Actions

Work Header

Auf Rabenflügeln

Chapter Text

.

Auf der Mühle im Koselbruch hatte ein neuer Kreis begonnen. Es war der erste Abend des jungen Jahres. Andrusch war tot und begraben. Nun galt es, einen Neuen herbeizurufen, damit das Rad sich weiterdrehte.

Seit Krabat wusste, dass die, die sie auf die Mühle holten, ohnehin todgeweiht waren, hatte er kein schlechtes Gewissen mehr, wenn er dem Meister half, einen Lehrjungen zu finden.

Es lief immer gleich ab: Am späten Abend des Neujahrstages, nur wenige Stunden, nachdem sie den letzten glücklosen Gesellen begraben hatten, rief der Meister ihn – und seit dem vergangenen Jahr auch Lyschko – zu sich in die Schwarze Kammer. Er zündete die Kerze an, schlug den Koraktor auf, und dann mussten sie jeder eine Hand auf das Buch legen und die Worte, die der Meister in die Träume des Jungen hineinsprach, mit „Gehorche der Stimme des Meisters! Gehorche ihr!“ bekräftigen. An den folgenden beiden Abenden wiederholte der Vorgang sich, und in der Nacht vor Hochneujahr traf dann der neue Lehrling auf der Mühle ein.

Bisher, so sagte der Meister, hatte noch keiner den Ruf verweigert. Es war der Koraktor, der ihn zu dem Jungen führte, und durch den Koraktor sprach, zumindest in diesem Fall, der Herr Gevatter.

Krabat fragte sich, wer die Rolle, die nun er und Lyschko zu spielen hatten, früher übernommen hatte. Tonda? In seinen eigenen Träumen hatte er damals mehr als einen Raben sprechen hören, aber das musste nichts heißen. Vielleicht war es überhaupt nicht erforderlich, dass Gesellen aus Fleisch und Blut den Ruf des Meisters unterstützten. Immerhin war dieser ja früher in der Regel von Silvester bis zur Dreikönigsnacht verschwunden gewesen, da hätte keiner mit ihm beim Koraktor stehen und die Worte sprechen können. Möglich, dass der Meister Krabat und Lyschko nur üben lassen wollte, wie man zu den Jungen sprach.

Während die Mühle stillstand, gab es außer der Hausarbeit und der Versorgung der Tiere für die Burschen kaum etwas zu tun. Ums Haus, um die Schweine und das Geflügel kümmerte Witko sich mittlerweile fast allein. Die Pferde, Ochsen und Kühe versorgte Hanzo, der nicht gern tatenlos herumsaß, zusammen mit dem, der gerade Lust dazu verspürte.

Die Tage zwischen Neujahr und der Dreikönigsnacht waren die einzigen, an denen die Burschen Ruhe hatten. Manch einer mochte mit seinen Gedanken bei Andrusch und dessen unglücklichen Vorgängern sein. Es wurde wenig gesprochen. Die Stimmung war gedämpft, aber nicht feindlich. Mischka schlich trübselig durchs Haus und brach beim geringsten Anlass in Tränen aus.

Am zweiten Tag des neuen Jahres bat Krabat den Meister und Lyschko nach dem Abendessen um ein Gespräch. Das Wetter war umgeschlagen: Nun war es wieder bitterkalt, wie im Januar des vergangenen Jahres, und sie saßen in Mänteln in der Meisterstube. Der kleine Ofen brannte zwar, doch er spendete kaum Wärme.

'Nächstes Jahr, wenn Lyschko und ich hier Meister sind', dachte Krabat, 'muss endlich etwas mit diesem elenden alten Ding geschehen. Am besten bauen wir gleich einen neuen Ofen. Ich habe keine Lust, jeden Winter in meiner eigenen Stube zu frieren, wo wir doch Torf und Holz genug haben.'

„Nun, Krabat“, sagte der Meister, „du wolltest ein Gespräch. Sprich also.“

„Ich habe mich gefragt, Meister“, erwiderte Krabat, „wie viel die Gesellen vom Inhalt des Paktes wissen dürfen. Manchmal denke ich, die Dinge auf der Mühle würden reibungsloser laufen und die Burschen williger sein, wenn sie die Regeln besser kennen würden.“

„Denkst du das auch?“, fragte der Meister an Lyschko gewandt.

Lyschko wiegte den Kopf. „Ich weiß nicht recht. Krabat und ich haben mehr als einmal darüber gesprochen. Ich denke, dass es gefährlich ist, wenn die Burschen zu viel wissen. Sie könnten Schlupflöcher finden, an die wir noch nicht gedacht haben – wenn nicht, um der Mühle zu entkommen, so doch, um uns Steine in den Weg zu legen.“

Der Meister nickte bedächtig. „Wohl wahr, Lyschko. – Nun, Krabat, im Grunde entscheidet der Meister, was die Burschen wissen dürfen und was nicht. Vieles reimen sie sich ohnehin mit der Zeit selbst zusammen. Der Herr Gevatter hat nie festgeschrieben, was ihnen verborgen bleiben muss und was ihnen offenbart werden darf. Da werdet ihr schon euren eigenen Verstand benutzen müssen.“

„Meister“, sprach Lyschko, „du hast ihnen immer noch nicht gesagt, wie es hier ab nächstem Jahr zugehen wird: dass sie dann zwei Meister haben werden und alles. Aber du hast Krabat und mich oft den Unterricht in der Schwarzen Kammer geben und die Arbeit in Haus und Mühle beaufsichtigen lassen. Sie haben auch mitbekommen, dass nicht nur Krabat zusätzliche Stunden in der Kunst bekommen hat. Ich denke, dass sie es längst wissen. Doch ich habe sie nie dagegen aufmucken sehen, selbst dann nicht, wenn sie sich unbeobachtet glaubten.“

„Und?“, fragte der Meister. „Was schließt du daraus?“

„Du wolltest, dass sie selber dahinterkommen, oder, Meister? Nach und nach …“, erwiderte Lyschko. „Und so ist es ihnen allmählich zur Gewissheit geworden, und dabei haben sie sich Stück für Stück an den Gedanken gewöhnt.“

„So war es gedacht, ja“, bestätigte der Meister. „Und so ist es gegangen.“

Krabat sah den Meister forschend an. „Glaubst du, dass sie auch schon darauf gekommen sind, dass es dann jedes Jahr zwei von ihnen das Leben kosten wird?“, fragte er. Unwillkürlich hatte sich Bitterkeit in seine Stimme gestohlen.

„Da muss ich nichts glauben, Krabat“, entgegnete der Meister barsch. „Ich weiß, was sie denken – und du wüsstest es auch, wenn du anwenden würdest, was ich dich gelehrt habe.“

„Ich gehe nicht gern in ihre Gedanken und Träume hinein. Es scheint mir nicht richtig.“

Lyschko grinste. „Aber es kann sehr unterhaltsam sein …“

Krabat verdrehte die Augen. „Ich kann mir schon vorstellen, was du dir da bevorzugt ansiehst.“

„Kusch!“, machte der Meister, als ob sie zwei Raben wären, die er auf die Stange scheuchen wollte, aber nun lächelte er.

„Krabat, du musst lernen, deine Bedenken zurückzustellen, wenn es um das Wohl der Bruderschaft geht“, sagte er dann. „Es ist ja schön und gut, wenn du den Gesellen nicht zu nahe treten willst, aber als Meister musst du wissen, was sie bewegt, sonst ist das Unheil da, ehe du es ahnst. Du solltest froh sein, dass Lyschko weniger Vorbehalte hat. So merkt wenigstens einer von euch, wenn sich Übles zusammenbraut.“

„Was das andere angeht“, fuhr der Meister fort, „so müsst ihr euch untereinander einigen, was ihr den Gesellen erzählen wollt. Ich red' euch da nicht rein. Aber, Krabat: Du tätest gut daran, Lyschkos Bedenken ernst zu nehmen. Du bist immer noch zu vertrauensvoll, und auf der Mühle kann dich das das Leben kosten. Es gibt ein paar Burschen, die sich durchaus vorstellen könnten, selbst Meister zu sein, und die eine Schwäche von euch wohl auszunutzen wüssten: Hanzo vor allem, aber auch Kito und sogar Staschko. Seid vorsichtig, alle beide.“

.

Krabat und Lyschko stritten die halbe Nacht darüber, was sie den Mitgesellen offenbaren wollten und was nicht. Auch am folgenden Tag war ihre Auseinandersetzung noch nicht zu Ende.

Gegen Abend waren sie schließlich so weit, dass sie Hanzo bitten konnten, die Gesellen in der Gesindestube zusammenzuholen. Kito, Kubo, Petar und Lobosch hockten ohnehin schon um den Tisch herum, während Witko nebenan in der Küche hantierte und das Abendessen vorbereitete. Hanzo holte Staschko und Stani vom Schlafboden herunter. Mischka hatte er nicht auftreiben können, weder im Haus, noch im Stall oder in der Mahlstube.

„Ich geh ihn holen“, verkündete Lyschko.

Er verschwand nach draußen und kehrte bald darauf mit dem Lehrjungen zurück. Mischkas Gesicht war von der Kälte gerötet, und er sah verheult aus.

„Mehlkammer.“ Lyschko formte das Wort mit den Lippen, ohne es auszusprechen.

Krabat nickte. Die Mehlkammer war ein Ort, wo außerhalb der Arbeit keiner hinkam. Wer seine Ruhe haben wollte, war dort gut aufgehoben.

Witko rief aus der Küche nach Hilfe. Lyschko schob Mischka vor sich her nach nebenan. Kurze Zeit später brachten die drei Krüge, in denen das Bier schäumte. Die Becher wurden gefüllt, und bald saßen alle um den Tisch herum. Zuletzt kam auch noch der Meister herein und ließ sich schweigend auf seinem Stuhl am Kopfende nieder. Lyschko schenkte ihm ein.

Krabat erhob sich. „Brüder“, begann er, „ein neues Jahr hat begonnen. Es wird diesmal einiges anders sein auf der Mühle, und Lyschko und ich meinen, dass ihr darüber Bescheid wissen solltet. Wir haben im vergangenen Jahr manches Mal den Unterricht in der Schwarzen Kunst gegeben, und ihr habt wohl auch mitbekommen, dass zumeist wir es waren, die mit Hanzo die Arbeit und mit Witko den Haushalt geplant haben. Soweit wir wissen, hatte keiner von euch etwas daran auszusetzen.“

Krabat sah in die Runde. Als er nirgendwo Widerspruch erkennen konnte, fuhr er fort: „Nun, dieses Jahr wird es ähnlich sein: Lyschko und ich werden für den Meister die Mühle führen. Ich denke, ihr habt es euch ohnehin schon zusammengereimt, aber ich will es dennoch einmal aussprechen: Nächstes Jahr, wenn der Meister die Mühle verlässt, werde nicht nur ich es sein, der an seine Stelle tritt. Ihr werdet dann zwei Meister haben: mich – und Lyschko.“

Es war mucksmäuschenstill in der Stube. Alle blickten ihn aufmerksam an, doch keiner schien überrascht.

Krabat fuhr fort: „Ich merke, dass das für euch keine Neuigkeit ist. Doch was Lyschko und ich uns für dieses Jahr und, wenn es gut geht, auch für die kommenden Jahre überlegt haben, wird neu sein und euch, so hoffen wir, nicht ungelegen kommen. Wir wollen, um es mit Stanis Worten zu sagen, weniger geheimnisvoll sein und euch von den Regeln der Mühle so viel sagen, wie wir nur eben dürfen. Auch finden wir, dass ihr bei all der Arbeit ein wenig mehr Vergnügen verdient habt. Daher werden wir euch fortan jeden zweiten Sonntag freigeben.“

Nun kam Leben in die Gesellen. Schnell schienen sie sich darauf zu einigen, dass es sich hier um eine durchweg gute Sache handelte. Sie lachten, riefen durcheinander und prosteten Krabat und Lyschko zu. Selbst Kito wirkte annähernd gut gelaunt. Nur Hanzo sah Krabat mit zusammengekniffenen Augen an, als ob er der Sache nicht recht trauen würde.

Lyschko stand auf, und Krabat setzte sich wieder.

„Zu den Mühlenregeln“, sagte Lyschko, und er schien dabei so ernst, wie Krabat ihn nur je gesehen hatte. „Vieles von dem, was ich euch jetzt sagen werde, habt ihr gewiss schon vermutet. Anderes hingegen wird euch neu sein. Ich bin sicher, manches wird euch durchaus nicht gefallen. Aber alles, was ihr von mir hören werdet, ist die reine Wahrheit. Falls ihr meinem Wort nicht traut, nehmt Krabats dafür.“

Krabat nickte bestätigend. Die Gesellen waren wieder vollkommen still.

„Die Mühle“, sprach Lyschko, „ist kein schlechter Ort, das sollte allen klar sein. Draußen herrscht Krieg. Die Werber pressen jeden in den Dienst, den sie erwischen können. Wer nicht auf dem Feld verreckt, der verliert vielleicht ein Bein, einen Arm oder ein Auge und kann dann sehen, wo er bleibt. Die Bettler und Räuber sind zahlreich auf den Straßen. Die Pest geht um und die Pocken, und viele hungern.“

Lyschko schwieg kurz, ehe er mit Nachdruck weitersprach: „Das alles müssen wir hier nicht fürchten. Einmal haben sich Werber auf die Mühle verirrt, und wer damals schon hier war, der wird sich wohl erinnern, wie wir unseren Spaß mit ihnen hatten und sie zuletzt mit Pauken und Trompeten zum Teufel gejagt haben. Auch Hunger oder Krankheit treffen hier keinen. Wir haben ein Dach über dem Kopf, ein Bett, in dem keine Wanzen herumkriechen, ordentliche und warme Kleider, einen Sonntagsrock gar. Die Arbeit ist nicht schwer, und wir haben gut und reichlich zu essen.“

Er nickte zu Witko hinüber, der geschmeichelt grinste.

„Dazu kommt die Schule. Wir lernen hier vieles, was uns über gewöhnliche Menschen erhebt und unser Leben angenehmer macht.“

Lyschko legte eine wirkungsvolle Pause ein. Er schien die gespannte Aufmerksamkeit der Burschen zu genießen.

„Doch das alles“, fuhr er endlich fort, „haben wir nur, solange die Bruderschaft besteht. Die Mühle, so wie sie jetzt ist, kann ohne die Schule nicht sein, und die Schule nicht ohne die Mühle. Beides haben wir nur, weil wir zu Neumond die Arbeit für den Herrn Gevatter verrichten. Er ist der wahre Meister im Koselbruch. Ohne ihn ist es schnell vorbei mit all der Herrlichkeit.“

Lyschko sah die Gesellen und den Lehrjungen an, einen nach dem anderen.

„Die Bruderschaft darf nicht brechen“, sagte er eindringlich. „Denn wenn sie bricht, ist es nicht nur mit der Mühle und dem Meister aus, sondern auch mit unseren Zauberkräften – und mit unserem Leben.“

Das Letztgenannte war offensichtlich neu für die Burschen. Sie warfen sich entsetzte Blicke zu und sahen Lyschko aus großen Augen an. Lobosch und Stani begannen, aufgeregt miteinander zu flüstern.

Der Meister schlug mit der Hand auf den Tisch. Alle zuckten zusammen – Krabat und Lyschko nicht ausgenommen.

„Sperrt die Ohren auf und prägt's euch ein!“, knurrte der Meister grimmig. „Von mir hättet ihr's nicht erfahren.“

Lyschko wartete ab, ob der Müller noch mehr anzumerken hatte. Als dieser schwieg, fuhr Lyschko fort: „Ich denke, nach dem, was ich euch jetzt erzählen werde, wird keiner mehr von hier fortlaufen wollen. Es ist nämlich so: Wir dürfen nur die auf die Mühle holen, die vom Tod gezeichnet sind. Was das bedeutetet, fragt ihr euch? Nun, ganz einfach: Wir alle, die wir hier versammelt sind, hätten höchstens noch drei Tage zu leben gehabt, wenn wir dem Ruf des Meisters nicht gefolgt wären.“

In der Stille, die auf diese Offenbarung folgte, hörte man jeden erschrockenen Atemzug.

Lyschko nickte langsam. „Seht ihr … das war neu für euch.“

Als er weitersprach, klang er fast so grimmig wie der Meister: „Wir leben von geliehener Zeit, und diese Zeit gibt uns der Herr Gevatter im Tausch für die Arbeit, die wir für ihn verrichten. Begreift ihr jetzt endlich?“

Erneut stand Krabat auf, und Lyschko setzte sich auf die Bank.

„Ich kann verstehen“, begann Krabat, „dass ihr erschüttert seid. Doch damit ist die Sache noch nicht zu Ende. Ihr wisst alle, oder jedenfalls die von euch, die schon länger hier sind, dass es zwei Möglichkeiten gibt, die Mühle mit dem Segen des Meisters zu verlassen: vor dem Ende der Probezeit und in den drei Tagen, die auf die Freisprechung folgen.“

Krabat räusperte sich unbehaglich. Dann sprach er: „Damit ist das, was Lyschko gesagt hat, aber leider nicht aufgehoben: auch dem, der die Mühle im Guten verlässt, bleibt dort draußen nur eine kurze Zeit zu leben. Zu den wenigen Tagen, die jeder von uns noch gehabt hätte, gibt der Herr Gevatter auf die Stunde genau hinzu, was wir in seinem Dienst verbracht haben. Wer also nach der Probezeit geht, in der er noch nicht für den Herrn Gevatter gearbeitet hat, hat danach nur, was ihm geblieben wäre, wäre er dem Ruf nicht gefolgt – zwei Tage, zum Beispiel. Wer nach der Freisprechung geht und nur noch einige wenige Stunden gehabt hätte, der hat nun ein Jahr, einen Tag und einige wenige Stunden.“

Hanzo schüttelte ungläubig den Kopf. „Heißt das“, fragte er mit rauer Stimme, „dass, wenn die Bruderschaft zum Jahresende bricht, weil der Meister besiegt wird, wir nicht nur unsere Zauberkräfte verlieren, sondern auch noch unsere übrige Lebenszeit auf die Stunde genau bemessen ist?“

„Ja, Hanzo“, warf der Meister mit einem bösen Lächeln ein, „da erscheint doch einiges in einem anderen Licht, nicht wahr? Hätte Krabat vor zwei Jahren Erfolg gehabt, dann … Lass mich überlegen … In der Dreikönigsnacht beginnt dein vierzehntes Jahr hier – du bist damit, beiläufig, länger als irgendeiner vor dir auf der Mühle –, und damals ging gerade dein elftes Jahr zu Ende. Lass mich dich ansehen …“

Der Meister musterte Hanzo mit zusammengekniffenen Augen.

„Ah ja“, fuhr er dann fort, „du hättest, als ich dich vor langer Zeit zu mir rief, noch etwa zwei Tage zu leben gehabt. Die müssen wir zuschlagen, während wir die fünf Tage von Neujahr bis zur Dreikönigsnacht abziehen müssen, du verstehst. Wäre es Krabat also in jener Nacht mit Hilfe seines Mädchens gelungen, die Bruderschaft zu zerschlagen, dann hättest du danach noch elf Jahre weniger drei Tage zu leben gehabt – und lass mich hinzufügen, dass diese Jahre hätten gelebt werden müssen, ganz gleich, wie elend sie auch hätten sein mögen. Der Herr Gevatter ist sehr genau: Er würde euch nicht eine Stunde früher entlassen, als seine Rechnung es vorsieht.“

Die Gesellen und Mischka sahen allesamt entsetzt aus. Sie mochten nun wohl auszurechnen versuchen, wie lange sie noch zu leben hätten, falls die Bruderschaft aus irgendeinem Grund in naher Zeit zerstört werden sollte.

Krabat wartete, bis sie sich etwas beruhigt hatten. „Ihr seht also“, sagte er dann, „dass es euch nicht zu Gute käme, wenn es euch gelingen sollte, den Meister zu vernichten. Es muss einen Meister – oder auch zwei – auf der Mühle geben, und was er sagt, muss getan werden, so wie der Meister sich seinerseits dem Willen des Herrn Gevatters unterwerfen muss. Alles andere bringt jeden einzelnen von uns in Lebensgefahr. Der Meister ist die Mühle: ohne ihn bricht alles zusammen.“

Nun kam das, wovor Krabat sich gefürchtet hatte.

„Da ist leider noch mehr. Bislang musste in jedem Winter, wenn das alte Jahr starb, einer der Gesellen sein Leben geben, damit die Mühle weiter bestehen konnte: das Leben eines Schülers für das des Meisters. Nun, wenn wir künftig zwei Meister auf der Mühle haben werden … Ihr könnt es euch wohl denken.“

Die Burschen sahen nicht erfreut aus, wirkten aber auch nicht überrascht.

„Wir haben uns das schon gedacht“, erklärte Hanzo mit ernster Miene, „und ihr könnt euch wohl vorstellen, dass es uns nicht gefällt.“

„Uns gefällt es auch nicht“, erwiderte Krabat, „und es war nicht unsere Entscheidung, es so zu handhaben. Weder Lyschko noch ich haben uns danach gedrängt, Meister zu werden, und die Regeln dafür haben nicht wir gemacht, sondern der Herr Gevatter.“

„Und ich“, knurrte der Meister.

Die Blicke der Gesellen und des Lehrjungen huschten zum Müller hinüber – unsicher, zornig, furchtsam.

„Ihr könnt“, sprach der Meister mit fester Stimme, „diese neue Regel also weder Krabat noch Lyschko vorwerfen. Hätten sie abgelehnt, meine Nachfolge anzutreten, dann lägen nun im Übrigen sie auf dem Wüsten Plan, nicht Merten und Juro. Wobei … Juro, denke ich, hätte ich dann wohl letztes Jahr gewählt. Dafür wäre euch Andrusch erhalten geblieben. Vielleicht hätte ich als Nächsten Hanzo gefragt, ob er an meiner Stelle Meister werden mag. Möglich ist vieles, aber was getan ist, ist getan und nicht mehr rückgängig zu machen. Daher werdet ihr euch wohl hineinfinden müssen in das, was jetzt ist.“

Krabat nickte langsam. „Wir alle werden das tun müssen, und es wird uns allen leichter fallen, wenn wir miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Lyschko und ich wollen unser Bestes tun, um euch gute Meister zu sein. Wie Lyschko gesagt hat: Die Mühle ist kein schlechter Ort, weder für euch, noch für uns. Wir alle wären lange tot, wenn der Meister uns nicht hergerufen hätte. Was das Jahresende betrifft, so müssen wir immer im Sinne des Ganzen handeln. Wer also die Bruderschaft gefährdet oder aus anderen Gründen nicht gut ist für die Mühle, der muss gehen.“

Krabat ließ seinen Blick über die Runde wandern. Das Herz tat ihm weh, wenn er daran dachte, dass sie am Jahresende wieder einen von denen würden begraben müssen, die ihn jetzt aus ernsten und verschreckten Augen ansahen – Staschko vielleicht, oder Mischka …

„Aber“, setzte er leise hinzu, „wir wollen es künftig so halten, wie wir es bei Andrusch getan haben: Wen es trifft, der soll wenigstens nicht allein sein müssen, wenn es so weit ist, und wir wollen tun, was wir können, um jener Nacht ihren Schrecken zu nehmen. Unser Wort darauf.“