Work Text:
ERSTE WOCHE
Wenn Adam rennt, dann rennt er, bis es ihm die Lungenflügel zerreißt, und wenn er dann stehenbleibt, wie ein Fisch nach Luft schnappend, dann schmeckt sein Kehlkopf metallisch und fühlt sich so scharf an als säße dort eine Klinge in seinem Fleisch. Dann hustet er und spuckt bitteren, dickflüssigen Speichel auf den Boden, in dem allein dem Geschmack nach eigentlich Blut sein müsste. Er stemmt die Hände in die Knie, vornübergebeugt, um den stechenden Schmerz in seinem Zwerchfell zu lindern, und denkt, er muss weniger rauchen. Dabei ist das Rauchen das einzige, was ihm noch bleibt, der letzte Akt des körperlichen Verfalls, den er seinem Vater abringen kann, jetzt noch. Mit den harten Drogen hat er aufgehört, als er Polizist geworden ist, aber für die ein oder andere Zigarette zwischendurch wurde noch keiner in den Innendienst versetzt. Solange er den Belastungstest besteht, jedenfalls, aber gerade steht Adam nach einem knappen Kilometer Sprint mit schlotternden Beinen auf einem Waldweg und die Pulsuhr kommt nicht nach damit, seine ausreißenden Herzfrequenzen zu messen und er denkt, vielleicht muss er kotzen oder sich kurz hinsetzen, aber auf keinen Fall schafft er die zehn Kilometer Dauerlauf, die der Prüfer in vier Wochen von ihm sehen will.
Wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz stakst Adam mit steifen Beinen zu dem Wanderparkplatz zurück, an dem er das Auto abgestellt hat. Er kommt sich bescheuert vor in seinen Leggings und damit, dass sein T-Shirt am Rücken und unter den Armen dunkel durchgeschwitzt ist, obwohl er noch nicht mal ein Zehntel der Strecke geschafft hat, die er sich vorgenommen hat. Am Auto steckt er sich eine Kippe an, jetzt ist es auch egal, und lehnt sich gegen den Kotflügel seines Wagens, und während sein Arsch durch das dünne Spandex warm wird von der Restwärme des Motors ruft er Esther an, weil die heute auch keinen Dienst hat.
„Du joggst doch, oder?”, fragt er, ohne seinen Namen zu nennen, sobald Esther abnimmt. Sie hat seine Nummer sowieso gespeichert und hat, da ist Adam sich sicher, die Augen verdreht, sobald er auf ihrem Display aufgetaucht ist. Aber sie hat den Anruf angenommen, das ist ein Anfang.
„Ja”, sagt sie, wie üblich kurz abgebunden. „Warum?”
„Belastungstest in vier Wochen.”
„Ah”, sagt Esther. „Und jetzt willst du, dass ich dich in Form drille.”
„Ich hätte auch ‘nen einfachen Anfängertipp genommen”, sagt Adam. „Aber wenn du drauf stehst.”
„Wichser.” Es ist kurz still am anderen Ende. „Warum fragst du nicht Hölzer?”
Adam zieht den Mund zusammen und ist froh, dass Esther ihn nicht sehen kann. „Hat gerade viel um die Ohren. Weißt du ja.”
„Hm”, macht Esther. Es stimmt, Leo hat sich tief in ihren neuen Fall gegraben, was Historisches, Knochenfunde an einer Abbruchstelle im stillgelegten Steinbruch. Noch wissen sie nicht, ob sie die spärlichen DNA-Spuren einem ungelösten Vermisstenfall zuordnen können, oder ob da ein armes Arschloch einfach aus der Welt gefallen ist, ohne dass irgendwer sein Fehlen bemerkt hat. Leo reibt sich an Ersterem auf, aber Adam glaubt, ohne genauer darüber nachgedacht zu haben, fest an Letzteres. Sie gehen sich aus dem Weg deswegen. Deswegen, weil es leichter ist, sich über die Ermittlungen uneinig zu sein, als über die Nummer, die Adam am Ende ihres letzten Falls abgezogen hat, im Wald, und über die sie nicht sprechen.
„Ich lauf Sonntag im Steinbachtal”, sagt Esther nach einer kurzen Pause. „Kannst mitkommen, wenn du willst.”
„Cool”, sagt Adam. „Danke.” Und legt auf.
Leo joggt jeden dritten Tag für mindestens eine Stunde, mit langen, entspannten Schritten, so regelmäßig wie ein Uhrwerk, und wenn er fertig ist, kommt er warm und süß nach Schweiß riechend zurück, geht in die Dusche und stellt parallel eine Waschmaschine für seine Laufsachen an. Dann geht er in die Küche und trinkt einen ganzen Liter aus der Flasche und sein Kopf ist noch ganz rot, ob vom Laufen oder von dem brühend heißen Wasser der Dusche kann Adam nicht sagen. Manchmal denkt er daran, wie es war, die krebsrote, heiße Haut auf Leos Schultern zu küssen, wenn er noch nass vom Duschen war und ein bisschen salzig vom letzten Rest Schweiß. Aber Adam hat Leo seit zwei Monaten nicht mehr angefasst.
Er hat sich ein Hotelzimmer genommen nach der Sache im Wald. Eine Woche bei seiner Mutter war der Plan gewesen - bei seinen Eltern , sollte er sagen, jetzt, wo sein Vater nach Hause zurückgekehrt ist - und die Hölle war nur auszuhalten gewesen, weil er gewusst hatte, dass er danach zu Leo zurückgehen würde, und dass es da ein Bett für sie beide gäbe und gutes Essen und keine Albträume. Aber Adam hat es nur noch geschafft, seine Sachen bei seinen Eltern wieder in seine Reisetasche zu packen, bevor Leo den zweiten Mord seines Lebens für Adam begangen hat, und danach war klar, dass bei Leo kein Platz mehr für ihn ist. Vielleicht ist da was zwischen ihnen, vielleicht ist es sogar Liebe, aber wenn es Leo zum Mörder macht, dann will Adam kein Stück davon haben.
„Kein Wunder, dass du nach fünfhundert Metern durch bist, bei dem Antritt”, sagt Esther, die ihm locker und unangestrengt nachgejoggt ist, als Adam losgeheizt ist, und die ihn jetzt, kein Stück außer Atem, wieder einholt, wo Adam mitten auf dem Weg anhalten musste, weil er keine Luft mehr kriegt. Die Luft ist morgens jetzt kühl, auch wenn die Wärme des Sommers noch in den glatten Buchenstämmen sitzt, die den Waldweg säumen. Aber die Blätter über ihren Köpfen bekommen schon eine Spur von gelb und Adam weiß, bald wird es Herbst. Adam hat jetzt schon Horror vor der Nacktheit des Winters, der schonungslosen Kälte, der Dunkelheit, die in alle Ritzen kriecht. Im letzten Winter hat er die Entscheidung getroffen, nach Saarbrücken zurückzukehren. Er weiß nicht, welcher halsbrecherische Plan ihn aus dem nächsten hinausretten soll.
„Beug dich vor”, sagt Esther und legt ihm die Hand zwischen die Schulterblätter. Für einen Augenblick hat Adam Angst, dass ihm sein aufgewühlter Mageninhalt aus dem Mund kippt, wenn er sich nach vorn lehnt, oder dass ihm schwarz vor Augen wird, aber dann spürt er, wie seine Lungenflügel sich öffnen und er wieder Luft kriegt.
„Du hast es nicht so mit Fitness, oder?”, fragt Esther, als er sich wieder aufrichtet.
Adam denkt an die Drills mit seinem Vater, und daran, wie sein Körper früher ein einziger wunder Muskel war, kein Raum für Blut oder Luft oder Seele, nur Kraft um jeden Preis und blendender Schmerz. „Nee”, sagt er.
„Langsam anfangen ist die Kunst.” Esther dehnt kurz ihren Rücken in beide Richtungen, dann läuft sie ihm locker voraus. Bei ihr sehen noch nicht mal die kotzhässlichen Laufsachen albern aus. „Tempo runter, wenn’s schwierig wird. Gehen, wenn du nicht mehr laufen kannst.” Sie nickt ihm mit dem Kopf zu, damit er ihr neben ihr herläuft. Adam macht die ersten Schritte, zwingt den Impuls runter, zu sprinten, als stünde sein Vater mit dem losen Gürtel hinter ihm.
„Mach dich mal locker”, sagt Esther, die ihn dabei beobachtet, wie er verkrampft einen Fuß vor den anderen setzt.
Adam schnaubt bitter und spürt prompt ein neues, heftiges Seitenstechen. Es fühlt sich an, als würde er absichtlich in Zeitlupe laufen.
„Atmen nicht vergessen.”
„Fick dich”, keucht Adam.
Esther grinst und läuft ihm voraus, mühelos und gleichmäßig, wie zu einem unhörbaren Takt. Er schaut ihr nach, beobachtet, wie ihr weites, leichtes Shirt bei jedem Schritt in die gleichen Falten fällt, ihre Füße wie vorgezeichnet den Waldboden treffen und gleich wieder verlassen. Adam fühlt sich so schwer wie noch nie. Kurz denkt er ans Aufgeben. Wie schlimm kann Innendienst schon sein? Und Leo vermisst er so oder so. Da dreht Esther sich im Laufen zu ihm um, nur eine simple Kopfbewegung, ein angedeutetes Nicken. Komm . Und Adam nimmt einen tiefen, schmerzhaften Atemzug und setzt sich schwerfällig wieder in Bewegung.
ZWEITE WOCHE
„Der beste Trick, um sicherzustellen, dass du nicht zu schnell läufst”, erklärt Esther Adam am Kaffeeautomaten im Präsidium, während sich hinter ihnen schon eine Schlange bildet, „ist, beim Joggen zu reden.” Sie drückt Adam wie selbstverständlich den ersten Kaffee in die Hand, den der Automat mit einem dröhnenden Gurgeln in den Pappbecher gespuckt hat, schwarz, und presst dann den Knopf für Latte Macchiato. „Wer genug Luft zum Quatschen hat, hat genug Luft zum Laufen.”
Adam schießt eine Bemerkung darüber durch den Kopf, wie Esther und Pia diese These zur Kunstform erhoben haben müssen, weil das Dauergequatsche zwischen ihnen praktisch jede Arbeit im Präsidium zum Multitasking macht. Aber er will nicht gemein sein. Esther hat ihm immerhin gerade einen Kaffee spendiert, den Adam prompt am Beistelltisch mit einem großen Schwung süßer Kondensmilch ruiniert, und außerdem hat sie ihn heute Morgen ausnahmsweise nicht angekackt, sobald er ins Präsidium kam, auch wenn das geheimnisvolle Grinsen, das sie stattdessen aufgesetzt hat, seinen Fluchtinstinkt kitzelt.
Als sie hoch ins Büro kommen, sitzt Leo schon am Schreibtisch. Seine Augen sind ganz klein und seine Schultern vorgebeugt, als könne er ihr ganzes Gewicht nicht mehr tragen. Adam ist sich sicher, dass er die ganze Nacht im Archiv verbracht hat, über den ungelösten Vermisstenfällen der letzten zwanzig Jahre, die noch nicht digitalisiert sind.
„Irgendwelche Neuigkeiten?”, fragt Adam, aus Gewohnheit, aber auch, weil er hofft, dass Leo wenigstens einmal vom Bildschirm aufschaut und damit signalisiert, dass er Adams Anwesenheit bemerkt hat.
Aber Leo schüttelt nur den Kopf. „Noch nicht.”
Für eine Sekunde überlegt Adam, ob er Leo den heißen Kaffee anbieten soll, den er noch in der Hand hat, das Koffein könnte Leo sicher brauchen, aber Leo hasst Kondensmilch. Also hängt Adam nur seine Jeansjacke über den leeren Stuhl gegenüber von Leos und leistet Esther und Pia Gesellschaft an der Pinnwand, an der bisher nur auf einer großen Karte die Fundstelle der Knochen verzeichnet ist, sonst nichts. Die letzten Wochen waren zäh, und der neue Fall hat daran nichts geändert.
„Jedenfalls haben wir uns gedacht, wir schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe”, setzt Esther das Gespräch zwischen ihnen fort, als wäre es nie unterbrochen worden. Pia steht zustimmend nickend neben ihr, die Arme verschränkt. Hätte Adam sich ja denken können, dass Esther einen Plan hat, und dass sie dabei mit Pia unter einer Decke steckt.
„Wir wechseln uns ab mit dir”, verkündet Pia. Aus dem Augenwinkel sieht Adam, wie Leo am Schreibtisch kurz den Kopf hebt, um sich dann wieder seinem Bildschirm zuzuwenden. „Jogging meets Quatschtherapie, sozusagen”, fährt Pia fort. Sie grinst, als sie Adams Gesichtsausdruck sieht. „Keine Sorge, du musst uns keine Geheimnisse verraten.” Das erste Entsetzen hat er anscheinend nicht ganz verbergen können.
„Es geht mehr darum, dass du überhaupt redest beim Laufen”, erklärt Esther. „Und wir haben uns gefragt, wie viele Freunde du wohl hast, mit denen du längere Gespräche führen kannst.” Sie tauscht einen vielsagenden Blick mit Pia. Offensichtlich ist Leos und Adams stoisches männliches Schweigen schon öfter Thema zwischen den beiden gewesen. „Und da dachten wir, wir stellen uns freiwillig zur Verfügung”, beendet Esther ihren Vorschlag.
Adam blinzelt, während Esther und Pia ihn erwartungsvoll anschauen. Dann lacht er. „Ihr seid doch bescheuert.”
„Take it or leave it, mein Freund”, sagt Esther. „Aber ich kenne einen, der in vier Wochen hauptberuflich Akten schreddern darf, wenn er in dem Tempo weiterrennt.” Auch sie hat jetzt die Arme vor der Brust verschränkt. Adam verkneift sich ein Grinsen. Esther und Pia stehen vor ihm wie zwei sehr kleine Drill-Sergeants mit Pferdeschwänzen und einem Faible für bunte Sweatshirtjacken.
„Aber nichts Persönliches”, entscheidet Adam und sieht, wie sich prompt ein fast identisches Lächeln auf Esthers und Pias Gesichtern ausbreitet. Er ist in die Falle gegangen.
„Nur Wetter und Lieblingseissorten”, stimmt Pia mit einem Nicken zu.
Adam wiegt zweifelnd den Kopf. „Eissorten wird schon kritisch.”
„Gott im Himmel”, sagt Esther mit einem fassungslosen Kopfschütteln, bevor sie Adams Mundwinkel zucken sieht. Sie boxt ihm gegen den Oberarm und dann geben sie sich die Hand darauf, Wetter und Eissorten. Während der ganzen Zeit schaut Leo nicht noch ein einziges Mal von seinem Bildschirm auf.
An dem Abend ist Adam gerade halb durch das Foyer des Präsidiums, im Kopf schon fast auf der Fahrt zurück ins Hotel, als er schnelle Schritte hinter sich hört.
„Adam!”
Adam dreht sich um und tut so, als würde es ihn nicht vom Scheitel bis zu den Fußsohlen durchzucken dabei. Das letzte Mal, als Leo seinen Namen gesagt hat, im Wald, war seine Stimme blank vor Entsetzen. Vielleicht, weil Leo in dem Moment klar geworden ist, dass Adam kalt genug ist, seinen Vater ein zweites Mal sterben zu lassen. Oder weil Adam bereit war, in Kauf zu nehmen, dass Leo sich ein zweites Mal schuldig macht an Roland Schürks Tod. Als hätte Leo in dem Moment voller Grauen zum ersten Mal Adams wahres Gesicht gesehen. Es hat die Verhältnisse auf eine brutale Art und Weise geklärt, denkt Adam. Er hat sich in den Tagen danach viele Fragen gestellt, aber nie die, ob Leo ihm das verzeihen kann. Die Antwort kennt er.
Und jetzt ist es tatsächlich Leo, der von der Treppe her auf ihn zueilt, in Jeans und T-Shirt, ohne Holster. Plötzlich kann Adam sich nicht mehr erinnern, wann er das Holster das letzte Mal an Leo gesehen hat, und das macht es noch schlimmer. Er hat natürlich zu Leos Gunsten ausgesagt, als die Interne ihn zu dem tödlichen Schuss befragt hat, Leo hat an dem Tag ein Leben gerettet, auch wenn es das falsche war. Aber mit Leo hat Adam darüber nie gesprochen. Adam steckt die Hände in die Taschen, damit sie keine Dummheiten machen, und wartet, bis Leo ihn erreicht hat.
„Hast du eine Minute?”, fragt Leo.
„Wegen dem Fall?”, fragt Adam und bemüht sich, seine Stimme möglichst unbeteiligt klingen zu lassen.
Leo schüttelt den Kopf. „Nee.” Adams Herz wechselt schlagartig von Trab zu Galopp. Aber Leo bleibt auf Distanz. „Ich will nur wissen, was Esther und Pia von dir wollten.”
Adam atmet aus. „Das war nur wegen dem Belastungstest”, sagt er. „Das hat nichts mit uns zu tun.”
„Nicht?”, fragt Leo und reckt herausfordernd das Kinn vor. Er sieht schlecht aus, findet Adam, dünn, die Haut fast durchscheinend, mit dunklen Ringen unter den Augen. Seine ganze Haltung wirkt fahrig, panisch.
„Wann hast du das letzte Mal zu Hause geschlafen?”, fragt Adam.
Leo schüttelt die Frage mit dem Kopf weg. „Lenk nicht ab.”
„Leo, die wissen nichts.”
Adam beobachtet, wie Leo auf der Innenseite seiner Wange herumkaut. Seine Lippen sind trocken und aufgerissen. Adam weiß genau, wie er sich fühlt. Die ersten Tage nach dem Vorfall im Wald haben sich angefühlt, als habe ihn jemand wie ein Insekt auf eine Nadel gespießt, da lag er wehrlos und wartete auf das grelle Licht und das Vergrößerungsglas. Dann wurden aus Tagen Wochen und nichts ist passiert. Aber Adam kann sehen, dass Leo immer noch wartet, gelähmt vor Angst.
„Wenn mein Vater irgendwas gesagt hätte, hätten wir längst davon gehört”, sagt Adam. Er wünschte, er könnte es Leo glauben lassen, so wie er selbst inzwischen glauben kann. Er hat seinen Vater seit dem Wald nicht mehr gesehen und er hat es auch nicht vor. Zum ersten Mal fühlt es sich endgültig an. Aber nichts an Leo lädt ihn ein, wie es das früher getan hat, lässt Adam auch nur ein bisschen näher an ihn heran. Es ist, als bestünde sogar die Luft zwischen ihnen nur noch aus Scherben, die scharfen Kanten alle auf Adam gerichtet.
„Woher weißt du, dass sie nicht auf Zeit spielen?”, fragt Leo. „Dass sie nicht warten, bis sie mehr wissen?” Er macht einen Schritt auf Adam zu, wieder nur Angriff, keine Einladung. „Vielleicht wollen sie dich nur auslauschen.”
„Beim Joggen?” Adam schüttelt den Kopf. „Leo -”
„Er hat irgendwas gesagt”, sagt Leo entschieden und schaut Adam dabei an als erwarte er, dass Adam ihm widerspricht. „Das weißt du genauso gut wie ich.”
Adam bleibt nichts anderes übrig als zu nicken. Er will eigentlich sagen, dass Leo sich trotzdem keine Sorgen machen muss, dass er schlafen kann, und wenn nur für eine Nacht, und dass da draußen nichts und niemand auf ihn lauert, und wenn, dass Adam ihn davor beschützen wird, so wie Leo ihn immer vor allem beschützt hat. Aber was stattdessen rauskommt ist knapp und gefühllos.
„Wenn sie was wissen, find ich’s heraus.”
Und da nickt Leo auch. Seine Schultern werden ein bisschen weicher. Vielleicht ist das genug.
„Gehst du nach Hause?”, fragt Adam noch.
Leo schüttelt den Kopf. „Neue Akten aus Frankreich.”
Für einen Moment denkt Adam, dass er Leo damit helfen könnte, er denkt an Hofers Akten, die erste Nacht, die sie zusammen im Präsidium geschlafen haben, das flüchtige Gefühl von Heimat, das sich an dem Morgen in Adams Bauchhöhle eingenistet hat, obwohl er es nicht eingeladen hat, und von dem er nicht gewusst hat, dass er es sucht. Aber er weiß auch, dass er Leo Raum geben muss, jetzt.
„Mach nicht zu lang”, sagt er stattdessen und dann geht er raus auf den Parkplatz, auf dem es bereits dämmert, und Leo bleibt im Präsidium zurück, wo es nie ganz dunkel wird.
Vielleicht ist das Laufen genau das, was Adam gerade braucht. Sonst wäre er vielleicht nach Feierabend einfach zurück ins Hotel gefahren, hätte sich ein Bier aufgemacht und gehofft, das eins reicht, um ihn in den Schlaf zu lullen, und wahrscheinlich hätte es nicht gereicht und er wäre am nächsten Tag müde und verkatert im Präsidium aufgetaucht. Aber jetzt zwingen ihn Esther und Pia im Wechsel jeden zweiten Abend in die Stadtparks von Saarbrücken und der Kater sitzt Adam am nächsten Morgen in den Muskeln und nicht im Kopf. Sie machen ihr Versprechen wahr und lassen ihn reden. Sie stoßen zwar ziemlich schnell an die Grenzen von Wetter und Eissorten, aber das ist okay, weil, wie Adam zu seiner Überraschung feststellt, auch Esther und Pia durchaus etwas zu sagen haben, wenn man ihnen zuhört. Am Ende der zweiten Woche schafft Adam die Runde um den Deutsch-Französischen Garten, ohne, dass er zwischendurch gehen muss, auch wenn’s wehtut und die Worte am Ende gepresst herauskommen.
„Himmel”, sagt Pia, als sie wieder am Parkplatz ankommen, und stützt die Hände in die Knie. Obwohl sie besser im Training ist als er, ist ihr Kopf rot. „Machst du eigentlich irgendwas auch nicht im Extrem?”
Adam schaut überrascht zu ihr rüber. Sein Atem geht noch angestrengt, sein Körper fällt schwer in die Schrittgeschwindigkeit. Bis gerade war er euphorisch, hatte das Gefühl, eine Marke geknackt zu haben, als hätte er eine Prüfung bestanden. Aber Pias Stimme klingt kritisch.
„Was mach ich denn im Extrem?”, fragt er zurück. Dass er überhaupt fragt, könnte mit dem leichten Sauerstoffmangel in seinem Gehirn zusammenhängen und damit, dass er Pia auf ihrer Runde mehr als einmal zum Lachen gebracht hat. Er fühlt sich irgendwie durchlässig. Als wäre er ein bisschen besoffen. Es sollte gefährlich sein, aber die Weichheit des Gefühls überrascht Adam.
Pia schnaubt. „Schweigen? Böse gucken? Bitchy Sprüche im Büro raushauen?” Sie stemmt ihr linkes Bein gegen die niedrige Mauer an der Auffahrt, um es zu dehnen. „Nichts verraten über deine Vergangenheit außer Stracciatella mit Zitrone?”
„Fair”, sagt Adam. Er stellt sich neben sie, auch wenn der Winkel für ihn zum Dehnen eigentlich zu flach ist, und kommt trotz seiner steifen Gelenke deshalb mit den Fingerspitzen bis an seinen Fuß.
„Und jetzt auch noch Bestnote im Belastungstest, du Streber, hm?” Pia grinst ihn an.
„Sicher nicht”, sagt Adam keuchend. Sein Unterschenkel blockiert, sobald er versucht, die Zehenspitzen etwas näher an sich heranzuziehen. Vielleicht hat Pia recht. Vielleicht treibt er die Dinge wirklich ins Extrem. Er macht ja alles, bis es wehtut. Dehnen. Rennen. Sich verlieben. Er muss an Leo denken, wie er nach dem Laufen unten an der Bank im Hof die Beine streckt und dabei die ganze Hand um seinen Fuß schließt. Bei ihm sieht es leicht aus wie bei einem Tänzer. Dagegen scheint Adams Körper nur aus Winkeln zu bestehen.
„Wetten doch?”, sagt Pia und streckt die Arme über den Kopf, fängt den Ellbogen ihres linken Arms mit der rechten Hand und zieht. „Eins mit Stern. Bei dem Training.” Um ihr Gesicht herum haben sich kleine gelockte Haarsträhnen aus dem Pferdeschwanz gelöst, und darin fängt sich das Licht wie in einem Heiligenschein. Adam stellt überrascht fest, dass er sie mag. Er weiß plötzlich nicht mehr, wann das passiert ist, aber es fühlt sich gut an. Und dann wetten sie um einen Becher Stracciatella-Zitrone - Adams Selbstbild gegen Pias und Esthers Trainergeist.
DRITTE WOCHE
„Du kommst doch noch mit was trinken?”, fragt Esther.
Dieses Mal haben sie die Autos am Wildpark stehen lassen und sind um den Schiedeborn gelaufen. Die Steigungen machen Adam zu schaffen, aber als es am Ende sanft bergab geht, vergisst Adam zum ersten Mal für ein paar Minuten, dass er rennt. Er hat Esther von dem Tag erzählt, als Leo und er einen Einkaufswagen geklaut haben und damit die ganze steile Waldstraße in der Nähe vom Baumhaus runtergedüst sind. Am Ende sind sie im Graben gelandet und Leo hat sich die Mittelhand gebrochen. Für sechs Wochen musste Leo all seine Klassenarbeiten diktieren, und Adam hat erst aufgehört, sich zu entschuldigen, als Leo im nächsten Schuljahr deswegen den Vorlesewettbewerb gewonnen hat. Es tut gut, über Leo zu reden, stellt Adam fest, auch wenn er ihn nie beim Namen nennt. Nach Esthers und Pias Informationsstand hatte er viele Freunde als Junge und mit allen hat er Dummheiten gemacht und in keinen von ihnen war er verliebt. Erst als Esther neben ihm plötzlich ins Schritttempo wechselt, fällt Adam wieder auf, dass er läuft, und dann auch nur daran, wie schnell die Welt an ihm vorbeizieht. Und dann, als er wieder geht, fühlt sie sich angenehm verlangsamt an.
„Wo geht ihr denn hin?”, fragt Adam. Er will die Kneipen vermeiden, in denen er zu Schulzeiten abgehangen hat. Er braucht niemanden, der ihn auf sein Verschwinden in der Elften anspricht und ihn über die Wunderheilung seines Vaters ausfragt, die, wie der Unfall vor fünfzehn Jahren, durch alle Zeitungen gegangen ist.
„Jules Verne”, sagt Esther. „Das ist in der Oststadt. Gab’s noch nicht zu deiner Zeit.” Als hätte sie seine Gedanken gelesen.
„Kommt Leo auch?”, fragt Adam automatisch. Dann fällt ihm wieder ein, dass die Dinge nicht mehr so sind wie vor der Sache im Wald, als sie vorsichtig angefangen haben, sich nach dem Dienst zum Trinken und Kickern zu treffen, auch wenn es meistens im Streit geendet ist.
Esther schüttelt den Kopf. „Klinkt sich immer noch aus”, sagt sie und schaut so besorgt dabei, dass es Adam rührt. Anfang der Woche war Leo für eine Nacht verschwunden. Später haben sie erfahren, dass er nach Frankreich gefahren ist, um bei den französischen Kollegen DNA-Proben von einem Studenten abzuholen, der seit acht Jahren spurlos verschwunden ist. Es war kein Match. Adam, Pia und Esther haben inzwischen einen neuen Fall eröffnet und wieder geschlossen: Eine Frau, die ihren Ehemann erschlagen hat, Haustyrannenmord, die Beweislage ist eindeutig, und trotzdem kocht Adam bei den Bändern von der Vernehmung die Galle den Hals hoch. Die Frau hat ihrem schlafenden Mann einen Feuerlöscher über den Schädel gezogen, weil er sie und die Kinder jahrelang misshandelt hat. Mit Glück und einem guten Anwalt kriegt sie Bewährung. Wahrscheinlicher ist, dass sie dafür in den Knast geht, die Kinder ins Heim. Wenn Adam sie da sitzen sieht, dünn und fast durchscheinend auf dem schwarz-weißen Videomaterial aus der Vernehmung mit Pia und Esther, würde er sie gern in den Arm nehmen. Und er kann nicht dankbar sein, dass seine Mutter nie einen Feuerlöscher hätte stemmen können, oder dass Leo zweimal gescheitert ist, er weiß, er müsste, aber er kann es nicht.
„Erde an Adam”, sagt Esther. Sie schnippt ihm mit den Fingern vorm Gesicht herum. Sie stehen vor den Autos auf dem Parkplatz am Wildpark. Adam hat den Schlüssel in der Hand, aber er kann sich nicht erinnern, ob er den Wagen schon aufgeschlossen hat oder nicht. Er blinzelt. Die Welt um ihn herum ist grün, nicht schwarz-weiß, und über seinem Kopf erstreckt sich blau und makellos der Himmel, der langsam dunkel wird.
„Halb zehn im Jules Verne?”, fragt Esther.
Am liebsten würde Adam sich verkriechen, sich die Decke über den Kopf ziehen und verschwinden. Während sie an den Ermittlungen saßen, hat er zweimal gegoogelt, wie bald nach der ersten Versetzung man sich ein zweites Mal versetzen lassen kann, aber er hat die Idee immer wieder verworfen. Frauen morden ihre Männer überall und Männer ihre Frauen sowieso. Vielleicht hat er die falsche Karriere gewählt.
Esther schaut ihn erwartungsvoll an und Adam zwingt sich zu einem Lächeln. „Klar”, sagt er. „Jules Verne. Halb zehn.” Es ist besser, wenn er nicht allein ist heute Abend.
Das Jules Verne ist eine gemütliche kleine Kneipe mit zusammengewürfelten Secondhand-Möbeln, niedrigen, wackeligen Tischen und einem spottbilligen Gin Tonic auf der Karte. Esther und Pia haben den letzten freien Tisch in einer Ecke erwischt, kurz bevor Adam angekommen ist, direkt unter dem Wandgemälde eines Frauengesichts mit lasziv geöffnetem Mund. Sie haben noch nicht mal den ersten Gin Tonic leer und gackern schon, als Adam sich darunter in den letzten freien Sessel sinken lässt.
Es geht ihm besser, seit er geduscht hat. Er hat sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, Leo anzurufen und ihn zu fragen, ob er dazukommen will, aber dann hat er gedacht, dass Leo wirklich nicht noch einen Grund mehr braucht, um nicht zu schlafen. Esther ordert Adam ein Bier, sobald er sitzt, und dazu eine Runde Kurze und Pia erzählt Esther von der Stracciatella-Zitrone-Wette, auf die Esther sofort einsteigt („Aber mit ordentlichen Eissorten, bitte!”) und schon wird der Abend leicht. Um elf erklimmt eine Liveband die Kleinkunstbühne am anderen Ende des Raums und für eine halbe Stunde können sie sich nur anschreien, und danach sind alle Barrikaden endgültig gefallen. Adam schwimmt der Kopf von der Mischung aus Bier, Gin und Pfeffi, aber er hat noch ein letztes Versprechen einzulösen, dass er Leo gemacht hat. Und als er sicher ist, zu betrunken zu sein, um die Antwort spüren zu können, stellt er die Frage aller Fragen in die Runde.
„Was hat mein Vater eigentlich zu euch gesagt, damals im Wald?” Er muss rufen, über den Lärm des Stimmengewirrs und der Musik hinweg, die über die Stereoanlage plärrt, seit die Band von der Bühne verschwunden ist. Es gelingt ihm nicht ganz, es beiläufig klingen zu lassen. Und er hätte wirklich mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass Pia die Lippen zusammenkneift und die Wangen aufbläst, als müsse sie sich mit aller Kraft davon abhalten, loszulachen, und nicht mit dem betretenen Gesichtsausdruck, der sich auf Esthers Gesicht schleicht, und den Adam da noch nie gesehen hat.
„Sag du!”, stößt Pia hervor und rammt Esther den Ellbogen in die Rippen.
Die hat entweder weniger getrunken als Pia oder hat, was wahrscheinlicher ist, von Natur aus mehr Takt, auf jeden Fall räuspert sie sich und denkt kurz nach, und als ihr klar wird, dass sie aus der Nummer nicht wieder herauskommt, zieht sie peinlich berührt den Mund auseinander und sagt: „Also. Don’t kill the messenger, aber... Er hat uns erzählt, dass du schwul bist.”
Augenblicklich prustet Pia los. Adam ist ziemlich sicher, dass er Esther für einen Moment einfach ausdruckslos anstarrt, denn Pia versucht sich sofort wieder unter Kontrolle zu kriegen, wenn auch vergeblich. „Ich weiß, ist nicht lustig”, nuschelt sie, die Hand vor den Mund gepresst, während Esther sie mit einem Blick aufspießt.
„Wir haben es niemandem gesagt”, sagt Esther. Sie ist definitiv noch nüchtern genug, dass ihr die ganze Sache unangenehm ist. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. „Und wir glauben nicht, dass er es noch weiter rumerzählt hat.”
„Und was habt ihr zu ihm gesagt?”, fragt Adam. Er verzieht keine Miene, vielleicht, um Pia und Esther ein bisschen zu foltern, weil sie erst jetzt damit rausrücken, vielleicht um Zeit zu gewinnen. In ihm arbeitet es: Haltlose Erleichterung gegen - gegen was eigentlich? Er weiß, dass an der Stelle mal Scham stand, Scham, die ihm sein Vater eingepflanzt hat, mit jedem Schlag, jedem Blick. Vielleicht ist es der Alkohol, vielleicht waren es die acht Wochen in Leos Bett, aber die Stelle in ihm fühlt sich leer an, brach wie ein Feld im Winter, und die Erleichterung haut ihn umso schwungvoller um, weil sie keinen Widerstand findet.
„Wir haben natürlich gesagt, dass das für die Dienstfähigkeit keine Rolle spielt”, sagt Esther. Die Entrüstung in ihrer Stimme klingt so aufrichtig, dass Adam ganz warm davon wird. „Vor fünfzehn Jahren übrigens auch schon nicht, und er soll mal im Hier und Heute ankommen.”
„ Das habt ihr gesagt?”, fragt Adam.
Pia und Esther nicken groß und überzeugend. „Im Wortlaut!” Adam spürt, wie sich diese neue Wärme durch seinen Körper streckt, bis in die Fingerspitzen, und er hat keine Wahl, als das Grinsen rauszulassen, das sich auf seinem Gesicht breitmachen will.
„Aber bist du denn jetzt?”, platzt es da aus Pia heraus, und sie fängt sich prompt einen weiteren warnenden Blick von Esther ein.
„Hm”, sagt Adam und lehnt sich in seinem Sessel zurück. „Persönliche Frage.” Er nimmt einen langen Schluck von dem Gin Tonic vor ihm, könnte sein, dass es nicht seiner ist, aber das ist jetzt egal. Pia sieht aus, als würde sie gleich vornüberkippen, so sehr hängt sie an seinen Lippen. Esther grinst. Adam schluckt und schmatzt und dann zuckt er mit den Schultern. „Seid ihr ?”
Esther und Pia tauschen einen Blick. „Och, im Notfall”, sagt Esther nonchalant.
Jetzt wird Pia knallrot und klatscht Esther mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. „Esther!”
„Es war nur ein Mal”, sagt Esther ungerührt. „Weihnachtsfeier”, als würde das alles erklären. Pia versteckt ihr hochrotes Gesicht in den Händen. Esther zuckt mit den Schultern und tätschelt Pia gönnerhaft die Schulter. „Also ich bereue nichts.”
„Und ich schweige wie ein Grab”, sagt Adam und zieht symbolisch einen Reißverschluss über seinen Lippen zu.
„Ebenso”, sagt Esther und schaut ihn lange genug an, um sicherzugehen, dass er ihren Blick erwidert, und dann nickt sie mit Nachdruck und das Gefühl von Heimat, das vor einem halben Jahr mit Leo aufgekeimt ist, wird groß und mächtig und füllt Adam plötzlich ganz aus.
Die zweite neue Information, die sie an diesem Abend übereinander lernen, ist, dass Adams Hotel nur ein paar Gehminuten von Esthers Wohnung entfernt ist.
„Du kannst auch bei mir crashen”, sagt Esther, als sie Pia in den Nachtbus verfrachtet haben und sich auf den Weg machen, die dunklen, stillen Straßen von Saarbrücken an einem Donnerstagabend hinunter. Während sie im Jules Verne waren, hat es draußen geregnet, und jetzt verdoppeln sich alle Lichter in dem dunklen, nassen Asphalt und lassen die Welt ein bisschen schweben.
„Nee, lass mal”, sagt Adam. Er hat das dunkle Gefühl, dass ein Gästesofa ihm heute Abend Flashbacks gibt, die er nicht haben will, zu den ersten Nächten, die er in Leos Wohnung verbracht hat. Er wünscht sich so sehr, dass Leo hätte hier sein können, heute Abend. Vielleicht könnte Leo dann endlich wieder schlafen. Adam spürt, wie Esther ihn von der Seite beobachtet. „Was?”, fragt er.
„Du musst nicht antworten”, sagt Esther und hebt abwehrend die Hände, als wolle sie jeder möglichen Eskalation schon von vorne hinein vorbeugen. Oh boy , denkt Adam. Esther überlegt kurz. Sie ist eine von denen, die vorsichtiger werden, wenn sie getrunken haben, das ist selten. „Ich wollte nur unauffällig die Frage in den Raum werfen”, fängt Esther zögernd an, „ob das alles -” sie macht eine so vage Geste mit den Händen, dass sie damit Adam und den ganzen Abend, den sie gerade miteinander verbracht haben, mit einschließt, „- irgendwas mit unserem Hölzerchen zu tun hat.”
Adam stößt scharf einen Schwall Luft aus. Als er zu ihr rüberschaut, guckt sie ihn aus klugen Augen an. Adam hat die Worte, mit denen er alles leugnen will, schon auf der Zunge, aber Esther hatte recht, er muss wirklich nicht antworten. Sie ist eine verdammt gute Detektivin. Für eine Weile gehen sie schweigend.
„Er hat mir zufällig mal erzählt, wie er sich mit fünfzehn die Mittelhand gebrochen hat”, erklärt Esther und schaut dabei auf das Straßenpflaster vor sich.
Adam wagt ein halbes Grinsen. „Hätte gedacht, das behält er lieber für sich.”
Esther lacht. „Genau das hab ich auch gedacht. Er ist ja nicht so der durchsichtige Typ.” Jetzt wirft sie doch einen vorsichtigen Blick hoch zu Adam. „Aber ich hatte den Eindruck, es ging ihm weniger um die Hand, als um den Kumpel, mit dem er da unterwegs war. Er hat den Namen nicht gesagt, aber ich glaube, er mochte ihn. Sehr.” Für einen schrecklichen Moment denkt Adam, jetzt muss er heulen, aber dann schiebt Esther trocken hinterher: „Auch wenn der, Zitat, nur Scheiße im Kopf hatte.”
Adam schluckt den Kloß in seinem Hals hinunter und lacht. In dem Moment ist er so verliebt in Leo, dass es ihm heftig im Herzmuskel zieht. Es ist ein Ding der Unmöglichkeit geworden, es zu kontrollieren, jetzt, wo er es einmal rausgelassen hat. Acht Wochen in Leos Wohnung. Acht Wochen jede Nacht in Leos Bett. Acht Wochen alles gesagt, mit Worten, Händen, Lippen auf Haut. Wenn er daran zurückdenkt, blendet die Erinnerung fast. Es ist, als habe Leo einen Damm angestochen, den Adam jahrelang in sich aufgebaut hat, und jetzt, wo es vorbei ist, kriegt er das Loch nicht wieder gestopft, so sehr er auch schaufelt, und in Momenten wie diesem überrollt es ihn wie eine Flutwelle. Er ist hilflos dagegen.
Aber all das muss er nicht sagen, weil sie genau in dem Moment vor dem Hotel ankommen. Es ist ein schäbiges Eckhaus, drei Etagen, zwanzig Zimmer, die meisten leer oder nur für eine Nacht bewohnt, ein Zwischenstopp auf der Durchreise. Adam ist der einzige, der bleibt. In dem Licht der Scheinwerfer, die das verblichene Schild über der Tür beleuchten, taumeln die letzten Motten des Jahres.
„Ich mag dich übrigens auch, Schürk”, sagt Esther, als sie für einen Augenblick unschlüssig dastehen, und klopft Adam kumpelhaft auf die Schulter. „Nur um das mal klarzustellen.”
Adam lächelt. Und in der Millisekunde, in der sie sich eigentlich zum Gehen wenden müsste, stellt sich Esther auf die Zehenspitzen und drückt ihm einen Kuss auf die Wange, für den sie sich, da ist Adam sich sicher, morgen früh schämen wird. Oder vielleicht hat sie Glück und erinnert sich nicht daran. Aber für den Moment ist es schön. Und dann wird Esther wieder Esther, zieht sich hart und sachlich die Jacke enger um die Schultern und wendet sich zum Gehen.
„Schlaf gut, Baumann”, ruft Adam ihr nach, und dann bleibt er noch stehen und schaut ihr zu, wie sie mit schnellen, strammen Schritten die Straße runtergeht, bis sie an der zweiten Abzweigung verschwindet.
VIERTE WOCHE
Wenn gerade erst die Sonne aufgeht, läuft Adam am besten. Dann nutzt er die einzige Zeit des Tages, an der die Promenaden nicht voll sind, und läuft an der Saar entlang mit Blick auf das Wasser, das das erste bisschen Licht des Tages verdoppelt und keine zwei Tage die gleiche Farbe hat. Weder Esther noch Pia bekommt er so früh zum Mitlaufen überredet, aber es ist eine gute Übung: Tempo und Atem konstant halten, auch wenn er dabei schweigt. Pünktlich um viertel vor acht biegt er auf die Straße zum Präsidium ab, und die letzten zehn Minuten vor Dienstbeginn nutzt er für eine Dusche in den Umkleideräumen im Keller. So früh sind der Fitnessraum und die Mannschaftsduschen noch leer. Adam wirft sein Handtuch über die freie Armatur neben ihm, dreht seine eigene heiß auf und lässt sich von dem festen Wasserstrahl die Anspannung aus den Schultern hämmern. Als er sich danach die Haare trockenrubbelt ist er wach bis in die letzte Zelle, obwohl er noch keinen Tropfen Koffein angerührt hat.
Nackt, das Handtuch um die Hüfte geschlungen, geht Adam in die Umkleide zurück, wo in einem Spind seine Kleider auf ihn warten. Das Holster mit der schweren Waffe darin legt er auf das Dach des Metallschranks, und er ist gerade dabei, sich die Beine trockenzureiben, als hinter ihm die Tür geht.
„Morgen!”, ruft er über die Schulter.
„Oh”, sagt Leo. „Morgen.”
Als Adam herumfährt, hat Leo sich schon umgedreht, steht mit dem Rücken zu ihm am Waschbecken neben der Tür, und trotzdem bildet Adam sich ein, seinen Blick noch auf der Haut spüren zu können. Leo stellt seinen Kulturbeutel auf dem Waschbeckenrand ab, die Augen pointiert auf seine Hände gerichtet. Im Spiegel kann Adam sehen, dass Leos Stirn rot ist.
„Bin gleich wieder weg”, sagt Leo, ohne sich umzudrehen und dreht den Wasserhahn auf.
„Schon okay”, sagt Adam. Er hat sich aufgerichtet. Seine Hände, die das Handtuch lose an seiner Seite halten, fühlen sich seltsam taub an. Wahrscheinlich sollte er sich was anziehen. Aber stattdessen kriegt er den Blick nicht von Leos Nacken los, wo die Haare kreuz und quer liegen, und von seinem Rücken, wo unter dem T-Shirt die Muskeln arbeiten, während er unter dem Wasserstrahl mit Zahnpasta und Zahnbürste hantiert. Adam kennt Leos Körper, als habe er ihn selbst kartografiert. Er ist sich sicher, dass es Leo genauso geht. Er wünschte, Leo würde sich umdrehen, würde wenigstens für eine Sekunde im Spiegel den Blick heben. Aber der Augenblick verstreicht, und Adam findet seinen Verstand wieder. Wenn jetzt jemand reinkommt, haben sie beide mehr Ärger am Hals, als sie sich leisten können.
Er räuspert sich und hebt das Handtuch vor seinen Schritt. „War noch laufen. Für den Belastungstest.” Mit fahrigen Bewegungen legt er das Handtuch weg und zieht die frische Unterhose aus dem Klamottenstapel, den er gestern hier deponiert hat, steigt ungelenk hinein. Die Luft ist hier unten immer dick, als würde sich der Dampf der Duschen nie ganz verflüchtigen. Es riecht nach schalem Männerschweiß und herbem Deo, und an den Glasbausteinen an der oberen Kante der Wand, durch die spärliches Tageslicht in den Raum fällt, steht immer Kondenswasser.
Leo spuckt weißen Schaum ins Waschbecken und spült sich den Mund aus. Zähneputzen im Präsidium, flachgelegene Haare am Hinterkopf: Adam weiß sofort, dass Leo die Pritsche wieder rausgeholt hat, auf der Adam nach seiner Ankunft in Saarbrücken für ein paar Nächte geschlafen hat, bevor er bei Leo aufgeschlagen ist. Für Leo sind es jetzt vier Wochen, mindestens. Früher hätte Adam Leo dafür bewundert, wie sehr er sich in den Fall hängt. Heute macht es ihm Angst.
„Esther und Pia wissen übrigens nichts”, sagt er. Jetzt, wo er die Unterhose anhat, fühlt er sich ein bisschen sicherer.
Leo spuckt mit einem erstickten Geräusch den zweiten Schwall Spucke, Schaum und Wasser ins Waschbecken. Er dreht sich zu Adam um, während er sich noch mit den Fingern den Mund abwischt. Die Unterhose macht keinen großen Unterschied, wird Adam in dem Moment klar. Er ist immer noch nackt. Aber er erwidert Leos Blick, als wäre Weggucken nur eine zusätzliche Blöße. Dann schau mich eben an , denkt er, fordert Leo damit heraus.
Leo runzelt kurz die Stirn. „Gar nichts?” Sein Blick liegt konzentriert auf Adams Gesicht. Alles andere wäre besser auszuhalten. „Was hat dein Vater denn gesagt?”
„Dass ich schwul bin.”
Adam hat das noch nie laut gesagt, nicht vor Leo oder vor irgendwem. Er dachte immer, es würde sich wie ein Geständnis anfühlen, besonders vor Leo, weil der simple Fakt immer zu dicht verstrickt war mit all den komplizierten, gefährlichen Gefühlen, die er in den letzten fünfzehn Jahren für Leo gefühlt hat, und er dachte immer, wenn er den einen Brocken rauswürgt, dann müsste der ganze Rest mitkommen. Aber es liegt ja schon alles zwischen ihnen am Boden, denkt Adam jetzt. Sein gesamter Inhalt, ausgebreitet und sorgfältig beschaut. Da ist nichts mehr, was Leo nicht von ihm weiß.
Und trotzdem blinzelt Leo überrascht und sagt: „Oh.”
„Dich hat er nicht erwähnt”, sagt Adam. „Keine Sorge.” Für einen Augenblick sieht Leo aus, als wolle er einen Einwand machen. Ohne den Blick von Leo abzuwenden, fischt Adam seine Jeans von dem Stapel neben sich und steigt hinein.
„Und...” Leo schluckt. „Du bist cool damit?”
Adam zieht die Jeans hoch, schließt Hosenstall, Knopf und Gürtel und nickt. Er muss fast lächeln dabei, weil es so lächerlich leicht ist, zur Abwechslung einfach mal die Wahrheit zu sagen bei dem Thema. Er schlüpft in sein Unterhemd und zieht sich dann den Rolli über den Kopf. Als er daraus wieder aufgetaucht ist, rollt er die Ärmel hoch und fährt sich mit den Fingern durch die noch nassen Haare, die der enge Halsausschnitt des Pullovers flach an seinen Schädel gepresst hat.
Die ganze Zeit schaut Leo ihm dabei zu wie einem Fremden. „Und du joggst.” Es klingt fast wie ein Vorwurf.
„Nur, um nicht im Innendienst zu landen”, sagt Adam. Im selben Augenblick fragt er sich, ob das überhaupt noch stimmt. Weil, jetzt wo er einmal in Bewegung ist, weiß er nicht, ob er nach dem Belastungstest wieder anhalten kann. Oder will.
„Wann ist Prüfung?”, fragt Leo. Die Sachlichkeit der Frage lässt den Boden unter ihnen langsam wieder fest werden. Bis gerade hat er sich zunehmend nach Treibsand angefühlt, Adam dachte schon, er habe sich mit dem Training übernommen, so weich sind seine Knie.
„Freitag.” Vier Tage noch. Am Mittwoch haben Pia und Esther sich beide den Nachmittag freigeschaufelt, um die zehn Kilometer mit ihm durchzuziehen, als Generalprobe. Er fühlt sich gut darauf vorbereitet.
„Na dann”, sagt Leo final und packt seine Zahnbürste und seine Zahnpasta zurück in seinen Kulturbeutel. Es klingt, als wolle er mehr damit sagen als nur zwei leere Worthülsen. Aber Adam schafft es nicht, die Bedeutung herauszuhören. „Ich seh dich oben”, sagt Leo noch, und dann hat er sich auch schon sein Waschzeug unter den Arm geklemmt und ist verschwunden.
An dem Nachmittag erfährt Adam, dass Kinzig Leos Fall schließt. Vier Wochen Ermittlungen für die Tonne. Adam könnte sich ohrfeigen, dass er Leo nicht danach gefragt hat während er ihn für sich hatte, in der Umkleide. Er hofft, dass Leo jetzt wenigstens wieder Schlaf bekommt, aber viel setzt er nicht darauf. Über kurz oder lang wird es einen neuen Fall geben, der Leo einen Grund gibt, sich aufzureiben.
Am nächsten Morgen bringt Pia Croissants mit, Tradition zur Feier des abgeschlossenen Falls, aber sie schmecken schal, weil das der erste ist, den sie ohne Ergebnis schließen müssen, und außerdem hat Adam das dumpfe Gefühl, nicht genug dafür getan zu haben. Lieber ist er Leo aus dem Weg gegangen. Der schaut die Croissants an wie ein Nest voller Nattern, das jemand auf dem Konferenztisch zurückgelassen hat, und danach trägt Pia sie mit schuldbewusstem Gesichtsausdruck runter zum Kaffeeautomaten, wo sie innerhalb von Minuten in den Mägen von Kollegen verschwinden, denen ihr moralischer Kontext herzlich egal ist.
Am Mittwoch ist Adam schon auf dem Weg zum Wanderparkplatz, voll ausgestattet, Laufschuhe fest geschnürt, Pulsuhr am Arm, Leggings, T-Shirt, eine Literflasche Wasser für danach auf dem Beifahrersitz, als kurz vor der Ausfahrt Richtung Waldgebiet Burbach eine Whatsappnachricht auf seinem Handy aufleuchtet, das er in die Freisprechhalterung seines Wagens geklemmt hat.
sorry, bin heute raus, lady problems. du packst das auch ohne mich, schürki <3
Er überlegt schon, ob er rechts ranfahren soll, um Pia zu antworten, da trudelt eine zweite Nachricht im Gruppenchat ein.
Falle heute auch aus. Habe aber Ersatz besorgt. Esther.
Adam lässt mit einem Augenrollen den Kopf an die Rückenlehne seines Sitzes fallen. Während er versucht, den Blick nicht von der Straße zu nehmen, wählt er mit der rechten Hand den Sprachnachricht-Button.
„Nicht euer Ernst, Leute!”, sagt er. „Beide gleichzeitig? Wie willst du denn dafür Ersatz finden, Esther?”
Die Sprachnachricht verschwindet mit einem Zischen im Äther, und in dem Moment, in dem Adam auf den verabredeten Wanderparkplatz einbiegt, schickt Pia ein langgezogenes Sorryyyy in den Chat. Adam ist schon drauf und dran, in der nächsten Parklücke zu wenden und einfach wieder zurück ins Hotel zu fahren, als er - in voller Laufmontur und sich suchend umguckend - Leo mitten auf dem halbleeren Wanderparkplatz stehen sieht.
Adam steigt ruckartig auf die Bremse und sendet eine zweite, sehr kurze Sprachnachricht in den Chat: „Ihr Wichser.”
Esther schickt postwendend ein unschuldig lächelndes Engelchen-Emoji zurück.
Leo hat ihn schon gesehen, jedenfalls sieht Adam ihn durch die Windschutzscheibe auf sich zukommen. Leo hebt grüßend die Hand. So viel zum Thema Wenden und zurück ins Hotel. Adams Armbanduhr piepst. Die Anzeige zeigt Belastungspuls, dabei ist Adam noch gar nicht losgelaufen. Adam zieht den Wagen in die nächste Parklücke und atmet einmal tief durch, bevor er die Tür aufmacht und sich Leo stellt.
„Hey”, sagt Adam.
„Hey”, sagt Leo.
„Sorry, Esther hat gerade erst abgesagt, und -”
„Passt”, schneidet Leo Adam knapp das Wort ab.
Sie schauen sich für einen Moment unschlüssig an. Der Wald ist heute besonders still, als halte er die Luft an.
„Dann los”, sagt Adam und macht eine Kopfbewegung Richtung Wanderweg.
Leo nickt und Adam setzt sich stumm in Bewegung, normalerweise dehnt er sich vorher, aber das hält er jetzt nicht aus. Stattdessen schlägt er ein entspanntes Tempo an, und nach wenigen Schritten schließt Leo mit ihm auf und fällt in den gleichen Rhythmus. Sie laufen stumm nebeneinander her, so synchron als würden sie sich ineinander spiegeln. Es ist nicht so, als hätte Adam sich das nicht schon ausgemalt, im Morgenlicht an der Saar, nur war da nicht diese hässliche Spannung zwischen ihnen, die sich seit der Sache mit den Croissants nur verschlimmert hat. Sie laufen die ersten Kilometer schweigend, teilen nichts als den Rhythmus zwischen sich: Füße auf Waldboden, Herzschlag, Atem.
„Hab von Kinzig gehört”, sagt Adam irgendwann, weil er es nicht mehr aushält. „So eine Scheiße.”
Leo schaut ihn nicht an. „Ich hatte ihm schon zwei zusätzliche Wochen aus den Rippen geleiert. Irgendwann ist halt Schluss.” Leos Stimme klingt flach, aber Adam kennt ihn zu gut, um nicht zu merken, dass es an ihm nagt. Leo zieht die Geschwindigkeit einen Schritt an und Adam legt nach, um hinterherzukommen. Sie haben noch nicht mal die Hälfte der Strecke geschafft, es wird eng für Adam in dem Tempo, aber Leo jetzt weglaufen zu lassen ist keine Option.
„Manchmal klären sich solche Fälle von allein, nach Jahren”, sagt Adam und weiß selbst, dass es leer klingt.
„Ja, das ist dein Ansatz, ich weiß”, sagt Leo. Die plötzliche Schärfe in seiner Stimme überrascht Adam. „Dass sich die Dinge von allein klären, wenn man nur die Füße stillhält.” Leo spuckt die Worte zwischen ihnen auf den Waldweg. Er hat den Blick immer noch starr nach vorn gerichtet, aber seine Schritte sind noch schneller geworden.
„Leo -” Adam spürt, wie es ihm anfängt, in den Lungen zu reißen, aber er kann jetzt nicht nachgeben. „Zu zweit hätten wir auch nicht mehr gefunden.”
Leo sprintet jetzt. „Nee. Aber vielleicht -” er keucht die Worte abgerissen hervor - „stünde ich dann jetzt nicht - vor Kinzig da wie ein verdammter - Besessener.” Adam schafft es nicht mehr, Schritt zu halten. Er lässt Leo laufen und fällt zurück ins Gehen. Als er merkt, dass Adam hinter ihm zurückbleibt, läuft Leo die letzten Schritte lang aus und kommt zum Stehen. Leo dreht sich zu Adam um, stützt die Hände schwer in die Knie. Sein Kopf ist knallrot und er schnappt japsend nach Luft. „Ich fass nicht, dass es dir einfach egal ist”, stößt Leo hervor.
Die Worte bohren sich in Adams Brust wie ein Messer. Er wusste, dass es nicht um Kinzig geht. So muss es ausgesehen haben, aus Leos Perspektive, wird Adam in dem Moment klar. Dass es ihm alles gleich ist. Der Fall sowieso, aber auch der Ausgang von der Sache mit seinem Vater. Leo sieht aus, als würde er gleich hyperventilieren. Unter den roten Flecken ist sein Gesicht ganz weiß. Er nimmt den Atem in großen, krampfigen Schlucken. Adam wartet, bis sich sein eigener Puls genug beruhigt hat, damit er die letzten paar Schritte auf Leo zugehen kann.
„Beug dich vor”, sagt Adam und legt die Hand auf Leos Rücken, zwischen seine Schulterblätter. Halb erwartet er, dass Leo ihm wieder ausweicht oder ihn wegstößt. Es ist das erste Mal seit dem Tag im Wald, dass Adam versucht, ihn anzufassen. Aber Leo lässt Adam seine Hand auf den heißen Stoff von Leos T-Shirt legen, da, wo es ihm schweißnass am Rücken klebt, sodass Adam ihn sanft nach vorne beugen kann, so wie Esther es mit Adam gemacht hat bei ihrer ersten Laufrunde zusammen. Durch das Pochen des Pulses in seinen Ohren hört Adam zu, wie Leos Atem ruhiger und tiefer wird. Er fühlt Leos Haut heiß durch den dünnen Stoff.
„Langsam machen”, sagt Adam, als Leo wieder ruhig atmet. Er nimmt die Hand weg.
Als Leo sich wieder aufrichtet, ist sein Kopf immer noch hochrot, die Adern an seinen Schläfen blau und wulstig. Er fährt sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Sorry”, sagt er, aber er klingt nicht, als täte ihm irgendwas leid. „Ich wär wahrscheinlich besser zu Hause geblieben.”
Adam schaut ihn an, wie er da steht, wie völlig fertig er aussieht. Wahrscheinlich, fällt Adam da ein, hat er das Joggen schleifen lassen, während er sich in den Fall gegraben hat. Wahrscheinlich hat er keine Nacht durchgeschlafen und ganz sicher ist er genauso ein Fall für den Belastungstest wie Adam. Plötzlich muss Adam wieder daran denken, wie Leo ihn ganz am Anfang gebeten hat, zu bleiben. Adam hatte so große Angst, Leo durch seine bloße Anwesenheit kaputtzumachen, dass er nie darüber nachgedacht hat, was es Leo antun würde, wenn er geht.
„Nee, schon gut”, sagt Adam und die drei Worte sind kaum ausreichend, um all das zu umfassen, was eigentlich aus ihm herauswill. Wieso kann er nicht einfach sagen, dass er froh ist, dass Leo jetzt da ist? Dass er heulen könnte vor Erleichterung, nur weil er ihn sieht? Und dass es ihm nicht egal ist, wie ihm nichts jemals egal sein könnte, wenn es um Leo geht. „Wir können den Rest gehen, wenn du willst”, sagt Adam stattdessen.
„Dann versau’ ich dir deine Generalprobe.” Leo zieht die Nase hoch.
„Macht nichts”, sagt Adam. Das Wichtigste jetzt ist, dass Leo weiß, dass Adam ihn nicht zurücklässt, selbst wenn Leo nicht weiterkann. Adam schaut auf seine Pulsuhr. „Zurück sind’s vier Kilometer, voraus noch sechs. Welche Richtung?”
Leo schaut Adam prüfend an, denkt kurz darüber nach. Er rollt die Schultern, als müsse er testen, ob sein Körper noch auf sein Kommando hört. Dann macht er den ersten Schritt. „Voraus.”
FÜNFTE WOCHE
Adam besteht den Belastungstest unter den besten zwanzig Prozent des Saarlands, obwohl die Tatsache, dass der Prüfer mit der Stoppuhr hinter seinem Laufband steht und seine Werte auf dem EKG begutachtet, sicher noch mal gute zehn Punkte auf jeden von Adams Pulswerten draufschlägt. Trotzdem ist es ein gutes Ergebnis, wenn auch nicht gut genug, als dass Pia und Esther darum herumkämen, ihm einen fetten Eisbecher Stracciatella und Zitrone auszugeben. Aber das muss warten.
Am Montagmorgen nach dem Test lässt Adam sich für den wöchentlichen Jour Fixe entschuldigen. Er lässt sein Holster im Spind, bevor er sich ins Auto setzt und zum städtischen Krematorium fährt. Er hat es nicht übers Herz gebracht, bei seinen Eltern das schwarze Sakko aus dem Schrank zu holen, das er zur Konfirmation getragen hat, es würde ihm wahrscheinlich sowieso nicht mehr passen. Aber der schwarze Rollkragenpullover tut es auch. Das Ganze ist eine reine Formsache. Der Bestatter hat die Knochen schon am Freitag bei Wenzel in der Pathologie abgeholt, jetzt befinden sie sich eingeäschert in einer unscheinbaren Pappschachtel von der Größe einer Tupperdose. Der Friedhof, zu dem das Krematorium gehört, ist so früh am Morgen noch menschenleer. Adam folgt dem Bestatter, der die Schachtel mit beiden Händen vor sich herträgt, durch die Gräberreihen. Als Adam heute früh am Krematorium aufgetaucht ist, schien der Mann leicht irritiert. Anonyme Bestattungen von unbekannten Toten haben normalerweise kein Publikum. Und als sie ganz hinten am Ende des anonymen Gräberfelds ankommen, wo am Ende der langen Reihe Toter ohne Namen schon ein neues Loch ausgehoben ist, wartet da ein weiterer Gast.
„Was ein Andrang heute”, sagt der Bestatter trocken.
„Morgen”, sagt Adam. Er wusste, dass Leo da sein würde.
Leos Augen werden groß, als er Adam zwischen den Gräbern auf sich zukommen sieht. Er öffnet den Mund, als wolle er etwas sagen, aber Adam schüttelt nur den Kopf, stellt sich stumm neben ihn und schließt vorsichtshalber beide Hände um den Strauß weiße Schnittlilien, den er beim Blumenhändler am Parkplatz geholt hat und den er jetzt vor der Brust trägt. Der Bestatter wirkt ein wenig peinlich berührt, wahrscheinlich macht ihm die Nüchternheit der Zeremonie weniger aus, wenn niemand zuschaut. Nachdem er die Pappschachtel in das Grab gelegt hat, zögert er kurz und schaut von da, wo er auf dem Rasen kniet, hoch zu Leo und Adam.
„Woll’nse noch was sagen?”
Adam sieht Leo von der Seite an. Er kann Leos Adamsapfel hüpfen sehen, aber Leo schüttelt den Kopf. Also rappelt sich der Bestatter auf und greift nach dem Spaten, und innerhalb von Minuten ist das Loch wieder zu. Zuletzt passt der Bestatter noch die Grasnarbe in das wunde Stück Erde ein, und die Gräberreihe sieht wieder aus wie unberührt.
„Joa”, sagt der Bestatter und reibt seine erdigen Hände aneinander, die er sich ohne Zeugen vielleicht an der Hose abgewischt hätte. „Das war’s schon. Ich lass Sie dann mal.” Adam sieht noch, wie er im Weggehen verwundert den Kopf schüttelt. Komische Vögel , muss der Typ denken.
Für eine Weile stehen Leo und Adam stumm nebeneinander über dem frischen, unsichtbaren Grab. In der Ferne rauscht die Schnellstraße, über ihnen die Baumkronen. Schließlich bückt sich Adam und legt die Blumen auf die nackte Stelle Rasen.
Leos Augen folgen Adams Bewegung und selbst als Adam sich wieder aufgerichtet hat, liegt sein Blick noch lange auf den weißen Blumen am Boden. Adam hat lange darüber nachgedacht, was er sagen will. Hat die Worte abgeklopft und von allen Seiten beleuchtet, um sicherzugehen, dass sich keine falsche Bedeutung in den Lücken dazwischen einnistet.
„Es ist okay”, sagt Adam schließlich. „Dass du ihn nicht retten konntest.”
Leo dreht den Kopf und schaut Adam an. „Wäre das nicht mein Job gewesen?”
Adam erwidert seinen Blick und schüttelt den Kopf. „Du hast es versucht. Mehr kann keiner von dir verlangen.”
Leo nimmt die Worte regungslos an, scheint sie zu wiegen, um ihren Wahrheitsgehalt zu messen, bevor er sie mit einem Nicken einsteckt. Es ist ein Anfang. Aber da ist noch mehr, was Adam loswerden muss.
„Ich...”, setzt Adam an, bevor er merkt, dass ihm die Stimme wegbricht. Er räuspert sich, versucht es nochmal. „Ich hab mehr von dir verlangt. Das war nicht okay. Ich weiß das.”
„Adam -”, will Leo ihn unterbrechen, aber Adam lässt ihn nicht.
„Und es tut mir leid”, sagt er mit Nachdruck. „Und ich versteh, wenn du mich nicht mehr um dich haben willst. Aber es ist mir nicht egal. Du bist mir nicht egal.” Er schaut Leo fest in die Augen dabei, Leos unlesbares Gesicht. Adam denkt kurz, was für ein beschissener Detektiv er ist, dass er das nicht lesen kann, das Gesicht von dem Mann, den er besser kennt als irgendwen und mehr liebt als sich selbst.
Leo atmet tief ein. „Ach, halt die Fresse, Adam”, sagt er, aber es ist vielleicht das Schönste, was jemals jemand zu Adam gesagt hat, nicht der Worte wegen, sondern weil Leo dabei lächelt. „Komm einfach nach Hause.” Leo klingt müde dabei, weich. „Komm nach Hause, Adam, ich kann da nicht mehr schlafen ohne dich, ich -”
Und Adam schließt die Arme um Leo und zieht ihn zu sich heran. Leo stolpert das letzte Stück, aber dann ist kein Abstand mehr zwischen ihnen. Adam hält mit einer Hand Leos Nacken, die andere hat er gespreizt zwischen Leos Schulterblättern, er spürt, wie Leos Arme um seinen Brustkorb wandern und sich seine Hände an seinem Rücken in seinen Pullover krallen. Adam nimmt einen tiefen, zitternden Atemzug, der sich anfühlt wie der erste seit Wochen. Es ist wie damals, als er Leo das erste Mal im Auto umarmt hat, nach seiner Rückkehr nach Saarbrücken, nur besser, weil er dieses Mal genau weiß, wohin er zurückkehrt.
„Bist du sicher?”, fragt er, die Nase noch in Leos Sweatshirt gepresst, und spürt Leo nicken. „Trotz der ganzen Scheiße zwischen uns?”
Leo schiebt ihn ein Stück von sich weg. Ihre Nasen berühren sich fast. „Die bleibt, oder?”
Adam muss fast lachen, als er nickt. „Ich fürchte.”
„Dann hab ich lieber dich mit der Scheiße als die Scheiße ohne dich”, entscheidet Leo.
Adam rennt. Zum ersten Mal fühlt es sich nicht an wie Flucht. Gestern haben sie Eis gegessen. Esther und Pia haben Adams Becher bezahlt und Pia Esthers, Wetteinsatz für eine Wette, über deren konkreten Inhalt die beiden kokett schweigen. Als Adam zurückkommt, nimmt die Treppenstufen zwei auf einmal. Leo kocht schon, Adam kann es riechen, als er die Wohnungstür aufschließt. Statt direkt ins Bad zu gehen, findet er Leo in der Küche, wo der an der Arbeitsplatte steht und Zucchini fürs Abendessen schneidet. Adam schiebt seine schwitzigen Arme um Leos Bauch und presst seine Lippen auf seinen Nacken.
„Du stinkst”, sagt Leo.
„Und du stehst drauf”, sagt Adam und zieht seine Arme enger um Leo, presst seine heiße, verschwitzte Wange gegen Leos Hals. Er spürt das Lachen in Leos Brustkorb gegen seinen Bauch.
„Geh duschen!” Leo windet sich aus Adams Griff und Adam schleicht gespielt niedergeschlagen zum Türrahmen und lehnt sich dagegen. Er schaut Leo einen Moment dabei zu, wie er versucht, die Zucchinistreifen wieder in Reih und Glied zu bringen, die Sehnen, die dabei in seinen Armen arbeiten. Aber Leos Bewegungen sind fahrig und seine Wangen rot.
„Komm mit”, sagt Adam. Er wartet, bis Leo den Blick von seinen Händen hebt, dann grinst er.
„Und das?” Leo zeigt auf den Herd, wo in einem großen Topf irgendwas Halbfertiges brodelt und spuckt und dabei fantastisch riecht.
„Muss noch ziehen”, sagt Adam mit seinem unschuldigsten Lächeln und streckt die Hände nach Leo aus. „Komm.”
Leo seufzt. Er legt das Messer ab und wischt sich die Hände an dem Geschirrtuch trocken, das über seine Schulter liegt. Und dann dreht er den Herd aus und schiebt den schweren Topf auf die kalte Platte daneben. Das ist das Beste daran, denkt Adam, als Leo auf ihn zukommt, seine Hände nimmt und sie unter sein T-Shirt schiebt und ihn lang und langsam küsst, ihre Körper in der ganzen Länge aneinandergepresst, Adams, der noch heiß ist vom Laufen und Leos, der langsam warm wird. Dass sie keine Eile mehr haben.
