Work Text:
Thiel lächelte.
Boerne sprach jetzt schon seit einiger Zeit über einen neuen Artikel eines Fachliteraturmagazins, den er vor einigen Stunden gelesen hatte. Thiel konnte einfach nicht aufhören ihn anzusehen.
Er grinste in sich hinein.
Sie saßen gemeinsam auf Boernes Couch. Er hatte Wein für sie beide eingeschenkt und vor ihnen stand eine kleine Auswahl an Snacks, die in verschiedenen Schalen aufgeteilt waren.
Während er sprach schwenkte Boerne sein Weinglas in leichten Kreisen vor sich hin und her. Der Wein war bereits zu einem kleinen Strudel geworden. Wieder musste Thiel unwillkürlich lächeln. Genau wie der Weinstrudel war Boerne gerade für ihn. Ein Strudel, der es schaffte, ihn in seinen Bann zu ziehen und alles um ihn herum zu vergessen. Immer wenn Boerne sprach, ihm etwas erklärte oder ihn einfach nur ansah, leuchteten seine Augen. Und gerade war das wieder der Fall. Boerne erzählte ihm von einer neuartigen Methode, die in dem Artikel thematisiert wurde. Während er sprach konnte Thiel das glitzern in seinen Augen sehen. Diese Augen- Dieses leuchten- Er würde diese Augen aus Milliarden Augenpaaren heraus erkennen.
Obwohl Thiel nicht wirklich verstand, worüber sein Gegenüber sprach, hing er ihm an den Lippen. Es war wie der Strudel in Boernes Weinglas, der es ihm unmöglich machte wegzusehen. Er hing an den kleinen Lachfältchen neben Boernes Augen die sich immer wieder bei einem Lächeln zusammenzogen. Dieses Leuchten in seinen Augen und die vielsagenden Blicke die er Thiel immer wieder zwischen seinen Ausführungen zuwarf.
Er lachte leise in sich hinein.
Diese Zeit, die sie gerade hier miteinander verbrachten, war wirklich... „Frank! Hörst du mir überhaupt zu?“ Boerne riss ihn aus seinen Gedanken. „Boe- KF, ich-. Entschuldige, ich war so in Gedanken- ich…“ er hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass sie sich inzwischen duzten. Sie taten es erst seit kurzem und das auch nur im privaten Rahmen. Bei der Arbeit, so hatten sie gemeinsam entschieden, wollten sie den professionellen Rahmen wahren…und die Kommentare von Kollegen vermeiden. Sie bekamen so schon genug vielsagende Blicke zugeworfen. Von dem Tuscheln, dass jedes Mal aufkam wenn Boerne in Thiels Büro erschien, ganz zu schweigen.
Anstatt das Boerne, so wie sonst, empört darauf reagierte das ihm nicht zugehört wurde, lächelte er nur. Diese Reaktion war auch erst seit neustem so…und es irritierte ihn. Stören tat es ihn nicht…aber ungewohnt war es allemal. „Halb so schlimm…es ist ja auch schon- Oh! So spät schon!“ Boerne schaute mit entsetzen auf seine Armbanduhr. Auch Thiel erhaschte einen Blick auf das Ziffernblatt und zog die Augenbrauen hoch. Sie hatten beide die Zeit aus den Augen verloren. Es war schon 02:00 Uhr und sie mussten beide am selben Tag wieder zur Frühschicht raus. Durch die brisante Lage, und der steigenden Zahl der Infektionen im Präsidium wurden wieder Schichtdienste, auch in den Ermittelnden Bereichen, eingeführt. Boerne hatte sich kurzerhand auch entschieden Schichten in der Rechtsmedizin einzuführen. So kam es dazu, dass beide viel früher als sonst zur Arbeit mussten.
Unbeholfen schaute Thiel Boerne an. „Ich sollte dann…vielleicht auch- mal…“ er machte eine kurze Pause „du weißt schon, wir müssen ja-“ „früh raus, ja“ unterbrach ihn Boerne nickend und beendete so Thiels Satz. Während er sprach, starrte Boerne in die Leere. Er setzte kurz darauf nochmal an etwas zu sagen, entschied sich aber im letzten Moment um, sodass nur ein leises Stottern herauskam. Stattdessen drehte er den Kopf ruckartig zu Thiel, trank seinen letzten Schluck Wein aus und lächelte.
Sie standen auf. Irgendwo hatte Thiel seine Schuhe stehen gelassen. Eine kurze Suche der beiden ergab nichts, weshalb er nun auf Socken vor der Tür von Boerne stand. Beide waren sie unfähig sich voneinander zu verabschieden oder die richtigen Worte zu finden. Aber brauchten es denn die richtigen Worte zu sein? In den letzten Stunden war so viel in Thiels Leben passiert, dass er genau diese Ruhe. Diesen ‚Fels in der Brandung‘, die Schulter zum Anlehnen, gebraucht hatte.
Nachdem sie gemeinsam den Keiler im Wald begraben hatten, hatte Boerne ihn noch auf ein kleines Abendessen mit "ein oder zwei Gläschen Wein" eingeladen - es wurden 3 Flaschen Wein.
Als Boerne die Einladung aussprach, übermannte Thiel eine Freude, die er lange nicht mehr gespürt hatte. Vor allem nicht in den letzten Tagen. In dem Moment fühlte er sich fast so, als wäre er wieder ein 16-jähriger Junge, der zum ersten Mal in seinem Leben eingeladen wurde- oder verlieb- nein nein.
Er verwarf den Gedanken. Noch immer standen sie im Flur. Boerne leicht an seine Tür angelehnt und er mit seinen Socken auf dem kalten Steinboden. Seine Füße waren bereits eiskalt. Und doch war es immer noch so, als hielte Thiel etwas davon ab, zu gehen. Er wollte nicht, dass es so endete.
Auch Boerne machte keine Anstalten sich von seiner Position, ihm gegenüber, zu entfernen und die Tür zu schließen. „Also…hm…, bis morgen dann“ versuchte Thiel dann doch die Verabschiedung einzuleiten. Es waren nun bereits einige Minuten vergangen, in denen sie vor der Tür standen. Beide hatten sie sich nur schweigend angeschaut. Thiels konnte seine Füße inzwischen nicht mehr spüren, aber er konnte sich einfach nicht von Boernes Augen losreißen. „Frank-„ fing Boerne stockend das Gespräch an „willst du nicht…also du musst natürlich nicht…ähm“ das war das erste Mal das er den Professor ‚ähm‘ sagen hörte. Boerne stockte „also, vielleicht…du…hier…“ „JA“ unterbrach ihn Thiel. Viel zu laut und viel zu schnell. Er hätte sich Ohrfeigen können. „Äh, also, ja klar. Gerne“ fügte er hinzu. Die Augen des Professors leuchteten auf und ein breites Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit. Demonstrativ drehte er sich um und öffnete die Tür ein Stück weiter.
Nun lächelte Thiel auch und er trat ein.
Nach einigem hin und her hatte Boerne ein passendes Nachthemd für Thiel herausgekramt. Thiel musste unwillkürlich lachen als er es in Boernes Hand sah.
Boernes Bett war groß. Ziemlich riesig für eine Person dachte Thiel und deckte sich zu. Einige Sekunden später kam auch Boerne in seinem blauen Samt Pyjama dazu. Er setzte sich auf die Bettkante und schaltete das kleine Nachtlicht auf seiner Kommode aus.
Thiel hörte das rascheln der Decke. Er spürte Boernes nähe neben sich. Und ohne nachzudenken, griff er nach Boernes Hand. Er fand sie. Als sich ihre Hände berührten schloss Boerne seine um Thiels. So lagen sie einige Sekunden da ohne ein Wort zu sprechen. Ihr Atem ging leise und gleichmäßig. Dann drehte sich Boerne zu Thiel, sodass sie Gesicht an Gesicht lagen. Es lagen nun nur Zentimeter zwischen ihnen. Thiel spürte Boernes Atem auf seiner Haut kitzeln. Noch immer hatte keiner von ihnen etwas gesagt. Dennoch konnte Thiel durch den leichten Mondschein, der sich durch die Vorhänge schob, Boernes Augen erkennen. Sie funkelten. Wie tausend Sterne dachte Thiel und lächelte. Sie schauten sich tief in die Augen. Dann fällte Thiel eine Entscheidung. Jetzt oder nie dachte er sich und rückte auch die letzten Zentimeter zu Boerne und ihre Lippen berührten sich. Boernes Bart kitzelte in seinem Gesicht.
Sofort erwiderte Boerne den Kuss. Er griff Thiel an den Hinterkopf und zog ihn noch näher an sich ran.
Und zwischen atemlosen Küssen konnte Thiel nur an eines denken:
„Oh, ich vermisse grade gar nichts
Hab' das so lang nicht mehr erlebt,
Dass mir nichts fehlt
Nein, ich vermisse grade gar nichts
Hab' fast verlernt, wie das geht
Fast verlernt, wie das geht
Weil sonst immer irgendwas ist
Dass mir den Kopf zerbricht
Oh, ich vermisse grade gar nichts
Ich vermisse nichts, seit du da bist
Seit du da bist“
