Chapter Text
Es war Samstag, Adam hatte Lasagne gekocht, sie hatten Wein dazu getrunken, das Wetter war gut. Durch die offene Balkontür drang glücklicherweise noch nicht die drückende Hitze des sich ankündigenden Sommers, nur ab und an ein warmer Wind. Adam hörte die Kinder zwei Häuser weiter im Garten spielen, gemischt mit Vogelgesang und dem gleichmäßigen Klackern von Frau Schuberts Heckenschere.
Es war ein an wunderbarer Normalität fast schon kitschiger Samstagnachmittag und Adam hätte ihn gut und gerne weiter mit einem spannenden Buch auf der Couch verbracht, aber sein Ehemann, und Adam würde wohl nie aufhören können über diesen Titel zu grinsen, hatte da andere Pläne.
„Willst du nicht auch langsam mal duschen?” fragte eben jener Ehemann, der sich gerade mit nassen Haaren über die Couchlehne beugte und Adam, der ausgestreckt lag, mit voller Absicht ins Gesicht tropfte.
„Ey”, beschwerte er sich und schob Leos Gesicht spielerisch zur Seite, bevor er sich die Wassertropfen von der Wange wischte. „Ich weiß immer noch nicht, wieso wir da aufkreuzen müssen? Der Einzige, von dem es mich interessiert was aus ihm geworden ist, steht hier direkt neben mir und weiß offenbar nicht, was sich gehört.”
„Mareike hat mich extra angerufen, um mich zum Klassentreffen einzuladen.”
„Ja, dich! Was hab ich damit zu tun?”
„Das ist zufälligerweise auch deine Stufe, du Nase.”
Ja, aber sie war voller Leute, die sich früher einen Scheißdreck um sie Beide gekümmert hatten. Der eine Teil hatte Leo verprügelt, der andere hatte angefeuert und der weitaus größere Teil hatte einfach die Augen verschlossen und am Ende hatten alle sie in Ruhe gelassen, nachdem Adam an Kevin ein Exempel statuiert hatte. Er musste sich diese Leute nun wirklich nicht geben.
„Außerdem”, führte Leo weiter aus und kam nun um die Couch herum, so dass Adam seinen nackten Oberkörper in voller Schönheit bewundern konnte. Das war doch unfair. „Außerdem bist du mein Ehemann”, stellte er breit grinsend fest und sah aus wie eine Katze, die leichte Beuge ins Auge gefasst hatte.
„Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?” wollte Adam wissen und musste trocken schlucken, als Leo sich breitbeinig auf seinen Schoß setzte. Seine Hand mit dem vermaledeiten Ring legte er genau über Adams nun wild pochendes Herz. Adam fluchte innerlich über seine Reaktion, aber auch nach all den Jahren fand er Leo einfach immer noch wunderschön.
„Ich will angeben”, erwiderte Leo und seine Augen blitzten auf.
„Wie ... äh” Adam stotterte. Warum hatte sich Leo auch noch kein Oberteil ausgesucht? „Angeben? Mit mir?”, krächzte er schließlich.
„Aber natürlich.” Leo lächelte ihn nun an. „Mein sexy Ehemann, Kriminalhauptkommissar Adam Schürk, aus dem Berlin Exil zurückgekehrt um ... ”
„Für dich, Leo, für dich”, hauchte er und es tat immer noch ein bisschen weh, den kurzen Moment des Unglaubens in Leos Augen zu sehen. Aber es stimmte. Alles andere, seine Familie, die Heimat, waren ihm egal gewesen, er war nur für Leo zurückgekommen. Er streckte die Hand nach oben, legte sie in Leos Nacken, und zog ihn zu sich hinunter, küsste ihn mit all der Überzeugung, die er aufbieten konnte. Leo erwiderte seinen Kuss enthusiastisch und begann, seine Hüfte langsam gegen Adams zu bewegen. „Sollte ich nicht duschen?” triezte Adam, als sie sich zum Luft holen trennen mussten.
„Ist das etwa eine Beschwerde?” grollte Leo und schob eine Hand zwischen ihre Körper, legte sie genau über Adams Schritt und drückte zu. Adam warf den Kopf nach hinten in die Kissen und stieß die Hüfte so heftig nach oben, dass Leo für einen Moment Probleme hatte, das Gleichgewicht zu halten. Ihre Blicke trafen sich und sie fingen schallend an zu lachen. Adam nutzte die kleine Pause, um Leo an den Hüften zu packen und ihre Positionen zu vertauschen.
Nun stützte er beide Arme neben Leos Kopf mit den verwuschelten Haaren ab und fragte sich, ob sein Herz vor lauter Liebe für diesen Mann eigentlich zerspringen könnte. Er verlagerte sein Gewicht nach hinten und seine Finger glitten über Leos Brust, spürten all die wohl definierten Muskeln die Adam nicht benennen konnte, und fuhren kurz über die unseligen kleinen Brandnarben, bevor sie an Leos Hosenbund zum Stehen kamen. Er warf durch seine ins Gesicht hängende Haare einen fragenden Blick zu Leo, wartete auf sein Einverständnis oder ob Leo sich lieber selbst ausziehen wollte. Beides war gleichermaßen okay für Adam, Hauptsache er hatte Leo gleich nackt vor sich.
Es dauerte einen Moment, aber dann nickte Leo mit einem tiefen, entspannten Seufzer und Adam beugte sich nach vorne, um Leos Hüftknochen mit Küssen zu bedecken, während er ihm Jeans und Unterwäsche auszog. Leo half ihm enthusiastisch und dann nahm Adam ebenso enthusiastisch Leos Schwanz in den Mund. Nach all den Jahren wusste er inzwischen nur zu gut, wie er Leo um den Verstand bringen konnte. Dass er auch dieses Mal richtig lag, merkte er, als Leo seine Hände in Adams Haare krallte und laut stöhnte. Kurz dachte Adam an Frau Schubert unten im Garten und die offene Balkontür, aber dann stieß Leo ungeduldig in seinen Mund und Adam vergaß jegliche Gedanken, konzentrierte sich ganz und gar darauf, Leo quälend langsam zum Höhepunkt zu treiben. Er ließ ihn langsam wieder aus seinem Mund gleiten, leckte mit der Zunge die ganze Länge entlang und ergötzte sich dabei an Leos keuchendem Atem.
„Adam”, grollte Leo und schob seine Hüfte auffordernd nach vorne, so dass seine Schwanzspitze wieder Adams Lippen berührte.
„Schon gut, du ungeduldiges Stück”, erwiderte Adam grinsend und sah aus den Augenwinkeln, wie Leo die Augen verdrehte. Dann löste Leo eine Hand aus Adams Haaren und verschränkte stattdessen ihre Hände miteinander, ruckte ungeduldig daran. „Ja, ja, ich mach ja schon”, sagte Adam heiser und erbarmte sich endlich. Tief nahm er Leos Schwanz in den Mund und es dauerte nicht lange, bis Leo sich in ihm ergoss.
„Gut?” fragte Adam breit grinsend und wischte sich über den Mund während er Leo beobachtete, dessen Brustkorb sich schnell hob und senkte, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen.
„Du bist so ein Idiot”, stieß Leo aus, als er halbwegs wieder zu Atem gekommen war.
„Aber ein Idiot, der richtig gut blasen kann?”, fragte Adam unschuldig nach und klimperte für den zusätzlichen Effekt auch noch mit den Wimpern. Leo rollte die Augen, nahm ein Kissen von der Couch und warf es Adam ins Gesicht. „Ey, und das als Dank für die erwiesenen Liebesdienste!” empörte der sich spielerisch.
„Oh, Gott.” Leo schlug die Hände vors Gesicht. „Hör auf zu reden, Adam.”
„Sonst?”
„Sonst blas ich dir keinen in der Dusche.” Mit einem Satz war Adam aufgesprungen und zog Leo mit sich mit. Dieses Angebot ließ er sich ganz sicher nicht entgehen. „Aber glaub ja nicht, dass du wegen der Liebesdienste nicht mit zum Klassentreffen kommen musst!”
Adam sank ein bisschen in sich zusammen, weil er tatsächlich ein bisschen darauf gehofft hatte. Er war einfach nicht gut im Smalltalk und so tun, als ob ihn Leute interessierten. Das war Leos Metier. Leo, der ihn jetzt im Badezimmer mit hochgezogener Augenbraue ansah.
„Ausziehen”, sagte er nur in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. Nicht, dass Adam auf die Idee gekommen wäre. Nicht bei dem Ton. Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus als er Leos Anweisung folgte und sie schließlich nackt voreinander standen. „Ab in die Dusche. Hände an die Stange”, raunte Leo und Adam schluckte schwer, als er tat wie ihm geheißen. Leo stellte die Dusche an und verfolgte aufmerksam, wie die ersten Wassertropfen an Adams Brust nach unten rollten. Dann gesellte er sich zu Adam und begann, ihm gierig den Hals entlangzuküssen. Adam stöhnte auf und ohne groß nachzudenken, streckte er eine Hand aus um in Leos Haare zu greifen. Doch der knurrte nur, packte ihm am Handgelenk und drückte es sanft, aber nachdrücklich wieder zurück. „Nicht. Bewegen”, sagte er mit rauer Stimme und Adam ließ den Kopf nach hinten gegen die Fliesen sacken.
„Leo, wenn du nicht bald -- ” weiter kam er nicht, denn Leo legte einen Zeigefinger auf seine Lippen. Zitternd sog Adam die Luft ein und weil er das Necken nicht lassen konnte, leckte er dann einmal betont übertrieben über den Finger. Leo grollte noch einmal, aber hatte dann endlich, endlich ein Einsehen. Nach und nach wanderte sein Mund weiter nach unten, kratzen seine Zähne über die empfindliche Haut, bis er schließlich vor Adam auf die Knie ging. Die Haare klebten ihm klatschnass im Gesicht, seine grünen Augen starrten voller Erregung und Vertrauen zu Adam nach oben, der es nicht fassen konnte wie viel Glück er hatte diesen Mann seinen Ehemann nennen zu dürfen. Dann entspannte Leo seinen Kiefer, nahm Adams Schwanz bis zum Anschlag in den Mund und jegliche Gedanken verließen Adam.
~~**~~
Adam folgte Leo entspannt, was ausschließlich und einzig und allein daran lag, dass Leo ihm sehr viele, sehr schöne Dinge in der Dusche angetan und somit jeden Widerstand quasi aus ihm herausgelutscht hatte.
Ein Grinsen huschte über Adams Lippen, als er auf Leos Hintern sah, von dort aus auf die Haare, die nun wieder ordentlich und frisch frisiert lagen. Bevor sie sich vom Parkplatz aus zur Location in Sankt Arnual aufgemacht hatten, hatte Adam Leo lange und ausgiebig geküsst und war nun immer noch stolz auf die roten, leicht geschwollenen Lippen und Leos etwas raue Stimme, als er den Mund in der Dusche wortwörtlich zu voll genommen hatte.
Das Grinsen wurde breiter und erlosch dann abrupt, als Adam ein paar Erwachsene, die ihm verdächtig bekannt vorkamen, sah. Er hatte die Stufe, in der Leo und er sich befunden hatten, mit relativ großer Missachtung gestraft. Die einzigen Menschen, denen er sich wirklich genähert hatte, waren Leo und die Jungs aus dem Fußballclub gewesen, die er trainiert hatte. Die jedoch drei Jahre jünger als er gewesen waren, damals Äonen an Altersunterschied, jetzt…nicht der Rede wert.
Also blieb Leo und der war neben ihm voller Freude auf dieses Treffen. Warum auch immer.
Nun gut.
Adam versuchte sich an die Namen zu erinnern, doch woher sollte das Wissen auch kommen, wenn er sie sich damals in der Schule schon nicht gemerkt hatte? Selbst in den kleinen Kursen, die er gehabt hatte, weil er dort wenig reden musste - Mathe und Sport Leistungskurs – hatte er die Gesichter auf dem Schirm gehabt, die Namen aber nicht. Bisher sah er keins dieser Gesichter, dafür ein paar andere. Eines davon kam nun auf sie zu und lächelte sie breit an.
„Hey ihr beiden, schön euch zu sehen!“, strahlte der Mann, der Adam vollkommen unbekannt vorkam und umarmte Leo ohne viel Federlesens, weil dieser in seiner Zugriffsreichtweite war. Adam hingegen hielt sich bewusst außerhalb, weil alleine der Gedanke, von übermotivierten, ehemaligen Klassenkameraden umarmt zu werden, ein Quell der ewigen Freude war.
Ironisch gesprochen.
„Ich bin super schlecht mit Namen…du musst mir nochmal sagen, wer du bist“, sagte er zu Leo und dieser schien selbst gerade noch mit den Überresten der abrupten Umarmung zu kämpfen. Leo war zwar zeitweise besser als er darin gewesen, mit anderen aus ihrer Stufe zu bonden, aber auch sein Verhältnis zu den Anderen war nicht das Beste gewesen. Und nach der Entführung war es sowieso noch etwas ganz anderes mit Berührungen.
„Leo Hölzer“, sagte er und der Mann riss theatralisch die Augen auf.
„Der Vorlese-Hölzer? Ernsthaft? Wo hast du all die Muskeln her? Mann! Alter! Du warst damals doch so ein Hemd. Krass.“
Adam presste seine Lippen aufeinander und hoffte, dass man sein inneres Lachen nicht an seinen Augen oder seiner Mimik sehen konnte. Vorlese-Hölzer…er starb innerlich, aber er hatte Leo versprochen, sich zu benehmen.
Leo selbst war gar nicht erfreut über den Kommentar und lächelte sein geschäftsmäßiges, unerfreutes Polizistenlächeln. „Hilf mir auf die Sprünge, wie war dein Name nochmal?“, fragte er neutral.
„Sebastian Tanner, wir hatten damals Reli und Sport miteinander.“ Wenn er das sagte, musste es wohl stimmen, befand Adam und starrte unfreundlich auf ihn hinunter, als der rothaarige Mann ihn ins Auge fasste.
„Adam“, stellte er sich vor, die Arme so eisern vor seinem Oberkörper verschränkt, dass selbst ein Blinder nicht auf den Gedanken kommen könnte, ihn zu umarmen.
Tanner musterte ihn stirnrunzelnd.
„Adam, Nachname unbekannt?“, hakte er schließlich nach, als Adam keine Anstalten machte, seinen Nachnamen zu nennen.
„Schürk“, presste er hervor und Tanner riss die Augen auf.
„Ne. Der Schürk? Der kurzgeschorene Schürk? Mann, stehen dir Haare gut! Und schön zu sehen, dass ihr beiden immer noch befreundet seid! Ist ja schon was her.“
Leo, der Sack, lachte offen und nicht so innerlich wie er und Adams Augen schworen ihm blutige Tode.
„Wir sind nicht befreundet“, presste er hervor, bevor er sich besinnen konnte und Tanner schluckte.
„Oh, sorry, das wusste ich nicht. Ich dachte nur, weil ihr zusammen hierhergekommen seid, dass der Kontakt nicht abgebrochen ist und…“
„Wir sind verheiratet“, beendete Leo, der Sack, den Wortschwall und lächelte Adam so liebevoll an, dass es ihm noch nicht einmal schwerfiel, Leo zu verzeihen. Dann wanderten seine grünen Augen zu Tanner und das Lächeln wurde freundlich.
„Oh. Mensch. Das ist…cool. Ja, cool ist es wirklich“, lachte Tanner nervös. „Ich meine, ihr habt ja früher auch immer viel miteinander gemacht, da ist das ja sicherlich naheliegend, dass ihr dann auch heiratet. Also wenn ihr schwul seid. Klar seid ihr schwul, sonst hättet ihr nicht geheiratet. Gut, man kann auch bi sein um zu heiraten oder…“
„Alles gut“, beendete Leo in bester Polizeiberuhigungsmanier den unsinnigen Redeschwall, bevor Adam Tanner stehen lassen konnte. „Wir gehen dann mal rein, ja?“
Der andere Mann schluckte mit feuerroten Wangen. „Alles klar, ich hake euch auf der Liste ab.“
~~**~~
Moritz hielt Klassentreffen eigentlich für Zeitverschwendung. Die Leute, von denen es ihn interessierte, wie es ihnen ergangen war seit ihrem Abi hatte er in verschiedenen Chat-Gruppen und ab und an tauschte man sich aus, schickte Fotos von Hochzeiten und Kindern und die obligatorischen Weihnachtsgrüße. Und da war da noch Lars und den sah er jeden Tag in der Firma, auch wenn sich ihre Aufgabengebiete nicht wirklich überschnitten.
Moritz kümmerte sich um den Bauablauf und Lars ... Lars war der zukünftige Firmenerbe, der nicht gerade dafür brannte, Straßen zu asphaltieren. Dafür verbrachte er gerne die Pausen mit Moritz. Das hatte er schon in der Schule getan und Moritz mochte es auch, die Pausen mit Lars zu verbringen, so wie er es generell mochte, Zeit mit Lars zu verbringen. Also war er ihm auch hierher, auf ihr Klassentreffen gefolgt.
Jetzt standen sie hier, an der Bar, und versuchten erwachsene Gesichter den halbstarken Idioten zuzuordnen, mit denen sie sich auf der Schulbank rumgedrückt hatten. Es gelang ihnen recht gut, aber Moritz’ Blick blieb immer wieder an einem Mann an der gegenüberliegenden Wand hängen, den er beim besten Willen nicht zuordnen konnte. Groß war er, mit braunen Haaren und auch im Halbdunkeln des Saals und auf die Entfernung hin konnte Moritz sehen, dass das blaue Henley-Shirt des Mannes seine Muskeln nur zu gut betonte. Es fiel ihm nur kein Name zu dem Mann ein. Neben ihm musste Lars den Unbekannten auch bemerkt haben, denn er stieß Moritz recht unsanft in die Seite.
„Ey, wer ist das da drüben? Kommt der dir bekannt vor oder ist das `ne Begleitung von irgendwem?”, fragte Lars nun.
„Keine Ahnung”, murmelte Moritz, aber dann fiel ihm der blonde Mann neben dem Brünetten auf und den hätte er überall erkannt. Das Gesicht noch genauso griesgrämig wie eh und je und wenn das Adam Schürk war, dann war sein Nebenmann ... „Leo Hölzer”, entkam es ihm überrascht und Lars schaute ihn ungläubig ein.
„Wie, das ist der Hölzer?” Er starrte wieder auf die andere Seite und kniff die Augen zusammen. „Ach komm.”
„Doch”, sagte Moritz energisch. „Er und Schürk haben doch immer miteinander abgehangen und das daneben ist eindeutig Schürk.”
„Huh.”
„Du starrst.”
„Ja, sorry, aber hast du mal die Arme von Hölzer gesehen? Und die Schultern? Der war doch immer so schmächtig und -- scheiße, jetzt starrt Schürk uns an.” Das tat er in der Tat und sah dabei immer noch genauso furchteinflößend aus wie damals auf dem Schulhof, als er jeden verprügelt hat, der Leo auch nur schief angesehen hatte. Und jetzt begann er quer durch den Raum auf sie zuzulaufen „Scheiße. Der kommt zu uns. Was machen wir jetzt, Moritz?”
„Woher soll ich das wissen, Lars? Keine Panik?”
„Keine Panik? Der Schürk läuft grimmig direkt auf uns zu! Ey, nachdem der zugeschlagen hatte, konnte Kevin zwei Wochen nicht mehr geradeaus pinkeln! Was wenn der denkt, wir haben Hölzer abgecheckt?”
„Du hast Hölzer abgecheckt”, erinnerte Moritz Lars wenig hilfreich. „Und Kevin hatte das mehr als verdient, die Arschgeige. Nur weil sein Vater halb Saarbrücken besitzt, heißt das noch lange nicht, dass man so scheiße sein muss.”
„Man könnte argumentieren, dass mein Vater die Hälfte aller Straßen von Saarbrücken besitzt”, warf Lars wenig hilfreich ein und Moritz zuckte nur mit den Schultern. Das war was anderes. Lars war kein Mobber, Lars war einfach nur verpeilt, aber auf seine ganz eigene Art und Weise sehr liebenswürdig dabei.
Adam Schürk kam dann doch nicht herüber, um sie zu verprügeln, sondern grummelte nur, dass sie ihm gefälligst mal Platz an der Bar machen sollten damit er bestellen konnte. Aus den Augenwinkeln fiel Moritz der schlichte goldene Ehering an Schürks rechter Hand auf und er fragte sich ernsthaft, wer es mit diesem mürrischen Mann aushielt.
„Der ist verheiratet?” fragte Lars dann auch direkt verblüfft, als Schürk seine zwei Bier genommen hatte und wieder außer Hörweite war. „Der war doch immer so schräg drauf und dann noch die Sache mit seinem Vater, erinnerst du dich? Wer ist denn so bescheuert und hat den -- oh.” Schürk war mit dem Bier wieder zu Hölzer zurückgekehrt, der ihm eins dankbar lächelnd abnahm und ihn dann küsste, bevor er einen Schluck trank.
„Oh”, wiederholte auch Moritz und blinzelte.
„Ich nehm nicht an, die begehen vor aller Augen ausgerechnet beim Klassentreffen Ehebruch, oder?” fragte Lars und Moritz schüttelte den Kopf. So offen vertraut wie die Beiden miteinander umgingen, denn inzwischen hatte Schürk den Arm um Hölzer gelegt, konnte er sich das nicht vorstellen.
„Ich glaube, das hatte keiner auf seinem Klassentreffen-Bullshit-Bingo stehen.”
~~**~~
Adam war rausgegangen, um kurz eine zu rauchen. An das „kurz” glaubte Leo zwar nicht, aber das war okay. Adam war nur ihm zuliebe auf diesem Treffen und bis jetzt hatte er sich auch hervorragend geschlagen und sogar ein wenig Smalltalk mit Mareikeaus ihrem Philosophie-Kurs und ihrem Mann betrieben. Sie war nicht besonders geschickt darin gewesen, nicht auf ihre Eheringe zu starren und Adam hatte es sich grinsend zur Aufgabe gemacht, so vage und verwirrend wie es nur irgendwie ging über seine Beziehung zu Leo zu reden.
Irgendwann hatte Leo dann Erbarmen gehabt und Adam seinen Ehemann genannt, woraufhin Mareikes Augen praktisch handtellergroß geworden waren. Sie hatte sich dann ebenso wie Adam entschuldigt und Leo war sich sicher, dass innerhalb der nächsten zehn Minuten die gesamte Stufe über seinen Personenstand informiert sein würde. Übrig blieben nur er und Mareikes Ehemann. Ein Ingenieur, dessen Namen er schon wieder vergessen hatte. Sie prosteten sich zu und tranken in Stille, bis der Mann schließlich Mareike hinterherlief. Leo lehnte sich derweil gegen die Wand und genoss sein zweites Bier, während er auf Adams Rückkehr wartete.
Die Ruhe war vorbei als sich ein hoch gewachsener Mann mit dunklen, zurück gegelten Haaren zu ihm gesellte. Er hatte die Lederjacke und Jeans von damals gegen ein Polohemd und Chinos eingetauscht, aber Leo hätte Kevin Wettermeier überall erkannt. Instinktiv spannte er sich an, auch wenn er das gar nicht wollte. Er war kein hilfloser Teenager mehr, der auf dem Schulhof verprügelt wurde, er war Kriminalhauptkommissar und gut trainiert. Vermutlich könnte er Kevin mit zwei Schlägen außer Gefecht setzen.
„Leo Hölzer” begann Kevin und grinste ihn an. „Hätte nicht gedacht, dass du hier aufkreuzt.”
Leo atmete tief durch und entspannte nach und nach die Finger, die sich um die Bierflasche gekrallt hatten. „Willst du was Bestimmtes, Kevin?”, fragte er mit dem Mindestmaß an Höflichkeit, aber sein Tonfall machte sehr deutlich, dass er nicht an einem längeren Gespräch interessiert war. Stattdessen schaute er zur Hintertür, durch die Adam verschwunden war.
„Ach.” Kevin grinste breit, aber es machte aus seinem Gesicht eine gehässige Fratze, und trat noch einen Schritt auf ihn zu. „Wollte nur mal hören wie es so ist, als Polizist mit Kriminellen zu schlafen. Gibt’s da nicht ‘ne Dienstvorschrift gegen?”
„Bitte?”
„Na, erst Adam hier, den Vatermörder -- „
„Adam hat seinen Vater nicht -- ” unterbrach Leo ihn unwirsch. Woher wusste der Typ von dem Fall? Er war nicht durch die Presse gegangen. Aber bevor er seine Frage beenden konnte, redete Kevin weiter in diesem süffisanten Tonfall, als hätte er den ganzen Abend nur darauf gewartet, Leo alleine zu erwischen.
„Und dann mit diesen Typen im Keller? Was, wolltest du da ein bisschen Abwe -- ”
Weiter kam Kevin nicht, denn Leo hatte ihm die Arme auf den Rücken gedreht und drückte ihn nun unsanft gegen die Wand. Nur am Rande merkte er, dass der Boden von der zerbrochenen Bierflasche rutschig war. Sein ganzer Fokus lag auf Kevins nun überraschten, fast ängstlichem Gesicht. Das gleiche Gesicht hatte er damals gemacht, nachdem ihn ein gezielter Nierenschlag von Adam zu Boden gezwungen hatte. Es war das erste Mal seit Monaten gewesen, dass Leo in der Schule wieder befreit hatte aufatmen können. Vorher hatte jedes Pausenklingeln nur einen weiteren Spießrutenlauf eingeläutet.
„Hölzer, was zum Henker?”, quiekte Kevin geradezu, aber Leo grollte nur und drückte ihn noch ein bisschen fester gegen die Wand. Er war kein Teenager mehr, er war nicht gefesselt, erinnerte er sich. Er konnte sich wehren.
„Leo, hey, Leo”, drang eine andere Stimme durch das Rauschen in seinen Ohren zu ihm durch und aus den Augenwinkeln sah er plötzlich Adams besorgtes Gesicht. „Lass ihn los, Leo”, sagte Adam ruhig und wäre es eine andere Situation gewesen hätte Leo lauthals gelacht. Er, der einfach auf so auf Menschen losging und Adam, der versuchte ihn zu beruhigen. Das war nicht ihre normale Rollenverteilung. „Lass ihn los”, wiederholte Adam noch einmal, nun bestimmter. Leo sah zu ihm hinüber, sah, wie Adam leicht nickte, und ließ schließlich Kevin los. Der drehte sich sofort um und kreiste theatralisch seine Handgelenke, als ob Leo nicht wüsste wie viel Kraft er einsetzen musste, damit er jemanden nicht ernsthaft schadete.
„Das wirst du noch bereuen”, zischte Kevin und hatte wohl immer noch nichts gelernt, denn er ging wieder einen Schritt auf Leo zu.
„Fresse”, sagte Adam und hielt ihn mit einer Hand auf der Brust auf. „Und jetzt verzieh dich.”
Kevin warf ihnen beide noch abschätzige Blicke zu, bevor er sich wieder in das Getümmel stürzte. Leo schloss die Augen und massierte seine Nasenwurzel als er Adams warme Hand an seinem Rücken spürte, die ihn sanft Richtung Hintertür schob.
„Lass uns hier verschwinden”, flüsterte Adam ihm ins Ohr und Leo nickte zustimmend.
~~**~~
Adam stieß die Tür des Hintereingangs auf, durch die er gerade erst getreten war. Leo verdrehte Leuten nicht einfach den Arm. Er ließ sich nicht einfach von seinen Emotionen überrollen und handelte unbedacht. Aber normalerweise stand er auch nicht alleine dem Typen gegenüber, der ihn monatelang gemobbt und verprügelt hatte. Da konnte der Hass schon mal wieder hochkochen und von Hass und unterdrückten Emotionen konnte Adam ein Liedchen singen. Er ließ sich auf den Treppenstufen des Eingangs nieder und gab Leo noch Zeit ein bisschen auf und abzutigern. Dann blickte er den anderen Mann mit hoch gezogener Augenbraue an. Leo blieb stehen, knirschte mit den Zähnen, aber gab schließlich der unausgesprochenen Aufforderung nach.
„Er hat gesagt, ich schlafe mit Kriminellen.”
„Okay?” Nicht unbedingt das, was Adam erwartet hatte. Irgendwelche dämlichen Hänseleien über die Schulzeit, vielleicht auch ein paar homophobe Schimpfwörter, aber das? Das ergab noch nicht einmal Sinn. „Ist Kevin immer noch so ‘ne Niete in Deutsch und weiß nicht, was ein Hauptkommissar ist?”
„Doch, das weiß er ganz genau.” Leo biss sich auf die Lippen und tigerte wieder vor Adam auf und ab. Adam hatte das Gefühl, ihm fehlten hier entscheidende Informationen. „Er hat dich Vatermörder genannt”, rückte Leo schließlich mit der Sprache raus. „Fuck, woher weiß der überhaupt von dem Fall? Der ist nie durch die Presse gegangen.”
„Vatermörder?” Das war so absurd, Adam konnte nicht anders als amüsiert zu schnauben. Leo schien das ganze aber nicht sonderlich lustig zu finden, so finster wie sein Gesicht aussah. „Leo, viele haben geglaubt, dass ich meinen Alten abgemurkst hat. Esther hat das auch geglaubt.”
„Aber es ist doch nicht wahr! Und das Gerücht sollte nicht in der Welt herumgeistern, nicht nach allem, was er dir angetan hat.”
„Leo, es ist okay”, sagte Adam ruhig und haschte nach Leos Hand, zwang ihn, endlich stehen zu bleiben. Er wusste auch nicht, woher er diese Ruhe gerade nahm. Vielleicht um ein Gegengewicht zu Leos Aufgebrachtheit zu sein. Vielleicht, weil er in der Therapie gelernt hatte, nicht gleich jedem Gefühl nachzugeben, sondern diese erst einmal einzuordnen und zu bewerten. Es wäre einfach gewesen, jetzt wütend auf Kevin zu sein und loszustürmen, aber das hätte im Endeffekt nichts gebracht. Und er hätte Leo alleine gelassen und darauf hatte Adam nunmal gar keinen Bock.
„Nein, ist es nicht”, widersprach ihm Leo vehement. „Und vor allem nicht, wenn es so ein Arsch wie Kevin erzählt.”
„Ja, der ist ein Arsch, Leo, aber er wollte dich reizen. Der Typ geilt sich auf daran, anderen weh zu tun. Komm schon, du weißt doch wie solche Leute ticken. Das hatten wir alles in der Ausbildung.”
Leo schaute zu Boden und ließ seine Schultern hängen. „Du hast ja Recht”, murmelte er. Er führte Adams Hand an seine Lippen und gab seinen Knöcheln einen sanften Kuss, bevor er losließ. „Lass uns nach Hause fahren.”
Das klang im ersten Moment komplett sehr verlockend, aber Leo hatte sich tatsächlich auf dieses Klassentreffen gefreut und im Grunde hatten sie noch nicht wirklich mit jemanden außer Mareike und ihrem Mann geredet. Das alarmierte dann doch den Ermittler in Adam.
„Warte”, sagte er und griff erneut nach Leos Hand. „Kevin hat von Kriminellen geredet? Im Plural?” Leo sah wieder zu Boden und antwortete nicht, aber Adam konnte deutlich sehen, wie er schwer schluckte. Scheiße. „Was hat er noch gesagt?”
„Nichts Wichtiges.”
„Baumhaus”, sagte Adam ohne Umschweife und Leos Kopf schnellte nach oben. Baumhaus war ihr Codewort für unbedingte Ehrlichkeit. Adams Doppelnamen-Therapeutin hatte es vorgeschlagen, nachdem sie genug davon hatte, dass Adam die meiste Zeit um den heißen Brei herumredete. Und dann hatten sie es auch auf Adam und Leos Beziehung ausgeweitet und es half ihnen, nicht in Mutmaßungen und Fremdzuschreibungen von Gedanken und Gefühlen feststecken zu bleiben, sondern wirklich und wahrhaftig miteinander zu reden.
„Er hat Andeutungen gemacht ... über den Keller. Dass ich da mit Barns Männern geschl ... “ Leo konnte die Worte nicht einmal über die Lippen bringen, aber Adam verstand auch so und seine freie Hand donnerte auf den Beton der Treppe unter sich. Der kurz aufflackernde Schmerz half ihm, sitzen zu bleiben und nicht sofort loszustürmen um Kevin die Fresse zu polieren. „Du machst jetzt nichts Dummes oder?”, hakte Leo aber sicherheitshalber nochmal nach.
Adam holte tief Luft und stieß sehr langsam die angestaute Luft aus, bevor er den Kopf schüttelte. „Nein, dann würdest du dir Sorgen machen und das ist das Letzte, was ich will.” Er schloss kurz die Augen, um sich die Worte seiner Therapeutin in Erinnerung zu rufen. Gefühle einordnen und bewerten. Oh, er konnte seine Wut sehr gut einordnen. Sie war definitiv berechtigt. Was fiel diesem schleimigen Ekelpaket ein, Leos Entführung auch überhaupt nur zu erwähnen? „Scheiße, Leo, woher weiß der Typ das eigentlich alles? Nichts davon war in der Presse. Von der Entführung weiß nur die Polizei und die Justiz.”
„Keine Ahnung.” Leo zuckte Schultern. „Aber komm, lassen wir uns davon nicht den Abend verderben. Jetzt wo Mareike allen unsere Ehe verkündet hat, haben wir bestimmt Chancen auf den Pokal für ‘das Beste Paar des Klassentreffens’.”
Entgeistert sah Adam auf. „Das ist ‘nen Scherz, oder? Die verteilen hier nicht wirklich irgendwelche dämlichen Preise.” Leo schwieg grinsend und hielt ihm die Hand hin, um ihm hoch zu helfen. Adam ergriff sie und kniff die Augen zusammen. „Leo, wenn die uns ‘nen Pokal überreichen wollen, hau ich damit persönlich die Matschbirne, die sich das ausgedacht hat.”
„Dann musst du wohl noch eine Weile bleiben um herauszufinden -- ” Weiter kam Leo nicht, denn plötzlich hörten sie einen gellenden Schrei. Sie tauschten einen kurzen Blick aus, bevor sie um die Ecke rannten und neben Mülltonnen zum Stehen kamen. Eine zierliche, blonde Servicekraft starrte mit den Händen vor dem Mund auf die Lücke zwischen den Mülltonnen und zitterte am ganzen Körper. Langsam ging Leo auf sie zu, während Adam die Umgebung im Auge behielt.
„Fuck”, entfuhr es Leo, als er schließlich sehen konnte was die Frau sah, und er sah zu Adam hinüber. „Männliche Person, wahrscheinlich tot, unser Alter ... Moment, scheiße, das ist Sebastian.”
„Was? Der war doch eben noch an der Bar”, sagte Adam, was alle Menschen sagten, die eine plötzliche Todesnachricht bekamen. Er war doch eben noch ... sie ist doch gerade erst ... Er kam neben Leo zum Stehen und fluchte nochmal leise, während Leo schon nach seinem Telefon griff und die Kollegen informierte.
„Wir machen hier Erstangriff, schützen den Tatort. Bleib du hier, ich geh rein und sag, dass niemand gehen darf. Das sind alles potenzielle Zeugen -- ”
„Oder Täter”, fügte Adam grimmig hinzu und widerstrebend nickte Leo, bevor er behutsam ihre erste Zeugin zurück in die Halle begleitete.
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Wird fortgesetzt.
