Chapter Text
Man hat in der Welt nicht viel mehr, als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit.-Arthur Schopenhauer
Es war ein warmer Sommermorgen als unsere Mutti uns das erste Mal einsperrte. Mein kleiner Bruder und ich machten uns auf trockenem, zerbröselten Teerweg auf den Weg nach Hause, unwissend, wie sehr wir diese trostlose Außenwelt vermissen würden. Die grauen und verwahrlosten Gebäude passierten an uns vorbei und unsere Beine führten uns zu einem Waldweg. Mutti bevorzugte es schon immer abgegrenzt von der Außenwelt zu leben, also nisteten wir uns in einer alten Hütte im Wald ein. Sobald in der Schule jemand Wind von unserem Leben bekam gab es sofort große Aufregung. "Ich wünschte mir auch gerne ein so ruhiges und privates Leben... du und dein Bruder könnt euch wirklich glücklich schätzen." Solche Antworten wie die meiner Lehrerin konnte ich mir jedes Mal anhören. Es ist nett gemeint, aber sie haben keine Ahnung wie es ist in Isolation zu leben. Es mag unglaublich klingen, aber die Zeit in der Schule war eine Zeit die ich sehr schätzte. Es war die einzige Zeit am Tag in der ich so tun konnte als sei ich ein Kind wie jedes andere auch.
Mittlerweile waren wir am Gefängnis angekommen, ein Name den mein Bruder und ich dem Haus gaben aus dem wir nur gelassen wurden wenn wir zur Schule mussten. Ansonsten hieß es Stunde um Stunde die Zeit abzusitzen und aus dem Fenster zu starren. Im Gefängnis angekommen, setzte ich mich in mein kleines Zimmer und hörte die vertrauten Klack Geräusche der Türen und Fenster, die abgeschlossen wurden.
Es war nicht immer so, es gab eine Zeit in der wir stundenlang draußen im Wald spielten oder uns mit anderen Kindern aus der Schule trafen. Eines Tages, es war Herbst und es hatte eine Woche lang durchgeregnet, spielten mein Bruder und ich mit einem Kind namens Ari auf dem örtlichen Spielplatz. Dieser war schon uralt, Ari erzählte wie sein Vater ihm sagte dass der schon da war als er selbst noch ein "kleiner Bub" war und sich seitdem auch nichts verändert hatte. Das Holz am Klettergerüst war morsch und drohte jeden Moment einzufallen und an der Rutsche hingen rostige Nägel aus dem Metall. Wenn man nicht aufpasste, kam man oft mit einer zerissenen Hose, oder sogar einer bösen Wunde nach Hause. Aber dennoch mochte ich diesen Ort, er hatte Charakter. Den hatte Ari auch. Er war ein Kind von der gemeinen Sorte, der in einem Moment friedlich mit dir spielt und im nächsten Moment seinen Fuß gegen dein Schienbein rammte. Anscheinend hatten wir einen schlechten Tag für Ari erwischt. Ich kletterte gerade das Gerüst hoch als ich hörte wie mein Bruder in seiner üblichen weinerlichen Stimme rief: "Runter von der Rutsche, Ari! Ich stoße sonst gegen dich!". Ich blickte über die Schulter und sah wie Ari breitbeinig in der Mitte der Rutsche stand und den Weg versperrte. "Ach ja? Was willst du machen? Schubs mich doch runter wenn du unbedingt rutschen willst!". Normalerweise ging ich dazwischen wenn jemand mit meinem Bruder streit anfing, doch diesmal saß ich einfach auf Klettergerüst und beobachtete die Szene. Ich wünschte ich könnte eúch sagen warum ich an genau diesem Tag nicht dazwischen schritt, doch dann würde ich lügen. Aus irgendeinem, mir unbekannten Grund, beschloss ich diesmal nur zuzusehen. Mein Blick traf den meines Bruders, der mich verzweifelt und nach Hilfe suchend anstarrte. Ich zuckte nur die Achseln, also beschloss er runter zu rutschen. Beim Aufprall landete Ari hart mit dem Rücken gegen den matschigen Boden. Seiner ganzer Rücken und seine von Motten angefressene Jeans waren voll mit dem flüssigen Braun, auf dem er gelandet war. Ich musste mir ein Lachen verkneifen, es sah aus als hätte er sich in die Hose geschissen. Mein Bruder stand von der Rutsche auf und stand schweigend über Ari. "Du kleiner Mistkerl!", schrie er aus tiefstem Bauche. Irgendwie schaffte er es aus dem rutschigen Matsch heraus und bäumte sich nun über seinem Gegenüber auf. Innerhalb eines kurzen Moments schubste Ari ihn mit einer solchen Wucht, dass mein Bruder mit dem Kopf auf der Rutsche aufprallte. Einen Moment blieb er still liegen, dann ächzte er leise. "Was? War es das etwa schon?", höhnte Ari lauthals. Mit einem Schwung sprang ich vom Gerüst und eilte zu Ari. "Du dummes Vieh! Er hat sich verletzt! Du verpisst dich jetzt lieber ganz schnell, bevor ich dir den Schädel zerschmetter!". Ari starrte mich für eine Sekunde ungläubig an und schnaubte dann leise: "Was auch immer, du Schlampe...", gelassen drehte er sich um und verließ den Spielplatz. Erst einige Meter entfernt blickte er sich noch einmal zu uns um.
"Ist alles In Ordnung?", ich vernahm eine schrille Stimme von einer der Mütter, die an der Seite des Spielplatzes stand. "Nein, ich weiß nicht.. er antwortet nicht!", Panik stoß in mir hoch. Ich blickte hinunter und sah eine kleine Blutlache, die sich unter dem Kopf meines Bruders sammelte. Danach lief alles recht schnell. Obwohl Mutti uns immer predigte, dass wir niemals mit fremden Leuten mitfahren sollten, saßen wir im Auto der Frau und fuhren mit Höchstgeschwindigkeit in den Wald und Richtung Haus. Mein Bruder war mittlerweile aufgewacht und heulte sich nun die Seele aus dem Leib. Zuhause angekommen schmiss meine Mutter die Tür vor der Nase der gnädigen Helferin zu und trug ihren blutenden Sohn zur Couch. "Oh mein Baby... mein unschuldiges kleines Baby...", schluchzte sie. Es war herzzerreißend das mit ansehen zu müssen. Sie streichelte seinen Kopf und die nassen Haare aus seinem Gesicht. "Wer hat das meinem kleinen Jungen angetan?", leise Schluchzer unterbrachen die Stille. Dann drehte sie sich zu mir und ihre besorgte Miene verwandelte sich in Frustration und Wut. "SAG SCHON! Wer hat das meinem perfekten Baby angetan?!", sie schrie mich mit voller Wucht an als wäre ich es gewesen, die einen Nagel in seinen Hinterkopf gerammt hätte. Einigermaßen war ich es ja auch schuld weil ich nur zugesehen habe und die Last dieser Realität lag schwer auf meiner Brust. "Ich... ich weiß nicht wie das passieren konnte... wir haben mit Ari gespielt und da-", sie schnitt mich mitten im Satz ab und brüllte, "Ari?! Dieser dreckige kleine Sohn eines miesen Nichtsnutz! Wie oft habe ich euch schon gesagt, dass er keinen guten Einfluss auf euch hat! Aber nein, auf die böse alte Mutter hört ja nie jemand! Denn ich bin ja so eine schreckliche Mutter, weil ich will dass meine geschätzten Kinder nicht mit so einem Bastard spielen!". Plötzlich zog sie die Hand unter seinem Kopf weg und stand in einer abrupten Bewegung auf. Sein Kopf plumpste auf das Kissen und tränkte es rot. Die Blutung war mittlerweile einigermaßen gestillt, aber seine Haare waren noch klebrig vom Blut und er sah aus als wäre er einfach nur schwimmen gegangen. Mutti verschwand im Nebenzimmer und ich hörte wie die Tür mit einem lauten Knack abgeschlossen wurde. "Das wars! Ich kann nicht verantworten, dass meine Kinder allein unter Psychopathen und was weiß ich noch für Menschen verweilen! Ihr bleibt jetzt drinnen, bis ich euch sage dass ihr wieder rausgehen dürft!". Mit einem letzten müden Blick auf meinen Bruder verschwand sie nach Oben. Ihre erschöpften Schritte zu ihrem Schlafzimmer ließen das Holz knarzen. Als sie sich dann ins Bett legte breitete sich eine Stille im Haus aus, von der ich niemals gedacht hätte dass sie so lange ausharren würde.
