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Zu Beginn des neuen Jahres kam Krabat die Mühle kalt und fremd vor.

Juro fehlte an allen Ecken und Enden, und Krabat fühlte sich wie ausgehöhlt. Er hatte seinen Freund umgebracht – ganz so, wie es der Meister mit Jirko getan hatte. Sie hatten auf verschiedenen Seiten gestanden und Krabat war sicher gewesen, keine Wahl zu haben. Aber jetzt, wo Juro nicht mehr da war, zweifelte er.

Juro war ein Teil der Mühle gewesen. Es war, als hätten sie ihr eine Wunde geschlagen, als sie ihn fortnahmen.

Witko bemühte sich redlich, aber er hatte nur ein Jahr Zeit gehabt, sich in Juros vielfältige Aufgaben einzuarbeiten. Ohne Hilfe schaffte er es nicht. Der Meister und Hanzo wiesen ihm wechselnd einen der Gesellen zu, der dann mit ihm in der Küche oder im Haushalt arbeitete oder im Garten, beim Geflügel oder den Schweinen mit anpackte. Stani, Lobosch und auch Kubo taten das mit Freuden, aber der Meister bestand darauf, dass auch die anderen ihren Teil beitrugen.

Lyschko und Krabat mussten dem Meister helfen, einen neuen Lehrjungen herbeizurufen. Am Abend vor dem Dreikönigstag traf er auf der Mühle ein.

Krabat hatte Witko, Lobosch und Stani erlebt, die alle nicht in bestem Zustand gewesen waren, als sie ihre Probezeit angetreten hatten, aber noch nie hatte er einen so elenden Lehrling gesehen wie Mischka.

Mischka war deutlich älter als Krabat damals, siebzehn oder achtzehn vielleicht, und damit im Grunde schon zu alt für einen Lehrjungen. In seinen Augen stand Angst, als er die Tür zur Mühle aufstieß. Seine Kleider waren abgenutzt und zerrissen, seine Gestalt hager und geduckt, und er bewegte sich, als ob er Schmerzen hätte und befürchtete, bald neue zugefügt zu bekommen.

Der Meister bot Mischka mit den üblichen Worten die Lehre an, und Mischka schlug ein wie jeder vor ihm, während Krabat und Lyschko im Hintergrund standen und das Ganze beobachteten.

Mit einem Rumpeln lief die Mühle an und brachte das Haus zum Beben. Mischka sah sich erschrocken um.

Der Meister formte die Hände zum Trichter und rief: „Die Mühle! Nun mahlt sie wieder!“

Doch diesmal führte der Müller den Neuen nicht sofort auf den Dachboden, um ihm seinen Schlafplatz und seine Sachen zu zeigen. „Was ist mit dir?“, schrie er, um den Lärm des Mahlwerks zu übertönen, indem er eine Geste zu Mischkas Rücken hin machte – der Lehrjunge stand gebeugt und krumm.

Mischka zuckte zusammen wie ertappt. „Nichts“, sagte er, so leise, dass sie es gegen den Lärm der Mühle von seinen Lippen ablesen mussten, und streckte den Rücken gerade, wobei er gleich noch einmal zusammenzuckte.

„Zieh Rock und Hemd aus!“, wies der Meister ihn an.

Mischka gehorchte mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihm befohlen, die Leiter zum Galgen zu besteigen. Mit steifen Bewegungen legte er seine zerschlissene Kleidung ab. Unter dem Hemd kamen Striemen zum Vorschein, die von einer Peitsche oder Rute stammen mussten. Sie waren nicht mehr frisch, aber die Haut spannte, wo sie abheilten, und einige hatten sich entzündet.

„Wofür?!“, verlangte der Meister zu wissen. Er musste immer noch schreien, um das Mahlwerk zu übertönen.

Mischka schloss kurz die Augen. „Ich war bei den Soldaten …“ Er sprach nun lauter, aber sie konnten ihn dennoch kaum verstehen. „Ich bin fortgelaufen, und sie haben mich wieder eingefangen.“

Er wirkte erschöpft und mutlos, als er hinzusetzte: „Und nun bin ich noch einmal davongelaufen. Diesmal werden sie mich totschlagen. – Jetzt wollt Ihr mich wohl nicht mehr als Lehrjungen?“

Der Meister schüttelte den Kopf, dann rief er: „Wer oder was du warst, schert mich nicht! Hierher kommt keiner, dich zu holen, dafür sorg' ich! Im Übrigen bin ich kein hoher Herr, red' mich nicht an, als wär' ich von Adel!“

Der Meister verschwand kurz in seiner Stube und kam mit einem Salbentiegel in der Hand zurück. „Lyschko, reib' seine Wunden ein!“

Lyschko grinste Mischka schief an, ehe er hinter ihn trat und die Salbe auf die Striemen auftrug. Er ging dabei vorsichtiger zu Werke, als Krabat erwartet hatte. Dennoch biss Mischka die Zähne zusammen.

Der Geruch der Salbe kam Krabat vertraut vor. Dann wurde ihm klar, dass es Juros sein musste, die der Meister sich irgendwie angeeignet hatte.

Als der neue Lehrjunge sich mit erfreutem Erstaunen über die rasche Heilwirkung wieder angekleidet hatte, befahl der Meister: „Krabat, Lyschko, zeigt ihm seinen Schlafplatz und alles! Und dann husch, in die Mahlstube mit euch!“

Auf dem Dachboden war es nicht so laut wie im Eingangsbereich der Mühle, aber auch hier bebte und polterte es. Immerhin mussten sie nicht mehr schreien, um sich zu verständigen, es reichte, laut zu sprechen.

Vor Juros Pritsche angekommen, sagte Lyschko: „Hier ist dein Schlafplatz.“

Am Fußende lagen, ordentlich zusammengefaltet, Juros Kleider. Kubo hatte sie am Tag nach Juros Tod hochgebracht.

Krabat wurde die Kehle eng. „Und hier“, setzte er mit Überwindung hinzu, „sind deine Sachen.“

Dann ließen sie Mischka allein, um sich der Arbeit am Mahlwerk und auf dem Schüttboden anzuschließen.

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Am folgenden Abend wurde Stani freigesprochen. Er war ein kräftiger Bursche geworden, dennoch gebot Hanzo Einhalt, als es Petar und Andrusch beim Freimüllern gar zu toll trieben.

„Schluss jetzt!“, rief der Altgesell. „Er muss zwar ohne Spelz und Makel sein, aber seine Knochen sollen heil bleiben!“

Staschko streute Stani Mehl auf den Kopf, und dann musste der frisch gebackene Geselle den anderen Bescheid tun.

'Stani ist der vierte Lehrjunge', dachte Krabat, 'dessen Freimüllern ich erlebt habe, mich selbst eingeschlossen. Vier Jahre bin ich jetzt hier – und Lyschko sieben.'

Es kam ihm gleichzeitig so vor, als sei er erst gestern auf die Mühle gekommen und als sei er schon ewig dort.

'Tonda, Michal, Merten und Juro', dachte Krabat mit schwerem Herzen, während er die ausgelassen feiernde Schar der Gesellen betrachtete. 'Wer von euch wird der Nächste sein?'

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Der Januar war bitterkalt in diesem Jahr.

Die einzigen Räume, die wirklich warm wurden, waren die Küche und die Gesindestube. Die Meisterstube wurde von einem kleinen Ofen geheizt, dennoch war es darin so kalt, dass der Meister Rock und Mantel nicht ablegte. Er aß nun stets mit den Gesellen und saß auch sonst häufig in ihrer Stube, um sich aufzuwärmen.

Ein bisschen aufsteigende Wärme kam den Burschen auf dem Schlafboden zugute, aber dafür war das Dach undicht und der eisige Wind pfiff hindurch. Sie stopften die Löcher mit Binsen und Lumpen, so gut es ging.

In dem kleinen Raum, den Krabat und Lyschko miteinander teilten, gefror das Wasser in der Waschschüssel, und in der Schlafkammer des Meisters war es Lyschko zufolge auch nicht besser.

An den Freitagabenden während des Unterrichts in der Schwarzen Kammer trugen sie alle ihre Mäntel und Mützen oder Kappen.

Neben dem Müllerhandwerk stand einmal mehr das Holzmachen an. Zum Glück hatte es dieses Jahr nicht so viel geschneit, dass sie sich zum Holzplatz im Wald durchschaufeln mussten. Sie brachten die Stämme auf dem Pferdeschlitten zur Mühle und lagerten sie im Holzschuppen ein, damit sie später zu Balken und Brettern verarbeitet werden konnten.

Einem der Zugpferde bekam die Kälte nicht. Die Stute war schon älter und hatte offensichtlich mit Schmerzen zu kämpfen, wann immer sie arbeiten musste. Andrusch und Kito scherzten, dass sie bald Sauerbraten und Rosswurst essen würden, was nicht nur Krabat ärgerte, der die Pferde sehr mochte: Hanzo fuhr den beiden Burschen unerwartet scharf über den Mund. Die Braunen, mit Namen Janka und Lukaš, waren schon auf der Mühle gewesen, als er als Lehrjunge angefangen hatte, und er hing an den Tieren.

Nach jeder Ausfahrt kümmerte Hanzo sich nun eigenhändig um die Pferde, rieb sie mit Stroh trocken und legte ihnen Decken über. Er überwand sich sogar und sprach beim Meister vor, um zusätzlichen Hafer für die kränkelnde Janka zu erbitten. Die Haferernte war in diesem Jahr schlecht ausgefallen und sie hatten nur noch wenig auf Vorrat, dennoch gestattete der Meister es, dass Witko jeden Abend in einem Topf einen Scheffel davon einweichte, das Ganze für eine Weile auf den Herd stellte und zuletzt noch einen schrumpeligen Apfel hineinschnitt. Hanzo höchstselbst schleppte nach dem Abendessen den dampfenden Eimer in den Stall und sah der Stute beim Fressen zu.

„Wir werden uns im Frühjahr nach einem neuen Pferd umsehen müssen“, sagte der Meister eines Abends zu Krabat und Lyschko, nachdem Hanzo sich einmal mehr in Richtung Stall aufgemacht hatte. „Noch einen Winter wird die Janka nicht durchstehen.“

„Kannst du sie nicht heilen, Meister? Mit Hilfe der Kunst?“, fragte Krabat.

Der Meister schüttelte den Kopf. „Ich kann sie ihre Schmerzen vergessen machen, so dass sie nicht mehr spürt, dass sie krank ist und noch früher zugrunde geht, weil sie sich nicht mehr schont. Ich kann sie zwingen, trotz Schmerzen zu arbeiten, als ob sie gesund wäre, und sie so ebenfalls früher zugrunde richten. Eine Wunde kann ich heilen, auch einen gebrochenen Knochen. Aber gegen das Alter und den Tod gibt es keinen Zauber.“

„Aber du selbst, Meister …“, begann Krabat.

„Soll die Janka einen Pakt mit dem Herrn Gevatter schließen?“, fragte der Müller belustigt.

Lyschko lachte, und Krabat verstummte.

„Ich würd's dem Tier schon gönnen, wenn es in meiner Macht läge, Krabat“, setzte der Meister mit mehr Ernst hinzu. „Aber du solltest inzwischen wissen, dass viele Zauber nur vorübergehend wirken. Und die, die dauerhaft sind, sind meist auf lange Sicht schädlich, entweder für den, auf den sie angewandt werden, oder für den, der sie gesprochen hat. Die Schwarze Kunst fordert einen hohen Preis, auf mehr als eine Art.“

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Mischka tat sich schwer auf der Mühle. Die Lehrzeit war Knochenarbeit, und er war nicht gut gerüstet dafür. Es fehlte zudem an einem Burschen, der ihn ein wenig unter seine Fittiche nahm und ihm das Gefühl gab, nicht gänzlich verlassen zu sein.

Juros Tod hatte Angst gesät. Die, die schon vorher Freundschaft gehalten hatten, hingen nun noch fester zusammen und wollten keinen Neuen hineinlassen: Witko, Lobosch und Stani auf der einen, Andrusch, Staschko und Kito auf der anderen Seite. Kubo und Petar hatten sich gleichfalls enger zusammengeschlossen. Krabat und Lyschko waren in ihrer gesonderten Stellung ohnehin außen vor, doch zumindest hatten sie einander. Hanzo, der früher eng mit Andrusch und dessen Kumpanen gewesen war, war seit Juros Tod nur noch auf Pflichterfüllung bedacht und schloss sich von allen ab. Er hatte wohl Angst, der nächste zu sein, wenn er seine Aufgabe als Altgesell nicht vorbildlich bewältigte, und wollte sich von niemandem von diesem Pfad abbringen lassen.

Zudem hatte Juros Tod vieles wieder zunichte gemacht, was Krabat im vergangenen Jahr bei den anderen Gesellen erreicht hatte, vor allem bei Lobosch, Witko und Stani.

„Den Pakt mit dem Meister nehm' ich dir nicht krumm“, hatte Lobosch wenige Tage nach Neujahr zu Krabat gesagt, „aber Juro – ich weiß nicht, ob ich dir das je vergeben kann.“

Stani duckte sich regelrecht weg, wenn Krabat in seine Nähe kam, und Witko war Krabat gegenüber wortkarg und wich seinem Blick aus.

Auch Lyschko wurde von den dreien gemieden, und es lag Furcht in ihren Augen, wenn sie ihn ansahen.

Kubo hingegen hatte einmal im Vorbeigehen wie beiläufig zu Krabat bemerkt: „Das mit Juro musste eines Tages so kommen. Er hat es darauf angelegt.“ Auch Petars Verhalten Krabat gegenüber hatte sich nicht verändert. In Bezug auf Lyschko benahmen die beiden sich abwartend, aber nicht unfreundlich.

Andrusch, Staschko und Kito schienen zu wissen, dass ihre Verschwörung mit Juro aufgeflogen war. Merkwürdigerweise schien Andrusch dadurch zu noch frecherem Betragen angespornt zu werden, während Staschko und Kito merklich gedämpft wirkten.

Hanzo verhielt sich sowohl Krabat als auch Lyschko gegenüber ungewohnt zurückhaltend. Er stand in der Ordnung der Mühle immer noch über ihnen, und er teilte sie genauso wie die anderen zur Arbeit ein, auch dazu, den Schweinestall auszumisten oder stundenlang Getreide umzuschaufeln, aber er tat es mit Vorsicht. Krabat war beeindruckt, dass es der Altgesell fertigbrachte, sie trotz der offenkundigen Furcht, die er vor ihnen empfand, nicht zu bevorzugen.

Da keiner von den Gesellen Lust hatte, für den neuen Lehrjungen in die Bresche zu springen, war Mischka in den ersten Wochen ganz auf sich gestellt. Hanzo ließ es nicht zu, dass die anderen unfreundlich zu ihm waren oder ihm irgendwelche üblen Streiche spielten, aber das war auch schon alles.

An Mischkas erstem Tag half ihm keiner, als er die Mehlkammer ausfegen sollte. Hanzo holte ihn mittags zum Essen, sagte ihm, er solle sich nicht grämen, weil es anfangs keinem besser erginge, und schickte ihn anschließend in die Küche, damit er Witko unterstützte. Die Mehlkammer blieb weiß von Staub, bis der Altgesell Andrusch anwies, sie sauberzumachen, und Andrusch mit größter Selbstverständlichkeit eine Mehlwolke in Richtung Wald sandte.

Krabat fiel auf, dass Lyschko Mischka genau beobachtete, genauer, als er es nach Krabats Empfinden bei Stani, Lobosch oder Witko getan hatte. Eines Tages, als der Lehrjunge im Hof die Wege von Schnee freischaufelte, kam Krabat dazu, gerade, als Lyschko Mischka ansprach und ihm die Hand auf die Schulter legte. Krabat wusste sofort, was geschehen war: Lyschko hatte Mischka Kraft gegeben.

Als sie abends im Schein der Kerze in ihrer Kammer saßen und ihre Kleider ausbesserten, sprach Krabat Lyschko auf seine Beobachtung an.

Lyschko zögerte mit seiner Antwort. „Es kann nur klug sein“, sagte er schließlich, „möglichst viele von den anderen für uns zu gewinnen, wenn wir hier eines Tages Meister sein wollen, ohne dass sie uns gleich alle mit gezückten Messern in den Rücken fallen. Meinst du nicht?“

Krabat ließ es dabei bewenden, dachte aber bei sich, dass er da bei Lyschko auf etwas Wichtiges gestoßen war.

„Außerdem“, fuhr Lyschko überraschend fort, lange, nachdem Krabat gedacht hatte, dass zu der Angelegenheit nichts mehr von ihm kommen würde, „scheint mir Mischka wie einer von denen, die wegzulaufen versuchen – oder Schlimmeres.“

Krabat merkte auf. „Wie meinst du das?“

„Wie ich's gesagt habe. Mischka ist nicht glücklich hier. Er kommt mir nicht wie einer vor, dem es leicht fällt, Freunde zu gewinnen, und die Stimmung auf der Mühle ist gerade ohnehin nicht günstig für Neue. Mischka wird fortlaufen, sobald er spitz kriegt, was hier gespielt wird – irgendwann nach Ostern also, und bald. Und wenn er dann begreift, dass es von hier kein Auskommen gibt … Nun, ich trau ihm zu, dass er's dann auf andere Art versucht.“

„So wie Merten?“, fragte Krabat.

„So wie Merten“, bestätigte Lyschko.

Eine Weile schwiegen sie wieder und flickten weiter an ihren Kleidern herum.

Dann fragte Krabat: „Verachtest du Merten für das, was er getan hat?“

Lyschko schüttelte den Kopf. „Ich hab mich mit um ihn gekümmert, als er krank war, oder? So wie jeder von uns. Nein, ich verachte ihn nicht und habe ihn auch damals nicht verachtet.“

Lyschko rang sichtlich mit sich. Doch dann sprach er weiter: „Als ihr mich damals Michals wegen geschnitten habt“, sagte er, „von Lichtmess bis Ostern, da hab ich manches Mal daran gedacht, selbst ein Ende zu machen. Es ist nicht schön, ein Vierteljahr wie Luft behandelt zu werden, weißt du.“

Krabat schwieg, betroffen von dem Eingeständnis. Damals hatte er geglaubt, dass Lyschko billig davongekommen wäre, nun aber dachte er, dass Prügel vielleicht doch die mildere Strafe gewesen wären.

„Aber Merten, musst du wissen“, fuhr Lyschko fort, „ist nicht der Erste gewesen, der es versucht hat und gescheitert ist. Kurz, nachdem ich meine Probezeit angetreten hatte, hat Andrusch es probiert. Andrusch war nicht immer der derbe Spaßvogel, der er heute ist … Er ist zwei Jahre vor mir auf die Mühle gekommen und hat erst nach dem Freimüllern begriffen, dass er hier für den Rest seines Lebens festsitzen wird. Als er den Meister bat, ihn ziehen zu lassen, war es schon zu spät: die drei Tage nach der Freisprechung, in denen es möglich gewesen wäre, waren um.“

Lyschko fädelte erst einen neuen Faden ein, ehe er fortfuhr: „Zweimal hat Andrusch versucht, davonzulaufen, in einem Januar, der so bitterkalt war wie dieser. Dann ist er ins Wasser gegangen. Er hat dafür erst das Eis auf dem Mühlenweiher aufhacken müssen. Der Meister selbst ist hineingesprungen und hat ihn unter dem Eis hervorgezogen. Tonda und Hanzo haben Andrusch in die Gesindestube getragen, ihn ausgezogen, in Decken gewickelt und vor den Ofen gelegt, damit er sich nicht nachträglich noch den Tod holt. Drei Tage lang hat er weder gegessen noch gesprochen und sich geweigert, aufzustehen, obgleich er gekonnt hätte. Mir, dem Lehrjungen, fiel die begeisternde Aufgabe zu, seinen Nachttopf zu leeren. Als er dann sein Lager verlassen hat, war er wie ausgewechselt. Er hat sich benommen wie des Meisters Hofnarr, und manches Mal war in seinen Späßen eine Beleidigung oder Herausforderung versteckt. Doch der Meister hat ihn mit mildem Spott gewähren lassen – du weißt, wie er ist: 'Der spinnt eben, der Andrusch.' –, und nach einiger Zeit hat Andrusch sich beruhigt. Seitdem ist er hier der Spaßvogel und führt das große Wort, wenn es einen Streich oder irgendeine Tollheit auszuhecken gilt.“

Lyschko zupfte an seiner Jacke herum, suchte nach weiteren Stellen, die es auszubessern galt.

„Aber ich weiß noch“, setzte er schließlich hinzu, „wie er geheult hat, damals in der Stube, als der Meister über ihm stand, tropfnass wie Andrusch selbst, und sagte: 'Es gibt keinen Weg, der hier wegführt – für dich nicht, und für die andern auch nicht. Mir kommt keiner aus!' … Danach hab ich es nicht mehr versuchen mögen: weder das Weglaufen, noch das andere – auch nicht vor drei Jahren, als ihr mich behandelt habt, als ob ich ansteckend wär'.“

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Nach dem Gespräch mit Lyschko achtete Krabat aufmerksamer als bisher auf Andrusch. Er sah nun, dass hinter so manchem Spaß und so manchem frechen Streich ein gerüttelt Maß an Verzweiflung steckte. Er dachte daran, wie Andrusch zu Ostern stets das große Wort führte und den Meister leidenschaftlich zum Teufel wünschte. Auch erinnerte er sich an manche Gelegenheit, zu der Andrusch selbst in Gegenwart und sogar auf Kosten des Müllers seine Streiche getrieben hatte: damals beim Radhub etwa, als er das Nabenloch kleiner gezaubert hatte, vordergründig, um Staschko zu foppen – doch sie alle, einschließlich des Meisters, hatten währenddessen das schwere Mühlrad halten müssen.