Chapter Text
Freunde waren wie Kartoffeln, befand Adam, während er die Paprika – gelbe, rote, orangene, nur keine grüne, die fand er scheulich --schnitt und den Gesprächen im Hintergrund lauschte, die von ihren Freunden aus zu ihm drangen. Manchmal konnte man sie guten Herzens zerquetschen, rösten, mit Knoblauch überschütten und in die Botanik kippen.
Es war früher Abend und sie hatten die ganze Mischpoke zum Schwenken eingeladen - ein nobles Unterfangen. Eigentlich und uneigentlich ein guter Gedanke, den Leo und er zusammen entwickelt hatten. Da hatte Adam noch nicht an Sascha gedacht, der die Abwesenheit seiner Kinderschar dazu nutzte, Leo von seinem neuen Spielzeug zu erzählen. Vielmehr dem Spielzeug seiner Frau, das sie beide benutzen konnten.
„…wir wollten halt mal ausprobieren, wie das so ist, was ihr macht. Ob sich das gut anfühlt und holla, das kann sich ja ordentlich sehen lassen“, schloss der SEKler seine Beschreibung des Umschnalldildos für Miriam, den er ihr geschenkt hatte. Ganz uneigennützig selbstverständlich.
Kartoffelfreunde, hielt sich Adam vor Augen und naschte ein Stück Paprika, kaute es geräuschvoll und laut an seinem Arbeitsplatz im Innenhof ihres Wohngebäudes. Leo nickte, während er das rohe Fleisch auf geordnete Fleischartenteller verteilte. Vor ein paar Jahren hätten seine Wangen vermutlich noch eine entzückende Rotfärbung ob Saschas Worten angenommen, aber inzwischen war Leo schon zu sehr daran gewöhnt, dass Sascha dem Begriff „TMI“ nicht wirklich etwas abgewinnen konnte.
Die sommerliche Hitze des Tages war der angenehmen Wärme des frühen Abends gewichen und Leo trug zur Feier des Tages sogar eines seiner kurzärmeligen Shirts. Und seine Adam verrückt machende Leinenhose, die nun auch wirklich jeden Muskel in Leos Hintern betonte.
Adam selbst hielt sich da an sein ärmelloses Shirt um wenigstens noch etwas Bräune abzugreifen – und weil ihm warm war. Mit Jeanshose und barfuß, für ein Grundmaß an Belüftung.
Neben Sascha und Miriam waren auch die übrigen Verdächtigen anwesend. Rainer, Henny, Frau Schubert, Micha, Esther, Pia, Caro, neuerdings auch Leonhardt – Klara, wie er sie jetzt nennen durfte – und Matthis. Die lärmenden Menschen bauten gerade den Tisch auf und Adam starrte irritiert auf die Lichterkette, die in die Innenseite des Sonnenschirms gehängt wurde.
„Sind wir eine Ikeawerbung oder was?“, motzte er in Richtung Pia, die ihn mit einem ihrer strahlenden, unschuldigen, entwaffnenden Lächeln ansah und vielsagend zwinkerte.
„Wird so romantischer.“
„Will ich mit euch romantisch werden?“, schoss er zurück und sie rollte mit den Augen. Ungerührt befestigte sie das olle Ding an den Ösen des Schirms und Adam widmete sich wieder seinem Gemüse.
Damit es nicht nur Fleisch gab auf ihrem Schwenker.
Neumodische Erfindung, dieses Gemüseschwenken, dachte Adam und steckte sich das Endstück der Gurke in den Mund.
„Und du, Barbie?“, fragte Sascha und Adam dachte an Herrn Krause, ihren Lateinlehrer, der mit ihnen Verrat und Niedertracht im antiken Rom mehr als einmal durchgekaut hatte. Wie gut, dass er nicht Brutus hieß.
„Was und ich?“
„Was hältst du davon?“
Adam runzelte die Stirn, sah verwirrt in das erwartungsvolle, braungebrannte Gesicht mit den kurzgeschorenen Haaren. So eine Länge hatte er als Jugendlicher auch getragen. Seitdem er es selbst entscheiden konnte - nicht mehr. „Von Romantik?“
„Nein, vom Umschnalldildo.“
Konnte er vielleicht doch lieber das Thema Romantik haben?
Adam zuckte mit den Schultern und schaufelte die Paprika in die dafür vorgesehene Schale. „Was wird das, ein Erfahrungsaustausch, wie sich ein Gummischwanz im Arsch anfühlt, oder was?“, grummelte Adam mit einem kurzen Blick auf Leo, dessen große, grüne Augen mit Sicherheit viel zu viele Erinnerungen an ihre gemeinsamen Stunden enthielten und gleichzeitig ein Versprechen waren auf noch weitere, gemeinsame Stunden. Ohne Gummiaccessoires. Bis jetzt. Nicht, dass Kartoffel-Sascha seine bessere Hälfte noch auf dumme Gedanken brachte.
Erst vor zwei Tagen hatte sein anscheinend vollkommen verliebter Ehemann wieder nicht warten können, bis sie wenigstens das Wohnzimmer, die Küche, das Badezimmer oder das Schlafzimmer erreicht hatten. Nein, für den feinen Herrn hatte es der Flur sein müssen und Adam hatte immer noch leicht rote Stellen an seinen Knien.
Die derselbe Ehemann liebevoll mit schlechtem Gewissen eincremte, aber dennoch.
„Na hast du das denn auch schonmal ausprobiert?“
Adam rollte mit den Augen. „Was wird das, Bonding über Plastikschwänze?“, wiederholte er ungnädig, doch Sascha ließ sich von seinem ruppigen Ton nicht beeindrucken.
„Also ja und es war gut“, konkludierte er und Adam konnte nicht fassen, dass er wirklich Teil dieses Gespräches war. Hilflos sah er Leo an, der viel zu viel Freude daran hatte, ihn hier stumm und ohne Hilfe ans Messer zu liefern. Wart’s ab, Freundchen, schwor Adam sich und Leo – nonverbal und eindringlich.
„Also nein und gib Ruhe, sonst empfehle ich Miriam eine der Auberginen hier“, hielt er den Gegenstand seiner Drohung hoch und Sascha verzog das Gesicht.
„Soweit sind wir noch nicht“, grimassierte er und Adam befürchtete Schlimmes.
~~**~~
Wenn Leo sich nach rechts drehte, stieß er an Esther, wenn er sich nach links drehte, an Adam, so gequetscht, wie sie alle um den Tisch in ihrem Garten herumsaßen, inmitten von blühenden Pflanzen und abklingender, sommerlicher Wärme.
Er hatte sein Bier in der Hand und strich mit seinem Zeigefinger die kleinen und großen Kondenstropfen von dem braunglasigen Flaschenhals. Stumm genoss Leo das Zusammensein und den Frieden, den ihm das Treffen mit all seinen verrückten Freunden brachte, die sich wild durcheinander unterhielten und versuchten, das Essen zu vernichten, was rein aus Prinzip mal wieder viel zu viel war.
Es war alles gut und das schien Leo beinahe wie ein Traum zu sein, wenn er an die letzten Monate dachte. Sein Leben in Scherben vor ihm, so hatte es eine lange Zeit ausgesehen und Leo hatte keinen Ausweg gewusst, außer Tag für Tag aufzustehen und weiter zu machen. Es war kein Leben gewesen, das wusste er jetzt und umso glücklicher war er, dass sich alles wieder gefügt hatte. Dass er tat, was er liebte, dass er sich bewusst gemacht hatte, dass er Adam über alles liebte – immer noch, nach den Jahren, nach allem, was passiert war. Er liebte ihn und würde ihn gegen nichts eintauschen wollen.
Eben jener Mann fachsimpelte gerade mit Micha über die Vorteile von Elektrofahrrädern in bergigen Regionen, was Esther mit einem abfälligen Schnauben zur Kenntnis nahm.
„Und, Hölzerchen, schon Urlaubspläne für den Herbst?“, fragte sie mehr um sich abzulenken als um Leo von Adam abzubringen und er schüttelte den Kopf.
„Vielleicht Irland oder Küste. Wir haben noch nicht wirklich angefangen mit der Planung“, teilte er einen Part seines – laut Klaras Zwillingen – langweiligen Boomer-Spießerlebens mit seiner Kollegin und sie brummte.
„Lofoten sollen schön sein, habe ich gehört.“
Menschenleere, einsame Inseln, nur Adam und er. Leo runzelte nachdenklich die Stirn. „Klingt gut“, gestand er und sie hob bedeutungsschwanger die Augenbrauen.
„Ich will aber nicht wandern“, beschwerte Adam sich vorhersehbar neben ihm, anscheinend doch nicht so sehr in das Gespräch vertieft wie gedacht. Oder es war sein Wanderradar, das immer dann ansprang, wenn Leo versuchte, ein zu einer gemeinsame Tour mit Esther und Micha zu überreden – vergeblich.
„Würde dir aber gut tun“, warf Matthis, ihr neuer, lebensmüde Abteilungsleiter, ein.
„Halt den Mund oder du bist ausgeladen“, grollte Adam und Pia schnaubte amüsiert.
„Dabei entdeckt man beim Wandern immer so tolle Orte“, versuchte sie eine Lanze zu brechen, die sich nicht wirklich brechen ließ. Wenn jemand wirklich wanderunbegeistert war, dann Adam.
„Vielleicht erst einmal einen Städtetrip. Wie wäre es mit London, Prag oder Barcelona?“
Adam, der Hinsetz- und Kaffeetrinkmensch. Der Beobachtungsmensch, dem viele Details auffielen, die Leo in freier Natur und Freizeit schlichtweg entgingen. Am Liebsten beobachtete er dabei Menschen und tischte Leo ihre vermeintlichen Geschichten auf.
„Paris“, schaltete sich Henny ein und nippte mit zufriedenem Lächeln an ihrem Eiskaffee. „Viele Leichen, viele Knochen.“
Leo verzog unwillig das Gesicht. „Kann das im Urlaub nicht warten?“, fragte er mit gekräuselter Nase und sie schnalzte verneinend mit der Zunge.
„Leidenschaft ist Leidenschaft, Leo!“
Aber so weit ging seine nun nicht. Er liebte seinen Beruf, aber Urlaub war schon Urlaub.
„Rom. Hat die hübschesten und leidenschaftlichsten Männer“, schaltete Frau Schubert sich ein und Leo konnte gar nicht so schnell reagieren, wie er bereits Adams Hand auf seiner hatte, die die Verbindung suchte. Als wenn Adam sich jemals noch versichern müsste, dass Leo ihm und nur ihm treu war.
Doch solche Momente gab es immer noch und Leo gab Adam gerne das, was er brauchte. Mit einem verschmitzten Lächeln und einem Zwinkern nickte er zu seinem Ehemann.
„Ich hab‘ mein Rom schon hier, hübsch und leidenschaftlich. Außerdem waren wir schon da“, erwiderte er zum Gegröle und Gejaule der Anwesenden und hauchte einem rot werdenden Adam einen sanften Kuss auf die Lippen.
Und war es nicht so? War Adam nicht alles, was er sich wünschte?
Ja. Nach all der Zeit, immer noch und unwiderruflich ja.
~~**~~
Micha kaute genüsslich auf seinem Stück Fleisch, während er immer wieder einen verstohlenen Blick auf Adams und seine Oberarme warf, die mit Sicherheit aufgrund des Platzmangels, aber auch aufgrund von einer über die Monate gewachsenen Vertrautheit am sommerlichen Abend zusammenklebten.
Der Abend war hereingebrochen und schenkte ihnen allen eine gute Abkühlung von den letzten Tagen. Die Lichterkette unter dem Schirm tauchte ihr Zusammensitzen in ein angenehmes Licht, auch wenn Micha sich dem Eindruck nicht verwehren konnte, sich in einer Fernseh-Möbelhauswerbung zu befinden.
Sie hatten ein paar fordernde Einsätze gehabt, OK, nichts Einfaches und Ungefährliches, aber es war alles gut gegangen. Saschas neue Nase war immer noch ganz – ein Wunder, wenn man Micha fragte. Aber nach Leo Hölzer hatten sie ja auch niemanden retten müssen, der wusste, wie man sich selbst im halb bewusstlosen Zustand wehrte.
Was für ein wilder Ritt war das gewesen. Leo Hölzer, einer von ihnen, entführt und gefoltert durch Adamsverdammten Ziehonkel. Und was hatte Micha Adam verachtet, als er ihn das erste Mal gesehen hatte. Als dieser ihm seine Mission durcheinandergebracht hatte, Leo da heil rauszuholen. Berliner Polizist, Wild-West-Manier, das hatte er über den blonden Kerl an seiner Seite gedacht, als er ihn gegen die Wand gepresst und ihn angeschrien hatte.
Bis Esther – seine Hexe – ihn darauf hingewiesen hatte, dass die Beiden sich liebten. Micha hatte ihrer aller Felle davonschwimmen sehen, doch es war alles gut gegangen.
Und aus dem verwirrten, nackten Mann, der sie für Angreifer gehalten hatte, war Stück für Stück wieder der Ermittler herausgekrochen, der Leo war. Zielgerichtet, interessiert, fokussiert, manchmal ein bisschen zu streberhaft. Micha mochte Leo sehr gerne, aber sie waren sich zu ähnlich, als dass er ihn wochenweise um sich herum haben konnte. Tageweise ging, das hatten Esther, Adam, Leo und er schon ausprobiert, aber dann war auch gut.
Adam war da anders. Adam war wie Sascha, nur auf dem anderen Ende der Verrücktheitsskala und das mochte Micha. Er genoss seine Zeit mit dem Mann, der ihn nur hinter geknirschten Zähnen als Freund bezeichnete, sehr. Er genoss ihre Gegensätze.
Was Micha auch nicht gedacht hätte, dass der rotzige Berlin-Boy einmal derart wichtig in seinem Leben werden würde.
Gerade jetzt, im Moment, war Adam aber alles andere als rotzig und Micha versteckte sein Lächeln, indem er einen ordentlichen Schluck als seiner Radlerflasche nahm.
Adam und Leo zusammen zu sehen, war immer einen zweiten Blick wert. Die Beiden waren der Inbegriff der Harmonie und der Verbundenheit. Ihre Berührungen, so unmerklich sie manchmal auch waren, dienten einzig und alleine dazu, sie beide in ihrer Zweisamkeit zu ergänzen und waren dem Grunde nach hoch romantisch.
Nach all dem, was sie durchgemacht hatten, war das mehr als verdient und Micha freute sich aus vollstem Herzen für die Beiden.
Just in diesem Moment zog Adam Leo zu sich und dieser verbarg seine Stirn in der Halsbeuge des Mannes neben sich. Adam flüsterte etwas, das Leo zum Prusten brachte und kopfschüttelnd löste er sich von seinem Versteck.
„Idiot“, murmelte Leo leise und Adam nickte stolz, als wäre es ein Kosename.
„Immer und mit Leidenschaft.“
Die Liebe in ihrer beider Augen war dabei unübersehbar und Micha wusste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass die Beiden nichts so schnell auseinanderbringen würde. Wenn es überhaupt jemals etwas schaffen würde, die beiden zu trennen.
Angesichts dessen, was geschehen war, zweifelte Micha daran und seine eigene romantische Seite seufzte leise und glücklich auf bei dem Gedanken.
Ein tröstlicher Gedanke, jetzt und in Zukunft.
~~~~~~
Ende.
