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Deutsch
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Published:
2022-03-06
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7,082
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1/1
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30
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308
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2,281

The Advantages and Disadvantages of Hook-up Culture

Summary:

Leo stolpert über das Grindr-Profil eines Kollegen und bekommt die Fotos einfach nicht mehr aus dem Kopf. Aber natürlich hat er alles perfekt im Griff, auch als sie gezwungen sind, zusammen an einem Fall zu arbeiten. Oder als sie danach irgendwie doch im Bett landen.

Notes:

Die Idee stammt nicht von mir, sondern aus diesem tumblr post. Vielen Dank für die Inspiration! Auch wenn ich nicht alles übernommen habe, hoffe ich, es gefällt trotzdem :)

Work Text:

Die Standuhr in der Ecke neben der Couch tickt leise. Leo nimmt einen Schluck Tee und versucht interessiert auszusehen, während seine Mutter Caro über alle kleinsten Details zu ihrer bevorstehenden Hochzeit ausfragt. Dem Ticken der Uhr hat er schon als Kind immer gelauscht, wenn er gezwungen war, bei ihren gemeinsamen Familiennachmittagen hier zu sitzen und sich Unterhaltungen anzuhören, zu denen er sowieso nie etwas beizutragen hatte. Er hat sich immer lieber im Hintergrund gehalten, genau wie heute, wo er lieber nur zuhört, wie Caro und seine Mutter über Blumengestecke diskutieren. Caros Verlobter ist diesmal nicht dabei, er ist mal wieder auf Geschäftsreise irgendwo im Ausland unterwegs, aber immerhin muss Leo dann nicht so tun, als ob er irgendwas davon versteht, wenn der über Finanzmärkte und Aktien fachsimpelt. 

„Was ist denn mit dir, Leo? Bringst du jemanden zur Hochzeit mit?“

Er blickt auf, überrascht, dass er so direkt angesprochen wird. In der plötzlichen Stille wird das Ticken der Uhr lauter. Er nimmt noch einen Schluck Tee, verschluckt sich prompt und muss ein paar Mal husten, bevor er mit krächzender Stimme erwidert: „Wen sollte ich denn mitbringen?“ 

Diese Aussage erntet ihm nur besorgte Blicke. „Du arbeitest zu viel. Wie solltest du da auch jemanden kennen lernen.“ Seine Mutter beugt sich vor, nun vollkommen auf ihn fokussiert. Die Aufmerksamkeit behagt ihm gar nicht.

Er schaut hilfesuchend zu Caro, aber die scheint sich bereits mit gegen ihn verschworen zu haben. „Mama hat Recht, Leo, du musst mal rauskommen.“ Sie grinst ihn an, als ob sie genau weiß, wie sehr es ihn nervt, wenn andere meinen, besser über sein Privatleben Bescheid zu wissen als er. 

„Ich hab nun mal viel zu tun“, versucht er sich rauszureden, auch wenn es vermutlich zwecklos ist, jetzt wo sie sich schon auf ihn eingeschossen haben. 

„Du musst ja gar nicht unbedingt ausgehen. Es gibt doch heutzutage so viele Leute, die im Internet jemanden kennenlernen! Da gibt es bestimmt auch etwas für Leute wie dich.“

Seine Mutter sieht so begeistert aus, dass Leo nicht einmal dazu kommt sie zu verbessern. Obwohl sein Coming Out mehr als zehn Jahre her ist, weiß sie immer noch nicht ganz, wie sie damit umgehen soll, aber immerhin kann er nicht behaupten, dass sie sich nicht bemüht. Auch wenn sie garantiert keine Ahnung von Online Dating hat. „Das ist auch nicht so einfach.“ 

„Wieso nicht?“ mischt Caro sich ein. „Du kannst dich ja einfach mal da umschauen. Da gibt's sicher einige, die ganz nett sind.“ Sie hat gut reden. Sie hatte nie Probleme jemanden zu finden, schon in der Schulzeit sind ihr die Typen nur so zugeflogen und mittlerweile ist sie überglücklich verlobt. 

„Vielleicht“, gibt er vage zurück und steht auf, um seine leere Teetasse in die Küche zu bringen und dieses Gespräch so schnell wie möglich zu beenden.

„Wenn nicht, kannst du wenigstens mal ein bisschen Spaß haben“, flüstert sie ihm zu, als er an ihr vorbeiläuft. Er beschleunigt seine Schritte noch ein bisschen mehr und zieht die Küchentür demonstrativ hinter sich zu.

 

Später am Nachmittag ist er wieder zuhause und sitzt auf seinem eigenen Sofa. Es ist totenstill und irgendwie fehlt ihm das Ticken der Uhr. Normalerweise fällt es ihm nicht so schwer, die lieb gemeinten Kommentare seiner Familie zu ignorieren, aber heute lässt es ihn nicht los. Sie haben ja irgendwie Recht. Seine letzte Beziehung ist schon ewig her und selbst da war er die letzten Monate nicht wirklich involviert, weil ihm seine Arbeit damals schon immer wichtiger war als sein Privatleben. Daran hat sich auch eigentlich nichts geändert; für eine ernsthafte Beziehung ist im Moment einfach kein Platz in seinem Leben. Er kann sich nicht einmal mehr erinnern, wann er das letzte Mal in einem Club war, um jemanden abzuschleppen. Auch wenn Caros letzter Kommentar nur dazu gedacht war, ihn noch mehr anzustacheln, wäre das zumindest etwas, was er momentan umsetzen kann und was ihm vielleicht tatsächlich helfen würde, mal runterzukommen.

Er öffnet den Appstore auf seinem Handy und starrt auf die Suchleiste. Er weiß nicht einmal, was es überhaupt für Angebote in der Hinsicht gibt. Wahrscheinlich ist er bei den Klassikern am besten aufgehoben und bekommt das breiteste Angebot. Das Grindr icon blinkt ihm entgegen und er drückt kurzerhand auf Download. Ist ja nicht so, als ob ihm das peinlich sein müsste. Jede Menge Leute aus seinem Freundeskreis haben schon Leute online kennengelernt. Heutzutage ist das ganz normal, sagt er sich. 

Für den Anfang verzichtet er darauf, Fotos hochzuladen oder sein Profil auszufüllen. Es ist ihm schon unangenehm genug, seinen Namen und sein Geburtsdatum angeben zu müssen. Und dann ist er endlich auf seinem Feed und sofort blinkt ihm der erste Vorschlag für ein Match entgegen. Der Typ sieht total verbissen aus und Leo scrollt sich durch vier oben-ohne-Fotos im Fitnessstudio und endet auf einem Bild mit weichem Filter, auf dem der Kerl einen Hund im Arm hält. Es wirkt ein bisschen disconnected und Leo wischt ihn schnell zur Seite. Das fängt ja schon mal gut an. Und mit gut meint er ziemlich beschissen.

Auch die nächsten Vorschläge sehen ziemlich ähnlich aus. Vielleicht war das Ganze doch keine gute Idee. Im Club muss er Typen wenigstens nicht in HD sehen, bevor er sich dafür entscheidet, sie mit nach Hause zu nehmen. Er will die App schon wieder schließen, als ihm ein Profil ins Auge springt. Das Bild zeigt einen blonden Mann von hinten vor einer atemberaubenden Bergkulisse. Der Mann ist schmal gebaut und ohne sein Gesicht zu sehen, kann Leo nicht wirklich beurteilen, ob er seinem Typ entspricht, aber das Foto ist echt beeindruckend. Die nächsten beiden Bilder sind ähnlich, der gleiche blonde Mann am Meer und vor dem Taj Mahal. Er scheint viel gereist zu sein, was Leo sofort sympathisch findet. Er merkt, wie seine Anspannung steigt, ob er wohl auch ein Bild hat, auf dem man ein bisschen mehr von ihm sieht. 

Leos Hoffnung wird nicht direkt erfüllt, aber trotzdem kann er seine Augen nicht von dem letzten Foto abwenden. Es ist auch ein oben ohne Bild, vom Hals abwärts aufgenommen, aber es ist das komplette Gegenteil von den Kerlen von vorhin. Der Mann ist nicht unbedingt schmächtig, seine Muskeln sind definiert, aber eher, als ob er regelmäßig Sport macht und nicht nur im Fitnessstudio pumpen geht. Aber was Leo noch mehr fasziniert sind die Tattoos. Er hatte schon immer etwas übrig für Typen mit Tattoos und dieser sieht aus, als ob er zu jedem davon eine spannende Geschichte zu bieten hat. Leo wünscht sich umso mehr, er könnte sein Gesicht sehen. 

Er ist kurz davor, das Profil zu liken, aber irgendetwas hält ihn davon ab. Sein Blick wandert noch einmal über die Tattoos und auf den zweiten Blick kommen sie ihm irgendwie bekannt vor, als hätte er sie schon einmal gesehen. Vor Schreck schließt er die App, und legt sein Handy vor sich auf dem Couchtisch, mit dem Display nach unten. Seine Hand zittert ein bisschen, als er zu seinem Wasserglas greift. Er hat keine Ahnung, woher dieses plötzliche Gefühl von Wiedererkennen kam. Er kann sich nicht erinnern, diesen Mann bewusst schon einmal wahrgenommen zu haben, aber es lässt ein unangenehmes Gefühl in ihm zurück, das er nicht mehr abschütteln kann. Für den Rest des Abends traut er sich nicht, die App noch einmal zu öffnen. 

 

Es dauert eine Weile, bis sich ihm die Lösung offenbart. Es ist ihm fast peinlich, wie oft er in den letzten Tagen noch an diese Tattoos gedacht hat, obwohl er die App nicht wieder geöffnet hat, um zu schauen, ob er Typ immer noch da ist. Es wird gerade Frühjahr und er entscheidet sich, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Die kalte Luft schmerzt in seinen Lungen und seine Muskeln protestieren, weil sie diese Art der Bewegung in der Kälte nicht mehr gewohnt sind. Dennoch fühlt er sich gut, als er total verschwitzt im Präsidium ankommt. Er betritt den Umkleideraum und freut sich schon auf eine schöne warme Dusche, bevor er seinen Dienst beginnt. 

Normalerweise sind die Umkleiden um diese Zeit immer leer. Dienstsport findet erst später statt und es passiert so selten, dass sich jemand zum Duschen hierher verirrt, dass Leo den Raum meistens für sich hat. Aber jetzt ist schon jemand dort, der sich genau dann umdreht, als Leo hereinkommt. Er kann nicht anders, als genau die Tattoos anzustarren, die in den letzten Tagen immer mal wieder in seinem Kopf herumgespukt sind, aber diesmal live und in Farbe. Und auf dem Körper eines Kollegen, der sich gerade zu ihm umgedreht hat und ihn mit einem Nicken und einem knappen „Morgen, Hölzer“ begrüßt. 

„Morgen“, presst Leo hervor und schaut überall hin, nur nicht auf seinen Kollegen. Adam Schürk aus der Mordkommission, natürlich, deshalb kam ihm das Foto bekannt vor. Sie haben noch nie eng zusammengearbeitet, aber seit Schürk vor einem Jahr nach Saarbrücken gekommen ist, sind sie sich schon mehrmals im Gebäude über den Weg gelaufen und Leo hat vor allem jede Menge Gerüchte über ihn und seine Launen gehört. Eine Erinnerung drängt sich in den Vordergrund, wie er Schürk einmal genau hier im Umkleideraum getroffen hat, wo er gerade dabei war, einen Kollegen runterzumachen. Dabei muss Leo auch das mit den Tattoos aufgefallen sein. 

Sein Fahrradhelm gleitet ihm aus der Hand und fällt scheppernd zu Boden. Leo schaut ihm verwirrt hinterher, und die Verwirrung verstärkt sich nur, als auf einmal eine Hand danach greift und ihn Leo wieder hinhält. „Ist noch bisschen früh, was?“ 

Leo blickt hoch in Schürks Gesicht (auf dem Weg dorthin fällt ihm auf, dass Schürk mittlerweile ein weißes T-Shirt übergestreift hat. Schade eigentlich) und dann wieder zurück auf seine Hand, die immer noch Leos Helm hält. 

„Ja. Danke.“ Er nimmt ihm den Helm ab und legt ihn auf der Bank vor seinem Spind ab, damit er ihm nicht noch einmal runterfällt. Seinen Händen kann er gerade nicht trauen. 

Er hört Schritte, dann wird ein Spind zugeschlagen. „Man sieht sich.“ Die Tür zur Umkleide fällt hinter Schürk ins Schloss. Leo checkt unauffällig, dass er alleine ist und fragt sich kurz, ob er sich diese Begegnung nur eingebildet hat. Schürk kam ihm seltsam nett vor, vor allem im Vergleich zu dem, was man sich im Präsidium so erzählt. Er denkt immer noch darüber nach, als er wenige Minuten später unter der Dusche steht und das Wasser eiskalt auf ihn herunterprasselt. 

 

Alles in allem stellt sich heraus, dass Schürk gar nicht so übel ist. Ihr Wortwechsel in der Umkleide ist mehrere Monate her, als Leos Abteilung für organisiertes Verbrechen angefragt wird, ob jemand von ihnen bei einer Mordermittlung unterstützen kann, die eventuell in ihren Zuständigkeitsbereich fällt. Keiner seiner Kollegen streitet sich um den Job, was Leo nicht überrascht, als er feststellt, dass Schürk der leitende Ermittler in dem Mordfall ist. Aber da hat er schon zugesagt und kommt aus der Nummer nicht mehr heraus. 

Seit der Sache mit Schürk hat er Grindr nicht mehr angerührt, aber sich dafür öfters mal von Freunden mit in Bars und Clubs schleppen lassen, wo immerhin einen mittelmäßigen One Night Stand erobert hat. Vielleicht, weil er unbewusst alles mit dem verdammten Foto von Schürk verglichen hat. Und jetzt arbeiten Schürk und er seit einer Woche eng zusammen; Schürk – Adam – hat ihm das Du angeboten und Leo kann einfach nicht anders, als immer wieder darüber nachzudenken, was wäre wenn… wenn er Adams Profil damals einfach geliked hätte. Sich getraut hätte ihm zu schreiben. Dann würde er jetzt vielleicht nicht schweigend neben ihm im Auto sitzen, während sie den Hintereingang einer Pizzeria observieren. 

„Wir hätten was zu essen mitbringen sollen. Das kann noch die ganze Nacht dauern.“ Adam dreht sich zu Leo und zieht die Beine hoch auf dem Sitz, den Rücken von innen gegen die Beifahrertür gelehnt. „Ich glaub eh nicht, dass da jetzt was passiert. Die sind doch durch die Befragungen aufgeschreckt, da werden sie wohl kaum Beweise offen durch die Hintertür rausschmuggeln.“

Leo verdreht die Augen und ist kurz davor, Adam daran zu erinnern, dass er hier der Experte ist, aber die Unterhaltung hatten sie schon mehrmals. Immer, wenn Adam darauf besteht, wie in einem ganz normalen Mord zu ermitteln und Leo ihn darauf hinweisen muss, dass man mit der Mafia anders umgehen sollte als mit ganz gewöhnlichen Kleinkriminellen. 

„Ja, ist schon klar, du bist hier der Boss“, unterbricht Adam ihn, noch bevor Leo etwas sagen kann. „Das ändert aber nichts daran, dass ich Hunger habe. Und keine Lust die ganze Nacht im Auto zu sitzen. Verdammt unbequem.“

Leo lässt seinen Blick über Adams wandern, wie er da sitzt, im Schneidersitz und mit etwas eingezogenem Kopf, weil sonst der Rahmen der Autotür im Weg ist. Kein Wunder, dass er das nicht bequem findet. „Du musst nicht hier bleiben. Ich kann auch alleine die Nachtschicht übernehmen. Vielleicht passiert tatsächlich nichts.“

Er hat schon oft genug alleine observiert, weil ihm das tausendmal lieber ist, als stundenlang auf engem Raum mit Kollegen zusammengepfercht zu sein. Er mag zwar grundsätzlich die meisten Menschen, mit denen er zusammenarbeitet, aber solche langwierigen Einsätze, bei denen nur selten etwas passiert, bringen immer das Schlimmste in ihnen hervor. Während Leo am liebsten seine Ruhe hat, erzählen andere wahlweise von ihren langweiligen Hobbies, ihrer perfekten Vorstadtfamilie oder ihren zahlreichen gesundheitlichen Problemen. Adam hat noch nichts dergleichen hören lassen, war immer hochprofessionell, als sie die letzten Tage zusammen unterwegs waren, aber Leo weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch Adam ihm auf die Nerven geht. 

„Als ob, ich lass dich hier nicht allein die Nachtschicht schieben, das ist immer noch auch mein Fall.“

Na klasse. Leo verabschiedet sich von der kurzen Hoffnung auf ein bisschen Ruhe und Frieden und findet sich damit ab, dass eine lange und anstrengende Nacht vor ihm liegt. Damit er sich wenigstens nicht die ganze Zeit anhören muss, wie viel Hunger Adam hat, sucht er auf seinem Handy ein Restaurant in der Nähe raus. „Hier, such dir was aus. Wir können was bestellen und einer von uns holt es ab.“

Adam nimmt sein Handy und scrollt sich durch die Karte. „Hm, klingt alles gut." Seine Stirn legt sich in Falten, als er aufmerksam die Karte studiert. 

Auf einmal vibriert sein Handy in Adams Hand und seine Augen wandern wie reflexartig ein paar Zentimeter nach oben zur Benachrichtigungsleiste. Die Falten legen sich und stattdessen breitet sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus. „So so, hätte nicht gedacht, dass du der Typ bist für online Dating.“ Die Art, wie er Dating sagt, impliziert, dass er es nicht auf eine Wir gehen in ein Café und halten Händchen-Weise meint.

„Was…“ Leo spürt, wie er rot anläuft und reißt Adam das Handy förmlich aus der Hand. Die Benachrichtigungsleiste zeigt ein neues Angebot für irgendein Grindr Update. Scheiße, ausgerechnet jetzt, dabei hat er die App seit dem ersten Mal nicht einmal aufgemacht. „Bin ich auch nicht. Ich wollte das längst löschen.“

„Hm.“ Adam studiert ihn aufmerksam. „Ist vielleicht auch besser so. Du glaubst gar nicht, was für komische Typen da unterwegs sind.“

„So wie du?“ rutscht Leo heraus, bevor ihm wieder einfällt, dass er eigentlich vorhatte, dieses Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Wenn möglich verstärkt sich die Hitze auf seinen Wangen noch und er würde am liebsten fluchtartig das Auto verlassen. Wenn sie nicht gerade im Dienst wären und mitten in einer Observierung, hätte er das vielleicht sogar gemacht. 

Adam zieht eine Augenbraue hoch, aber ansonsten regt sich nichts in seinem Gesicht. Da ist keine Überraschung darüber, dass Leo davon weiß, aber auch keine Wut oder Ähnliches, weil er Adam dort gefunden und ihm das verschwiegen hat. „Das ist ja wohl meine Privatsache, oder?“

„Ja, klar, natürlich“, beeilt Leo sich zu versichern. „Geht mich überhaupt nichts an.“

„Gut, dass wir das geklärt haben. Kann ich die Karte nochmal sehen? Ich hatte mich noch nicht entschieden.“ 

„Klar.“ Leo reicht ihm das Handy noch einmal, achtet aber diesmal genau darauf, dass sich ihre Hände dabei nicht berühren, etwas, was ihm vorher bei Kollegen nie in den Sinn gekommen wäre. Aber wenn Adam so darauf bedacht ist, Dienstliches und Privates strikt zu trennen, wird Leo ihm da nicht widersprechen. Normalerweise wäre er auch ganz Adams Meinung, aber leider taucht vor seinen Augen wieder das Bild von Adam oben ohne und mit Tattoos auf, und jetzt kann Adam sich vermutlich denken, dass Leo das Foto gesehen hat und das wirft ein ganz neues Licht auf die Sache.

Adam geht, um das Essen abzuholen und Leo nutzt die paar freien Minuten, um sich zu beruhigen. Sie wissen jetzt beide, dass sie in ihrer Freizeit gelegentlich oberflächliche sexuelle Beziehungen eingehen. Das bedeutet eigentlich nur, dass sie auf dem gleichen Stand sind und es keinem von ihnen peinlich sein muss. Sie sind beide erwachsen und Leo ist verdammt noch mal in der Lage, da professionell mit umzugehen und Adam nicht anders zu behandeln als jeden anderen geschätzten Kollegen. 

Die Stimmung taut auf, als Adam mit dem Essen zurückkommt. Sie machen ein bisschen Smalltalk, aber das ebbt schnell ab und irgendwann gehen sie wieder dazu über, schweigend aus dem Fenster zu schauen. Die Minuten und die Stunden rinnen langsam an ihnen vorbei und Leo wünscht sich das Ticken der Standuhr herbei, um ein klares Symbol zu haben, dass überhaupt Zeit vergeht, während auf der Straße vor ihnen nichts passiert. Aber immerhin wird er mit nervigem Geschwätz verschont und alleine das macht Adam deutlich sympathischer.

 

Sie schließen ihren Fall ein paar Tage später mit einer Verhaftung ab. Wie sich herausgestellt, hatte das organisierte Verbrechen am Ende gar nichts mit dem Mord zu tun, aber trotzdem fühlt Leo sich gut, dass er dazu beigetragen hat, die Täterin zu überführen. Adams Vorgesetzter lobt sie beide für ihre ausgezeichnete Arbeit. Leo gibt seinen Papierkram ab und damit ist seine kurze Visite bei der Mordkommission schon wieder vorbei und er wird in seine eigene Abteilung entlassen. Er kommt nicht einmal dazu, sich von Adam zu verabschieden, bevor er nach Hause geht.

Später am Abend sitzt er in seiner viel zu stillen Wohnung auf der Couch und versucht, irgendwie runterzukommen und seine rasenden Gedanken zu beruhigen, die immer noch mit den Details des Falls beschäftigt sind. Nach einer erfolgreichen Verhaftung braucht er immer eine Weile um sich zu entspannen, aber heute hat seine übliche Routine aus Joggen und einer langen heißen Dusche nicht geholfen. Vielleicht braucht er Ablenkung der anderen Art…

Die Grindr App befindet sich immer noch ungenutzt auf seinem Handy. Es ist schon recht spät, aber an einem Montag wird es schwierig, woanders jemanden aufzugabeln, also ist die App vielleicht gar keine so schlechte Idee. Er kann zumindest mal schauen, was da so geboten wird.

Wie sich herausstellt, ist das Angebot nicht unbedingt überragend. Er swiped für ein paar Minuten durch Profile von Leuten, die ihn entweder überhaupt nicht ansprechen oder die schon auf den ersten Blick so fake aussehen, dass er es lieber nicht riskiert. Sein Atem stockt als er bei einem bekannten Profil ankommt. Sein Blick fällt auf Adams Hinterkopf vor dem beeindruckenden Hintergrund. Ohne groß nachzudenken klickt er sich durch die Fotos zu dem, was ihn eigentlich interessiert. Die Tattoos stehen im starken Kontrast zu seiner blassen Haut und über dem Bund seiner tief sitzenden Jogginghose zeichnen sich seine Hüftknochen ab. Bevor er über die Konsequenzen seiner Taten nachdenken kann, schwebt sein Finger über dem Like-Button.

Das Pop-up, dass er ein neues Match hat, erschreckt ihn so sehr, dass er prompt das Handy ans andere Ende der Couch pfeffert. Scheiße, wieso konnte er nicht mal für einen Moment sein Gehirn einschalten? Er vergräbt sein Gesicht in den Händen und reibt sich so stark die Augen, dass bunte Lichter vor seinen geschlossenen Augenlidern tanzen. Bedeutet das, dass Adam ihn auch geliked hat? Vielleicht hat Adam sein ziemlich nichtssagendes Profil nicht einmal mit ihm in Verbindung gebracht und übersieht dieses Match einfach?

Sein Handy vibriert und wie in Trance lehnt Leo sich rüber und holt es hinter dem Sofakissen hervor, hinter dem es vorhin gelandet ist. Es fällt ihm fast runter, als er sieht, von wem die Benachrichtigung ist. Eine neue Grindr Nachricht, von Adam. Er muss gerade online gewesen sein, so schnell, wie er geantwortet hat. Leo hält die Luft an, als er den Chat anklickt.

Ich dachte, online dating ist nicht so dein Ding?

Er starrt auf die Nachricht und den Antwortbalken, der nur darauf wartet, dass Leo etwas erwidert. Es ist definitiv nicht sein Ding, stellt er gerade fest. Vor allem, wenn er dort Arbeitskollegen begegnet. Das eine Mal, als er Pia Heinrich in einer Schwulen- und Lesbenbar gesehen hat, konnte er sich immer noch hinter einem Fremden verstecken und unauffällig das Feld räumen, bevor sie ihn bemerkt. Aber jetzt weiß Adam eh schon, dass er hier ist und hat seine Anwesenheit zur Kenntnis genommen, deshalb ist es zum Verstecken wohl etwas zu spät.

Ich dachte, ich versuch es noch mal, tippt er zurück.

Und, schon irgendwelche creepy Typen gefunden? Die Antwort kommt prompt und der lockere Ton lässt Leo etwas mutiger werden. Immerhin war es Adam, der ihn sofort angeschrieben hat.

Außer dir? Nein.

Excuse me? Immerhin sind meine Fotos echt.

Davon ist Leo überzeugt, aber er kann es nicht lassen, Adam trotzdem ein bisschen zu triezen. Um diese Tageszeit, außerhalb vom Dienst, bei einer Unterhaltung auf einer Hook-up-App, scheinen sowieso keine ihrer üblichen Regeln für Konversationen mehr anwendbar zu sein.

Könnte auch Fotoshop sein.

Diesmal braucht Adam einen Moment, um zu antworten. Leo fragt sich schon, ob er vielleicht zu weit gegangen ist.

Willst du dich selbst davon überzeugen?

Die Antwort nimmt Leo kurz den Atem und er blinzelt mehrmals um sich zu überzeugen, dass er das gerade korrekt gelesen hat. Die Vorstellung, Adams Tattoos in echt zu sehen und die Erlaubnis zu haben sie zu studieren, sie vielleicht sogar zu berühren… Allein bei dem Gedanken wird ihm warm.

Ja, tippt er zurück und beißt sich nervös auf die Unterlippe. Wenn jetzt von Adam eine Zurückweisung oder keine Antwort mehr kommt, hat er zumindest Gewissheit und kann vielleicht endlich damit abschließen und alles daran setzen, diese verdammten Bilder aus seinem Kopf zu bekommen.

Aber statt einer eindeutigen Abfuhr schickt Adam ihm ohne weiteren Kommentar eine Adresse. Das lässt selbst für Leo und seine ewige Unsicherheit eigentlich nur eine mögliche Interpretation zu. Trotz allem verbringt er mehrere Minuten damit, sich den Kopf zu zerbrechen, ob es auch als etwas anderes gewertet werden könnte als eine klare Aufforderung, dass er vorbeikommen soll. Zu Adam. Um sich zu überzeugen, dass er wirklich so aussieht wie auf dem Foto. Und mit ziemlicher Sicherheit auch für mehr.

Leo war noch nie ein Mensch, der sich in etwas reinstürzt, ohne sich vorher ausführliche Gedanken über die mögliche Fallhöhe zu machen und sorgfältige Nachforschungen über eventuelle Konsequenzen anzustellen. Doch ausgerechnet heute hat er die Nase voll davon, ständig vernünftig zu sein. Er hatte ja sowieso vor, sich einen Kerl für heute Nacht zu suchen, warum also nicht Adam? Wenn er dafür sogar noch die Chance bekommt, seine Fantasien der letzten Monate zu erkunden, warum nicht? Seine Zweifel, dass es vielleicht nicht ideal ist, ausgerechnet mit einem Kollegen zu schlafen, den er hinterher regelmäßig im Präsidium sehen wird, werden erfolgreich in den Hintergrund gedrängt.

Er wirft sich seine Jacke über, steckt sich das Handy in die Tasche und nimmt den Bus Richtung Innenstadt.

 

Die Adresse führt ihn zu einem grauen Mietshaus in einer etwas heruntergekommenen Gegend. Das Klingelschild mit dem Namen Schürk ist per Hand beschrieben und sieht aus, als wäre es schon mehrmals überklebt worden. Seine Finger hören nicht auf zu zittern, nachdem er die Klingel betätigt hat. Vielleicht hätte er Adam doch lieber noch einmal schreiben sollen, bevor er einfach so hergefahren ist.

Der Buzzer ertönt und Leo betritt das Treppenhaus, das verdächtig nach Gras riecht. Er nimmt die Stufen bis in den dritten Stock, wo Adam auf ihn wartet. Durch die geöffnete Wohnungstür hinter ihm scheint warmes Licht in den Hausflur. „Ich hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich kommst. Seine Arme sind verschränkt, sein Gesicht im Gegenlicht unlesbar.

Leo vergräbt seine Hände in den Hosentaschen, damit ihn das Zittern nicht verrät. „Sollte ich nicht?“

„Doch, doch. Komm rein.“ Adam tritt zur Seite und Leo geht an ihm vorbei in den kleinen Flur, der sich in einen größeren Raum öffnet. Auf der linken Seite befindet sich eine Küchenzeile, auf der rechten der Wohnbereich, der von einem hässlichen, knallroten Sofa dominiert wird. Auf dem Fernseher läuft etwas, das wie eine Naturdoku aussieht, aber der Ton ist so leise, dass Leo keine Worte ausmachen kann.

Die Wohnungstür fällt hinter ihm ins Schloss und es wirkt endgültig, als ob Leo seine Entscheidung jetzt nicht mehr zurücknehmen kann.

„Willst du was trinken?“ fragt Adam vom geöffneten Kühlschrank und hält Lee eine Flasche Bier hin, die er gerne annimmt. Auch wenn er kein großer Freund von Bier ist, gibt es seinen Händen etwas zu tun. Vielleicht hilft es auch, die leicht angespannte Stimmung etwas zu lösen.

Das hässliche Sofa ist erstaunlich bequem, als Leo sich in die Polster sinken lässt. Adam nimmt mit einem respektablen Abstand neben ihm Platz. Wie von selbst landet ihre Unterhaltung wieder bei dienstlichen Dingen und ihrem gerade gelösten Fall. Leo merkt, wie er angesichts der vertrauten Themen entspannter wird. Zu viel über die Arbeit reden konnte er schon immer gut. Es ist zwar nicht der Grund, aus dem er hier ist, aber Adam scheint es nicht zu stören und das Sofa ist so gemütlich, dass Leo nicht vorhat, sich zu beschweren.

Irgendwann, als sie alle Themen in Bezug auf den Fall erschöpft haben, greift Adam nach der Zigarettenschachtel auf dem Couchtisch. „Kommst du mit raus?“

Leo nickt und folgt ihm auf den kleinen Balkon, der so schmal ist, dass sie kaum nebeneinander Platz haben. Adams Ellbogen stößt gegen seinen, als er das Feuerzeug zu der Zigarette zwischen seinen Lippen abhebt. Er nimmt einen tiefen Zug und pustet eine Rauchwolke in die kalte Nachtluft. Von der Straße unter ihnen dringen Motorenlärm und laute Stimmen herauf, aber dennoch fühlt sich der Rest der Welt in diesem Moment meilenweit weg an.

Adam nimmt noch einen Zug und hält Leo dann die brennende Zigarette hin. Er hat seit Jahren nicht mehr geraucht, also ist er froh, dass er nicht sofort einen Hustenanfall bekommt, als er daran zieht. Ihre Finger berühren sich, als er Adam die Zigarette zurückgibt und er atmet zitternd den Rauch aus. Er spürt Adams Blick auf sich und dreht sich zu ihm um. In der Nacht wirken Adams Augen dunkler als sonst, fast schwarz, aber Leo kann doch erkennen, wie sie nach unten wandern, wo sie kurz an Leos Lippen hängenbleiben, bevor Adam ihm wieder in die Augen schaut.

Und Leo denkt sich, fuck it, jetzt oder nie, und überbrückt die wenigen Zentimeter zwischen ihnen um Adam zu küssen. Adams Lippen sind kalt, aber das ist schnell vergessen, als er den Kuss vertieft und Leo den Rauch und das Bier von vorhin auf seiner Zunge schmecken kann.

Er bekommt nicht mit, wie Adam die Kippe ausdrückt, aber dann sind da Hände auf seinem Rücken, die sein T-Shirt langsam hochschieben. Ein Schauer durchfährt ihn, als kalte Finger über die freigelegte Haut streicheln. Adam unterbricht den Kuss, aber nur, um seine Lippen an Leos Hals nach unten wandern zu lassen.

„Ich könnte dir mein Schlafzimmer zeigen“, flüstert er und Leo muss wegen dieser billigen Anmache lachen. Das Lachen vergeht ihm allerdings schnell, als Adam beginnt, tiefere Küsse in seinen Hals zu saugen und Leo möchte nichts lieber tun, als das hier in einem Bett fortzusetzen.

Sich kurz von Adam zu trennen, um den Balkon zu verlassen und ins Schlafzimmer zu stolpern, ist gar nicht so leicht, aber das ist es definitiv wert, als Adam ihn auf eine weiche Matratze drückt und seine Hände wieder unter sein Shirt wandern lässt. Leo macht sich daran, so viel von Adams Körper zu erkunden, wie er erreichen kann. Adam ist eine faszinierende Mischung aus muskulös und drahtig und Leo kann nicht anders, als zu versuchen, jede Bewegung seiner Muskeln und Sehnen zu erspüren.

Adam ist nur zu gerne bereit, sich seines T-Shirt zu entledigen und Leo hält kurz inne, als er endlich freien Blick auf diesen Körper hat, der sich in den letzten Monat immer wieder ungewollt in seine Fantasien geschlichen hat. Adam setzt sich auf, seine Knie zu beiden Seiten von Leos Hüfte. In dieser Position trifft das Mondlicht von draußen genau auf seinen Oberkörper und lässt ihn förmlich strahlen. Die dunkle Tinte hebt sich von seiner hellen Haut ab und Leo kann nicht anders, als seine Finger über die Schlange auf seinem Brustkorb gleiten zu lassen. Am liebsten würde er jede einzelne Linie mit der Zunge nachzeichnen, um sich alle Muster einprägen zu können.

Adam scheint allerdings andere Vorstellungen zu haben, denn er drückt Leo wieder runter auf die Matratze. Fast ist er enttäuscht, als Adam ihn wieder küsst und ihm so die Sicht nimmt, aber das währt nur so lange, bis Adam seine Jeans aufknöpft und durch Leos Boxershorts die Hand über seine Länge gleiten lässt. Er will ebenfalls die Hand unter Adams Hose schieben, als der plötzlich aufsteht, um etwas aus einer Schublade der Kommode in der Ecke zu kramen. Er wirft die Gegenstände neben Leo aufs Bett. Ein Kondom und Gleitgel. Okay, damit kann er arbeiten. Seine geistige Arbeitsfähigkeit wird allerdings sofort eingeschränkt, als Adam im Stehen kurzerhand seine restlichen Kleidungsstücke ablegt. Da ist ein weiteres Tattoo auf seinem Oberschenkel, das Leo in der Dunkelheit nicht erkennen kann, aber er streichelt trotzdem darüber, als Adam sich wieder so über ihn kniet wie vorhin und ihre Lippen zu einem Kuss vereint.

„Sag mir, was du willst“, flüstert Adam, während seine Hände weiterhin Leos Körper erkunden, als wollte er sich ihn genau einprägen.

„Dich“, murmelt er zwischen den Küssen, weil ihm gerade die Worte fehlen, um alles im Detail zu beschreiben, was er sich mit Adam ausgemalt hat. Adam scheint ihn trotzdem zu verstehen, denn als nächstes findet seine Hand ihren Weg weiter hinunter zu Leos Hintern, genau dorthin, wo er ihn haben möchte.

„So?“ hakt er nach und lehnt sich ein Stück zurück, um Leos Gesicht studieren zu können.

Leo nickt eifrig und hofft, dass sein Gesichtsausdruck rüber bringt, wie sehr es das möchte. Was auch immer Adam sieht, es entlockt ihm ein überraschtes Lachen, das Leo schnell mit einem weiteren Kuss einfängt, aber er scheint gefunden zu haben, was er gesucht hat, weil er nach der Tube Gleitgel greift und die klare Masse großzügig über seinen Fingern verteilt.

Er arbeitet sich langsam und mit Bedacht vor, erst mit einem Finger, dann mit mehreren, bis Leo so verzweifelt ist, dass er kurz davor ist zu betteln, dass er Adam endlich spüren möchte. Seine Finger krallen sich in die weichen Haare in Adams Hinterkopf, während der scheinbar mit einer Engelsgeduld saugende Küsse auf Leos Brust verteilt und seine Finger Leo schon fast um dem Verstand bringen.

„Bitte“, stößt er hervor. „Ich brauche…“

Adam hebt den Kopf und seine Augen blitzen schelmisch, als ob er überlegt, ob er Leo tatsächlich schon lange genug hat warten lassen, aber er lässt sich nicht noch einmal bitten. Leo stöhnt leise, als er seine Finger vorsichtig herauszieht und durch seinen Schwanz ersetzt. Er hat dieses Gefühl vollkommen ausgefüllt zu sein echt vermisst.

Adam bewegt sich zunächst langsam, als hätte er Angst, Leo wehzutun, aber als Leo mit der Hüfte rollt und ihn dichter zu sich heranzieht, zieht er das Tempo an und nun kann Leo seine Laute nicht mehr zurückhalten. Seine Finger kratzen über Adams Rücken um mehr Halt zu finden und das scheint ihn nur noch mehr anzuspornen. Mit jedem Stoß bringt er Leo näher an seinen Höhepunkt heran und als Adam schließlich seine Hand zwischen sie schiebt und beginnt, Leos Schwanz im gleichen Rhythmus zu bearbeiten, dauert es nicht mehr lange, bis ihn sein Orgasmus überrollt.

Adam folgt wenig später und für einen Moment liegen sie einfach nur da und versuchen, wieder zu Atem zu kommen. Adam rollt sich von Leo runter und entledigt sich des Kondoms. Leos Puls beruhigt sich so weit, dass er langsam wieder in der Lage ist, einigermaßen klare Gedanken zu fassen. Sein Körper fühlt sich schwer und leicht zugleich an und er ist vollkommen entspannt, aber langsam schleicht sich auch seine Nervosität wieder ein. Adam wirkt nicht wie ein Typ, der seinen One Night Stands morgens Frühstück macht. Und Leo ist das eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich ist es am besten, wenn er geht, bevor seine Augen so schwer werden, dass er doch aus Versehen über Nacht bleibt.

Sobald sich seine Beine nicht mehr wie Gummi anfühlen, schwingt er sie über die Bettkante und setzt sich auf. „Hey!“ Adams Hand auf seiner Schulter hindert ihn am Aufstehen. Er dreht sich zu Adam, der absolut fertig aussieht. Die Haare fallen ihm in verschwitzten Strähnen in die Stirn und trotzdem muss Leo den Impuls unterdrücken, ihn zu küssen. Adam lächelt. „Bleib?“

Die Müdigkeit zieht so stark an Leo, dass er keine Kraft hat, Adam abzuschütteln oder ihm zu widersprechen. Also lässt er sich wieder neben Adam auf die weiche Matratze sinken und nimmt sich vor, nur kurz die Augen zu schließen, bis er nicht mehr ganz so erschöpft ist.

Als Leo wieder aufwacht, schieben sich gerade die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont. Adam liegt auf der Seite, mit den Rücken zu ihm, aber so nah, dass Leos Arm gegen seinen Körper gepresst ist. Panik steigt in ihm auf und er robbt schnell ein bisschen zur Seite, bis sie sich nicht mehr berühren. Was, wenn Adam bereut, was letzte Nacht passiert ist? Die Vorstellung von einem awkward Gespräch am Morgen danach lässt seinen Hals eng werden.

So leise wie möglich steht er auf und sucht seine Kleidungsstücke zusammen. Es widerstrebt ihm, einfach so seine Klamotten von gestern überzustreifen, obwohl sein Körper sich nach einer Dusche sehnt, aber die Vorstellung, dass Adam aufwacht und mit ihm über das reden will, was passiert ist, ist noch schlimmer. Er verlässt die Wohnung, ohne dass Adam sich rührt und nimmt den ersten Bus zurück nach Hause.

 

Es dauert vier Tage, bis sie sich im Präsidium über den Weg laufen. Die ganze Zeit über hat Leo nichts von Adam gehört. Er hat überlegt, ihm zu schreiben und sich irgendwie dafür zu entschuldigen, seine Wohnung im Morgengrauen fluchtartig verlassen zu haben, aber das würde bedeuten, dass er erwähnen muss, was zwischen ihnen vorgefallen ist und das würde er am liebsten so tief runterdrücken, dass es nie wieder ans Tageslicht kommt. Auch wenn der Sex echt gut war und er nichts gegen eine Wiederholung hätte, aber sie sind verdammt noch mal Kollegen und müssen in einem professionellen Kontext zusammenarbeiten.

Aber Adam begegnet Leo mit einem freundlichen Lächeln und grüßt ihn ganz normal, als wäre überhaupt nichts vorgefallen. Die Panik in Leo legt sich ein wenig und er grüßt knapp zurück und dann ist es auch schon wieder vorbei und sie gehen beide ihrer Wege.

 

Das nächste Mal, dass er Adam sieht, ist auf dem Parkplatz hinter dem Präsidium, nachdem er gerade eine Kollegin zur Schnecke gemacht hat, weil sie eine verdeckte Ermittlung versaut hat. Seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, weil er seit Tagen kaum geschlafen hat und als sie ihre Tarnung einfach so mitten in einem undercover Gespräch mit einem Verdächtigen auffliegen lässt, platzt ihm der Kragen. Er wird nicht laut, aber sie sieht nach seiner Schimpftirade so verängstigt aus und verschwindet so schnell im Gebäude, dass er es sofort bereut, sie so angefahren zu haben.

Erst danach bemerkt er Adam, der ein paar Meter weiter an seinem Auto lehnt und sie wahrscheinlich die ganze Zeit beobachtet hat. „Stressige Woche?“ ruft er herüber, den Anflug eines Grinsens auf dem Gesicht.

Leo nickt nur knapp und steigt in seinen Wagen, bevor er Adam auch noch anfährt. Als er zuhause ankommt und auf dem Parkplatz sein Handy checkt, bemerkt er eine neue Grindr Benachrichtigung. Er hat die App eigentlich längst löschen wollen nach der Sache mit Adam, ist aber noch nicht dazu gekommen. Wenn man vom Teufel spricht…

Wenn du Hilfe beim Stressabbau brauchst, komm vorbei.

Leo muss gar nicht lange überlegen. Er textet ein OK zurück, startet den Motor wieder und macht sich auf den Weg zu Adams Wohnung. Dieses Mal dauert es nicht so lange, bis sie zusammen ins Bett fallen und in dieser Nacht schläft Leo so gut wie seit Tagen nicht mehr. Diesmal bleibt er zum Frühstück.

 

Danach wird es zu einer Art Routine. Alle paar Wochen, manchmal auch alle paar Tage, bekommt Leo eine Benachrichtigung und verbringt die Nacht bei Adam. Es ist ein bisschen seltsam, dass sie immer noch über Grindr schreiben anstatt einfach SMS oder Whatsapp zu nutzen, aber so kann Leo es immerhin besser einordnen. Es ist einfach nur eine Reihe von Hook-ups, weil sie beide oft gestresst sind und dann eine Möglichkeit brauchen, das abzubauen. Es macht Spaß, der Sex ist gut und dass sie sich auch außerhalb davon gut verstehen, ist zwar ein netter Bonus, hat aber nichts zu sagen.

 

Leo ist gerade dabei, mit Caro Wein zu trinken und fleißig zu nicken, während sie ihm in den Ohren liegt, wie anstrengend Hochzeitsvorbereitungen sind, als sein Handy den mittlerweile vertrauen Ton abspielt, den Leo extra für Grindr eingerichtet hat. Ohne sein Zutun schleicht sich ein Lächeln auf sein Gesicht.

Kollegen sind die Hölle. In einer halben Stunde bei mir? Ich bringe Chinesisch mit.

Es klingt sehr verlockend, aber Caro ist immer noch in einer Tirade darüber, was für Bullshit eine feste Sitzordnung ist, also sieht es nicht so aus, als ob Leo sie schnell und unauffällig abwimmeln kann. Auch wenn es ihm leidtut, dass er Adam absagen muss.

Sorry, kann nicht, meine Schwester ist da L

„Hallo, Erde an Leo? Mit wem schreibst du da?“

Schnell sperrt Leo den Bildschirm, sodass sie die App nicht erkennen kann. „Mit einem Freund“, behauptet er.

Caro sieht nicht überzeugt aus. „So, ein Freund?“

Leo nickt langsam und legt sein Handy vor sich auf dem Tisch ab, auch wenn es gerade wieder einen Nachrichtenton von sich gibt.

„Das kaufe ich dir nicht ab. Wenn du ihn zur Hochzeit mitbringen willst, muss ich das wissen. Ich habe diese verdammte Sitzordnung schon dutzende Male angepasst, bitte sag mir, dass du nicht auch noch zum Problemfall wirst.“

„Werde ich nicht, keine Sorge.“ Die Vorstellung, dass er Adam zu Caros Hochzeit mitbringen soll, ist geradezu lachhaft. Obwohl er im Anzug wahrscheinlich zum Anbeißen aussehen würde. „Ich hab doch gesagt, dass ich alleine komme. Ich habe sowieso niemanden, den ich mitbringen könnte.“

„So wie du vorhin auf dein Handy geschaut hast, als dein Freund dir geschrieben hat, sieht das aber nicht so aus.“ Sie leert ihr Weinglas in einem Zug und gießt ihnen beiden großzügig nach. „Na los, erzähl, was läuft da?“

Leo ist nicht unbedingt erpicht darauf, seine Bettgeschichten mit seiner Schwester zu teilen. „Da läuft nichts.“ Unbewusst wandert sein Blick wieder zu seinem Handy. Was, wenn Adam auf eine Antwort wartet auf was auch immer er Leo eben noch geschrieben hat?

Caros Räuspern holt ihn wieder in die Realität zurück. „Leo. Ich kenne dich jetzt schon dein ganzes Leben lang. Du weißt, dass du mir nichts vormachen kannst.“

Er seufzt und greift nach seinem Handy. Sie hat ja Recht, er war noch nie gut darin, ihr irgendetwas zu verschweigen, also wird er ihr wohl oder übel von Adam erzählen müssen. Und wenn er sowieso vorhat seine Gefühle vor ihr auszubreiten, kann er auch vorher noch Adams Nachricht checken, falls es wichtig ist.

Die Nachricht enthält ein Foto von einer Plastiktüte mit dem Logo eines ihrer Lieblingsrestaurants auf einem Autositz mit dem Zusatz: Mag deine Schwester Chinesisch?

Caro schnappt ihm das Handy aus der Hand und Leo will schon protestieren, aber auch wenn er mittlerweile größer ist als sie, ist sie immer noch schneller. „Ach süß, er will mir Essen bringen?“

Leo verdreht die Augen, aber jetzt ist es sowieso zu spät. Immerhin enthält ihr Chat keine allzu grafischen Details und sie gibt keinen Kommentar dazu ab, dass er sich auf Grindr befindet. „Gib her!“ Er streckt fordernd die Hand nach seinem Handy aus.

„Moment.“ Sie grinst, tippt etwas ein und reicht ihm das Handy dann zurück.

Ja, mag ich.

Na toll. Seine Schwester hat echt ein Talent dafür, seine tolle, unkomplizierte Beziehung, die nur auf Sex beruht, mit einem Mal kompliziert zu machen. Aber vielleicht ist er auch ein bisschen selbst daran Schuld, wenn es kompliziert wird, weil es in seinem Bauch aufgeregt flattert, als Adams Antwort erscheint.

Darf ich vorbeikommen?

Bevor er das Ganze wieder einmal zu viel überdenken kann, schickt er Adam seine Adresse und legt das Handy wieder weg. Dann wird er Adam also seiner Schwester vorstellen, überhaupt kein Problem.

 

Wie es sich herausstellt, ist es tatsächlich kein Problem. Da Caro grundsätzlich jeden mag, der ihr Essen anbietet, hat Adam bei ihr sofort einen Stein im Brett und der Wein hilft, das Gespräch locker zu halten. Sie sorgt dafür, dass Adam die beiden Gläser schnell aufholt, die sie schon hatten, bevor er gekommen ist. Und Adam scheint vollkommen in seinem Element zu sein; er erzählt Caro von seiner Zeit in Berlin, lacht über ihre Witze und legt ab und zu unter dem Tisch die Hand auf Leos Knie, als ob das etwas ist, was sie immer machen und nicht etwas komplett Neues, was sie nie definiert haben. Leo würde lügen, wenn er behaupten würde, dass es ihm nicht gefällt und Adams Dauerlächeln nach zu urteilen, scheint es ihn auch nicht zu stören.

Als Caro sich nachts um kurz vor eins versabschiedet, weil ihr Taxi unten wartet, bleibt Adam unschlüssig in der Tür zum Wohnzimmer stehen. Leo hätte nichts dagegen, wenn er bleibt, aber vor Caro möchte er das nicht unbedingt anbieten. Sie scheint aber gar keinen Zweifel daran zu haben, dass Adam die Nacht hier verbringen wird.

„Tschüss ihr beiden, bis bald!“ Sie zieht Leo in eine Umarmung, bei der sie beide etwas hin und her schwanken. „Ich reserviere dir ein plus one für die Hochzeit“, flüstert sie ihm zu, bevor sie ihn loslässt und durch die Haustür nach draußen verschwindet. Leo blickt ihr verdattert nach.

Als er sich umdreht, steht Adam immer noch einfach so da, die Hände in den Hosentaschen und ein bisschen verloren in Leos Wohnung, in der er vorher noch nie war, wo er aber doch verdammt gut reinpasst. Viel besser als in das heruntergekommene Mietshaus mit dem winzigen Balkon und der kaputten Dusche, die ständig von warm auf kalt wechselt. Vielleicht sollten sie da mal reden und ihre Beziehung neu definieren. Aber nicht jetzt. Jetzt zieht Leo Adam erst mal nach oben ins Schlafzimmer. Zum Reden ist morgen früh immer noch genug Zeit.