade sitzt.

Er reißt sich aus den Gedanken heraus, stützt sich an der Seitenlehne ab und schiebt sich hoch. Die Tatsache, dass er sich überhaupt abstützen muss, lässt ihm schon wieder ein bisschen die Galle hochkommen, aber diesmal ist das Gefühl fast ein bisschen willkommen. Es ist ein Elend, das ihm immerhin ein wenig vertraut ist inzwischen. Ganz im Gegensatz zu dem anderen Elend, das hier gerade dabei ist, sich anzubahnen…

Eine Weile lang wandert er ratlos in der Wohnung herum und sucht noch einmal nach Hinweisen. Nach irgendetwas, das ihm verraten könnten, wann genau Adam eigentlich hier war und wohin er so plötzlich aufgebrochen sein könnte. Aber er findet nichts.
Also holt er sein Handy hervor, um es noch einmal bei Adam zu versuchen. Doch genau in dem Moment, wo er das Display entsperrt, beginnt sein Telefon zu vibrieren.

„Esther? Was gibt’s? Hast du was rausgefunden?“, meldet er sich ein wenig atemlos.

Wie man’s nimmt“, kommt es zurück. „Warte kurz…“
Am anderen Ende der Leitung sind Schritte zu hören. Dann das Schlagen eine Autotür. Nervös beginnt Leo im Wohnzimmer auf und ab zu tigern.
„Leo? Bist du noch dran?“

Leo gibt ein ungeduldiges Schnauben von sich. „Ja, verdammt. Jetzt rede schon. Warst du bei der Zernial? Was hat die gesagt?“
Sofort wird ihm klar, dass weder sein Tonfall noch seine Ungeduld Esther gegenüber fair sind. Aber zum Glück weiß er, dass sie das an sich abprallen lässt. Und ist in diesem Moment unendlich dankbar dafür.

Ich war dort. Ja. Hab nochmal kurz mit der gesprochen. Und Adam war tatsächlich auch vorher bei ihr. Hat er sich inzwischen bei dir gemeldet?“

Leo bemüht sich, einigermaßen ruhig und sachlich zu bleiben, auch wenn ihm das mit dem Informationsfluss gerade deutlich zu stockend vor sich geht. „Nein.“, entgegnet er nachdrücklich und hofft, mit seinem Tonfall klar zu machen, dass er jetzt gerne sämtliche relevanten, neuen Erkenntnisse möglichst kompakt und ohne weitere Nachfragen bekommen würde. Doch zu seinem Ärgernis schweigt Esther erstmal für einen Moment, was eigentlich so gar nicht ihre Art ist.

„Warum? Was ist denn los?“, hakt er nach, während in ihm etwas zu brodeln und von unten gegen den Deckel zu drücken beginnt, den er versucht, fest von oben darauf zu pressen.

Am anderen Ende der Leitung holt Esther tief Luft.

Adam hat mich gerade angerufen. Wir haben uns kurz über die Zernial ausgetauscht. Und ich glaube, er hat Recht, Leo. Mit der stimmt irgendwas nicht. Die lügt uns an. Und sie macht das gut, ohne mit der Wimper zu zucken. Wir müssen uns was einfallen lassen, wie wir die knacken. Das wird nicht leicht. Aber wenn uns das gelingt, könnte das der Schlüssel zur Aufklärung dieses Falles sein!“

Leo erstarrt und bemüht sich, die Informationen, die jetzt zwar endlich in einem angemessenen Tempo kommen, aber dafür plötzlich etwas Erschlagendes an sich haben, zu verarbeiten.

Bist du noch dran?“, hört er Esthers Stimme aus dem Handy.

„Warum hat der sich nicht bei mir gemeldet?“, murmelt Leo gedankenverloren in sein Handy hinein, mehr zu sich selbst als zu Esther, die es aber natürlich trotzdem mitbekommt.

Sie seufzt. „Keine Ahnung. Sag du es mir. Ist da schon wieder irgendwas los zwischen euch?“

Leo runzelt irritiert die Stirn und schüttelt den Kopf. Dann fällt ihm ein, dass Esther das ja gar nicht sehen kann. „Nein. Nichts“, erwidert er verwirrt.

Erneut hört er Esther genervt ausatmen. „Ich hab mich echt bemüht, mal zu ihm durchzudringen vor ner Weile. Aber ich geb’s so langsam auf. Der ist einfach beratungsresistent. Ich hatte kurz die Hoffnung, dass sich da irgendwie mal was ändert bei ihm nach all dem, was passiert ist. Aber scheinbar sind wir jetzt einfach back-to-business. Er macht halt sein Ding und angemessene Kommunikation ist ihm weiterhin ein Fremdwort. Naja. Immerhin hat er sich wegen dem Fall gemeldet...wenn er schon nicht in der Lage ist, zur Teambesprechung zu kommen, weil ihm irgendwie ’ne Laus über die Leber gelaufen ist oder was auch immer…

Für einen Moment ist Leo versucht, Esther entgegen zu halten, dass Adam tatsächlich gar nicht so beratungsresistent ist, wie es scheint. Und dass sich sehr wohl einiges geändert hat, nach all dem was passiert ist. Dass Adam sogar den einen oder anderen Rat von Esther befolgt hat. Dass sich auch in der Kommunikation zwischen ihnen irgendwie was verändert hat. Und dass es Leo eben darum jetzt gerade schon sehr irritiert, dass Adam einfach hinter seinem Rücken agiert und sich nicht meldet. Aber da das alles irgendwie zu privat ist, lässt er Esthers Aussage doch lieber einfach mal so stehen.

„Danke, Esther. Hat Adam dir gesagt wo er ist? Wann er vor hat, zurück ins Präsidium zu kommen oder so?“

Sie gibt ein Schnauben von sich. „Ne. Das meine ich ja, von wegen Kommunikation. Er hat nur gemeint, er meldet sich. Dann hat er aufgelegt, bevor ich ihm meine Meinung geigen konnte.“

„Fuck“, entfährt es Leo unvermittelt. Er schließt die Augen und massiert sich mit der freien Hand die Schläfen, hinter denen jetzt seine Gedanken zu rattern beginnen. „Okay. Hast du irgendeinen Verdacht? Hat die Zernial irgendwas gesagt, was ’nen Hinweis geben könnte darauf, wo der hingefahren ist nachdem er bei ihr war? Oder hast du im Hintergrund was gehört? War der im Auto unterwegs während ihr telefoniert habt?“

Esther atmet tief ein und aus.

Du willst den jetzt einsammeln gehen, oder wie? Leo. Bleib professionell, bitte. Lass ihn. Wir haben hier einen Fall zu bearbeiten. Und wenn er nicht dazu in der Lage ist, sich normal an der Teamarbeit zu beteiligen, dann muss man halt im Nachhinein gucken, was man daraus macht. Ich finde es keine gute Idee, wenn du jetzt alleine durch die Gegend fährst, um den zu suchen. Wir könnten dich gerade auch im Präsidium gebrauchen!“

Leo fährt sich mit den Fingern durch die Haare. Dann macht er ein paar Schritte zum Sofa hinüber und starrt das ordentlich zusammengefaltete Bettzeug an.

„Okay. Du hast Recht“, murmelt er. „Wir treffen uns gleich im Präsidium. Vielleicht kriegt Adam ja noch die Kurve und kommt da auch demnächst mal hin.“

...

Zurück im Präsidium tauschen sie sich zu dritt über Esthers and Adams Vedacht in Bezug auf Kira Zernial aus und versuchen eine Strategie zu entwickeln, um sie zu knacken. Nach einer Weile kommt eine Nachricht von Adam auf Esthers Handy, in der er ebenfalls ein paar weitere Ideen beisteuert. Nicht gerade schlechte Ideen. Nur der Weg, auf dem sie kommen ist denkbar schlecht.
Leo bemüht sich, mit aller Kraft gegen die Wut an zu atmen, die konstant weiter am köcheln ist in ihm und sich schwerer und schwerer im Griff behalten lässt. Er widersteht ein paar mal dem Verlangen, sich Esthers Handy zu schnappen und Adam damit anzurufen, um ihn mal zu fragen, was zum Teufel das für eine bescheuerte Show werden soll, die er da gerade abzieht. Stattdessen überlässt er es aber Esther, zu antworten, dass Adam gefälligst einfach mal seinen Arsch zurück ins Präsidium bewegen soll. Was er aber natürlich nicht tut.

Als die Abenddämmerung so langsam einsetzt haben sie schließlich einen groben Plan für den nächsten Tag ausgearbeitet. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass sich im Laufe der Nacht nicht noch alles wieder ändern könnte.

„Wir müssen die Kira im Auge behalten. Wenn die uns heute Abend untertaucht, dann haben wir morgen ein Problem“, murmelt Pia.

„Ich mach das“, wirft Esther ohne zu zögern ein. „Und ihr zwei Invaliden nehmt euch vielleicht mal eine Auszeit, dann sind wenigstens zwei von drei Leuten morgen ausgeschlafen.“

„Kommt nicht in Frage!“, protestiert Pia. „Ich bin schon lange wieder voll einsatzfähig! Nix da. Wird Zeit, dass du dir das wieder abgewöhnst, ständig solche Sprüche zu bringen!“

Esther wirft ihr ein Schmunzeln zu. „Okay“, räumt sie ein. „Dann bleib halt hier und mach weiter, falls du denkst, dass du noch was findest, was wir übersehen haben. Wir bleiben in Kontakt. Gut?“

Ein Lächeln huscht über Pias Gesicht. „M-hm. Gut“, erwidert sie mit einem gespielt beleidigten Unterton, der so klingt, als wäre Esther jetzt aber gerade mal so ganz haarscharf noch davongekommen.

Leo wendet sich ab und starrt aus dem Fenster auf den Farbverlauf, den die untergehende Sonne an den Himmel wirft. Eine Wolkenwand ist dabei, am Horizont heraufzuziehen.

„Ich bleib auch hier“, stellt er fest, ohne sich große Mühe zu geben, zu verbergen, dass er von der Aussicht nicht gerade begeistert ist. Weil eine kleine Beschattungsaktion jetzt eigentlich genau die Abwechselung bieten würde, die er gerade gebrauchen könnte.

„Ich dachte eigentlich, dass du jetzt mal unseren vierten Mann zurück ins Team holst“, schlägt Esther nüchtern vor. „Vielleicht ist der ja inzwischen nach Hause gekommen.“

Leo schüttelt den Kopf. „Das glaubst du doch selbst nicht.“

„Der hat doch seinen Kram noch bei dir, Leo. Irgendwann muss der ja zurückkommen!“, wirft Pia ein.

„Ja. Kann sein“, gibt Leo zurück und verzieht den Mund. Dann zuckt er mit den Schultern, in einem Versuch, die vor sich hin köchelnde Wut unter dem Deckel in seinem Inneren auf magische Art und Weise in Gleichgültigkeit zu verwandeln. Natürlich vergeblich. „Aber er hat ’nen Schlüssel“, fügt er dann hinzu. „Ich werd jetzt nicht da hin fahren und die ganze Nacht warten, bis er sich bequemt da aufzukreuzen. Schon gar nicht, wenn ich in der Zeit hier im Präsidium Sinnvolleres tun kann.“

Pia seufzt. „Ja. Stimmt. Da hast du irgendwie Recht. Na dann.“

Esther, die sich inzwischen ihre Jacke übergeworfen hat und bereits an der Tür steht, dreht sich noch einmal zu ihnen um und schüttelt verständnislos den Kopf. Dann blickt sie Leo an, der ihrem Blick gerne ausweichen würde. Weil sie einfach so Recht hat mit allem, was darin mitschwingt. Weil er weiß, dass er sich jetzt wirklich was einfallen lassen muss, wie er mit dieser Nummer umgeht. Und dass das nicht mit einem „Sorry“ von Adams Seite her getan sein wird, weil es hier nicht nur um sie beide geht, sondern um das ganze Team...

Esthers Handy vibriert und reißt sie alle aus ihren Gedanken heraus. Nach einem kurzen Blick auf das Display verdreht Esther sofort die Augen.

„Von Adam?“, erkundigt sich Pia vorsichtig.

Esther nickt. „Er schlägt vor, dass Leo das Gespräch mit der Zernial morgen übernehmen sollte. Angeblich weil er glaubt, dass Leo am besten verstehen wird, wie die tickt oder so...dass er die besten Chancen hat, zu der durchzukommen...ach, keine Ahnung. Mir wird das alles zu blöd hier jetzt. Das kann er dir mal schön selbst erklären. Ich bin jetzt hier raus!“
Sie zuckt genervt mit den Schultern und steckt das Handy zurück in ihre Tasche, bevor sie Leo wieder den Blick zu wendet.

„Was spielt der für ein Spiel mit uns?“, knurrt Leo missmutig.

Ich check das auch nicht mehr“, erwidert Esther. „Bei dem ist mal wieder ’ne Sicherung durchgebrannt. Ich könnte ihm echt den Hals umdrehen. Wahrscheinlich gönnt er sich grad ’ne entspannte Auszeit am See irgendwo. Ich hatte fast das Gefühl, dass ich da am Telefon vorhin im Hintergrund ein leises Plätschern und das Quaken von Fröschen oder so gehört habe. Aber vielleicht hab ich mir das auch nur eingebildet.“ Sie presst die Lippen aufeinander. „Möchte ich auch gerne mal machen. Entspannt in der Sonne sitzen und ab und zu mal ’nen Gedanken per Nachricht rüber wachsen lassen, wenn mir gerade was einfällt…“

Sie unterbricht sich und starrt Leo an, auf dessen Gesicht sich gerade eine Erkenntnis breit zu machen beginnt.

Leo? Was hast du?“, fragt sie stirnrunzelnd. Auch Pia mustert ihn jetzt mit einem neugierigen Ausdruck.

Leo nimmt einen tiefen Atemzug und lässt die Luft mit einem Schnauben entweichen, dass nicht nur genervt, sondern jetzt auch entschlossen, fast schon ein bisschen angriffslustig klingt. Dann blickt er zwischen Esther und Pia hin und her. „Ich hab ’ne Ahnung, wo der sein könnte. Habt ihr das hier gerade im Griff erstmal? Wirklich?“

Beide nicken.

„Gut. Falls was ist, meldet euch. Mein Akku ist aufgeladen. Wir sehen uns spätestens morgen früh wieder hier. Wie vereinbart.“

„Alles klar“, gibt Pia zurück und schenkt ihm noch ein solidarisches Lächeln. „Viel Erfolg.“

„Danke“, erwidert Leo mit einem etwas gequälten Ausdruck. Dann schnappt er sich seine Jacke und schiebt sich an Esther vorbei durch die Tür.

„Sag mal Bescheid, wenn du ihn gefunden hast. Nur damit wir wissen, woran wir sind!“, ruft sie ihm hinterher.

„Mach ich“, wirft Leo über die Schulter zurück, während er sich mit raschen Schritten in Richtung Treppenhaus aufmacht.

...

Als Leo den abschüssigen Weg zum alten Angelplatz hinunterläuft, kann er die Gestalt im weißen T-Shirt schon von hinten eindeutig erkennen. Die Jeansjacke, die ein Stück weiter auf dem Boden liegt, ist mehr Bestätigung als ein notwendiger Hinweis. Er presst kurz die Lippen aufeinander und zieht die Luft durch die leicht bebenden Nasenlöcher ein. Dann hält er inne, zückt sein Handy und schreibt eine kurze Nachricht an Esther, bevor er die letzten paar Meter hinter sich bringt.

„Was soll das, Adam?!“

Noch nie war er in letzter Zeit so dankbar dafür, dass seine Stimme wieder so klingt, wie sie klingen sollte. Dass sie in der Lage ist, seine Wut ungefiltert zu transportieren. Genau so, wie sie gerade aus ihm herausbricht. Herausbrechen muss, weil er sonst vielleicht gleich explodieren würde...

...

Adam schweigt und schaut weg. Vor ihm liegt der See, dessen Oberfläche glatt, ruhig und dunkel da liegt, während das Licht am Himmel langsam aber stetig ausgeht. Er ist ein wenig dankbar für die herannahende Dunkelheit, die ihre Blicke abpuffert. Leos Blick vor allem, dem er gerade nicht standhalten kann. Leos Blick der sich in seine Schläfe bohrt.

Leos Stimme jedoch wird durch nichts abgepuffert, sondern durchschlägt das Dämmerlich klar und deutlich. Er ist sauer, offensichtlich. Klar. Logisch. Irgendwie ist das alles gerade ziemlich schlecht gelaufen. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, vorhin ins Präsidium zurückzukehren. Über den Fall zu sprechen und alles andere unter dem Tisch zu halten. Easy. Der Standardweg. Nur fühlt sich heute alles so fucking anstrengend an. Weil er auch einfach so erschöpft ist, wovon auch immer. Und irgendwie hat er auch noch Kopfschmerzen…

Es wäre nett gewesen, wenn dieser Fall ein bisschen anders gestrickt wäre. Weil er irgendwie nicht mehr so richtig auseinanderbekommt, wo der Fall aufhört und andere Themen anfangen...Weil es sich alles so anfühlt, als würde er auf einem ganz schmalen Grat gehen. Und da die Zweifel sind. Die nie ganz weg waren natürlich, aber schon ein ganzes Stück unscheinbarer geworden waren in letzter Zeit. Bis sie jetzt plötzlich eben doch wieder sehr laut geworden sind. Und er dadurch in einer Art Zwickmühle gefangen ist. Zwischen dem, was er eigentlich will, was er sich und Leo versprochen hat, und der nagenden Erkenntnis, dass das alles gar nicht aufgehen kann. Dem Gefühl, dass es jetzt höchste Zeit ist, der Realität ins Auge zu sehen und hier weg zu kommen, diesmal endgültig.

Normalerweise wäre er jetzt schon weg vermutlich. Aber irgendwie ist seit allem, was die letzten Wochen passiert ist, nichts mehr normal. Und das Weggehen fühlt sich nicht mehr so einfach an, wie er es gewohnt ist. Geht ihm nicht mehr so leicht von der Hand. Natürlich nicht. Weil er sich den Weg ein bisschen auch selbst versperrt hat. Aber das Bleiben fühlt sich irgendwie heute genauso unmöglich an. Woher jetzt vermutlich auch die Kopfschmerzen kommen. Weil er hier versucht, eine Gleichung zu lösen, die gar nicht gelöst werden kann. Vielleicht wäre es trotzdem besser gewesen, zurückzugehen und alles mit Gewalt noch einmal aufzuschieben. Auf nach dem Fall oder so. Weil er jetzt zugegebenermaßen schon ganz schön lange hier sitzt und ihm der See auch keine Antworten gibt…

Naja.

Zu spät.

Jetzt ist sowieso erstmal Schluss mit nachdenken. Weil ihn Leo eingeholt hat und ihm nur noch bleibt, mit den Tatsachen zu dealen, die er heute hier geschaffen hat. Ja. Fuck.

Aber wie?

...

„Hey! Rede mit mir!“

Leo lässt sich neben Adam auf den Boden fallen, legt sein Handy beiseite und packt Adam an der Schulter, um ihn durchzuschütteln. Nicht allzu heftig. Weil er so viel Kraft ja dann auch noch nicht wieder hat. Aber eigentlich ist das auch nicht so relevant. Er will antworten, kein Handgemenge.

Adam schluckt.

„Wir stecken mitten im einem Fall drin und du...verschwindest einfach und ignorierst mich einen halben Tag lang, kommst nicht zur Teambesprechung und ziehst einen komischen Ego-Trip ab?“

Leos Stimme ist lauter geworden. Er schreit fast. Es fühlt sich immer noch verdammt gut an, dass sich wenigstens dort etwas entladen kann.

...

Adam zuckt zusammen, senkt den Blick noch weiter und presst die Augenlider so fest aufeinander, als könne er seine Augen dadurch tief in seinen Kopf hinein versenken und einfach so tun, als wäre er nicht mehr hier. Aber das funktioniert natürlich nicht. Leo lässt ihn nicht los. Im Gegenteil. Er packt ihn jetzt auch noch an der anderen Schulter, dreht ihn energisch zu sich herum und schüttelt ihn wieder durch.

Adams Kiefer spannt sich an. „Ja“, entgegenet er schließlich knapp. „Vielleicht solltest du mich vom Dienst suspendieren und ein Disziplinarverfahren gegen mich einleiten. Esther würde dich darin sicher unterstützen“, knurrt er und wirft Leo einen harten, verschlossenen Blick zu.
Von dem sich Leo allerdings nicht so richtig beeindrucken lässt…

„Hör auf so eine Scheiße zu reden!“, bekommt er stattdessen zurück.

Das Schütteln hört nicht auf. Adam macht einen etwas halbherzigen Versuch, sich aus Leos Griff herauszuwinden. „Hör auf damit, Leo. Lass mich los. Lass mich doch mal einen Moment lang in Frieden und hör auf, mir immer sofort hinterher zu rennen.“

...

Leo hört tatsächlich kurz auf zu Schütteln. Er lässt aber nicht los. Die Worte treffen etwas, was tiefer geht, weiter führt, als diese konkrete Situation. Er schließt nun auch die Augen und schüttelt den Kopf, um das Gefühl zu vertreiben, was in ihm hochkommt.

„Das kann ich nicht!“, flüstert er nur.

Für einen Moment hört man nur das Atmen, während sie mit geschlossenen Augen dasitzen. Adam, der die Zähne aufeinanderpresst und den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern hängen lässt. Und Leo, der ihn an eben diesen Schultern festhält und jetzt ebenfalls zu Boden blickt.

„Warum nicht?“, fragt Adam schließlich in die Stille hinein. „Sei doch mal smart, Leo. Die Wege die ich gehe, führen meistens eh in die Scheiße, das weißt du. Andere Leute schaffen das doch auch, zu erkennen, wann sie jemanden mal seinem Schicksal überlassen und sich lieber um ihr eigenes Leben kümmern sollten. Nimm dir ein Beispiel an den smarten Leuten, Leo und nicht an denen, die sehenden Auges ins Verderben rennen.“

Leo runzelt die Stirn. Er kann Adam irgendwie nicht folgen.

„Was? Woran soll ich mir ein Beispiel nehmen? Was redest du da, Adam?“, murmelt er, während er Adam loslässt und ihn einfach nur verwirrt anstarrt.

Aber anstatt zu antworten, wechselt Adam unvermittelt das Thema. „Wir haben das Alibi von Lena Felske überprüft.“

„Ja, das weiß ich doch. Wir hatten ’ne fucking Teambesprechung!“, entgegnet Leo schnaubend. „Aber das ist schon ewig her. Was hast du denn die ganze Zeit gemacht, verdammt?“

Adams Blick weicht zur Seite aus. Er schielt auf das Wasser. „Ich bin nochmal zu der Freundin hin. Klar, die Leute aus dem Ruder-Club haben das Alibi alle bestätigt, aber ich hatte das Gefühl, dass da irgendwer uns noch irgendwas verheimlicht. War einfach so ein Instinkt.“

Leo rollt mit den Augen. Warum erzählt Adam ihm jetzt Dinge, die er eh schon weiß, anstatt mal endlich mit ein paar Erklärungen und vielleicht auch wenigstens dem Versuch einer Rechtfertigung rüber zu rücken? „Ja, ja, das weiß ich auch! Im Gegensatz zu dir hat Esther kein Problem damit, mit mir zu reden und mich über neue, relevante Informationen auf dem Laufenden zu halten!“, gibt er verärgert zurück. „Aber was war dann? Warum bist du nicht zurück ins Präsidium gekommen, um alles Weitere mit uns zu besprechen?“

Adam zögert.

„Wir ermitteln hier im Team, Adam, falls dir das entgangen sein sollte!“, schnaubt Leo und fängt sich einen weiteren abweisenden Blick ein.

„Weil da nix rausgekommen ist, verdammt!“, knurrt Adam zurück.Ich hab Esther alles gesagt. Und dann hab ich mich da nochmal ein bisschen umgesehen. In der Gegend, wo die wohnt. Bin einem spontanen Verdacht nachgegangen. Aber konnte nichts finden, was das bestätigt hätte. Aber eins kann ich dir sicher sagen: Kira Zernial würde ihre Freundin decken, egal was sie tut. Und sie ist gerade auf dem Weg, sich selbst damit richtig tief in die Scheiße zu reiten. Denn sie wird von ihrer lieben Lena nicht viel Dank dafür bekommen...selbst wenn sie für die in den Knast oder ins Grab geht.

Leo entschließt sich dafür, den Blick, den Adam ihm zu wirft, zu ignorieren. Er presst die Lippen aufeinander, schließt die Augen und atmet einmal tief ein und aus. „Wie lange warst du überhaupt bei der? Zwischen dem Moment, wo du dich von Esther getrennt hast und eurem Telefonat lagen doch mindestens zwei oder drei Stunden! Was hast du denn alles mit der besprochen? Oder warst du zwischendurch noch wo anders?“

Kaum, dass er die Worte ausgesprochen hat, kommt ihm die Antwort auf seine Frage selbst in den Kopf. Natürlich war Adam in der Zwischenzeit nochmal wo anders. Zuhause nämlich. Um zu packen. Und dann...seinen Rucksack im Flur stehen zu lassen…? What the fuck?

Adam schüttelt stumm den Kopf und Leo spürt, wie eine neue Welle des Ärgers in ihm aufwallt.

„Und du sitzt jetzt also echt hier einfach schon den halben Tag lang rum und chillst, während wir alle arbeiten, oder wie?“

Ich bin noch gar nicht so lange hier!“, faucht Adam. „Und wie gesagt, ich musste einfach mal kurz ein bisschen nachdenken. Alleine! Und ich hab über den Fall nachgedacht, Leo. Das hast du ja wohl mitbekommen, oder nicht?“

Leo schüttelt ungläubig den Kopf.

„Das war ja wohl ’ne Verarschung, Adam. Wir hatten alle drei das Gefühl, dass du uns gerade ein bisschen für dumm verkaufen willst!“

Adam wendet sich zu ihm um und diesmal zuckt Leo nun doch ein bisschen zusammen, als er den Ausdruck in seinen Augen sieht. Weil der so kalt ist. Weil er diese Sorte Ausdruck von Adam jetzt echt schon lange nicht mehr gesehen hat. Und darauf auch ehrlich gesagt ganz gut verzichten könnte...

„Wie gesagt. Du kannst mich ja rausschmeißen Leo, wenn du mit meiner Arbeit nicht zufrieden bist. Ich geb mein Bestes, in dem Fall weiter zu kommen. Aber ich kann es nur auf meine Art.“

Leo mustert Adam mit einem eindringlichen Blick. Zwingt sich, hinter diese Fassade zu schauen, die ihm trotz der warmen Sommerluft einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt. Irgendwie kommt ihm gerade einfach alles hier nur noch komisch vor. Adams seltsame Laune. Der kryptische Kram den er von sich gibt...Sei doch mal smart, Leo…All das macht keinen wirklichen Sinn. Passt überhaupt gar nicht zusammen mit dem, was er in den letzten Wochen von Adam mitbekommen hat.
„Adam, ich check's grade einfach nicht, warum du nicht normal mit mir reden und mir sagen kannst, was los ist!“, versucht er es erneut.

„Das ist jetzt ja wohl echt nicht mein Problem, wenn du meinst, dass du hier irgendwas nicht checkst, Leo“, gibt Adam zurück.

Das reicht.

Die Wut, die sich gerade wieder auf ein angenehm kontrollierbares Maß herunter geköchelt hatte, wallt jetzt wieder so dermaßen wild in Leo auf, dass er Adam erneut packt und durchschüttelt. Diesmal sogar etwas heftiger, weil irgendwo in ihm eine Kraft entstanden ist, die da eigentlich momentan gar nicht sein dürfte. An die er schon lange nicht mehr rangekommen ist. Er wünschte, er könnte sich darüber freuen. Aber davon ist er leider weit entfernt.

WAS IST DEIN PROBLEM?“, brüllt er und starrt Adam ungläubig an. Für einen Moment ist es so, als würden ihre Blicke Funken sprühen, die die Nachtluft zum flimmern bringen.

„Ich hab kein Problem, Leo“, erwidert Adam. „Aber ich glaube, du hast eins. Mich. Schon mal daran gedacht?“
Er presst die Zähne aufeinander und starrt in die Dämmerung hinein. „Ich versuche irgendwie, was besser zu machen. Das Richtige zu machen. Aber im Grunde genommen kann ich daran nur scheitern. Weil ich ja tief drinnen dann wahrscheinlich doch einfach nur ein Arschloch bin. Wie mein Vater. Ich kann halt nicht aus meiner Haut raus. Die meisten Leute checken das auch und ziehen ihre Konsequenzen daraus. Nur du nicht.

Leo starrt ihn einen Moment lang ungläubig an . Der Funkensturm hat sich wieder gelegt und ist einer ausufernden, verwirrten Stille gewichen. „Adam. Was redest du da? Seit wann bist du wie dein Vater? Das ist doch absurd!“
Mehr fällt ihm dazu nicht ein also schüttelt er nur stumm den Kopf und blickt Adam mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

Woher willst du das wissen, Leo? Du hast keine Ahnung. Du kennst mich nicht halb so gut wie du denkst. Du vergisst manchmal, wo ich herkomme. Und wozu ich fähig bin. Obwohl du es immer und immer wieder selbst erlebt hast. Ich zähle es dir gerne nochmal auf...Moritz Leimer, die Sache mit dem Geld, der Lehrer, den du erschießen musstest, weil ich dich zurückgehalten habe...und die Drecksau. Die ganze Scheiße mit der Drecksau. Wie deutlich soll ich es dir noch zeigen Leo? Was glaubst du eigentlich, warum ich mich damals, nachdem ich abgehauen war, nie gemeldet habe? Warum ich dir vorher nicht erzählt hab, das ich vor hatte zu gehen?

Leo versetzt ihm mit beiden Händen einen Stoß, der so heftig ausfällt, dass Adam sich mit den Händen auffangen muss, um nicht mit dem Rücken auf den Boden zu knallen. Woher Leo die Kraft nimmt, ist ihm selbst unklar. Anstatt sich zu wehren, schaut Adam ihn einfach nur an, mit einem ausdruckslosen, kalten Blick.

„Keine Ahnung, Adam!“, zischt Leo, der seine Wut mittlerweile wieder gefunden hat. „Sags mir doch endlich mal! Ich hab mir vieles gedacht, hatte ja fünfzehn Jahre lang Zeit. Am plausibelsten erschien mir am Ende, dass du direkt tödlich verunglückt bist. Aber manchmal, in dem einen oder anderen bitteren Moment, kam mir auch der Gedanke, dass du so mit dir selbst beschäftigt warst, dass du schlichtweg übersehen hast, dass es mich vielleicht interessieren könnte, wo hin du verdammt nochmal verschwunden bist und warum. Hab mir dann gedacht, dass du mich vielleicht einfach abgehakt hast. Wie ein Kleidungsstück. Wie all den Kram, den du du hier gelassen hast, weil er halt nicht in deinen Rucksack gepasst hat. Und dass du mich irgendwann halt einfach vergessen hast.

...

Leos Augen funkeln. Für eine Weile kann Adam sich seinem Blick nicht entziehen, lässt sich von ihm festnageln. Versucht weiterhin, Leos lodernde Wut mit eisiger Kälte zu parieren. Obwohl er hier zugegebenermaßen in einer eher ungünstigen Position ist. so halb nach hinten auf die Ellbogen gestützt, auf denen er sich eben noch aufgefangen hat. Einen Moment lang wartet er angespannt ab. Unsicher, ob Leo sich nochmal auf ihn stürzen, ihn doch noch zu Boden drücken oder vielleicht einfach in die Fresse schlagen wird. Bereit, sich zu schützen, abzublocken, die Hände vor’s Gesicht zu reißen, sich wegzurollen.
Doch es passiert nicht
s von all dem.

Stattdessen verzerrt sich Leos Gesicht und zu der Wut kommt etwas anderes hinzu, das noch viel schlimmer ist. Noch einmal presst Adam seine Augen zusammen und wünscht sich, verschwinden zu können. Aber er kann nicht. Kann noch nicht einmal ausweichen. Also öffnet er die Augen wieder und zwingt sich, Leos Blick weiter standzuhalten. Lässt es zu, dass dieser sich in ihn hineinfrisst, bis seine Augen zu brennen beginnen. Irgendwie ist das hier aus dem Ruder gelaufen. Aber immerhin hat sich jetzt doch irgendwie eine Richtung aufgetan. Scheint sich hier eine Entscheidung zu fällen. Hat er jetzt das Gefühl, wieder handlungsfähig zu sein. Weil wahrscheinlich einfach nichts mehr zu retten ist.
Nur, dass er das Leo jetzt noch irgendwie verklickern mus
s. Schwierig. Weil die Wahrheit Leo nicht davon abhalten würde, weiter seinen Kamikaze-Kurs zu verfolgen. Aber zum Glück hat sich ja hier eine Option eröffnet gerade, die besser funktionieren könnte, als die Wahrheit...

„Du hast Recht. Genau so war es“, sagt er. Die Worte kommen etwas abgehackt daher. Egal.
Er wischt sich mit dem Ellbogen über das Gesicht und setzt sich auf. Dann starren sie beide auf den See hinaus, der jetzt doch ein bisschen in Bewegung geraten ist und ein leises Plätschern von sich gibt. Dort, wo dicht vor ihren Füßen das Wasser ans Ufer schwappt.

...

Und was war das dann die letzten Wochen?“, fragt Leo leise, aber bestimmt. Adams Worte tun weh, aber irgendetwas stimmt noch immer nicht. Passt hier einfach nach wie vor absolut gar nicht zusammen.

Adam schluckt, kaum merklich. Dann spannt er seinen Kiefer erneut an. „Egoismus, Leo? Ich hab versucht, meine Schuld abzutragen. Aber im Grunde genommen ist es so, wie du selbst vor ’ner Weile schon mal festgestellt hast. In meiner Welt geht’s im Endeffekt immer nur um mich selbst. Da ist kein Platz für andere Menschen. Ich bin zu kaputt dafür. Akzeptier’ das einfach. Bitte.“

Bitte.

Leo verengt die Augen zu Schlitzen und mustert Adam gnadenlos. Lässt ihn keinen Moment aus den Augen. Bis das Schweigen trotz der lieblichen Seegeräusche, die sie von allen Seiten her einhüllen, erdrückend wird.

Warum bist du immer noch hier?“, fragt Adam nach einer Weile mit monotoner Stimme, während er Leos Blick ignoriert und weiter auf das schwarze Wasser hinaus starrt.

Die Wolkendecke über ihnen beginnt sich nach und nach zu schließen und sämtliches Licht, das vom Nachthimmel herunter dringen könnte im Keim zu ersticken.

„Weil ich dir kein Wort glaube“, gibt Leo mit rauer Stimme zurück.

Adam entfährt ein bitteres Schnauben. Dann krallt er in einer hilflosen, fast schon gepeinigt wirkenden Geste die Finger in seinen Haaren fest und krümmt sich ein wenig zusammen, so als stünde er unter Schmerzen.
„Leo, sieh doch mal den Tatsachen ins Auge.
Ich hab dein Leben kaputt gemacht...Ich hätte dich damals in der Schule niemals ansprechen sollen…“, murmelt er und klingt dabei so finster und gleichzeitig so zerbrochen irgendwie, dass Leo ein bisschen übel wird von all den Gefühlen, die jetzt in ihm aufwallen.

„Stop!“, grätscht er dazwischen und hebt in einer abwehrenden Geste die Hand. „Das ist doch Bullshit. Erstens: So kaputt ist mein Leben jetzt auch wieder nicht und wenn du nicht gewesen wärst, hätte es da genug andere Dinge gegeben, die mich bestimmt auch mehr oder weniger kaputt gekriegt hätten. Und Zweitens: Hättest du mich damals nicht angesprochen, hätte ich das irgendwann übernommen und dich angesprochen. Spätestens an dem Tag, wo du mich davor bewahrt hast, dass Sandras neuer Freund mich zu Brei schlägt…“

„Ach mann, Leo!“, stöhnt Adam verzweifelt. „Das kannst du doch nicht ernst meinen. Die ganze Scheiße in die ich dich mit reingezogen habe...das ist das reinste Verderben. Das ist doch mit nichts vergleichbar! Und das wird immer so weitergehen! Das Beste was ich wahrscheinlich je getan habe, war, dass ich abgehauen bin. Da hab ich dir wenigstens mal kurz die Chance gegeben, dich von mir und all dem Ballast zu befreien...“

Einen Scheiß hast du! Du hast doch keine Ahnung“, gibt Leo zurück und seine Stimme klingt dabei so brüchig, dass sie die Härte seiner Worte ad absurdum führt.Wie hast du dir das denn vorgestellt? Dass ich alles einfach vergesse, bloß weil du nicht mehr da bist?

Keine Ahnung. Ja. Vielleicht. Irgendwie schon.“, kommt es schulterzuckend zurück.

„Hat das denn für dich funktioniert?“, fragt Leo weiter.

Adam kommt ein gequälter Laut über die Lippen. „Fuck, nein. Du hast mich überall hin verfolgt, wie ein Geist. Ich dachte, dass das ja irgendwann aufhören muss. Und, dass auch die Schuld vielleicht mit der Zeit von alleine irgendwann weg geht. Als das nicht funktioniert hat, hab ich irgendwann versucht, mich damit abzufinden. Mir eingeredet, dass das vielleicht auch einfach nur fair ist so. Dass ich’s verdient hab, für den Rest meines Lebens damit klarkommen zu müssen, dass ich dich vermisse. Das hab ich auch jetzt kurz wieder gedacht. Im Krankenhaus.“
Er unterbricht sich kurz und schüttelt den Kopf.
„Aber das war natürlich ein denkbar bescheuerter Gedanke
. Weil das ja bedeutet hätte, das du den Rest deines Lebens im Koma verbringst. Und du hast das nun wirklich nicht verdient.“

Leo dreht ihm den Kopf zu. Es ist inzwischen so dunkel, dass er Adams Gesicht kaum mehr erkennen kann.

„Aber dich vermissen, für den Rest meines Lebens. Alleine mit all der Scheiße von damals klarkommen zu müssen. Das hatte ich verdient, oder was? Womit Adam?“

Adam schüttelt erneut den Kopf und lässt ihn dann auf seine angezogenen Knie sinken. „Hast du nicht“, flüstert er resigniert.

Leo atmet tief ein und aus und fährt sich mit einer Hand über das Gesicht. Für einen Moment lang schweigen sie wieder beide, während der See weiterhin seine See-Geräusche von sich gibt.

„Weißt du, du hast das doch auch alles nicht verdient, Adam“, murmelt Leo schließlich.

Er schickt seine Worte auf den See hinaus, in die Dunkelheit. Doch er weiß, dass sie schon irgendwie bei Adam ankommen werden. „Nichts von dem. Niemand hat es verdient, ein sadistisches Arschloch als Vater zu haben und eine ganze Kindheit lang von ihm geschlagen und misshandelt zu werden.“

Ne“, murmelt Adam leise in seine Knie hinein. Dann hebt er den Kopf und dreht ihn zu Leo hin. Zwei in Dunkelheit gehüllte Gesichter, die sich einander zuwenden.

„Aber du. Leo, du hättest dir das alles nicht reinziehen müssen. Du hättest ein normales Leben haben können. Ohne mich.“
Er legt die Stirn erneut auf seinen Knien ab.

Leo atmet aus. Tief und lang. „Ne, Adam. So einfach ist das nicht“, murmelt er und beginnt mit seinen Fingerspitzen auf dem harten, sandigen Boden herumzukratzen. „Dass wir uns begegnet sind, gehört zu den besten Dingen, die mir in meinem Leben je passiert sind. Trotz allem“, fügt er leise hinzu. „Und überhaupt ist es ja nicht so, als hättest du um meine Hilfe gebeten damals. Du hast mich da nicht reingezogen. Du hast nichts falsch gemacht. Wenn sich hier jemand schuldig gemacht hat, dann bin ich das. Ich hab jahrelang zugeschaut und hatte keine Ahnung was ich tun sollte, hatte nicht den Mut, etwas zu tun. Nichtmal den Mut, dir zu erzählen, dass ich alles wusste. Viel, viel zu lange. Bis zu dem einen Tag. Wo ich dich dann doch mit da rauf genommen habe, ins Baumhausda war ich plötzlich irgendwie entschlossen. Hab gedacht, wenn du weißt, dass ich es weiß...also wenn wir beide Bescheid wissen, dann können wir uns was überlegen, keine Ahnung. Irgendeinen Plan machen oder so, um das zu stoppen...dich da rauszuholen...irgendwie...“

Er unterbricht sich kurz und reibt sich mit der Hand über die Stirn, auf der sich ein paar Falten gebildet haben.

„..was auch immer. Aber dann kam ja alles anders an dem Tag…“

Adams Kopf schnellt erneut hoch und wendet sich Leo zu.

„Leo, was hättest du gegen meinen Vater ausrichten sollen? Ich hab’s ja selbst mal probiert. Mir hat niemand geglaubt!“

„Egal. Irgendwer hätte uns schon geglaubt. Wenn wir zu zweit angekommen wären…ich weiß es nicht. Irgendetwas wäre uns schon eingefallen…“

Adam gibt ein verzweifeltes Geräusch von sich. „Fuck, Leo! Das ist alles so falsch...dass du dich auch noch schuldig fühlst...du hättest das einfach niemals mitbekommen dürfen...das war nicht dein Problem!“

Leo starrt in seine Richtung hinüber. Dann streckt er eine Hand aus, tastet nach Adam, bis er schließlich seinen Arm zu fassen bekommt und rüttelt ein bisschen daran. Deutlich sanfter als vorhin, mehr so als müsse er Adam mal wieder aus einem Alptraum aufwecken.

„Adam, bitte. Hör mal auf jetzt", flüstert er fast ein bisschen flehend. „Du weißt das doch besser. Natürlich war das auch mein Problem.“

Für einen Moment lang ist es so still, als würde der ganze See und alles darin und drumherum mit ihnen zusammen den Atem anhalten. Dann spürt Leo, wie Adam unter seiner Berührung ein wenig in sich zusammensackt.

„Es tut mir leid, Leo...alles“, krächzt er.

Sein Tonfall versetzt Leo einen Stich.

„Mir doch auch, verdammt nochmal!“, flüstert er zurück.

Einmal mehr huscht ein schmerzverzerrter Ausdruck über sein Gesicht. Den Adam natürlich nicht sehen kann. Dafür ist es schlichtweg zu dunkel inzwischen. Aber er kann es vielleicht hören. Jedenfalls lehnt er sich ein wenig hinein in Leos Hand, die ihn noch immer am Arm festhält. Und Leo gibt ein wenig nach, sodass der Abstand zwischen ihnen kleiner wird.

„Können wir es dann dabei belassen für jetzt und zurück zum Thema kommen? Zu heute? Zu diesem verdammten Fall?“, murmelt er.

Als keine Reaktion kommt, lässt er seine Hand in Richtung von Adams Schlüsselbein rutschen. In der Absicht, da gegen zu drücken und Adam dazu zu bewegen, sich ein bisschen aufzurichten. Ihm wenigstens mal wieder das Gesicht zu zu wenden. Einfach, weil sich das gerade besser anfühlen würde. Auch wenn man in der Dunkelheit eh keinen vernünftigen Blickkontakt herstellen kann...

Wegen eben dieser Dunkelheit aber, sieht er auch nicht genau, wo seine Hand sich befindet und seine Finger streifen aus Versehen Adams Hals und Kinn. Überrascht zieht er seine Hand zurück und reibt die Fingerspitzen aneinander. Und da zufällig just in diesem Moment oben am mondlosen Himmel etwas aufreißt dringt nun doch von irgendeinem Gestirn mal ein kleines bisschen Licht nach unten durch und spiegelt sich in dem feuchten Film auf Leos Hand.

Leo blickt auf und stellt fest, dass Adam den Kopf nun auch endlich wieder gehoben hat und zurückschaut. Beobachtet ein wenig verwundert, wie er sich mit dem Handrücken über das Gesicht fährt, an dem pausenlos Tränen hinunterlaufen. Nicht nur ein paar vereinzelte Tropfen, sondern eine ganze Reihe an Sturzbächen, die dann irgendwie ihren Weg nach unten finden und da landen wo Leos Finger vorher waren. Und obwohl da ein Abstand zwischen ihnen ist, kommt es Leo so vor, als würde dieses ganze Wasser direkt in ihn hineinsickern und ihn vollkommen aufweichen, alles was dort vorher gerade noch an Gedanken war irgendwie wegspülen.

Er ist so ratlos, dass er nichtmal eine Frage hervorbringt.

Weißt du“, setzt Adam an, bevor er sich nun mit dem ganzen Unterarm über das Gesicht fährt und dann versucht, mit seinem üblichen, leicht aggressiven Schniefen den Wasserfall unter Kontrolle zu bringen. „Im Bunker, da hab ich gedacht, fuck, ich habs so weit getrieben mit allem, dass ich dich jetzt endgültig verloren hab. Und ich weiß, wir haben das schon alles besprochen, im Team, aber das geht einfach nicht weg...das Gefühl, dass am Ende doch alles eigentlich meine Schuld war...Seine Stimme bricht ihm beinahe weg, bevor er zu Ende gesprochen hat.

Leo spürt, wie sich sein Gesicht erneut ein bisschen verzerrt, bevor er schließlich antwortet.

„Mann Adam, ich kann doch nur das wiederholen, was ich das letzte Mal schon gesagt habe. Die Aktion von dir und Pia, das war vielleicht nicht so clever, aber auch keine total offensichtliche Fehlentscheidung. Es ist schief gegangen. Sowas kann passieren! Und was den Bunker angeht...nochmal: Ich hab am Ende entschieden, dass wir da jetzt reingehen. Ich hatte in dem Moment die Verantwortung, als Teamleiter. Das warst nicht du. Immer noch nicht. Was soll ich noch sagen, damit das endlich bei dir ankommt?“

Adam wischt sich erneut über das Gesicht. „Keine Ahnung“, erwidert er dann, so leise, dass es fast ein Flüstern ist. „Als ich heute mit der Zernial geredet habe, da kam mir das irgendwie wieder hoch und ich hab einfach Panik bekommen, Leo. Weil ich nicht weiß, ob sowas nicht jederzeit wieder passieren könnte. Dass ich dich irgendwann wieder in irgendeinen Abgrund mit reinziehe. Und dass du das nächste Mal da nicht wieder rauskommst, sondern dass es dann wirklich, endgültig schief geht.

Die Wolkendecke am Himmel hat sich noch immer nicht wieder ganz geschlossen. Und auch der Wasserfall auf Adams Gesicht ist noch nicht versiegt, obwohl Adam sich sichtlich bemüht, das in den Griff zu bekommen.

„Adam, was hat das mit diesem Fall zu tun? Wenn deine Annahmen stimmen, dann deckt Kira Zernial eine Mörderin! Das hat doch mit uns nichts zu tun...Nach allem, was ich bisher weiß, bist du von uns beiden hier der Einzige, der noch kein Menschenleben auf dem Gewissen hat! Oder willst du mir jetzt wieder erzählen, dass ich ja überhaupt keine Ahnung hab, zu was du fähig bist und dass du noch irgendwo in Berlin ’ne Leiche in einer Lagerbox liegen hast?“

Adam gibt ein leises Schnauben von sich, das man mit ein bisschen Fantasie sogar als ein halbes Lachen durchgehen lassen könnte. „Nein“, gibt er zu.

„Gut. Dann lass uns doch bitte mal aufhören, Angst vor einander und vor uns selbst zu haben. Ich kann nicht mehr. Es reicht“, fleht Leo ihn an.

Adam senkt den Blick . „Fuck, Leo, das ist alles so ausgeufert hier gerade... das hab ich nicht kommen sehen ...sorry…“

Leo gibt ein erschöpftes Schnaufen von sich. „Ja, ich auch nicht. Du hast scheiße gebaut, du hast mich auch scheiße behandelt, ja. Du hättest dich melden müssen oder einfach zur verdammten Teambesprechung auftauchen müssen. Aber für heute reicht es mir mit diesen ganzen Schuldfragen. Ich mein...Scheiße, ja, natürlich ist es irgendwie nötig, dass wir darüber reden. Gut auch. Aber jetzt gerade wird mir das alles zu viel hier…“

Er hält kurz inne, sieht Adam an und schluckt.

„Und außerdem...hör doch jetzt bitte mal auf damit!“, fügt er dann mit einem leisen, verzweifelten Lachen hinzu und drückt dabei sanft eine Hand gegen Adams Gesicht, um einmal auf der Seite entlang zu wischen, wo Adams eigene Hand gerade nicht ist.

Und obwohl die Geste etwas unbeholfen ist, hat sie dennoch eine gewissen Entschlossenheit und Bestimmtheit an sich, wodurch Adam jetzt wirklich doch mal ein ganz bisschen lachen muss.

„Keine Ahnung, geht irgendwie nicht. Ich versuch’s schon die ganze Zeit“, gibt er mit einem Schulterzucken zurück.

Als Leos Arm sich um seine Schultern legt, probiert er es dann aber doch nochmal. Lässt den Kopf sinken und presst sein Gesicht in Leos Nacken, in der Hoffnung, dort vielleicht den Wasserfall zu stillen, abzudrücken gewissermaßen, wie den Blutfluss aus einer offenen Wunde. Und obwohl es eine warme Sommernacht ist, beginnt sein Körper leicht zu zittern.

Leo zieht ihn unwillkürlich noch etwas fester an sich und dreht sich dann ein bisschen mehr zu ihm hin, um seinen zweiten Arm auch noch um ihn zu legen. Dann seufzt er resigniert. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich werden wir das alles nie los. Die Wut, die Schuld, die verfickten Alpträume...Ich hab nur in letzter Zeit manchmal gedacht, vielleicht bringt’s was, wenn wir uns ein bisschen anstrengen, uns mehr an das zu halten, was tatsächlich nicht Scheiße war damals?“, murmelt er. „Ist wahrscheinlich naiv. Aber irgendwie kommt mir das in letzter Zeit immer wieder hoch, ohne dass ich weiß, woher eigentlich. Und manchmal hab ich sogar das Gefühl, dass sich in meinem Kopf dadurch vielleicht schon was verändert hat. Aber keine Ahnung. Was weiß ich…“

Ja. Vielleicht.

Adams Antwort klingt etwas gedämpft, da er in Leos T-Shirt hinein spricht.
Und dann sagen sie
einfach nichts mehr. Und nach einer Weile, hört auch Adams Körper wieder auf zu zittern.

Vom Ufer her ist noch immer ein leises Plätschern zu hören und in der Ferne vereinzelte Autos auf der Autobahn, die zurück in die Stadt führt. Auch ein paar Frösche melden sich und von irgendwoher dringt der Ruf eines Vogels durch die Nacht. Und weil es warm genug ist und Leos Handy stumm bleibt, gibt es keinen Grund, weg zu gehen. Also bleiben sie einfach da.

...

Irgendwie schaffen sie es sogar, ein wenig zu schlafen. Ohne sich groß Gedanken über ein Arrangement zu machen. Einfach so, wie sie der Schlaf eben erwischt, gerade so weit auseinander und zurecht gerückt, dass es nicht unbequem ist. Und da die Nächte noch immer ziemlich kurz sind, dauert es auch gar nicht allzu lang, bis sich das erste, vernebelte Grau am Himmel zeigt. Ein warmes Grau allerdings, hinter dem die Sonne versucht, sich zu verstecken, obwohl ihr Licht doch bereits diffus durch die Wolkendecke hindurch dringt.

Leo ist als erster wach und stellt fest, dass Adam halb auf ihm liegt, seinen Brustkorb mehr oder weniger als Kopfkissen nutzt. Und muss zugeben, dass es eigentlich ein gutes Zeichen ist, dass sein Körper das schmerzfrei aushält. Dass er vielleicht doch nicht mehr ganz so zerbrechlich ist, wie es sich manchmal anfühlt.
Auf jeden Fall liegt Adam da ganz gut
. So als würde er da einfach hingehören. Weil die ganze Situation schon wieder so etwas unglaublich Vertrautes an sich hat und Leo schon wieder an zu viele gute Momente erinnert, die viel zu lange her sind...

Noch bevor er sich so wirklich gerührt hat, öffnet Adam ebenfalls die Augen, hebt den Kopf und blickt ihn ein wenig orientierungslos an. Diesmal zuckt er zum Glück nicht völlig panisch zurück und setzt auch nicht diesen gehetzten Blick auf, sondern verzieht nur ein wenig das Gesicht.

Sie brauchen einen Moment, um sich zu sortieren. Innerlich und Äußerlich.

„Sorry, hoffe ich hab dich nicht zu sehr zerquetscht...keine Ahnung warum mir das immer passiert grade...“, murmelt Adam, während er sich langsam hoch ins Sitzen schiebt und sich dann mit einer Hand über den Nacken fährt. „Ich kriege das gar nicht mit, ich schwör’s...“, fügt er in einem entschuldigenden Tonfall hinzu.

„Alles gut. Wenn’s schmerzhaft gewesen wäre, wäre ich ja aufgewacht und hätte dich weggeschoben“, erwidert Leo und manövriert sich ebenfalls hoch ins Sitzen.
Er schielt Adam von der Seite her an und ein kleines, ein wenig verunsichertes Schmunzeln legt sich auf sein Gesicht.

„War doch eigentlich ganz gemütlich“, ergänzt er schließlich noch.

Adams Mundwinkel zucken. Irgendwie kann er sich nicht so ganz entscheiden, ob er das leichte Grinsen, das über sein Gesicht huschen will, jetzt freilassen kann, oder ob er es doch lieber zwischen seinen zusammengepressten Kiefern zurückhalten sollte. Er schließt die Augen und schüttelt einmal kaum merklich den Kopf, bevor er Leos Blick für einen ganz kurzen Moment erwidert.

„Ja“, bringt er knapp hervor, presst dann die Lippen direkt wieder fest aufeinander und richtet den Blick zurück auf den See hinaus.

Eine Weile lang sitzen sie nur da und schweigen in den Morgendunst hinein. Bis sich Leo irgendwann nach vorne beugt, seine Schnürsenkel öffnet und sich die Schuhe von den Füßen streift. Und während Adam ihn noch etwas verwirrt anblinzelt, macht er sich ans Aufstehen. Entscheidet sich dabei, einfach zu ignorieren, wie unerträglich es ist, dass ihn das immer noch etwas Mühe kostet und stützt sich kurzerhand auf Adams Schulter ab. Adam schaut ihn weiterhin irritiert an, hilft ihm aber automatisch hoch, weil sein Körper das inzwischen so abgespeichert hat und wie von selbst einfach macht.

Im Stehen wirft Leo einen kurzen Blick über die Schulter, bevor er sich wieder Adam zuwendet. Los, komm.“

Adam schaut fragend zu ihm hoch und blickt dann ein paarmal hin und her zwischen ihm und dem See, der im grauen Dunst gemächlich vor sich hinwabert. „Dein Ernst?“, fragt er, und muss dabei ein bisschen lachen.

Leo hebt die Augenbrauen. „Ja. Na los. Bisschen wach werden. Wir haben noch ’nen Fall zu lösen heute.

Er löst die Hand von Adams Schulter und beginnt, ein paar Sachen aus seinen Hosentaschen zu holen und auf den Boden fallen zu lassen. Dann umfasst er Adams Unterarm, den Adam inzwischen wieder auf seinem Knie abgelegt hat und zieht ein bisschen daran.

„Ich weiß nicht...“, gibt Adam zurück und schüttelt den Kopf. Doch da Leo nur den Kopf schief legt und ihn weiter erwartungsvoll ansieht, streift er sich schließlich ebenfalls die Schuhe von den Füßen, leert die Taschen seiner Jeans aus und folgt dann Leo, der mit langsamen Schritten rückwärts geht, ins Wasser hinein.
Eine Weile geht das gut so, bis es plötzlich von einem Schritt auf den nächsten sehr tief runter geht.

Leo hat nicht einmal Zeit, einen überraschten Laut von sich zu geben, bevor ihn das Wasser verschluckt.

„Leo, pass auf!“

Ein wenig panisch zieht Adam ihn am Arm wieder hoch. „Fuck, das kannst du meinen Nerven grade echt nicht antun!“, bricht es aus ihm heraus.
Doch kaum dass Leo wieder zu Atem gekommen ist, müssen sie beide lachen.

Sorry!“, prustet Leo. „Ich hab vergessen, dass da schon die Kante ist.“

Adam verdreht die Augen. „Jaja“, brummt er zurück. „Das hab ich gemerkt.“

Und dann lässt er sich ebenfalls hinabgleiten, ins tiefe Wasser. Lässt sich einmal kurz ganz hineinsinken, spürt, wie die Wasserdecke sich über ihm schließt und seine Füße die Temperaturzone dicht über dem Grund erreichen, in der es auch im Sommer eiskalt ist. Als er auftaucht, ist Leo immer noch neben ihm und blickt ihn an. Und ohne etwas zu sagen, einigen sie sich darauf schließlich los zu schwimmen. Einfach raus, in den Morgen hinein. Eine Runde um den See herum, mit den vollgesogenen Klamotten am Körper, die es ihnen etwas schwerer machen als nötig. Die sie natürlich auch hätten ausziehen können. Aber irgendwie fühlen sie sich auf eine gewissen Art eh schon ein bisschen nackt voreinander gerade, sodass es etwas zu viel gewesen wäre, sich jetzt auch noch auszuziehen. Und so schlimm ist das mit den Klamotten auch wieder nicht. Das Schwimmen funktioniert ja trotzdem. Solange, bis sie anfangen auszukühlen und gezwungen sind ans Ufer zurück zu kehren.

Und weil es immer noch sehr früh ist, haben sie Zeit noch ein wenig dort sitzen zu bleiben, während die Sonne jetzt doch anfängt, durch die Wolken zu brechen, an der einen oder anderen Stelle. Was ganz gut ist, da sie so noch ein bisschen trocknen können, zumindest so weit, bis sie es wagen können, sich in ihre Autos zu setzen, ohne alles total nass zu machen da drin.

Adam kramt eine Zigarette aus seiner Jacke hervor und steckt sie sich an. Woher er die hat, ist fraglich. Vermutlich mal wieder irgendwo auf Vorrat geschnorrt. Aber eigentlich ist es Leo auch ein bisschen egal, solange Adam seine Kippen nicht in der Wohnung raucht.

Und während sie so da sitzen und in die Sonne blinzeln, wendet Adam sich irgendwann zu Leo um und sieht ihn an.

„Leo?“

Leo erwidert den Blick und ihm wird von einem Moment auf den anderen sehr, sehr warm.

„Ja?“, fragt er zurück.

Adam schaut kurz zu Boden, fast ein wenig schüchtern, was eigentlich gar nicht zu ihm passt, aber irgendwie dann doch wieder. Er beeilt sich jedenfalls, wieder aufzublicken, und rasch weiter zu sprechen. „Ich war nochmal zuhause gestern. Bevor ich hierhergekommen bin. Hatte irgendwie plötzlich den Gedanken, dass es mal Zeit ist, dass ich mir ’n Zimmer suche. Dass ich dich genug belagert hab. Darum hab ich alles zusammengepackt. Aber…“
Er unterbricht sich und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette.
„..ich wollte vorher eigentlich nochmal drüber reden mit dir. Wusste nur nicht, wie...keine Ahnung. Und außerdem sind wir ja auch gerade mitten in diesem Fall drin und dann dachte ich, es ist besser, wenn ich mich erstmal auf die Zernial konzentriere. Aber das Gespräch mit der hat mich halt irgendwie...rausgeworfen. Und wenn ich ins Präsidium gefahren wäre, dann hätten da irgendwie...Dinge...in der Luft gehangen...also bin ich erstmal hierher gefahren um nachzudenken, wie ich dieses ganze Problem jetzt auflösen soll...aber ich habs einfach nicht hinbekommen.
Und dann bist du plötzlich hier aufgetaucht und hast geschäumt vor Wut und...ach keine Ahnung. Dann war's irgendwie gelaufen. Ich bin nicht gut in sowas, Leo.“

Er wendet sich ab und schüttelt den Kopf.

Leo gibt ein leises Schnauben von sich. „Nicht gut, Adam? Really? Das war grottenschlecht, um es mal auf den Punkt zu bringen. Mann, du hättest mir einfach mal schreiben können! Wir hätten uns gemeinsam darauf einigen können, über das Wohnungsthema später zu reden. Dann hättest du einfach entscheiden können, ob du dir jetzt gleich ’nen Hotel suchen willst oder erstmal noch bleibst, bis wir das besprochen haben. Und alles weitere hätten wir ebenfalls auf nach dem Fall verschoben und dann hätten wir uns ganz in Ruhe deinen Theorien in Bezug auf Kira Zernial widmen können. Im Team.

Adam verzieht zerknirscht das Gesicht. „Ja, ich weiß. Ging irgendwie nicht. Frag mich nicht wieso. Aber jedenfalls...was ich sagen wollte...ich wollte eigentlich nicht einfach so verschwinden gestern. Also nicht wirklich. Das ist, was du gedacht hast, oder? Dass ich mal wieder abhaue, ohne was zu sagen...?“

Leo schluckt. Und blickt auf seine Füße, scharrt ein wenig mit seinem Fußballen auf dem festen, sandigen Boden herum. „Ja. Für ’nen kurzen Moment schon“, murmelt er schließlich, sehr sehr leise. Dann blickt er zu Adam hinüber. Ihre Blicke treffen sich erneut. „Aber dann war ich zuhause und hab halt gesehen, dass dein Rucksack noch da war.“

Adam zieht erneut an seiner Zigarette und nickt. „Das war das einzige, was ich gestern richtig gemacht hab. Den erstmal noch da zu lassen, solange ich mit dir noch nicht geredet hab. Weil mir im Flur wieder eingefallen ist, dass ich ja eigentlich aufgehört hab.“

Leo zieht irritiert die Augenbrauen zusammen. „Womit?“, fragt er und sein Blick fällt kurz auf die Zigarette in Adams Hand, bevor er ihm wieder verwirrt in die Augen schaut. Adam schnaubt leise und nimmt noch einen letzten Zug bevor er die Kippe gründlich auf dem Boden ausdrückt und die Überreste in seiner Hosentasche verschwinden lässt.

„Damit auch. Aber das meinte ich nicht.“

„Womit dann?“
Leo mustert ihn mit einem ratlosen Kopfschütteln.

„Mit Wegrennen.“

Nun zieht Leo doch ein wenig überrascht die Augenbrauen hoch. „Wow. Okay...und wie bist du zu diesem Entschluss gekommen?“

Adams Blick schweift wieder auf den See hinaus, auf dem die Morgensonne inzwischen flackernde, goldene Schatten tanzen lässt. Ein paar Haubentaucher schwimmen mit zuckenden Köpfen an ihnen vorbei.

„Adam?“
Leo sieht ihn von der Seite an und wartet. Darauf dass hier nochmal eine richtige Antwort rüberkommt. Weil das was da bisher kam mal wieder in einem eher kryptischen Stadium steckengeblieben ist.
Als er kurz davor ist, weiter nachzuhaken, holt Adam tief Luft und spricht endlich weiter.

„Während du im Dornröschenschlaf lagst, hab ich dir irgendwann ’nen Deal vorgeschlagen.“

Leo runzelt erneut die Stirn. „Aha. Und ich hab eingewilligt, oder wie?“

„Ja.“

Adams Mundwinkel zucken leicht nach oben. Er senkt den Blick und mustert den Boden.

„Und was war das für ein Deal? Ich kann mich leider nicht mehr so ganz erinnern...“, gibt Leo belustigt zurück.

Erneut holt Adam tief Luft.

„Du warst hier Leo, die ganze Zeit. Bist geblieben. Hast mir die Chance gegeben, zurückzukommen. Als du dann...weg...warst, hab ich versprochen, mich zu revanchieren. Also, dass ich dann bleibe. Wenn du zurückkommst.“
Er unterbricht sich kurz und lacht leise.
„Solange du mich hier haben willst jedenfalls. Dass ich nie wieder einfach verschwinde und dich hängen lasse, solange du noch irgendwas von mir brauchst.“

Leo hat auf einmal das Gefühl, dass ihm ein bisschen schwindelig wird. Dass sich alles um ihn herum leicht zu drehen anfängt.

„Gestern klang das aber irgendwie anders...eher so, als würdest du dir wünschen, dass ich dich zum Teufel schicke…“, bringt er leise hervor.

Adam verzieht das Gesicht und blinzelt, so als würde ihn die Sonne blenden. Dann schaut er wieder zu Leo hinüber, ein bisschen verunsichert und sehr, sehr verletzlich.

„Ich weiß“, murmelt er leise. „Ich hab glaub ich manchmal irgendwie so...Kurzschlüsse in meinem Kopf, Leo.“

„Allerdings. Das glaub ich auch“, flüstert Leo zurück. Für mehr als ein Flüstern reicht es nicht, da ihm die Stimme kurzzeitig versagt. Er reibt sich mit einer Hand über die Stirn, schließt die Augen und atmet tief ein und aus. Dann wendet er sich wieder Adam zu.
„Adam...du musst nicht wegen mir hier bleiben. Wenn du gehen willst, weil es dich hier wegzieht, dann mach das. Tu dann aber bitte nicht so, als würdest du mir damit einen Gefallen tun. Tu nicht so, als würdest du mir damit nicht weh tun.“

Adams Blick wandelt sich. Wird wieder sicherer, gefestigter. Er schüttelt den Kopf. „Ich mein das ernst. Das ist kein Kurzschluss. Der Deal steht. Du hast deinen Teil davon ja schon eingelöst.“

Und dann, während sie sich weiter so anschauen, ist es plötzlich tatsächlich ein bisschen so wie damals im Krankenhaus, kurz nachdem Leo aufgewacht war. Als er seinen Teil des Deals eingelöst hatte.
Nur, dass es diesmal Leo ist, der um Worte ringen muss. In dessen Gesicht, ein Kampf tobt. Weil er gerade realisiert, dass Adam das irgendwie wirklich ernst meint, mit dem Bleiben. So wie Adam damals realisiert hatte, dass Leo das wirklich ernst gemeint hat mit dem zurückkommen. Und, genauso wie Adam damals, hat Leo jetzt auch Schwierigkeiten, das zu glauben. Seinen Augen und Ohren zu trauen. Weil dieser Deal von Adam schon eine ganz schön krasse Ansage ist, die sich in eine zeitliche Dimension hinaus erstreckt, die Leo selbst noch gar nicht richtig erfassen kann.

Er entschließt sich trotzdem, es einfach so zu nehmen. Zumindest hier und jetzt, als Momentaufnahme.

Aber dann ist da immer noch etwas anderes, was zu dem Chaos in Leos Kopf beiträgt. Nämlich, dass ihm in diesem Moment klar wird, dass er Adam, wie er so da sitzt, mit seinen nassen Haaren, nassen Klamotten und allem, jetzt am liebsten einfach küssen würde. So wie früher. Als könnten sie einfach dort weitermachen, wo sie aufgehört hatten. Weil alles andere was er jetzt hier tun könnte, nicht ausreichen würde, um dem gerecht zu werden, was er gerade fühlt. Und selbst das Küssen sich vielleicht noch nach zu wenig anfühlen würde. Vielleicht auch ganz und gar falsch wäre. Aber was wäre dann richtig? Jetzt, wo mal wieder alle Worte, Blicke und Gesten an ihre Grenzen gekommen sind

Nicht küssen jedenfalls auch nicht.

Aber natürlich können sie nicht einfach da weitermachen, wo sie vor einer halben Ewigkeit aufgehört haben. Zu viel ist passiert seitdem. Und da das mit dem Küssen also nicht so einfach geht, oder er jedenfalls glaubt, dass das nicht so einfach geht, sucht er stattdessen dann doch erstmal weiter nach Worten. Und findet schließlich auch ein paar.

„Okay. Deal.“

Da sich die Ereignisse in ihrem Fall an diesem Tag vollkommen überschlagen, kommen sie am Abend nicht mehr nach Hause. Und auch die ganze Nacht lang nicht, sodass die Suche nach einem Hotel sich für Adam ohnehin vorerst erledigt. Der Tag danach hält sie ebenfalls so sehr auf Trab, dass für dieses Thema keine Zeit bleibt.

Bis der Fall endlich abgeschlossen ist, alle zwingend erforderlichen Formalitäten geklärt sind und sie schließlich ziemlich gerädert wieder die Treppe zu Leos Wohnung hinaufsteigen.

Notes:

Okay. Adam ist wirklich...ganz schön unhinged hier teilweise. Da hilft wohl auch lampshaden nicht mehr :D Aber hey, ein paar Momente sind doch ganz schön geworden, auch wenn man jetzt die Logik in dieser Story nicht so gaanz genau hinterfragen sollte...xD
Danke an alle, die dieses Mammut-Kapitel bis zum Ende durchgelesen haben <3

Puh, ich freu mich, wenn ich demächst endlich mit dem nächsten Kapitel rüberrücken kann. Das war nämlich auch tricky, aber ich hab’s glaub ich ganz okay gelöst bekommen…
Und das wartet auch schon seit gefühlt 100 Jahren darauf, endlich an die Reihe zu kommen!

Geht dann bald weiter hier :) Ja ja ja! Ich reiße jetzt meine Meilensteine ab...rolling rolling rolling!