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Deutsch
Stats:
Published:
2023-01-24
Words:
11,815
Chapters:
1/1
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6
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25
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4
Hits:
578

Seltsame Pilger

Summary:

Nach dem Krieg dreht die Welt sich weiter, lässt verwundete Soldaten und zerstörte Orte hinter sich. Harry Potter ist nicht mehr sicher, ob er noch an irgendetwas glaubt; Severus Snape glaubt immer, ob er will oder nicht.

Notes:

Work Text:

 

 

"Uns wurde gesagt, dass wir gewinnen müssen. Gegen wen?

Das Atom? Die Physik? Das Universum?

Der Sieg ist für uns kein Ergebnis, er ist ein Prozess."

Svetlana Alexievich, Voices From Chernobyl: The Oral History of a Nuclear Disaster

 

"Erwarte nicht zu viel am Ende der Welt".

Stanislaw Jerzy Lec, Unkempt Thoughts

 

Das Schlimme an all den Geschichtsbüchern, an all den Erzählungen ist, dass sie nie über das Danach berichten. Die Ilias führt uns bis zum Ende des Krieges, lässt uns wieder zum Tod von Hektor, dem Pferdebrecher, zurückkehren. Aber die Worte verschwinden im Nichts, in Raum und Zeit, wir befüllen sie mit unseren eigenen Wünschen nach einem glücklichen Ende. Harry weiß, dass dies eine Lüge ist. Er ist mit den Fäusten in den Taschen losmarschiert, nach einem Krieg, nach den Begräbnissen, in diesen leeren Zwischenraum. Es gibt kein glückliches Ende. In Wirklichkeit gibt es gar nicht viel von irgendwas.

 

Es ist Ende September, zwei Jahre nach der Schlacht von Hogwarts. Er sitzt im Schlafzimmer (der hellblaue Anstrich wirkt in der Morgensonne grau), mattes Licht strömt durch das Fenster. Durch die weißen Vorhänge fällt gerade genug durch; er macht sich nicht oft die Mühe, Lampen anzumachen. Es erscheint zu viel Aufwand zu sein. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt er in dieser Mietwohnung ohne Bilder an den Wänden. Er rollt die Schultern, streckt den Nacken. Er ist so unglaublich müde. Sein Haar ist tiefschwarz, wild wie eine Gewitterwolke. Er ist stärker gezeichnet, als es einem Zwanzigjährigen zustehen sollte. Möglicherweise hat er mit zwanzig Jahren keinen Anspruch auf die grauen Ringe unter seinen Augen. Hat mit zwanzig Jahren hat er keinen Anspruch auf die Blässe seiner Haut. (Seine Augen, würde er seine Hand wegnehmen und man könnte sie sehen, sind grün. Grün wie Armeezelte; grün wie verdorbenes Fleisch.)

 

Bei Merlins Eiern, ich fühle mich, als hätte ich gerade mit einem Norwegischen Stachelbuckel gerungen.

 

Er schaut auf das Foto, das an der gegenüberliegenden Wand hängt und einstaubt. Hi Dad. Auf dem Foto von James Potter ist auch er zu sehen, das lange, herzförmige Gesicht, das kantige Kinn. Sie haben die gleichen Bartstoppeln, ihr schwarzes, dunkles Haar ist nie gebändigt. Die Brillengläser stets verschmiert.

 

Du bist deinem Vater so ähnlich. Alle haben sie das stets gesagt. Eigentlich tun sie es immer noch. Am Anfang hatte es sich gut angefühlt. Er hatte sich nach einer Verbindung zu seinem alten Herrn gesehnt, der für immer an den Dreck und die Würmer verloren war. Später lag es schwer auf seinen Schultern. Dein Vater hat so etwas nie getan, würden die anderen sagen. Als hätten sie vergessen, dass Harry kein wiedergeborener James war, dass er nicht einfach nur ein zweiter James war, wiedergekommen 1980 statt 1960. Ich bin anders. Er will es allen ins Gesicht schreien. Allen, dem ganzen erbärmlichen Haufen. Dumbledore und Hagrid, Remus und Snape. Den Lebenden wie auch den Toten. Er wünschte, er könnte sich das Gesicht abreißen und etwas Neues anlegen. Vielleicht würden sie es dann erkennen.

 

Inwiefern sind wir verschieden? Lasst es mich aufzählen. Seine Lieblingsfarbe war rot, meine ist grün. Er mochte englischen Frühstückstee mit drei Stück Zucker, ich bin ein Earl-Grey-Typ. Kein Zucker, viel Milch. Und was ist mit anderen Dingen? Mochte er es zu schwimmen? (Ich hasse das Wasser.) Sie erwarten, dass ich ein Morgenmensch bin, wie er es war. Das bin ich nicht, ich bleibe so lange auf, bis die Sonne wieder aufgeht. (Ich kann nie schlafen.) Er war gut in Verwandlung. Ich hatte nur durchschnittliche Noten, aber das ist mir egal.

 

Oh, oh. Er wurde geliebt. Das ist der eigentliche Knackpunkt. Ich werde nicht geliebt. Nun ja. Was soll's. Streich es aus; schluck es runter.

 

Manchmal versucht er, sich von seinem Vater abzugrenzen, indem er ihre unterschiedlichen Vorlieben und Abneigungen hervorhebt. Aber das ist nicht wirklich angemessen. Er hat keine wirklichen Vorlieben, das hatte er noch nie. Vorlieben sind ein Luxus für die anderen, nicht für die vergessenen und einsamen Kinder. Wenn man nie etwas besessen hat, dann ist jeder Schnipsel recht. Deshalb sind seine Wünsche auch jetzt noch bescheiden und schnell wechselnd. Manchmal, in einem Anfall von Bosheit, zieht er eine Vorliebe aus dem Hut, etwas, das ihm im Grunde völlig gleichgültig ist. Nehmen wir zum Beispiel seine Lieblingsfarbe. Die ist grün. (Die Farbe der Schlangen und der Tannen, des Mooses und des Schimmels.) Eigentlich ist es ihm völlig egal. Das Einzige, was zählte, ist, dass es nicht rot war, nicht die Lieblingsfarbe seines Vaters. Es ist nicht wichtig, findet er. Nichts ist wichtig.

 

Er seufzt. Er sollte sich eigentlich erholen. Darin bist du nicht sehr gut, nicht wahr, Potter? (Er hat keine Ahnung, warum er sich in seinem Kopf Potter nennt. Er weiß nicht, woher diese dunkle, sonore Stimme kommt. Sie ist seltsam und doch am Rande der Vertrautheit, immer verstörend.)

 

Er schaut auf die grüne Digitalanzeige der Uhr. Habe ich noch Zeit, mich hinzulegen? (Hat er nicht, das war ihm klar. Hermine ist immer überpünktlich.)

 

...........................

 

Das Danach ist eine seltsame Sache an Orten des Krieges, an Orten der Katastrophe. Wir denken, wir können uns einfach abwenden und den Dreck abwaschen. Das ist jetzt getan, denke ich. Machen wir weiter mit unserem Leben. Wir ärgern uns, dass sie Zeit brauchen; ärgern uns, dass sie nicht mithalten können. Beeilt euch jetzt, es wird Zeit.

 

Manche Orte erholen sich nicht, oder sie brauchen so lange, dass wir uns abwenden und aufgeben. Schauen wir zur Seite. Im April 1986 ist in der Nähe von Pripjat, tief in der Sowjetunion, ein Kernreaktor explodiert. Die Wissenschaftler sagen, dass es zwanzigtausend Jahre dauern wird, bis das Land bei Tschernobyl wieder bewohnbar ist. Wir halten uns nicht lange damit auf, es als ruiniert und verödet abzustempeln. Diese Zeitspanne liegt zu weit jenseits unseres Vorstellungsvermögens. (Wir sind ungeduldig.) Wir wissen, dass die Rehe dort drei Augen haben und dass der Verzehr von Fischen giftig ist. Wir reden nicht darüber, wie sich das Land fühlen mag, die einsamen Kreaturen, die Arbeiter, die sich in der 2600 Kilometer langen Sperrzone zugrunde gerichtet haben. Einfach die Augen schließen und so tun, als ob es nicht passiert wäre. Weitermachen.

 

Harry war fünf Jahre alt gewesen, als sich die Katastrophe von Tschernobyl ereignete. Sie hatte sich im Hintergrund des Hauses der Dursleys abgespielt, während Tante Petunia sich um Dudley kümmerte und Onkel Vernon seinen Schnurrbart in der Spiegelung eines Fensters zurechtzog. Er war noch sehr jung gewesen, aber das spielte keine Rolle, er erinnert sich genau daran. So eine Schande, hatten die Nachrichtensprecher gesagt. Ja sicher.

 

.........................

 

"Wie geht es allen?" fragt Harry. Er rührt den Tee um. Verbrennt sich die Zunge. Er hatte heute nicht rauskommen wollen, aber Hermine hatte darauf bestanden. Er wusste, dass sie sich Sorgen um ihn machte. (Das taten fast alle in diesen Tagen.) Er betrachtet ihre kantige Nase, den rosafarbenen Pullover, die Papiere und Unterrichtspläne, die sie in ihre lederne Umhängetasche gestopft hat. Sie ist immer eine Wohltat für seinen eigenen Kopf; er ist froh, dass er mitgekommen ist.

 

"So wie immer", sagt Hermine, "McGonagall lässt grüßen. Hagrid sendet seine besten Grüße. Oh, und -", sie hält inne, rümpft die Nase und fischt eine seltsam geformte und streng riechende Schachtel aus ihrer Tasche, "er hat dir ein paar 'Leckerbissen' geschickt, wie er es ausdrückte." Sie lacht. Harry lächelt. Er berührt den Rand der zerknitterten rosa Schachtel, eine leichte Wärme durchströmt ihn. Er hat Hagrid seit Monaten nicht mehr gesehen. Ich sollte ihn besuchen.

 

"Ich will gar nicht wissen, was da drin ist", sagt er und lacht.

 

"Wir beide nicht", grinst Hermine. Sie hält kurz inne, presst eine Serviette unter ihrer Handfläche zusammen. "Oh, und Snape hat letzte Woche einen Rückfall erlitten. Er wurde in den Krankenflügel gebracht." Das Grauen kräuselt sich in Harry, durch seine Nase, in seine Lunge. Seine Finger zucken. Was ist nur los mit dir? Er fährt mit den Fingerspitzen in wiederholten Kreisen über die Holzmaserung des Tisches. Eins, zwei, drei, vier.

 

"Geht es ihm gut?" sprudelt es aus Harry heraus (eine Ader pocht an seiner Schläfe), "Ein Rückfall von was?"

 

Sie sieht ihn seltsam an, stellt den Tee ab und streicht sich das Haar hinter ein Ohr zurück. (Immer noch buschig, es bleibt nicht dort.) "Es ist der Schlangenbiss. Wusstest du das nicht? Madam Pomfrey hat ihn in ein Koma versetzt, während er sich erholt. Er wird wieder gesund, Harry."

 

"Ich muss ihn sehen."

 

"Er wird schon wieder, Harry. Mach dir keine Sorgen."

 

"Ich bin morgen da."

 

"Warum willst du ihn sehen?" Ihre braunen Brauen zusammengezogen, Verwirrung steht ihr ins Gesicht geschrieben.

 

Harry zuckt mit den Schultern, er weiß es nicht.

 

.................................

 

Um seine Zeit zu vertreiben, hat Harry angefangen, unaufhörlich zu lesen. Er ist fasziniert und überwältigt. Hauptsächlich liest er vom Ende der Welt. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie sie untergehen kann. Die Welt hängt bedrohlich am seidenen Faden. Ein Asteroideneinschlag, eine Gammastrahlenexplosion, nuklearer Winter, dann das Nichts. Unser letzter Aufschrei verstummt. Oder es könnte eine Krankheit sein. Wir haben uns nicht so weit von Krankheiten wegentwickelt, wie wir glauben. (Er liest von der Spanischen Grippe im Jahr 1919; damals starben mehr Soldaten an der Grippe als an Verwundungen. Behandlung und Impfung haben sich kaum geändert, die Ansteckungsgefahr und die Zusammensetzung des Virus sind unbeständig und verändern sich immer wieder. Es kann zurückkommen. Sich wiederholen. Wir haben bisher nur Glück gehabt.)

 

Er geht oft in die örtliche Bibliothek. Er ist niemand, der nach bestimmten Themen sucht. Stattdessen stöbert er in den Regalen in Wissenschaft und Geschichte, Medizin und Belletristik. Er hat keine klare Vorstellung, also geht er ziellos durch die einzelnen Rubriken und streicht mit den Fingern über das Dewey-Dezimalsystem. Er stellt fest, dass ihm die 900er am besten gefallen, die Historien und Geografien. Sein eigenes Leben ist so still geworden wie ein Tümpel, und so liest er stattdessen über Katastrophen.

 

Centralia, Pennsylvania. Jetzt eine Geisterstadt. Die Geschichten sind verschwunden, zerstört. 1962 wurde ein Brand auf einer Mülldeponie nicht richtig gelöscht, er war durch Risse in die labyrinthischen Stollen des Kohlebergbaus unter der Stadt gekrochen. Dieser fing Feuer und das wütete, stieß Rauch und giftige Gase aus und verschob den Boden unter den Füßen der Bewohner. Abgründe in die Hölle öffnen sich auf Straßen, in Hinterhöfen, in Wohnzimmern und Friseursalons. Das Feuer wütet schon seit Jahrzehnten, alles ist weg. Die Menschen sind fort. Die Geschichten sind vergessen. Die Post hat sogar die Postleitzahl zurückgezogen. Geschätzte Zeit bis zur Rückkehr: 250 Jahre.

 

Hiroshima, Japan. Der Lichtblitz, wenn du direkt hineingeschaut hättest, hätte dich geblendet. Deine Netzhaut durchbohrt, dir das Augenlicht geraubt. Von einer Sekunde auf die andere liegen dreißigtausend Tote in den Straßen. Einige halten noch ihre Körbe, Brot und Milch. Schecks für die Bank zum Einlösen. Schreiend und verbrannt, mit Gebäuden, die in der Mitte gespalten sind wie eine falsch gesetzte Naht. Asche fällt vom Himmel wie Schnee. Little Boy fiel im August 1945. Zieh die Reißleine, schau weg. Zeit bis zur Rückkehr: Nicht lange, ein paar Wochen. Manche Wunden sind seelischer Natur.

 

Tschernobyl, Pripjat, Ukraine. Rasante Überhitzung, eine Explosion. Sprengt das Dach weg. Komplett weg, sagen sie. Brennende Betonblöcke werden wie Meteore in die Luft geschleudert. Alexander Yuvchenko, ein Tschernobylmitarbeiter, erzählt uns, dass er aus dem Gebäude herausgetreten ist, den Blick auf die Reaktorhalle gerichtet. Die Ionisierung der Luft habe wie das Paradies ausgesehen, wie ein blauer Laser, direkt nach oben in den Himmel gerichtet. Geschätzte Zeit bis zur Rückkehr: 20.000 Jahre.

 

...............................

 

Freude in den weglosen Wäldern, Entspannung an den einsamen Ufern. Hogwarts hat ihm immer den Atem geraubt. Auf die Ländereien kann man nicht apparieren, also reist er stattdessen nach Hogsmeade. Er steht ein paar Meter vor dem Drei Besen und rückt seine Jacke zurecht. Es ist nur ein kurzer Spaziergang zum Schloss, und Hogwarts liegt auf einem Hügel, der den schottischen Himmel streift. Bei diesem Anblick verliebt er sich immer ein wenig mehr in die Magie, in das Verheißen von Legenden, in das Verheißen von Größe, in das Verheißen von mehr. Hogwarts ist ein Schloss, das aus zwei Hauptgebäuden besteht, die sich um einen Innenhof gruppieren. Es wurde nicht alles auf einmal erbaut, sondern in späteren Jahrhunderten durch mehrere Anbauten erweitert, die sich von der Südwand des Burghofs aus erstrecken. Es handelt sich jedoch unverändert um eine Festung. In regelmäßigen Abständen ragen Türme aus der Außenmauer hervor. Im Inneren gibt es zwar Klassenzimmer, aber die Fenster sind immer noch die mittelalterlichen Burgfenster, in den Stein eingelassene Schießscharten. Es sind schmale Schlitze, die sich zur Außenwelt hin öffnen. Für die Schüler waren sie immer unscheinbar, bis zu diesem letzten Jahr, bis zur Schlacht, als sie an den ursprünglichen Zweck der Fenster erinnert wurden. Im Mittelalter, vor Jahrhunderten, standen die Bogenschützen an den Fenstern und feuerten Pfeile auf entgegenkommende Feinde ab, um den Gegner zu vernichten. (Die Schüler haben die alten Bögen durch Zauberstäbe ersetzt, die einst geschleuderten Pfeile durch Flüche.)

 

Die Große Halle ist weniger leer, als er es sich erhofft hatte. Es ist zwei Jahre her, dass er sie zuletzt betrat, Schuhsohlen auf Steinplatten. Beim letzten Mal waren sie mit Blut befleckt. Er kann nicht genau sagen, was er erwartet hatte, aber es wäre ruhiger gewesen, feierlicher. Er denkt mit trauriger Miene an die Toten, die hier begraben sind, die in diesem Schloss, auf den Ländereien, in dieser Halle gefallen sind. Elfjährige flitzen umher, hasten zwischen Zauberkunst und Verwandlung hin und her. Sie verlieren ihre Kröten, ziehen sich gegenseitig an den Haaren. Ihre Gesichter sind mit Kürbissaft und Schokofröschen verschmiert. Auf seltsame Weise tröstet ihn das ( Das Leben geht weiter ). Auf seltsame Weise fühlt er sich unbehaglich ( Habt ihr keinen Respekt? ).

 

Du kannst nicht wieder nach Hause gehen. Das hatte mal jemand gesagt. ( Er weiß nicht mehr genau, wer. ) Unbehagen beschleicht ihn, als er die unbekannten Gesichter sieht. Es gibt einen neuen Lehrer für Zaubertränke, einen neuen Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste. Einige der Gemälde erkennt er nicht wieder. Viele waren zerstört worden, wurden ersetzt. Als er sagte: "Ich will zurück nach Hogwarts", meinte er nicht wirklich die physische Adresse. Es ist das alte Hogwarts, das von vor vielen Jahren. Er betrachtet die alten Steine der Mauern, berührt sie mit seinen Fingerspitzen wie eine Erinnerung. Er schluckt, der Hals ist eng vor Nostalgie.

 

..................................

 

Er ist aufgewacht. Oh. Großartig. Harry verzieht das Gesicht ein wenig, als er Snape aufgerichtet im Bett sitzen sieht. Er sieht erbärmlich aus, zweifellos, aber unverkennbar wach (unverkennbar lebendig). Das scharfe Profil mit dem finsteren Blick, der im grellen Mittagslicht, das durch ein bleiverglastes Fenster fällt, noch strenger wirkt. Die Nase spitz wie ein Spechtschnabel, das Stirnrunzeln dauerhaft in die fahle Haut geätzt. Sein Haar ist noch fettiger und strähniger als sonst ( er war sechs Tage lang ans Bett gefesselt), und er riecht ein wenig ranzig und streng. Aber er ist am Leben. Die Kehle des Bastards war einst zerfetzt worden, zerrissen, als hätte Krakatoa die Erde aufgerissen und rotes Magma wie Blut in den Himmel gespuckt. Jetzt ist sie zu einer silbrig-glatten Erinnerung verheilt, durch Madam Pomfreys behutsame und geschickte Zauberei. Magie ist nie vollkommen; es wird immer eine Narbe bleiben.

 

"Hey", sagt er und lässt den Rucksack am Fußende des Bettes fallen. Er tritt ihn zur Seite. Fummelt ein bisschen am Teeservice auf dem Tisch herum. " Möchten Sie einen?"

 

Snape verzieht das Gesicht und verengt die pechschwarzen Augen. " Kümmern Sie sich etwa um verlorene Fälle, Potter?" Die Augen grimmig: " Müssen Sie nicht bei irgendeinem verdammten Bankett eine Rede halten?"

 

" Halten Sie die Klappe, ja?" Er seufzt (er ist so müde), " Können Sie das nicht einfach lassen?"

 

" Wagen Sie es nicht, so mit mir zu sprechen -"

 

Er lässt die Teetasse fallen (sie zerbricht). "Ich kann verdammt noch mal mit Ihnen reden, wie ich will, Snape." Ich bin kein Schüler; du hast keine Macht über mich.

 

Snape rollt mit den Augen: "Wie entzückend. Pubertäre Wutausbrüche. Genau das, was ich brauche, um meine Genesung zu begünstigen." Er funkelte ihn an, eindeutig noch zu schwach, um Harry ordnungsgemäß aus dem Raum zu verweisen. "Warum sind Sie hier?"

 

"Sie sind krank", Ich brauchte etwas zu tun. Ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich nicht hier sein.  Dieser gottverdammte Bastard Voldemort ist verflucht noch mal tot, ja, aber wenn du stirbst, fühlt es sich irgendwie so an, als würde er trotzdem gewinnen? Vielleicht ein bisschen? Ich weiß es nicht, ich weiß es einfach nicht.

 

Der durchdringende Blick. "Deswegen sind sie hier, bei mir", sagt Snape tonlos. "Zauberhaft. "

 

.....................................

 

Seine Wohnung ist in Bristol. Warum er sie gewählt hat, kann er nicht genau sagen (ebenso wenig wie seine Freunde, die sich oft darüber beklagen). Sie ist weit weg, abseits der üblichen Wege seiner Bekannten. Hier ist es ruhig, sagt er. Es macht nichts, ich bin angeschlossen an das Floh-Netzwerk und kann überall hin apparieren. Immerhin bin ich ein verdammter Zauberer. Wenn er gelassen und ehrlich zu sich selbst ist, weiß er, dass er sich diesen Ort ausgesucht hat, weil es nicht Schottland ist, nicht Hogsmeade. Es ist nicht Surrey (wohin er nie wieder im Leben zurückkehren wird, so Gott will). Es ist in der Nähe von Godric's Hollow; es ist weit genug von allem entfernt, um ihn atmen zu lassen.

 

Es ist eine seltsame Sache, sich nicht an seinen eigenen Geburtsort zu erinnern. Die meisten von uns leben und sterben an ein und demselben Ort. Manche ziehen weiter, ziehen aus, ziehen fort. Unsere Kultur lebt von unserer persönlichen Geschichte. Wie wir Feiertage feiern, ob man sonntags seine Mutter anruft oder nicht. Harry hat das nie erfahren. Alles, was er hat, sind Namen, ein Paar Schuhe seines Vaters, die er ausfüllen soll. Sie sagen ihm, dass seine Mutter gütig gewesen sei, dass sie einmal grüne Augen gehabt habe (wie Wermut, wie Harry). Sie sei gut in Zauberkunst gewesen. Sie lebten in Godric's Hollow, tief im westlichen Teil des Landes. Harry ist aus Godrics Hollow, tief im westlichen Teil des Landes. Das Grausame an der Wahrheit ist, dass er sich nicht daran erinnern kann, nicht wirklich. (Er hatte es einmal besucht, als er siebzehn Jahre alt war. Es war ihm im Hals stecken geblieben, wie unbekannt es war. Er hatte erwartet, dass ihm alles vertraut vorkommen würde, dass er sich endlich zu Hause fühlen würde. Stattdessen war ihm alles fremd gewesen. Seine Hoffnung hatte sich in seinem Mund in Asche verwandelt. Seitdem sind zwei Jahre vergangen, und er ist nicht zurückgekehrt.)

 

Er könnte Surrey sein Zuhause nennen, wenn er wollte. Ligusterweg Nummer vier. Er wird die Adresse nie vergessen, die Trostlosigkeit dieser Häuserreihen, die alle gleich aussahen, als hätte ein Architekt mit der Kopier-/Einfügefunktion einen Scherz gemacht. Die Dursleys mit ihrem erkauften Komfort. Sie waren nicht so reich, wie sie vorgaben (Seidenblusen, Perlenohrringe, Ferien auf Mallorca), alles wurde auf Kredit gekauft. Harry wusste das, er hatte die Post geholt, die Vasen abgestaubt, die Betten gemacht. Er hatte alle Nachrichten auf dem Anrufbeantworter notiert und sie Tante Petunia gegeben, die so finster dreinschaute, als hätte er ihr eine tote Ratte unter die Nase gehalten (Das wollte er, oh, wie sehr er das wollte). Sie hatte ihm die Nachrichten abgenommen und ihn immer misstrauisch angeschaut. Erzähl das bloß niemandem, hatten sie gezischt. Onkel Vernon hatte seine dicke Hand drohend erhoben. Harry starrte stumm zurück. Die Faust seines Onkels und seine Rückhand kannte er gut. Außerdem hatte er ja auch niemanden, dem er es hätte erzählen können. Er traf nur dann jemanden, wenn die Dursleys Partys gaben. Er trug das Sekttablett zu den Gästen. Sie fragen nicht nach seinem Namen. Sie tauchten Cracker in die nussige Frischkäsekugel, schossen Gruppenfotos, auf denen er nicht zu sehen war. ( Als er älter war, fünfzehn, sechzehn vielleicht, stahl er die mit Rum versetzte Bowle aus der Schüssel, nippte sie an dem altbekannten Ort unter der Treppe. Sie suchten nicht nach ihm.)

 

Er nennt Surrey nicht sein Zuhause.

 

.............................

 

Am zweiten Tag kommen sie ein bisschen besser miteinander aus (wenn man das so nennen kann).

 

"Ich vermute, Sie sind jetzt der Schulleiter, ja? Also rechtmäßig."

 

"Ja, nehme ich an", murmelt Snape. Es ist sehr still. "Ich habe vor, im Frühjahr Minerva meine Kündigung zu überreichen."

 

"Warum?"

 

"Warum sollte ich bleiben, Potter?" Warum sollte er? fragt sich Harry. Snape hatte das Unterrichten schon immer gehasst, er hatte Kinder gehasst, ihre offenen Gesichter, ihre klebrigen Finger. Wenn es niemanden gibt, vor dem er fliehen muss, wenn es keine Arme gibt, in die er fliehen kann, welchen Grund hat er dann zu bleiben? Außer. Außer, dass es Harry schwerfällt, sich Hogwarts ohne den blassen, missmutigen Zaubertränkemeister vorzustellen. Auf irgendeine Weise, und er ist sich nicht ganz sicher, auf welche, ist es nicht Hogwarts ohne Snape. Die Vorstellung, das Schloss von der großen schwarzen Fledermaus verlassen vorzufinden, scheint voller Nachhall und Stille zu sein. Es ist wie die Einsamkeit des Alterns, belastet mit Erinnerungen, übersättigt mit Bedauern. Man kann sich dem nicht entziehen.

 

"Was wollen Sie denn dann tun?" Tu es nicht.

 

Eine lange Pause, " Ich weiß es nicht." Wozu braucht man einen Soldaten nach dem Krieg? Es ist eine unbequeme Tatsache, dass Soldaten entbehrlich sind, sie sind nicht dazu bestimmt, die Kriege zu überleben. Die Welt schottet sich ab in ihrer Abwesenheit, wie durch einströmendes Wasser werden die Lücken, die sie hinterlassen, aufgefüllt. Es gibt nichts mehr, wohin sie zurückkehren könnten, niemand macht Platz für sie.

 

"Ja", haucht Harry. "Das glaube ich." Er knibbelt an der Haut um seine Nägel herum.

 

Snape hebt eine Braue. "Raus damit, Potter", zischt er, "Wenn ich schon ständig Ihre lästigen und nervtötenden Besuche ertragen muss, dann benehmen Sie sich nicht wie ein bockiges Kind, das in der Ecke schmollt." Er funkelt ihn an: " Davon habe ich eine ganze Schule voll zur Verfügung."

 

"Ich schätze", er zuckt mit den immer verspannten Schultern, "ich bin ein bisschen wütend. Auf die ganze Sache. Auf Dumbledore, Voldemort, auf ... verdammt alle. " Er zittert, er steht ganz dicht am Abgrund. Seine Wut ist grell, sie ist weißglühend. "Ich hatte nie eine Wahl ."

 

Snape schweigt, er blinzelt, nimmt sich Zeit dafür. "Willkommen in meinem Leben, Potter."

 

Er schließt die Augen, "Es ist nur", er hält inne, atmet ein, atmet aus. "Es ist nur so, dass ich glaube, alle sind genervt, dass ich noch nicht darüber hinweg bin? Über den Krieg. Über das Ganze. Über alles, ich weiß es nicht. Sie wollen nur, dass ich pünktlich erscheine, ihre kleinen Reden halte, einen verdammten Trinkspruch ausspreche. Sie haben mir beschissene Orden gegeben, die ich tragen soll. Ich soll über Ruhm und Ehre reden." (Seine Hände zittern. Wann haben sie angefangen zu zittern?)

 

"Die werden niemals hören wollen, was Sie wirklich denken."

 

Er stachelt mich an. " Was zum Teufel, wollen Sie, dass ich wütend bin?"

 

"Potter", ertönt die tiefe Stimme, "ich habe immer gewollt, dass Sie wütend sind." Der scharfe Geschmack in Harrys Mund erstirbt durch die Stille der Aussage, es ist keine Beleidigung. Er fühlt sich merkwürdig, losgelöst. Er ist sich nicht ganz sicher, um was für eine Aussage es sich hier eigentlich handelt.

 

.............................

 

Nach Tschernobyl lag das Land brach. Alle bleiben weg, meiden die Ränder der Sperrzone. Sie kaufen keine Äpfel, die in der Nähe gewachsen sind, außer ihren Chefs und Schwiegermüttern. In Pripjat kann man sich nirgends verstecken, man kann es nicht mit einem Schild abschirmen oder mit einem Gewehr abschießen. Man kann sich nicht unter die Erde verkriechen. Es ist da, überall. Aber wer hat das Chaos eingedämmt? Wer hat die Zäune gebaut? Wir sprechen nicht über sie. Sie waren notwendig, sie waren entbehrlich. Wenn sie zurückkommen, wissen wir, dass der Tod in ihnen lauert. Es dauert nicht lange, vielleicht Wochen. Es kann ein paar Tage dauern, bis die Symptome auftreten, aber sie kommen irgendwann. Ein seltsamer Sonnenbrand, sich schälende Haut, Koordinationsverlust, Kurzatmigkeit. Es gibt keine Behandlung, man kann nicht heilen. Die Zellen sind bei diesem Grad der Strahlenvergiftung dem Tode geweiht. Harry ist neugierig, er war schon immer neugierig. Er will das Innere sehen.

 

............................

 

 

"Werden Sie nach Hause gehen? Haben Sie ein Haus?" (Es ist der dritte Tag. Earl-Grey-Tee ist auf mysteriöse Weise auf dem Teeservice-Tablett aufgetaucht, neben Snapes bevorzugtem Ceylon.)

 

"Ja, Potter", sagt Snape knirschend, "ich habe ein Haus."

 

"Wo ist es?" Er weiß nicht genau, warum er das wissen will. Woher kommst du? Ich erinnere mich, dass ich deine Erinnerungen gestohlen habe. Deine Mutter hatte dunkles Haar und dunkle Augen. Sie sah ein bisschen aus wie du. Ihr seid beide stolz, nicht wahr? Dein Vater war ein gemeiner Hurensohn. Ich erinnere mich an ihn (eigentlich erinnerst du dich an ihn), noch betrunken oder schon betrunken um neun Uhr morgens. Neun Uhr morgens, verdammt. Er roch nach schalem Bier und saurem Schweiß. Gott, du hast dich für ihn geschämt, nicht wahr? Ich kann es dir nicht verdenken. Ich konnte deine Gefühle spüren. Du warst immer so wütend, wenn er trank; du warst immer erleichtert, wenn er trank (er konnte dann nicht mehr zielen).

 

"Yorkshire", antwortet der Mann mit den schwarzen Augen, "in Cokeworth." Snape beobachtet ihn misstrauisch, mit zusammengekniffenen Augen, als wäre er genauso überrascht wie Harry, dass sie nicht miteinander streiten. Cokeworth . Da klingelt etwas. Er ist dort gewesen, in Cokeworth. Es war kalt und nass gewesen, sogar im Hochsommer. Onkel Vernon hatte ein Zimmer auf einem zerklüfteten, felsigen Hügel inmitten eines Sees gemietet. Er erinnert sich an das undichte alte Boot. Er erinnert sich an das unbeleuchtete Zimmer, er hatte auf dem Boden schlafen müssen. Sein Rücken und seine Schultern hatten ihm weh getan. Die Stadt hatte nach Abgasen und Kohle gestunken. Es ist keine Überraschung, dass Snape von dort stammt, geschmiedet aus Leid und Armut. Snape, mit seinen geflickten Gewändern, mit seinen neu besohlten Stiefeln, der eindeutig aus dieser Gosse herausgeklettert ist. Harry spürt ein seltsames Gefühl der Schwere über sich, während er in das verschlossene Gesicht starrt, allein nur dadurch entblößt, dass es der Welt seinen eigenen Geburtsort offenbart.

 

Er nickt, füllt seine Tasse nach. Schaut weg. Sag jetzt nichts verrücktes.

 

"Lust auf eine Partie Schach?"

 

"Mit jemandem von Ihrem erbärmlichen Intellekt?"

 

..................................

 

"Warum Zaubertränke?"

 

"Was um Himmels willen meinen Sie?"

 

"Es ist nur... ich mochte es nie. Warum gefällt es Ihnen?"

 

Snape schließt für einen langen Moment die Augen. "Ich war immer gut in Zaubertränke, Potter", sagt er, ruhig und leise, wie Schnee, der gerade fällt, "ich mochte es, weil es ruhig war. Jedes andere erbärmliche Fach war chaotisch, mit all den Idioten und Taugenichtsen, die sich den Mund fusselig redeten. Jeder Narr kann einen Zauberstab schwingen." Es folgt eine lange Pause. (Harry denkt dann an Chemikalien und Reagenzien. An Kunst, an Synthese, an Vergiftungen und Geduld.) "Und ich war gut darin. So gut war ich in keinem anderen Fach. Jeder andere Schwachkopf befolgt einfach das Rezept aus dem Buch."

 

Harry nickt. Er erinnert sich an das sechste Jahr mit Slughorn. Bis dahin hatte er noch nie einen Zaubertrank aus dem Lehrbuch gemacht. Er hatte immer die Anweisungen an der Tafel befolgt, die mit puderiger Kreide in Snapes fester und krakeliger Hand geschrieben waren. Nicht alle seine Kreationen waren perfekt gewesen, aber am Rezept hatte er nie etwas auszusetzen. "Es ist nicht anders als beim Kochen, Potter", sagt Snape (seine Stimme klingt so fern, als hätte er vergessen, dass noch jemand im Raum ist), "Wenn etwas anbrennt, dreht man das Feuer herunter. Wenn ein Trank überkocht, kann man pulverisierte Baumschlangenhaut hinzufügen. Das ist die Grundregel der Aufmerksamkeit. Man addiert und subtrahiert, bis man etwas erhält, das richtig aussieht."

 

Harry hatte bisher noch nie so über die Herstellung von Zaubertränken nachgedacht. Wie ein Rezept, wie eine Kunst. Er denkt an die Baumschlange, Dispholidus typus, die in Afrika, südlich der Sahara durch die Bäume schlüpft. Sie hat die Farbe von Schmutz, von  Käfern, von Zimt und Weizen. Ein Biss kann einen innerhalb von zwölf Stunden mit den Myotoxinen ihres Giftes töten, die langsam auf das Muskelgewebe wirken, indem sie sich an Rezeptoren binden. Schließlich kann man sich nicht mehr bewegen. (Deine Lungen sind Muskeln, sie frieren ein, vereisen. Du kannst nicht atmen.) Er hat einmal Baumschlange gestohlen, von einem Professor, der ohne sie  übergekocht war.

 

..................................

 

"Wieder zurück, Harry?" Lächelt Madam Pomfrey ihn an, "Er wird bald entlassen werden können. Er ist fast wieder kräftig genug. Das ist ein gutes Timing, er muss seinen Heiltrank wieder herstellen."

 

"Ich dachte, er sei geheilt", sagt Harry und runzelt die Stirn. (Er trägt heute schwarz. Das ist nicht seine übliche Wahl, aber Snape hatte erwähnt, dass er dadurch älter wirke.)

 

Pomfrey sieht ihn überrascht an. "Oh nein", ihr Gesicht wird weicher, "er wird nie ganz geheilt sein. Hat er Ihnen das nicht gesagt?"

 

Harry schüttelt den Kopf. Nein, warum sollte er?

 

"Ich behandle die Vergiftung so gut ich kann. Es ist ein Zaubertrank, den Severus selbst herstellt. Armer Kerl, der Zaubertrank ist eine üble Sache. Es geht ihm immer schlecht, nachdem er ihn genommen hat, aber es ist notwendig. Er hat immer noch ein- oder zweimal im Jahr Rückfälle. Der Trank hilft, er hat weniger Beschwerden, wenn er ihn regelmäßig einnimmt." Ihr Gesicht ist traurig: "Es kann nicht geheilt werden, Harry. Wir können es aufhalten und die Symptome behandeln. Es verschlechtert sich nicht. Aber es könnte eines Tages schlimmer werden. Oder aber er lebt ein erfülltes Leben und muss nur diese Tränke nehmen, das wissen wir noch nicht."

 

Wut durchströmt Harry. Es beginnt wie ein Miasma, rot und heiß in der Luft. Es gelangt durch seine Nase in seinen Atem, wird in seine Lunge gesaugt und brennt von innen heraus. Er hat es mir verdammt noch mal nicht gesagt.

 

"Keine Sorge, mein Lieber", sagt sie, "er ist ein Überlebenskünstler. Er wird weiterleben, alleine schon aus Trotz."

 

Das sollte er auch.

 

"Es ist gut, dass Sie kommen", sagt Madam Pomfrey, "Er scheint mehr er selbst zu sein, wenn Sie hier sind."

 

..........................

 

Das Erschreckende ist, dass ein Grab manchmal nicht nur dazu dient, die Gebeine vor opportunistischen Händen oder einem neugierigen Aasfresser zu schützen. (Ein Grabräuber, ein Fuchs.) Manchmal ist ein Grab dazu da, den Tod einzuschließen, damit er nicht wieder herauskriechen kann. 1986 schickten die Sowjets 600.000 "Liquidatoren" in die Katastrophe. Sie fällten Bäume, wuschen Mauern ab und bauten einen Betonsarkophag um den zerstörten, offen liegenden Reaktor. (Über das Ausmaß der Gefahr wurden sie nicht informiert. Sie kannten diese wilden subatomaren Strahlungsteilchen nicht, die durch die Luft schweben und sich wie Staub auf ihrer Haut niederlassen. Und doch wissen sie, während sie in Pripjat, auf den Ruinen von Tschernobyl, Zement mischen, dass der Tod in der Luft liegt.)

 

Warum bist du gegangen? Weil es nötig war; weil man mich darum gebeten hat.

 

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"Sie haben mir nichts gesagt von dem Gift", zischt Harry, dem die Wut in den zusammengekniffenen Augen und dem angespannten Kiefer geschrieben steht. Die Tür schlägt heftig zu hinter ihm. Nicht hart genug für einen Knall, nicht leise genug, um einfach nur zugezogen worden zu sein.

 

Snape blickt finster drein, wölbt eine Augenbraue und spießt ihn mit diesen glitzernden, käferartigen Augen auf. "Pomfrey", sagt er, staubtrocken wie Asche. Er murmelt noch ein paar Worte, die Harry nicht versteht. "Und ich hätte es Ihnen sagen müssen, Potter? Welches Recht haben Sie, das zu wissen?"

 

Harry steht da, glühend vor Wut, mit offenem Mund. Aber er weiß es nicht. Es zerreißt ihn. Welches Recht habe ich, das zu wissen? Hinter dieser Frage verbirgt sich noch mehr, eingewoben in den Raum zwischen ihnen. Sie wiegt schwer. Warum kommst du jeden Tag zurück? Warum bist du hier, Potter? In diesem Raum mit deinem jämmerlichen Ex-Professor, den du so sehr gehasst hast? Sie stehen spiegelbildlich im Raum. Snape in seinem grauen Nachthemd, Harry in seiner braunen Jacke. Jeder von ihnen atmet schwer, die Augen blitzend und hart, sie starren sich gegenseitig herausfordernd an. Harry stiert in die dunklen, wilden Augen, er beobachtet, wie Snape die Luft einatmet, sie hinunterschluckt (er tut das Gleiche). Snapes verschränkte Arme. Seine Finger, lang und blass und spitz zulaufend, greifen krampfhaft um seinen Bizeps.

 

Hast du jemals das Gefühl gehabt, dass die Welt unter deinen Füßen nachgibt?

 

In der Geschichte der Menschheit gibt es Epochen. Sie sind Bezugspunkte, die den plötzlichen Wechsel der Zeit markieren, von einer Periode zur nächsten. In Harrys Leben ist die Beobachtung von Snapes verschränkten Armen, den langen, blassen Hände, die sich unruhig auf seinen Armen bewegen, eine von ihnen. Ich will dich. Es rast schneller durch ihn als ein Lauffeuer. Noch nie hatte er so einen Gedanken gehabt, nicht über Snape. (Eigentlich über niemanden.) Es war nie Zeit gewesen. Er hält inne, auf halbem Weg zum Stuhl. Snape richtet eine erhobene dunkle Augenbraue auf ihn. Auf Harry, der ihn immer noch mit offenem Mund anstarrt wie ein Fisch. Was zum Teufel, Harry? Es spielt keine Rolle, der Gedanke lässt sich nicht wegdenken.

 

Er hat sie immer für eine Art Magneten gehalten. Vielleicht zu ähnlich, denn wenn man ihn und Snape nebeneinander stellt, stoßen sie sich ab und fliegen rückwärts. Man kann sie nicht zusammenbringen, ohne dass ihre Augen funkeln und sie mit den Zähnen knirschen. Das war eine einfache Tatsache. Was er vergessen hat (es gibt immer winzige Details, das Kleingedruckte), ist, dass man die Polarität aller Magnete umkehren kann. Dazu braucht es nicht viel, ein einfacher elektrischer Strom reicht aus. Harry wird an eine Batterie angeschlossen, mit einer Magnetspule verbunden und auf eine Steinplatte gelegt. Der Strom pulsiert durch seinen Körper, Welle für Welle, vom Scheitel bis zu den Fingern, den Zehen. Die Polarität wechselt, er kann nicht mehr wegsehen.

 

Alles hat sich verlagert. Auch Harry verlagert sich ein wenig, er fühlt sich unwohl in seinen eigenen Kleidern.

 

Ich will dich. Scheiß drauf, ich habe noch nie jemanden so gewollt wie dich. Ich weiß, es ist nicht richtig. Ich sollte es nicht wollen. Es würde mich ruinieren. Du bist vierzig. So alt wie mein Vater. Was siehst du, wenn du mich ansiehst? Ist er es? Bitte lass es nicht ihn sein. Du hasst mich, hasst du mich um meiner selbst willen? Ich bin nicht er. Wenn du mich verabscheust, dann tu es wenigstens für mich.

 

Ich möchte, dass du mich anfasst. Ich bin noch nie so angefasst worden, nicht so, wie ich es mir vorstelle, mit Kohle unter deinen Fingerspitzen. Ich will dich. Wage es nicht, mir zu sagen, dass ich nicht kann, nicht soll, nicht darf. Dich zu wollen ist das einzige, was ich je für mich getan habe, nur für mich. Die einzige Sache, die nichts mit "sollen" oder " müssen" oder dem, was eine andere Stimme will, zu tun hat. Dich, ich will dich für mich. Einfach weil ich dich will. Das ist alles.

 

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Er wäscht sich das Gesicht mit kalten Wasser, es spritzt zurück in das weiße Porzellanbecken. Er putzt sich die Zähne, fährt sich mit nassen Händen durch die Haare, um sie zu bändigen. Er starrt lange in seinen Kleiderschrank, fährt mit den Fingern über den Stoff verschiedener Hemden, Wollpullover... Das grüne Hemd steht dir gut, Harry, hatte Hermine gesagt. (Sie hatte seinen Kragen zurechtgerückt, die Flusen aus den Ärmeln gebürstet.) Es bringt deine Augen zur Geltung. (Er mag seine Augen, grün wie Efeu.) Er betrachtet das Hemd im Spiegel, glättet die Vordertasche. Er putzt seine Brille. Schüttelt den Staub von seinen Schuhen. Bevor er geht, prüft er noch einmal sein Spiegelbild, das Herz schlägt ihm bis zum Hals, seine Nerven sind wie elektrisiert.

 

An diesem Morgen war ein Brief per Eulenpost gekommen. Er liegt offen auf seinem Küchentisch.

 

Harry,

 

Snape wurde heute Morgen in seine Gemächer entlassen. Wenn du heute kommst, wirst du ihn dort finden und nicht im Krankenflügel.

 

In Liebe, Hermine

 

P.S. Ron möchte wissen, wann du wieder mit ihm zu Abend essen willst. Er hat ein neues Schachbrett und ich bin es leid, jeden Tag zu verlieren. Xx

 

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"Potter", Snape bittet ihn nicht herein, nicht mit so vielen Worten. (Das hatte Harry auch nicht erwartet.) Aber der große Mann steht leicht schräg von der Tür weg und lässt Harry gerade genug Platz, um hineinzuschlüpfen. Merlin, das wäre urkomisch, wäre es nicht so verdammt peinlich. Sie wären fürchterlich, diese beiden Narren, die umeinander herumtanzen. Harry spürt das Zögern in jedem von ihnen, gleich und gleich gesellt sich gern, jeder halb erpicht darauf, zu zischen, zu beißen, in gewohnte Muster zurückzufallen. (Jeder von ihnen ist vorsichtig, sachte, neugierig. Jeder hat Angst, zu stolpern, zu schwer zu atmen und die Flamme auszupusten.)

 

Harry betrachtet den Mann in seinem natürlichen Umfeld. Hier ist es anders, weniger gemütlich als in der seltsamen Oase des Krankenflügels. Er war sich nicht sicher, was er von Snapes Privatquartier erwartet hatte. Früher hätte er sich vielleicht rostige Eisenketten und Flaschen mit Froschatem und Wermut vorgestellt, abgetrennte Köpfe von Grindylows, die in Gläsern mit Formaldehyd schwimmen. Einen Steinboden mit Blutflecken in den Ritzen, Stapel bösartiger Bücher über Dunkle Magie, eingebunden in Menschenhaut und nach Verwesung und Fäulnis stinkend.

 

Der Raum ist ganz anders als das. Er hätte es erwarten müssen. Stattdessen ist er so karg und asketisch wie die Zelle eines Zisterziensermönchs. Der Steinboden erfährt keinerlei Auflockerung durch einen Teppich. Es gibt keine Verzierungen an den Wänden, keine Vorhänge, nichts auf den Regalen, was darauf hinweisen würde, dass dies seit über zwanzig Jahren das Zuhause von jemandem ist. Es gibt ein paar Hinweise auf Snapes Natur, einen einsamen Eichenschreibtisch in der Ecke mit ein paar wenigen Utensilien. Ein Stapel Pergament (Notizen zu Dienstbesprechungen, Schulkalender, wissenschaftliche Artikel, ein Brief vom Ministerium). Eine kleine silberne Lesebrille liegt auf einem Buch ("Analytische Methoden der reinen und anwendungsbezogenen Herstellung von Zaubertränken", zweite Auflage), eine Flasche Ogden's Old Feuerwhisky und ein halbvolles Glas mit diesem Getränk. Zwei Ohrensessel stehen vor dem Feuer, dazwischen ein kleiner Tisch. (Harry vermutet stark, dass alle diese Möbel bereits zum Zimmer gehörten.)

 

Der alte Professor steht an der Wand. Wieder in Schwarz gekleidet, er würde fast einschüchternd wirken, wenn er nicht so fast schon komödiantisch unsicher wirken würde, die Arme verschränkt und wieder gelöst, von einer Seite zur anderen wippend. Harry schluckt. Er steckt die Hände in die Taschen. Er nimmt sie wieder heraus. Streckt sie aus, dreht sich um.

 

"Kann ich einen Schluck davon haben?" Er deutet auf den Feuerwhisky. Severus sagt nichts außer einem kurzen Nicken und geht zur Flasche hinüber. Die Flüssigkeit hat die Farbe von Weizen und verbranntem Toast. Wenn man sie vor das Feuer hält, schimmert sie bernsteinfarben. (Die Farbe ist nicht in der Flüssigkeit enthalten, sie ist aus den alten Eichenfässern gestohlen, sie sickert vom Holz in den Whiskey und auf seine Zunge.) Es ist eine besonders weiche Spirituose, deutlich besser als das Gesöff, das Blishen's herstellt. Gebraut in Schottland, oben in der Nähe der Speyside. Single Malt. Harry denkt an Whiskey, damit er nicht an Snape denkt. Er beißt sich auf die Zunge, denkt an Feuer. Er lässt sich in einen der Sessel zurückfallen.

 

"Ich mag deine Gemächer", sagt er schlicht. Snape grinst und hebt sein eigenes Glas vom Schreibtisch.

 

"Oh?" Eine dunkle gewölbte Augenbraue, ein Zucken der Lippen, das manche vielleicht als Lächeln bezeichnen würden, "Ich vermute, es gibt weit weniger Särge, als die meisten meiner Schüler erwarten würden."

 

Harry prustet, "Ehemalige Schüler." Ehemalige. Eindeutig ehemalige. (Die Abgrenzung ist plötzlich wichtig und entscheidend. Es gibt nichts zwischen ihnen außer ihrer eigenen Vergangenheit. Jetzt ist es von Bedeutung, wenn seine Finger zucken, wenn sie sich nach Berührung sehnen. Er muss an diese Kehle denken, die er nie gesehen hat, außer als diese gottverdammte Schlange sie aufgerissen hatte. Er möchte seine Lippen auf die Wunde pressen, auf die verheilte Narbe. Er möchte das Trommeln des Herzschlags des anderen Mannes fühlen, es in seinem Mund spüren.)

 

"Ja", bestätigt die dunkle Stimme, die Augen verschleiert. Weiter kommt nichts. Denkst du jemals darüber nach? Bist du, ähm, ein bisschen wie ich? Ich denke daran, ich denke daran, dass du daran denkst. Gott, du, wenn du mir sagen würdest, dass du manchmal im Bett liegst, eine Hand um deinen Schwanz geschlungen, wenn du mir sagen würdest, dass du es magst, dich zu streicheln. Tust du so, als wäre es meine Hand? (Denkst du an jemand anderen? An gar niemanden?)

 

Was ist mit der Dusche? Du würdest dich nach vorne beugen, mit gesenktem Kopf und nassen Haaren, Wasser fließt in Strömen, die Haare in verklebten und durchtränkten Bündeln wie gottverdammte Schlangen, du würdest so schnell und hart mit dir selbst sein. Gleich einer Strafe, womöglich sind deine Augen geschlossen. Wie lange ist es schon her? Bist du leise? (Denkst du an mich? Ist es jetzt anders?)

 

Harry verlagert sich leicht und rückt den Sitz seiner Jeans zurecht. Er dankt Gott kurz für eng anliegende Boxershorts. "Ich habe heute Abend noch eine verfluchte Veranstaltung. Ich muss einen Orden tragen." Sein Ausdruck ist leer und finster. Er stellt sich vor, wie er in einem Saal steht und wieder einmal von Pflicht und Ehre spricht, von Dingen, an die er nicht mehr glaubt.

 

"Potter", verlangt die raue Stimme, deren Augen auf ihn gerichtet sind, "scheiß drauf oder lass es bleiben. Wenn du die Möglichkeit hättest, zurückzugehen, würdest du dich anders entscheiden?"

 

Er hält inne, unschlüssig. "Nein." Es ist wahr.

 

"Dann zieh weiter", sagt Snape und nimmt einen Schluck von seinem Drink. "Warum machst du diese Aktionen überhaupt mit?"

 

Harry zuckt beschämt mit den Schultern. "Es bezahlt die Rechnungen, schätze ich." Snape nickt, schweigend.

 

Harry runzelt die Stirn und denkt an die Menschenmenge, die auf Ausstrahlung und Glanz, auf Heldentaten und Scherze wartet: "Mich wollen sie sowieso nicht", sagt er bedrohlich und leise, "alles, was sie je wollten, war, meinen Vater zurückzubekommen." Snape mustert ihn mit seinen dunklen, tiefgründigen Augen abschätzend. Ist es fair, einem Kind den Namen seines Vaters zu geben und ihm nicht einmal seinen eigenen zu erlauben? Ich bin nicht er, weißt du. Ich schwöre bei Gott. Sie machten sich über dich lustig, sagten, du riechst komisch, siehst komisch aus. Sogar deine Kleidung war komisch. Sie saß nicht richtig, sie hat nicht gepasst. Hast du jemals abgelegte Kleidung getragen, wurde deine Kleidung je grau gefärbt? In der zweiten Klasse sagten sie, ich sei komisch, rieche komisch, sehe komisch aus. Ich habe manchmal mit dem Schlauch geduscht, wenn sie mich nicht nach oben ließen. Aus einem Waschbecken und einem Stück Seife kann man schnell eine Dusche machen. Ich weiß, ich hätte nicht über dich gelacht.

 

"Du bist nicht wie er", sagt Snape. Harry sieht den dunkelhaarigen Professor erstaunt an. Snape zieht eine Grimasse, die Hand fest um das unglückliche Glas gepresst. In der Anspannung des Kiefers kann Harry die Wut lesen. Snape ist wütend auf sich selbst, weil er es gesagt hat.

 

Das könnte das Netteste gewesen sein, was du je zu mir gesagt hast. Bitter wie Tonic, wie Rübstiel, wie Weidenrinde.

 

Ich will dich. Ich sollte es nicht tun, ich kann es niemandem sagen (Gott, wie würden sie mich ansehen). Hast du jemals deine Hände betrachtet, wirklich betrachtet? Knotig wie der Elderstab, bedeckt mit Flecken von Zimtschalen und Tinte. Diese Hände. Du hast mit ihnen getötet (du hast gezaubert, mich beschützt, mich vom Abgrund weggezogen).

 

Auf Severus' Schreibtisch steht ein seltsames gerahmtes Bild. Ein Gemälde, kräftig in satten Goldtönen, die zentrale Figur in Rot- und Schwarztönen. Es ist eindeutig alt, selbst für Harrys ungeschultes Auge. Das Gesicht ist dem von Snape nicht unähnlich. Stolz, dem Licht zugewandt. Kräftige Nase, strenges Kinn, sich seiner Macht sicher, Grausamkeit in den Zügen, Locken von dunklem Haar, die Augen schwarz wie eine Kanone. Er fragt sich, ob es ein alter Verwandter ist. "Was ist das?", fragt er und zeigt auf das Gemälde.

 

Snape schaut zu dem Bild hinüber: "Vlad Țepeș", sagt er mit einem seltsamen, weichen Akzent in der Stimme, den Harry noch nie gehört hat, sanft und wie ein Lied, "Vlad der Pfähler. Du kennst ihn vielleicht als Dracula", bemerkt er trocken, "obwohl ich stark bezweifle, dass er jemals von den Toten auferstanden ist." Er hält inne und blickt zurück: "Es wurde im sechzehnten Jahrhundert gemalt, eine Nachbildung eines Originals aus seiner Zeit."

 

Harry staunt, er kramt ein wenig in seinem Geschichtsunterricht herum. Die Geschichten über die Grausamkeit von Vlad dem Pfähler sind nach all den Jahrhunderten noch gut in Erinnerung. Geistergeschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Er ließ ganze Wälder von Pfählen errichten und spießte die Menschen sorgfältig darauf auf, damit sie langsam zu Tode kamen. Er hielt Bankette inmitten der Toten und Sterbenden ab und labte sich am Geruch von verfaultem Fleisch und eisenhaltigem Blut. Als die türkischen Gesandten kamen, um Grüße von Sultan Mehmed II. zu überbringen, hatten sie sich geweigert, ihre Turbane abzunehmen. Vlad, immer praktisch, immer grausam, hatte sie ihnen an den Schädel genagelt, damit sie nicht so leicht verloren gehen konnten. Der Gedanke daran bereitet ihm Übelkeit.  " Du hast ein Gemälde von Dracula in deinen Gemächern?" (Das ist genau die Art von Wissen, von der sein zwölfjähriges Ich geschwärmt hätte, um allen von der Ungeheuerlichkeit der bösen alten Fledermaus zu erzählen, diesem bösen Vampir in den Kerkern.)

 

Snape rollt mit den Augen, atmet tief durch. "Er ist nicht für jeden ein Schurke, Potter", sagt er leise und Harry lehnt sich näher heran, um jedes Wort zu hören. "Für viele hat er die eindringende osmanische Armee aufgehalten. Er hat ihre Häuser beschützt, sie verteidigt. Für viele in Rumänien ist er ein Nationalheld." Snape hält inne, wendet den Blick ab und stößt den Rest seiner Worte unterdrückt hervor: "Meine Mutter war Rumänin."

 

Oh. Es ist seltsam, sich vorzustellen, dass Snape eine Geschichte, ein Erbe hat. Er sieht plötzlich anders aus, weniger wie ein Vampir, mehr wie ein unbequemer Kriegerfürst, der alles tun würde, der zu Folter und Grausamkeit greifen würde, um seine Sprache und seine Geschichten zu schützen, die, die er liebt, seinen kleinen Winkel der Welt. Die Ähnlichkeiten machen ihn unruhig; es fällt ihm schwer, den Blick abzuwenden. Er fragt sich, wie es ist, die Vergangenheit zu kennen, sie aushalten zu müssen. Er weiß nichts über die Herkunft seiner Eltern, nur ihre Namen, ihre Geburtsdaten (und ihre Todesdaten). Man hat ihm gesagt, er stamme aus dem Westen des Landes, aus Godric's Hollow bei Cornwall. Er weiß, dass sein Aussehen dort üblich ist, das dunkle Haar und die blasse Haut, die kleinen Knochen, die kleinen Hände. In dieser Ecke des Inselreichs sind sie die Überbleibsel der verlorene brythonische Stämme, die sich in sanfte Hügel und Weiden- und Weißdornwälder zurückgezogen haben und sich Geschichten darüber erzählen, wann sie und ihr legendärer König wieder auferstehen werden. Er klammert sich an jede Erwähnung seiner Cornwall Herkunft, er hat die Fahne von St. Piran in seiner kleinen Wohnung aufgehängt, um ihn daran zu erinnern, dass es dort eine Geschichte gibt. Aber sie ist nicht in ihm verankert, er kennt seine eigene Geschichte nicht. Sie wurde ihm in derselben Nacht gestohlen wie alles andere, in einem Blitz aus bitterem Grün.

 

Dieser sonderbare Mann, diese seltsam beunruhigende Person ist ihm noch nie begegnet, nicht wirklich. Du bist kein wirkliches Monster, nicht wahr, Snape? (Snapes Irrwicht ist Voldemort; sein Patronus ist eine Hirschkuh. Das sind nicht die Merkmale eines Monsters.) Harry zieht die Stirn in Falten und beißt sich auf die Lippe. Was wäre wenn? Er wundert sich, es gibt so viele Wunderlichkeiten. Was, wenn ich mich in dir getäuscht habe? Zu spät bemerkt er, dass er Snape schon seit einigen Minuten anstarrt. (Verdammt, Ogden's Old.) Der Andere sieht zunehmend irritiert aus angesichts dieser unverhohlenen Aufmerksamkeit, und sucht nach etwas, entscheidet sich für Wut.

 

" Was, Potter?"

 

"Nichts, nichts, es ist nur -" Er rückt etwas näher, er ist sich nicht sicher, warum. (Später wird er Magneten die Schuld geben.)

 

"Welches Spiel spielst du, Potter?" Snape zischt, seine Stimme ist grausam und giftig. (Angst steht in seinen Augen, sein Atem verrät Furcht) Schweiß glitzert auf der Stirn des Professors, seine Halsschlagader zuckt heftig im Lichterschein.

 

"Das ist kein Spiel."

 

" Du solltest ..."

 

" Pass auf", zischt Harry scharf, " wenn du mir jetzt wirklich sagen willst, was ich tun sollte, wenn du es wagst, mir nur eine gottverdammte Sache zu sagen, die ich tun sollte oder die ich in meinem Leben anstreben sollte - ich schwöre bei Gott, Snape, ich brauche nicht einmal einen Zauberstab, ich werde dich auf der Stelle töten."

Es herrscht eine lange, bedrückende Stille. Er verfolgt, wie der finster dreinblickende Professor die Augen schließt, seine Atmung sich beschleunigt. Sein Brustkorb hebt und senkt sich wie in Wellen. Harrys tut dasselbe; er ertrinkt in der klaren Luft. Snape schlägt eine langgliedrige Hand über sein Gesicht, als wolle er sich vor dem Anblick schützen. Ein Schrei formt sich in Harrys Kehle. Hör auf, hör auf. (Er ist sich nicht sicher, ob er das über Snape oder über sich selbst denkt.)

 

"Sag es", sagt Snape. Tief und dunkel. Diese Stimme greift nach Harry wie Flammen. Sag es. Er könnte es hinauszögern, um eine Erläuterung bitten. Das hat er nicht nötig. Sie kennen beide die unausgesprochene Frage. Sag es. In seinem Kopf dreht es sich, ein Anflug von Schwindel, von Unbehagen. Die Übelkeit überspült ihn, die Welle der Ohnmacht. Er ist schweißgebadet und zittert.

 

Sag es.

 

"Ich will dich", krächzt er. Endlich. (Snapes Fingerknöchel sind schon längst weiß geworden.)

 

" Fuck", stöhnt der ältere Mann in der Schwärze, halb geflüstert. (Harry ist wild, angespannt, verzweifelt erregt. Er fürchtet, dass er genau hier und jetzt kommen könnte, unberührt und panisch.) Diese schwarzen Augen starren ihn an, so wild und erschrocken wie ein ungezähmtes Pferd. Harry hat das Gleichgewicht verloren, er schwankt leicht. Er sieht nur einen Blitz von Dunkelheit, von schattenhaften Gewändern, die ihn umgeben. Seine Augen sind offen, aber unscharf, nicht fokussiert. Er folgt der Berührung. Lange, heiße Finger streichen an den Seiten seines Gesichts entlang, greifen nach seinen Schultern. Haarsträhnen streichen wie Mottenflügel über seine Wangenknochen. "Ich kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden", flüstert Severus Snape gebrochen, Haut an Haut, Mund an Mund, dicht aneinander gepresst, als ob sie verzweifelt nach Luft ringen würden.

 

Oh, ja. Bitte, du weißt nicht, wie sehr ich das brauche, dich brauche. Snape, Severus, was immer du bist. Nimm mich auseinander, ich will, dass du in mich hineinkriechst, du kannst nicht nahe genug an mich herankommen. Hast du Angst? (Ich habe Angst. Was ist, wenn ich mich irre? Was, wenn ich dich wieder hasse? Gott, ich weiß, dass du hässlich bist, aber hier bist du auf eine Art schön, für mich, dieser Kiefer, diese Stimme, diese Nase. (Diese Augen.) In meinem Kopf bin ich besser. Ich kann diese Dinge nicht laut zu dir sagen. Verdammt, Severus, fass mich an, jetzt bitte, bevor ich hier gleich sterbe.

 

Severus krallt sich an ihn, seine Finger graben sich in seine Schulter, seine Hüften. Ein Stöhnen schlängelt sich aus Harrys Kehle nach oben. Severus schmeckt nach Salz, nach Staub. Harrys Lippen sind geschwollen, aufgesprungen unter dem Druck (Zähne kratzen auf der Haut). Er schmeckt das Blut, wie Eisen, in seinem Mund. "Oh Gott", stöhnt er, heißer Atem gegen Severus' Ohrmuschel. Er spürt, wie der andere Mann sich verkrampft und zusammenzuckt.

 

"Bist du dir absolut sicher?" fragt Severus, flüstert, es liegt ein leises, wütendes Verlangen darin. Ja, ja, ich brauche dich, oh Gott, wenn du aufhörst, mich zu berühren, werde ich sterben, bitte.

 

"jaaa", stöhnt Harry in die Luft zwischen ihnen, seine Augen öffnen sich in das Schwarz von Severus' Blick, grimmig und durchdringend. (Wie Tinte und Leder, Spinnen und Fledermausflügel.) "Ich habe nie etwas mehr gewollt, das schwöre ich bei diesem verdammten Gott."

 

Er hört wieder den geflüsterten Schwur, das schwache Anspannen von Severus' Fingern. Er beugt sich in die Berührung hinein. Er streicht mit seinen Lippen über Severus' Hals, die Wölbung seines Adamsapfels, die sandpapierige Haut wo die ersten Barthaare sprießen. Severus riecht nach Vetiver und Sandelholz, nach billiger Seife und der Herbheit von Feuerwhisky. Unter seinen Fingernägeln befinden sich Schmutz und getrocknetes Drachenblut. Harry wünscht sich diese Hände auf seinem Rücken, wie sich in ihn krallen, wünscht sich sein eigenes Blut unter diesen Nägeln. Er ist kurz davor zu explodieren. "Wenn du nicht sofort etwas tust, werde ich es gleich hier hinter mich gebracht haben, das schwöre ich bei Gott."

 

"Dann beweg dich", knurrt Severus und zerrt ihn auf die Beine. (Die Stimme ist rau und hat den schäbigen Tonfall von Cokeworth.)

 

Severus liegt auf seinen grauen Laken, die Haare wie Tinte ausgestrichen. Harry schwebt über ihm und nimmt alles in sich auf. Es gibt so viele Dinge, die er sagen möchte, aber nicht sagen kann. Er ist nicht gut mit Worten; er war nie ein Dichter. Severus, Haare wie ein weindunkler Heiligenschein. Die Augen geschlossen. Er denkt an Christus, unter dem Turiner Grabtuch, der Öle in das Leinen absondert. Talgöl, fettige Haaröle. Aufgebahrt wie ein toter Priester, der auf seine Heiligkeit hin untersucht werden soll. Er senkt seinen Mund auf Severus' Stirn nieder, seine Augenlider, seinen Mund, küsst Gebete in den anderen Mann. Severus wölbt sich auf, knistert wie Feuer.

 

"Harry", bettelt er (Harry weiß, dass er jenseits von allem ist; Severus Snape würde nie betteln.), "nicht. Fester, bitte."

 

Hände wandern über die Wölbungen und Windungen ihrer Körper. Es gibt öffentliche Sinne und private Sinne. Wir orientieren uns in der Welt durch Sehen, Hören und Riechen. Die anderen, der Tastsinn und der Geschmack, sind eher etwas Privates. Harry hat Severus nie zuvor berührt, hat ihn nie gekostet. Er schwelgt nun. Atmet stählerne Muskeln ein, Fleisch wie aus Lehm, nachgiebig für seine Erkundungen. Verzehrt den Geschmack des dunkeläugigen Mannes, die Augen zusammengepresst in einer Mischung aus Gewalt und krankem Verlangen, leckt Salz weg, leckt Asche weg. Am Anfang steht das Salz. Es ist in jedem Rezept enthalten, es ist der Baustein aller Lebensmittel, es intensiviert den Geschmack, sorgt für Aroma und Genuss. Salz ist wichtig für unseren Körper, ein zentraler Bestandteil. Ohne Natrium würden wir sterben. Severus schmeckt wie Salz.

 

Der Professor verzerrt das Gesicht, die Zähne fletschen zu einem Knirschen. Seine langen Finger sinken, tiefer, noch tiefer. Eine heiße Handfläche presst sich gegen Harry, hart wie eine Obsidianklinge und ebenso zerbrechlich. Er stöhnt: "Oh mein Gott, oh mein lieber Gott." Dunkle Augen glitzern. Ein Grinsen, ein Strudel aus heißer Zunge. Irgendwie schlüpft Harry aus seiner Jeans, lässt sie fallen wie den Kokon einer Raupe, liegt nackt und glorreich wie Ganymed im Himmel.

 

"Ich habe immer gewollt, dass -" Severus zischt. Er trinkt mit den Augen, ballt die Fäuste. " Kannst du erahnen wie sehr?"

 

"Zeig es mir", flüstert Harry, halb stöhnend. Eine Hand legt sich um ihn, feucht von Speichel, und streift über ihn. Wie eine Ölpumpe, ein Kolben. Dieses Handgelenk, gottgegeben, wunderschön und schlank, pumpt hin und her. Severus beobachtet ihn mit hungrigen Augen, wie ein Monster in einer Höhle mit seiner Beute, die darauf wartet, verschlungen zu werden. Harry geht bereitwillig in die Flamme, wickelt das Spinnennetz um sich, trägt es wie Seide. "Ich will dich."

 

"Was willst du?" Dunkel wie ein Ozean aus Wein, diese geheimnisvollen stygischen Tiefen, die wir nicht kennen. Dunkel wie das Zentrum der Sperrzone von Tschernobyl, wohin kein Mensch zu treten wagt.

 

"Deinen Mund", schluchzt er (oh wie hat er davon geträumt, seine Hand ins Wasser getaucht, so getan, als sei es Severus' heißer Mund, nicht seine eigenen ungeschickten Finger), "oh bitte, Gott." Stille. Die Hand entfernt sich. Die fehlende Berührung ist so schockierend wie die erste Berührung. Er schwebt in einem Tank mit Sinnesentzug und sehnt sich nach irgendetwas. Kann mich jemand hören? Ist da draußen jemand? Plötzlich wird er vom kochenden Ozean verschluckt und in Severus' brennenden Mund gesaugt. (Du wolltest mich schon die ganze Zeit verschlingen, nicht wahr?) Harry schreit auf.

 

"Bitte", keucht er rau, seine Stimme rauscht wie der Wind, "härter." Es ist nicht genug, es ist nie genug. Er will von den Händen und dem Mund des älteren Mannes zermalmt werden. In die Laken gestampft, einen dunklen Fleck auf dem Bett hinterlassen. Die ganze Spannung hat sich zu einem Knoten verdichtet. Zwischen den Schulterblättern, im Rückgrat, tief in seinem Nacken. Er ist schon seit Jahren da. Grabe dich ein, du musst dich in mich eingraben, alles herausholen. Er ist verzweifelt, leidend, bedürftig. Er hört seine flehende Stimme, sein Stöhnen, das wie ein Bauchrednertrick an die Decke geworfen wird. Severus' pechschwarze Augen sind verschleiert und dunkel, sie schließen sich beim Klang von Harrys Stimme. Er bemerkt, wie der andere Mann tief einatmet, wie sich die langen Finger in seine Schultern graben. Ja, fester. Jetzt, ich brauche es, ich brauche dich. Du hast keine verdammte Ahnung. Er tastet dort herum, zwischen den Spalten zwischen ihnen (er will keine Spalten zwischen ihnen). Schiebt sich zwischen Hosenstoff und dunkle Haarsträhnen, findet den verlangenden, sehnsüchtigen Schwanz, heiß wie Magma. Severus stöhnt auf, den Mund voll. Harrys Hand könnte Blasen werfen, er hält die Sonne in seinen schmerzenden Fingern. Sie stürzen sich ins Nichts, dieses große Nichts, wölben sich in Rausch und Schweiß, in diese große weiße Supernova. Sie teilen Explosionen, wechseln Epochen, verzweifelt wie eine nukleare Katastrophe.

 

Erhebt eure Hände zum Himmel.

 

(Danach schläft Severus fest ein. Harry dreht sich zu ihm um, legt seine Arme um den mageren Körper, zieht die grauen Baumwolllaken hoch über ihre Schultern.)

 

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Beim nächsten Mal ist es genau  wie beim ersten Mal. Ein Mann mit einem scharfen Profil und einem verärgerten Stirnrunzeln (Angst in den Falten seines Gesichts, in den Pupillen seiner Augen), grau gekleidet, mit dunklem Haar und durch ein Fenster in Sonnenlicht getaucht.

 

Er hat nicht geglaubt, dass ich zurückkommen würde. Etwas zerbricht in Harry, zumindest ein bisschen.

 

"Du solltest gehen, Potter." Die Stimme ist leise, ganz flach.

 

"Ich werde nirgendwo hingehen."

 

"Es wird wieder passieren, Potter, verstehst du das nicht?" Faucht Severus, wütend und wild. "Es ist in mir. Diese elende Schlange und ihre verfluchten Reißzähne und das verdammte Gift sind in mir, und sie werden mich töten."

 

"Das weiß ich, du verdammter Bastard", brüllt Harry, "glaubst du, das interessiert mich auch nur eine Sekunde lang? Es ist mir egal, es ist mir egal, was du getan hast und es ist mir egal, welche Gründe du jetzt hast. Ja, du bist krank. Wir alle werden einmal krank werden. Ich könnte von einem Mantikor aufgespießt werden. Halt die Klappe, Severus, und komm verdammt noch mal mit der Tatsache klar, dass ich mit dir zusammen sein will."

 

Severus starrt ihn an, Überraschung auf seinem Mund, in seinen Augen.

 

Er schließt die Augen. Atmen, einfach atmen. Das ist nur Severus, der sein typisches  Arschloch-Ich präsentiert. (Harry weiß, dass es in Severus' Geschichte so etwas wie ein Happy End nicht gibt. Der Mann wird nie an ein "und sie lebten glücklich bis an ihr Ende"  glauben.)

 

"Was ist in dem Trank?" Er klammert sich an die unglückliche Rückenlehne eines Stuhls, das Eichenholz ist unnachgiebig.

 

"Diptam", sagt der ältere Mann leise, "und Herzspannkraut. Pulverisierte Blutegel. Graphorn-Galle." Er zieht eine Grimasse. "Den Geschmack dieser verdammten Galle kann man nicht überdecken." (Es ist ein schleimiger und saurer Geschmack, seltsam süßlich, wie eine ranzige Gurke. Harry zieht eine Grimasse. Er kennt den widerlichen Geschmack; er hatte einmal etwas davon in den Mund bekommen, mit fünfzehn, als einer von Nevilles Zaubertränken in einem spektakulären Schauspiel explodiert war.)

 

"Wie oft nimmst du ihn?"

 

"Alle zwei Wochen." Severus seufzt, "Es ist ... nicht angenehm." Ja, Harry weiß das. Er hat gehört, wie Pomfrey die Nebenwirkungen des Zaubertranks beschrieben hat. Das Gefühl der Müdigkeit, das plötzliche Auftreten von Blutungen und Blutergüssen. Die Anfälligkeit für Infektionen, die Appetitlosigkeit. Das Taubheitsgefühl in den Gliedmaßen, der stechende Schmerz. Am schlimmsten ist es zum Zeitpunkt der Einnahme des Trankes und an den folgenden drei Tagen. Danach wird es gerade so erträglich. Dann, nach vierzehn Tagen, gießt Severus eine abgemessene Phiole aus und stellt ein Schnapsglas bereit. Er kippt den Trank sofort in den Rachen und schluckt ihn herunter. Gib dir keine Chance, es zu schmecken. Dann ein Schuss Feuerwhisky, um den Mund sauber zu brennen.

 

"Dann werde ich da sein, wenn du ihn nimmst. Und danach." Harry starrt ihn an, sein Kiefer ist hart wie Stein. Severus hebt den Kopf, die Augen hart und wütend. Ein kurzes Nicken folgt. In Ordnung, scheint es zu sagen, du kannst bleiben.

 

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In allen Dingen gibt es Gegensätze. Gleichgewicht. So hören wir aus der Welt der größten Geistererzählungen der Geschichte auch Liebesgeschichten. Der Zarewitsch, die kleine Maid und ihr goldener Schuh. Ruslan und seine verlorene Ludmila. Vielleicht gibt es irgendwo auf einem leeren Schlachtfeld in Schottland zwei Männer mit schwarzem Haar und merkwürdigen Narben; einer mit dunklen Augen, der andere mit distelgrünen.

 

"Bleib hier", sagt Severus. Es ist leise und zögerlich. Harrys Augen weiten sich, er blickt zu dem unsicheren Professor auf. Severus ist schwach heute, vor einem Tag hat er den Trank eingenommen. Heute windet er sich vor Übelkeit, wird von Kopf- und Gliederschmerzen geplagt. (Harry berührt ihn sanft. Eine Hand auf dem Arm, eine Hand auf dem Rücken. Er beschreibt kleine Kreise auf Severus' Schultern, krault leicht auf der Haut.)

 

"Hier?" Fragt er. Hier bleiben, in Hogwarts? Bei dir?

 

"Ja, du alberner Rotzlöffel, hier. Wo könnte es denn sonst sein?" sagt der dunkle Professor und wippt von einer Seite auf die andere, sichtlich unruhig und im Begriff, das Angebot zurückzuziehen.

 

Ich liebe dich, weißt du. Er schaut auf die sanfteren Stirnfalten, die Entspannung in Severus' Gesicht. Liebst du mich auch? Er will Veritaserum in Severus' Tee träufeln. (Ceylontee, stark aufgebrüht. Keine Sahne, kein Zucker.) Ich möchte es, aber das würde ich dir nie antun. Er versteht ein wenig mehr von Dumbledores Worten, davon, wie unsere Entscheidungen uns definieren. Er ist ein Mensch, fähig zu niederen, dunklen Dingen. Dinge, die ihm eine Gänsehaut verursachen. Dinge, die ihn dazu bringen, sein Gehirn mit Bleiche und Ammoniak ausbrennen zu wollen. Nein, wie alle Menschen ist auch er von seinen Entscheidungen geprägt. Er betrachtet Severus, das stolze, scharfe Gesicht, das in den grauen schottischen Himmel blickt, und atmet die Wälder aus schottischen Kiefern und Wacholder, Ebereschen und Birken ein. Sie blicken auf die Wälder, die Wellen der Kiefern, wie sie sich wiegen und vermischen, die großen Kaledonischen und den Verbotenen. Sie können die Schärfe der Berge riechen, die Kriechflechten, den kalten, dunklen See. Ich liebe dich, du Mistkerl. Du perfekter, alberner, gemeiner Bastard. Ich liebe dich, ich werde dir nie wehtun.

 

Ein verschlagenes Auge blickt ihn an, ein Grinsen auf den dünnen Lippen: "Woran zum Teufel denkst du, Harry?"

 

Harry grinst, schiebt seine Gedanken beiseite, "Hast du jemals ähm...., du weißt schon, das alte "Rein-Raus-Aus-Die-Maus" auf deinem Schreibtisch gemacht?" Die schwarzen Augen weiten sich, glühend vor Hitze. Das Grinsen ist wild.

 

"Harry, ich bin empört", sagt Severus, müde, aber interessiert, "was werden die Hauselfen denken?"

 

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"Wusstest du, dass man BHs nicht mit einem Reinigungszauber belegen kann?" sagt Ron, als Harry sich im Pub einen Stuhl nimmt. Ron, kupferhaarig und ewig schlaksig, kaut auf seiner Zunge, während er die Stirn über der Bierkarte runzelt. (Ron, langgliedrig und Harry überragend, ist in den letzten zwei Jahren in die Höhe geschossen. Wenn er sich vorbeugt, über einen Tisch oder einen Schreibtisch, macht er auf Harry immer den Eindruck eines Klappstuhls.)

 

"Kann man nicht?" fragt Harry. Er grinst, Ron ist immer ein Stück Heimat. Kann man Brüder sein, ohne das Blut zu teilen? Harry findet ja, so ungefähr zumindest. "Warum nicht?"

 

"Keine Ahnung", sagt Ron und seufzt, "Hermine ist deswegen ganz schön sauer. Sie hat sie mir alle an den Kopf geworfen. Sie waren nass."

 

Am Ende des Abends lacht Ron und schüttelt den Kopf. Er ist voller verschüttetem Lagerbier, seine Wangen schmerzen vom Lachen. "Du siehst gut aus, Harry", sagt Ron. Seine Augen sind weich, sanft zu einem alten Freund.

 

"Ja", sagt Harry und denkt an jemanden, der weit weg ist, durch einen Zauber aber nah genug, der sich durch Lehrerkonferenzen und Nachsitzen quält. "Ich glaube, das tue ich. Gut, meine ich. Ziemlich gut."

 

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Das Gift wird nie ganz verschwinden. Es fließt langsam durch Severus und metastasiert von Zelle zu Zelle wie ein Krebsgeschwür. Alle Gifte lassen sich in vier Kategorien einteilen. Naginis tödlicher Speichel ist ein Nekrotoxin, das jede Zelle tötet, während es sie durchdringt. Er besteht aus Phospholipase und Serinproteasen, lautlosen Killern, die sich durch das Zytoplasma bewegen.

 

Lass mich dich heilen. Darf ich? Ich habe Magie. Sie ist in meinem Blut (in deinem Blut). Wie gründlich haben sie untersucht? Wenn ich bis in die Zellen vordringe, kann ich dich dann reparieren? Ich bin geduldig; ich werde mir alle Zeit nehmen, die es braucht. Was ist, wenn ich das Gift mit dem Mund aussauge, ein kleines Schälchen bereithalte und es ausspucke? Tut das weh?

 

Ich möchte dir ein Lied schreiben. Einen Brief. Ich bin nicht gut mit Worten, nicht so wie du. Sie sind in meinem Kopf, aber bei der Übertragung von meinem Geist zu meiner Hand, zu Tinte und Pergament, verliere ich sie. Für immer verschwunden. Warum ist dein Körper so faszinierend für mich? Ich weiß es nicht. Er ist dem meinen so ähnlich und doch ganz anders. Du bist kantig, deine Hüftknochen ragen hervor wie  Messer. Manchmal, wenn ich mich zu fest an dich schmiege, bleibe ich blutüberströmt zurück. Ich bedaure nichts. Ich will dich aus der Dunkelheit führen, wie Orpheus seine Eurydike. Und ich werde nicht den Fehler machen und zurückzublicken, das verspreche ich dir. Ich werde dich in Sicherheit bringen.

 

Diptera. Ich habe dieses Wort einmal gelernt. Ich dachte an dich. Es ist das Wort eines Botanikers, eines Entomologen. Es handelt von Flügeln, davon, dass Flügel vorhanden sind. Was erinnert an Flügel? Ich denke an dich, wenn du über mir bist, auf mir liegst, in mir bist. Deine scharfen Schulterblätter, die Scapulae, zurückgeworfen zu scharfen und vorspringenden knöchernen und fleischigen Flügeln.

 

Ich liebe dich. Ich wünschte, ich könnte eine bessere Methode finden, dies zu sagen. Es ist immer unbeholfen. (Ich konnte noch nie gut mit Worten umgehen.) Lass es mich in dich hineinhauchen, es in dein Haar streichen. Manchmal studiere ich medizinische Texte, damit ich die richtigen Namen finde, um die Stellen deines Körpers zu benennen. Hinterhauptbein, Unterkiefer, Kniescheibe, Steigbügel. Ich war an diesen Stellen, ich möchte sie mit meinem Mund, meiner Zunge markieren. Ich möchte in jeden Teil von dir hineinatmen, hinter die Lungen, unter den Magen, in den leeren Raum der Vorhöfe und Kammern deines Herzens. Was ich sagen werde? Du wirst geliebt, geliebt. Ich liebe dich, meine Liebe wird sich vorwärts und rückwärts erstrecken. In die Zukunft, bis zu unserem Ende. In die Vergangenheit, zu unserem Anfang. Ich werde allen Schmerz hinunterschlucken, ihn in meinem Mund halten wie Mundwasser, wie Tabak kauen, ihn ausspucken.

 

Wo ist es jetzt? Manchmal schaue ich dich an und frage mich, wo sich das Gift, das Toxin befindet. Wo es sich verkriecht. Es ist langsam, aufgehalten durch deine Magie, deine Braukunst (du bist der Beste, daran habe ich nie gezweifelt). Wenn ich es finden kann, wenn ich es sehe, wenn ich es mit den Zähnen fange, kann ich es vielleicht herausholen. Dich befreien.

 

Später, noch später, liegt er im Bett, einen Arm unter den Kopf gestützt, und zeichnet die Linien von Severus' alten Narben nach. Der flache, glänzende Schlangenbiss an seiner Kehle, das Mal auf seinem Arm (jetzt verblasst und trüb). Es gibt noch viele andere, die er nicht benennen kann, aber er berührt sie mit jeder Fingerspitze. Es ist die Aufgabe aller Liebenden, die Geschichte der Narben ihres Geliebten zu lesen. Zeugnis abzulegen. Es besser küssen. Severus fährt mit den Händen sanft über seine Rippen, zählt sie und vergewissert sich, dass alles vorhanden und an seinem Platz ist. Harry bekommt eine Gänsehaut.

 

"Werden wir es schaffen?"

 

Severus mustert ihn. Die Augen des älteren Mannes sind dunkel wie getrocknetes Blut und leuchtend. (War da immer diese seltsame Wärme? Er weiß es nicht.)

 

"Vielleicht, Harry." murmelt der Mann mit dem Krähengesicht, "Ich nehme an, dass wir das müssen." Severus' Gesicht ist sanft, die Stimme humorvoll.

 

"Ich liebe dich", sagt Severus. Harry erstarrt, die Augen vor Schreck weit aufgerissen. Er hat es zuerst gesagt. Ich hätte nie gedacht, dass er es zuerst sagen würde. Eine schwache Röte färbt die blassen, hageren Wangen. Severus schaut zur Seite, sein Kiefer ist angespannt. Hör auf, du Idiot. Harrys Arme umschlingen den älteren Mann. Severus entspannt sich unmerklich in der Umarmung. Wir verstehen immer die, die wir lieben, und so weiß Harry, wie er mit Severus reden kann, ohne ein Wort zu sagen. Haut an Haut, seine Stirn an der Wange des anderen. Es ist alles gut. Er streicht mit den Fingern durch Severus' dunkles Haar. Du bist in Sicherheit. Presst seinen Mund, seine Lippen, seine Zunge auf die des größeren Mannes. Du wirst geliebt.

 

Auf diese Art habe ich es schon so lange gesagt. "Ich liebe dich", haucht er. Severus hält sein Gesicht an Harrys, Stirn an Stirn, die Augen geschlossen. Sein Atem ist schwer. Es ist okay. Es ist alles gut. Ich bin hier. Ich werde nicht weggehen. (Severus kann gut mit Worten umgehen, geschickt in einer Auseinandersetzung. Bei Berührungen ist er weniger achtsam, also rollt Harry wie eine Welle über ihn hinweg, reibt sich an ihm wie das Meer an einer Klippe. Severus stöhnt, klammernd, immer bedürftig, auch jetzt. Ich habe dich, du gehörst mir. Es ist in Ordnung. Harry spürt, wie die Verzweiflung des anderen Mannes in ihn eindringt, der Schmerz, das absolute Bedürfnis. Du hast mich. Du wirst mir das nie ganz glauben, oder? Lass es mich dir zeigen. Sein Mund tastet nach Severus' Schlüsselbein, nach der Vertiefung seiner Kehle. Er leckt das Salz weg. Eine Hand umfasst sie beide, zieht sich zusammen wie eine Anaconda, fickt wie eine Sturmflut. Er ergießt sich über Severus, sie schreien auf, wölben sich in Meeresschaum und Phosphoreszenz.

 

Liebe hat nie ein Happy End. Wir lassen uns auf die Liebe ein, weil wir wissen, dass mit der Liebe auch immer ein Verlust einhergeht. Wenn wir Glück haben, liegt dieser Jahrzehnte entfernt. In der Zeit zwischen dem Verlieben und dem Verlieren können wir ein ganzes Menschenalter leben. Harry weiß nicht, wo das Gift in dem alten Professor ruht. Er weiß nicht, ob er noch fünfzig Jahre oder fünf Tage hat. Severus weiß nicht, ob Harry ertrinken, vom Blitz getroffen werden oder die Spanische Grippe bekommen wird. Das spielt keine Rolle. Die Liebe ist es immer wert. Der Verlust wird am Ende kommen, aber das Geschenk der Liebe ist, dass das Ende der Welt langsamer kommen könnte. Dass wir die Zeit, die wir warten, zu schätzen wissen.

 

Lange, bleiche Finger umklammern ihn, besitzergreifend sogar im Schlaf. (Es wird noch Zeiten geben, in denen Bekannte versuchen werden, ihn zum Gehen zu überreden, und ein Verzeichnis von Severus' schlimmsten Taten aufzählen werden. Er ist kein guter Mensch, Harry, werden sie sagen. Er ist ein Todesser, ein Mörder, er ist paranoid und besitzergreifend. Harry wird immer mit den Schultern zucken. Er kennt die vernichtenden Wahrheiten bereits, kennt sie alle.) Harry umschließt die klammernde Hand mit seiner eigenen. Drückt seine Lippen auf die Knöchel wie ein Geist. Ich liebe dich, du elender Wichser.

 

Die Rückkehr nach Tschernobyl ist keine plötzliche Aktion. Es geht nicht sofort los mit dem Schlag der Uhr zwanzigtausend Jahre später. Es ist nicht an einem Tag gefährlich und am nächsten plötzlich sicher. Allmählich  wird Gras darüber wachsen. Es werden Geschichten entstehen, und wieder vergessen in den langen Zeiten. Vielleicht erzählen Kinder seltsame Märchen, wie es einmal war. Vor langer Zeit geschah hier eine schreckliche Dunkelheit. Irgendwann, nach ein paar tausend Jahren, wird sie ganz verschwunden sein. In tausenden von Jahren wird der Fluss sicher sein, der Himmel wird sich erholt haben. Heilung ist unvermeidlich. Wir marschieren weiter, immer aufwärts und zum Licht. Die Ruinen des Atomreaktors werden von der Erde und unseren Erinnerungen verschwinden, zerrissen von Sand, Wind und Regen. Irgendwann werden nicht einmal mehr die Geschichten übrig bleiben.