Work Text:
Leo starrt müde in seinen Kaffee. Eigentlich könnte er noch lange im Bett liegen. Dank dem Gips an seinem Arm muss er sowieso nicht arbeiten, es wäre also die perfekte Gelegenheit, mal so richtig auszuschlafen und danach noch genüsslich eine Weile liegen zu bleiben, weil er keinerlei Verpflichtungen hat.
Sein nächster Arzttermin, um den Heilungsprozess zu überprüfen, ist erst nächste Woche und bis dahin ist er ohnehin krankgeschrieben. Besuchen kommen ihn wenn dann nur seine Eltern und die müssen unter der Woche auch arbeiten. Caro hat wieder Uni und ist nicht mehr in der Stadt. Es gibt also objektiv keinen Grund für Leo, dass er jetzt schon an seinem kleinen Küchentisch sitzt.
Außer natürlich Adam. Adam, mit dem er in den letzten drei Tagen mehr Nachrichten ausgetauscht hat, als er vermutlich je in seinem Leben geschrieben hat. Der auch der Grund ist, warum Leo in der letzten Nacht kaum geschlafen hat. Dabei war Adam nicht mal hier, was ein viel besserer Anlass für den Schlafmangel gewesen wäre. Aber Leo hatte irgendwie das Gefühl, Adam moralischen Beistand leisten zu müssen, während er mühsam die letzten paar Seiten seiner Hausarbeit zusammengekratzt hat.
Heute Mittag ist Abgabe. Leo fühlt sich fast in seine eigene Studienzeit zurückversetzt, obwohl er nie jemand war, der bis zur letzten Minute an seinen Arbeiten geschrieben hat. Aber er hatte genug Kollegen, die für eine Abgabe um Mitternacht exakt um 23:59 Uhr mit dem fertigen Text am Empfang standen. Bei Adam sieht es aus, als ob es ein bisschen weniger drastisch wird, aber knapp ist es trotzdem.
Leo hat ihn vor ein paar Minuten gefragt, ob er nicht doch noch über den Text drüberlesen soll, für Flüchtigkeitsfehler oder so. Er hat zwar von dem Thema der Arbeit wenig bis gar keine Ahnung, aber vielleicht fällt ihm ja doch etwas auf.
Vorgestern hat Adam ihn angerufen, weil er an einer Stelle nicht weiterkam und meinte, es würde ihm helfen, wenn er es einem Dritten erklären muss. Leo hat so gut wie nichts davon verstanden, was unter anderem daran lag, dass er ein bisschen abgelenkt war dadurch, Adams Stimme zu hören oder ab und zu sein leises Atmen und das Geräusch einer Tastatur, wenn er seinen Text korrigiert hat.
Es ist ein bisschen unwirklich, dass er jetzt schon so verrückt nach Adam ist. Sie haben sich ein paarmal geküsst und danach immer nur geschrieben. Adam war die ganze Zeit mehr oder weniger abgelenkt wegen seiner Hausarbeit. Aber trotzdem gibt es in seinen Nachrichten immer wieder kleine Details, mit denen Leo mehr über ihn lernt. Wie seine Mitbewohnerinnen heißen, dass er ohne Kaffee morgens nicht funktioniert und wieso ihn die vom Fachbereich vorgeschriebene Zitierweise so nervt. Es sind Kleinigkeiten, aber je mehr Leo erfährt, desto mehr weiß er, dass er Adam unbedingt näher kennenlernen will. So oft und lange, wie Adam antwortet, obwohl er eigentlich echt Besseres zu tun hätte, hofft Leo, dass es ihm auch so geht.
Der Kaffee ist mittlerweile genug abgekühlt, dass Leo einen Schluck davon nehmen kann. Es ist dumm, dass er nicht schläft, nur weil Adam die ganze Nacht durcharbeitet, aber wann wird er noch mal so eine gute Gelegenheit haben, dumm und verliebt zu sein wie jetzt? Er ist sich nämlich ziemlich sicher, dass er auf gutem Weg ist, sich so richtig zu verknallen. Wenn er nicht längst dort angekommen ist. Und dumm ist es wahrscheinlich auch, weil sie noch nicht einmal auf einem richtigen Date waren
Sein Handy vibriert mehrmals auf der Tischplatte und Leo greift sofort danach. In den letzten Tagen hat er das so oft gemacht, dass es schon zur Routine geworden ist. Er will nicht unbedingt sagen, dass er abhängig von dem Gerät ist, aber von Adams Aufmerksamkeit vielleicht schon.
Ich glaub ich bin fertig
Kanns noch gar nicht wirklich glauben
Jetzt nur noch zur Uni und alles ausdrucken und abgeben
Drück mir die Daumen, dass es klappt
Lächelnd liest Leo noch einmal über die Nachrichten. Natürlich hat er an Adam geglaubt, dass er es rechtzeitig schafft. Und es sind sogar noch über drei Stunden bis zur Abgabezeit.
Auch diese drei Stunden verbringt Leo damit, mit Adam Nachrichten auszutauschen. Erst während Adam im Bus sitzt zur Uni, dann als er mit dem Drucker kämpft und schließlich auf dem Weg zum Sekretariat.
Irgendwann kommt für zehn Minuten nichts mehr und dann, endlich:
Ich habs geschafft. Alles erledigt
Leo schickt ihm sofort ein paar Party-Emojis. Er ist schon ein bisschen stolz auf Adam, kommt sich aber blöd vor, ihm das so zu schreiben. Anhand der Menge an Nachrichten in ihrem Chat und vor allem der nächtlichen Konversationen, in denen er ziemlich viel preisgegeben hat, was er vielleicht bei Tageslicht persönlich nicht rausgebracht hätte, gibt es zwar wahrscheinlich nicht viel, was zu viel sein könnte. Doch Leo will es lieber nicht übertreiben. Stattdessen fragt er:
Und was machst du jetzt? Schlaf nachholen?
Denn den braucht Adam garantiert dringend, wenn Leo auch nur annähernd richtig liegt mit seiner Einschätzung, wie wenig Schlaf Adam in den letzten drei Tagen bekommen hat. Leo selbst hat ja schon viel zu wenig geschlafen.
Adam tippt für eine ganze Weile und hört dann wieder auf. Leo starrt gebannt auf den Bildschirm, aber es dauert so lange, dass er ihn irgendwann doch sperrt. Er schaut sich in der Wohnung um, ob nicht vielleicht irgendwas zu tun ist, womit er sich ablenken könnte. Leider sieht es aus, als ob seine Mutter bei ihrem letzten Besuch alles erledigt hat. Trotzdem schnappt er sich seine kleine Gießkanne und gibt ein paar seiner Pflanzen ein bisschen Wasser.
Das hält aber auch nicht lange vor. Er entsperrt sein Handy und erwartet, immer noch nichts Neues von Adam zu lesen, aber das genaue Gegenteil leuchtet ihm entgegen.
Können wir uns vielleicht treffen?
Ich würde dich gerne sehen
Sein Herz macht einen Satz, als er das liest. Natürlich möchte er Adam auch sehen. Schließlich hat er in den letzten drei Tagen kaum an etwas anderes gedacht als daran, wie viel besser es wäre, Adam nicht nur zu schreiben, sondern richtig mit ihm reden zu können. Ihn anfassen zu können, vielleicht sogar zu küssen – irgendwo da hat Leo sich abfangen müssen, damit seine Fantasie nicht mit ihm durchgeht. Er weiß ja nicht mal, ob Adam so etwas möchte. Er hat ihn zwar vor der Notaufnahme und im Auto geküsst, aber das bedeutet nicht, dass er das jetzt immer noch will.
Leo merkt, dass er schon viel zu lange gewartet hat. Seine Finger zittern ein bisschen vor Aufregung, als er seine Antwort tippt.
Wann denn? Heute?
Er würde lügen, wenn er sagen würde, er hätte nicht schon tausend Alternativen für ein erstes Date mit Adam durchgespielt. Dank seinem gebrochenen Arm sind die Möglichkeiten etwas begrenzt, aber es gäbe trotzdem so viele Dinge, die man zusammen machen könnte.
Einer seiner Favoriten war, Adam mit in seine Lieblingseisdiele zu nehmen. So wie das Wetter sich entwickelt, wäre es bestimmt warm genug dafür. Der Laden ist auch nicht so groß, dass sie befürchten müssten, dort von Menschenmassen überrannt zu werden. Sie könnten sich an einen der Tische im Hinterhof setzen, die so schmal sind, dass sie sich beim Sitzen dort irgendwie berühren müssten – und irgendwo da hat Leos Vorstellungskraft wieder ausgesetzt.
Ich könnte gleich bei dir vorbeikommen.
Leo starrt auf die Worte, die Adam geschickt hat. Jetzt gleich. Von der Uni aus braucht Adam nur etwa eine halbe Stunde zu Leo. Der Gedanke, dass sie sich schon so bald sehen könnten, lässt Leo sowohl vor freudiger Erwartung als auch vor Nervosität aufspringen. Er muss kurz sein Handy weglegen und einmal tief durchatmen. Adam zu sehen ist doch genau das, was er wollte.
Also natürlich nur, wenn du Zeit hast
Und Lust drauf
Ich will mich nicht aufdrängen
Wieder scheint in den neuen Nachrichten, die Adam hinterhergeschickt hat, seine Unsicherheit durch. Das hat Leo zwischenzeitlich schon öfters bemerkt, auch wenn Adam durch ihre konstante Unterhaltung selbstsicherer geworden zu sein schien. Dass er jetzt vielleicht vermutet, dass Leo nicht schon, seit er ihn zum ersten Mal getroffen hat, auf eine Gelegenheit wartet ihn zu wiedersehen, geht gar nicht.
Du drängst dich nicht auf
Würde mich freuen, wenn du kommst
Erst nachdem er es abgeschickt hat, fällt Leo auf, dass das vielleicht nicht so gut durchdacht war. Er ist überhaupt nicht darauf vorbereitet, Adam hier zu empfangen. Seine Mutter hat zwar geputzt, aber trotzdem steht in der Küche noch seine leere Kaffeetasse und das Geschirr vom Frühstück. Er hat sein Bett nicht gemacht. Er hat sich seit Tagen nur von Lieferessen ernährt und den Müll nicht runtergebracht.
Und am allerschlimmsten ist, dass er ewig nicht mehr geduscht hat, weil das mit dem Gips so verdammt aufwändig ist. Er trägt immer noch sein T-Shirt von gestern, weil er sich nicht die Mühe gemacht hat, sich umzuziehen. So kann er Adam auf keinen Fall gegenübertreten.
Er checkt noch mal sein Handy. Adam hat ihm seine geplante Ankunftszeit geschickt und gefragt, ob das passt. Leo checkt die Zeit gegen – verdammt, nur noch 27 Minuten. Aber er kann Adam ja schlecht sagen, dass er einen späteren Bus nehmen soll. Also schickt er einen Daumen hoch, lässt sein Handy irgendwo auf der Couch fallen und sprintet förmlich ins Bad.
Als Adam klingelt, ist Leo gerade in seine Klamotten geschlüpft. Dass das aber auch alles so verdammt lange dauert. Er macht noch schnell das kleine Fenster im Bad auf und eilt dann zur Tür. Von seinen Haaren tropft ihm noch ein bisschen Wasser runter in den Nacken, aber um seine Haare ordentlich zurechtzumachen, war keine Zeit mehr. Er muss einfach hoffen, dass es Adam nicht sofort abschreckt.
Er hibbelt nervös hin und her, während er darauf wartet, dass Adam die Treppen heraufkommt. Und dann taucht sein Gesicht auf und er steht vor Leo. Es ist drei Tage her, seit sie sich am Auto verabschiedet haben. Es kommt Leo gleichzeitig wie eine Ewigkeit vor und als wären sie keine Sekunde getrennt gewesen.
„Hey.” Adam lächelt ihn an und Leo würde ihn am liebsten sofort küssen.
„Komm erst mal rein”, sagt er und verkneift es sich, eine Hand nach ihm auszustrecken und ihn nach drinnen zu ziehen. Adam wird es wohl auch so in den Flur schaffen. Um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, fährt er sich mit der freien Hand durch die Haare. Die Hand kommt ganz schön feucht zurück und Leo wischt sie sich an seiner Jeans ab. So viel zu einem guten ersten Eindruck.
Dann stehen sie sich im Flur gegenüber. Es ist nicht besonders viel Platz, eigentlich nur ein schmales Rechteck mit Türen zu allen Seiten und einer kleinen Garderobe, die Leo an das einzig freie Stück Wand gequetscht hat. Dementsprechend nah ist Adam ihm. Leo hat längst vergessen, ob er gerade noch etwas tun oder sagen wollte.
Er verliert sich für einen Moment in Adams Augen, dann in den dunklen Schatten darunter. Sie sind viel tiefer als beim letzten Mal, schimmern fast violett. Adams ganzes Gesicht ist blass. In dem Moment bereut Leo es doch ein wenig, ihn nicht nach Hause geschickt zu haben. Nicht dass Leo Adam nicht sehen will, im Gegenteil, aber Adam sollte definitiv lieber schlafen, als hier mit Leo… was auch immer zu tun.
Weil Leo ohnehin von Anfang an nie einen Filter hatte, was Adam angeht, sagt er ihm genau das. „Du gehörst ins Bett.“
Einen kurzen Augenblick sagt keiner von ihnen etwas. Die Spannung im Flur ist zum Greifen nah. Adam zieht einen Mundwinkel hoch zu einem halben Lächeln. „In deins?“
Leo weiß nicht, was es an dieser Aussage ist, das die Spannung bricht, aber auf einmal kann er freier atmen. „Vielleicht nicht unbedingt jetzt gleich.“ Er erwidert Adams Lächeln und geht endlich weiter in die Wohnung hinein. Im Wohnzimmer ist es sowieso gemütlicher als im Flur. „Ich könnte dir erst mal was zu trinken anbieten? Oder was zu essen?“
Es ist nicht so, dass er nicht mit Adam ins Bett gehen würde. Wenn Adam das wirklich durchsetzen würde, könnte er sich wahrscheinlich gar nicht wehren. Alleine die Tatsache, dass Adam das so locker in den Raum wirft – wenn auch vielleicht nur aufs Schlafen bezogen – lässt sein Herz etwas höher schlagen und die ganzen Fantasien wieder an die Oberfläche dringen.
Aber wie gesagt: nicht jetzt. Leo fühlt sich bei weitem nicht bereit dafür und er vermutet, dass es Adam genauso geht. Er will alles richtig machen und das bedeutet auch, dass er das nicht übereilen muss. Auch wenn er natürlich gern alles Mögliche mit Adam erleben würde.
„Wasser wäre ganz gut“, murmelt Adam hinter ihm. Leo wirft ihm einen Blick zu und entscheidet, dass das nicht reichen wird. Er hat genug mit Adam geschrieben, um erahnen zu können, dass seine Ernährung während der Schreibphase hauptsächlich aus Kaffee und trockenen Cornflakes bestand. Und es soll ja keiner behaupten, dass Leo seine Gäste nicht ordentlich bewirtet. Vor allem, wenn das hier tatsächlich so etwas wie ihr erstes Date sein soll.
Ohne Adams Antwort abzuwarten, beugt er sich zum Gefrierschrank runter. Seine Mutter hatte ihm jede Menge vorgekochtes Essen vorbeigebracht, da wird wohl irgendwas dabei sein. Wenn Leo schon mit dem gebrochenen Arm nicht gut selbst für Adam kochen kann, dann will er ihn wenigstens füttern.
„Du musst echt nichts Aufwändiges machen“, sagt Adam in seinem Rücken.
Leo nimmt wahllos zwei Dosen raus, weil er beim besten Willen nicht erkennen kann, was drin ist. Dass seine Mutter die aber auch nie ordentlich beschriften kann. Es ist zwar eigentlich etwas zu früh fürs Mittagessen, aber Adam sieht so aus, als könnte er eine warme Mahlzeit gebrauchen. „Ist überhaupt kein Aufwand“, erklärt er. Sie haben ja sowieso Zeit. Er hofft jedenfalls, dass Adam nicht so bald wieder geht.
Und das tut er auch nicht. Leo taut das Essen auf. Sie sitzen sich an seinem kleinen Tisch gegenüber und löffeln Suppe, weil sich das unförmige Etwas aus dem Gefrierschrank als das entpuppt hat. Adam erzählt von Unistress und dass diese Hausarbeit kein Einzelfall war (so schlimm war es aber noch nie!) und Leo saugt begierig jedes seiner Worte auf. Es ist schön und gemütlich und es fühlt sich an, als würden sie sich schon ewig kennen.
Nach dem Essen räumt Adam ungefragt den Tisch ab und fängt einfach an abzuspülen, als ob er das schon tausendmal gemacht hat. Leo schaut für einen Moment sprachlos zu, während das Wasser sich im Spülbecken sammelt und das Spülmittel ein bisschen aufschäumt.
„Du musst das nicht“, fängt er an, aber da ist es eigentlich sowieso schon zu spät. Vielleicht holt ihn seine eigene Müdigkeit inzwischen doch ein, weshalb er langsamer reagiert, als er es sonst tun würde. Dann hätte er nämlich nie zugelassen, dass sein Gast in seiner Küche spült, während er nur doof daneben steht.
Adam scheint damit aber überhaupt kein Problem zu haben. „Ist bestimmt mit dem Gips schwierig“, meint er nur und schiebt auch ein paar Sachen ins Spülwasser, die sich in den letzten Tagen auf der Arbeitsplatte aufgestapelt haben.
Leos schlechtes Gewissen verdoppelt sich noch mal. Doch Adam lächelt ihn einfach nur an und wendet sich dann wieder seiner Aufgabe zu. „Du hast mir auch bei der Hausarbeit geholfen. Dann kann ich dir auch bei deiner Hausarbeit helfen.“
Leo schnaubt wegen des etwas schwerfälligen Vergleichs. Er bezweifelt, dass er für Adam eine große Hilfe war. Vielmehr befürchtet er, dass er Adam viel zu sehr abgelenkt und deshalb dafür gesorgt hat, dass er bis zur letzten Minute schreiben musste und nur aus diesem Grund so gut wie gar nicht geschlafen hat.
Sobald Adam den letzten Teller auf dem Abtropfgitter abgestellt hat, zieht Leo ihn daher auch sofort mit ins Wohnzimmer aufs Sofa. Einerseits, damit Adam sich etwas ausruhen kann, andererseits, damit er bloß nicht auf die Idee kommt, noch irgendetwas anderes zu erledigen.
Er lässt Adams Arm erst los, als er neben ihm auf dem Sofa sitzt. Und selbst dann würde er ihn am liebsten einfach weiter festhalten. Er setzt sich extra mit etwas Abstand zu Adam hin, weil er immer noch nicht genau weiß, worauf das hier hinausläuft. Immerhin haben sie sich heute noch nicht geküsst. Es gab auch irgendwie keine gute Gelegenheit dafür, aber trotzdem. Leo will nicht einfach irgendetwas annehmen, was Adam vielleicht nicht so sieht.
Adam scheint aber überhaupt kein Problem mit Berührungen zu haben. Er zieht die Beine hoch, damit er sich im Schneidersitz hinsetzen kann, Leo zugewandt. Sein Knie ist nur wenige Zentimeter von Leos Oberschenkel entfernt. Er fühlt sich in den Moment zurückversetzt, als sie genauso im Wartebereich der Notaufnahme zusammensaßen. Vielleicht sollte er sich zur besseren Visualisierung die Decke umlegen, die er immer an einem Ende des Sofas deponiert hat. Diesmal könnte er sogar Adam mit unter die Decke nehmen.
Die Lockerheit, die sich beim Essen noch über sie gelegt hat, ist verschwunden. Schlagartig fällt Leo kein einziger Satz mehr ein, der interessant genug wäre, ihn mit Adam zu teilen. Er ist kurz davor, über das Wetter zu reden, obwohl er nicht mal draußen war in den letzten Tagen. Er hat sich einfach nur in seiner Wohnung verschanzt. Möglicherweise hätte er mal rausgehen sollen, dann hätte er vielleicht auch jetzt etwas zu erzählen.
Adam legt den Kopf ein bisschen schief, als ob er Leo aufmerksam studiert. Leo wird viel bewusster, wie er dasitzt, angespannt und nervös. Er atmet bewusst tief ein und versucht sich zu entspannen. Das hier ist nur Adam. Es gibt keinen Grund, dass Leos Puls so verrücktspielt. Jedenfalls sollte er das nicht tun, weil Leo langsam in Panik verfällt, sondern lieber aus einem ganz anderen Grund.
„Und was machen wir jetzt?“ fragt Adam. Er spricht leise, aber trotzdem scheint seine Stimme im Raum widerzuhallen. Leo hat keine Ahnung. Er schaut an Adam hinab und wieder rauf. Nichts an ihm deutet darauf hin, dass er Leos Anspannung teilt. Seine Hände liegen locker in seinem Schoß. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel. Sein Mund ist leicht geöffnet, auch nachdem er die Worte gesagt hat. Leo würde ihn gerne küssen.
Es ist keine besonders große Erkenntnis, weil er heute schon mehrmals daran gedacht hat, und in den letzten Tagen auch. Nur dass er nicht weiß, ob Adam auch so denkt. Aber wird er das je erfahren, wenn er es nie ausspricht?
Adam hat gefragt, was sie jetzt machen. Leo hat einen Vorschlag. Daran ist grundsätzlich nichts verwerflich. „Ich würde dich gerne küssen.“ Er bereut die Worte fast sofort, nachdem sie seinen Mund verlassen haben. Es klingt einfach blöd. Wahrscheinlich hat er so leise gesprochen, dass Adam ihn nicht verstanden hat. Gleich wird Adam ihn bitten es zu wiederholen und Leo wird gezwungen sein, genau das noch mal zu sagen, was ihm jetzt schon langsam die Kehle zuschnürt.
Adams Hand auf seinem Knie reißt ihn aus seinen Gedanken. Er beugt sich etwas näher zu Leo und stützt sich dabei dort ab. Er legt nicht besonders viel Gewicht darauf ab, aber Leo kann es trotzdem spüren, eine stete Präsenz, schwer und warm. „Ich finde, das ist eine sehr gute Idee.“
Leo kommt nicht mehr mit und hat keine Ahnung, worauf Adam sich bezieht. Erst als Adams Gesicht sich wenige Zentimeter vor seinem befindet, macht es Klick. Ach ja, küssen. Er schließt gerade noch rechtzeitig die Augen, bevor Adams Lippen seine treffen.
*
Adam ist gut darin, jede Menge Selbstbewusstsein vorzutäuschen, zumindest in den meisten Situationen. Bei der Arbeit, in der Uni und bis zu einem gewissen Grad auch in privaten Interaktionen. Bei Leo hat ihn diese Fähigkeit verlassen, sobald er ihn zum ersten Mal gesehen hat. Heute hat er sich allerdings vorgenommen, dass er nicht daran anknüpfen wird.
Er hat sich zu Leo nach Hause eingeladen. Er hat es irgendwie hinbekommen, dass sie sich küssen, auch wenn das Leos Vorschlag war. Aber immerhin ist es Adam gelungen, ja zu sagen, ohne so lange herumzudrucksen, bis Leo das Angebot wieder zurücknimmt.
Nun ist er allerdings hier, mit Leos Lippen auf seinen und Leos Hand an seinem Rücken und er hat keine Ahnung, wo er weitermachen soll. Es ist nicht so, dass er noch nie in so einer Situation war. Nur halt nicht mit einem Typen und erst recht nicht mit Leo.
Er weiß nicht, was hier von ihm erwartet wird. Vielleicht hätte er das in ihren ewigen Nachrichtenketten mal ansprechen sollen. Schriftlich wäre es bestimmt leichter gewesen, als jetzt aufzuhören Leo zu küssen, um ihn zu fragen, wie er sich den weiteren Tagesverlauf vorstellt und was genau Adam da machen muss. Er hasst es, sich so unerfahren und hilflos zu fühlen.
Also macht er einfach weiter. Küssen kann er immerhin, oder kennt zumindest die Theorie dahinter. Die eine Hand lässt er auf Leos Knie legen, die andere legt er in Leos Nacken. Sich weiterzubewegen traut er sich nicht. Wahrscheinlich ist er sowieso total unentspannt, denkt viel zu viel über alles nach. Deshalb erschreckt er sich auch so, als Leo sich nach hinten aufs Sofa sinken lässt und Adam mit dem Arm in seinem Rücken mitzieht.
Adam kommt irgendwo halb auf Leo zum Liegen und muss sich erst mal vergewissern, dass er seinen verletzten Arm nicht einquetscht. Erst dann merkt er, dass sie aufgehört haben sich zu küssen und dass Leo ihn einfach nur anschaut. Er lächelt leicht, mit roten, geschwollenen Lippen. Der Anblick macht Adam nur noch mehr nervös. Er versucht, sich irgendwie anders hinzulegen, damit er nicht zu viel Gewicht auf Leos ablegt, landet dabei aber mit einem Oberschenkel zwischen Leos Beinen und kann auf einmal ganz genau spüren, wie sehr Leo das hier gefällt.
„Sorry“, sagt Leo im nächsten Moment und Adam würde am liebsten überall hinschauen, nur nicht in Leos Gesicht, weil er das eigentlich schon will und ihn das mit dem Küssen auch nicht ganz kalt gelassen hat, aber was genau er jetzt machen soll, weiß er auch nicht. Es ist sowas von peinlich und er sollte am liebsten gleich wieder gehen und hoffen, dass Leo nicht Jahre später noch überall erzählt, mit was für einem komischen Kerl er mal fast im Bett gelandet wäre.
„Hey“, auf einmal spürt Adam Finger, die ihm mit sanften Bewegungen die Haare aus der Stirn streichen. Er hat keine andere Wahl mehr, als Leo wieder anzuschauen.
Er hat keine Ahnung, was Leo in seinem Gesicht sieht. Wahrscheinlich blanke Panik, weil Adam natürlich in Leos Nähe überhaupt nicht in der Lage ist, das zu verbergen, obwohl das normalerweise ein Leichtes wäre für ihn. Die Finger wandern auf jeden Fall über Adams Stirn weiter herum bis an seinen Hinterkopf, bis sie ihn sanft, aber bestimmt ein bisschen drehen, sodass er mit seiner Wange auf Leos Brust liegt.
Die Finger hören nicht auf, durch seine Haare zu streicheln. Adam bemüht sich, etwas ruhiger zu atmen und es funktioniert sogar bis zu einem gewissen Grad. Gleichzeitig steigt seine Verlegenheit ins Unermessliche, weil es echt nicht sein sollte, dass Leo ihn hier beruhigen muss, damit er keine Panikattacke bekommt, während sie auf seinem Sofa rummachen. So etwas sollte ihm einfach nicht passieren. Er ist nicht fünfzehn, er ist alt genug, dass er das einfach so hinbekommen sollte.
Es fühlt sich wahnsinnig gut an, wie Leo ihm durch die Haare streichelt, aber entspannen kann Adam sich trotzdem noch nicht ganz. Er hat das Gefühl, sich irgendwie erklären zu müssen, auch wenn es kein klares Warum gibt, das er benennen könnte.
„Tut mir leid“, murmelt er. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.“ Es entspricht nicht zu hundert Prozent der Wahrheit, aber es ist nah genug dran, dass sein Herz trotzdem schneller zu schlagen beginnt.
„Was soll los sein? Ist doch schön so, oder?“ Leo klingt einfach vollkommen locker und entspannt.
Natürlich ist es schön. Leo ist warm und weich und wenn nicht tausende Gedanken durch Adams Kopf rasen würden, wäre das hier wahrscheinlich perfekt zum Einschlafen. „Leo, ich kann das nicht“, sagt er, weil er es immer noch nicht ohne Erklärung stehen lassen will.
Leos Finger machen für einen Moment Halt. „Wenn du gehen willst, oder aufstehen, oder –“
„Nein.“ Gerade fühlt es sich nämlich echt gut an und wenn Adams Gedanken einfach mal die Klappe halten würden, wäre es bestimmt auch gemütlich, hier so zu liegen.
„Okay.“ Leo fängt wieder mit dem Streicheln an und Adam muss ein zufriedenes Seufzen unterdrücken. „Wie wäre es dann, wenn du versucht, mal etwas zu schlafen?“
Adam will Leo sagen, dass er auf keinen Fall schlafen kann. Nicht hier, nicht so, dass er das Gefühl hat, Leo mit seinem Gewicht zu erdrücken. Außerdem möchte er die Zeit mit Leo voll auskosten und nicht schlafend verbringen. Allerdings werden seine Augenlider jetzt schon schwer und Adam befürchtet, dass Leo genau die richtige Methode gefunden hat, ihn erfolgreich in den Schlaf zu lullen.
Adam kommt langsam wieder zu sich. Als erstes merkt er, dass ihm kalt ist. Wobei, nicht wirklich kalt, aber dennoch nicht mehr so gemütlich warm wie vorher. Außerdem hängen seine Füße hinten vom Sofa. Und überhaupt, wieso liegt er überhaupt auf dem Sofa, war da nicht eben noch…?
„Oh, tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken.“ Leos Hände sind wieder in seinen Haaren und Adams fragt sich, warum Leo so seltsam fixiert darauf ist. Und gleichzeitig, warum sich das so verdammt gut anfühlt. Das liegt wahrscheinlich nur daran, dass er noch nicht wieder richtig wach ist.
Adam will sich aufrappeln, doch dann ist da Leos Hand an seiner Schulter, die ihn wieder nach unten drückt. Es ist bei weitem nicht so energisch, dass Adam sich nicht dagegen wehren und trotzdem aufstehen könnte, aber sich Leo widersetzen, kann er sowieso nicht.
Wenigstens die Augen macht er auf. Leo sitzt auf der Kante des Sofas, neben Adam. Er hat sich vorgebeugt, um die Hand auf Adams Schulter abzulegen, richtet sich aber jetzt wieder auf. Den Gips hält er schützend an seiner Seite, wobei Adam darauf wetten würde, dass Leo sich ärgert, nicht beide Hände benutzen zu können.
„Du kannst ruhig weiterschlafen.“ Leo nimmt die Hand von Adams Schulter und fährt sich selbst damit durch die Haare. Sie stehen ein bisschen ab und Adam erinnert sich, wie sie bei seiner Ankunft noch feucht waren und dass Leo wohl keine Zeit hatte sie zu frisieren. So gefällt Leo ihm irgendwie noch besser. Er wirkt viel weicher und nahbarer als sonst in der Notaufnahme in seiner Uniform. Die hat natürlich auch ihre Reize, aber gerade würde Adam diesen Leo definitiv vorziehen.
„Wenn du willst, lasse ich dich auch in Ruhe hier schlafen“, redet Leo weiter, weil Adam scheinbar zu lange nicht reagiert hat. „Ich kann woanders hingehen, wenn ich dich störe.“
Dass Leo nicht hier bleibt, verfehlt ja wohl komplett den Zweck, weshalb Adam bei ihm ist. Alleine schlafen könnte er auch zuhause. Er wollte ja gerade Zeit mit Leo verbringen, da ist schlafen wahrscheinlich die schlechteste Beschäftigung. Außer, er würde mit Leo schlafen… sobald ihm der Gedanke durch den Kopf rauscht, merkt Adam, wie seine Wangen wieder einmal heiß werden, dabei hat er im ersten Moment sogar tatsächlich nur ganz unschuldig ans Schlafen gedacht. Aber wenn man bedenkt, wo sie eben stehen geblieben sind, hätte die andere Bedeutung schon auch was – wenn Adam nicht absolut unfähig wäre, das wie ein normaler Mensch ruhig und gelassen anzugehen.
„Du kannst auch gerne wieder herkommen“, schlägt er vor. Es ist nicht viel, aber es ist ein Anfang, auch wenn die Worte ihm nicht ganz glatt über die Lippen kommen und er sich selbst bei dem einfachen Satz fast verhaspelt.
Dafür wird er mit einem Lächeln belohnt. Leo legt sich etwas umständlich auf die Seite neben ihm. Adam merkt, dass ihm der Gips dabei im Weg ist, weil Leo einerseits versucht, Adam nicht damit zu berühren und andererseits kaum bequem liegen kann.
„Das sieht nicht gemütlich aus“, stellt er auch laut fest, gerade als Leo noch einmal das Gesicht verzieht.
„Dieses blöde Ding“, murrt er. „Ich hasse es.“
Adam bereut schon fast wieder, dass er Leo gebeten hat, sich zu ihm zu legen. „Du musst nicht, wenn dir das wehtut, oder wenn es so nicht bequem ist“, sagt er schnell.
Leo scheint ihn abschätzend zu mustern. „Ich wüsste schon, wie es bequemer wäre.“
„Wie denn?“
Adam schaut gebannt zu, wie Leo sich erst auf die Unterlippe beißt, sich dann aber doch bewegt, und zwar, bis er fast komplett auf Adam liegt. Er ist nicht leicht, aber das Gewicht ist fast angenehm. Es ist es auf jeden Fall wert, weil Leo jetzt so süß zu ihm runterschaut und ihm die Haare dabei in die Stirn fallen. Plötzlich kann Adam den Impuls verstehen, seine Hände in Leos Haaren vergraben zu wollen. Also macht er das auch. Und weil er gerade schon dabei ist, reckt er sich auch gleich hoch um Leo zu küssen.
Wieder fühlt Adam sich im ersten Moment überrumpelt, auch wenn er diesmal damit angefangen hat. Leo ist überall um ihn herum und da ist wieder diese Hitze zwischen ihnen, die sich genauso schnell auflädt wie vorhin. Adam wusste vorher schon, dass Leo ihn nicht kaltlässt, aber dass er jetzt schon diese Menge an Verlangen in sich spürt, ist viel zu viel.
„Leo“, murmelt er zwischen zwei Küssen, ohne einen wirklichen Plan, wo er damit hin will.
„Hm?“ Leo senkt den Kopf ein wenig, um federleichte Küssen auf Adams Hals verteilen zu können. Gleichzeitig bewegt er sich so, dass Adam merkt, dass Leo genauso interessiert an der Situation ist wie er selbst. Seine Worte bilden das krasse Gegenteil dazu. „Wir können jederzeit aufhören. Alles, was du willst.“
Was er will? Adam hat keine Ahnung, was er alles will, außer dass gerade ein Großteil davon im weitesten Sinne mit Leo zu tun hat. Nur über das Was und Wie ist er sich überhaupt nicht im Klaren.
Aber vielleicht kann er alles eins nach dem anderen angehen. Seinem Kopf sagen, dass er die Fresse halten soll, und einfach mal machen. Adam ist nicht gut darin, einfach mal zu machen, aber mit Leo hat er nicht die gleiche Befürchtung wie sonst, was mögliche Konsequenzen angeht. Also wenn er jetzt gerade das Gefühl hat, er würde wahnsinnig gerne über Leos Rücken streicheln, sollte er das vielleicht einmal mal tun
Leo seufzt gegen Adams Hals. Adams Hände fahren Leos Rücken auf und ab. Dabei bauscht sich Leos T-Shirt ein wenig und beim nächsten Mal streichen Adams Fingerspitzen über die nackte Haut an Leos Rücken. Es ist wahnsinnig faszinierend und Adam wünscht sich mehr davon. Er fährt mit der flachen Hand Leos Rücken hinauf und Leo seufzt wieder. Seine Lippen sind irgendwo bei Adams Schlüsselbein, das er unter dem Kragen seines Pullovers freigelegt hat und Adam wünscht sich nichts mehr, als diese Lippen überall auf seinem Körper zu spüren.
„Können wir…“ Er schiebt Leos Oberteil noch ein bisschen höher. „Ausziehen?“
Zum Glück versteht Leo ihn, obwohl er alles andere als kohärent ist in dem Moment. Es steigt ihm viel zu sehr zu Kopf und es wird auch nicht viel besser, als Leo sich aufsetzt und sich sein T-Shirt über den Kopf zieht. Wirklich elegant sieht es nicht aus, weil er mit seinem Arm darin hängen bleibt und erst mal mit dem Gips kämpfen muss, bis er es ausziehen kann. Seine Haare bleiben noch zerzauster zurück als vorher, aber Adam ist sowieso viel fokussierter auf die Menge an nackter Haut, die Muskeln an Leos Oberkörper und die Art, wie sie sich bewegen und anspannen, als er sich zur Seite dreht, um sein T-Shirt neben die Couch fallen zu lassen.
Gegen Leo kommt er sich gleich wieder ein bisschen unzureichend vor, aber er zieht sich sein eigenes Oberteil trotzdem über den Kopf. Vielleicht einfach nur als Trotzreaktion oder weil das jetzt unter normalen Umständen wahrscheinlich von ihm erwartet würde. Leo belohnt ihn mit einem Blick, den Adam fast als hungrig bezeichnen würde. Er drückt Adam zurück nach unten aufs Sofa.
Weil er sich mit dem Gips nicht richtig abfangen kann und anscheinend die Entfernung unterschätzt, landet Leo ziemlich unsanft auf ihm. Adam muss ihn erst mal ein bisschen zurechtrücken, damit er richtig Luft holen kann und befürchtet schon, damit jetzt endgültig den Moment kaputtgemacht zu haben.
„Sorry. Normalerweise stelle ich mich nicht so blöd an“, sagt Leo plötzlich. Er lächelt zu ihm runter, aber Adam kann erkennen, dass es nicht seine Augen erreicht.
Und auf einmal kapiert Adam, dass er hier wahrscheinlich nicht der einzige ist, der sich viel zu viele Gedanken macht. Dass Leo vielleicht auch ein bisschen nervös ist, auch wenn er das gerade dadurch zu überspielen versucht, indem er seine zitternde Hand wieder in Adams Haaren vergräbt. Eigentlich dachte Adam, dass er derjenige ist, der sich blöd anstellt, aber wenn Leo das genau andersherum sieht, können sie vielleicht einfach beide darüber hinwegsehen und sich darauf einigen, dass es bei keinem von ihnen zutrifft.
„Tust du nicht“, widerspricht Adam. Seine Hände liegen immer noch an Leos Hüften von vorhin, als er ihn zur Seite geschoben hat. Jetzt nutzt er diese Hände, um damit an Leos Seiten nach oben zu fahren und dann nach hinten über seinen Rücken. Da ist so viel warme Haut, die es zu erkunden gibt und die gerade viel mehr von Adams Aufmerksamkeit fordert als all die Selbstzweifel, die ihn sonst ständig plagen.
„Okay“, gibt Leo zurück und wiederholt es dann noch einmal, wie um es für sich selbst zu bekräftigen.
Wenn sie danach noch für ein paar Minuten oder Stunden auf dem Sofa liegen und sich einfach nur küssen, ist das auch für Adam mehr als okay.
*
Leo fühlt sich, als ob er auf Wolke sieben schwebt. Wahrscheinlich sind seine Lippen immer noch rot vom Küssen und seine Haare so zerzaust, dass sie in alle Richtungen abstehen, aber sein glückliches Lächeln kann nichts davon trüben. Nicht einmal, dass Adam inzwischen wieder sein Oberteil an hat und gerade dabei ist, sich die Schuhe zuzubinden.
Eigentlich ist der Flur viel zu klein für sie beide, aber Leo würde gar nicht auf die Idee kommen, nicht auch noch die letzten Minuten mit Adam voll und ganz auszukosten. Streng genommen ist Adam nicht gezwungen zu gehen, aber während sie irgendwann zwischen Küssen doch noch leise geredet haben, ist ihm rausgerutscht, dass er morgen Frühschicht in der Notaufnahme hat. Obwohl Leo selbst bereit ist, für Adam alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und jegliches unvernünftige Verhalten gutheißen würde, sieht er diesmal ein, dass Adam nicht total übermüdet bei seiner Schicht auftauchen sollte. Deshalb hat er schweren Herzens entschieden, Adam nach Hause zu schicken.
Am liebsten hätte er Adam einfach vom Sofa mit ins Bett genommen. Er war so kurz davor, Adam zu fragen, ob er über Nacht bleiben möchte. Doch er ist standhaft geblieben und hat es nicht erwähnt, weil er will, dass sie das richtig machen, auch wenn ihre heutige Aktion deutlich mehr knutschen auf dem Sofa beinhaltet hat, als Leos ursprünglicher Plan zum Richtigmachen. Aber selbst mit den unerwarteten Planänderungen ist eine Nacht im gleichen Bett vielleicht noch nicht das Beste für sie beide. Es schafft außerdem Vorfreude auf mehr und Leo weiß jetzt schon, dass er den ganzen Abend an nichts anderes mehr denken wird.
„Nächstes Mal gehen wir Eis essen“, rutscht ihm heraus, obwohl es nicht zu dem passt, wo sie ihr letztes Gespräch beendet haben und bisher noch kein einziges Wort über ein nächstes Mal verloren haben.
Adam richtet sich auf und bleibt direkt vor Leo stehen. „Nächstes Mal?“
Leo hebt ein bisschen hilflos die Schultern und haut dabei fast seinen Gips gegen den Türrahmen. Er ist schon dabei, sich eine Ausrede auszudenken, dass es nicht unbedingt ein nächstes Mal geben muss, dass er nur gedacht hat, dass es vielleicht schön sein könnte, sich wiederzusehen, aber dass es natürlich nicht sein muss – bis er bemerkt, dass Adam dabei lächelt. Und dass er Leo viel näher ist, als er eigentlich sein müsste. Der Flur ist zwar klein, aber nicht so klein, dass Adam nicht mehr als ein paar Zentimeter Abstand zwischen ihnen schaffen könnte, wenn er das wollte.
„Ja“, sagt er deshalb. „Aber wenn du kein Eis magst, können wir auch was anderes machen.“
„Natürlich mag ich Eis.“
Adam lächelt immer noch und Leo denkt gar nicht darüber nach, bevor er sich zu einem Abschiedskuss zu Adam hoch lehnt. Den scheint das aber ganz und gar nicht zu stören, weil er den Kuss sehr enthusiastisch erwidert und ebenso wenig wie Leo gewillt zu sein scheint, sich so schnell voneinander zu verabschieden.
„Du musst nach Hause. Schlafen“, murmelt Leo gegen Adams Lippen.
Adam seufzt, aber er lässt schließlich doch von Leo ab. „Ich weiß.“ Selbst wenn ihm das bewusst ist, scheint er noch nicht bereit zu sein, das zu akzeptieren. Er nimmt aber doch die Türklinke in die Hand. „Wir machen das mit dem Eis essen bald, ja?“
„Sehr bald“, verspricht Leo. Er hat sowieso den Verdacht, dass sie bis dahin noch viel zu lange miteinander schreiben werden, aber er nimmt sich vor, darauf zu achten, dass Adams Schlaf diesmal nicht zu sehr darunter leidet.
„Gut.“ Adam öffnet die Tür, schnellt im letzten Moment, aber doch noch einmal zu Leo herum, um ihn noch einmal zu küssen. Leider kann Leo nicht schnell genug schalten, um den Kuss zu erwidern, denn dann hat Adam sich schon wieder von ihm gelöst.
Leo blickt ihm ein bisschen atemlos hinterher, als Adam mit einem „Bis dann“ die Stufen im Treppenhaus hinunterhastet. Er dreht sich auf dem Treppenabsatz nicht noch einmal um, aber das ist vielleicht besser so. Dafür ertönt von Leos Handy aus der Nachrichtenton, der ihm mit ziemlicher Sicherheit vermittelt, dass Adam ihm geschrieben hat, noch bevor er unten in den Bus eingestiegen ist.
Endlich ist er in der Lage, nicht länger das leere Treppenhaus anzustarren und die Wohnungstür zu schließen. Es reicht schon, wenn er drinnen alleine für sich dümmlich vor sich hin lächelt, während er sein Handy entsperrt, um Adams Nachricht zu lesen.
