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Das Geheimnis der Mühle

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Merten war tot und begraben, und Krabat hatte sein erstes Jahr als Meisterschüler auf der Mühle im Koselbruch angetreten.

Es war die Nacht vor dem Dreikönigstag, oder vor Hochneujahr, wie der Meister es nannte, und Krabat hatte dem Meister geholfen, mit der Macht der Träume einen neuen Lehrjungen herbeizulocken. Es war ein dürrer, verdreckter kleiner Kerl von zwölf oder dreizehn Jahren, mit struppigen blonden Haaren, die ihm bis auf die Schultern fielen, und verschreckten, unruhigen Augen. Sein Name war Stani.

Krabat stand mit in der Schwarzen Kammer, als der Junge einschlug und, ohne es zu wissen, sein Leben an den Meister verpfändete, und er sagte kein Wort, um Stani zu warnen.

Einen Tag später wurde Lobosch freigesprochen, mit Hanzo und Kito als Bürgen.

Eine weitere Neuerung ergab sich dadurch, dass Witko auf Geheißdes Meisters kaum noch in der Mühle mitarbeitete, sondern zumeist Juro in der Küche und bei dessen anderen Aufgaben in Haus und Hof zur Hand ging. Anscheinend hatte selbst der Meister nach zwei Jahren, die in diesem Fall ja auch noch für vier zählten, nicht umhin können, einzusehen, dass Witko nicht für die harte Arbeit in der Mahlstubeund auf dem Getreidespeichergemacht war. In den Neumondnächten aber musste er weiter mit anpacken, da half alles nichts.

An den meisten Tagen arbeitete Krabat Seite an Seite mit den anderen Burschen in der Mühle, und freitags nahm er am Unterricht in der Schwarzen Kunst teil. Der Meister rief ihn darüber hinaus aber immer wieder und oft für ganze Abende zu sich in die Schwarze Kammer oder auch in die Meisterstube, um ihm zusätzliche Lehren in der Zauberei zu erteilen. Zudem hatte er Krabat angekündigt, dass er ihn künftig auch auf den einen oder anderen Besuch am Hofe zu Dresden und auf andere Reisen mitnehmen wollte.

In der ersten Neumondnacht des Jahres erschien wie immer der Herr Gevatter auf der Mühle. Krabat fürchtete halb, dass dieser ihn wieder ansprechen würde, doch das einzige, was geschah, war, dass er dessen brennenden Blick häufiger auf sich ruhen fühlte als sonst. Als sie den letzten Sack aufgeladen hatten, knallte die Peitsche und der Wagen jagte vom Hof und durch das Tor hinaus, und Krabat war sehr erleichtert.

Allmählich bekam Krabat eine Vorstellung davon, wie sich der von allen gemiedene Lyschko fühlen musste. Seine Mitgesellen trauten ihm nicht mehr über den Weg. Manch bitterer Blick traf ihn, heimlich wie offen. Selbst Lobosch war ihm gegenüber vorsichtig geworden. Das kränkte Krabat, und er zog sich seinerseits von den anderen zurück.

Krabat hatte versucht, sich Hanzo, dessen Wort unter den Burschen am meisten galt, zu erklären. Er hatte den Altgesellen am Ende der Dreikönigsnacht angesprochen. Hanzo verließ die Arbeit zumeist als letzter, und Krabat war mit ihm in der Mahlstube zurückgeblieben, wo der Altgesell überprüfte, ob alle Mahlgänge in ordentlichem Zustand und bereit für das kommende Tagwerk waren.

„Hanzo“, sagte Krabat, „auf ein Wort.“

Hanzo drehte sich zu ihm um und sah ihn abwartend an. Auf seinem Gesicht waren einmal mehr Wachsamkeit und leises Misstrauen zu lesen.

„Ich weiß“, fuhr Krabat rasch fort, „dass ihr mir den Pakt mit dem Meister übel nehmt. Aber ich will kein böses Blut zwischen uns. Ich hab es nicht getan, um meine Haut zu retten, sondern um den Tod des Mädchens zu verhindern, das ich liebte. Der Meister hatte ihren Namen herausgefunden, und du weißt, wie es geht … Aber ich stelle mich nicht gegen euch. Bitte sag das den andern. Ich habe nie danach gestrebt, mich mit dem Meister zu verbünden. Aber was getan ist, ist getan, und nun will ich versuchen, das Beste daraus zu machen.“

„Was getan ist, ist getan“, bestätigte Hanzo. „Und der Meister mag gute Gründe gehabt haben, dir diesen Handel anzubieten. Es steht mir nicht zu, seine Entscheidungen anzuzweifeln. Aber, Krabat,“ – er sah Krabat scharf an – „du bist erst drei Jahre auf der Mühle. Es gibt viele, die länger hier sind als du. Und manch einer von ihnen, so meine ich, hätte ebenfalls das Zeug dazu, der Nachfolger des Meisters zu werden.“

'Aha', dachte Krabat, 'daher weht der Wind … Hanzo möchte selbst gern Meister sein. Kein Wunder: Er ist schon zwölf Jahre hier, einer der Besten in der Schwarzen Schule und seit zwei Jahren Altgesell …'

„Hanzo …“, begann Krabat in begütigendem Ton.

„Lass gut sein, Krabat“, unterbrach ihn der Altgesell. „Du hast es selbst gesagt: Was getan ist, ist getan, und nun müssen wir uns alle hineinfinden. Ich werde den anderen Burschen sagen, was du mir erzählt hast. Nur: dass es mir oder ihnen gefällt, das kannst du nicht erwarten.“

Damit wandte er sich ab und ließ Krabat allein in der Mahlstube zurück.

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Neben Krabats eigenen Bemühungen mochte wohl auch Juro bei den Gesellen für ihn eingetreten sein. Doch nachdem ihn alle so lange Zeit gering geschätzt hatten, hatte sein Wort kaum Gewicht. Dass Juro seit seiner Enttarnung durch den Meister aufgehört hatte, den Dummen zu spielen, hatten die anderen Burschen noch nicht verwunden. Sie hatten sich über die Jahre so an seine scheinbare Blödheit gewöhnt, dass sie jedes Mal verblüfft waren, wenn er ganz vernünftig mit ihnen sprach. Juro musste sich erst einen neuen Rang unter den Mühlknappen erarbeiten, ehe die anderen vielleicht auf ihn hören würden.

Ja, Juro … Die Einzigen, die Krabat ohne Urteil im Blick begegneten, waren Juro und Lyschko. Beide wussten, wie es war, von den anderen verachtet zu werden, wenn auch aus verschiedenen Gründen: Juro, weil alle außer Krabat und dem Meister ihn jahrelang für entsetzlich dumm gehalten hatten, und Lyschko, weil er lange Jahre der Günstling und Zuträger des Meisters gewesen war.

Nach einiger Zeit begannen Krabat und Juro, sich an manchen Abenden wieder in der Küche zu treffen, allerdings ohne Bannkreis und Heimlichkeiten. Sie wussten nun beide, dass der Meister innerhalb der Mühle durch Schutzzauber hindurchsehen konnte.

Dem Meister war natürlich bekannt, dass Krabat wieder zu Juro ging, doch er sagte und tat nichts, um es zu verhindern. Daher ging Krabat davon aus, dass er, wenn er die Treffen vielleicht auch nicht begrüßte, sie doch zumindest duldete.

„Es tut mir Leid, Juro“, sagte Krabat eines abends, „dass ich meine Sache letztes Jahr so schlecht gemacht habe. Aber jetzt bin ich nun einmal an mein Wort gegenüber dem Meister und der Mühle gebunden, und ich muss sehen, wie ich das Beste daraus mache.“

„Das verstehe ich, Krabat“, erwiderte Juro. „Und ich bin froh, dass du noch lebst, und dass wir, wenn wir nun doch nicht aus der Mühle herauskönnen, zum Mindesten dich als neuen Meister bekommen werden, wenn der alte geht. Das mag besser sein als Manches. Stell dir nur vor, er hätte Lyschko zu seinem Nachfolger gewählt …“

Krabat sah den Freund forschend an. „Wirst du versuchen, mich zu bekämpfen, wenn ich der Meister bin?“

Juro schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Das bleibt abzuwarten. Ich weiß ja noch nicht, was für eine Art von Meister du sein wirst, ob ein guter oder schlechter.“

„Aber auch ich werde jedes Jahr einen wählen müssen, Juro.“

„Ich weiß, Krabat. Ich weiß …“

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Dann war da noch Lyschko. Seit Lyschko wusste, dass der Meister und Krabat ihn zum Altjahrestag hatten sterben lassen wollen und dass nur Mertens Selbstopfer seinen Tod verhindert hatte, war Lyschko verändert. Er war still geworden und in sich gekehrt. Seine unpassenden und frechen Bemerkungen den Mitgesellen gegenüber waren verstummt. Er trug dem Meister keine Beobachtungen mehr zu. Nach wie vor war er meist für sich, und die anderen redeten gerade das Allernötigste mit ihm. Nur Juro setzte sich manchmal zu ihm und behandelte ihn beinahe so, wie er die anderen Gesellen behandelte. Die beiden sprachen kaum ein Wort miteinander, aber dennoch schien es Krabat, als ob Lyschko Juro dankbar wäre.

Die anderen Gesellen hingegen waren zu Lyschko noch abweisender als sonst. Die Worte gegen ihn wurden schärfer gewählt, als Krabat es bislang erlebt hatte. Andrusch mit seiner spitzen Zunge war dabei führend, doch schien es, als könnte er sich bei allem, was er gegen Lyschko sagte und tat, der Unterstützung der anderen sicher sein. Selbst Hanzo schritt nur selten ein, und es war deutlich erkennbar, dass er es nicht Lyschko zuliebe, sondern aus bloßem Pflichtgefühl tat.

An einem MittagEnde Januar, nachdem sie in bitterer Kälte Mühlrad und Gerinne vom Eis befreit hatten, saßen sie in der Gesindestube um den Tisch herum und langten tüchtig beim Eintopf zu, den Juro ihnen aufgetischt hatte.

Krabat aß mit Hanzo, Andrusch und Lyschko aus einer Schüssel. Lyschko, dem Hanzo an diesem Tag die ungeliebte Arbeit unter dem Mühlrad zugewiesen hatte, löffelte hungrig den dicken Brei aus Linsen, Rüben und Pastinaken in sich hinein. Andrusch, sah Krabat, beobachtete ihn dabei mit einem unheilverkündenden Funkeln in den Augen.

„Lyschko …“, hub Andrusch in scheinbar beiläufigem Ton an.

Doch Lyschko ließ sich nicht täuschen und sah sofort misstrauisch zu ihm hinüber.

„Bist wohl immer recht hungrig jetzt“, fuhr Andrusch fort, „wo der Meister dich nicht mehr die Krümel von seinem Tisch auflecken lässt …“

Lyschkos Augen wurden schmal. Er machte eine beleidigende Geste in Andruschs Richtung, ehe er sich mit verdrossenem Gesicht wieder dem Eintopf zuwandte.

Aber Andrusch war noch nicht fertig. „Wie fühlt es sich an, liebster Lyschko, das Leben auf der Mühle, ohne dass die schützende Hand des Meisters deinen Kopf tätschelt?“

Lyschko ließ seinen Löffel klappernd neben die Schüssel fallen. Er war eben im Begriff, sich zu erheben, als mit einem Mal der Meister in der Tür stand. Er musste zumindest Andruschs letzten Satz gehört haben.

Alle erstarrten.

Doch der Meister sagte nichts zu dem beginnenden Streit, den er mit seinem Eintreten unterbrochen hatte, und auch nichts zu Andruschs giftigen Worten.

„Juro“, sprach der Meister, „komm zu mir, wenn du mit der Küche fertig bist. Ich will diese Woche zwei der Burschen nach Hoyerswerda schicken, damit sie uns besorgen, was im Haushalt fehlt und in Wittichenau nicht zu bekommen ist. Du wirst mir helfen, eine Liste zu machen.“

Juro nickte. „Ein Fäßchen Salz brauchen wir in jedem Fall, das kann ich jetzt schon sagen. Dazu leinene Handtücher für die Küche. Und einen neuen Zwiebeltopf, denn der alte ist vor zwei Tagen endgültig entzwei gegangen – er ist auch mit Zauberei nicht mehr dauerhaft zusammenzufügen.“

„Gut“, erwiderte der Meister. „Ich werde es aufschreiben. Und dann muss in Hoyerswerda zumindest einer dabei sein, der lesen kann. Kito, wie ist es mit dir?“

„Gern, Meister.“ Bei der Aussicht, einen ganzen Tag von der Mühle weg und bis nach Hoyerswerda zu kommen, hellte sich Kitos sonst so finstere Miene merklich auf.

„Wen nehmen wir noch?“ Der Meister betrachtete die Runde, einen nach dem anderen. Lyschko sah hoffnungsvoll zu ihm auf, doch der Blick des Müllers wanderte weiter. „Petar, magst du auch mitfahren?“

Petar nickte eifrig. „Sehr gern.“

„Gut, dann ist das abgemacht. Übermorgen fahrt ihr zwei mit den Braunen nach Hoyerswerda.“

Damit drehte der Meister sich um und verließ die Gesindestube.

Der Gedanke an Hoyerswerda hatte selbst bei denen, die nicht mitfahren würden, die Stimmung deutlich gehoben. Die Burschen bedrängten Kito und Petar mit Aufträgen, was sie aus der Marktstadt mitgebracht habenwollten. Der Meister stellte ihnen für solche Zwecke immer ein wenig Geld zur Verfügung. Nur Lyschko saß mit säuerlichem Gesichtsausdruck auf seinem Platz und beteiligte sich nicht amGespräch.

Krabat fragte sich, ob die beiden Burschen Lyschko etwas aus Hoyerswerda besorgen würden, wenn dieser sie darum bäte. Kito wohl nicht. Petar vielleicht. Er hatte ein gutmütiges Wesen und schlug selten jemandem etwas ab. Krabat hatte er auf dessen Bitte hin gerade versprochen, ihm ein neues Halstuch mitzubringen.

Wobei … Wenn es sich um Lyschko handelte …

Erneut sah Krabat zu Lyschko hinüber. Mit einem Mal konnte er dem Mitgesellen die schlechte Laune nicht mehr verdenken.

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Was Krabat betraf, so vermied Lyschko es geflissentlich, mit ihm allein zu sein, ja selbst Krabats Blick mied er. Wenn Krabat ihn ansprach, dann sah Lyschko halb zur Seite weg und antwortete schleppend, als müsste er sich jedes Wort erst genau überlegen. Er kam Krabat wie ein geprügelter Hund vor, und wie damals am Tag vor dem Altjahrestag, als Lyschko vor ihm zusammengebrochen war und geweint hatte, wusste Krabat nicht, ob er Mitgefühl oder Widerwillen empfinden sollte. Dennoch begegnete Lyschko ihm aufrichtiger, als es die anderen Gesellen – mit Ausnahme Juros – taten, und schien Krabat nicht für seinen Pakt mit dem Meister zu verurteilen.

„Lyschko“, fragte Krabat einmal, „was denkst du eigentlich, was ich dir Böses will?“

Da lachte Lyschko, leise und bitter. „Juro“, erwiderte er, „ist ja nun wieder dein Freund. Was soll ich da wohl denken, wenn ich mir das Ende des Jahres vorstelle?“