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Nachher in der Notaufnahme

Summary:

Leo hat keine Ahnung, warum ausgerechnet er immer mit allen möglichen Anliegen in die Notaufnahme geschickt wird. Aber beschweren wird er sich bestimmt nicht, wenn ihn dort immer der hübsche Pfleger mit den blauen Augen begrüßt.

Adam ist total überfordert, als dieser süße Polizist auf einmal immer wieder auftaucht. Vor allem, weil es manchmal echt so wirkt, als ob er mit Adam flirtet. Aber das kann doch nicht sein, oder?

Pia und Esther wollen einfach nur ein Happy End für die beiden (und vielleicht auch für sich selbst).

Notes:

Ich habe es endlich geschafft - Vielen Dank für den Post, der das hier inspiriert hat. Ich hoffe, es entspricht in etwa deinen Vorstellungen :D

Es ist ein Alternate Universe, das heißt Leo und Adam kennen sich noch nicht und haben keine gemeinsame Vorgeschichte. Der Rest sollte sich aus der Story ergeben.

Chapter Text

An Feiertagen ist im Präsidium immer besonders viel los. Leo hat das Gefühl, dass an solchen Tagen, wenn sie eh schon mit geringer Besetzung arbeiten als sonst, immer alle auf einmal Unfälle haben. Oder die Leute tauchen einfach so im Präsidium auf, um Anzeigen aufzugeben, weil man halt ausnahmsweise mal Zeit dafür hat. Zu allem Überfluss darf Leo heute nicht einmal wie normalerweise Streife fahren, sondern hängt im Büro fest und muss Aussagen von einer Geburtstagsparty aufnehmen, die letzte Nacht aus dem Ruder gelaufen ist und mit einigen Verletzten geendet hat.

Das Mädchen vor ihm ist gerade mal achtzehn und wirkt so, als habe sie auch am Mittag danach noch jede Menge Restalkohol. Gesehen hat sie gestern angeblich nichts, aber so wie sie sich zwischendurch an den Kopf fasst, wirkt es auch nicht so, als ob sie sich im Zweifel an Details erinnern könnte. Leo notiert sich trotzdem streng nach Vorschrift ihre Kontaktdaten für den Fall, dass noch mehr Fragen auftauchen und lässt sie das Formular zum Datenschutz unterschreiben, bevor er sie wieder in den Flur entlässt.

Er lehnt sich kurz in seinem Stuhl zurück und schließt die Augen. War er damals auch so? Es ist noch gar nicht so lange her, dass er regelmäßig auf Partys war und er geht auch jetzt noch gerne mit Freunden feiern, aber er hofft doch, dass er mit dem Alkohol besser umgehen kann als die Halbstarken, die hier heute schon vor ihm gesessen haben.

Im Flur wartet immer noch eine Reihe von Leuten auf eine Vernehmung. Leo will gerade den nächsten mit reinnehmen, als seine Kollegin Esther am Ende des Ganges auftaucht. Bei dem versteckten Grinsen ihn ihrem Gesicht ahnt Leo nichts Gutes. Sie marschiert an den Wartenden vorbei gezielt auf ihn zu.

Es ist nicht so, als ob Esther und er offen verfeindet wären, aber beste Freunde sind sie auch nicht gerade. Seit Leo vor einem halben Jahr mit dem Studium fertig geworden ist, sind Esther und er ein Team. Sie ist schon ein Jahr länger dabei als er und zögert nicht, ihre zusätzliche Erfahrung bei jeder Gelegenheit raushängen zu lassen. An sich würde Leo das gar nicht stören, wenn sie nicht immer so schauen würde, als ob er alles falsch macht und hier total fehl am Platz ist. Dass sie auf Streife gezwungen sind, ständig lange Zeit am Stück zusammen im Auto zu sitzen, meistens ohne jegliche Ablenkung, hilft ihnen nicht gerade. In den letzten Wochen sind sie öfters aneinandergeraten, weil Esther von Leos eher vorsichtiger, kalkulierender Vorgehensweise nichts hält und weil er es nicht gut findet, dass sie immer sofort mit dem Kopf durch die Wand muss, auch wenn das nicht immer effektiv ist.

Esther bleibt immer noch lächelnd vor ihm stehen. Er hat eigentlich gehofft, ihr durch den gezwungenen Innendienst zumindest heute mal aus dem Weg gehen zu können, aber so viel Glück hat er wohl nicht. „Neue Aufgabe für dich. Du sollst dich am Empfang melden. Ich übernehme hier.“

Leo ist zunächst so froh, von dem schalen Alkoholgeruch und den müden Teens (und Esther) wegzukommen, dass er gar nicht darüber nachdenkt, was sie ihm jetzt übertragen wollen. Spannende Aufgaben bekommt er sowieso eher selten. Als er in der Eingangshalle steht, wird ihm jedoch schnell bewusst, warum Esther so hocherfreut war, ihn oben abzulösen.

„Warum ausgerechnet ich?“

Mila vom Empfang schaut ihn mitleidig an. „Esther hat dich vorgeschlagen.“

Natürlich hat sie das. Da wird Esther sich wahrscheinlich noch wochenlang für ins Fäustchen lachen, dass sie Leo hier reingeritten hat.

Mila sieht immer noch so aus, als ob sie ihn gerade zu seiner eigenen Beerdigung eingeladen hat. „Da sitzt er.“

Leo folgt Milas Blickrichtung zu dem älteren Herrn, der sie beide hasserfüllt beobachtet. Leo fragt sich kurz, was passiert wäre, wenn man Esther zu dem Mann geschickt hätte. Vielleicht hätte sich ihr Hass gegenseitig ausgelöscht. Oder irgendwas wäre in die Luft gegangen.

Leo kennt Herrn Schuldt nur vom Hörensagen, aber dafür weiß er reichlich von ihm. Der Name ist jedem im Präsidium ein Begriff. Heute war er da, um seinen Nachbarn anzuzeigen, wie Mila ihm brühwarm berichtet, während sie so tut, als müsste sie ihm noch irgendwelche Zettel aushändigen. „Aber hör mal, der Nachbar war so dreist, seinen Rasen zu mähen. Am Feiertag!“ Sie kichert und tarnt es prompt als Husten.

Es passt zu allem, was Leo bisher über Herrn Schuldt gehört hat. Soweit er weiß, haben die Kollegen aus dem Archiv Wetten am Laufen, wie viele Anzeigen der Typ im Jahr aufgeben wird. Aber leider war sein Besuch im Präsidium heute nicht so erfolgreich und angeblich ist er auf den Treppen vor dem Präsidium gestürzt. „Er meint, die entsprechen bestimmt nicht der DIN-Norm“, flüstert Mila ihm noch zu, bevor sie Leo endgültig wegschickt und er keine Wahl mehr hat, als sich in sein Schicksal zu fügen.

Um sicherzugehen, dass Herr Schuldt sich nicht ernsthaft verletzt hat (und weil die Bosse von oben die nicht ganz unbegründete Befürchtung haben, er könnte sie dafür verklagen), soll Leo ihn jetzt in die Notaufnahme fahren. Eigentlich hat er darauf bestanden, dass er nur zu seinem Hausarzt will, aber da der am Feiertag keine Sprechstunde hat, bleibt nur das Krankenhaus. Genau der Ort, wo Leo heute am liebsten sein will. Er verflucht Esther und ihr Grinsen von vorhin.

Leo rückt seine Uniformjacke zurecht und nähert sich dem Wartebereich. „Guten Tag, mein Name ist…“

„Na, das wird auch Zeit. Eine Frechheit, dass Sie mich so lange hier sitzen lassen. Das ist ja fast, als ob Sie mich gegen meinen Willen hier festhalten würden.“

Leo beißt sich auf die Unterlippe und bemüht sich um einen freundlichen Ton. Immerhin ist er ein bisschen geduldiger als Esther, die wäre bestimmt schon ausgeflippt, nur weil er sie unterbrochen hat. „Bitte entschuldigen Sie, dass Sie warten musste. Ich werde Sie in die Notaufnahme bringen. Bitte folgen Sie mir.“ Es klingt wie eine Bandansage, und so fühlt er sich in diesem Job manchmal auch, aber es hilft ihm dabei, ruhig und sachlich zu bleiben.

Herr Schuldt scheint zunächst ein bisschen besänftigt, bis er im Dienstwagen sitzt. Esther ist zuletzt gefahren, was bedeutet, dass immer noch ihr Lieblingsradiosender eingestellt ist, der „das Beste von heute“ spielt. Er rümpft die Nase und Leo schaltet schnell das Radio aus. Trotzdem war es nicht schnell genug um zu verhindern, dass er sich darüber beschwert, dass es heutzutage gar keine richtige Musik mehr gibt und dass die jungen Leute von heute gar keinen Sinn mehr für Klassik haben. Leo hat nichts gegen klassische Musik, aber gerade jetzt hasst er sie aus Prinzip, nur weil Herr Schuldt so davon schwärmt.

Über Musik geht es dazu über, dass die Jungend von heute generell alte Menschen nicht mehr respektiert (wie dieses Fräulein vom Empfang, unerhört!) und über alle nervigen Menschen in seiner Nachbarschaft. Leo nimmt sich vor, nachher heimlich im System seine Adresse zu recherchieren, damit er garantiert niemals aus Versehen in diese Gegend zieht.

Die Viertelstunde Fahrt zieht sich gefühlt ewig hin. Als sie endlich auf den Parkplatz des Krankenhauses einbiegen, hat Leo so viel genickt und seinen Kiefer so stark zusammengepresst, damit er nicht doch noch anfängt, mit Herrn Schuldt zu streiten, dass sein Nacken anfängt zu schmerzen. Er seufzt erleichtert, als er es schafft, den Streifenwagen beim ersten Versuch gerade in eine Parklücke zu bugsieren und sich nicht auch noch Kritik über seinen Fahrstil anhören muss.

Die Notaufnahme ist in einem Seitentrakt des Krankenhauses untergebracht und hat einen separaten Eingang. Dass Leo das letzte Mal hier war, ist ewig her. Damals hat er seiner Schwester Caro beim Einrichten ihres WG Zimmers geholfen und sie ist beim Lampe aufhängen von einem Hocker gefallen und hat sich den Knöchel verstaucht. Sie hat ihn damals schwören lassen, dass er ihren Eltern nichts erzählt und sich von ihm in die Notaufnahme fahren lassen. Da hatte er gerade erst seinen Führerschein und hat den Wagen beim Ausparken vor ihrem Haus gegen eine Straßenlaterne gesetzt. Zum Glück ist ihm heute nichts in der Art passiert. Wahrscheinlich hätte Herr Schuldt ihn dann auch noch angezeigt, wegen Gefährdung des Straßenverkehrs oder so.

Als sie zum Eingang hinübergehen, humpelt Herr Schuldt übertrieben und hält sich die Hüfte. „Das mit den Treppen bei Ihnen ist gemeingefährlich, wissen Sie“, teilt er Leo mit.

Leo kann sich ziemlich gut erinnern, dass Herr Schuldt vorhin beim Präsidium ohne Probleme zum Auto gelaufen ist, aber er schweigt lieber und hält ihm die Tür auf. Drinnen stürmt Herr Schuldt zielstrebig auf den Empfang zu und ignoriert, dass davor noch eine Frau wartet. „Ich verlange, sofort einen Arzt zu sehen“, verkündet er. Leo bleibt peinlich berührt ein paar Schritte entfernt stehen. Er hasst es, mit solchen Leuten assoziiert werden.

Der junge Mann am Empfang sieht unbeeindruckt aus von Herrn Schuldts auftreten. „Alle unsere Ärzte sind gerade bei anderen Patienten. Sie müssen warten, wie alle anderen auch.“

Leo merkt, dass Herr Schuldt innerlich kocht, als der Pfleger sich einfach so wieder der Frau zuwendet und ihr in aller Ruhe erklärt, wie sie das Aufnahmeformular ausfüllen muss. Vielleicht lässt er sich sogar extra mehr Zeit. Seine Ruhe ist echt beeindruckend. Aber wahrscheinlich sieht er so etwas hier alle Nase lang.

Leo findet, dass er nicht wirklich in diesen Kontext reinpasst, obwohl er das typische hellblaue Outfit des Pflegepersonals trägt. Seine blonden Haare fallen ihm ins Gesicht, als er sich mit der Frau über das Papier beugt und er streicht sie mit einer Hand nach hinten. Sie sind eindeutig in Eigenregie gefärbt und haben einen leichten Gelbstich. Leo beobachtet fasziniert, wie ihm eine Strähne immer wieder in die Stirn fällt.

Sobald die Frau das Formular abgegeben hat und er sie gebeten hat, Platz zu nehmen, steht Herr Schuldt wieder ganz vorne am Tresen und wiederholt seine Aufforderung, dass er auf jeden Fall sofort einen Arzt sehen muss. Am besten den Chefarzt.

„Dann müssen Sie morgen wiederkommen. Der hat heute keinen Dienst.“

Der Pfleger wird Leo immer sympathischer. Er strahlt so viel Gelassenheit aus, als ob ihm das alles komplett egal ist. Leo wartet fast darauf, dass Herr Schuldt gleich tatsächlich aus der Haut fährt. Vielleicht verklagt er als nächstes das Krankenhaus wegen unterlassener Hilfeleistung.

„Bevor Sie einen Arzt sehen können,  müssen Sie das Aufnahmeformular ausfüllen. Das ist Vorschrift, ansonsten dürfen wir Sie nicht behandeln.“ Der Pfleger legt ein Klemmbrett und einen Kugelschreiber vor sich auf den Empfangstresen. „Setzen Sie sich doch dafür, Sie sehen aus, als müssten Sie mal runterkommen.“

Leo blickt Herrn Schuld entgeistert hinterher, als der sich ohne Widerworte und nur mit einem leisen Grummeln auf einen der Sitzplätze im Wartebereich verzieht. Er hätte damit gerechnet, dass er nach so einer Ansprache erst recht in die Luft geht.

„Und wie kann ich Ihnen helfen?“ Der junge Mann schaut Leo erwartungsvoll an. Auf den zweiten Blick sind seine Augen erstaunlich blau und mit genau diesen Augen scheint er Leo gerade abschätzend zu mustern.

Für einen Moment vergisst Leo, dass er rein dienstlich hier ist und nicht, um hübsche Männer anzustarren. „Ich hab ihn nur hergefahren“, bringt er heraus.

Der Blick des Pflegers wandert kurz von seinem Gesicht runter zu seiner Uniform. „Also immerhin kein Verwandter.“ Im nächsten Moment reißt er die Augen auf und schlägt sich eine Hand vor den Mund. „Sorry, das war total unprofessionell.“

Leo kann nicht anders, als ihn anzulächeln und mit dem Blick seiner Hand zu folgen, mit der er sich jetzt verlegen über den Nacken streicht. „Kein Problem, ich sag’s nicht weiter.“ Leo weiß nicht, was ihn überkommt, als er sich näher über den Tresen beugt, als würde er diesem Fremden ein Geheimnis anvertrauen wollen. „Ich bin auch froh, nicht mit dem verwandt zu sein.“

Der Fremde blinzelt ein paarmal, als ob ihn Leos plötzliche Nähe überrascht. Er hat lange Wimpern, die seine blauen Augen einrahmen. Leo meint außerdem, eine leichte Rotfärbung auf seinen Wangen erkennen zu können. „Gut, also… möchten Sie bleiben, bis der Herr fertig ist?“

Bevor Leo antworten kann, drängt sich Herr Schuldt wieder an ihm vorbei und stößt Leo fast schon grob zur Seite. Leo ist so überrascht (und zugegebenermaßen gerade ein bisschen abgelenkt), dass er unsanft gegen die Kante den Empfangstresen stößt. Er reibt sich unauffällig den Ellbogen und wartet, bis Herr Schuldt sein ausgefülltes Formular abgegeben hat.

„Und wie lange dauert das denn noch?“ beschwert er sich im gleichen Atemzug.

Die Röte ist aus dem Gesicht des Pflegers verschwunden und nun ist er wieder die Ruhe in Person. „Unsere Ärzte sind momentan alle bei anderen Patienten, aber ich setze Sie auf die Warteliste.“

Herr Schuldt läuft knallrot an vor Wut und vielleicht hat der Pfleger Mitleid mit den anderen Wartenden, die alle über sein Geschrei nicht unbedingt begeistert aussehen, also fügt er hinzu: „Ich kann Sie schon mal in ein Behandlungszimmer bringen, wenn Sie lieber dort warten wollen.“

„Na, immerhin“, murrt Herr Schuldt. „Hauptsache es dauert dann nicht so lange.“

Der Pfleger tritt hinter dem Tresen hervor und Leo kann nicht anders, als seine schlanke, schlaksige Figur wahrzunehmen, die in der unförmigen Kleidung fast verschwindet. Kurz bevor er mit Herrn Schuldt um eine Ecke biegt, dreht er sich noch einmal um und wirft Leo einen gequälten Blick zu, nur um ihm danach allen Ernstes zuzuzwinkern. Bis Leo auf die Idee kommt irgendwie zu reagieren, sind die beiden schon um die Ecke verschwunden.

Zum Glück ist es nicht so voll, dass es seltsam aussähe, dass Leo weiterhin am Empfang rumhängt. Streng genommen könnte er jetzt wahrscheinlich gehen. Soweit er weiß, sieht das Protokoll normalerweise nur vor, Verletze ins Krankenhaus zu bringen und sie in die Hände des zuständigen Pflegepersonals zu übergeben. Aber er ist sich nicht wirklich sicher, ob diesmal mehr von ihm verlangt wird, wenn er sichergehen soll, dass Herr Schuldt keinen Grund hat, ihre Dienststelle zu verklagen. Außerdem kann er nicht einfach gehen, ohne sich zumindest von dem süßen Pfleger zu verabschieden.

Es dauert eine Weile, bis der Pfleger wiederkommt. Wahrscheinlich hat Herr Schuldt noch versucht, seinen gesamten Frust über ihr kaputtes Gesundheitssystem bei ihm abzuladen. Als ob ein Krankenpfleger, der hier nur am Empfang sitzt, daran einfach so alles ändern könnte. Leos Verdacht wird bestätigt, sobald er „So ein Idiot“ murmelt, als er nah genug ist, dass nur Leo ihn hören kann. Sein Gesicht zieht sich zusammen und zwischen seinen Augenbrauen bildet sich eine Falte. „Alles okay?“

Erst jetzt fällt Leo auf, dass er immer noch seinen Ellbogen umklammert hält. Schnell lässt er los und streckt den Arm durch, wie um zu beweisen, dass ihm nichts fehlt. „Ja, alles bestens. Bin nur gegen die Kante gestoßen.“ Er zeigt auf den Empfangstresen, als ob es noch irgendetwas anderes gäbe, was er vielleicht meinen könnte. „Tat nur im ersten Moment höllisch weh, aber ist schon wieder weg.“

Der Pfleger sieht nicht überzeugt aus. „Lass mich das mal ansehen.“ Er streckt die Hand aus, erwartungsvoll. Leo zögert ein bisschen, weil es nur ein kleiner Stoß an einer blöden Stelle war und es eigentlich wirklich nicht mehr wehtut. Aber diese blauen Augen schauen ihn so besorgt an, dass Leo am Ende doch die Uniformjacke auszieht und ihm seinen Arm entgegenhält.

Seine Finger sind so kalt, dass Leo eine Gänsehaut bekommt, als sie seinen Hemdsärmel hochschieben und vorsichtig über seinen Ellbogen tasten. „Sorry“, murmelt der Pfleger, als er es bemerkt. Die Röte auf seinen Wangen ist wieder da und Leo befürchtet, dass er unter dieser sanften Berührung nicht viel besser aussehen würde, wenn er die Angewohnheit hätte, rot zu werden oder das nicht geschickt unter seinem Bart verbergen könnte.

Als der Pfleger schließlich loslässt, bleibt Leos Arm schwach an seiner Seite hängen und er weiß nicht so wirklich, wohin damit. Er hat immer noch die Uniformjacke über den anderen Arm gelegt, schlüpft aber nun wieder rein, nur um seine Hände zu beschäftigen. Seine Haut kribbelt immer noch da, wo er ihn eben noch angefasst hätte und er stellt sich kurz vor, wie es wäre, wenn diese rauen und doch irgendwie sanften Hände ganz andere Stellen seines Körpers erkunden wurden. Ein gefährlicher Gedanke, weil er im Dienst ist und der Pfleger auch und er eindeutig nur versucht hat, Leo zu helfen, weil das nun einmal sein Job ist.

„Sieht alles gut aus. Also, dein Arm. Da scheint nichts dran zu sein. Alles okay.“ Seine Hände, die eben noch Leo abgetastet haben, zittern ein bisschen, als er sich damit die blonden Strähnen aus seiner Stirn streicht.

„Okay, gut“, ist alles, was Leo dazu einfällt. Er rückt noch einmal seine Jacke gerade und spielt mit dem Reißverschluss. Ihm fällt kein Grund ein, noch länger hier zu bleiben und wenn er diesen Kerl noch länger anstarrt, wirft man ihm vielleicht so oder so raus, weil er sich creepy verhält. Und Esther fragt sich wahrscheinlich sowieso schon, wo er bleibt und ärgert sich, dass sie alleine Papierkram wälzen muss. „Ich sollte wieder ins Präsidium zurück.“

„Ja, klar.“ Der Pfleger fährt sich wieder mit einer Hand durch die Haare, obwohl sie ihm diesmal gar nicht in die Stirn gefallen sind. Wahrscheinlich bemerkt er diese nervöse Geste nicht einmal. „Wir melden uns, falls mit eurem Meckerer etwas Ernsthaftes ist. Sonst setz ich ihn nachher in ein Taxi und schick ihn nach Hause.“

„Ja, danke. Für alles.“ Leo hebt die Hand um zu winken und kommt sich dabei ziemlich dämlich vor. Er hat keine Ahnung, was heute mit ihm los ist. Normalerweise ist er doch auch in der Lage, mit heißen Typen normal zu interagieren. „Tschüss.“

Die Scham schwindet ein bisschen, als der Typ ebenfalls die Hand hebt und winkt. „Man sieht sich.“

Von der Eingangstür aus dreht Leo sich noch einmal um, um noch einen Blick auf ihn zu erhaschen und sich sein Aussehen besser einzuprägen. Vielleicht hat er ja Glück und begegnet ihm noch mal außerhalb der Arbeit und ist dann vielleicht sogar in der Lage, sich nicht ganz so doof anzustellen. Vielleicht in einer Bar, weil Leo da eigentlich gar nicht so schlecht ist mit Flirten, wenn er ein paar Drinks intus hat.

Der Typ hat das Gesicht in den Händen vergraben und leider kann Leo nicht ewig in der Tür stehen und warten, bis er den Kopf hebt. Er ist ein bisschen enttäuscht, als er kurz darauf in seinen Dienstwagen steigt. Vor allem, weil er noch nicht einmal seinen Namen weiß.