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Alles hat seinen Preis

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Krabat war außerstande, ein Wort zu sagen: er war wie versteinert. Da legte die Kantorka ihm den Arm um die Schultern und hüllte ihn in ihr wollenes Umtuch ein. Warm war es, weich und warm, wie ein Schutzmantel.

Gehen wir, Krabat.“

Er ließ sich von ihr aus der Mühle führen, sie führte ihn durch den Koselbruch nach Schwarzkollm hinüber.

Wie hast du mich“, fragte er, als sie die Lichter des Dorfes zwischen den Stämmen aufblinken sahen, hier eines, da eins – „wie hast du mich unter den Mitgesellen herausgefunden?“

Ich habe gespürt, daß du Angst hattest“, sagte sie, „Angst um mich: daran habe ich dich erkannt.“

Während sie auf die Häuser zuschritten, fing es zu schneien an, leicht und in feinen Flocken, wie Mehl, das aus einem großen Sieb auf sie niederfiel.

(Otfried Preußler, Krabat)

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„Wie heißt du denn nun?“, fragte Krabat. „Die ganze Zeit über durfte ich es nicht wissen, um dich nicht in Gefahr zu bringen. Doch jetzt, wo alles vorüber ist, da wüsste ich ihn gern, deinen Namen.“

Die Kantorka lächelte. „Elka“, sagte sie.

„Elka“, wiederholte Krabat. „Das klingt schön.“ Er lächelte auch.

Da flog neben ihnen ein Bussard auf. Rasch sah Krabat zu ihm hin. Er konnte gerade noch erkennen, dass der Vogel nur ein Auge hatte, ein einziges, helles Auge, das ihn durchdringend ansah. Dann strich der Bussard ab und flog mit einem heiseren Ruf in Richtung Koselbruch davon.

Der Schnee, der auf dem Weg und auf den Bäumen lag, wurde mit einem Mal zu Mehlstaub, der aufwirbelte und die Kantorka verwischte, bis sie Krabats Blicken entzogen war und sich nichts mehr vor ihm befand als eine weiße Wand aus Mehl.

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Mit einem Schrei erwachte Krabat. Hatte er alles nur geträumt? Er sah sich um und stellte fest, dass er auf seiner Pritsche auf dem Dachboden lag. Auch die anderen Gesellen waren da. Alle schienen tief und fest zu schlafen. Nur Hanzo bewegte sich unruhig, doch auch er schlief.

Hastig überlegte Krabat. Was von den letzten Tagen war Wirklichkeit gewesen, was Traum? Er konnte diese Frage nicht ohne Hilfe beantworten.

Mit einem Gefühl, als läge ein eiserner Ring um seine Brust, der sich enger und enger zuzog, erhob er sich und ging zu Juros Pritsche hinüber. Er rüttelte ihn an der Schulter. „Juro!“, rief er leise, „Juro, wach auf!“

Stöhnend öffnete Juro die Augen. „Krabat?“ Er setzte sich eilig auf und rieb sich die Lider. „Krabat, was ist mit dir?“

„Juro … Hab ich dir gestern Abend den Ring gegeben?“

Juro schüttelte verwirrt den Kopf. „Nein … Warum fragst du?“

Krabat wurde es eiskalt. „Welchen Tag haben wir heute?“, fragte er Juro mit heiserer Stimme.

Juro sah ihn an, als ob er an Krabats Verstand zweifelte. „Wenn die Sonne aufgeht, dann beginnt der Tag vor dem Altjahrestag. – Krabat, was ist mit dir?!“

Krabat ließ sich neben Juros Pritsche zu Boden sinken.

'Ich hab alles nur geträumt', dachte er. 'Ich bin zwei Tage vor dem Altjahrestag zu Bett gegangen. Dann hab ich vom Kampf mit dem Meister geträumt, in dem ich ihn überwunden habe, ich in Gestalt eines Fuchses, er in Gestalt eines Hahnes. Doch bin ich danach nicht wahrhaft aufgewacht, sondern habe weiter geträumt: erst das Gespräch mit dem Meister, in dem ich mich abermals geweigert habe, seine Nachfolge auf der Mühle anzutreten, dann, wie ich Juro den Ring von Haar gab und ihn bat, der Kantorka das vereinbarte Zeichen zu bringen, dann davon, wie ich auf dem Wüsten Plan mein eigenes Grab hab ausheben müssen … und schließlich die Kantorka in der Mühle, wie sie kam, mich auszufordern, wie sie die Probe bestand, den Meister besiegte, uns Gesellen befreite und mich aus der Mühle führte.'

Der Meister, wurde es Krabat klar, musste ihm all diese Träume geschickt haben, so wie er ihm vor Jahren im Traum tagelange Fluchtversuche und erst kürzlich ein elendes Leben ohne Zauberkräfte vorgegaukelt hatte.

Und nun war es dem Meister gelungen, Krabat den Namen der Kantorka zu entreißen. Denn Krabat zweifelte nicht daran, dass Elka ihr wahrer Name war. Der Meister musste es auf irgendeinem Wege geschafft haben, auch die Kantorka zu verzaubern und in Krabats Traum zu locken, damit sie ihren Namen verriet.

Sie waren beide verloren.

„Krabat?“ Juro sah ihn besorgt an.

Krabat schlug die Hände vors Gesicht. „Es ist aus! Er kennt ihren Namen …“

Juro gab ein erschrockenes Geräusch von sich. „Aber wie“ –. Er brach ab.

Sie hatten es beide gehört: Schritte auf der Treppe.

Noch bevor Krabat zurück zu seiner Pritsche huschen und sich in Schlaf zaubern konnte, ging die Bodentür auf und der Meister steckte seinen Kopf herein.

„Krabat!“, sagte er. Nichts weiter.

Doch als der Meister sich umdrehte und die Stufen wieder hinabstieg, folgteKrabat ihm, im Nachthemd und barfuß, die Treppe hinab, an deren Fuß Tonda gestorben war, dann weiter, er wusste, neben ihm lag nun die Mehlkammer, in der sie Michal gefunden hatten, und schließlich bis in die Meisterstubehinein.

Dort drehte der Müller sich um und sah Krabat an. „Elka also.“ Er lächelte.

Krabat brachte kein Wort heraus. Alles in ihm schien hohl und tot.

„Du weißt, was mit Tondas Mädchen geschehen ist.“ Es war keine Frage und erforderte keine Antwort.

Der Meister schwieg eine Weile. Dann sprach er: „Ich will dir ein Angebot machen, Krabat, oder vielmehr: mein schon zweimal gemachtes Angebot wiederholen und es etwas verändern. Ich gebe dir mein Wort darauf, das Mädchen zu verschonen, wenn du einwilligst, mein Nachfolger zu werden. Ich werde sie vergessen machen, und sie wird ihr Leben in Schwarzkollm oder anderswo leben, als hätte sie dich nie gekannt. – Also, Krabat? Was soll es sein?"

Krabat saß in der Falle und er wusste es. Niemals hatte er das Leben der Kantorka gefährden wollen, und nun blieb ihm keine Wahl mehr.

„Ich … bin einverstanden“, brachte er mühsam hervor.

Das Lächeln des Meisters wurde breiter. „Deine Hand drauf!“, sagte er, und streckte Krabat die Linke entgegen.

Krabat schlug ein. Es fühlte sich an, als ob er sein eigenes Ende besiegeln würde.

Der Meister lachte und nickte zufrieden. Dann drehte er sich um und holte aus einem Schrank einen versiegelten Krug und zwei irdene Becher hervor. Er brach das Siegel, schenkte ein und reichte Krabat einen der Becher.

„Lass uns anstoßen: auf Krabat, den kommenden Meister der Schwarzen Mühle im Koselbruch!“