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Solitary Man no more

Chapter Text

Detective John Sheppard blickte in den schmutzigen Spiegel des Motels. Wasser tropfte aus seinen Haaren und vom Gesicht, aber das war es nicht, was ihn schlucken ließ.

 

Schon lange hatte er sich nicht mehr so direkt in die Augen gesehen. Sie waren trübe, blutunterlaufen und müde. Sie verrieten, dass er ein gebrochener Mann war. Noch ein paar Jahre, dann würde er nicht besser als all die anderen korrupten Bullen da draußen sein – abhängig von Alkohol und Glücksspiel, in den Fängen eines Paten. Nun, er hatte zu hoch hinaus gewollt wie einst Ikarus. Das Wachs war geschmolzen und er abgestürzt. Und dabei so viel gebrochen, dass er nur noch durchs Leben humpelte.

 

Und warum? Nur um davon zu laufen, der Wahrheit zu entrinnen, dass er ein Versager auf der ganzen Linie war. Er hatte seinen Vater immer wieder durch seine trotzigen Entscheidungen vor den Kopf gestoßen und seinem Vater nach einem heftigen Streit den Rücken gekehrt, obwohl Zusammenhalt den Sheppards immer sehr wichtig gewesen war.

Er hatte die Hoffnungen und Erwartungen seiner Ausbilder und Vorgesetzten durch hitzköpfiges und unüberlegtes Handlungen enttäuscht und war nicht einmal gut darin, die Zuneigung seiner Frau und seiner Freunde zu entgegnen. Er verdiente es ein Einzelgänger zu sein, ein Looser auf voller Linie.

 

Und letztendlich war er auch in seinen eigenen Augen nichts wert.

 

Er schloss die Augen. Genug davon. Er brauchte genau dass nicht wieder aufzuwühlen. Statt dessen sollte er sich einen ordentlichen Kaffee genehmigen, sonst baute er nachher auf dem Highway noch einen Unfall. Und vielleicht einen Drink, um den bitteren Geschmack hinunter zu spülen, der nun seinen Mund erfüllte.

 

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“Solitary Man” von Johnny Cash schallte blechern aus dem alten Radio des Mietwagens. Beide hatten auch schon einmal bessere Zeiten gesehen – so wie er. John seufzte. Die alte Mühle passte aber besser zu ihm als jeder neue Sportflitzer, oder. Er presste die Lippen zusammen, als er am Himmel die Kondensstreifen eines Düsenjets sah.

Was gäbe er jetzt dafür, noch einmal ein anderes Lenkrad in den Händen zu halten. Aber die Fluglizenzen waren ihm aberkannt worden. So wie seine Pension, sein Rang.

 

Wie aber wäre sein Leben verlaufen, wenn er den Rat seines Anwalts angenommen hätte und nach McMurdo gegangen wäre? Wenn er anstatt davon zu laufen, mit der Schande gelebt und dort die nächsten zehn Jahre ausgeharrt hätte. Und vielleicht...

 

Ich habe ihr Ebenbild aus einer anderen Dimension kennen gelernt. Colonel John Sheppard setzte sich für sein Team ein und rettete damit uns alle. Er riskierte sein Leben ohne darüber nachzudenken.

 

Verdammt.

Die Worte dieses verrückten kanadischen Docs wollten einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden. So wie die Dinge, die er gesehen und gehört hatte, über die er niemals mit jemandem sprechen durfte, wenn er nicht für immer hinter den Gittern und verschlossenen Türen einer psychiatrischen Anstalt verschwinden wollte. Und auch jetzt fiel es ihm schwer, daran glauben zu können, obwohl er selbst die mumifizierten Leichen und ihren Mörder gesehen hatte.

 

Lebenskraft saugende Vampire aus dem Weltraum gehörten in die Science Fiction Filme der Sechziger und Siebziger, die man sich noch heute in den kleinen Sendern anschauen konnte. In die Pulp-Romane, die man beim Essen oder langweiligen Observationen las – und nicht in die Wirklichkeit. Ebenso wenig wie außerirdische Artefakte, Raumschiffe und ... Kreaturen, die seinen Geist durchwühlten.

 

John bremste scharf. Er umklammerte das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervor traten, um sein Zittern zu unterdrücken. Ihm war kalt bis auf die Knochen.

 

Es waren allerdings nicht die Erinnerungen, die ihn so erschütterten, sondern die Erkenntnis, dass er ES schon wieder tat: Er rannte einfach davon. Und stellte sich nicht mehr der Verantwortung.

Und warum?

Weil er einmal den Glauben an sich und die Richtigkeit seines Handelns verloren und aufgegeben hatte. Weil in diesem Moment auf die Hilfe und Unterstützung der anderen gehofft hatte. Doch die Kameraden hatten selbst zu viel Angst gehabt vors Kriegsgericht zu kommen und deshalb nicht für ihn ausgesagt.

Ihm selbst war nach dem Tod Hollands, die Flucht zurück hinter die eigenen Linien und den darauf folgenden Arrest alles egal gewesen. Die scharfen Verhöre mit Schlafentzug hatten ihm den Rest gegeben.

Und so hatte er auch die Ohren vor den Vorschlägen verschlossen, die ihm vielleicht noch den Hals und wenigstens die Karriere hätten retten können. Weil es in seinen Augen ja doch alles nichts gebracht hatte.

 

Und nicht zuletzt, weil er nach seiner Entlassung geschworen hatte, dass er nicht und niemals wieder in den Abgrund von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen fallen wollte.

 

Er holte tief Luft und lachte bitter.

 

Dabei hatte er genau dieses Tal der Tränen und des Selbstmitleids niemals verlassen, sondern sich genüsslich darin gesuhlt und nur halbherzig vor sich hin gelebt und gearbeitet. Und so mehr Schuld auf sich geladen. Mit ein bisschen mehr Einsatz von seiner Seite hätten sie den Mädchenhändlerring schon viel früher sprengen und damit die Leben von ein paar Mädchen aus Südamerika retten können. Vielleicht wäre auch noch der Kollege am Leben, der von einem Dealer erschossen worden war und...

 

Er stoppte seine Gedanken. Es war müßig an die Vergangenheit zu denken, denn dann konnte er gleich die Flasche Whiskey aus seiner Tasche holen und die Wut auf sich selbst hinunter spülen.

 

Wut!

Nicht Selbstmitleid.

 

Wieder vernahm er die Stimme, des Kanadiers. Sie nennen sich die Wraith und leben in einer anderen Galaxis. Wenn es diesem Kerl gelingt, eine Nachricht an seine Leute zu schicken, dann ist die Erde verloren, denn sie werden mit einer ganzen Flotte ihrer Mutterschiffe kommen. Und wir können dann nichts mehr gegen sie unternehmen. Nur jetzt, wenn wir ihn rechtzeitig finden...

 

Die letzten Takte von „Solitary Man“ verklangen. John holte tief Luft und blickte in den Rückspiegel. Diesmal hielt er seinem eigenen Blick stand und sah in seinen Augen einen Funken aufglühen, den er glaubte verloren zu haben.

 

Es war so weit. Er brauchte nicht mehr davon zu laufen. Er konnte etwas unternehmen und diesmal würden ihn keine Regeln und Befehle davon abhalten oder ein Kriegsgericht aufhalten. Und auch wenn niemand zusehen würde. Er konnte sich selbst vielleicht beweisen, was noch in ihm steckte. Denn er hatte den Schlüssel

 

Er wusste, wo er diesen verfluchten Wraithbastard suchen musste. Es war nur ein kleines aber wichtiges Detail, das ihm vor ein paar Tagen noch nicht so bewusst geworden war: Warum hatte noch keiner die fette Satellitenschüssel von dem einsam in der Wüste stehenden Trailer geklaut?

Denn eigentlich waren die mexikanischen Banden immer ganz fix darin, sich so etwas anzueignen.

 

Es sei denn, jemand machte den abergläubischen Kerlen gehörige Angst...

 

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Das Atmen fiel so schwer.

 

Und es lag nicht an den brennenden Wrackteilen und dem Rauch um ihn herum. Eine oder mehrere Kugeln hatten seinen Brustkorb getroffen. Das er noch lebte war ein Wunder. Dass er den Schmerz nicht fühlte und überhaupt noch bewegen konnte auch. Aber das würde nicht mehr lange so sein.

 

John gab es auf, sich aus dem Explosionsbereich zu schleppen und drehte sich auf den Rücken. Er tastete nach seinem Bauch, seiner Brust.

Feucht und sandig.

Das Leben strömte mit dem Blut aus ihm heraus und schon jetzt spürte er die lähmende Schwäche, die seine Glieder taub machte, seine Sinne einschränkte. Ob er noch atmete, wusste er gar nicht mehr.

 

Aber es war auch nicht wichtig.

 

Ihm bedeutete es viel, dass er sich der Angst gestellt hatte und das getan, was ihm sein Herz gesagt hatte. Nicht für Ruhm und Ehre, sondern um der Menschen willen. Mit dem gleichen Gefühl, dass ihn auch in Afghanistan angetrieben hatte.

 

Ein wahrer Held mochte vielleicht einsam sterben, aber mit einem ruhigen Gewissen und im Reinen mit sich selbst.

 

Detektive John Sheppard versuchte zu lächeln. Das stimmte in seinem Fall vielleicht nicht ganz, aber er hatte einen Anfang gemacht. Vielleicht schenkten die Sterne, die sich am langsam dunkler werdenden Wüstenhimmel zeigten, auch deshalb ein ganz besonders strahlendes Licht.

 

Schade, dass er sie nie sehen würde, wie sein Ich aus einer anderen Dimension. Nie zwischen ihnen reisen und Abenteuer erleben würde, die sich Menschen hier auf der Erde nur in ihrer Phantasie vorstellten. Das war bestimmt aufregend und würde sein Leben erfüllen, trotz aller Gefahren, aller...

 

Er spürte, wie ihm die Sinne schwanden. Und dann umfing ihn ein weißes, glimmendes Licht, hüllte ihn ein und trug ihn davon. War dass die viel gerühmte Tür zum Jenseits? Würde sie ihn in den Himmel geleiten oder in die Hölle?

 

In ein besseres neues Leben oder ...

 

Da waren Stimmen und Berührungen ... ein Wispern in seinen Inneren und die Ahnung, nicht mehr länger ein „Solitary Man“ zu sein, dann nur noch warme, beschützende Dunkelheit...

 

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“Doktor wie sieht es aus?” Rodney McKay sah gespannt auf den Bildschirm. Wie erwartet machte der Mediziner kein entspanntes Gesicht. Die Stirn lag in ziemlichen Falten. „Es wird sich in den nächsten Stunden entscheiden, ob er durchkommt oder nicht. Zwar haben wir die Kugeln und das beschädigte Gewebe entfernen können, aber wir wissen nicht, ob die Naniten ihn vollständig wiederherstellen können, ohne seine Persönlichkeit auszulöschen. Zumindest kann ich ihnen sagen, dass er das Gen hat, das hat die Untersuchung der Blutprobe ergeben“, antwortete der Mann.

 

„Ich verstehe. Halten sie mich auf dem Laufenden.“ Der wissenschaftliche Leiter schaltete den Bildschirm ab, und atmete tief durch. Er wollte jetzt nicht über die moralischen Bedenken nachdenken, die andere sicherlich gehabt hätten, aber es war der einzige Weg gewesen, den Sterbenden zu retten. Ein paar Minuten später, und die Daedalus hätte nur noch seine Leiche an Bord und in das SGC gebeamt.

 

Und auch jetzt noch stand das Leben des Mannes auf Messers Schneide. Immerhin waren die irdisch hergestellten Naniten, die sie erst kürzlich aus den Laboren von Wallace Industries konfisziert hatten leichter zu kontrollieren als die der Replikatoren aus der Pegasus-Galaxie und konnten abgeschaltet werden, wenn sie ihre Aufgabe ordnungsgemäß erfüllten.

 

Ein Restrisiko blieb natürlich immer, denn auch ihre Funktionsweise hatten ihnen in den letzten Monaten immer noch Ärger bereitet, da sie bisher noch keinen Zugriff auf die vollständigen Daten und sich die Entwickler den Behörden durch den Tod entzogen hatten.

Aber darüber konnte er sich Gedanken machen, wenn es einmal so weit war. Wenn Detective Sheppard überlebte.

 

Er lächelte zynisch.

 

Was hatte ihn überhaupt dazu getrieben, die Rettung anzuordnen? Detective Sheppard hatte doch gar nichts mit dem willensstarken und entschlossenen Mann gemein, den er zwischen den Sternen kennen gelernt hatte. Dem Soldaten, den sein anderes Ich „Freund“ genannt hatte.

Sehnsucht nach einen ebenbürtigen Kumpel, der nicht mit ihm rivalisierte wie Zelenka, sondern ihn heraus forderte?

 

Er wollte es gar nicht wissen und sich jetzt schon Gedanken darüber machen. Wahrscheinlich würde er diese Entscheidung bitter bereuen und andere mussten ihn korrigieren. Vermutlich setzte er falsche Hoffnungen in den Mann, denn so wie sich Detective Sheppard in Area 51 benommen hatte, schien alles in ihm erloschen zu sein, was den Colonel aus der anderen Realität ausgemacht hatte.

 

Andererseits hatte er ihnen aber rechtzeitig den entscheidenden Hinweis auf den Aufenthaltsort des Wraith gegeben, sein Leben riskiert, um ihn abzulenken und damit die Erde gerettet.

Das bedeutete, das tief unter all der Resignation noch etwas in diesem Mann schlummerte, das man nur weiter wach kitzeln musste. Vielleicht mochten dann auch die gebrochenen Flügel heilen, die einst schief zusammen gewachsen waren und den Adler am Boden gehalten hatten.

 

Da würde er ansetzen, wenn die nächsten Stunden, Tage und Wochen eine Entscheidung in seinem Sinne brachten. Wenn...