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Du wirst immer ein Teil von mir sein

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Ich habe heute von Dir geträumt.

Auf jeden Fall dachte ich, ich hätte es. Vielleicht war es eher wie träumen während des Wachseins. Du bist in mein Krankenhauszimmer gekommen und hast den billigen Plastikstuhl zurückgezogen. Beim kratzenden Geräusch das er von sich gab, als Du ihn über den Boden zu meinem Bett gezogen hast, hattest du leicht zusammengezuckt. Dann hast Du Dich in ihm niedergelassen, Deine langen Beine überschlagen, einfach so, und Du…hast mich beobachtet.
Bloß sitzend: sitzend und beobachtend.
Du hattest einen dieser lächerlich extravaganten Anzüge an, die an jedem anderen albern ausgesehen hätten, Dir jedoch einen gewissen exotischen, exklusiven Charme verliehen. Es ist so lange her, seit ich Dich in einem dieser Anzüge gesehen habe, dass ich sie fast vergessen hatte. Jahre, seit ich Dich in etwas gesehen habe, was nicht Anstaltskleidung oder voller roter Spritzer war.
Im Nachhinein habe ich anfangs eher Deinen Anzug betrachtet, als Dich. Dir hätte das nicht gefallen, Ich glaub nicht. Du bist so ein Narzisst.

Du passt nicht in diese trübe Umgebung, all Deine Farbe und Energie vollkommen fehl am Platz. Als ich in dein Gesicht ansehe, wirkst Du aufmerksam, ein leises Lächeln umspielt Deine Lippen. Du bist so undurchschaubar. Wie eine Sphinx. Ich konnte noch nie wirklich sagen, was in Dir vorging.

“Hallo Will”, sagst Du schließlich. Deine Augen sind wie zwei Schwarze Löcher.

„Was machst du hier?“ Es ist wahrscheinlich nicht das Beste Dich danach zu fragen – es von Dir zu verlangen – aber mir fiel auch nichts Anderes ein.

„Ich war mir nicht bewusst, ich müsse einen Grund zur Verfügung stellen.“

„Trotzdem hast du immer einen Grund, nicht wahr? Du hast einen Grund für alles. Und du bist hier und du bist nicht einmal real.“ Jetzt habe ich in Deine Augen gesehen und kann nicht aufhören zu starren, während ich versuche, nicht in ihnen verloren zu gehen. Du bemerkst meine Faszination und mein gleichzeitiges Widerstreben (natürlich tust du das), und dieses leise Lächeln wird kaum merklich breiter. Du genießt es (Narzisst).

Ich schließe meine Augen, um Deinen zu entkommen und in der Dunkelheit höre ich, wie Du Deinen Stuhl zurückschiebst und zum Bett geschlichen kommst. Du schlenderst, geschmeidig und katzenhaft (Ich kann Dich nicht sehen, aber ich weiß, dass Du’s tust), und ich kann fühlen, wie sich die Matratze senkt, als Du dich hinsetzt. Ich kann Deinen Atem auf meinem Gesicht spüren, unglaublich sacht, fast nicht da, Deine spinnenhaften Finger gleiten über meinen Wangenknochen, und ich atme wieder ein und öffne meine Augen. Auf jeden Fall denke ich, dass ich das tue, vielleicht waren sie schon offen. Natürlich bist Du nicht da.
Da ist ein trübes Licht, dass unter der Tür hindurch scheint, und das blinken des Herzmonitors, und Schritte, und gedämpfte Stimmen, und all die Klänge von Krankheit und Tod, aber da bist nicht Du, und Du bist unfassbar laut und Deiner Abwesenheit. Der Raum schreit mit Deinem Fehlen.

Ich atme tief ein und es tut weh, und ich entknote das IV-Kabel, um das Glas voll Wasser neben dem Bett zu nehmen. Meine Hände zittern.

Es ist fast unerträglich, dass selbst meine geistige Version von Dir es trotzdem hinbekommt, mir immer ein paar Schritte voraus zu sein.

 

                                                                                  ***

Kade Purnell sitzt neben dem Bett, sitzt in Deinem Stuhl (es wird jetzt immer Dein Stuhl sein, da bin ich sicher). Sie ist schon knapp eine Stunde hier, schnauzt mich an wie ein Hund. Yap, Yap, Yap. Ich kann nicht sagen, welcher Teil ihrer Abwehrhaltung auf echten Vorbehalten gegen meine Aussage (Welche nicht exakt eine Lüge war, eher eine großzügige Manipulation der Wahrheit…so in etwa wie Bullshit Lite), und welcher einfach auf ihr als Arschloch beruht – mich mit ihrer Autorität bearbeiten, nur, weil sie’s kann. Vielleicht will sie sich einfach sicher sein, dass sie gründlich war, Kästchen ankreuzen und die erforderliche Menge an Strichen/Punkten von t’s und i’s malen. Ich bin mir nicht sicher, sie ist schwer zu lesen. Obwohl ich annehme, dass mit einem toten und einem verstümmelten Serienmörder, einem der noch vermisst wird und einem halbtoten FBI-Profiler, der an den Strand gespült wurde, ihre Gründlichkeit nicht völlig unvernünftig ist.

Sie sagt irgendwas Vorhersehbares und (wahrscheinlich) vorgeschriebenes über „ausführliche, offizielle Ermittlung“ – einstudiert, keine Frage, um genau die richtige Menge an Furcht und Fügsamkeit einzuflößen. (Wenn ich mich genau anstrenge, kann ich sie mir sogar dabei vorstellen wie sie vorher mit einem Spiegel geübt hat; die verschiedenen Arten, die Lippen zu schürzen und die Stirn zu runzeln, perfektionierend). Sie versucht offensichtlich mich einzuschüchtern und ich blende sie prompt aus, denn mal ehrlich: Wen kümmert‘s? Sie werden Dich nicht fangen. Wenn Du noch lebst, dann wirst Du sie Dich nicht finden lassen, es sei denn, Du willst es so – es wird alles Teil des Spiels sein. Wenn Du noch lebst. Nein, Du bist tot. Du bist es nicht. Ich habe absolut keine objektiven Beweise, um davon auszugehen, und doch glaube ich es. Ich würde wissen, wenn Du tot wärst, nicht wahr? Ich würde es einfach wissen.

„Sie waren verdammt glücklich, Mr. Graham,“ sagt Purnell; widerwillig, als hätte ich das Glück sie nerven zu können, als wäre mein Glück eine Frage ihrer immensen persönlichen Unzufriedenheit. Ich bin gegen meinen Willen ziemlich beeindruckt – welch sorgfältig dosiertes Gift. Natürlich nicht so gut wie das Deine, aber nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Ich würde ihr eine gute Sieben von Zehn geben.

„Jemand hat sie gefunden,“ fährt sie fort. Sie kaut immer noch darauf rum, wie glücklich ich doch war, als ob es mich schert. „hat Sie aus dem Wasser gezogen, ihre Wunden im Gesicht und auf der Brust versorgt…“ sie schweift ab, unsicher wie sie fortfahren soll. Sie sagt nicht, dass dieser zufällige Gute Samariter Du warst, aber das braucht sie gar nicht, denn natürlich warst Du es. Wenn ich meine Augen schließe, bin ich mir sicher, dass ich mich sogar daran erinnern kann. Deine Hand an meinem Hinterkopf, meinen Schädel wiegend, so ruhig und effizient wie immer, und doch gemischt mit einem Hauch sorgfältig kontrollierter Verzweiflung, da ich Dir nicht antworte und Du Dich damit schwertust, meinen Puls zu finden. „Atme, Will,“ sagtest Du, „Atme für mich, du musst atmen.“ Du hältst die Wunde in meiner Wange mit Deinen langen Fingern zusammen, um einen Luftdichten Kanal in meinen Mund herzustellen, damit Du CPR durchführen kannst. „Du musst leben, Will,“ hattest Du gesagt „Du musst für mich leben.“ Wenn ich nochmal darüber nachdenke, habe ich den letzten Teil wohl erfunden. Das muss ich ganz sicher getan haben; es klingt nicht nach etwas, was Du sagen würdest.

Meine Gedanken schweifen ab und ich stelle mir vor, was Du tun würdest, wenn Du hier wärst. Wie Du sie mit perfekt konstruierten, kleinen verbalen Paraden und dem Zucken einer blassen Augenbraue auseinandernehmen würdest. Oder, was wahrscheinlicher ist, sie wortwörtlich auseinandernähmst, mit Deinen bloßen Händen. Mit einer bloßen Hand hinter den Rücken gebunden…

Jetzt starrt sie mich mit kaum verstecktem Missfallen an. „Habe ich etwas gesagt, dass Sie amüsiert, Mr. Graham?“, fragt sie eingeschnappt.

Ihre staccato Stimme reißt mich aus meinen Gedanken zurück in den Raum, wie Nägel auf einer Tafel, und blinzle sie ein paar Mal an, orientierungslos. „Es tut mir Leid, wie war das?“ sage ich dümmlich. Hinter meinen Augenlidern grinst Du mich an.

„Sie lächeln. Ich war mich nicht bewusst, dass dies eine Lachnummer wäre. Also -  habe ich etwas gesagt, dass Sie amüsiert?“

Oh Gott, warum fragen Leute solche Sachen? Es ist ja nicht so, als erwarte oder wolle sie eine ehrliche Antwort. Für einen kurzen Augenblick frage ich mich, was sie täte, wenn ich „Ja, ehrlich gesagt sind Sie es – sehr sogar,“ oder „Ja, und raten Sie, wie viele Ficks ich darauf gebe. Zählen Sie sie. Fertig?“ sagte.

„Ich habe nicht gelächelt,“ sage ich stattdessen. „Ich habe mein Gesicht verzogen. Ich stehe tatsächlich unter erheblichen Schmerzen, Ma’am.“

Sie starrt mich mit offensichtlichem Unglauben an, nicht besonders beeindruckt von meinem gehässigen Ma’am. Sie wird aber nichts dazu sagen, es könnte sie nicht weniger interessieren. Sie wird es sein lassen, demnach lasse ich meine Züge in einen passend ernsten Ausdruck gleiten und richte meine ganze Aufmerksamkeit auf sie. Quid pro quo. Nicht, dass es sich wirklich lohnen würde sich vorzustellen, was Du tun würdest. I war noch nie ganz zuverlässig, was das Voraussagen Deines Handelns betrifft, nicht? Wahrscheinlich würdest Du mich genauso auseinandernehmen, wie sie.

„Na, dann…“sagt sie. Sie sammelt ihre Tasche auf eine kleinliche Art auf und greift den Riemen. Sie hat die Kontrolle über das Gespräch verloren und sie weiß es. Was sie wirklich will, ist mir zu sagen, ich soll mich verpissen. Die Tatsache, dass sie es nicht kann, es aber dringend will, ist eigentlich sogar ziemlich zufriedenstellend.

Wir starren uns an, den anderen abschätzend. „Danke fürs Vorbeischauen,“ sage ich schließlich und entlasse sie damit. Es braucht mein letztes Bisschen Selbstkontrolle, um nicht wieder zu lächeln.

Ihr dünnes, wildes Gesicht zuckt und ihre Augen wandern über meinen Körper voll schlecht versteckter Missachtung. Wir sind noch nicht fertig, das weiß ich – ich habe nicht wirklich gewonnen. Scheiß drauf, um sie kümmre ich mich später. Ein vergänglicher Sieg bleibt trotzdem ein Sieg. Im Moment will ich einfach nur meine Augen schließlich und sie für eine lange, lange Zeit nicht mehr öffnen.

„Ich wünsche ihnen eine schnelle Genesung, Mr. Graham“, ist alles, was sie sagt (ja, klar), dann erhebt sie sich und stellt in voller Größe hin, beeindruckend in ihren schimmernden Heels, siedend über mir (das tut sie wirklich -  dafür gibt es keine andere Beschreibung), macht eine hübsche kleine Drehung auf ihren Zehen und geht zur Tür. Ich erreiche mein Ziel, kann die Augen schließen und einfach nur daliegen, irgendwie gemartert. Ich bin angeekelt, als ich merke, dass meine Hände leicht zittern und stecke sie unter der Decke. Sie schließt die Tür scharf hinter sich. Ihre Absätze klingen den ganzen Korridor in kleinen selbstgefälligen Stößen entlang, klick klick klick, und ich stelle mir vor, wie es wäre, ihr mit einem ihrer übertrieben teuren Stilettos das Herz zu durchbohren. Ich versuche schockiert von meinen Gedanken zu sein, krieg es aber nicht ganz fertig. „Etwas vulgär Will, denkst du nicht?“ höre ich Dich sagen, aber Du lächelst gegen Deinen Willen.

 

Einige Zeit vergeht. Ich weiß nicht, wie viel. Und dann ist dort Lärm außerhalb des Raums und als ich ein Auge öffne, kann ich eine große Silhouette durch das schummrige Fenster sehen. Es ist ein Mann, das kann ich vom Körperbau ausmachen – breite Schultern, kräftiger Bau. Du wirst es nicht sein, sage ich mir, wird es nicht, oh Gott… und die Tür öffnet sich ganz, und natürlich bist es nicht Du. Es ist Jack (glänzend in seinem Mantel und diesem lächerlichen Fedora) und eine sich ausbreitende Befangenheit. Er scheint geradezu zu vibrieren, es plätschernden Wellen zu verbreiten.
Seine Hände sind unsicher hinter seinem Rücken verschränkt, als ob er etwas festhalten würde, und für einen surrealen/entsetzlichen Moment glaube ich, dass er mir Blumen mitgebracht hat. Natürlich hat er das nicht (Gottseidank). Es ist eher so, dass er nicht weiß, was er mit seinen Händen tun soll. Er lässt sie schließlich los, klatsch einmal schwach in die Hände und lässt sie dann endgültig fallen, sodass sie wie Pendel an seinen Seiten schwingen.

„Tja, Will…“ kommt es schließlich aus ihm heraus, und seine Worte haken ineinander und fallen übereinander in dem Versuch aus seinem Mund zu kommen, sodass es eher wie Tjawill klingt. Ich fühle, wie meine Lippen wieder zucken. Wann bin ich so hysterisch geworden? Ich habe noch nie viel gelacht. „So finster, Will,“ erinnere ich mich Dich sagen hören „Immer so ernst.“

Jack startet einen neuen Versuch, unbeirrt weiterkämpfend. Das muss ich ihm lassen „Hey Will“ sagt er (besser) und dann, nach einer Pause „Du siehst aus, als wärst du durch die Hölle gegangen“ (nicht so gut).

„Ach?“, sage ich, „bin grade wieder zurück“. Es kümmert mich eigentlich gar nicht. Ich sehe wirklich fertig aus. Immerhin fragt er mich nicht wie ich mich fühle, wenn es nach allen allgemeinen Kriterien offensichtlich ist, dass es mir in jeder Hinsicht scheiße geht.

Er grunzt ein wenig bei meiner Antwort und zieht schüchtern den Stuhl (Deinen Stuhl) zu meinem Bett. Welche Kräfte er auch immer aufgebracht hat, um so weit zu kommen; sie sind nun ganz klar aufgebraucht, denn er verfällt wieder ins Schweigen. Seine Hände knetend (natürlich). Ich starre ihn zurück an, plötzlich genauso stumm. Mir fällt nicht ein einziges Wort ein, dass ich zu ihm sagen könnte, und ganz offensichtlich geht es ihm genauso. Ich beginne mich zu fragen, ob wir uns so lange anstarren werden, bis die Station schließt und die Nachtschwester auftaucht um ihn hinauszubegleiten, mächtig in seinem steinernen Schweigen.

Jack sieht unglücklich aus, wie immer, und lässt ein langes, grollendes Seufzen hören. „Wie geht’s dem da?“, sagt er schließlich und zeigt auf seine Wange, um deutlich zu machen, dass er meine Verletzung meint. Als Antwort zucke ich mit den Schultern und bereue es sofort, als Wellen an Schmerz von der Stichwunde in meiner Brust durch meinen Körper zucken. Verfickter Francis Dolarhyde und sein verfluchtes, grinsendes kleines Messer.
„Hätte schlimmer sein können.“ Bekomme ich letzten Endes heraus (Obwohl das wahrscheinlich nicht stimmt). „Sie sagen, dass die Narbe nicht zu schlimm sein wird.“ Nicht, dass es mich in irgendeiner Art und Weise gekümmert hätte. Es ist nur ein anderer Stempel, eine weitere Marke, die sich auf Dich zurückführen lässt. Wie Deine Handabdrücke auf meinem ganzen Körper. Eine Duell-Narbe: Im Kampf verdient.

„Du kannst sie sowieso mit diesem schäbigen kleinen Bart bedecken“, sagt Jack und ich stoße ein kurzes Lachen aus, denn; was bleibt mir anderes übrig? Seine Befangenheit hat jetzt eine Stufe erreicht, die schon opernreif ist, und ich beginne mit ihm mitzufühlen. „Es ist okay, Jack,“ sage ich schließlich, „Du weißt, nichts hiervon ist dein Fehler.“

„Ich weiß,“ sagt er, was mich ein wenig anpisst, da ich wenigsten ein bisschen Protest erwartet hatte. Aber ich glaube, ich habe es verdient – ich hätte wissen sollen, dass ich nie die Chance bekommen hätte, Großmut zu zeigen.

Jack seufzt erneut, also seufze ich auch, um ihm beizustehen. „Ist ne ganzschöne Szene, die ihr Jungs zurückgelassen habt“, sagt er dann. „Ein verdammtes, blutiges Chaos.“

Das ist eine Art es auszudrücken, denke ich. „Hab euch trotzdem die Zahn Fee gefangen, nicht?“, antworte ich. „Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Jack lächelt ein wenig. „Ja, das hast du.“, auch er macht eine Pause. Mein Blick fällt auf seine Hände, natürlich sind sie hoffnungslos ineinander verknotet. „Will, dir ist aber auch Hannibal Lecter verloren gegangen.“

Ich starre ihn für einen Moment an, zu geschockt, um zu sprechen. Ich kann fühlen, wie sich mein Mund hilflos abmüht; Ich muss lächerlich aussehen, wie ein Fisch, der nach Luft schnappt. Ich wette Du sahst nie so aus, wie ich es gerade tue, ist es nicht so? Nicht einmal in Deinem ganzen Leben. „Um Himmels Willen, Jack!“, bekomme ich dann doch heraus, „Ich habe Hannibal Lecter nicht verloren. Es ist nicht so, als hätte ich vergessen ihn auf den Rücksitz du setzen, bin dann losgefahren und dann plötzlich ‚Oh! Wo ist Hannibal Lecter hin?‘“ Ich fülle meine Lungen mit einem tiefen, rohen Atemzug. „Ich wurde niedergestochen und eine Klippe hinuntergeworfen!“ Wieder eine Pause. Dieses Mal füge ich ‚Im wahrsten Sinne des Wortes‘ nicht hinzu.

Er bleibt ungerührt (na klar), erhaben in seinem Sinn für gerechtes Bestreben. Jack Crawford: einmal mehr in der Bresche. „Will, du weißt ich muss dich das fragen. Du weißt, dass ich es muss. Warst du dir bewusst, dass er fliehen würde?“ Er warf mir einen festen Blick zu. „Es wäre ja nicht das erste Mal…“

Für einen kurzen, grauenhaften Moment bin ich mir sicher, dass ich tatsächlich zu weinen beginne. „Ich habe absolut keine Idee, was mit ihm passiert ist.“, presse ich schließlich raus. „Ich habe es Leuten erzählt, Ich habe eine Aussage gemacht. Er ist über die Klippe gegangen, als ich es auch bin. Wir haben Dolarhyde getötet, er hat nach mich gehalten,“ vorsichtig, denke ich, „Wir haben die Balance verloren, wir sind gefallen. Er könnte tot sein. Er ist es wahrscheinlich…“

„Er könnte, und ja, er ist es wahrscheinlich,“ meint Jack, „aber genauso könntest Du es. Und Du bist es nicht.“

„Nein,“ sage ich, „bin ich nicht.“

„Und wir sind alle sehr froh darüber,“ antwortet Jack, mit echter Warmherzigkeit. Jetzt fühlt er sich schuldig, er rudert zurück. Hat gedrückt und gewrungen um eine Reaktion zu bekommen und ist zufrieden, dass meine Verzweiflung echt ist. Also darauf vorbereitet sich zurückzuziehen (vorerst). Job erledigt. Jedenfalls ist es wirklich sein Fehler…irgendwie.
Er sieht ein wenig glücklicher aus, jetzt da ein Teil der Anspannung aus ihm raus ist.  Vielleicht glaubt er mir nicht alles, doch jedenfalls er will es. Er lächelt mich wieder an, gutherzig, wie ein Onkel zu seinem Neffen. Gäbe man ihm noch etwas Zeit und er würde es wahrscheinlich fertig bringen mir durch meine Haare zu wuscheln und mich Meister zu nennen (Oh Gott, er wird es nicht wagen, oder…?). Nicht, dass diese Show komplett oder größtenteils über mich ist. Es ist vorwiegend zu seinem Vorteil – er muss mich zurück auf meinen Platz weisen, mich zu einem zahmen, zerbrechlichen Etwas zurücksetzen, das keine Bedrohung ist und sich bevormunden und auf sich niedergucken lässt. Dafür, dass er so scharfsinnig scheint, hat keinen blassen Schimmer von irgendwas.

„Hat Kade schon mit dir gesprochen?“, fragt er.

Anstelle einer Antwort rolle ich extravagant meine Augen und Jack bellendes Lachen ertönt wieder.  Bestimmt hätte er das wissen sollen, sollte er sowas nicht kontrollieren? Sie sind alle ziemlich nutzlos, niemand scheint zu wissen, was alle anderen gerade machen. Kein Wunder, dass Du so lange Deine eleganten Kreise um sie zogst.

Jack scheint (so wie ich) sein Toleranzlevel für diesen Austausch erreicht zu haben und er macht Anstalten seinen Mantel und diesen beknackten Hut aufzusammeln. Ich frage mich, ob Du mit so einem Hut durchkämst? Wahrscheinlich würdest du’s. Einfach. Verwegen, leicht zu einem Auge hin runtergezogen.

„Pass auf dich auf, Will,“ sagt Jack. Er klopft mir zurückhaltend auf die Schulter und ich lächle ihn an, denn das ist, was von mir erwartet wird. „Wir werden später mehr reden.“ fügt er hinzu, und es ist gleichzeitig eine Warnung und ein Versprechen.


Nachdem er gegangen ist strecke ich mich aus und schließe meine Augen, den Frieden und die Stille genießend (endlich, verdammt). Nach einer langen Weile öffne ich sie wieder, aber Du bist nicht da, natürlich bist du es nicht. „Ich weiß nicht, wo du bist“, beichte ich laut. Ich hoffe, dass mich keiner hören kann. Ich kann mir das Update auf meiner Krankenakte schon vorstellen: Will Graham liegt zurzeit in seinem Zimmer und führt glücklich ein Gespräch mit sich selbst. Aber es kümmert mich nicht genug, um aufzuhören. Es ist nicht mein Fehler, ich sollte nicht mit mir selber reden. Ich sollte mit Dir reden. Aber ich weiß nicht, wo Du bist, Ich weiß es wirklich nicht.  Du bist nirgendwo, aber Du könntest überall sein – alles zur selben Zeit.

„Selbst, wenn ich wüsste, wo du bist, ich würde es ihnen nicht sagen. Ich würde sie dich nicht fangen lassen.“, sage ich zu der Dunkelheit. Das ‚weil Du mein bist‘ hängt unausgesprochen in der Luft, aber säßest Du in Deinem Stuhl, würdest Du es trotzdem hören. Du würdest es wissen. Du wusstest es schon immer.