Chapter Text
L E O
August 2006
Mit neunzehn war Leo Hölzer sich sicher, dass er nie einen anderen Menschen so sehr hassen würde wie Adam Schürk. Der Hass brodelte in seinem Inneren bis er drohte überzukochen und Leo sich zwingen musste, nicht daran zu ersticken.
Was drei Jahre doch so ändern konnten.
Aber er griff vor.
Mit sechzehn kannte er jetzt nicht so viele Menschen, die er hassen konnte. Mal ganz abgesehen davon, dass er jung war, lebte Leo zudem auch noch in Saarbrücken und hatte noch nicht viele Gelegenheiten gehabt, mal etwas anderes zu sehen als seine Heimatstadt. Trotzdem war er sich am Ende sicher, dass er selbst die Furchtbarsten unter ihnen länger ertragen könnte als Adam.
Leo lebte in seiner eigenen kleinen Welt, die sich nicht weit über die Grenzen der Stadt erstreckte. Zentrum dieser Welt war Leos Familie. Die bestand aus seiner Mutter, seiner Großmutter und seiner Zwillingsschwester Caro: drei Frauen, mit denen er zusammen wohnte und für die er gleichzeitig das Baby und der Mann im Haus war.
Und das, obwohl er gerade einmal dreizehn Minuten jünger war als Caro. Leider hatte das Argument noch nie bei irgendjemandem gezählt.
Leos Mutter war Krankenschwester und immer schwer beschäftigt. Meistens machte sie Überstunden, weil Kollegen ausfielen oder es einfach so viel zu tun gab und war darum selten zuhause. Und wenn sie es doch war, dann gab sie ihren letzten Rest an Energie dafür her, noch ein bisschen Zeit mit Caro und Leo zu verbringen.
Er liebte seine Mutter, sie war toll. Und Leo hatte einen riesigen Respekt vor ihr. Je älter er wurde, desto besser verstand er, wie schwierig es für sie gewesen sein musste: Zwei Kinder nur mit Hilfe ihrer Mutter zu erziehen, konnte nicht einfach gewesen sein, vor allem nicht bei einem Gehalt, das dafür eigentlich nicht ausreichte.
Dabei hatte Leo nie das Gefühl gehabt, dass es ihnen an etwas fehlte. Außer ein paar kurzen Ausflügen nach Frankreich verbrachten sie ihren Urlaub immer zuhause, aber Eisessen in der Stadt und Entspannen am See waren auch schön. Und ja, Leo und Caro trugen oft Klamotten aus zweiter Hand, oder Sachen, die ihre Oma selbst genäht, gestrickt oder geflickt hatte, aber das war eben einfach so. Gestört hatte ihn das nie.
Dank ihrer Großmutter sprachen sie außerdem Russisch; nicht perfekt, aber gut genug, um die Geschichten aus der alten Heimat zu verstehen, die sie ihnen erzählte. Sie war ihrer Tochter nach Deutschland gefolgt, als Leos Vater sie hochschwanger hatte sitzen lassen. Nichts und niemand hätte sie davon abgehalten, ihre Tochter zu unterstützen, also hatte sie sich an das Leben hier gewöhnt. Sie strickte und kochte und schmiss den Haushalt, passte auf die Kinder auf, während Leos Mutter auf Arbeit war, und lernte nebenbei noch eine Sprache, die sie bis zu ihrem Tod verteufeln würde.
Leos Verhältnis zu seiner Schwester war da schon schwieriger. Sie waren sich in vielen Dingen sehr ähnlich — Zwillinge eben — aber ganz unterschiedlich in anderen.
Caro liebte Menschen. Sie hatte sie gerne um sich, fand immer sofort Anschluss und Freunde. Sie war nie allein und wenn ihre Oma mit ihnen auf den Spielplatz vor dem Haus gegangen war, war sie immer sofort im Zentrum der Aufmerksamkeit aller anderen Kinder.
Leos Mama witzelte manchmal, dass Caro sich einfach, frech wie sie sein konnte, alle sozialen Gene gestohlen und Leo keine übrig gelassen hatte. Er wusste, dass es ganz so nicht funktionierte, aber insgeheim gab er ihr Recht. Leo mochte Menschen auch — die meisten, zumindest — aber er musste sie darum nicht gleich ständig um sich haben. Er war mehr als zufrieden, auch mal einen ruhigen Nachmittag in der Bibliothek zu verbringen und zu lesen.
Caro war außerdem schön. Obwohl sie dasselbe dunkelbraune Haar hatten, wellte es sich bei ihr immer perfekt um ihr Gesicht, während es bei Leo entweder wirr in alle Richtungen abstand, oder ihm in strähnigen Zotteln ins Gesicht hing. Sie hatte einen Wachstumsschub hinter sich, auf den Leo selbst noch verzweifelt wartete.
Seine Schwester hatte auch keinen merklichen Stimmbruch durchlaufen. Leo war noch dabei und jedes Mal, wenn seine Stimme mitten im Satz anfing zu quieken, verteufelte er, dass sie ihm auch noch das Pubertäts-Glück geklaut hatte.
Trotzdem gab es niemanden, dem Leo mehr vertraute und der ihn besser kannte. Wenn sie einen schlechten Tag hatten, dann kuschelten sie sich manchmal spät abends auf einem ihrer zu schmalen Betten zusammen und redeten. Über alles und nichts, darüber, was sie gerade beschäftigt, die Vergangenheit, die Zukunft: alles eben. Caro war seine beste Freundin und er war dankbar dafür.
Eine Sache gab es allerdings, über die er auch mit Caro nicht gesprochen hatte.
Seit ein paar Monaten hatte Caro einen Freund. Tom hatte sogar schon ein paar mal bei ihnen zu Abend gegessen und er war nett. Er behandelte Leo nicht wie ein lästiges Anhängsel, sondern gab sich immer große Mühe, ihn in ihre Gespräche am Esstisch mit einzubeziehen.
Dank Tom hatte Caro allerdings wenig Interesse daran, die Sommerferien mit ihrem Bruder zusammen zu verbringen. Waren sie sonst gemeinsam raus an den See gefahren, tat Leo das nun selbst, auch wenn sie angeboten hatte, er könne sie und Tom doch ins Schwimmbad begleiten. Aber Leo hatte keine Lust das dritte Rad am Wagen zu spielen. Und es hat ihn ja sowieso noch nie gestört auch mal ein bisschen alleine zu sein. Also machte er in der ersten Ferienwoche einen Ausflug nach dem anderen: an den See, in die Stadt zum Eisessen, in den Nachbarort und irgendwann auch in den Wald.
Im Wald war Leo am liebsten. Hier war er mit seinen Gedanken alleine, konnte sich darin verlieren. Und wenn er eine schöne Stelle fand, dann lehnte er sich gegen einen Baumstamm und las ein bisschen in einem der Bücher, die er immer bei sich trug.
Leo wäre zufrieden gewesen, hätte er den ganzen Sommer so verbracht.
Natürlich blieb es aber nicht dabei, denn nach etwa einer Woche fand Leo ein Baumhaus.
Es war ein ziemlich cooles Baumhaus, selbst gemessen an den Standards eines Teenagers. Es saß hoch oben in der Krone, war halb versteckt von Ästen und Laub und die Leiter musste schon vor Ewigkeiten mal umgefallen sein. Sie lag am Boden, halb verrottet und von Gestrüpp bedeckt und als er sie aufstellte, um sich das Innere des Baumhauses anzuschauen, knirschte sie gefährlich unter seinen Füßen.
Er sollte da nicht hoch, dachte er sich. Wenn er mit einem gebrochenen Arm nach Hause kam, dann würde er sich was anhören können. Aber irgendwas trieb ihn doch die Sprossen hinauf.
Oben sah es genauso verfallen aus, wie er sich vorgestellt hatte. Alles war voller trockener Blätter und Staub, die Tuche, die an den Wänden hingen, waren zerrissen. Sogar ein altes Vogelnest lag vergessen in der Ecke.
Es war großartig.
Am nächsten Tag stand Leo so früh auf, wie sonst nur während des Schuljahres. Seine Mama war ganz überrascht, dass er schon so zeitig auf den Beinen war, während Caro sicher noch seelenruhig bis zum Mittag schlafen würde.
Aber Leo hatte Pläne. Also packte er sich eine Brotbüchse voll mit Essen und stopfte sie zusammen mit einer großen Flasche Wasser und einem kleinen Handwerkskoffer aus dem Keller in seinen Rucksack. Er hatte keine Ahnung, ob das ausreichen würde, um das Baumhaus wieder herzurichten, aber er würde es versuchen.
Wie er die Leiter reparieren sollte, wusste er nicht auf Anhieb, also kletterte er wieder vorsichtig nach oben. Er riss die Tücher von den Wänden, legte dabei ein weites Fenster frei und benutzte sie dann, um das Baumhaus zu putzen.
Nach und nach nahm seine Arbeit Form an und gegen Mittag lehnte er sich zufrieden gegen eine der Wände und aß sein mitgebrachtes Brot. Er wollte schon immer ein Baumhaus haben — Caro auch — aber das war ja nie möglich gewesen. Zu ihrer kleinen Vierzimmerwohnung gehörte ja kein Garten und selbst wenn sie den gehabt hätten, gab es niemanden, mit dem er es hätte bauen können.
Dieses Baumhaus hier — dass er bereits jetzt als seins betrachtete — war also perfekt. Vielleicht würde er Caro irgendwann davon erzählen, aber vorerst blieb es sein Geheimnis. Bis vor Kurzem hatten sie sich sogar ein Zimmer geteilt, da wollte er einmal etwas nur für sich haben.
Tagelang beschäftigte Leo sich mit der Einrichtung des Baumhauses. Er trug die alten Tücher zum Müll und fand dort Holzplanken. Die nahm er wieder mit zurück und machte sich daran, die Leiter zu erneuern. Das Ergebnis war nicht schön, aber es hielt seinem Gewicht stand, als er probeweise auf einer der unteren Sprossen auf und ab hüpfte.
Von Zuhause brachte er eine alte Isomatte mit, die sie nie verwendeten, und den Schlafsack, den er mal für einen Schulausflug gebraucht hatte. Leo stibitzte Kerzen aus dem Schrank im Wohnzimmer und eine Laterne; er wollte das Baumhaus schließlich nicht sofort wieder abfackeln. Sein Taschengeld verwendete er in diesem Sommer nicht, um sich mit Eis den Bauch voll zu schlagen, sondern um alte Bettlaken und eine Plastikplane zu kaufen, damit er die Wände wieder abhängen konnte.
Abends kam er meistens erst spät nach Hause. Selbst wenn er nicht versuchte, das Baumhaus so bequem wie möglich zu machen, war er gerne dort. Hier konnte er ungestört lesen, die einzigen Geräusche um ihn herum waren das Singen der Vögel und Hund, der auf dem Grundstück neben dem Wald manchmal bellte.
Das Baumhaus war Leos eigenes kleines Paradies. Und es wurde noch schöner, als er eines Tages auf dem Weg dorthin einen Jungen in seinem Alter fand.
Er war größer als Leo, hatte kurz geschorene, dunkelblonde Haare und stechend blaue Augen. Auf dem Schulhof hätte er einen großen Bogen um ihn gemacht, weil er genauso aussah wie einer von denen, die Leo auf dem Kieker hatten. Aber nicht hier. Nicht im Wald, in der Nähe von seinem Baumhaus, nicht wenn der andere Junge schmerzverzerrt seinen Bauch hielt und sichtlich damit kämpfte, ruhig zu atmen.
Also ging Leo auf ihn zu, langsam und vorsichtig, so wie er auf ein ängstliches Tier zugegangen wäre. Er streckte seine Hand aus, berührte den anderen sanft an dessen Schulter, um seine Aufmerksamkeit zu erregen und riss seinen Arm sofort zurück, als er panisch zusammen zuckte.
Leo stolperte rückwärts, landete auf dem Hosenboden. Der andere sah ihn mit großen Augen an, die Leo so scheinen, als wären sie voller Angst.
“Sorry,” murmelte er leise. “Ich wollte nur schauen, ob alles in Ordnung ist.”
“Geht schon,” antwortete der andere, obwohl auch das Atmen ihm Schwierigkeiten zu bereiten schien. “Muss mich nur ein bisschen ausruhen.”
Ähnlich wie Leo nicht wusste, was ihn dazu gedrängt hatte, auf den anderen Jungen zuzugehen, wusste er auch nicht, was ihn dazu bewegte, ihm von seinem Baumhaus zu erzählen. “Ist vielleicht bequemer da,” fügte er hinzu, nachdem er ihn schon eingeladen hatte.
Der Andere sah ihn immer noch mit großen Augen an. Aber dann nickte er und folgte Leo durch den Wald.
Zunächst saßen sie schweigend zusammen, dann knurrte der Magen des Anderen und Leo bot ihm sein mitgebrachtes Brot an. Sie teilten es sich und irgendwann lernte Leo, dass der andere Adam hieß.
Adam. Der Name fühlte sich richtig an auf seinen Lippen, was ein seltsamer Gedanke war. Trotzdem sagte er ihn immer und immer wieder, erst an diesem Tag und dann an jedem weiteren.
In den nächsten Wochen, bis zum Ende der Sommerferien, trafen sie sich fast jeden Tag im Baumhaus. Adam konnte manchmal nicht kommen, oder erst spät, aber wann immer er es tat, dann lächelte er. Er wirkte glücklich, hier bei Leo zu sein.
Leo begann ihm vorzulesen, wenn er vom Training erschöpft war — Leo hatte bis dahin nicht gewusst, dass man so viele Sportarten gleichzeitig spielen konnte — und irgendwann ruhte Adam mit dem Kopf in seinem Schoß. Leo kraulte ihm durch die kurzen Haare, während er die Geschichten erzählte und das Kribbeln in seinem Bauch wurde von Mal zu Mal stärker.
Leo brachte Kuchen mit, Adam Kissen, die seine Mutter hatte wegwerfen wollen. Adam organisierte eine batteriebetriebene Lampe, die sie an die Decke hängen konnten, Leo einen kleinen Verbandskasten, um sich um Adams scheinbar permanente Verletzungen kümmern zu können.
Nach und nach wurde Leos Baumhaus zu ihrem Baumhaus und Adam zu Leos bestem Freund.
Sie sprachen nicht über die Schule. Keiner von ihnen wollte darüber nachdenken, wie es nach den Ferien weitergehen würde. Sie wollten den Sommer zusammen in vollen Zügen genießen und sich nicht schon vorzeitig aus ihrer Blase der Geborgenheit und Unbeschwertheit vertreiben lassen.
Schon gar nicht, nachdem Adam sich eines Tages überraschend zu Leo gelehnt und ihre Lippen sanft aufeinander gedrückt hatte. Leo war das Herz in der Brust stehen geblieben und es hatte einen Augenblick gedauert, um sich daran zu erinnern, dass er nicht träumte. Aber dann hatte er sich doch noch gefangen und den Kuss erwidert.
Danach las er nicht mehr ganz so viel vor. Stattdessen lagen sie nebeneinander im Baumhaus, küssten sich, ließen ihre Hände unter ihren T-Shirts auf Erkundungstouren warmer Haut gehen. Selbst nachts, lange nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, musste Leo noch an Adam denken. Er war heilfroh, dass seine Mutter und Oma beschlossen hatten, dass sie sich ein Zimmer teilen konnten, sodass Leo und Caro seit ihrem letzten Geburtstag jeder ihren eigenen Raum hatten.
Die Stunden im Baumhaus vergingen wie im Flug, die Tage waren nie lang genug, und das Ende der Sommerferien rückte näher und näher. Leo wollte fragen, wie es weitergehen würde, ob sie sich nach dem Unterricht hier treffen könnten, am Wochenende vielleicht, aber jedes Mal, wenn er kurz davor war, die Worte auszusprechen, verließ ihn der Mut.
Er wollte nicht, dass Adam nein sagte. Er wollte nicht, dass das hier zu Ende ging.
Also ging er nach Hause und wich Caros Fragen aus. Wenn sie mit ihm reden wollte, dann sprach er über etwas anderes und behielt Adam ganz für sich.
Leo wollte Adam immer für sich haben und ihn nie teilen müssen.
Am letzten Tag der Sommerferien lag die Endstimmung schwer über dem Baumhaus. Ihre Küsse wurden drängender, die Bewegungen ihrer Hände fahriger. Trotzdem sprach keiner von ihnen den Elefanten im Raum an. Sie ignorierten ihn und als Leo viel später als zur vereinbarten Zeit nach Hause kam, ließ er die Standpauke seiner Mutter ohne Gegenworte über sich ergehen.
Die zusätzlichen Minuten mit Adam waren es allemal wert gewesen.
Am nächsten Morgen schleppte er sich aus dem Bett, ohne den Elan der letzten Wochen. Er machte sich mechanisch für die Schule fertig, frühstückte, packte seine restlichen Sachen zusammen. Gemeinsam mit Caro lief er zum Bus, aber sobald er sie nach Tom fragte, vergaß sie, dass sie sich erkundigt hatte, warum er plötzlich so geknickt wirkte.
Aber wie sollte es auch anders sein? Zehn Stunden Unterricht waren nicht einmal ansatzweise so aufregend wie zehn Minuten mit Adam im Baumhaus. Er würde ihn so vermissen, wünschte sich fast, dass sie auf dieselbe Schule gingen, auch wenn er dann Zeuge werden würde, was für ein Loser Leo war.
Sein unausgesprochener Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Die Schultasche auf dem Rücken wartete er neben Caro darauf, dass der Trubel des ersten Tages sich vom Schulhof auf die Klassenzimmer verteilte. Sie wollten beide noch an ihren Spind und hatten keine Lust, sich durch die Traube von Menschen zu kämpfen.
Caro war damit beschäftigt, Tom zu texten, der auf eine andere Schule ging und den sie darum erst am Nachmittag würde sehen können. Sie bemerkte also gar nicht, wie Leo sich neben ihr anspannte und vergaß, wie man atmete.
Denn da war Adam. Stocksteif stand er neben einem Mann, der sich gerade mit einem der Lehrer unterhielt. Immer wieder deutete er auf Adam, schlug ihm ein paar Mal so fest auf die Schulter, dass Leo sogar aus der Entfernung sehen konnte, wie Adam die Zähne zusammenbiss.
Er wollte zu ihm gehen, ihm sagen, wie sehr er sich freute, dass sie jetzt zur selben Schule gingen, aber der Mann machte Leo Angst. Also wartete er ab. Sicher würden sich genug Gelegenheiten ergeben, ihn anzusprechen, ihn wissen zu lassen, dass ihre gemeinsame Zeit noch nicht vorbei sein musste.
Die ersten Stunden hatten sie keinen gemeinsamen Unterricht. Erst zur fünften waren sie im selben Kurs, wie Leo feststellte, als Adam den Raum mit Eric und Maik betrat.
Es irritierte ihn. Eric und Maik waren mit die schlimmsten von allen, eingebildet und versnobt. Adam passte nicht zu ihnen und doch lachte er über das, was sie sagten, als wären sie alte Kumpel. Trotzdem nahm Leo all seinen Mut zusammen, um ihn nach der sechsten Stunde anzusprechen.
Mit dem kalten, desinteressierten “Kennen wir uns?” hatte er nicht gerechnet. Mit dem darauffolgenden Lachen der anderen schon.
Es war nur der Anfang für das, was sich in den nächsten Jahren entwickeln würde. Und In diesem Moment begann ein Teil von Leo Adam so sehr zu hassen, wie er noch nie zuvor jemanden gehasst hatte.
Das Problem war allerdings, dass er auch noch nie so viel an eine andere Person denken musste, wie an Adam Schürk. Auf dem Weg zur Schule, im Unterricht, beim Hausaufgaben machen, wenn er schlief; Adam war immer irgendwie da, als hätte er sich in seinem Kopf und seinem Herzen eingenistet.
Leo weigerte sich, seine Gefühle als Verliebtheit zu benennen. Im schlimmsten Fall war das, was er für Adam empfand, eine Schwärmerei und für die konnte er nichts. Lehrer, Eltern, Ärzte: die erzählten doch immer, dass sie als Teenager von Hormonen geplagt wurden und darum kaum klar denken konnten.
Und genau das musste der Grund sein, warum Leo sich Adam Schürk einfach nicht aus dem Kopf schlagen konnte. Sein Körper verwechselte da einfach was, konnte den Hass nicht richtig zuordnen und sorgte dafür, dass Leo sich von Adam angezogen fühlte, wie eine Motte vom Licht.
Es war die einzige Erklärung, die Sinn ergab. Denn warum sonst, sollte er Adam immer wieder vergeben?
A D A M
August 2020
Wäre Adam der Typ der heult, würde er das genau jetzt machen. Tut er aber nicht, egal wie groß der Frust ist und wie blank seine Nerven gerade liegen.
Normalerweise würde er jetzt zum Stressabbau mindestens eine Zigarette rauchen und am besten mit einer großen, eiskalten Flasche Wasser runterspülen, aber das geht auch nicht. Die Zigaretten sind schon seit Stunden leer — eben weil er sie in seinem Frust aufgeraucht hat — und das Wasser in der Flasche ist mittlerweile warm genug, um damit zu kochen.
Und er? Er ist monumental spät dran.
Adam steht im Stau. Schon seit Stunden. Es ist Anfang August und das perfekte Wetter, um noch ein letztes Mal vor dem Ende der Sommerferien ins Schwimmbad zu gehen, Eis zu essen und sich zu entspannen. Wirklich schön eben, außer natürlich man sitzt in einem uralten Auto, dessen Klimaanlage, obwohl vorhanden, irgendwie noch nie ging.
Heute Morgen war noch alles gut. Adam hat seine restlichen Habseligkeiten auf der Rückbank und im Kofferraum verstaut — nicht, dass er viel besitzen würde — und ist in Berlin losgefahren. So früh, dass er es mehr als rechtzeitig zu seinem ersten Termin in Saarbrücken geschafft hätte .
Hatte er viel Schlaf? Nein. Aber damit konnte er schon immer gut umgehen, auch wenn ihm schon mehr als einmal gesagt wurde, dass er mit den dunklen Ringen unter den Augen scheiße aussieht.
Das Auto vor ihm bewegt sich einige Zentimeter nach vorne. Es ist vergebene Liebesmüh, weil die Fahrbahn ein paar Kilometer vor ihnen ja noch immer gesperrt ist, aber Adam tut es ihm trotzdem gleich, bevor er den Motor wieder ausstellt und sich in den Sitz zurückfallen lässt.
Eigentlich hätte er es besser wissen müssen, als erst heute hierher zu fahren. Am Ende der Sommerferien ist ja immer Stau, wenn alle aus dem Urlaub zurückkommen. Dass einer von denen so blöd ist sich mit einem Laster anzulegen, der jetzt die ganze Fahrbahn blockiert, war ja auch irgendwie klar.
Automatisch greift Adam nach seinem Handy, das er auf den Beifahrersitz geworfen hat. Es ist schon seit Stunden aus und seit der Zigarettenanzünder im Auto kaputt ist, kann er es auch nicht mehr laden. Wenigstens hat es noch gereicht, um zumindest telefonisch am Treffen der Geo Fachschaft teilzunehmen — die außer ihm sowieso nur ein weiteres Mitglied hat — bevor es den Geist aufgegeben hat.
Frustriert wirft er das Teil wieder zur Seite und setzt zum hundertsten Mal eine Powerbank auf seine mentale Einkaufsliste. Irgendwann wird er schon dran denken.
Zu Adams Verteidigung sei gesagt, dass er irgendwie bis gestern gehofft hat, dass sich das alles als ein schlechter Scherz erweisen würde und man ihm sagt, dass er in Berlin bleiben kann. Klar, er hat vor über einem Jahr den Antrag auf eine Versetzung an eine Schule in Saarbrücken eingereicht, aber es ist ja nicht davon ausgegangen, dass dem tatsächlich zugestimmt wird.
Damals war sein Vater gerade in eine schicke, private Pflegeeinrichtung verlegt worden — das Beste, was man für Geld kaufen kann — und Adams Mutter hat ihm in den Ohren gelegen, wie sehr sie doch seine Hilfe benötigt. Auch wenn er keine Ahnung hat, was für Hilfe sie mit seinem Alten braucht, vor dem er vor Jahren geflohen ist und der jetzt kränklich und schwach und vor allem ohne Bewusstsein in einem Krankenhausbett liegt. Pflichtschuldig hat Adam den Antrag trotzdem geschrieben und ihr ein schlechtes Foto von dem Brief geschickt, dass dieser bearbeitet wird, das aber noch mehrere Jahre dauern kann.
Um ehrlich zu sein, hatte er den Antrag ganz vergessen, bis sein Chef — jetzt ehemaliger Chef, erinnert Adam sich — ihn vor knapp zwei Wochen angerufen hat, um mitzuteilen, dass er wie gewünscht nach Saarbrücken geschickt werden würde. Adam hatte etwas dümmlich mitten im Supermarkt vor sich hin gestarrt, froh, dass die anderen Einkaufenden in Berlin einfach einen Bogen um ihn machten und sich nur nuschelnd darüber beschwerten, dass er mitten im Gang stand.
Das Saarland hatte genug Lehrer, konnten die nicht einen anderen finden?
Scheinbar nicht. Ausgerechnet an seiner alten Schule war eine Stelle frei geworden nachdem ein älterer Lehrer — an den konnte er sich von seiner eignen Zeit auch nur als alt erinnern — drei Wochen nach dem Beginn der Sommerferien mitgeteilt hatte, dass er zu krank war, um im neuen Schuljahr nochmal wieder zu kommen. Dummerweise hatte der dieselben Fächer unterrichtet wie Adam und sein Antrag auf Versetzung war denen in Saarbrücken plötzlich wie ein Geschenk erschienen.
So konnte der alte Lehrer einfach ausgetauscht und die erstellten Stundenpläne einfach übernommen werden.
Drei fucking Wochen vor dem Beginn des neuen Schuljahres und Adam hatte es auch noch als letzter erfahren, als fast schon alles erledigt war und der neue Arbeitsvertrag bereits an ihn verschickt wurde. Er hatte nicht mal die Möglichkeit gehabt höflich abzulehnen, weil die stellvertretende Direktorin ihm schon die Lehrpläne des letzten Jahres geschickt hatte, damit er wusste, auf welchem Stand seine neuen Schüler waren. Sein alter Chef hatte seine Kurse schon alle an andere Kollegen verteilt, sodass ihm nichts weiter übrig blieb, als seine Sachen zu packen und loszufahren.
Gut, ein paar Dinge hatte er schon noch erledigen müssen in Berlin. Zum Beispiel vom erst neu geschlossenen Mietvertrag zurücktreten, den er sich hatte suchen müssen, nachdem sein letzter Freund ihn überraschend rausgeschmissen hatte. Seine wenigen Habseligkeiten hatte er auch sortieren müssen, und sich eine Unterkunft hier in Saarbrücken gesucht.
Und natürlich hatte er seine Abneigung gegen seine Heimatstadt überwinden müssen.
Es gab mehrere gute Gründe, warum er vor zwölf Jahren aus der Stadt geflohen war, sobald er sein Abitur hatte. Einer davon lag in einer Klinik im Koma, der andere hatte sich sein Leben lang nicht für ihn interessiert.
Ein dritter hatte wunderschöne, blau-grüne Augen, die ihn zuletzt nur noch voller Hass angesehen hatten.
Adam hatte einfach verschwinden müssen. Nichts hatte ihn in der Stadt gehalten, also hatte er sich in einem kleinen Kaff im Osten eine Stelle für seinen Zivi gesucht und war dann eine Weile dort geblieben. Als Mann in der Kinderbetreuung hatten sie ihn gar nicht wieder gehen lassen wollen und so hatte er noch ein weiteres Jahr dort verbracht, bevor er nach Berlin weitergezogen war, um zu studieren.
Lehramt für die gymnasiale Oberstufe, Mathe und Sport, weil er darin in der Schule immer so gut war. Später nahm er noch Geographie dazu, verbrachte die Semesterferien damit zu reisen und in Bars überall auf der Welt zu jobben, um sich das ganze zu finanzieren.
Er hatte Glück, mehr als einmal bestand seine Prüfungen mit guten Noten, obwohl er eigentlich nicht genug lernte. Ein Lehrer ging in Rente, gerade als er sein Referendariat beendete und Adam konnte bleiben.
Nach und nach baute er sich ein gutes Leben in Berlin auf, etwas, das er nie für möglich gehalten hatte.
Er ging mit Kollegen trinken — der Schulpsychologe war sein bester Freund — und irgendwann waren blaugrüne Augen einfach nur noch schön und keine schmerzhafte Erinnerung an die Vergangenheit mehr. Was er anfangs auf One Night Stands beschränkte, entwickelte sich nach und nach zu einer Reihe von kürzeren und einer langen Beziehungen.
Seine Schüler mochten Adam, und er mochte seine Schüler. Natürlich war es oft anstrengend, vor allem zu Beginn, aber nach und nach wurde es einfacher und Adam stellte fest, dass er zufrieden war.
Klar hatte er gehofft, dass seine Beziehung mit Jan länger halten würde, aber am Ende war er nicht einmal überrascht. Zwischen ihnen war es schon länger nicht mehr gut gelaufen und Jan hatte einfach den Mut besessen, einen Schlussstrich zu ziehen.
Oder vielmehr war er bereit gewesen, eine Beziehung mit einem anderen Mann zu beginnen und da musste Adam natürlich vorher weg. Scheiße gelaufen, aber was wollte man machen?
Auch wenn er nicht mit dem Ende der Beziehung ringt — vielleicht war er doch nicht so investiert gewesen, wie er glauben wollte — ist es vielleicht nicht schlecht, wenn er von Berlin Abstand nimmt. Das hatte auch Vincent gesagt, sein bester Freund, als Adam entgeistert mit den Unterlagen für seine Versetzung bei ihm und seinem Mann auf der Couch gesessen hatte, die ihm in den letzten Wochen als Bett gedient hatte.
Abstand, Tapetenwechsel, Neuanfang. Ganz egal, was seine Versetzung am Ende werden würde, Saarbrücken wäre nicht seine erste Wahl gewesen. Und doch schiebt er sich jetzt langsam mit den anderen verzweifelten Autofahrern auf die Stadt zu und hofft, dass er nicht am Ortseingangsschild spontan in Flammen aufgeht.
Eine Verpflichtung hat er heute noch: die Besprechung der Sportfachschaft vor Beginn des neuen Schuljahres. Da gibt es um einiges mehr zu besprechen als nur wo Adam die Karten für seinen Unterricht finden kann.
Sie treffen sich allerdings nicht in der Schule. Die Fachschaft Sport ist mit einer Ausnahme wohl relativ jung. Laut Aussage von Esther, einer seiner neuen Kolleginnen und der stellvertretenden Schulleiterin, ist Herr Schubert nie bei ihren Treffen dabei — er unterrichtet Sport sowieso nur noch vertretungsweise und hilft beim Sportfest aus — und darum gestalten sie die immer etwas informeller. Meistens treffen sie sich bei einem von ihnen zu Hause, grillen im Garten, wenn das Wetter es zulässt.
Oder wenn Adam es schafft, endlich weiter zu fahren als nur ein paar Meter, weil die Fahrzeuge vor ihm sich neu arrangiert haben.
Nach einer weiteren Stunde, in der er immer wieder nach seinem toten Handy oder der leeren Schachtel Zigaretten greift, am Radio spielt und eine Brise Wind herbeisehnt, geht es endlich vorwärts. Scheinbar haben sie zumindest eine der Fahrbahnen frei bekommen und können den Verkehr wie durch ein Nadelöhr durch die Lücke leiten.
Die Karosserie vibriert gefährlich, als er aufs Gas tritt. Der Lärm, den der Fahrtwind in den offenen Fenstern verursacht, ist ohrenbetäubend, aber wenigstens kühlt der Schweiß auf seiner Haut. Wenn er sich beeilt, kann er es noch einigermaßen rechtzeitig schaffen und nicht gleich den allerschlimmsten Eindruck bei seinen neuen Kollegen hinterlassen.
Die Adresse, die Esther ihm am Vortag schon geschickt hat, ist ihm einigermaßen bekannt. Es ist ein Neubaugebiet unweit der Straße, in der das Haus seiner Eltern steht. Zum Glück kennt Adam sich noch gut genug aus in Saarbrücken, um es auch ohne die Karten App in seinem Handy zu finden.
Ein funktionierendes Telefon hat eben so seine Vorteile.
Ein weiterer solcher Vorteil wäre gewesen, dass Adam hätte nachsehen können, ob Esther ihm zusammen mit der Adresse auch einen Namen genannt hatte. Adam kann es sich nicht vorstellen, weil er Berlin dann vermutlich nie verlassen hätte.
Er hält vor der passenden Adresse und betrachtet für einen Moment das Haus. Ein schlichter Neubau, höchstens zwei Jahre alt, denkt Adam sich. Nicht zu groß und nicht zu klein und vermutlich großartig geeignet, um darin perfekte zwei Komma drei Kinder und einen gemütlichen Hund großzuziehen.
Einen weißen Lattenzaun gibt es nicht, dafür aber eine freistehende Doppelgarage, vor der ein zusätzlicher Wagen parkt. Dem Kennzeichen nach könnte es Esthers Auto sein, also stellt er sich daneben. Adam ist sich ziemlich sicher, dass die Hausnummer stimmt, auch wenn er nicht noch einmal nachsehen kann. Und falls nicht, können sie ihn einfach weiterschicken.
In so einer idyllischen Straße wissen die Nachbarn doch sicher, wo die Lehrer wohnen.
In der Nachbarschaft zu klingeln, stellt sich als nicht notwendig heraus. Adam stellt gerade den Motor ab, als die Haustür aufgeht und eine Frau heraustritt. Sie ist etwa in seinem Alter, hat die Haare zu einem wirren Knoten auf dem Kopf zusammengebunden und schaut ihn neugierig an.
Adam sucht noch schnell das Deo aus seinem Rucksack — eigentlich hatte er erst zur Pension fahren und duschen wollen, bevor er stundenlang im Stau gestanden hatte — bevor er aussteigt. Mit einem Lächeln geht er auf sie zu.
“Esther?” fragt er vorsichtig. Auf der Homepage der Schule gibt es nur ein großes Foto von all seinen neuen Kollegen zusammen, also hat er keine Ahnung, wen er hier vor sich hat.
Die Frau lacht und hält ihm die Hand hin. “Charlotte,” korrigiert sie ihn. “Du musst der neue Kollege von meinem Verlobten sein.”
Adam ergreift ihre Hand und drückt sie einmal kurz. “Wenn der Lehrer ist, könnte das schon sein,” antwortet er fast schon erleichtert, als er ihr die Hand hinhält. So viele neue Kollegen werden heute sicher nicht hier in der Straße erwartet. “Adam Schürk.”
“Freut mich.” Sie nickt und deutet auf den gepflasterten Weg zwischen Haus und Garage. “Die anderen sind dort hinten. Ich hab’ nur noch schnell den Nudelsalat fertig gemacht, aber ich lasse euch jetzt alleine. Wenn ihr wieder anfangt über Fußball zu reden,” fügt sie mit einer gequälten Grimasse hinzu, “will ich lieber ganz woanders sein.”
Er lacht kurz mit Charlotte und schaut ihr dann nach, als sie sich auf ihr Rad schwingt. Sie verschwindet hinter den hohen Hecken, die einem Nachbargrundstück als Sichtschutz dienen und Adam wendet sich wieder dem Weg zum Garten zu.
Der Geruch von schwelender Holzkohle kommt ihm schon entgegen, zusammen mit lautem Lachen. Eine Frau folgt ihm, den Blick nach hinten über die Schulter gerichtet, und rennt fast in ihn rein, bevor sie sich fängt.
“Ah, du bist bestimmt Adam,” mutmaßt sie. “Ich bin Esther. Freut mich dich kennen zu lernen.”
Adam nimmt die Hand, die ihm entgegengestreckt wird und lächelt. “Gleichfalls. Bitte entschuldige, dass ich so spät bin. Es gab einen ziemlichen Stau-”
Esther unterbricht ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung. “Macht nichts,” versichert sie ihm. “Wir sind auch ein bisschen spät dran gewesen. Hilfst du mir kurz?”
Mit einem Nicken folgt er ihr zurück zum Auto und bekommt sofort eine Schüssel in die Hand gedrückt. Er kann nicht sehen, was drin ist, aber es riecht auf jeden Fall hervorragend.
Esther schließt ihr Auto wieder ab und macht sich auf den Weg zurück in den Garten. “So ist es besser,” meint sie und wirft ihm über die Schulter ein Grinsen zu. “Wenn ich Pia zu lange mit etwas Essbarem alleine lasse, dann ist es gleich verschwunden. Pia ist deine andere neue Kollegin,” fügt sie noch für ihn hinzu. “Und meine Verlobte.”
“Glückwunsch,” antwortet er und stellt überraschend fest, dass er es auch tatsächlich so meint.
Eigentlich findet er es immer ein bisschen unangenehm, wenn seine Kollegen sich miteinander einlassen — das kann dem Arbeitsklima nur schaden — aber irgendwie ist Esther ihm sympathisch. Das war sie schon in ihren E-Mails, die sich alle auf das Wesentliche beschränkten und sich nicht mit sinnlosem Geplänkel aufgehalten haben.
“Du könntest mir auch einfach helfen,” hört er eine angenehme, männliche Stimme aus dem Garten rufen, bei der Adam ein wohliges Kribbeln durchfährt. “Dann geht’s schneller.”
Das muss sein anderer neuer Kollege sein. Der, bei dem sie gerade zuhause sind, Charlottes Verlobter.
“Und dafür aufhören, mit Killer zu spielen?” ruft eine Frauenstimme zurück, die nach dem Ausschlussprinzip zu Pia gehören muss. “Niemals.”
“Toller erster Eindruck vor dem neuen Kollegen,” wirft Esther ihnen zu, als sie um die Ecke biegt. “Dann weiß der gleich Bescheid, wie’s bei uns zugeht.”
Pias Antwort geht im Rauschen der Eindrücke unter, die auf Adam einströmen. Er registriert am Rande, dass Pia mit einem winzigen Hund im Gras herumtollt, der definitiv nicht Killer heißen sollte. Der Garten ist groß, schließt sich an eine großzügige, wenn auch unfertig aussehende Terrasse an, auf der sich die Blumenkübel um die Plätze streiten.
Sieht schön aus, wäre ihm aber zu viel Aufwand, denkt Adam noch, bevor sein Blick auf den Rücken seines neuen Kollegen fällt. Den würde er auch ansehnlich finden, wenn er nicht schwul wäre. Ist er aber zum Glück und weiß das Meisterwerk also noch viel besser wert zu schätzen. Ein dünnes, hellblaues Shirt spannt sich über weite Schultern und fällt dann auf schmale Hüften.
Er kommt leider nicht mehr dazu, den wirklich tollen Hintern in den Cargoshorts zu bewundern — gucken darf er ja, auch wenn der Typ vergeben ist — bevor er sich umdreht. Adam kann noch kurz einen bewundernden Blick über eine ebenso schöne Vorderseite wandern lassen, bis seine Augen auf blaugrüne treffen und sein Herz einen Moment lang stehen bleibt.
Nein.
Das kann einfach nicht sein.
Adam will zur Haustür rennen, schauen, ob er nicht vielleicht doch falsch ist. Nie im Leben kann das sein. Das ist alles nur Einbildung, vielleicht ein entfernter Verwandter mit denselben Augen.
Aber das kann es nicht sein, weil diese wunderschönen, blaugrünen Augen sich vor Entsetzen weiten, als sie ihn erkennen. Dann schwingt es in Verärgerung um, und Adam kann es ihm nicht einmal verdenken.
Natürlich hasst Leo ihn. Wie sollte es auch sonst sein, nach allem, was er ihm angetan hat? Und dann taucht er auch noch hier auf, ohne Vorwarnung, und steht nach Jahren einfach so in seinem Garten.
Sein einziger Trost ist, dass ihr Blickwechsel nicht lange dauert, bevor Leo sich wieder dem Grill zuwendet. Seine Anwesenheit hat er nur mit einem Nicken quittiert und er überlässt es Esther, ihn vorzustellen.
Pia und Esther freuen sich, dass er da ist, drücken ihm sofort ein Bier in die Hand. Sie fragen ihn aus, erzählen über die Schule und ihre Schüler:innen und alles, woran Adam denken kann, ist, dass er am liebsten ganz schnell wieder verschwinden will.
Vielleicht geht er ja doch noch spontan in Flammen auf.
