Chapter Text
"Ich hab zwei Kinder!", brüllt er den vor ihm stehenden Verbrecher an, der gemeinsam mit seinen Kumpanen eben den Transporter ausgeräumt hat.
Der dreht sich zu ihm und sieht ihn irritiert an.
"Und sie verlässt mich!" Denn das ist es, was Sebastian einfach nicht in den Kopf will. Er hat alles für Julia gemacht! Sie haben doch das perfekte Leben! Haus, Sohn, Tochter. Was noch? Was zum Teufel hat ihr gefehlt, dass sie zu einem anderen Mann muss, um es sich dort zu holen? Er hat doch wirklich alles gegeben!
Sebastian hat seine Pistole auf den anderen Mann gerichtet. Aber der hält ein Sturmgewehr in der Hand. Und er trägt eine schusssichere Weste. Er ist also klar im Vorteil. Trotzdem geht Sebastian auf ihn zu und schreit weiter: "Einfach so!" Denn das ist auch wichtig. Noch wichtiger als alles andere. Weil er es eben nicht versteht. Warum? Warum? Warum ?!
"Was?!", ruft der Verbrecher entgeistert. Der kann es offenbar immer noch nicht fassen, dass Sebastian sich ihm weiterhin nähert.
"Meine Frau! Sie verlässt mich!", brüllt Sebastian als Antwort. Soll es ruhig die ganze Welt hören. Vielleicht kann ihm ja irgendjemand da draußen erklären, wie das passieren konnte.
"Bist du lebensmüde, Mann?!"
Der Verbrecher hat immer noch seine Waffe auf Sebastians Brust gerichtet, aber er denkt nicht daran, stehenzubleiben. Geht nicht. Kann er nicht. So wie er Julia auch nicht davon abhalten konnte zu gehen.
"Nein! Bestimmt nich'!", antwortet Sebastian und senkt seine Waffe. Aber nicht, weil er sich ergeben will oder so. Stattdessen drückt er ab. Er trifft den Verbrecher aus kurzer Entfernung ins Bein und der geht sofort zu Boden.
Sebastian nimmt ihm das Sturmgewehr weg. Der erste der uniformierten Kollegen traut sich endlich aus der Deckung. Sebastian drückt ihm die Waffe in die Hand und weist ihn mit knappen Worten an, die beiden auf dem Boden hockenden Verbrecher zu sichern. Beide haben Schussverletzungen an den Beinen. Weglaufen können sie sowieso nicht mehr.
Dann sieht er, dass Victor de Man Thorsten gerade vom Boden hoch hilft. Auf Thorstens rechtem Oberarm breitet sich ein Blutfleck rasant aus.
Scheiße.
De Man ist immer noch bewaffnet. Er sieht durcheinander aus. Sebastian ist der Grund dafür egal. De Man hat eine Waffe und er hat Thorsten.
Jetzt ist Sebastian so richtig in Fahrt. De Man soll bitte eine falsche Bewegung machen, damit er ihm auch eine Kugel ins Bein verpassen kann. Das bringt Julia zwar nicht wieder zu ihm zurück, eine gewisse Genugtuung würde es ihm aber in dem Moment schon verschaffen.
Arschloch.
Aber de Man tut nichts. Er hebt beide Hände. Thorsten klammert sich an ihn, als würde nur de Man ihn aufrecht halten können.
Scheiß Julia, die ihn verlassen hat, und scheiß Victor de Man, der ihm jetzt Thorsten wegnehmen will.
Sebastian tritt die Waffe aus de Mans erhobener Hand - zum Glück sind seine Beine lang genug dafür. Thorsten macht sofort ein paar Schritte auf Sebastian zu, stellt sich hinter ihn und er fühlt doch noch so etwas wie Genugtuung.
Julia hat sich für jemand anderen entschieden. Aber Thorsten wählt ihn.
~~~
Es sind viel zu viele Menschen verletzt worden. Es hat Tote gegeben. Mehrere Rettungswagen stehen mit blinkenden Lichtern auf dem Platz zwischen den Gleisen und versorgen die Verwundeten.
Auch Thorsten sitzt auf einer Fahrtrage in einem Rettungswagen.
"Das wird nicht zerschnitten!", hat er eben einen der Sanitäter angefahren, der mit seinem Ärmel kurzen Prozess machen wollte. Thorsten versucht, stattdessen aus seinem Sakko zu schlüpfen. Sebastian rollt mit den Augen und hilft ihm.
Sakko und Hemd liegen bald neben Thorsten. Endlich kann der Sanitäter sich die Wunde ansehen. Sebastian möchte eigentlich bei Thorsten bleiben, aber er muss noch die uniformierten Kollegen instruieren. Álvarez möchte wissen, was los ist. De Man muss wieder ins Gefängnis überführt werden - er ist der einzige der Verbrecher, der unverletzt geblieben ist. Und irgendwo schwirrt auch noch der Hubschrauber rum.
Als Sebastian endlich fertig ist und nur noch de Man in die JVA zurückgebracht werden muss, kommt Thorsten auf ihn zu.
Thorsten, den er eigentlich in einem der Rettungswagen vermutet hat, die vorhin Richtung Krankenhaus aufgebrochen sind.
Thorsten, der jetzt sicher nicht hier rumlaufen sollte.
Thorsten, dessen Hemd aus der Hose hängt, weil er es mit einer Hand nicht mehr selbst hineinbekommt.
Sein rechter Arm steckt in einer Schlinge. Unter dem hellen Stoff des Hemds zeichnet sich ein dicker Verband ab. Einen Teil davon sieht Sebastian. Durch das große Loch, wo die Kugel nicht nur Thorstens Bizeps zerfetzt hat.
Er trägt sein Sakko über dem anderen Arm und schlendert über das niedergetrampelte Gras, als ginge ihn die Verletzung gar nichts an.
"Thorsten! Was machst du denn noch hier?", fragt Sebastian entgeistert und besorgt gleichermaßen.
"Wir müssen Victor noch zurück in die JVA bringen", erklärt Thorsten. Die Worte klingen ein wenig undeutlich. Unsauber ausgesprochen. Beinahe wie ein Schwabe. Aber es liegt wohl nicht daran, dass er nach fünf Jahren im Ländle doch etwas vom Lokalkolorit aufgeschnappt hat. Sebastian hat viel eher den Verdacht, dass Thorsten mit Schmerzmitteln vollgepumpt ist.
"Um de Man hätte ich mich schon gekümmert."
Thorsten nickt. Er taumelt ein wenig. Sebastian streckt die Hand aus und greift nach Thorstens unverletzten Arm.
"Bist du sicher, dass du nicht ins Krankenhaus gehörst?"
Sebastian hat ja selbst auch schon einiges abbekommen. Er weiß, wie verdammt weh so ein Streifschuss tut. Und wie der normalerweise im Krankenhaus versorgt wird. Dass Thorsten jetzt schon wieder hier rumläuft, kann nicht gut sein. Zumal sich Sebastians Erfahrungen auf kleinere Kaliber beziehen. Auf Faustfeuerwaffen. Thorsten wurde mit einem verdammten Sturmgewehr getroffen.
"Wir müssen Victor noch zurück in die JVA bringen", wiederholt Thorsten stur.
"Okay. Aber erstens: Ich fahre. Und zweitens: Direkt danach bringe ich dich ins Krankenhaus. Keine Widerrede."
"In Ordnung."
Thorsten drückt Sebastian den Schlüssel zum Porsche in die Hand und setzt sich dann erneut in Bewegung.
"Warte!"
Sebastian hat ihn mit zwei raschen Schritten wieder eingeholt und beginnt damit, Thorstens Hemd in die Hose zu stopfen. So gut das eben geht, wenn er die Hose schon anhat. Es sieht auf jeden Fall besser aus als vorher.
"Danke." Thorsten nickt ihm zu und schwankt ein wenig.
Sie sammeln Victor de Man ein. Der mustert Thorsten besorgt, sieht den blutigen und zerschossenen Ärmel und fragt leise: "Bist du in Ordnung, Thorsten?"
Er bekommt ein knappes "Ja" zur Antwort. Sonst sagt Thorsten nichts mehr. Die ganze Fahrt über nicht. Auch de Man ist - endlich - still. Keine schnippischen Bemerkungen zu Sebastians gescheiterter Ehe. Kein Klugscheißen, Wichtigtun und keine sarkastischen Sprüche mehr.
Sebastian parkt den Porsche vor der JVA. Er geht um ihn herum, öffnet Thorstens Tür und hilft ihm aus dem Auto. Dann erst holt er de Man aus dem Wagen.
"Ich mach das", besteht Thorsten darauf, de Man zum Eingang des Gefängnisses zu führen. Seine Hand ist um de Mans rechten Oberarm gelegt. Sebastian ist sich nicht sicher, ob Thorsten de Man festhält oder ob Thorsten sich an de Man festhält.
De Mann grinst ein wenig. Der scheint das Ganze schon wieder viel zu sehr zu genießen.
Arschloch.
Er sollte Thorsten echt mal dazu bringen, aus seiner Zeit als Chris Gabriel zu erzählen, irgendwas war da doch zwischen ihm und de Man …
Thorsten wirkt einfach nur müde, als sie de Man endlich in der JVA abliefern. Die Wärter nehmen ihn entgegen. Sie tauschen Sebastians Handschellen gegen die des Gefängnisses und reichen seine durch die Gitterstäbe zurück.
"Ich hab was gut bei dir", sagt de Man und bekommt einen unangenehm vertrauten, ja nahezu weichen Blick, als er Thorsten ansieht.
Sebastian dreht sich zu Thorsten. Hass und noch irgendetwas Hässlicheres brennt heiß in seinem Bauch.
Thorsten verzieht keine Miene. Ob das daran liegt, dass er de Mans Meinung nicht teilt, oder ob er sämtliche Energie dazu aufbringen muss, um hier so unbekümmert herumzustehen und aufrecht zu bleiben, weiß Sebastian nicht.
Aber was er weiß ist, dass er heilfroh ist, als sie endlich aus der JVA draußen sind. Er packt Thorstens gesunden Arm und ist bereit, ihn aufzufangen, sollten seine Beine nachgeben. Aber der Sturkopf marschiert zum Targa zurück, als hätte er keinen Kratzer.
Sebastian öffnet die Tür, hilft Thorsten hinein und schnallt ihn an. Dann geht es endlich ins Krankenhaus.
