Chapter Text
Kapitel 1
Alec Hardys Atem ging stoßweise, kalter Wind trieb ihm Regentropfen ins Gesicht, peitschte ihm nasse Haarspitzen in die Augen. Wasser tropfte von seinem Kinn, von seinen Händen, während er bewegungslos dastand und die Szene vor sich betrachtete.
Das Scheinwerferlicht des Autos hatte ihn aufgeschreckt und er war von dem Gartenstuhl aufgesprungen, auf dem er vor sich hin gegrübelt hatte. Zugegebenermaßen hatte er ein Taxi erwartet und er verzog irritiert das Gesicht, als er bei einem besonders grellen Blitz einen dunklen Kombi erkannte.
Die Fahrertür ging auf, ein Regenschirm wurde geöffnet, drohte vom Wind fortgerissen zu werden. Der Fahrer umrundete das Auto, öffnete die Beifahrertür und half jemandem aus dem Wagen. Ellie Millers Lachen drang an sein Ohr. Es war ein ansteckendes, ehrliches und vor allem lautes Lachen, offen und freundlich. Er hätte es überall herausfiltern können. Nicht dass er sie oft zum Lachen brachte, eher das Gegenteil und auch jetzt hatte es nichts mit ihm zu tun. Sie wusste ja nicht einmal, dass er hier war. Miller drängte sich zu dem Mann unter dem Schirm, er legte eine Hand um ihre Schultern und sie rannten zur Haustür. Innig, intim.
Hardy hob einen Arm zum Kopf, wollte sich durchs Haar fahren, ließ es dann aber sein, weil es nass war und ihm Regen in den Jackett Ärmel lief. Er war müde, ihm war kalt, sein Kopf schmerzte. War er eifersüchtig? Nein, dazu hatte er kein Recht. So funktionierten Miller und er nicht. Sie waren weder innig noch intim. Sie waren nicht eifersüchtig und ließen dem anderen eine Privatsphäre, wenn möglich. Sie waren keine Freunde, sie waren kein Paar, sie waren einfach. Beziehungsstatus: Undefiniert.
‚Ich könnte einen Drink gebrauchen. Vielleicht könnten wir zusammen in den Pub gehen.‘
‚Warum sind Sie zurückgekommen, Sir?‘
Hardys Herz schlug einen schnellen, schmerzhaften Rhythmus an. Was hatte er sich gedacht, hier aufzukreuzen? Miller vertraute ihm, vertraute darauf, dass er diese unsichtbare Linie nicht überschritt und die Undefiniertheit auflöste. Was sie hatten, war ein Status quo. Es war sicher und bequem. Alles andere würde ein heilloses Chaos mit ungewissem Ausgang bedeuten. Hardy gab ein gequältes Geräusch von sich. Warum hatte er nicht schon längst ein Taxi gerufen, statt wie ein Idiot hier im Regen zu sitzen?
„Verdammt, verdammt, verdammt!“ Er schüttelte unwillig den Kopf, was wehtat. „Oh, verdammte Scheiße, was bin ich nur für ein verdammter…“
Aus den Augenwinkeln nahm er plötzlich eine Bewegung wahr. Noch bevor er sich umdrehen konnte, sauste etwas durch die Luft und traf ihn im Nacken. So hart, dass es in seinen Ohren klingelte, noch bevor der Schmerz kam. Ein zweiter Schlag traf zwischen die Schulterblätter. Er geriet ins Straucheln, verwirrt und betäubt. Ging in die Knie, kippte wie in Zeitlupe vorn über, ohne dass er sich dagegen wehren konnte. Der Boden kam näher, wirkte wie ein dunkles Loch, gefüllt mit schmutzig grauem Wasser.
Dann tauchte er unter, sein Körper ein nutzloser Haufen aus Knochen und Fleisch, über den er keinerlei Kontrolle mehr hatte. Er versuchte zu atmen, seine Nase füllte sich mit Wasser, ebenso sein Mund. Wo kam das verdammte Wasser her? Er bekam keine Luft, er konnte nicht atmen. Seine Hände zuckten unwillig, sein Kopf ruckte hin und her, um sich aus dem Nass zu befreien. Seine Lungen brannten, er schluckte Wasser, musste husten und schluckte noch mehr Wasser.
Dann packte ihn jemand und riss ihn in die Höhe.
„Hardy? Oh mein Gott, ich kann nicht sehen, ob er noch atmet.“ Hände zerrten und zogen an ihm, packten ihn, wälzten ihn auf die Seite, schlugen ihm hart auf den Rücken.
„Hardy, kommen Sie schon, atmen Sie! Ian, hast du den Verstand verloren? Ist das mein verdammtes Nudelholz? Oh, mein Gott.“
„Mom? Wer ist das? Mom?“ Tom Millers Stimme war ein wenig zu schrill und zu laut, aber sie erinnerte Hardy daran, dass er dringend Sauerstoff brauchte.
„Hardy – Ian, wirklich? Mit dem Nudelholz?“
„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“
„Warte noch. Hardy? Alec?“
Und dann explodierte der verdammte Schrittmacher in seiner Brust, eine Schockwelle, die ihn husten und keuchen ließ. Seine Lungen brannten und seine Hände suchten verzweifelt nach etwas Festem, Soliden, einem Rettungsanker, scharrten hilflos über matschigen Boden.
„Oh, Gott sei Dank, er atmet. Hardy, können Sie mich hören?“
Ellie Miller griff nach seinen Händen, seinen Armen, dann nach seinen Schultern. Sie zog ihn an sich, brachte ihn in eine halb aufrechte Haltung. Sie strich ihm das nasse Haar aus dem Gesicht, wischte ihm über die Wangen, vielleicht so, wie sie es mit einem ihrer Söhne gemacht hätte. Mit jemandem, der ihr etwas bedeutete.
„Warum schleicht der Kerl mitten in der Nacht durch fremde Gärten? Dachte, es wäre ein Perverser oder ein besoffener Tourist. Jemand, der versucht, ins Haus zu kommen.“ Das musste Ian sein. Ian mit dem Nudelholz.
„Und die knüppelt man einfach so nieder, ja? Du hättest ihn umbringen können, er lag mit dem Gesicht nach unten in dem verdammten Teich!“
Hardy versuchte die Benommenheit abzuschütteln, aber es klingelte immer noch in seinen Ohren. Sein Körper fühlte sich eigenartig betäubt an.
„Ellie“, murmelte er hilflos in ihre Kleidung, unfähig ein anderes Wort zu formulieren. „Ellie.“
„Alles gut“, kam die leise Antwort, dicht an seinem Ohr. „Atmen Sie einfach.“
Ellie Miller packte ihn ein wenig fester, drückte seinen Kopf ein wenig enger gegen ihren Torso, als wolle sie das beenden, was das Wasser nicht geschafft hatte. Er stemmte sich gegen sie, schob sie von sich. Ein erneuter Hustenanfall unterbrach seine Bemühungen, brackiges Wasser schoss seine Atemwege hoch und ließ ihn würgen. Er versuchte sich wegzudrehen, aber es war zu spät. In einem Schwall erbrach er seinen Mageninhalt auf seine Partnerin.
