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Sansûkh - Deutsche Übersetzung

Chapter Text

Thorin Eichenschild, König unterm Berge, erwachte mit einem plötzlichen Ruck und gedämpftem Schrei. Es war vollkommen dunkel und sein Schrei hallte in der stickigen Schwärze nach. Er blinzelte und fand, dass es keinen wirklichen Unterschied machte.

"Friede, Kind des Durin.", sagte eine Stimme und er knirschte mit den Zähnen.

"Was ist das für ein Ort?", fragte er und die Stimme kicherte.

Wo war der Hobbit? Wo war der gefrorene See? Das letzte an was er sich erinnerte war, am Rande des stillen Schlachtfeldes zu Tode zu bluten. Sein Wahnsinn war überwunden, aber hat einen viel zu hohen Preis gefordert. Seine Familie war fort, seine Neffen steif und kalt im Tode und mit zu vielen Wunden gezeichnet. Ihr zartbesaiteter und großherziger Meisterdieb hatte ihm vergeben, sogar als er über Thorins gebrochenem Körper trauerte.

Er hat solch Vergebung nicht verdient.

"Du hast zu einem Ort der Ruhe gefunden, Thorin, Sohn des Thráin.", sagte die Stimme und Thorin blinzelte heftig, versuchte in der Dunkelheit den Besitzer der Stimme auszumachen. Seine perfekte zwergische Nachtsicht schien nicht zu funktionieren und er begann sich auf seine Ellbogen abzustützen. Er war unbekleidet und seine Haut fror und prickelte in der eisigen Dunkelheit.

"Erkläre!", knurrte Thorin, "Und zeige dich selbst!"

"Geduld.", tadelte die Stimme. Sie klang nicht wütend über Thorins Disrespekt, eher zärtlich, sogar väterlich. "Beruhige dich. Dein Augenlicht wird bald zurückkehren."

"Wo bin ich?"

"Wie ich schon sagte; an einem Ort der Ruhe. Hier kannst du endlich Frieden finden."

"Frieden? Es wird solange keinen Frieden in mir geben, bis ich meine Antwort habe!", grollte Thorin. Er war müde von diesen Rätseln. "Sprich deutlich! Wo bin ich? Ich war zuletzt auf der verwelkten Heide vor den Toren Erebors. Hast du mich bewegt? Was hast du getan, dass mir mein Augenlicht fehlt?"

"Vielleicht irrte ich mich, als ich dich hastig machte.", sinnierte die Stimme. "Und wieder sage ich: Beruhige dich! Ich werde es nicht noch ein weiteres Mal wiederholen - drei Mal ist mehr als genug. Und du bist schon alt genug um besser zu denken, als solche dummen Fragen zu stellen. Anders wie deine geschwätzigen Neffen. Wie hast du es geschafft ein solches Temperament zu kontrollieren? Sie sind fast schon so neugierig wie Hobbits und das ist keine Untertreibung."

"Es gibt einen Trick.", sagte Thorin, als ihm ein seltsamer und schrecklicher Verdacht kam. "Man lauscht den Worten die sie nicht sagen. Das sind die Wichtigen."

"Ah, natürlich."

Thorin stählte sich und fragte dann: "Bin ich tot?"

Es herrschte eine Pause, dann sagte die Stimme, nicht unsanft: "Ja."

Seine Rippen ballten sich eng um sein Herz und Thorins Kopf fiel auf seine Brust, während er murmelte: "Ich bin in den Hallen meiner Vorväter."

"Ja."

Thorin schloss seine Augen. Oh, natürlich konnten es nicht wirklich seine Augen sein. Es war nicht seine Hand, geballt zu einer zitternden Faust, an seiner Seite. Das hämmernde Herz, welches seine Brust zu entzweien drohte, war nicht sein eigenes. Dieser Körper war erneut geschaffen, neu gebildet, getilgt von allen sterblichen Fehlern und Schwächen. Kein Wunder, dass er nichts sehen konnte - seine Augen wurden nie vorher benutzt.

Hier würde er auf das Brechen der Welt warten, wenn die Zwerge Arda neu aufbauen und zu ihrem alten Glanz verhelfen. Hier würde er um seine Schwester und Cousins trauern, die zurückgelassen wurden um mit den Konsequenzen seines Wahnsinns und seines Stolzen zu leben. Hier würde er unter dem Gewicht seiner Schande leben, wissend, dass er die hellen jungen Leben seiner Neffen ausgelöscht hatte bevor diese überhaupt ein Jahrhundert gesehen haben. Hier würde er unter seiner Schuld, was er einer fröhlichen, friedliebenden und sanften Kreatur, die ihm nur helfen wollte, angetan hatte, zerbrechen.

"Bist du mein Schöpfer?", krächzte er schließlich.

Die mächtige Präsenz bewegte sich näher und er erschauderte, als die innewohnende Kraft seine Gedanken und neue Haut streifte. "Bin ich."

Thorin öffnete seine neuen, nutzlosen Augen und starrte in die Finsternis. "Und warum, wenn ich fragen darf, machtest du mich so voller Fehler?"
Die Stimme schwieg.

Wut kochte hoch, fing in Thorins Brust Feuer und er rappelte sich auf neue, zitternde Beine, schwach wie die eines jungen neugeborenen Rehs. Seinen Kiefer blind nach vorne werfend, schmiss er seine Trauer und Schande und Wut in die Dunkelheit. "Warum mein verdammter Stolz? Warum mein Temperament und mein Groll - warum meine dumme störrische Arroganz? Wieso der Wahnsinn, der meine Linie heimsucht? Wieso wandelte sich alles was ich tat, was ich hoffte in Asche bevor ich es überhaupt greifen konnte? Warum zerbrach meine Familie immer und immer wieder?"

Der mächtige Valar des Steins und Handwerkes schwieg.

"Sag es mir!", brüllte Thorin.

"Du vergisst dich selbst, König unterm Berge.", sagte die Stimme und klang eher traurig, anstatt wütend. "Meine Arbeit war nicht fehlerhaft. Du wurdest stark und hart geschaffen und dich langsam zu ändern, loyal in Freundschaft und langlebig in Feindschaft. Handwerke aller Art sind einfach für dich und du kannst die Erde unter dir fühlen und ihren Gesang hören, nicht?"

Thorins Fingernägel drückten sich in die weiche neue Haut seiner Handinnenfläche. "Du weißt, dass ich es kann."

"So habe ich dich geschaffen.", sagte die Stimme seines großen Schöpfers. "Und das kann nicht verändert werden. Es ist eher das Werk des Feindes, der alles verdirbt was er berührt."

Thorin runzelte die Stirn. "Welcher Feind? Mordor wurde in der Letzten Allianz in den Tagen von Durin der Vierte zerstört und keine größere Macht, abgesehen von den Drachen, ist seitdem auferstanden."

Die Stimme war ein weiteres Mal ruhig, als würde sie mit einer alten und schrecklichen Verletzung kämpfen. "Du erinnerst dich an den Ring deines Vaters?"

Thorin blinzelte. "Aye. Der Ring der Macht, oder?"

"Es gab einst sieben von ihnen. Vier fielen den Feuerdrachen zum Opfer. Aber drei, der deines Vaters mitinbegriffen, fanden ihren Weg zurück zu ihrem wahren Meister."

Thorin verzog sein Gesicht. "Ich verstehe nicht."

"Du wirst." Die Stimme - Mahal - war voll alter Melancholie. "Ich schuf dich um Dinge zu ertragen, mein Kind. Und das hast du. Gegen all die Machenschaften des Bösen haben die Zwerge nicht kapituliert und standgehalten und sind immer ihre eigenen Meister gewesen. Kein Zwerg wurde jemals zu einem Geist. Kein Zwerg hat seinen Willen an die Schatten verloren. Aber der Feind ist schlau und geschickt: findet andere Wege die wirken. Und so arbeiteten die sieben Ringe in anderen Wegen, ungesehen, auf meine Kinder. In den langen, langen Jahren wurde die Liebe zum Handwerk und der Schönheit, die ich euch gab, in ein Verlangen nach Metall und Juwelen verzerrt."

"Ich habe den Ring niemals getragen.", sagte Thorin.

"Aber dein Vater. Und sein Vater vor ihm und dessen Vater vor ihm, von dem Tag an, an dem Celebrimbor Durin den Ring in seinem dritten Leben gab.", sagte die tiefe, traurige Stimme. "Ich sah deine Linie unter diesen Bann fallen und trauerte. Die Nachfahren meines ersten Kindes, der Stärkste meiner sieben Söhne, kräftig und geschaffen um zu dulden - nach allem hat dich der Feind doch berührt."

"Ich habe niemals", presste Thorin zwischen zusammengebissen Zähnen hervor, "diesen Ring getragen. Mein Wahnsinn war mein eigener."

"War er das?", fragte die Stimme sanft. "Den Ring ausgenommen, vergiss eines nicht: Gold, auf welches ein Drache geschlafen hat, hat seine eigene Macht. Die großen Schlangen wurden zu einer antiken Zeit von einer noch dunkleren und viel stärkeren Bosheit geschaffen. Sie wurden kreiert um der Untergang der Zwerge zu sein und bleiben deshalb eure größte Herausforderung."

Thorin war still für einen Moment und hob dann seinen Kopf etwas. "Der Ring meines Vaters war nur ein Ring, der Drache nur ein Drache. Wieso verlor ich mich selbst in dem Moment, an den ich hätte am Stärksten sein sollen?"

Mahal seufzte. "Dies sind lang versteckte Geheimnisse, die bald ans Licht kommen. Du wirst es noch früh genug herausfinden. Lass ab von deiner Wut und Scham, Thorin, Sohn des Thráin. Es gibt hier viele die dich lieben.”

Thorins Kehle wurde eng und seine Zähne pressten sich fast schmerzhaft zusammen. “Willst du es nicht erklären?”

“Es ist mir viel zu nah, mein Sohn.”, sagte Mahal und die väterliche, mächtige Stimme verschwand in der erdrückenden Dunkelheit. Trauer hallte in den Steinen wider, als er sprach: “Jemand der mir lieb war, betrog mich vollkommen und all sein Schaffen sind nun der Dunkelheit und dem Verrat zugewandt. Ich kann nicht darüber sprechen.”

Eine Erkenntnis kam ihm und Thorin sprach laut: “Der Eine, der die Sieben geschaffen hat?”

“Aye”, sagte Mahal und sein sanftes Lachen rumpelte in der Luft wie ferner Donner. “Danke Eru, dass ich dich schlau gemacht habe. Lege all deine Selbstvorwürfe beiseite. Sie haben hier keinen Platz. Deine Krankheit war nicht deine Wahl, noch mein Schaffen. Es ist nun vorbei.”

“Es wird niemals vorbei sein.”, sagte Thorin kalt, auch wenn sich sein Inneres immer und immer wieder zusammenzog. “Nicht bevor ich Wiedergutmachung leiste.”

“Welchen Nutzen haben Wiedergutmachungen im Haus der Toten? Begrüße deine Lieben und warte auf die Neubildung aller Dinge. Deine Reisen und Beschwerden sind vorüber und deine Heimat ist wiederhergestellt. Du starbst gut, mein Sohn.”

“Ich lebte weniger gut. Und Wiedergutmachungen sind nicht von Nutzen.”, spie Thorin. “Darum geht es bei ihnen nicht!”

“Für wahr!” Mahal lachte erneut auf. “Sehr richtig!” Der mächtige Valar war für einen Moment in Gedanken verloren und Thorin atmete schwer mit der Stärke seiner Wut. Dann sprach Mahal und seine Stimme bebte mit Kraft:

“Nun gut. Für die Liebe, die ich für dich empfinde und für den Kummer, den der Schatten in dir gehämmert hat, werde ich dir die Möglichkeiten geben deine Wiedergutmachung zu leisten.”

Thorins Herz schlug ihm bis zum Hals.

Eine merkwürdige Wärme begann sich in Thorins Brust auszubreiten, füllte ihn mit einem unlöschbaren Feuer, als Mahal wieder anfing zu sprechen. “Alle meine Kinder mögen ihre Verwandtschaft und Freunde, die in den Ländern der Sterblichen noch leben hinter dem Nebel sehen. Ich werde dir die Kraft geben sie zu erreichen.”

“Sie erreichen?” Thorin nahm einen blinden Schritt nach vorne, eine Hand auf seine Brust gepresst, wo das merkwürdige Feuer über seinem hämmernden Herzen brannte. “Ihr meint, Ich kann mit ihnen sprechen? Wirklich?”

“Nein, das vermagst du nicht. Ich kann nicht das Geschenk von Illúvater gegeben, zurücknehmen. Du vermagst nicht durch den Nebel die Lebenden berühren.”

“Nicht einmal um um Vergebung zu bitten?”, fragte Thorin mit einer sinkenden Hoffnungslosigkeit, wusste die Antwort schon.

Eine große. Harte Hand, von Arbeit gezeichnet, legte sich sanft auf Thorins Schulter und er zitterte unkontrolliert wegen der Berührung. Die Hand seines Schöpfers – solche Kraft und solche Liebe in dieser Berührung. “Es tut mir Leid, dass du nicht von deiner Trauer ablassen kannst, mein Kind.”

“Du machtest mich auch stur, wenn du dich erinnerst.”, konterte Thorin, um seine bebende Ehrfurcht zu verdecken und Mahals Lächeln konnte in dem stillen Donnern der Erde gefühlt werden.
“Aye, das tat ich.” Die Hand ließ los und Thorin schwankte leicht, trunken von Verwunderung, Trauer und Furcht.

“Aber”, fügte der Gott des Handwerks und Steins hinzu, “du wirst in der Lage sein ihr tiefstes Bewusstsein zu erreichen. Das Bewusstsein hinter den wachen Gedanken, das unterbewusste Fließen ihrer Selbst – das mögest du berühren.”

Thorin stieß einen langen Atem, gefüllt mit Bitterkeit, aus. Der schlafende Verstand, das Unterbewusstsein. Es war nicht ideal, aber besser als nichts.

“Nun, es gibt welche, die erwartungsvoll gewartet haben um dich zu treffen.”

“Fíli? Kíli?” Die Scham war eine Schlinge um seinen Hals und Thorins neu-geschaffene Augen schwammen in plötzlichen ungeweinten Tränen.
“Unter jenen, die weitaus länger gewartet haben”, sagte der Vala. “Bleibe gesund, Thorin Eichenschild, König unter dem Berge. Ich werde dich wiedersehen.”

Und dann war seine überwältigende Präsenz verschwunden.
Die Dunkelheit drang auf ihn ein und Thorin nahm einen weiteren zögerlichen Schritt nach vorne. Es war guter Stein unter seinen nackten Füßen und das Klatschen seiner Sohlen hallte im Nichts nach.

“Fíli?”, versuchte er. “Kíli?”

Die Finsternis und Stille war absolut, bis auf das Rasseln seines Atems in seinen Lungen. Thorin tat noch einen Schritt und einen weiteren.

Dann klangen junge, aufgeregte Stimmen durch Dunkelheit zu ihm. Thorin brachte ein Lachen zustande, welches auch ein halbes Schluchzen war.

“Onkel!”

“Alle Mann, hier lang! Haben ihn endlich gefunden! Wie viele Gräber gibt es hier eigentlich?”

“Nur Mahal weiß das. Eigentlich, bestimmt weiß er es. Wir sollten fragen.”

“Thorin, du wirst es nicht glauben!”

“Wir haben Durin getroffen! Den Durin! Er ist hier!”

Und wieder. Keine schlechte Abmachung – geboren werden, leben, sterben. Ein bisschen erholen und dann es nochmal in ein paar Jahrzehnten versuchen.”

“Wenn wir schon darüber sprechen, hast du meinen Schuss gesehen den ich im Kampf machte? War der nicht atemberaubend? Ich wette mit dir, dass er in die Geschichte eingeht. Selbst Bard hätte es nicht besser machen können. Ich würde gerne den blonden Elben versuchen sehen das zu übertreffen.”

“Kíli.”, schluchzte Thorin und stolperte vorwärts in die Dunkelheit. “Fíli…” Zwei Körper, so vertraut wie seine eigenen Hände, stürzten sich auf ihn und er hielt sie fest, als er nach hinten stolperte.

“Vorsichtig.”, sagte eine raue, geliebte Stimme und jemand griff nach seinem Ellbogen. “Vater, bring‘ ihm ein paar Sachen, seine Augen arbeiten noch nicht.”

“Ach, hol se dir selbst, fauler Bengel.” Die Stimme von Thrór war schroff wie immer und Thorin drehte sich zu ihm, seine blinden Augen geweitet.

“Großvater, du…”

“Aye.”, sagte der letzte wahre König unter dem Berge. “Ich bin hier. Hab gesehen wie es auch dich erwischt hat.”

Thorin senkte sein Haupt über seine Neffen, als heiße Demütigung durch ihn schoss. “Ja.”

“Nicht dein Fehler, Junge.”, sagte der Zwerg, der seinen Arm hielt.” Nicht dein Fehler. Nicht, dass du danach gefragt hottest das solche Dinge passieren.”

“Noch dazu”, sagte Thrór und alte Scham färbte auch seine Stimme, “Du hast sie am Ende besiegt, nicht? Du bist mit deinem eigenen Verstand gestorben. Du warst stärker, als ich.”

“Und als ich.”, beruhigte der Zwerg neben ihm, seine starke und so vertraute Hand verstärkte ihren Griff um seinen Ellbogen in Bestätigung.
“Nein, das war nicht ich. Das war…” Thorin wollte widersprechen, über Bilbo reden, als der Zwerg, der seinen Ellbogen hielt, sich räusperte und den anderen Arm um Thorins zitternde Schultern legte.

“Wir sahen es, mein Junge.”, sagte er sanft. “Wir wissen es.”

Die Hand auf seinem Ellbogen war makellos, neu und narbenlos, aber sie war es. Thorin nahm sie fest mit seiner anderen Hand und das rumpelnde Kichern in seinen Ohren, ließ seine Augen brennen. “Vater.”, sagte er schwach. “Vater, es tut mir so leid. Ich habe dich im Stich gelassen, ‘adad. Ich dachte, du wärst schon lange tot…”

“Sachte, inùdoy.”, sagte Thráin sanft. “Sachte. Kümmre dich nicht um mich. Du hattest einen harten Weg und einen langen dazu, aber du hast nun Zeit um auszuruhen.”
Sein Vater. Sein großartiger und brillanter Vater, ein Lord und Prinz, welcher die Tattoos eines Kriegers über seinen Brauen trug. Sein Vater – sein Kopf nobel und stolz und sein Bart lang und wild, sein eines gutes Auge unermüdlich und seine Hände wie Stahlbänder. Sein Vater – sein armer, verrückter, halb blinder Vater, gefangen und verhungert und einfältig für neun lange Jahre in den Kerkern von Dol Guldur.

“Ruhe.”, wiederholte Thorin mit erstickter Stimme. “Nein, ich kann ni-…”

“Doch, du kannst.”, sagte sein Vater. “Denke nicht weiter darüber nach. Ich hätte mich selbst auch aufgegeben. Lass los, mein Sohn. Es ist Zeit hier zu ruhen. Zeit zum Heilen.”

“Du warst gut, nidoyel.”, sagte Thrór. “Du hast unseren Leuten unsere Heimat zurückgegeben. Du gabst ihnen ihre Hoffnung und ihren Stolz und ihr Erbe zurück. Kein schlechtes Vermächtnis. Kein schlechter Weg die Erde zu verlassen.”

“Ich ließ sie zurück, um mit uralten Feindschaften, einem Heim verteilt mit Aas, einem verfluchten Schatz und einem toten König.”, sagte Thorin verbittert und Thráin drückte seinen Arm stark, seine Hände steinhart und kräftig, wie in Thorins frühesten Erinnerungen.

“Hast du all deine Lehren vergessen? Wir sind nicht der einzige Ast unserer Linie. Es ist Zeit die Bürde anderen zu überlassen.”

“Aber…”

“Thorin.”, sagte Thráin, ein Lächeln in seiner Stimme. “Ärgere mich nicht. Was ist das nun, hm? Tränen, mein Sohn? Nun, lass sie fallen, wenn sie fallen. Hier gibt es auch Zeit für Tränen.”

“Seid ihr alten rührseligen Männer fertig?”, schnappte jemand anderes. “Lasst mich durch, oder ich zwinge euch und bei Mahal es würde euch nicht gefallen!”

“Lieber aus dem Weg gehen.”, murmelte Thrór und Thráin kicherte wieder.

“Aye, sie wird keine Geduld mehr aufbringen.”

“Du meinst sie kann geduldig sein?”

“Beleidige meine Frau nicht, du alter Kauz.”

“Hört auf zu plaudern, ihr Beiden, und bewegt euch. Oh, sieh dich an.”, murmelte die neue Stimme, eine sanfte, feminine Stimme und Kíli quiekte, als er aus Thorins Griff gezogen wurde. “So viel älter. So viel härter. Oh, mein wunderschöner Junge. Mein tapferer, tapferer Junge.”

Thorin konnte nicht den Schrei zurückhalten, der ihn verließ, als eine Hand sich auf sein Gesicht legte. Der Geruch, der ihn umfing war so real und warm wie die Hand und seine Ganze Seele schrie deswegen: die Süße des Öls, die sie für die Haare und ihren Bart benutzte, der scharfe Hauch von Kupfer und Holzrauch von ihrer Schmiede, der warme lebendige Geruch von ihrer Haut. “Mutter.”, sagte er und er wusste, dass er offen weinte. Sie umarmte ihn fest und strich mit ihrer Hand durch sein Haar.

“Ich bin sehr stolz auf, mein Thorin.”, sagte sie in ihrer tiefen, kräftigen Stimme und er presste sich in ihre Hand, als sie ihn so nahe hielt. “So stolz auf dich.”

“Nur nebenbei, Großmutter ist irgendwie furchteinflößend.”, sagte Kíli und dann quietschte er, als die Lady Frís, Tochter von Aís, Prinzessin unter dem Berge und Frau von Thráin, ihn wahrscheinlich kniff.

“Benehme dich, Junge.”, sagte sie ernst, zog sich zurück und wieder über Thorins Gesicht zu streichen und ihre Finger durch seinen kurz geschnittenen Bart fahren zu lassen. “Ich komm noch gleich zu euch Beiden.”

“Furchterregend.”, sagte Fíli bewundernd. “Ich sehe nun woher Mum es hat.”

“Unsere grummelige kleine Dís als eine Mutter.”, sagte eine junge, lachende Stimme, eine Stimme die wie Glöckchen klang. “Lass Mittelerde erzittern.”

Thorin fror ein. Frís’ Hand besänftigte ihn, strich durch sein Haar, als würde man ein scheues Pony beruhigen.

“Aye, er ist hier.”, wisperte sie. “Er war unausstehlich, hat die ganze Zeit auf dich gewartet.”

“Ich bin sehr verstimmt mit dir, nidoy, wo ist deine Mutter?”

“Hält den Rest zurück. Sie wollte ihn nicht mit allem auf einmal überwältigen.”

“Ihr wart nicht so nett zu uns.”, warf Fíli vor. “Belagert habt ihr uns! Ich dachte erst wir werden angegriffen! Ich schlug meinem eigenen Vater auf die Nase!”

Das brachte ein echtes Lachen aus Thorin heraus, obwohl es in seiner Brust wehtat. “Du hast Víli geschlagen?”, hakte er nach.

“Hat er. Und ich trat auf Großvaters Fuß.”, meinte Kíli.

Thráin räusperte sich. “Und biss meine Hand.”, fügte er ernst hinzu.

“Nun, versuch du mal blind wie eine Fledermaus und nackt wie ein Mull zu sein und deinen Großvater über deinen Mangel an Bart kommentieren zu hören. Mal sehen wie dir das gefällt.”, grummelte Kíli.

Thráin schnaubte amüsiert und Thrór machte ein lang-leidendes Geräusch, welches Thorin von langen eintönigen Ratsversammlungen, in denen Fundin niemals aufhörte zu reden, kannte. “Du kanntest keinen von uns, Urenkel.”, sagte der König geduldig. “Nicht außerhalb von Geschichten. Aber Thorin wird Zwerge treffen, die er seit Jahrzehnten nicht gesehen hat – sein Großonkel, seine Cousins, seine Freunde.”

Kíli machte eine Art gegrummelte Zustimmung, das Thorin als ein widerwilliges ‘Oh, na gut’ erkannte. Er langte in die Schwärze, seine Hand streckte sich nach seinem jüngeren Neffen aus und Kíli schritt ganz einfach zurück in seine Arme. “Kíli.”, sagte Thorin und strich Kílis unbändigen zog. Die Zwerge in seinen Armen waren jung und stark, groß und gerade, wie er sie in Erinnerung hatte. Bilder ihrer blutleeren Gesichter und ihrer zerrissenen und gebrochenen Körper tanzten vor seinem inneren Auge. Ein großer Kloss machte sich in seinem Hals breit und erschwerte ihm das Atmen. “Fíli, es tut mir so leid.”, flüsterte er gegen die Seite von Fílis Kopf. “Es tut mir so leid, meine Jungs. Vergebt mir, oh, meine undayûy. Ich wollte…”

“Oh, es ist schon wieder wie bei Thrór, stoppt ihn bitte jemand.”, stöhnte Frís. “Wir werden noch alle an der kombinierten Schuld vom Hause Durins ertrinken, bevor wir überhaupt einen Stein im neugeschaffenen Arda legen können.”

“Er ist nun hier.”, sagte Frerin sanft. “Er wird heilen.”

“Es wird seine Zeit brauchen.”, meinte Thrór, sein Ton dunkel.

“Das tut es immer.”, seufzte Thráin.