Work Text:
„Sind wir beide zu Fannys Liederabend verabredet?“
„Ich dachte ich hätt' dich gefragt.“
„Nö.“
Paul runzelt die Stirn, versucht sich daran zu erinnern, was genau er wirklich gesagt hatte. Er hatte doch genau überlegt, was er wie sagen muss, um sicher zu gehen dass sie das wirklich versteht. Scheinbar ist das daneben gegangen. Schon wieder.
„Okay, dann mach ich das jetzt.“
Anna dreht sich wieder zu ihm, lässt ihre Kamera sinken, mit der sie gerade ein Foto gemacht hat.
„Willst du mit mir zu Fannys Liederabend gehen? Zusammen.“
Sie wirkt überraschter als er erwartet hätte, wo sie doch gerade noch davon geredet haben.
„Du meinst als —“
„Als Verabredung, ja“, unterbricht er sie, registriert zu spät, dass sie nachgefragt hat. Kann nur daran denken, dass er schon wieder nicht ganz klargestellt hat, was er meinte. Egal wie offensichtlich es sein sollte, weil sie gerade drüber geredet haben.
Anna scheint ihm das zum Glück nicht übel zu nehmen. „Gerne“, erwidert sie mit einem Lächeln und ihre Augen strahlen und das passt so gar nicht zu der Tatsache dass sie hier an einem Tatort sind. Aber das ist egal. Das war ihm schon immer egal, wenn Anna ihn anlächelt.
Paul ist doch nervöser, als er erwartet hat. Die letzten paar Tage waren eine gute Ablenkung von heute, aber es hat ihn nicht daran gehindert darüber nachzudenken, ob das wirklich eine gute Idee war. Kann er das? Eine Beziehung? Bisher hat das nie funktioniert.
Aber bisher hat er auch keine 9 Jahre gebraucht um zu fragen. Vielleicht hilft das. Vielleicht hilft es auch, dass Anna nicht auf ihn warten muss, wenn er nicht von Arbeit wegkommt, weil sie ihn einfach auffordern kann mitzukommen, wenn sie geht. Oder mit ihm länger bleibt. So wie sie das eh schon macht.
Er atmet durch, und gerade als er Klingeln will, öffnet sich die Haustür. Annas Nachbarin grüßt ihn mit einem Nicken. Ihr Blick fällt auf die Blumen in seiner Hand und sie grinst anerkennend, während sie ihm die Tür aufhält und er an ihr vorbeigeht.
Er klingelt an Annas Wohnungstür, wippt von einem Bein aufs andere bis sie sich öffnet und Anna vor ihm steht.
„Du bist pünktlich“, stellt sie fest.
Er blinzelt mehrmals, hat eigentlich ein 'Hallo' erwartet. „Du bist überrascht.“
„Du warst noch nie pünktlich. Seit ich dich kenne.“
Er öffnet seinen Mund, um zu protestieren. Er war vielleicht öfter zu spät als sie, aber nie pünktlich?
„Soll ich nochmal gehen und später wieder kommen?“, fragt er anstelle eines Protestes. Schafft es damit die Überraschung auf ihrem Gesicht in ein Lächeln umzuwandeln, während sie den Kopf schüttelt, diese Frage verneint.
„Blumen?“, fragt Anna, als ihr Blick auf den Strauß in seiner Hand fällt. Da ist wieder Überraschung auf ihrem Gesicht.
Paul legt seinen Kopf schief. „Macht man das nicht so?“
Nicht, dass er behaupten könnte das oft getan zu haben. Oder jemals. Aber heute hat sich das irgendwie wichtig angefühlt.
Anna schweigt. Viel zu lange und für einen kurzen Moment verflucht er sich selbst. Jetzt wo er drüber nachdenkt, weiß er nicht mal ob sie diese Blumen überhaupt mag. Oder Blumen generell. Hat nie darauf geachtet, wenn er mal in ihrer Wohnung war. Eigentlich immer nur Fotos gesehen.
„Ich hatte das nicht geplant“, fährt er fort, fast entschuldigend. „Aber ich hab die gesehen und musste an dich denken. Dann konnt' ich die nicht nicht kaufen.“ Er zuckt mit den Schultern, überlegt, wie er das jetzt wieder in Ordnung bringen kann. Vielleicht freut Fanny sich über die Blumen. Diesen Vorschlag in Worte fassen, kann er aber nicht mehr, weil Annas Hände sich um sein Gesicht legen, ihn dazu zwingen sie anzuschauen, und sein Gehirn keine Worte mehr hat.
Sie lächelt ihn an, ihre Wangen sind leicht gerötet und dann küsst sie ihn. Zu kurz, als das er darauf hätte reagieren können. „Die sind sehr schön“, flüstert sie, bevor sie ihn nochmal küsst. Länger diesmal, und weniger zurückhaltend.
Ihre Hände verschwinden von seinen Wangen, fahren über seinen Rücken und irgendwann beendet sein Grinsen den Kuss. Muss er Luft holen, um seinen Herzschlag halbwegs zu beruhigen, bevor er die Augen wieder öffnen kann.
Mit einem entschuldigenden lächeln, hebt Anna eine Hand wieder und fährt mit ihrem Daumen seine Lippen entlang, als müsste sie was fortwischen, bevor sie die Blumen aus seiner Hand nimmt und er ihr in die Wohnung folgt.
Paul schließt die Tür hinter sich, folgt ihr durch den Flur zur Küche, bleibt im Türrahmen stehen und beobachtet, wie sie nach einer passenden Vase sucht.
Seine Hände fühlen sich leer an, also steckt er sie in seine Jackentaschen, wartet bis sie die Vase mit den Blumen auf ihrem Küchentisch drapiert hat, sich mit einem strahlenden Lächeln wieder zu ihm wendet. Und vielleicht können sie auch einfach hier bleiben. Nur zu zweit den Abend zu Ende bringen.
Fanny würde ihm das leider übel nehmen, immerhin hat er ihr versprochen beim Liederabend dabei zu sein. Er seufzt innerlich, als Anna an ihm vorbei zurück in den Flur geht. Ihre Hand streift seine, und er muss sich zu ihr umdrehen, während sie in ihre Schuhe schlüpft, sich einen roten Schal umlegt, und ihre Jacke vom Haken nimmt.
Erst als sie fragt „Gehen wir?“, fällt ihm auf, dass er sich doch mal bewegen sollte.
Fanny steht in ihrer Bar und schaut sich um. Die Technik ist fertig aufgebaut, Gläser und Teller stehen bereit. Es fehlen nur die Gäste. Ein Blick auf die Uhr bestätigt, dass noch genug Zeit ist. Aber Brix hatte versprochen früher da zu sein. Ja, gut, der ist öfter mal nicht pünktlich, und Bescheid geben tut er auch nicht immer, das weiß sie ja. Hat eigentlich auch nicht erwartet, dass er genau zu der Uhrzeit auftaucht, die er ihr genannt hat. Aber es wäre schön, wenn er jetzt hier wäre. Mit Anna.
Sie muss grinsen, als sie daran denkt wie überfordert Brix aussah, als sie ihm vorgeschlagen hat, Anna einfach einzuladen heute. Als Date. Als könnte er nicht fassen, dass sie das wollen würde. Nur um dann freudestrahlend vor ihr zu stehen, weil Anna wirklich zugesagt hat.
Aber noch fehlt von beiden jede Spur. Naja, wenn sie noch ihren Fall zu bearbeiten haben, kann das schon länger dauern. Auch das ist ihr klar.
Fanny atmet durch, gerade als die Tür sich öffnet und Jonas das Lokal betritt. Ihn zu sehen ist genauso gut eigentlich.
„Hallo, Fanny!“, begrüßt er sie, stellt sein Mitbringsel auf dem Buffet-Tisch ab und versichert ihr, dass er den Frankfurter Kranz wirklich selbst gemacht hat. Nun, wie gekauft sieht er tatsächlich nicht aus.
„Brix und Janneke sind noch nicht da?“, fragt Jonas. Dreht sich dabei einmal um sich selbst, in dem sonst leeren Raum.
„Brix ist doch nie pünktlich“, entgegnet Fanny, ihr Blick nach draußen gerichtet.
„Ja, aber Anna.“
Sie nickt, gibt eine zustimmendes Geräusch von sich bevor sie ihn daran erinnert, dass das nur stimmt, wenn die beiden nicht zusammen auftauchen.
Sie sollte nicht so erwartungsvoll aus dem Fenster starren, davon kommt auch niemand früher an. Aber sie kann es nicht ändern. Was, wenn doch niemand auftaucht? Immerhin ist Jonas da, dann gibt es wenigstens eine Person, die ihr zuhört.
Dann sieht sie die beiden sie Straße entlang kommen. Brix hält Annas Hand, während sie über eine Bemerkung lacht, ihren Kopf an seine Schulter lehnt. Und sie sollte wirklich vom Fenster wegtreten.
Kurz vor der Tür, bleibt Brix stehen, überrascht Anna damit, die noch einen Schritt geht, bevor sie stehen bleibt, sich zu ihm umdreht.
Was sie sagen kann Fanny nicht verstehen, geht sie auch gar nichts an. Dass Brix Anna einfach küsst überrascht sie dann aber doch.
„Ich hab dir doch gesagt, die packen das noch vor deinem Liederabend.“ Jonas steht neben ihr und grinst sie an.
Fanny verdreht ihre Augen, während sie einen 10€-Schein sucht, und ihm in die Hand drückt.
Ja, sie hat das nicht mehr erwartet. Viel zu lange darauf gewartet. Musste sie doch Brix erstmal davon überzeugen, Anna überhaupt zu fragen. Hat für Heute extra ein paar Lieder rausgesucht, die dabei helfen sollten. Wie Jonas es geschafft hat weiter daran zu glauben, dass sie das ohne ihr Zutun schaffen, hat sie sich schon seit ein paar Monaten gefragt.
Ein Schwall kühler Luft erfüllt den Raum, als die Tür geöffnet wird und Anna, gefolgt von Brix, die Bar betritt.
Jonas lässt den Geldschein in seine Hosentasche verschwinden, bevor die beiden sie etwas aufgekratzt begrüßen.
„Sorry für die Verspätung“, bringt Brix hervor, während er Anna ihre Jacke abnimmt. Fanny winkt schmunzelnd ab, kann ihm heute wirklich nicht böse sein. Immerhin ist er da bevor der offizielle Einlass beginnt, müssen sie und Jonas nicht allein die Tische und und Stühle im Raum zu verteilen damit man von überall genug sehen kann.
Als sie damit fertig sind , schaut Fanny sich zufrieden um. Anna und Paul haben bereits einen Tisch für sich beansprucht. Stehen noch näher bei einander, als sie es sonst eh schon tun und sie würde die beiden liebend gern darauf ansprechen. Ihre Neugier endlich stillen.
Jonas scheint das genauso zu sehen, und wenn da nicht die Gruppe wartender Menschen von ihrer Tür stünde, würde sie ihn nicht daran hindern. Aber diese Unterhaltung will sie nicht verpassen. Und nachher ist immer noch genug Zeit dafür.
