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Als Richardines Schreie verstummten und ihr Kopf vornüber auf ihre Brust sank brandete Jubel in der Menge auf. Leute johlten und pfiffen, ein Auto hupte und irgendjemand hatte sogar eine Rakete mitgebracht, die er jetzt entzündete und deren glitzerndes Gefunkel von oben auf den vom Licht des Scheiterhaufens erhellten Marktplatz regnete.
Schwanhild wusste jedoch, dass ihre Schwiegermutter noch lebte. Man wurde ohnmächtig durch das Kohlenmonoxid, bevor man tatsächlich verbrannte, das hatte sie in einem der Podcasts gehört, mit denen sie die unendlichen Stunden des Schweigens gefüllt hatte, während sie an den Hemden für ihre Brüder strickte.
Jetzt stand sie hier und drückte ihr neugeborenes Kind gegen die Brust, das Gesicht von den Flammen beschienen, die Richardine verschlangen. Abelins Herzschlag tickte wie eine kleine, stetige Uhr gegen ihren Körper, er war wirklich real, sie erlebte diesen Moment wirklich.
Ein Gaukler begann, mit seiner Flöte eine Melodie zu improvisieren über den wummernden Bässen, die aus einem der Autos der Schaulustigen drangen und ein zerlumptes Mädchen tanzte dazu. Es tanzte gut, und die ersten Menschen wendeten sich von ihrer brennenden Königin ab, um seinen fliegenden Füßen zuzusehen. Inzwischen war Richardines Gesicht schwarz verkohlt und ihr ganzer Körper zusammengeschrumpft, jetzt musste sie tot sein.
Schwanhild war frei. Sie drückte Abelin fester an sich, nie wieder würde jemand versuchen, ihn ihr wegzunehmen – und sah sich nach ihrem älteren Kind um. Stattdessen fiel ihr blick auf Gerald. Er starrte mit leerem Blick auf den brennenden Scheiterhaufen, die Hände in den Taschen und sah seltsam kleiner aus als sonst. Mit plötzlichem Schrecken verstand Schwanhild, dass er gerade zugesehen hatte, wie seine Mutter verbrannt war. Mehr als das, er hatte gerade seine Mutter verbrennen lassen.
Mit wenigen Schritten war Schwanhild bei ihm. „Mein lieber Mann“, sprach sie ihn an. „Gerald!“ Sein Name zum ersten Mal auf ihren Lippen. Geralds Blick sprang zu ihr, hielt sich an ihrem Gesicht fest wie ein Ertrinkender. Sie konnte das für ihn tun, jetzt. Schwanhild hatte ihre Brüder gerettet, Gerald hatte sie gerettet, jetzt konnte sie ihn retten. Sie legte Abelin in seine Arme und griff nach Alwins zögernder Hand, die fremd war, aber nicht bleiben würde. „Gehen wir nach Hause.“
Zuhause schickten sie die Diener in den Feierabend und brachten die Kinder ins Bett. Abelin schlief leicht an ihrer Brust ein, doch Alwin war verstört und schwer zu beruhigen, für ihn waren sie zwei Fremde, und so glücklich sie auch waren, ihn wiederzuhaben, für einen kleinen Jungen waren die Veränderungen verstörend. Schwanhild hatte davon geträumt, leise plaudernd mit Gerald ihre Söhne schlafen zu legen, jetzt war es mehr ein Kampf, wenn auch ein guter. Abertausend Mal hatte Schwanhild so dringend mit Gerald reden wollen, tief in ihrem Kopf war eine Liste mit hunderten Dingen, die sie ihm unbedingt sagen musste. Aber jetzt redete sie nur beruhigend auf ihren fremden ältesten Sohn ein. Auf Gerald reagierte er etwas besser, das Kindermädchen hatte gesagt, sein Bild sei ihm regelmäßig gezeigt worden.
Schließlich schliefen die Kinder doch. Schwanhild folgte Gerald auf die Dachterrasse. Unter ihnen rauschten die vertrauten Geräusche der Hauptstadt an einem Sommerabend. Hupende Autos, das Sirren der Besen, auf denen übermütige junge Leute um die Wette flogen, das Gurren der Tauben. All die Geräusche verschmolzen zu einem friedlichen Ganzen, das sich wie ein Teppich über sie legte. Schwanhild wollte es nicht mit lauten Worten zerreißen. Mit zögernden, ungeübten Händen gebärdete sie „Er schläft jetzt.“
Gerald drehte sich überrascht zu ihr um. Er sah auf Schwanhilds Finger, die sie jetzt langsam, sich jeder ihrer Bewegungen bewusst, auf dem Geländer der Terrasse ablegte. Gerald lächelte. „Ich wusste doch, dass du es lernen kannst”, gebärdete er, flüssiger als sie.
Schwanhild dachte zurück an endlose Unterrichtsstunden zu Beginn ihrer Beziehung. Sie hatte nicht gesprochen, also war Gerald zu dem logischen Schluss gekommen, dass sie es nicht konnte. Und weil er sich in sie verliebt hatte und unbedingt mit ihr sprechen wollte, hatte er eine Lehrerin für Gebärdensprache in den Palast bestellt. Gerald selbst konnte schon bald Wörter und erste Sätze gebärden, aber Schwanhild blieb standhaft stumm. Sie durfte nicht, und sie durfte nicht einmal sagen, dass sie nicht durfte. Natürlich blieb im Palast mit seinen allgegenwärtigen Dienern nichts lange verborgen, und bald tuschelte die ganze Stadt nicht mehr nur über die Stummheit, sondern über die Dummheit der jungen Frau des Königs.
„Es tut mir leid“, gebärdete sie und wechselte dann zur gesprochenen Sprache. Sie hatte die Gebärden zwar oft gesehen und sich so gut es ging gemerkt, aber sie konnte spüren, wie sie ihr nicht ganz richtig aus den Fingern liefen, sie hatte keine Übung darin. „Es war so frustrierend. Du hast dir solche Mühe gegeben, und ich durfte nicht darauf eingehen. Ich weiß nicht, wie du nicht auch einfach geglaubt hast, dass ich zu dumm zum Sprechen bin.“
„Da war ich mir immer sicher“, sagte Gerald. „Du warst so zielstrebig und bestimmt. Du wolltest deine Blumen, und deine Nadeln, um die Hemden zu machen. Das war völlig klar, dazu musste man dir nur zusehen. Jemand, der ein so klares Ziel verfolgt, kann nicht dumm sein, auch wenn ich nicht verstanden habe, warum du es machst. Das ist auch der Grund, warum …“ Seine Stimme erstarb, er seufzte schwer.
„Warum was?“, fragte Schwanhild. Obwohl Gerald die ganzen Jahre über zu ihr gesprochen hatte, schienen auch ihm die Wörter jetzt schwerer zu fallen, da er mit ihr sprechen konnte.
„Wie ich es vor mir gerechtfertigt habe, dich zu heiraten. Ich war überzeugt, dass ich wissen würde, wenn du es nicht willst. Irgendwie halt, vielleicht, dass du einfach weggegangen wärst.“ Er sprach zögernd, hielt einen Moment inne, und dann sprach er es doch aus. „Bitte sag mir, dass ich dich nicht gezwungen habe.“
„Nein, hast du nicht“, sage Schwanhild. Ohne zu Zögern, aber auch ohne ihn anzusehen, den Blick auf die aufsteigenden Sterne am Horizont gerichtet. Sie wusste, was er als nächstes Fragen würde.
„Schwanhild, meine Frau, liebst du mich?“ So oft hatte er ihr gesagt, dass er sie liebe. So oft hatte er sie gefragt, und sie hatte nichts geantwortet, aber es war nicht wichtig gewesen, weil sie auf gar keine Frage geantwortet hatte. Jetzt mussten sie sich der Antwort stellen.
„Am Anfang nicht“, sagte sie. Sie legte ihre Hand auf seine, um den Schlag der Worte abzumildern. „Ich habe dich geheiratet, weil es mir die beste Möglichkeit gab, meine Brüder zu retten. Ich hatte schon gemerkt, wie schwer es sein würde, jeden Frühling genug Sternblumen zu trocknen und zu lagern. Aber du bist der König, bei dir gibt es beheizte Gewächshäuser und Dörrautomaten. Bei dir hatte ich endlich eine realistische Möglichkeit, die unmögliche Aufgabe zu schaffen und meine Brüder zu retten.“ Fast hatte sie es geschafft. Sie musste zufrieden sein, auch wenn Bronno entstellt bleiben würde. Bisher schien er es ihr nicht übelzunehmen.
Ein Zittern lief durch Geralds Hand unter ihrer. „Also war ich nur Mittel zum Zweck.“ Er sagte es nüchtern, bereit, es hinzunehmen, und wenn Schwanhild ihn nicht so gut kennte und das Beben seiner Finger nicht spürte, hätte sie den Schmerz darin nicht gesehen. Aber er war ihr Mann, auch wenn sie erst heute Morgen zum ersten Mal miteinander gesprochen hatten.
„Ich habe gesagt am Anfang nicht“, verbesserte sie ihn sanft. „Wie hätte ich mich nicht in dich verlieben sollen? Du hast mir nicht nur geholfen, du hast auch nie geglaubt, dass ich dumm bin. Du hast immer versucht, mich zu verstehen und es ist dir meistens gelungen, obwohl ich verflucht war, es unmöglich zu machen, selbst, als mir das Schrecklichste überhaupt vorgeworfen. Du bist ein wundervoller Vater für unserer Kinder, und Ehemann. Du hast mich heute gewählt, vor deiner eigenen Mutter.“ Schwanhild drehte ihre Hand so, dass sie Geralds Hand richtig greifen konnte, und wandte sich ihm zu. „Ich liebe dich.“
Er zog ihre verschlungenen Hände zu seinem Mund, um sie zu küssen, versuchte etwas zu sagen, und brachte es nicht heraus. Sein Griff um ihre Finger wurde beinahe schmerzhaft, er hielt sich fest, als fürchtete er, sonst in der lauen Sommerluft davon zu schweben. Schwanhild traf die Erkenntnis, dass er erst heute gelernt hatte, was sie seit Jahren wusste: dass Königin Richardine eine böse Frau war. Gerald hatte heute seine Mutter verloren.
Schwanhild zog ihn an sich, legte ihre Arme um seinen Leib und hielt ihn, während er weinte. Heute würde er weinen, vielleicht auch morgen. Übermorgen würden sie sich mit ihren Brüdern an den Tisch setzen und einen Krieg planen. Sie hatten ein Königreich zurückzugewinnen.
