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Innerhalb kurzer Zeit wurde das Atmen seiner Kameraden immer langsamer und gleichmäßiger, doch im Gegensatz zu seinen Freunden fand Siggi keinen Schlaf.
Es war nicht so als ob er nicht müde wäre, im Gegenteil, der Tag war, wie alle anderen an Allenstein, wieder einmal anstrengend gewesen, doch er wollte nicht einschlafen.
Zu viel Angst hatte er davor, dass er wieder sein Bett nass machen könnte. Erst gestern war es abermals passiert und obwohl Siggi alles dafür getan hatte, um es zu verstecken, war es Justus von Jaucher natürlich aufgefallen. Es schien, als machte es ihm sogar Spaß den Jungen zu demütigen, mit so einem ekelhaften Grinsen schaute er ihn dann an.
So musste Siggi seine Matratze nach draußen bringen und vor der halben Schule darauf pinkeln. Nicht nur, dass es eine absolute Bloßstellung war, jetzt wusste auch jeder seiner Kameraden über sein Problem Bescheid und sie alle hatten ihn weinen gesehen. Dabei sollten deutsche Jungmannen doch keine Gefühle zeigen.
Aber er konnte nicht einmal was dafür und er machte es auch nicht, um von Jaucher oder Peiner oder irgendwen sonst damit zu ärgern. Hätte Siggi die Wahl – irgendeine Möglichkeit – um was dagegen zu tun, dann würde er das sofort machen. Er hatte schon alles ausprobiert: er hatte nach dem Mittagessen nichts mehr getrunken, doch das führte nur dazu, dass er bei einer der vielen Geländemärsche beinahe ohnmächtig geworden wäre. Auch hatte er einfach nicht geschlafen, aber dadurch ist er im Deutschunterricht eingenickt und hat sich so neben einem ordentlichen Tadel auch mehrere Stunden Nachsitzen eingeheimst. Und auch gebetet hatte er, viele viele Stunden. Das hatte jedoch nur dazu geführt, dass er den Glauben an den Vater allmählich verloren hat. Wenn es ihn gab – einen Retter und Erlöser – warum half er Siggi dann nicht?
Vielleicht war das alles die Bestrafung für das, was ihm zuhause passiert war. Vielleicht hatte er das Schreien seiner Mutter und die Schläge seines Vaters nicht tapfer genug ausgehalten. Vielleicht hätte er sich die Tränen besser verkneifen oder sich noch besser, noch strikter an die Regeln halten sollen.
Und vielleicht hätte er auch die Berührungen besser über sich ergehen lassen müssen.
Alle paar Wochen war sein Vater in sein Bett geschlüpft, lange nachdem die Sonne untergegangen war. Du darfst niemandem davon erzählen, hatte er gesagt. Es war immer ihr kleines, dreckiges Geheimnis gewesen, von dem er nie jemandem erzählt hatte und über das er auch in Zukunft kein Wort verlieren würde.
So stolz waren seine Eltern auf ihn gewesen, als er sich mit gerade mal zweieinhalb Jahren schon nicht einmal mehr nachts eingenässt hatte. Doch mit sieben Jahren ging es dann wieder los, eine Nacht nachdem Siggis Vater ihn das erste Mal in der Nacht besuchte. Noch genau erinnerte er sich daran, das Bild erschien ihm in regelmäßigen Träumen. Es war der einzige Vorfall, an den Siggi sich so richtig erinnerte, die anderen waren verschwommen, als hätte sich ein dichter Nebel darübergelegt.
Geregnet hatte es in dieser Nacht und der Wind peitschte die Äste des Baumes vor seinem Zimmer gegen sein Fenster. Seine Eltern hatten an dem Tag mit ihm und seinem kleinen Bruder einen Ausflug unternommen, zum See ganz in der Nähe ging es, wo sie schwimmen waren und geschmierte Brote gegessen haben. Zu dem Zeitpunkt hatte noch die Sonne geschienen und es war ein warmer Sommertag gewesen, der letzte unbeschwerte Augenblick in seinem Leben.
Das Wetter hatte sich ebenso schnell geändert wie auch seine Sicht auf die Welt. Im Nachhinein fand Siggi die ganzen Umstände passend, innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich der strahlende Sonnenschein in ein dunkles Gewitter.
Schon immer hatte er Angst vor Donner, er fürchtete, der helle Blitz könne ihr Haus zerstören oder den nahen Wald in Brand stecken. Umso erleichterter war er dann also, als sich seine Zimmertür öffnete und der helle Schein des Lichts im Flur seinen Vater zeigte, der nur in Unterwäsche auf der Schwelle stand. Siggi hatte keine Fragen gestellt, sondern seinen Helden einfach nur glücklich in sein kleines Bett steigen lassen.
Wenn er da nur gewusst hätte, dass sich sein Leben durch einen so kurzen Moment so sehr ändern würde.
Als er dann mit gerade einmal elf Jahren auf die Napola in Allenstein geschickt wurde, war das gewissermaßen eine Erleichterung für ihn. Natürlich hatte er Angst vor den unbekannten Kameraden, den Lehrern und dem Fakt, dass er seine Eltern nur noch in den Ferien sehen würde, doch die Freude darüber, dass Siggi seinen Vater nun die meiste Zeit lang nicht mehr ertragen musste, überwog seine Sorgen.
Doch zu dem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass Allenstein ebenfalls kein Zuckerschlecken war. Ganz im Gegenteil – dieser Ort hatte kaum noch was von einer Schule, vielmehr war es eine reine Militärausbildung, die die Jungen da über sich ergehen lassen mussten.
Zwischen Schießübungen, Frühsport und Rassenkunde fand Siggi sich nicht zurecht. Er war einfach nicht gemacht für eine solche autoritäre Umgebung, er wünschte sich Trost und Zuneigung, doch niemand schien ihm so etwas zu versprechen. Noch nicht einmal hatte er etwas derartiges erfahren, weder von seiner Mutter noch seinem Vater. Zumindest nicht auf eine ehrliche Art.
Auch der Anschluss zu seinen Stubenkameraden wollte ihm nicht gelingen. Er war wenig wie sie, war viel ruhiger und zurückhaltender und viel in sich gekehrter. Oft schaute er Albrecht und Friedrich an und er konnte nicht anders als ihre innige Freundschaft zu beneiden. Zwar wusste er, dass Albrecht mit den Regeln der Anstalt alles andere als einverstanden war, aber immerhin hatte er Friedrich, der ihn unterstützte, für ihn da war und mit dem er reden konnte.
Siggi hingegen hatte niemanden, keinen einzigen wahren Freund und auch sonst niemanden, dem er sich anvertrauen könnte. Auch hatte er niemanden, dem er fehlen könnte, sollte er einmal nicht mehr sein. Es wäre eine Erlösung für ihn – und für seine Mutter, die sich trotz allem Sorgen um ihn machte. Und sich für ihn schämte, aber wer täte das nicht, bei einem siebzehn-Jährigen Bettnässer als Sohn.
Und wer weiß, vielleicht gab es ja doch so etwas wie einen Gott, der das Tor zum Himmel für ihn aufhielt.
