Work Text:
Bereits im Moment des Aufwachens unterdrückte Lucci instinktiv ein Stöhnen. Sein Atem ging heftig und doch fühlte sich seine Brust derart zugeschnürt an, als würde ein ganzes Kriegsschiff auf ihr liegen. Sofort drehte er sich zur Seite, suchte instinktiv nach einer Möglichkeit zur Flucht, während sich seine Finger leicht in die Matratze bohrten. Noch immer lastete Spandines anklagender Blick auf ihm, seine Worte hallten in seinen Ohren nach. Eine Waffe, die nicht mehr funktionierte, konnte man getrost wegwerfen. Sie war wertlos, nicht zu gebrauchen. Lucci wusste das. Jemand wie er durfte kein normales Leben führen, niemals. Er war ein Werkzeug, eine andere Bestimmung hatte es nie für ihn gegeben. Alles andere negierte den Sinn seiner Existenz, dann hätte er gar nicht geboren werden dürfen. Er war schwach und klein und unwürdig. Sich überhaupt nach so etwas zu sehnen – einem normalen Leben, einer funktionierenden Beziehung, Niemand entkam Cipherpol. Niemand. Nicht einmal Rob Lucci.
Es war nicht mehr auszuhalten. Das Wissen, dass Paulie gleich neben ihm schlief, der ihn nicht verdient hatte. Die Enge des Bettes. Lucci wollte ihn nicht aufwecken, weil Paulie sicherlich Fragen stellen würde. Fragen, die er ihm nicht beantworten konnte. Er musste raus hier. Sofort. Nahezu lautlos glitt er aus dem Bett, ehe er keine Zeit damit verschwendete mehr anzuziehen, als eine Hose. Dann öffnete er das Fenster, schob sich behände auf den Sims und lehnte es hinter sich nur noch an, bevor er auf das Dach des benachbarten Hauses sprang und sich noch im Sprung in seine Leopardenform verwandelte. Das machte es ein klein wenig besser. Nur ein wenig, aber in seiner tierischen Gestalt fühlte er sich oftmals befreiter als als Mensch. Sie war schon immer sein Rückzugsort gewesen, wenn ihm alles zu viel wurde.
Auf leisen Pfoten gelangte der ehemalige Cipherpol-Agent über die Dächer Water Sevens bis an den Stadtrand. Die Klippen wurden nicht von den Lichtern der Stadt erreicht, es war dunkel, doch das hinderte ihn nicht daran, sich sicher auf dem unebenen felsigen Untergrund fortzubewegen. Die Löcher, die die Wassermassen ins Gestein gefressen hatten, übersprang er geschickt, vor allem da sein Sehvermögen sehr viel besser war als in menschlicher Gestalt. Am Rand der Klippen angekommen, rollte Lucci sich zusammen und starrte in Richtung Meer. Es wäre einfach sich hinunter zu stürzen, allem ein Ende zu machen. Doch in seinem Leben war noch nie etwas einfach gewesen und egal wie sehr er gerade am Boden war, diesen Schritt würde er niemals gehen, selbst wenn er sich gerade wie das letzte Stück Dreck fühlte. Er war nichts wert. Seine Fähigkeiten, all die Jahre des Trainings, all die Strapazen, die er immer ertragen hatte ohne sich zu beschweren, es war alles irrelevant. Spandine hatte recht – er war schwach und erbärmlich, niemand brauchte ihn. Schwäche ziemte sich für einen Cipherpol-Agenten nicht und doch hatte er alles hinter sich gelassen, versuchte sich daran, ein normales Leben zu führen, das nie für ihn vorgesehen war. Vielleicht versagte er deswegen in allem, vor allem was zwischenmenschliche Interaktionen anging. Lucci wusste, dass Paulie ihn liebte, er hatte es ihm schon so oft gesagt, dass es normal wurde, während er beim ersten Mal noch völlig überfordert gewesen war. Aber er hatte ihm nie gesagt, dass er ihn auch liebte. Jemand wie er durfte das doch auch gar nicht. Es gab Gründe, warum er im Waisenhaus aufgewachsen war – niemand wollte ihn. Absolut niemand.
Dermaßen in seinen Gedanken, seinen Selbstzweifeln versunken, wusste Lucci nicht einmal, wie viel Zeit vergangen war. Das erste was er bewusst registrierte war Paulies Geruch, den der Wind ihm zutrug, doch das konnte nicht sein. Paulie lag daheim im Bett und schlief seelenruhig. Vielleicht war er einfach schon derart labil, dass er sich Dinge einbildete. Knurrend fuhr er sich mit der rechten Pfote über die Nase, ehe er fortfahren wollte, übers Meer zu schauen. Doch dann erreichten Schritte seine Ohren – und leises Gefluche, das viel zu vertraut war. Also wandte er den Kopf, sah nach hinten und erblickte Paulies Umrisse, die nur schwach von einer Laterne beleuchtet wurden. Oh, der Vollidiot. Was machte der hier? Luccis Krallen gruben sich in das Gestein unter seinen Pfoten. Normalerweise hätte er Paulie am Kragen nach Hause geschleppt, doch nicht einmal dazu konnte er sich aufraffen. Stattdessen vergrub er den Kopf an seiner Brust und hoffte, dass er diese selten dämliche, halsbrecherische Aktion einfach abbrechen würde. Tat er natürlich nicht, er war eben ein Idiot. Ein treudoofer Idiot. Innerlich mit dem Kopf schüttelnd regte er sich nicht, als sein Partner sich neben ihm niederließ und die Laterne abstellte. Wenigstens hatte er es geschafft sich nicht die Haxen zu brechen.
„Was wird das? Bist du lebensmüde?“, knurrte er leise. Unfassbar. Warum? Es war alles, nur nicht rational.
„Du warst nicht mehr im Bett und das Fenster war offen. Das hier war der erste Ort, der mir eingefallen ist.“ Paulie schaffte es, sowohl tödlich beleidigt als auch so deprimiert zu klingen als wäre er ein Hund, den man getreten hatte. Dabei war das hier nun wirklich nicht die erste Situation, in der er mit Luccis Inkompetenzen konfrontiert wurde. Mit seinen Alpträumen, mit seinen inneren Dämonen. Dabei träumte er eigentlich nie von seinen Opfern, sondern eher von anderen Dingen. Von Spandine. Obwohl er es hasste, dass der Drecksack immer noch so viel Macht über ihn hatte.
„Und da hast du gedacht, dass du mir einfach so folgen musst oder was?“ Luccis Stimme war voller Ablehnung, er war nicht dazu bereit aktuell Kompromisse zu machen. Paulie sollte ihn einfach ganz in Ruhe seine inneren Wunden lecken lassen. Er war es nicht wert, dass sich irgendjemand um so etwas erbärmliches wie ihn sorgte.
„Du hattest wieder einen Alptraum oder?“, fragte sein Partner in einem viel zu sanften, viel zu verständnisvollen Tonfall, der Lucci wünschen ließ, er könnte irgendetwas töten, irgendetwas zerstören. Er war ein Monster, eine Waffe, er hatte das nicht verdient. Er war erbärmlich und schwach. Es krachte leise, als er seine Klauen tiefer eingrub, um einen Ausgleich zu schaffen, damit er jetzt eben kein Blutbad anrichtete.
„Du solltest dich wirklich nicht um ein solch schwaches, erbärmliches Etwas wie mich sorgen“, knurrte Lucci leise, auch wenn die Worte ihm ehe eher aus der Schnauze purzelten, als dass er sie gewollt aussprach. Er war einfach nicht gut darin, über solche Dinge zu sprechen. Über Schwächen sprach man nicht, über Gefühle sprach man nicht. Man zeigte es einfach nicht. Wer schwach war, war unbrauchbar, ganz einfach.
„Ach Lucci.“ In Paulies Stimmte lag vielleicht ein Hauch Trauer, doch vor allem diese Wärme, diese Güte, die er selbst jemandem wie ihm entgegenbrachte. Und dann tat er etwas, was der Cipherpol-Agent nicht erwartet hatte: Er schlang die Arme um seinen Nacken, vergrub das Gesicht in seinem Fell. Luccis erster Impuls war es abwehrend zu reagieren. Aber es war Paulie. Er konnte ihn nicht verletzen, nicht schon wieder.
„Du bist niemals erbärmlich. Du bist einfach wunderbar. Außerdem ist Schwäche nichts schlimmes, es zeigt, dass du doch immer noch gewissermaßen menschlich bist. Ich liebe dich mit allem. Mit Haut, mit Fell, mit deinen übermenschlichen Fähigkeiten und mit deinen Schwächen. Sie machen dich besonders. Hab keine Angst davor.“
Luccis kaltes Herz wurde schwer, als er diese Worte vernahm. Er hatte Paulie nicht verdient, er hatte es nicht verdient, von ihm geliebt zu werden. Doch sein Körper schmiegte sich warm an seinen Rücken und genau diese Wärme drang bis in sein Innerstes vor. Bis in sein verkrüppeltes, zerstörtes Herz, das plötzlich wieder viel kräftiger schlug und eigentlich genau wusste, was er an seinem Partner hatte.
„Ich liebe dich Paulie.“
