Chapter Text
Ein sonniger Maitag im Jahre 1998, ich ging zusammen mit meiner Mutter Marie Mayers in den neuen Kindergarten, den sie vor ein paar Monaten eingeweiht hatten. Wir zogen von einer Stadt in die nächste, meine Eltern waren sogenannte Workaholiker, wie man so schön sagt. Meine Mutter arbeitete als Bürokauffrau und mein Vater, John Mayers, bei der Reichsbahn. Ich hatte auch einen älteren Bruder, aber dieser war kaum zu Besuch bei uns, außer es gab etwas zu feiern, da war er immer da, um sich zu besaufen. Sein Name war Markus, Soldat und er feierte lieber, als sich um seinen beruflichen Werdegang zu kümmern. Abends, als er noch zuhause lebte, gab es deshalb immer Ärger mit ihm. Jetzt war er mittlerweile über zwanzig und lungerte irgendwo da draußen auf dem Feld herum, zusammen mit anderen Soldaten des Reiches. Ich als fünfjährige fand das damals ziemlich spannend, abenteuerlich, aber heute als erwachsene junge Frau, ende zwanzig, fand ich dies nicht mehr “so berauschend”
“Und denk immer an deine Mitmenschen, Ava.” erinnerte mich meine Mutter an der Hand führend. Wir schritten durch eine breite Glastür, mit einem roten Rahmen, die mit selbstgebastelten Blumen kunterbunt gestaltet war.
“Guten Morgen, Frau Meyers und Ava. Schön, dass sie da sind. Ava ist bestimmt ganz schön aufgeregt, oder?” begrüßte uns die Kindergartenleiterin.
Ihr Name war Frau Müller, sie war eine braunhaarige Frau mittleren Alters und trug eine runde Brille, die sehr interessant aussah. Im Hintergrund nahm man die Stimmen der anderen Kinder bereits wahr, die umher tobten.
“Ich denke, wir sollten in die Gruppe gehen. Bitte folgen Sie mir.”
Sie führte uns einen langen, schmalen Flur mit beigem Linoleum entlang, wo am Ende eine Feuertür stand, welche sie öffnete.
“Die Türen müssen immer geschlossen sein, falls es mal zu einem Brand kommt.” meinte sie erklärend. Dahinter waren verschiedene Räume aufgeteilt, für alle in der Altersgruppe von fünf bis sieben Jahren. Die Türen haben alle ihre eigene Farbe: rot, gelb, blau und grün. Frau Müller führte meine Mutter und mich zur gelben Tür, mit einer Margerite darauf gemalt und öffnete sie vorsichtig.
(Die lauten Stimmen halten ja schon bereits am Eingang des Flures uns entgegen.)
“Samantha Thompson, kannst du mir bitte erklären, warum du das Spielzeug an Felix geworfen hast?” rief eine aufgebrachte Erzieherin beim Betreten des Raumes, sie hielt ein Mädchen fest, mit kurzen blonden Haaren und energisch blauen Augen. Dieses kleine Mädchen wirkte sehr trotzig.
“Entschuldigen Sie Bitte! Sie müssen Frau Meyers sein, richtig?” fragte die Erzieherin und ließ von dem blonden Mädchen ab, welches abrupt zu den anderen Kindern zurück lief und weiter wild mit tobte, als wäre soeben nichts gewesen.
“Ja, ich bringe meine Ava zur Eingewöhnung.” erläuterte meine Mutter und ließ meine Hand los. Ich sah dem blonden Mädchen nach, das sich statt einer Puppe ein rotes Auto schnappte und damit spielte.
(Ein Mädchen, das mit Autos spielte…)
“Ich werde sie gegen zwölf wieder abholen.” meinte meine Mutter im Hintergrund.
“Das geht in Ordnung, Ava ist hier sehr gut aufgehoben. Es sind alles sehr reizende Kinder, auch wenn ab und zu kleine Raufereien entstehen, aber das ist ja normal bei Kindern.” sagte die Erzieherin in die Menge blickend.
"Samantha, magst du mit meinen Geländewagen tauschen wollen?” fragte ein braunhaariger Junge zu dem blonden Mädchen, welches zuvor so aufgefallen war.
…Samantha…
Dies war Samantha…
Meine Samantha…
Sie ließ von ihrem roten Flitzer ab und sah sich den schwarzen Wagen des Jungen akribisch an, inspizierte ihn haargenau.
“Ist der Neu Paul?” fragte sie ihn.
“Ja, hat mein Vater mir gestern gekauft, aber mir gefällt dein rotes Rennauto am besten.”
Ein paar Sekunden verstrichen, bis Samantha etwas Eigenartiges tat, statt zu tauschen gab sie einfach ihr rotes Auto ihm und sagte lächelnd: “Behalte deines! Wenn es dir so gefällt, dann schenke ich es dir gern.”
(Ein Kind, das freiwillig teilte. Freiwillig eigenes Spielzeug verschenkte…)
Paul seine Augen strahlten förmlich auf.
“Wirklich, du schenkst mir deines?” fragte er ungläubig.
"Ja, warum nicht, wenn es dir gefällt? Ich habe genug Spielzeug und ich teile gern.” meinte Samantha lächelnd.
Unwillkürlich musste ich auch lächeln.
“So Ava, wir sehen uns nach dem Mittagessen, sei schön brav. Ich habe dich lieb!” sagte meine Mutter und gab mir einen Kuss auf meine Stirn.
“Ich habe dich auch lieb!” erwiderte ich und umarmte sie.
Samantha bekam von der Szenerie mit und rief zu mir hinüber: “Magst du mit uns spielen?”
Mit einem freudigen “Ja” riss ich mich von meiner Mutter los und rannte zu ihr und ihrem Freund.
“Samantha ist unser Clown hier, sie hält alle Kinder auf trab.", meinte die Leiterin lächelnd.
…und das war sie auch…
Samantha war wie die Sonne, immer am Strahlen, immer am Lachen, auch wenn es draußen regnete, sie hatte eine sehr wilde, unbändige Seite an sich, ein totales Energiebündel. Mir fiel beim Spielen auf, dass sie sehr untypisch für ein Mädchen handelte und auch gern die Anführerrolle übernahm, ohne wirklich zu arrogant rüber zu kommen. Klar konnte sie, wenn es ihr zu bunt wurde, auch ausfallend werden, aber ich denke dies wäre verständlich, jeder verliert nach einem gewissen Maß irgendwann die Kontrolle über seine beigebrachte Erziehung. Gegen Mittag gab es jedoch eine akute Auseinandersetzung mit einem anderen Jungen aus unserer Gruppe, dem das Essen nicht anstand. Es gab Kartoffeln mit Spinat und Ei. Dieser Junge hieß Erich, seinen Namen werde ich bis heute nicht vergessen.
“Das ist Kuhkacke, das esse ich nicht!” rief er angewidert.
“Erich, Spinat ist ganz gesund und wenn man reichlich davon ist, wird man genauso stark wie Popeye.” erklärte unsere Erzieherin.
Erich jedoch sah die Sache etwas anders, er bockte lieber rum.
“Ich esse keine Scheiße!”
Samantha unterbrach kurzerhand ihr Essen und stand abrupt auf.
“Du ist das jetzt verdammt nochmal!” schrie sie ihn an.
"Thompson, halte deine Klappe!” rief er frech.
“Sprich meinen Familiennamen nicht so aus!” fauchte Samantha.
Was darauf passierte, war wirklich unter aller Gürtellinie. Erich packte eine Handvoll Spinat in seinen bloßen Händen und schmiss es an Samantha, die ein weißes Hemd trug. Samantha brauchte Sekunden um sich zu sammeln, dann packte sie Erich am Kragen und schubste ihn vom Stuhl.
“Das hast du nicht umsonst getan!” schrie sie.
Sie wollte erneut auf den am Boden liegenden Erich zugehen, aber unsere Erzieherin packte sie und zog sie zurück.
"Samantha, lass ihn, sehen wir lieber zu, wie wir dieses Chaos beseitigen können, dein Vater wird durchdrehen, wenn er dein schönes weißes Hemd sieht!” meinte sie und ging mit Samantha an der Hand führend aus dem Raum. Nach einer knappen halben Stunde kam sie wieder und Samantha hatte ein kurzärmliges grünes T-Shirt an.
Der Junge fing an weiter zu geifern.
“Haha, das Grün steht dir, Thompson, hättest ja gleich dein Hemd anlassen können!”
Samantha riss sich von der Hand der Erzieherin los und wollte auf ihn springen, wurde jedoch in letzter Sekunde wieder zurückgehalten.
“Samantha las ihn!” rief die Erzieherin eindringlich.
“Du Feigling!” schrie Samantha außer sich und wandte sich in den Armen der Frau.
“Kind beruhige dich!”
Für mich persönlich sah Samantha in grün sehr schön aus, ihre Augen kamen dadurch noch anders zur Geltung.
“Mein Vater wird dir schon Beine machen!” schrie Samantha.
“Ohne deinen Vater bist du ja nichts!” erwiderte der Junge.
“Bitte hört auf!” mischte ich mich mit ein.
Samantha entspannte sich augenblicklich und sah mich wie ein Reh im Licht verdutzt an, mit meiner Reaktion hatte man höchstwahrscheinlich auch nicht gerechnet.
“Du hast kein Recht, mit ihr so umzugehen, Erich!”
Er ließ sich von keinen Unterrichten, wer weiß was aus ihm heute geworden ist.
“Thompson hat eine Freundin, oder warum verteidigst du sie?” rief er.
Am liebsten hätte ich ihm eine Ohrfeige verpasst, aber Gewalt war schließlich keine Lösung.
“Samantha hat nichts getan und du ärgerst sie pausenlos, das ist gemein von dir!”
Erich fing an lauthals zu lachen, Samantha riss sich daraufhin von der Erzieherin los, die völlig überfordert wirkte. Wie ein wildes Tier dreschte sie auf ihn ein, auf einen Jungen…
“Halt deinen verdammten Mund, Erich!'' Halt deinen verdammten Mund! Ich hasse dich, ich hasse dich!” schrie sie.
“Samantha bitte sei nicht so wie er!” erwiderte ich so laut, dass sie erneut inne hielt. Sie drehte sich zu mir um und ließ von Erich ab.
“Ich kann ihn nicht leiden!” schnaufte sie und einige Tränen bahnten sich ihren Weg.
“Ich weiß, aber Gewalt ist keine Lösung Samy.” sagte ich und ging auf sie zu, um sie zu umarmen. Dies war das erste Mal, dass jemand zu ihr “Samy” sagte, mir kam es nur so herausgerutscht. Seit diesem Tag waren wir wie Feuer und Flamme.
Erich erschien am nächsten Tag nicht mehr, da sich Samantha’ s Vater mit den Eltern angelegt hatte, diese haben ihren Sohn daraufhin erst einmal aus der Gruppe genommen. Erichs Eltern mussten auch das Hemd erstatten.
“Danke Ava, wegen gestern.” sagte Samantha beim Frühstück kauend.
“Du brauchst dich nicht zu bedanken, Samy, Erich war gemein zu dir.”
Wieder sah sie mich mit diesen eigenartigen Blick an, als hätte sie ein Licht geblendet…
“Samy…so hat mich noch niemand genannt.” flüsterte sie verlegen.
“Entschuldige, ich wollte nicht…”
“Nein, ich mag den Namen.”
Wir sahen uns eine gefühlte Ewigkeit in die Augen, die Zeit war nicht mehr Existenz für uns, bis…
"Mädchen, was wird mit eurem Frühstück? Wir wollen dann in den Wald gehen und wenn ihr zwei nichts zu euch nehmt, dann werdet ihr hungrig unterwegs sein. Es gibt erst wieder etwas zu speisen, wenn wir zum Mittag wieder kommen, denkt daran.) rief unsere Erzieherin tadelnd. Keine von uns beiden erwiderte etwas, aber wir merkten, dass wir Gefallen gefunden hatten, Freunde fürs Leben. Der Vormittag im Wald war von Sonnenschein, lauwarmer Temperatur und Kindergeschrei gefüllt. Wir tobten in unserer eigenen Fantasiewelt und waren frei von allen, damals mit fünf Jahren. Zusammen bauten wir Kinder aus Ästen und Blättern gemeinsam ein Tipi auf, wie bei den Indianern und spielten Verstecker und Fanger, jeder hatte sein eigenes Lager, wie bei den bekanntesten Filmen, Cowboy und Indianer. Samantha war ein Indianer und ich war in der Gruppe der Diebe, so wie wir es nannten. Ihre Ausdauer war immens, sie versuchte mich unbedingt einzuholen, wir steuerten dabei unbeirrt einen Abhang an. Von weitem ertönten die panischen Stimmen unserer zwei Erzieher, die vergebens riefen.
…Aber zu spät…
“Hab dich!” rief Samy und packte mich an meinen Schultern, dabei verloren wir beide den Halt und purzelten den steilen Hang hinab. Die Blätter vermischten sich mit uns, wirbelten umher, beteten uns ein. Es war urkomisch… Unten angekommen, zog Samy ihren blonden Kopf aus dem Haufen der Blätter und sah zum totlachen aus! Einige der Blätter haben sich in ihren Haaren verfangen, ihr Gesicht dreckig, aber strahlend vor Adrenalin und Spaß an der Sache.
“Oh mein Gott, Kinder, geht es euch gut?” ertönte die Stimme unserer Erzieherin, die panisch von oben hinab blickte und die Hände geschockt, wild gestikulierend umher schlug. “Habt ihr euch verletzt? Oh Gott, wie sollen wir das denn nun schon wieder erklären!” jammerte sie und meinte damit die Thompsons. Samantha lachte nur daraufhin und nahm eine Handvoll Blätter auf.
“Hehe, das war lustig, oder Ava?”
Sie warf die Blätter in die Luft, die wie verzaubert vom Winde verweht wurden, dabei strahlten ihre Augen noch mehr auf, glänzenden.
"Ja, das war spaßig, aber für einen Moment hatte ich schon Angst.” entgegnete ich und rappelte mich auf. Ich zog ein altes Blatt aus ihren verhärteten Haaren und zeigte es ihr.
"Ah, ein Eichenblatt.” meinte sie und nahm es mir ab. Fragend sah ich sie an.
“Ist der bekannteste Baum im Reich, Bismarck trägt ihn auch als Wappen.” erklärte sie.
“Bismarck?” fragte ich.
“Unser Schlachtschiff, der Stolz des Reiches, ich bin ihr schon einmal mit meinem Vater begegnet, sie ist wirklich eine starke Frau und nett ist sie auch!”
Die Art und Weiße, wie sie von Bismarck sprach… Sie schwärmte förmlich von ihr…
“Magst du morgen mit mir zusammen bei uns im Garten spielen?” fragte sie kurz darauf.
“Bei dir zuhause?”
"Ja, bei mir.”
“Gern, wenn es deine Eltern erlauben?”
Samantha rappelte sich komplett auf und klopfte sich sauber.
“Meine Eltern sind ganz in Ordnung, das, was die anderen Kinder sagen, ist zum größten Teil nicht wahr und mein Vater kann auch lachen.” sagte sie. Es gab das Getuschel der anderen Kinder, dass der Vater von Samy sehr eigensinnig und boshaft wäre, aber einen Menschen vorher zu beurteilen, obwohl man ihn persönlich nicht kennt, wurde mir nicht beigebracht. Immer sein eigenes Bild einer Person machen.
“Ich würde gern zu dir kommen und mit dir spielen.” sagte ich und lächelte dabei.
“Ich sag meinen Eltern bescheid. Hier das schenke ich dir.” Sie gab mir das Eichenblatt, als Zeichen unserer Freundschaft.
“Freunde für immer?” fragte sie.
“Freunde für immer!” erwiderte ich und steckte das Blatt freudig in meine rechte Jackentasche. Dieses Eichenblatt presste ich zuhause ordentlich zusammen und rahmte es danach mit einem grünen Bilderrahmen ein. Die Eiche wurde von da an Symbol einer innigen Freundschaft und Bewunderung an Bismarck, unser großes Idol…
