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Nachher im Standesamt

Summary:

„Wie stehst du eigentlich zum Heiraten? So generell?“

Was ist das bitte für eine Frage? Generell hält Leo Heiraten für ein überholtes, heteronormatives Konzept, mit der er sich noch nie anfreunden konnte. Von seinen Eltern weiß er, dass eine Scheidung kompliziert und vor allem verdammt teuer ist. Da sie etwa gleich viel verdienen, würde es ihnen nicht einmal signifikante Steuervorteile bringen, wenn sie verheiratet wären. Er hat das alles irgendwann vor Jahren mal für sich durchgerechnet und dann mit dem Thema abgeschlossen, als er festgestellt hat, dass es sich nicht lohnt.

Notes:

Ganz vielen Dank an Thecursedonestillhonoringher für den Titel und die Idee hierzu - sonst würde diese Geschichte gar nicht existieren. Es hat zwar mehrere Monate gedauert, aber irgendwie musste ich es doch noch umsetzen :D

Wie eigentlich alle Fortsetzungen von "Nachher in der Notaufnahme" dient das hier eigentlich nur dazu, meinen Wunsch nach tooth-rotting fluff in die Tat umzusetzen. Dafür bietet sich dieses Universum einfach sehr gut an.

Chapter 1: Vorher

Chapter Text

Es fängt alles damit an, dass Adam zu Leo ins Bett schlüpft.

An sich ist das nicht ungewöhnlich, obwohl es meistens andersherum passiert, weil Leo noch viel zu lange bis spät in die Nacht an einem Fall gesessen hat. Adam hat normalerweise geregelte Arbeitszeiten und kommt oft entsprechend früher ins Bett, wo er fast immer mit einem Buch in der Hand auf Leo wartet. Es ist ein Anblick, an den er sich in den letzten Jahren wahrscheinlich schon viel zu sehr gewöhnt hat.

Doch im Moment hat Leo keine offenen Fälle und er war einfach müde vom Stress der letzten Wochen, weshalb er sich entschieden hat, sich einfach schon mal hinzulegen. Immerhin ist er jetzt über dreißig, da kann man auch schon mal um neun ins Bett gehen.

Leider klappt es mit dem Schlafen nicht so, wie er es sich vorgestellt hat. Dabei ist sein Körper schon ziemlich erschöpft und unter normalen Umständen wäre er wahrscheinlich innerhalb weniger Minuten eingeschlafen. Doch heute wird er das Gefühl nicht los, dass etwas fehlt und es macht ihn so nervös, dass an Schlaf nicht zu denken ist.

Es ist nicht so, als ob Adam und er nie eine Nacht getrennt voneinander verbracht haben, seit sie offiziell zusammengezogen sind, aber Leo kann nun einmal besser einschlafen, wenn er Adams gleichmäßiges Atmen oder sein leises Schnarchen neben sich hört. Da hilft es auch nicht, sich von Adams Seite des Bettes sein Kopfkissen zu klauen.

Dass dieser blöde Kurs auch immer so lange dauern muss. An sich fand Leo die Idee gut, als Adam ihm vor ein paar Jahren eröffnet hat, dass er sich zusammen mit Esther für einen Judo-Kurs angemeldet hat. Adam und Esther sind über die Jahre echt zusammengewachsen, wobei sie es auch heute noch liebt, ihn wegen aller möglichen Dinge aufzuziehen. Zusätzlich dazu kann sie ihn inzwischen auch einmal die Woche auf die Matte werfen. Wahrscheinlich hat sie nur deshalb Judo als gemeinsame Aktivität vorgeschlagen.

Die Idee, Adam in seine Hobbies reinzureden, würde Leo nie kommen. Er hat auch nichts dagegen, wenn Adam alle paar Wochen mit der Gruppe danach noch zum Italiener geht. Dass seine eigenen Mittwochabende derweil immer ein bisschen einsam und eintönig sind, ist ganz allein sein Problem. Er könnte ja auch Caro anbieten, mal zum Babysitten vorbeizukommen oder so. Oder sich ein eigenes Hobby suchen. Vielleicht nimmt Pia ihn mal mit zu ihrem Buchclub.

Beim Schlafen helfen ihm alle diese Überlegungen aber auch nicht. Deshalb ist er ziemlich erleichtert, als er durch die angelehnte Schlafzimmertür hört, wie sich ein Schlüssel in der Wohnungstür dreht und jemand in den Flur geschlurft kommt. Also muss Leo sich wohl doch nicht mit irgendwelchen Videos auf seinem Handy ablenken.

Es dauert nicht lange, bis die Zimmertür vorsichtig aufgestoßen wird. Das Bett knarzt leise, als Adam sich auf seiner Seite auf die Bettkante setzt und sich von dort auf die Matratze sinken lässt. Im Gegensatz zu sonst rutscht er jedoch nicht so weit wie möglich in die Mitte, um Leo die Decke zu klauen oder seine kalten Füße an ihm zu wärmen. Ein sicheres Indiz, dass etwas im Busch ist.

„Adam?“

Ein leises Brummen verrät ihm, dass Adam immerhin nicht sofort weggepennt ist, sobald sein Kopf das Kissen berührt hat. Oder berührt hätte, weil Leo Adams Kissen immer noch umklammert hält.

Leo rollt sich auf die Seite und schiebt Adam das Kissen hin. Normalerweise würde er sich ohne Rücksicht auf Verluste einfach an Adam schmiegen und ihn mit einigen Küssen begrüßen, aber wenn Adam in so einer schweigsamen, nachdenklichen Stimmung ist, braucht er manchmal ein bisschen Abstand. Da fühlt Leo lieber erst einmal vor, indem er eine Hand auf Adams Schulter legt.

Körperlich reagiert Adam kaum. Er kommt auf jeden Fall nicht näher. Dafür fängt er an zu reden. In der Hinsicht haben sie in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht. „Ich hatte einen schwierigen Fall heute.“

Das kann so gut wie alles bedeuten. Leo hat eine ziemlich gute Vorstellung davon, was Adam als Polizeipsychologe so alles begegnen könnte, aber mit so wenigen Angaben kann er da auch nicht helfen. „Und der Sport hat nicht geholfen?“ Oft kann Adam da seinen Frust über die kaputte Welt ganz gut abreagieren. Leo ist es auch lieber, wenn Adam das auf der Matte an Esther auslässt und nicht zuhause an ihm.

Adams Schnauben klingt kein bisschen amüsiert. Sein „Ja, sicher“ sprüht nur so von Sarkasmus.

Leo befürchtet schon, dass die Unterhaltung damit beendet ist und dass er gleich zwar nicht alleine, aber doch unzufrieden einschlafen muss.

Doch dann fährt Adam nach einer gefühlten Ewigkeit doch noch fort: „Wie stehst du eigentlich zum Heiraten? So generell?“

Was ist das bitte für eine Frage? Generell hält Leo Heiraten für ein überholtes, heteronormatives Konzept, mit der er sich noch nie anfreunden konnte. Von seinen Eltern weiß er, dass eine Scheidung kompliziert und vor allem verdammt teuer ist. Da sie etwa gleich viel verdienen, würde es ihnen nicht einmal signifikante Steuervorteile bringen, wenn sie verheiratet wären. Er hat das alles irgendwann vor Jahren mal für sich durchgerechnet und dann mit dem Thema abgeschlossen, als er festgestellt hat, dass es sich nicht lohnt.

Andererseits wirkt Adam gerade nicht so, als ob er das alles ganz rational betrachtet. Natürlich weiß Leo, dass bei einer Hochzeit jede Menge Gefühle mit reinspielen. Es ist eigentlich schon verwunderlich, dass sie seit fast zehn Jahren zusammen sind und das Thema noch nie so konkret aufgekommen ist.

Auf einmal beschleicht Leo ein unangenehmes Gefühl. Wartet Adam womöglich schon jahrelang vergeblich darauf, dass Leo ihm einen Antrag macht? Kann es sein, dass sie beide einfach völlig unterschiedliche Dinge angenommen haben und sich das jetzt erst zeigt? Es wäre nicht das erste Mal, dass sie aneinander vorbeireden.

„Keine Ahnung, ich dachte nur…“ fängt Adam an und Leo befürchtet das Schlimmste. Ihm liegt schon eine Erklärung auf der Zunge, dass der fehlende Antrag nicht bedeutet, dass er Adam nicht liebt oder dass er nicht den Rest seines Lebens mit ihm verbringen möchte.

Die aufsteigende Panik schnürt ihm immer mehr die Kehle zu. Er wollte nie, dass Adam sich unsicher fühlt. Wenn Adam das möchte, würde er ihn sofort heiraten, unabhängig davon, was er allgemein von der Ehe hält. Adam ist ihm viel wichtiger als irgendwelche veralteten Wertevorstellungen, aber für Adam würde Leo sofort vor den Altar treten, seinetwegen auch mit weißem Kleid, Blumen und allen Klischees.  

Endlich redet Adam weiter und nimmt Leos Sorgen erst einmal den Wind aus den Segeln. Es beunruhigt Leo allerdings auf eine ganze andere Art und Weise. „Was ist, wenn mir mal etwas passiert?“

Darüber will Leo gar nicht erst nachdenken. Er will Adam zwar nicht bedrängen, aber er hält den Abstand zwischen ihnen nicht länger aus. Er robbt näher heran und stemmt sich auf einen Ellbogen, damit er Adams Gesicht sehen kann. Selbst im Dunklen des Schlafzimmers scheinen Adams Augen feucht zu schimmern.

„Dir wird nichts passieren“, versichert Leo ihm, obwohl er weiß, dass es nur leere Worte sind. Adams Job mag nicht so gefährlich sein wie Leos, aber er ist nicht so naiv zu glauben, dass damit alle Risiken gebannt sind. Er kann Adam schlecht in Luftpolsterfolie verpacken und ihn nicht mehr aus dem Haus lassen.

„Aber was, wenn doch?“ Adam beachtet Leo nicht, sondern starrt stur an die Zimmerdecke. Immerhin hat er sich nicht entfernt. Er hätte auch bis ganz nach außen an die Bettkante rutschen können. „Ich will nie wieder, dass meine Eltern was mit meinem Leben zu tun habe. Aber solange sie offiziell meine nächsten Angehörigen sind…“

Daher weht also der Wind. Auch wenn sie in der Hinsicht keine Geheimnisse mehr voreinander haben, war Leo nicht bewusst, wie sehr das Thema mit seinen Eltern Adam immer noch beschäftigt. Es ist bestimmt schon Jahre her, dass sie das letzte Mal darüber gesprochen haben, und da auch nur in dem Kontext, dass Adam sich gefragt hat, ob der Alte wohl endlich verreckt ist.

Leo küsst die Träne weg, die gerade beginnt, sich einen Weg über Adams Wange zu bahnen. Sein Gehirn arbeitet schon auf Hochtouren, um für Adams aktuelles Problem eine Lösung zu finden. „Wenn es dir nur darum geht, können wir gleich morgen eine Patientenverfügung aufsetzen. Das geht ganz schnell. Du kannst mir für alles eine Vollmacht ausstellen.“

Diesmal klingt Adams Schnauben schon ein bisschen belustigt, wenn Leo das richtig deutet. „Eine Patientenverfügung. Romantisch wie immer.“

Das kann Leo so nicht auf sich sitzen lassen. Er kann sehr wohl romantisch sein, und das weiß Adam genau. Er denkt halt nur gerne praktisch. Sein Protest wird jedoch im Keim erstickt, weil Adam endlich nicht mehr nur die Decke anschaut. Er lehnt sich nach oben, um Leo zu küssen und zieht ihn danach mit auf sich hinunter.

Da sie sich den ganzen Tag über nicht gesehen haben und auch gestern kaum Zeit füreinander hatten, ist das kurzzeitig wichtiger, als dass Leo Recht behält. Er verliert sich in dem Gefühl von Adams Lippen auf seinen und überlegt, ob er wirklich so müde ist, wie er vorhin noch dachte, oder ob er hieraus nicht doch etwas machen könnte. Danach hätte er für den Rest der Nacht bestimmt keine Schlafprobleme mehr.

Die Unterhaltung ist allerdings noch nicht vorbei. „Ich könnte auch ein Testament aufsetzen“, fährt Adam fort. Leo schluckt, weil er auch darüber lieber nicht nachdenken würde. Er würde Adam viel lieber noch ein bisschen mehr küssen und etwas weniger über schwierige Themen reden. „Es gibt jede Menge Dinge, die man rechtlich regeln kann, aber ich wäre lieber zu hundert Prozent abgesichert.“

Den Aspekt kann Leo verstehen. Ihm fallen aktuell auch keine guten Gegenargumente ein. In Gedanken geht er schon durch, welche Unterlagen sie für eine Hochzeit bräuchten und wie viel Vorlaufzeit das wohl benötigen würde. „Gut. Ich kann morgen mal beim Standesamt schauen, wegen eines Termins. Vielleicht haben sie in nächster Zeit noch was frei.“

Der Muskel in Adams Kiefer beginnt zu zucken. Ansonsten zeigt er keine Regung, aber Leo weiß auch so, dass er nicht zufrieden ist.

„Was?“ Er ist sich nicht sicher, was er falsch gemacht haben soll. Adam will heiraten und Leo ist einverstanden, weil er seine Beweggründe nachvollziehen kann. Was ist daran verkehrt?

„Ich weiß, dass du da nichts von hältst“, seufzt Adam. „Aber ich will das richtig machen. Bitte lass mich ausreden, ja?“

Dank dieser Aussage ist Leo sofort im Verteidigungsmodus. Dabei hatte er gar nicht vor, Adam zu unterbrechen. Er wird warten, bis Adam fertig ist und ihm dann geordnet darlegen, wieso Adam Unrecht hat. So wie er das immer macht, auch wenn er manchmal vermutet, dass es Adam in den Wahnsinn treibt. Aber er sieht einfach nicht ein, warum sie sich anschreien sollten, um sich zu streiten.

Wenigstens zeigen Adams Finger, die nun sanft über Leos Gesicht und Hals streicheln, dass er das hier noch nicht als einen großen Streit ansieht. „Wenn wir heiraten, will ich auch eine Feier. Nichts Großes, aber wenigstens mit deiner Familie und ein paar Freunden. Caro und deine Mutter würden uns das nie verzeihen, wenn sie erfahren, dass wir einfach nur beim Standesamt waren, um die Papiere zu unterschreiben. Außerdem ist mir das peinlich, wenn ich Sandra vom Personal mitteilen muss, dass sich unser Familienstand geändert hat und dann nichts von der Hochzeit erzählen kann.“

Leo bezweifelt, dass Adam Sandra vom Personal je irgendetwas Persönliches über sich erzählt hat. Aber er kann das Ganze auch nicht einfach so auf sich beruhen zu lassen, weil Adam in seiner Logik einen wichtigen Punkt vergisst. „Du willst das also nur für andere Leute?“

Adam schubst so plötzlich und heftig gegen Leos Schulter, dass er ins Wanken gerät und seine halb über Adam lehnende Position gegen rücklings auf der Matratze eintauscht. Das scheint Adam aber ihm auch nicht recht zu sein. Er folgt Leo und endlich kuschelt er sich an seine Seite, so wie er das sonst auch öfters macht. Er vergräbt das Gesicht in Leos Halsbeuge. Automatisch legt Leo ihm eine Hand in den Nacken, um mit den kurzen Haaren dort zu spielen.

„Es ist bescheuert“, murmelt Adam. Seine Lippen streifen dabei weich und warm über Leos Hals.

„Ist es nicht“, widerspricht Leo sofort. Adam könnte nie etwas tun, was bescheuert ist, egal, worum es geht. Dafür braucht Leo auch keine logisch aufgebaute Argumentationskette.

„Doch schon. Ich wollte nie heiraten. Früher war das immer die größte Horrorvorstellung für mich. Ich wollte ja noch nicht mal bei dir einziehen.“

Leo muss schmunzeln bei der Erinnerung an den denkwürdigen Tag, an dem Adam endlich das verdammte WG-Zimmer gekündigt hat. Spätestens, nachdem sie letztes Jahr zusammen diese Wohnung gekauft haben, hat Leo eigentlich angenommen, das Thema hätte sich erledigt.

„Aber…“ Adam ist noch nicht fertig. „Dann habe ich nach heute Morgen noch mal darüber nachgedacht und vielleicht fände ich es doch nicht so schlimm, verheiratet zu sein, wenn es mit dir ist.“

Leo liegt schon ein sarkastisches Wow, danke auf der Zunge.

„Dann könnte ich dich überall als meinen Mann vorstellen. Und ich wäre offiziell Teil deiner Familie.“

Leo will sagen, dass Adam das doch schon längst ist. Seine Mutter stellt Adam schon seit Jahren als ihren Schwiegersohn vor und für Caros Kinder ist Adam genauso der Onkel wie er. Daran wird eine Urkunde auch nichts ändern. Doch Gefühle sind nun einmal nicht so leicht beeinflussbar und Leo ist einfach nur wahnsinnig froh, dass Adam seine mit ihm teilt und es nicht einfach totschweigt. Da kann er sich seine überheblichen Kommentare ausnahmsweise mal verkneifen.

„Das ist nicht bescheuert“, sagt er und versucht diesmal, noch mehr Überzeugung in seine Worte zu legen als vorhin. Er erhöht den Druck seiner Finger auf Adams Kopfhaut leicht, was ihm ein leises, zufriedenes Seufzen einbringt. „Wenn du das willst, machen wir das. Mit einer richtigen Feier und allem, was dazugehört.“

„Wirklich?“ Als Leo diesmal Adams Lippen an seinem Hals spürt, ist es eindeutig als Kuss gemeint. „Mit allem?“

Leo hat keine Ahnung, auf was er sich da gerade eingelassen hat. War er nicht vorhin noch dabei, sich zurechtzulegen, was er als Argumente gegen eine Hochzeit anbringen könnte? Er nickt trotzdem. Weil es Adam ist und weil er, wenn er ehrlich ist, zu Adam noch nie nein sagen konnte. Egal, ob seine Ideen bescheuert sind oder nicht.

„Also darf ich dir auch einen richtigen Heiratsantrag machen? Mit Ring?“

Die Alarmglocken in Leos Kopf fahren sofort wieder hoch. „Hast du mir etwa schon einen Ring gekauft?“ Wenn Adam das tatsächlich schon von langer Hand geplant hätte –

Adam besitzt die Dreistigkeit, über das offensichtliche Entsetzen in Leos Stimme zu lachen. „Nein. Aber vielleicht hatte ich heute Nachmittag wenig zu tun und hab mir schon ein paar entsprechende Lesezeichen gesetzt.“

Im Dunklen kann Adam nicht sehen, wie Leo die Augen verdreht, aber er hofft, dass Adam seine Reaktion trotzdem erahnen kann. Irgendwie ist es aber auch süß, wie Adam sich direkt da reinhängt. Die Vorstellung, einen Ring zu tragen, damit jeder auf den ersten Blick weiß, dass er vergeben ist, dass er zu Adam gehört, hat irgendwie etwas. Es reizt ihn mehr als das Konstrukt der Ehe an sich.

„Okay“, sagt er und nimmt das Streicheln durch die Haare an Adams Nacken wieder auf.

„Okay?“ Adam hebt ein bisschen den Kopf, um Leo anschauen zu können.

„Okay. Meinetwegen. Kauf einen Ring.“

Allein schon für das Lächeln, das sich auf Adams Gesicht ausbreitet, ist es das wert. Auch für den darauffolgenden Kuss und auch, weil Leo danach endlich ruhig schlafen kann.

Trotzdem druckt er am nächsten Tag bei der Arbeit einen Vordruck für eine Patientenverfügung aus. Sicher ist sicher. Adam gibt keinen Kommentar dazu ab, als er sie unterschreibt.

 

Dass Leo den Heiratsantrag sehnsüchtig erwartet, wäre etwas übertrieben.  So viel liegt ihm ohnehin nicht daran. Er hält definitiv nicht nach, wann immer Adam Pakete bekommt und prüft, ob er sich verdächtig verhält. Er hinterfragt es nicht, dass Adam später von der Arbeit nach Hause kommt, weil er meinte, er müsse noch mal in die Stadt.

Als Adam ihn spontan nach einem langen Arbeitstag aus dem Büro abholt und vorschlägt, sie könnten noch essen gehen, befürchtet Leo bestimmt nicht, dass Adam ihm gleich auf die peinlichste Weise überhaupt vor allen anderen Menschen im Restaurant einen Antrag macht. Zum Glück passiert das nicht. Am Abend danach widersteht Leo der Versuchung, so weit zu gehen, Adams Sockenschublade zu durchsuchen, während der beim Judo ist.

Spätestens in ihrem Weihnachtsurlaub rechnet Leo fest damit, dass der Antrag irgendwann kommt. Wegen anderer Termine mussten sie den Urlaub dieses Jahr schon auf Anfang Dezember legen. Es ist eine wirklich schöne, entspannte Woche in den Bergen und Leo gefällt alles richtig gut – bis auf die Tatsache, dass er ohne Ring am Finger zurückfahren muss. Seine Hand am Lenkrad sieht irgendwie viel zu nackt aus, obwohl nichts anders ist als auf der Hinfahrt.

Vielleicht hat Adam es sich auch einfach anders überlegt. Möglicherweise war ihre nächtliche Unterhaltung nichts als eine Spinnerei, die er danach sofort ad acta gelegt hat, weil Leo das Heiraten eh nie so wichtig erschien. Leider merkt Leo, dass es ihm auf einmal doch wichtig ist und er hat keine Ahnung, wie er das Adam unauffällig begreiflich machen soll. Womit sollte er so ein Gespräch überhaupt anfangen?

Zwischen den Weihnachtsvorbereitungen ist es ohnehin schwierig. Leo hat bei der Arbeit so viel zu tun, dass er alles aufs nächste Jahr verschiebt, was nicht unbedingt erledigt werden muss. Die Weihnachtseinkäufe verschlingen unheimlich viel Zeit und er hasst den neuen Fall, der ihn zwingt, immer mehr Nächte mit Observierungen zu verbringen, anstatt bei Adam im Bett.

Sogar Heiligabend wird er noch in eine Razzia eingespannt. Die Kollegen sind genauso wenig begeistert wie er, aber immerhin finden sie etwas und bis zum späten Vormittag sind alle Beweise fein säuberlich eingetütet. Leo schickt sein Team so bald wie möglich nach Hause und beeilt sich, den Bericht fertig zu bekommen.

Entsprechend erschöpft schleppt er sich nachmittags nach Hause. Sein Kopf pocht unangenehm. Er hat noch ein paar Stunden, bis sie wieder los müssen, um mit seiner Familie gemeinsam zu feiern, aber das ist viel zu wenig Zeit, um die gesammelte Müdigkeit der letzten Wochen loszuwerden.

Aus dem Wohnzimmer dringt ein warmer Lichtschein in den Flur. Er stoppt Leo auf seinem direkten Weg ins Bett. Nach ihrem ersten gemeinsamen Weihnachtsfest ist die Tradition geblieben, eine ihre Zimmerpflanzen mit Lichterketten zu dekorieren, obwohl sie jetzt mehr als genug Platz für einen Baum hätten. Vor dieser Pflanze sitzt Adam nun, Geschenkpapier, Tesafilm und Geschenkband vor sich und wickelt gerade das Buch ein, das Leo seiner Mutter gekauft hat.

Sobald er Leo hinter sich hört, will er aufstehen, aber Leo bedeutet ihm mit einer Hand auf der Schulter, sitzen zu bleiben. Er lässt sich neben ihm zu Boden sinken. An Adam konnte man sich immer schön anlehnen. Für einen Moment schaut Leo einfach nur zu, wie Adams geschickte Finger mit Tesafilm hantieren und noch eine ordentliche Schleife um das Paket binden.

„Die anderen sind schon fertig.“ Adam legt das eingepackte Geschenk auf einen schon ziemlich hohen Stapel. „Na ja, bis auf die für mich. Die darfst du selbst einpacken.“

„Wie großzügig.“ Leo macht noch keine Anstalten aufzustehen, um das zu erledigen. Eigentlich hätte Adam das auch machen können. Er weiß sowieso, wo Leo die Geschenke für ihn aufbewahrt und selbst wenn er nicht schon nachgesehen hätte, was Leo für ihn besorgt hat, erfährt er es heute Abend sowieso.

Adam geht gar nicht auf Leos Kommentar ein. Vorsichtig hebt er Leos Kopf von seiner Schulter, wo er gerade schon dabei war, sich seiner Müdigkeit hinzugeben und für einen Moment die Augen zu schließen. Im Bett wäre es zwar bequemer, aber hier neben Adam ginge es bestimmt auch. Mit einem Grummeln setzt er sich wieder aufrecht hin.

Adams Kuss auf seine Schläfe macht es etwas besser. „Ich hab auch noch was für dich.“

Leo schaut ihm nach, wie er aus dem Wohnzimmer in Richtung Küche verschwindet. Jetzt gerade hat er überhaupt keine Lust auf was auch immer Adam vorbereitet hat. Er will eigentlich nur ein paar Stunden in Ruhe schlafen. Wie stehen wohl seine Chancen, Adam noch mal mit ins Bett zu bekommen?

Er hört Adams zurück in den Raum kommen, aber Adam setzt sich nicht wieder neben ihn. Es passt nicht. Ebenso wenig wie der angespannte Gesichtsausdruck, den Leo bemerkt, als er Adam genauer studiert. Die leichten Falten in Adams Gesicht wirken tiefer als sonst, genau wie seine Augenringe. Leo hat echt zu wenige Nächte zuhause verbracht in letzter Zeit.

Adams Finger spielen nervös mit etwas herum, fahren über die kleine Schachtel, die er in den Händen hält und oh… Es erklärt aber nicht, warum Adam gerade aussieht, als habe er Angst, Leo zu nahe zu kommen.

Dann muss Leo halt zu ihm kommen. Fürs Erste ignoriert die rechteckige Box, die eindeutig eine Ringschachtel ist, obwohl er wahnsinnig neugierig auf den Inhalt ist. Adams Augen scheinen überall im Raum herumzuwandern, nur nicht zu Leo. So eine Situation hatten sie schon länger nicht mehr, deshalb fällt Leo nichts Besseres ein, als Adam zu küssen, um ihn aus seiner Schockstarre zu holen.

Zu seiner Erleichterung erwidert Adam den Kuss. Er legt Leo die Arme um den Hals, was Leo allerdings nur an die Schachtel erinnert, die Adam in der Hand hält. Die Lederoberfläche ist kühl auf Leos Haut. Er fasst Adams Handgelenke und zieht sie von seinem Hals weg, auch wenn er nichts lieber möchte, als hier weiterzumachen. Oder nicht genau hier, aber im Schlafzimmer.

Doch unkommentiert lassen kann er die Schachtel nicht. „Was hat es denn damit auf sich?“ fragt er vorsichtig. Es ist besser als Hattest du nun vor, mir einen Antrag zu machen, oder nicht? Er streichelt sangt an Adams Unterarm entlang. Adam scheint sich immerhin ein bisschen zu entspannen und umklammert die Box nicht mehr ganz so krampfhaft.

„Ich dachte, ich frag lieber hier“, sagt Adam leise. „Dann muss du nicht vor deiner Familie nein sagen, falls du es dir anders überlegt hast. Aber warten konnte ich auch nicht länger, ich hab mir gesagt, spätestens an Weihnachten zieh’ ich das durch, auch wenn es vielleicht die Stimmung ruiniert.“

„Bitte was?“ Leo hat den Durchblick längst verloren. Hat Adam gerade ernsthaft impliziert, Leo könnte irgendetwas anderes als Ja sagen? Oder dass seine Familie nicht hellauf begeistert wäre über diese Entwicklung? Leo dachte eigentlich, sie hätten derartige Kommunikationsprobleme und Unsicherheiten schon längst hinter sich gelassen.

Adam hat mit halb geöffnetem Mund innegehalten und schaut Leo jetzt einfach nur abwartend an. Da muss Leo ihn einfach küssen, obwohl das fürs Kommunizieren nicht unbedingt förderlich ist. Leo hasst das, wenn Adam über eine Sache zu viel nachdenkt und sich dann in irgendetwas total Absurdes reinsteigert. Am meisten, weil er nie so genau weiß, wie er Adam da raushelfen soll.

Auch heute fällt ihm nichts Gutes ein. Doch in diesem Fall zählt vielleicht nur das Endergebnis. Wenn Leo sich den Ring selbst anstecken muss, damit Adam begreift, dass er das auch will, würde er das machen. Aber vielleicht geht es auch anders.

„Pass auf.“ Er lässt seine Hand an Adams Arm etwas tiefer wandern und schließt sie um Adams und die Schachtel. „Du kommst jetzt noch mal hier rein und dann fragst du mich einfach, okay? Ohne irgendwelchen Blödsinn, dass das etwas ruinieren könnte. Du wolltest das doch richtig machen, oder?“

Adam beißt sich auf die Unterlippe, aber er nickt. Mit Adams Vorstellung von einem perfekten Antrag, von dem er später allen erzählen könnte, hat es nicht viel gemein, aber das hätte wohl auch nicht zu ihnen beiden gepasst.

Als Adam wieder reinkommt, wirkt er deutlich gefasster. Plötzlich spielt es keine Rolle mehr, was eben noch passiert ist. Jede Form der Unsicherheit ist vergessen. Leo wird von so vielen Emotionen überrollt, dass er kaum noch weiß, wohin damit. Vor allem, als Adam vor ihm auf ein Knie sinkt, wie in einem kitschigen Liebesfilm.

Leo verschwendet nicht einen Blick auf den Ring in der nun geöffneten Schachtel. Er ist viel zu beschäftigt damit, Adam Gesicht zu beobachten, das so vertrauensvoll zu ihm aufschaut. Adam verhaspelt sich mehrmals, aber was er sagt, ist eigentlich nicht so wichtig. Am wichtigsten ist, dass Leo ja sagt.

Natürlich tut er das. Und natürlich kommt Adam danach auch mit Leo ins Bett, wenn auch nicht unbedingt, damit Leo Schlaf nachholen kann.

 

Sie kommen zu spät zur Familienfeier, aber das ist Leo herzlich egal. Im Auto musste er immer wieder auf seine linke Hand schauen, weil sich das Licht der Straßenlaternen in seinem Ring zu spiegeln schien. Irgendwann hat Adam eine Hand vom Lenkrad genommen und sie über Leos gelegt. Gepaart mit den zufriedenen Grinsen in seinem Gesicht wirkte sein „Du lenkst mich ab“ nicht so vorwurfsvoll, wie es vielleicht klingen sollte.

Leo hat überlegt, den Ring zuhause zu lassen, um alle dem Trubel deswegen aus dem Weg zu gehen, aber am Ende hat er es nicht über sich gebracht. Erfahren müssen sie es früher oder später ja doch, obwohl es Leo später lieber wäre.

Leider machen ihm Caros Töchter schnell einen Strich durch die Rechnung. Sarah zieht die Haustür auf, nachdem sie geklingelt haben und springt sofort an Leo hoch. Er lässt fast die Tüte mit den Geschenken fallen in dem Versuch, sie aufzufangen, damit sie nicht hart auf dem Boden landet. Lisa reckt ihm auch sofort beide Arme entgegen, obwohl Leo die Hände eindeutig schon mit Kind und Geschenken voll hat. Zum Glück ist sie noch nicht groß genug, um auch an ihm hochzuklettern.

„Na komm her“, sagt Adam und hält Lisa beide Hände hin, damit Leo erst mal Sarah und die Geschenke abstellen kann. So weit kommt er aber nicht.

„Was ist das?“ fragt Lisa und zieht an Leos Arm, um seine Hand besser anschauen zu können. Er ist froh, dass er die Tüte nicht mehr festhält. Wie als hätte Caro da etwas rausgehört, taucht sie auf einmal im Flur auf. Ihr Blick fokussiert sich sofort auf Leos Hand, an der Lisa immer noch zieht. Der Ring glänzt im Licht und ist nicht zu übersehen.

„Bringt doch Adam schon mal rein und zeigt ihm den Weihnachtsbaum“, weist Caro die Kinder an. Leo ist etwas erleichtert, dass sie endlich von ihm ablassen und sich stattdessen auf Adam stürzen. Eine Schonfrist bietet ihm das allerdings nicht.

Sobald sie nur noch zu zweit im Flur sind, zieht Caro ihn in eine heftige Umarmung. „Du Idiot“, zischt sie ihm ins Ohr. „Ich hab dagegen gewettet. Jetzt schulde ich Esther zwanzig Euro.“

„Dein verdammter Ernst?“ Als ob seine Familie und Freunde ernsthaft Wetten über seine Beziehung abgeschlossen haben?

Caro grinst nur. „Ich freu mich ja so für euch“, ruft sie, laut genug, dass ihre Mutter das im Wohnzimmer garantiert auch noch mitbekommt.

Leo ergibt sich in sein Schicksal und macht im Wohnzimmer die Runde, um seinen Ring vorzuzeigen. So schlimm ist es am Ende auch nicht. Nicht ganz unbeteiligt daran ist wahrscheinlich Adam, der trotz den beiden Kindern, die immer noch auf ihm herumkrabbeln, so glücklich und erleichtert aussieht, wie schon lange nicht mehr.