Work Text:
Aus der Perspektive von Severus Snape.
Januar 1991, Hogwarts.
Er hörte ihre Schritte draußen im Gang vor seinem Büro um zehn Minuten vor Acht.
Das Schloss war zu dieser Stunde immer besonders leise—die Art von Stille, die jedes Geräusch, jeden Windzug, der durch die Gänge zog und jeden Tropfen Wasser, der von den Decken auf den Steinboden tropfte um ein vielfaches lauter erschienen ließ. Doch es war das Geräusch von raschelnden Roben, von Schuhen auf Stein und die leichte Veränderung in der Luft, die er sich antrainiert hatte zu bemerken, zu katalogisieren und zu nutzen. Die Gewohnheiten eines Spions waren nie wirklich verschwunden.
Die Schritte waren zögerlich, und dennoch schreitend. Hin und zurück, zehn Schritte in die eine Richtung, zehn in die andere. Dann hielten sie kurz inne—und begannen erneut.
Sie war also nervös. Gut—das sollte sie auch. Nach so einer Dummheit, die sie sich in seinem letzten Unterricht geleistet hatte—sich die Dreistigkeit erlaubt hatte, in seinem Unterricht zu schummeln—war es das mindeste, dass er erwartete.
Die Schritte pausierten kurz, dann begannen sie erneut. Der Klang erinnerte ihn unweigerlich an einen Moment kurz nach den Weihnachtsferien—die Schritte einer anderen Person. Diese jedoch waren zielgerichtet und unerschütterlich. Die Schritte einer Frau, die sich nicht so einfach von ihm abspeisen lassen würde.
Lucinda war ohne jegliche Vorankündigung in seinem Büro erschienen, hatte energisch geklopft und war ohne Zögern eingetreten. Entschlossen war sie vor seinen Schreibtisch getreten. Mit tadelloser Haltung hatte sie vor ihm gestanden, ihre Hände vor sich gefaltet und ihr Kinn leicht erhoben.
Ohne ein Wort zu sagen, hatte er sie erwartungsvoll angesehen.
"Severus," hatte sie begonnen, "ich habe nicht viel Zeit für große Umschweifen, deswegen komme ich schnell auf den Punkt."
Sie hatte ihren Blick in seinen gebohrt—diese hellen, fast durchsichtigen Augen, die ihr eine solche Intensität verliehen, dass sie so manchem gestandenen Mann das Blut in den Adern hätte gefrieren lassen. Er hatte sich jedoch sich nicht einschüchtern lassen.
"Du machst meiner Tochter das Leben zur Qual."
Er hatte sie einen Moment lang betrachtet, ließ seinen Blick über ihre makellosen Roben gleiten, über ihr hellblondes Haar, das sie zu einem strengen Knoten gebunden hatte—eine Frisur, die ihrem Gesicht noch mehr Strenge verlieh. Typisch, für eine Ministeriumsangestellte ihres Ranges, hatte er verächtlich gedacht. War sie wirklich extra deswegen zu ihm gekommen, um ihm das zu sagen?
Er hatte eine Augenbraue gehoben. "Deine Tochter ist durchaus in der Lage, sich das Leben ohne meine Hilfe zur Qual zu machen."
Er schüttelte die Erinnerung ab. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Dreißig Sekunden vor Acht hielten die Schritte inne und es herrschte Stille. Dann, auf die Sekunde pünktlich um acht Uhr hörte er ein Klopfen.
Es war leise und doch bestimmt. Er gestattete sich für einen Moment diese Tatsache einzugestehen. Wenn Severus eines hasste, dann war es Unpünktlichkeit. Manche Schüler waren entweder zu spät, in der Hoffnung ihre Zeit bei ihm zu minimieren, oder waren viel zu eifrig und kamen zu früh, eifrig darauf bedacht, eifrig zu wirken—er durchschaute es sofort. Prezision, das war seine Devise. Und das hatte er ihr vor Jahren beigebracht. Diese Erkenntnis irritierte ihn.
Er sah nicht von den Aufsätzen auf, die er gerade korrigierte. Er würde ihr nicht die Genugtuung der Anerkennung geben, nicht für so eine simple Aufgabe pünktlich zu sein.
Er ließ sich noch einen Moment Zeit; es war nicht einfach das Nachsitzen und die Aufgabe, die er ihr auftragen würde—er wollte ihr eine Lektion erteilen. Er wartete noch einen Moment. Drei, zwei—
"Herein."
Die Tür öffnete sich, dann schloß sie sich mit einem leisen Klicken. Er sah nicht zu ihr auf.
Lucinda war einen Schritt auf ihn zugekommen.
"Du demütigst sie vor ihren Mitschülern," hatte sie leise gesagt.
"Ich stelle ihr Anforderungen," hatte er sanft gesagt, "denen sie durchaus gewachsen sein sollte. Wenn das für sie demütigend ist, sollte sie vielleicht darüber nachdenken, warum dies so ist."
"Du behandelst sie unfair."
Er hatte nur geschnaubt. "Unfair ja?" hatte er gesagt, seine Stimme triefte vor Verachtung. "Ich behandle sie wie jedes andere Kind auch." Er pausierte und machte eine Geste in Richtung seiner Tür. "Die meisten Eltern machen sich sich Sorgen um ihre Kinder. Zumindest—einige von ihnen. Siehst du hier vor meinem Büro eine Schlange von Eltern, die sich beschweren wollen?"
"Nein," hatte sie schneidend gesagt, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden, "weil die meisten Eltern nicht wissen, wie du mit ihnen umgehst. Die meisten Eltern vertrauen den Lehrern in Hogwarts, dass ihre Kinder nicht für Fehler zum Weinen gebracht werden, die sie nicht besser wissen können."
Seine Augen waren schmal geowrden. "Alle Eltern halten sich für die Ausnahme. Sind sie aber nicht. Und manche von ihnen haben einfach eine unglaubliche Dreistigkeit."
Ein Räuspern brachte ihn zurück in die Gegenwart.
Er hielt einen Moment inne. Ohne aufzusehen ließ er mit einer Handbewegung einen kleinen Tisch und einen Stuhl vor seinem Schreibtisch erscheinen.
"Setz dich."
Er hörte, wie der Stuhl nach vorne gezogen wurde und das Rascheln ihrer Roben verriet ihm, dass sie seine Anweisungen befolgt hatte.
Dann hob er den Blick und sah sie direkt an. Ihre Haltung war gerade—zu gerade—und er sah die Anspannung in ihren Schulter. Doch sie hielt seinen Blick ohne mit der Wimper zu zucken. Und obwohl er sie nun schon Jahre kannte, war das etwas an beunruhigendes ihrem Blick, als würde sie durch ihn durchsehen können—auch wenn er wusste, dass dies unmöglich war.
Ihre Weigerung, sich einschüchtern zu lassen, erinnerte ihn an ihre Mutter. Sie war eine der wenigen—vielleicht die einzige—die ohne zu brechen seinem Blick stand hielt—und dies von dem Tag an, an dem er sie zum ersten Mal traf. Er hatte sich eingestanden, dass dies eine der Eigenschaften war, die sie für ihn erträglich machten.
Lucinda hatte den Kopf geneigt, ihre hellgrünen Augen bohrten sich in seine.
"Aber ich bin nicht wie die meisten Eltern, oder? Die meisten Eltern wissen nicht, wer du bist und warum du tust, was du tust. Aber ich weiß es. Du hast die Rollen umgedreht, nicht wahr, Severus? Gibt dir das irgendeine Zufriedenheit?”
Er hatte ihre Bemerkung nicht beantwortet.
"Unterrichte deine Tochter doch zu Hause, wenn dir die Methoden dieser Schule nicht gefallen", hatte er stattdessen gesagt. Sein Blick hatte langsam und bedächtig auf ihr verweilt. "Du hast doch immer noch die … Kompetenz dazu, oder?"
Lucinda's Lippen hatten sich zu eine freudlosen Lächeln gekräuselt. "Oh, ich könnte sie zuhause unterrichten. Ich könnte ihr alles beibringen, was sie wissen muss und noch mehr. In mehreren Sprachen, wenn ich wollte. Aber ich möchte, dass sie eine ganz normale Schulzeit erlebt.”
Das Mädchen war blass. Ihre hellbraunen Locken waren zu einem unordentlichen Zopf gebunden, einige Strähnen hatten sich gelöst und waren achtlos ihrer ihren ohren geschoben, andere in alle Richtungen standen ab. Doch ihm fiel noch etwas anderes auf—sie war dünn geworden. Der Gedanke kam plötzlich. Er hatte es natürlich schon vorher gemerkt, ihr gelegentliches Fehlen in der großen Halle zu den Mahlzeiten, das herumstochern in ihrem Essen, wenn sie doch erschienen war. Ihre Roben, die—wie er ihre Mutter kannte—maßgeschneidert sein mussten, hingen lockerer, als sie es noch zu Beginn des Schuljahres getan hatten.
Er hatte es gemerkt, katalogisiert und dann entschieden, dass es ihn nichts anging.
Das Kerzenlicht ließ die Schatten unter ihren Augen noch dunkler wirken und betonte ihre eingefallenen Wangen. Er sah das leichte Zittern ihrer Hände, die sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte—die Art von Zittern, die entsteht, wenn man nicht genug isst und zu wenig schläft. Er hatte auch gesehen, wie sie fernab ihrer Mitschüler alleine saß, sich isolierte und in Ecken zurückzog, in der Hoffnung, nicht aufzufallen. Ihm war die Art aufgefallen, wie sie zusammenschreckte, wenn jemand zu laut redete oder sie unerwartet anfasste.
War dies etwa die normale Schulerfahrung, die Lucinda sich für ihre Tochter vorgestellt hatte?
Er konnte nicht leugnen, dass sie eine seiner besten Schülerinnen war—ihre Zaubertränke waren meistens einwandfrei, besser als die von Celeste Flint und Adrian Rosier, den Schülern seines eigenen Hauses. Und genau das machte ihn so wütend: ihre Fahrlässigkeit.
Doch er würde es niemals zugeben.
Er wusste natürlich, dass sie Probleme mit ihren Hausaufgaben hatte.
Er hatte ihre Aufsätze gelesen—sie waren entweder unvollständig oder erstaunlich präzise, niemals Mittelmaß. Ein Beweis, dass sie mehr von der Materie verstand als die meisten anderen Schüler—und doch zu faul war, sich mehr Mühe zu geben und stattdessen ihr Potenzial zu vergeuden.
Er hätte jedoch niemals damit gerechnet, dass sie einmal bei ihm Nachsitzen müsste. Nicht wegen so etwas. Nicht wegen so eines dummen Fehlers wie der Nutzung einer selbstschreibenden Feder. Doch es war nicht die Nutzung der Feder allein gewesen, die ihn so wütend machte, sondern die Tatsache, dass sie sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, den Aufsatz vor dem Einreichen zu überprüfen.
Genau wie ihr Vater, dachte er. Das wäre ganz er gewesen—sich einen Ausweg zu erkaufen und Leistungen zu erschummeln und zu dumm seine Fehler zu merken.
Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag—und machte ihn rasend vor Wut.
"Die meisten Kinder überleben meinen Unterricht, ohne zu klagen," hatte er Lucinda gesagt.
"Die meisten Kinder verlassen weinend deinen Klassenraum," war ihre Antwort gewesen.
"Die meisten Kinder rennen nicht direkt zu ihren Eltern und schicken diese vor."
"Bereitet es dir Freude Kinder zu quälen?"
Er gestand sich ein, dass er es genossen hatte, sie vor der gesamten Klasse zu demütigen, als er die Feder entdeckt hatte.
Schließlich erhob er sich von seinem Stuhl, umrundete seinen Schreibtisch, blieb vor ihr stehen und bäumte sich vor ihr auf.
Er wollte eine Erklärung hören für ihre schiere Rücksichtslosigkeit.
"Du erwartest von mir, dass ich glaube", begann er kühl, "dass du dir bei Zonko's eine selbstschreibende Feder gekauft hast und dies für eine angemessene Lösung deiner schulischen Defizite gehalten hast?"
Er verengte seine Augen. "Oder soll das etwa lustig sein?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, Sir."
"Also—war es reine Dummheit?"
Sie presste ihr Lippen aufeinander, und ihr Kiefer verspannte sich—aber sie hielt seinen Blick. Ihr Gesicht zuckte leicht, und er wusste, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte.
"Ich habe sie nicht von Zonko's," sagte sie leise. "Ich habe sie selbst gemacht."
Severus blinzelte. War es möglich, dass eine Erstklässlerin einen solchen Zauber hinlegen konnte? Es war nicht unmöglich—aber unwahrscheinlich. Dennoch…
"Lüg mich nicht an."
"Ich lüge nicht," sagte sie bestimmt, ohne ihren Blick von seinem abzuwenden, und ihre Stimme wurde lauter. "Ich habe sie selbst verzaubert."
"Eine Erstklässlerin," sagte er langsam, "die behauptet, ein Schreibwerkzeug hergestellt zu haben. Beleidige nicht meine Intelligenz."
Er hatte Jahre damit verbracht, ihr beizubringen, wie man überzeugend lügt—hatte ihr die kleinen Ticks abgewöhnt, die sie immer verrieten: die Pause, die sie machte, bevor sie sprach; die Art, wie sie ihren Blick kurz abwandte, als müsse sie sich eine Lüge zurechtlegen; die fast unmerkliche Anspannung in ihrem Kiefer. Und sie hatte schnell gelernt, wie man lügte. Und doch war er sich sicher, dass sie die Wahrheit sagte. Sie war sieben gewesen, als er Zeuge davon wurde, wie sie instinktiv einen Disillusionment Charm nutzte, um sich heimlich heranzuschleichen. Auch wenn er nicht perfekt war und er ihn schnell identifiziert hatte—er war immernoch besser als der von so manchen Erwachsenen. Sie hatte bereits gezeigt, wozu sie fähig war.
Und doch wollte er sie spüren lassen, dass er die Zügel in der Hand hielt.
"Versuch es noch einmal."
Er sah wie ihr Kiefer sich anspannte und ihr die Röte ins Gesicht stieg.
"Aber ich hab es doch," begann sie. "Intention, das ist doch das erste Prinzip der Zauberkunst, richtig? Also habe ich es mit jedem Versuch neu angepasst—"
Die Geschwindigkeit mit der sie sprach nahm zu, sie rambelte, und Severus hörte ihr kaum noch zu.
"—ich würde müde vom vielen reden, also wollte ich ihn direkter verbinden—"
Sie sprach nun so schnell, dass er sich fragte, ob sie überhaupt noch Luft holte.
"—Ich dachte, wenn ich ihn direkt mit meinem Geist verbinde und ihn meine Gedanken aufschreiben lasse—"
Dieser Satz riss ihn aus seiner Lethargie.
"—anstatt die Sätze selber formulieren zu müssen. Aber es war eine Katastrophe, er fing doch an jeden einzelnen Satz aufzuschreiben, den ich gesagt habe, wenn ich doch nur einen Filter hä—"
"Du hast—was?!" sagte er lauter als er beabsichtig hatte.
Sie zuckte merklich zusammen. "Ja?"
"Du hast deinen Geist," wiederholte er tonlos, "an deine Schreibfeder gebunden?"
Er starrte sie an. Dieses dumme Kind. Dieses leichtsinnige und rücksichtslose Kind. Sie hatte eindeutig die Theorie verstanden, die Mechnismen, wie man einen Zauber an .. anpass. Und doch hatte sie einen entscheidene Bedeutung komplett außer Acht gelassen. Sie hatte keine Ahnung was sie getan hatte, und welche Dummheit sie riskiert hatte. Wut stieg in ihm hoch, das Bedürfnis sie zu packen und zu schütteln, sie anzuschreien und sie zu fragen, was sie sich dabei gedacht hat.
Doch er rührte sich nicht.
Sie nickte unsicher. "Salazar Slytherin, der ja dafür bekannt war ein geborener Legilimentiker zu sein, hat doch den Sprechenden Hut verzaubert, oder nicht?"
Er erstarrte; seine Augen verengten sich zu Schlitzen, und er beugte sich über sie.
Hatte sie sich gerade mit Slytherin verglichen? Das sah ihr ähnlich, genau wie ihr Vater. Genauso arrogant und überheblich wie er. Genauso leichtsinnig und rücksichtlos und—
"Ein außergewöhnliches Kind," hallten Albus Dumbledores Worte in seinem Kopf.
"Elizabeth heißt sie. Du möchtest sie dir vielleicht selber ansehen," hatte der alte weißhaarige Zauberer zu ihm gesagt, ein Lächeln auf seinen Lippen, als dieser Severus unter einem anderen Vorwand zu Lucinda geschickt hatte.
Severus hatte sich nicht darum gescherrt, warum sollte er sich für ein Kind interessieren. Warum sollte er sich ausgerechnet für sein Kind interessieren. Ein Kind, dass ihm so aus dem Gesicht geschnitten war, dass es ihr schwer fiel, sie manchmal anzusehen.
Doch dann hatte er es selbst gesehen. Wie sich die dunkelgrünen Augen, zum ersten Mal seinen Blick trafen und sie versuchte, in seinen Geist einzudringen. Sie hatte ihn mit einer Intensität angeschaut, ähnlich wie jetzt, die ihn noch immer beunruhigte.
Sie war eine geborene Legilimentikerin – geboren mit einer Gabe, von der sie nicht die geringste Ahnung hatte, wie sie diese kontrollieren oder aus den Gedanken anderer Menschen fernhalten sollte. Ihm wurde schnell klar, dass Dumbledore ihn unter falschen Vorwänden zu ihrer Mutter geschickt hatte – um seine Neugier und Faszination zu wecken und ihn letztendlich davon zu überzeugen, sie zu unterrichten.
Doch der Gedank, ein siebenjähriges Kind zu unterrichten—dann noch in einer schwer beherrschbaren Disziplin wie Okklumentik, da wäre er lieber wieder als Spion unter die Augen des dunklen Lordes getreten.
Doch sie hatte etwas in ihm geweckt, das er nicht benennen konnte. Weil sie ihn an etwas erinnerte, das er nicht benennen wollte. Das allein hatte er mit Abneigung und Verachtung begegnet. Und doch hatte er sich schließlich dazu entschlossen—nicht aus Barmherzigkeit, sondern weil ihn dieses Kind faszinierte. Eine Faszination, die er sich selbst nicht eingestand. Die er sich als rein akademisches Interesse zurechtlegte—als Herausforderung, sein Wissen an ein seltenes Talent weiterzugeben. Es war einfacher, sie als Experiment zu betrachten, als zuzugeben, dass etwas an ihr ihn nicht losließ.
Sie war über das Flohnetzwerk alleine in seinem Büro erschienen, und er hatte erwartet, dass sie herumzappeln, spielen, unruhig sein würde—so wie jedes andere Kind in ihrem Alter. Doch sie stand still, gerade, die Hände vor sich gefaltet, und hörte zu, als er sprach. Sie war höflich und konzentriert. Fast schon zu still für ein siebenjähriges Kind.
Dann war er zum ersten Mal in ihren Geist eingedrungen.
Er hatte vieles erwartet. Er wusste nicht genau was—vielleicht die verstreuten, einfachen Gedanken eines Kindes: Bruchstücke von Erinnerungen, flüchtige Emotionen, die kleinen Ängste und Freuden einer Siebenjährigen.
Stattdessen hatte er Chaos gefunden.
Ihr Geist war wie ein Sturm. Gedanken übersprangen einander so schnell, dass er kaum folgen konnte— Erinnerungen überlagerten sich, Emotionen verschmolzen miteinander, Fragmente von Gesprächen, Bilder, Ängste, alles zu einem Knoten verwoben, der sich unmöglich entwirren ließ.
Doch was ihn hatte inne halten lassen, war die Frustration—so viel Frustration. Die verzweifelte Notwendigkeit zu verstehen, warum sich alles so laut anfühlte, warum die Gefühle anderer wie ein physisches Gewicht auf ihr lasteten. Er sah einen Raum, der von einem Sturm heimgesucht wurde—einen rothaarigen Jungen, der gegen die Wand geschleudert wurde und bewusstlos zu Boden glitt. Er hatte ihre Angst vor sich selbst gespürt. Ihre eigenen Worte gehört, "Ich habe ihn getötet. Ich habe ihn getötet."
Und darunter—eine Art Trauer. Die rohe, ungeformte Trauer eines Kindes um einen Vater, den sie kaum kannte, aber dennoch vermisste.
Er war fast sofort wieder herausgetreten, weil es zu viel war. Zu schnell. Zu intensiv.
Er hatte sie angesehen—dieses kleine, stille, unmöglich ruhige Mädchen, das ihn mit einem sanften Lächeln ansah—und sich gefragt, wie sie äußerlich so gelassen sein konnte, während ihr Inneres einem Schlachtfeld glich.
Nach und nach hatte er ihr beigebracht, ihren Geist zu verschließen, ihn vor Eindringlingen zu schützen, vor denjenigen, die erkannt hatten, dass das Mädchen zu viel wissen könnte. Irgendwann hatte sie es geschafft.
Doch sie tat es nicht wie er. Er sortierte seine Gedanken säuberlich, kategorisierte sie, schloss sie einzeln weg—jede Erinnerung in ihrer eigenen Box, jede Emotion hinter ihrer eigenen Fassade. Ihre Gedanken hingegen waren ein riesiges Netz, ein Gewebe aus Erinnerungen, Gefühlen und Assoziationen, das sich nicht in einzelne Fächer zwingen ließ. Nichts war isoliert. Alles war miteinander verbunden. Doch es ging nicht darum, eine perfekte Illusion zu erschaffen—nicht um einen Legilimentiker wie den Dunklen Lord zu täuschen. Es ging nur darum, ihren Geist zu verschließen.
Doch sie hatte ihn überrascht—sie schaffte es schließlich größere Bereiche ihres Geistes zu verbergen und kleinere frei zu halten—Eindringlinge entlang des Netzes zu führen und bei Bedarf eine einzelne Erinnerung preiszugeben.
Keine Illusion, die einen erfahrenen Legilimentiker täuschen würde—aber gut genug, um sie vorerst zu schützen.
Und jetzt saß sie vor ihm—und hatte alles aufs Spiel gesetzt. Sie ist leichtsinnig, unvorsichtig, rücksichtslos. Sie ist nur—
"Ein sensibles Kind“, hatte Dumbledore betont. „Und eines mit außergewöhnlicher Macht. Mehr Macht, als sie zu nutzen weiß. Und wenn ich ihr nicht beibringe, sie zu kontrollieren, wird diese Macht sie verschlingen. Oder sie gefährlich machen, wenn sie in die falschen Hände gerät. Ich habe bereits einmal versagt, einem begabten Kind den richtigen Weg zu zeigen. Ich werde denselben Fehler nicht zweimal machen."
Severus' Lippen hatten sich zu einer schmalen Linie zusammengepresst. "Ist es nun also meine Aufgabe, Ihre Fehler wieder gutzumachen?"
Dumbledore hatte auf den scharfen Unterton in seiner Stimme nicht reagiert. "Ihre Ausbildung ist getrennt. Die Okklumentik bleibt weiterhin Ihre Aufgabe, Severus. Die Regulierung ihrer emotionalen und instinktiven magischen Fähigkeiten wird anderweitig übernommen."
Er bäumte sich noch weiter vor ihr auf, die Wut in ihm drohte überzukochen. "Ich habe Jahre damit verbracht, dir die Kunst beizubringen, deinen Geist zu verschließen", sagte er so leise, das es kaum mehr als ein Flüstern war, "nur damit du ihn achtlos an eine … Feder bindest?"
Ihr Blick senkte sich, als habe sie zum ersten Mal das Gewicht ihrer Leichtsinnigkeit verstanden. Ihre Finger krallten sich leicht am Rand des Tisches fest.
Hat sie begriffen, was sie getan hat? Jahr für Jahr hatte sie eine Mauer errichtet, nicht wie seine, sondern etwas Einzigartiges, etwas anderes, ein Netz. Und nun sollte sie es wegwerfen—zum Schummeln.
Mit einer Bewegung seines Handgelenks ließ er ein Pergament, ein Tintenfass, eine Schreibfeder und einen der dicken Bände aus seinem Regal auf ihren Tisch schweben—"Poisons and Antidotes: An Encyclopaedia"—wo es mit einem dumpfen Geräusch landete und sie kurz zusammenzucken ließ.
"Nun", sagte er kühl. "Schreib einen Aufsatz, in dem du detailliert beschreibst, wie vorzugehen ist, wenn man versehentlich Weedosoros zu sich genommen hat. Die sofortigen Maßnahmen, die notwendigen Gegenmittel und die Gründe für jede Entscheidung. Mit eigener Hand. Du bleibst hier, bis er fertig ist."
Sie blinzelte.
"Sir?" sagte sie. "Ich glaube nicht, dass ich—"
"Du bist nicht hier, um deine Unwissenheit unter Beweis zu stellen", unterbrach er sie. "Du bist hier, um zu zeigen, dass du zu mehr fähig bist als zu rücksichtsloser Selbstsabotage. Fang an."
Sie presste die Lippen zusammen. "Ja, Sir."
Er erwartete nicht viel. Er rechnete nicht damit, dass sie die Aufgabe tatsächlich lösen würde. Er hatte ihr eine Aufgabe gegeben, die selbst Viertklässler zum Schwitzen brachte—ein Gift aus dem vierten Schuljahr, dessen Gegengift nicht einmal im erweiterten Lehrplan stand. Die meisten Schüler hätten gar nicht erst angefangen.
Er beobachtete sie, wie sie mit zusammengekniffenen Lippen durch das Buch blätterte, den Eintrag zu Weedosoros fand—und inne hielt.
Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen. Das Buch enthielt kaum mehr als den Namen des Giftes und eine vage Warnung vor Krämpfen. Keine Gegenmittel, keine Behandlungsanleitung, kein Rezept nichts, was ihr helfen würde. Sie hatte nichts—nur ihren Verstand.
Er lehnte sich zurück, die Arme verschränkt, und beobachtete, wie sie sich versteifte, die Seite anstarrte und dann zur Seite ins Feuer starrte. Ganze zehn Minuten lang. Die Kerzen flackerten, warfen lange Schatten über ihr Gesicht—und in diesem gedämpften Licht sahen ihre hellbraunen Locken fast schwarz aus. Ihre Augen, die sonst das dunkle Grün hatten, wirkten dunkler, fast schwarz. In diesem Moment sah sie aus wie er.
Sie wird aufgeben, dachte er. Sie wird beweisen, dass sie nichts weiter ist als—
"Siehst du in ihr immer noch nichts als ihren Vater?" hörte er Lucinda's Stimme in seinem Kopf.
"Es gibt nicht viel mehr zu sehen."
"Du weißt, dass nicht stimmt."
Severus war aufgesprungen, so abrupt, dass sein Stuhl umgekippt und mit lautem Krachen zu Boden gefallen war. "Du warst es, die mit ihm durchgebrannt ist! Du! Mit ihm! Von allen Menschen—warum ausgerechnet Black?!"
Sie war zusammengezuckt, als hätte er sie geschlagen.
"Ist es das", hatte sie geflüstert, "warum du sie bestrafst? Weil du wütend auf mich bist?"
"Du wusstest, wer er war—" Er war abgebrochen, hatte nach Fassung gerungen; seine Hände hatten vor Wut gezittert. "Du wusstest, was er mir angetan hat! Du wusstest es, und du hast dich trotzdem für ihn entschieden."
Ihr Blick hatte sich verändert—und sie hatte schuldbewusst den Kopf gesenkt.
"Weil ich… ich dachte… ich dachte, er hat sich verändert." Sie hatte gezögert. "Ich dachte, er versteht mich, so wie es niemand anders konnte. Er war der einzige, der es genauso erdrückend fand, aus der Reinblut-Gesellschaft auszubrechen—der es genau so hasste wie ich." Sie hatte kurz innegehalten, dann hatte sie ihn direkt angesehen. "Ich hatte immer gedacht, dass wir uns verstehen, uns kennen, Severus. Doch du hast nichts als den Namen Malfoy in mir gesehen. Und in dir habe ich nur mich selbst gesehen. Und dabei dich und deine eigene Wahrheit übersehen. Und das tut mir Leid."
Sie hatte den Blick gehoben und ihm in die Augen gesehen. "Also bestrafe mich dafür."
Dann war ihr Blick wieder hart geworden.
"Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, Betty so zu behandeln, wie du es tust. Sie ist nicht für meine Fehler verantwortlich."
"Sie ist nachlässig", hatte er erwidert, während seine Hände noch immer zittern. "Ich habe sie nicht jahrelang unterrichtet, damit sie mittelmäßig bleibt. Sie muss gefordert werden."
"Nein, Severus. Sie muss gesehen werden. Sie muss wissen, dass jemand an sie glaubt."
"Sie ist nicht meine Verantwortung," hatte er gezischt.
"Sie ist die begabteste Schülerin, die du je hattest—und du weißt es. Sie braucht Führung, nicht Kritik."
Dann, plötzlich, erhellte sich ihr Gesicht. Sie zog das Buch zu sich, schloss es und las den Titel. Dann öffnete sie es wieder und begann zu blättern. Als sie einen Eintrag fand, überflog sie ihn; ihre Augen folgten ihrem Finger, mit dem sie über die Zeilen strich. Ein Lächeln spielte sich um ihre Lippen. Sie griff nach der Feder, tauchte sie ins Tintenfass—und begann zu schreiben.
Nach einer Weile stand er auf, trat hinter sie und sah das Chaos auf dem Pergament: überall durchgestrichene Zeilen, Pfeile, die eine Zeile mit einer vorigen verbanden, ein Wirrwarr aus Gedanken. Doch sie schrieb und schrieb.
Dann schlich sich ein Gedanke ein—Black hätte längst aufgegeben. Er hätte es gar nicht erst versucht.
Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück.
Er betrachtete sie näher. Wie sie konzentriert innehielt, nachdachte, dann weiterschrieb. Hin und wieder pausierte sie, schüttelte ihr Handgelenk aus, dann fuhr sie fort. So verging die Zeit—Minute um Minute, Stunde um Stunde. Er korrigierte Aufsätze, aber sein Blick wanderte immer wieder zu ihr hinüber.
Fast neunzig Minuten später hörte er, wie ihre Feder innehielt. Er spürte ihren Blick auf sich, doch er sah nicht auf.
"Das war viel einfacher, Sir", sagte sie plötzlich—und ihre Stimme klang viel zu fröhlich. "Fast angenehm. Ich glaube, ich arbeite besser unter Druck."
Er tat so, als habe er sie nicht gehört, und korrigierte unbeirrt den Aufsatz vor sich.
"Vielleicht", fügte sie hinzu, "sollte ich öfter Nachsitzen bei Ihnen haben."
Er wollte gerade eine Korrektur an den Rand des Pergaments kritzeln, da erstarrte er. Seine Feder stockte. Langsam hob er den Blick —und sah in ihr Gesicht. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
Sie sah ihn mit den gleiche Blick an, wie damals, als sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Sie hatte ihre Hand nach ihm ausgestreckt. "Ich kann es schwächer machen. Deinen Schmerz."
"Du sorgst dich um sie, nicht wahr?" hatte Lucinda gesagt. "Und du hasst es. Weil sie das Kind von Sirius ist."
Was für eine lächerliche Anschuldigung. Er legte seine Feder nieder.
"Raus hier."
"Brich sie. Brich sie, und du wirst einen Teil von mir kennenlernen, den du nicht kennst. Ich habe meinen Vater überlebt. Ich habe überlebt, in einer Nacht alles zu verlieren, die ich liebte, und bin jeden Morgen aufgestanden, um meine Tochter allein großzuziehen. Sie ist das einzige Gute, das ich je getan habe. Brich sie, Severus. Ich habe nichts mehr zu verlieren."
Sie hatte ihn mit eisigen Augen angesehen und ein Schauer war ihm unwillkürlich über den Rücken gelaufen.
Er sah ihr nach wie sie aufsprang und zur Tür huschte und ohne sich noch einmal umzusehen hinter ihr verschwand. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. Er starrte an die Stelle, an der auch Lucinda gestanden hatte, kurz bevor sie ging.
"Wir waren dreizehn Jahre alt, und du hast mir geschworen—wir haben gegenseitig geschworen—dass wir niemals wie unsere Väter werden. Dass du nicht der Mann werden würdest, der Kinder Angst macht. Dass du deine Macht nie dazu nutzen würdest, andere klein zu machen. Und sieh dich jetzt an."
Ihr Blick war beinahe mitleidig geworden.
"Du bist er geworden, Severus."
Dann war die Tür ins Schloss gefallen.
Wütend hatte er die Stapel Pergamente von seinem Schreibtisch geschleudert. Wie konnte sie es wagen? Was wusste sie schon? Sie war nicht dabei gewesen. Sie hatte nicht gesehen, was er durchgemacht hatte. Sie wusste nichts von seinen Erlebnissen oder seinem Schmerz. Sie wusste nicht, wie es war, dafür bestraft zu werden, was er war, wie er war. Sie hatte kein Recht, über ihn zu urteilen. Er hatte Stunden gebraucht, um sich zu beruhigen.
Er starrte noch eine ganze Weile auf die Stelle ins Leere, bevor er mit einem Schlenker seines Zauberstabes den Aufsatz zu sich herholte. Er rollte das Pergament auf und begann zu lesen.
Er rollte das Pergament aus und begann zu lesen. Es war das reinste Chaos—ein Wirrwarr aus verstreuten und unorganisierten Gedanken, die dennoch allesamt richtig waren. Sie hatte nicht nur Golpalotts drittes Gesetz erwähnt, sondern es auch angewendet; sie hatte ausführlich erklärt, was im Falle eines gemischten Giftes zu tun sei—ein gemischtes Gift könne nicht einfach durch das Vermischen der einzelnen Gegenmittel geheilt werden; das wahre Gegenmittel müsse größer sein als die Summe seiner Bestandteile—und was zu tun sei, falls dies nicht der Fall sei. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass ein Gift einen Gegenstoff benötigte—etwas, das sich an das Gift bindet, es neutralisiert oder aus dem Körper ausspült, bevor es bleibende Schäden anrichten kann. In einem dringenden Fall könne ein Bezoar als letzte Option gegen die meisten Gifte eingesetzt werden.
Er sah zu dem Stapel Pergamente hinüber, die er gerade korrigiert hatte—die Aufsätze seiner Viertklässler. Keiner von ihnen war auf die Idee gekommen, Golpalotts Gesetz anzuwenden. Keiner hatte verstanden, dass es nicht um das Gift ging, sondern um die Logik dahinter. Sie hatten abgeschrieben, was sie in Büchern gefunden hatten.
Aber sie hatte es geschafft—und es fiel ihm schwer zu akzeptieren, dass sie seine Erwartungen übertroffen hatte. Und sie hatte ihr Talent für eine Abkürzung verschwendet—für einen dummen, leichtsinnigen Versuch zu schummeln.
Er schob den Gedanken beiseite. Es war nicht seine Schuld. Sie war nachlässig, unvorsichtig, rücksichtslos—genau wie ihr Vater. Er hatte sie gefordert, weil sie es brauchte. Weil sie sonst versagt hätte. Er tat es zu ihrem eigenen Wohl.
Das war der Unterschied zwischen ihm und seinem Vater.
