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Revelations

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Das Prasseln des Regens an den Fensterscheiben drang scherfällig in Arthurs Bewusstsein. Löste ihn nur langsam von seinem Traum, in welchem er sich wieder im Labyrinth von Gedref befand, diesmal auf der Suche nach Merlin. Er wusste genau, dass Merlin irgendwo in dem Labyrinth war, aber er konnte ihn nicht finden. Verzweifelt rief er nach seinem Diener, bekam aber keine Antwort, ganz gleich wie oft er es versuchte. Plötzlich tat sich ein Wolkenbruch über ihm auf und ergoss sich über den Prinzen, schränkte seine Sichtweite ein und übertönte jedes andere Geräusch. Selbst sein Rufen nach Merlin wurde vom Rauschen des Regens total erstickt. Tiefe Verzweiflung trieb den Prinzen an, schneller zu laufen. Irgendwann hörte sich der Regen jedoch nicht mehr an, als fiele er auf matschigen Boden oder die Heckenpflanzen, aus denen das Labyrinth bestand. Zunächst bemerkte Arthur den Unterschied nicht. Er rannte immer weiter. Erst als er erschöpft auf dem nassen, matschigen Boden zusammenbrach, und seine Lungen sich anfühlten als würden sie in Flammen stehen, vernahm er, dass sich das Regenprasseln anders anhörte. Irgendwie falsch und unnatürlich. Schließlich wurde er sich seines Traumes bewusst und starrte hinauf in den dunklen Himmel, der von schwarzen und grauen Wolken überzogen war. Erneut rief er in seiner Verzweiflung nach Merlin.

„Arthur.“ Merlin stand neben dem Bett des Prinzen und berührte sanft dessen Schulter. „Wach auf, Arthur.“

Der Prinz schreckte auf und saß mit einem Mal kerzengerade in seinem Bett. Er sah sich verwirrt und orientierungslos in seinen Gemächern um. „Merlin …“

„Du hast schlecht geträumt“, stellte Merlin überflüssigerweise fest und ging hinüber zum Tisch, wo er sich hinsetzte um seine Stiefel anzuziehen.

„Allerdings.“ Arthur räusperte sich und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Es war noch sehr früh am Morgen, die Sonne war noch nicht aufgegangen. „Du gehst schon?“ Es entging ihm nicht, dass Merlin dabei war, sich anzukleiden.

„Ich muss in meine Kammer, ehe Gaius bemerkt, dass ich letzte Nacht nicht nach Hause gekommen bin.“ Dies war nur einer der Gründe, weshalb er versucht hatte zu gehen, ehe Arthur wach wurde. Er fürchtete sich vor dem Gespräch danach. Es war unausweichlich, aber dennoch versuchte er, es vor sich her zu schieben.

Arthur nickte verschlafen. Der Traum ließ ihn noch nicht ganz los. Er hatte noch nie solche Angst gehabt, Merlin verloren zu haben. Ob sein Unterbewusstsein ihm mit dem Traum etwas sagen wollte? Er hoffte nicht. Aber er spürte, dass nichts von der Wärme und Geborgenheit der vergangenen Nacht geblieben war. Etwas Unausgesprochenes lag zwischen Merlin und ihm. Weckte ein nie da gewesenes Gefühl der Beklommenheit.

Sie beide wussten, dass es kein Versehen gewesen war. Dass weder Alkohol noch Einsamkeit dafür verantwortlich gemacht werden konnten, was sich zwischen ihnen ergeben hatte. Sie waren erwachsen genug, um sich der Entscheidung bewusst zu sein, derer sie sich hingegeben hatten. Sie hatten sich beide sehr absichtlich aufeinander eingelassen und es genossen.

Worte wie 'Ich liebe dich' waren nicht gefallen. Es war nicht nötig gewesen. Sie hatten diese Worte gelebt, anstatt sie auszusprechen. Diese Worte lagen in nahezu allem, was sie gemeinsam taten. Und das schon seit geraumer Zeit. Sie beide hatten sich schon mehr als einmal tödlichen Gefahren für den anderen ausgesetzt. Sie waren von Prinz und Diener zu Freund und Vertrautem und schließlich zu Liebenden geworden. Eine Liebe, die verbotener kaum sein konnte.

Uther würde Merlin hängen, erführe er jemals davon, dass er Arthurs Bett geteilt hatte.

Merlin stand auf und blieb nachdenklich am Fußende des Bettes stehen. Arthur hatte ihm die ganze Zeit gedankenverloren zugesehen und sah sein Gegenüber nun matt an. Wie sollte es jetzt weitergehen? Konnten sie dahin zurück, wo sie vor dieser Nacht gewesen waren? Wollten sie es überhaupt?

„Also, dann … gehe ich mal“, sagte Merlin leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Arthur nickte. Tausend Dinge schossen ihm durch den Kopf, die er tun oder sagen wollte, doch er wagte es nicht. Es war so untypisch für ihn wie benommen im Bett zu sitzen. Er sah, dass Merlin nicht weniger litt als er selbst und dennoch konnte er sich nicht aus seiner Starre lösen und etwas dagegen tun. Vielleicht brauchten sie beide etwas Zeit, um über alles nachzudenken. Um ihre Beziehung neu zu definieren. Um sich der ganzen Tragweite dessen bewusst zu werden, was zwischen ihnen geschehen war.

Für einen Moment stand Merlin noch da und sah Arthur wortlos an. Dann wandte er sich von seinem Prinzen ab, ging um den großen Esstisch in der Mitte des Zimmers herum und zur Tür. Er hatte sie bereits geöffnet, als sie plötzlich von hinten wieder zugedrückt wurde. Instinktiv drehte Merlin sich um und fand sich von Arthur gegen die geschlossene Tür gepresst wieder. Merlin wollte etwas sagen, doch Arthur versiegelte seine Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss, den der Zauberer nur allzu gern erwiderte und der nur allzu schnell wieder vorbei war.

Die Decke, die seine Blöße bedeckte mit der einen Hand umklammert, mit der anderen die Tür noch immer zudrückend, sah Arthur Merlin tief in die Augen. „Ich bereue nichts“, sagte er dann und küsste Merlin erneut. „Ich wollte nur, dass du das weißt.“

Merlin schenkte ihm ein Lächeln. Er hatte sich selten so erleichtert gefühlt. Sie würden es nicht leicht haben. Keiner von beiden zweifelte daran. Sie würden sich nur heimlich lieben dürfen. Sich ausgerechnet in Arthur zu verlieben, glich Selbstmord, überlegte Merlin. Nun hatte er Uther einen weiteren Grund gegeben, ihn zum Tode zu verurteilen. Doch auch Merlin bereute nichts.

„Bis später“, brachte der Zauberer zustande, griff hinter sich nach dem Türgriff und wurde ein weiteres Mal von Arthur geküsst, ehe dieser ihn schließlich gehen ließ. Als Merlin den Korridor betrat und die Tür zu Arthurs Gemach sich hinter ihm schloss, schüttelte der Dunkelhaarige lächelnd den Kopf und berührte seine Lippen mit den Fingerspitzen, ehe er rasch nach Hause lief.

~*~

Zur selben Zeit erwachte Morgana aus einem tiefen Schlaf. Sie musste einige Male blinzeln, ehe sich ihr Blick klärte und sie erkannte, dass sie nicht in ihrem Bett in Camelot lag. Ihr Hals schmerzte furchtbar und ihr war schwindelig, obgleich sie sich noch nicht einmal aufgerichtet hatte.

„Ich hatte schon Angst, du wachst nie wieder auf.“

Eine Frauenstimme, die Morgana inzwischen bekannt war, veranlasste sie dazu, sich nun doch aufzusetzen.

Morgause hatte auf einer Récamière auf der gegenüberliegenden Seite des Raums gesessen und etwas gelesen. Behutsam legte sie das Buch beiseite und stand in einer anmutig fließenden Bewegung auf, um zu Morgana hinüber zu gehen.

„Wo bin ich?“ Morganas Blick schweifte durch den Raum. Das Zimmer war beinahe so groß wie ihres in Camelot. Drei hohe Fenster sorgten für schwachen Lichteinfall, der größtenteils von schweren Samtvorhängen zurückgehalten wurde. Offenbar hatte Morgause gerade so viel Licht hereingelassen, dass es für sie angenehm zum Lesen war. Das große Bett, indem Morgana sich wiederfand, war aus einem massiven dunklen Holz, die Bettpfosten mit edlen Schnitzereien verziert. Neben der Récamière befand sich eine Spiegelkommode und zwischen zwei Fenstern rechts vom Bett entdeckte Morgana einen massiven Kamin. Der Raum wirkte wie eines der Zimmer in Camelot, dennoch war sich Morgana ziemlich sicher, dass sie sich nicht mehr im Schloss befand.

„Du bist in Sicherheit“, erwiderte Morgause und setzte sich neben Morgana auf das Bett. „Wie fühlst du dich?“

„Als wäre ich krank.“ Sie überlegte eine Weile, dann sah sie vor ihrem inneren Auge wieder, was geschehen war. Sie sah sich selbst über Uther gebeugt, hörte wie Arthur vor der Tür um sein Leben kämpfte, sah Merlin, der ihr den Wasserschlauch gab … Instinktiv fasste sie sich an den Hals und erinnerte sich wieder an das brennende Gefühl in ihrer Luftröhre, als das Gift langsam begonnen hatte zu wirken, an das Gefühl ihrer Lungen, die sich nicht mehr aufbliesen. Schockiert starrte sie Morgause an.

Diese streichelte Morgana über das seidige, schwarze Haar und über die Wange. „Du bist hier sicher. Niemand wird dir jemals wieder etwas antun, der verspreche ich dir.“

„Merlin …“, brachte Morgana gerade so zustande, ehe ihre Stimme brach und Tränen ihren Blick verschleierten. „Warum …?“

Morgause nahm die Hände ihres Schützlings in die eigenen. „Das Warum hat Zeit … Wir werden es erörtern. Zunächst musst du aber erst einmal vollkommen genesen. Wir haben noch viel zu tun.“

„Wir?“ Morgana kam sich vor wie ein dummes Kind, und der Gedanke gefiel ihr ganz und gar nicht. „Warum bin ich hier? Und wo ist hier? Weshalb habt Ihr mich hergebracht, wann und wie?“

Morgause lächelte. Aber es war ein bitteres Lächeln. „Ich musste dich hierher bringen. Nur hier war es mir möglich dich zu heilen. Du warst auf Camelot nicht mehr sicher.“

„WO bin ich?“, verlangte Morgana nun energischer eine Antwort.

„Avalon. Du bist in Avalon. Hier leben wir Ausgestoßenen.“ Morgause stand auf und ging hinüber zu einem der Fenster, um die Vorhänge aufzuziehen.

Grelles Sonnenlicht flutete das Zimmer und Morgana konnte hinter den Fenstern das Blau des Himmels erkennen. „Avalon?“, sagte sie ungläubig und schwang die Beine über die Bettkante. „Ich dachte diesen Ort gibt es nicht.“

„Für Normalsterbliche gibt es ihn auch nicht, Morgana. Jemand wie Uther Pendragon wird hier niemals herkommen können. Deshalb sind wir hier auch sicher vor ihm und seinen Gefolgsleuten.“

„Normalsterbliche …“ Die Bezeichnung war Morgana nicht entgangen. Mit wackeligen Beinen kletterte sie aus dem Bett und trat zu Morgause ans Fenster. Die Blonde öffnete es und ließ eine warme Sommerbrise herein, die den Duft zarter Blüten und den fröhlichen Gesang von Vögeln ins Zimmer trug.

Morgana sah hinaus und bemerkte, dass das Gebäude, in dem sie sich befand, auf einem Berg und dieser auf einer Insel, inmitten eines unglaublich großen Sees zu stehen schien. Die Aussicht war paradiesisch.

„Sobald du wieder bei Kräften bist, erkläre ich dir alles. Ich werde jede deiner Fragen beantworten. Das verspreche ich dir“, meinte Morgause nach einem gedehnten Augenblick. „Du sollst nicht länger in Rätseln leben.“ Freundschaftlich legte Morgause ihr einen Arm leicht um die Schultern. „Ich besorge dir etwas zu Essen und Trinken, Kleidung und Wasser zum waschen.“

Morgana nickte zögerlich. Sie konnte den Blick kaum von draußen abwenden. Einen so herrlichen Ort hatte sie nie zu vor in ihrem Leben gesehen. Sie konnte es kaum erwarten die Insel zu bewandern und jeden Winkel zu erforschen. Sie konnte die Magie förmlich spüren, die von Avalon ausging und bereits begann, sie zu durchströmen.

„Vielen Dank“, sagte sie schließlich als sie sich wieder an ihre gute Erziehung erinnerte und drehte sich zu Morgause um, die bereits halb aus dem Raum war. Diese lächelte geheimnisvoll und zog dann die Tür hinter sich zu.

Morganas Blick wanderte wieder nach draußen. Und obgleich sich unter ihrem Fenster ein Paradies auftat, wusste sie doch, warum sie hier war. Ihr Blick verfinsterte sich als sie an Merlin dachte und seinen jämmerlichen Gesichtsausdruck wieder vor Augen hatte, als das Gift bei ihr Wirkung gezeigt hatte. Sie wusste noch nicht genau wie und wann, aber sie war fest entschlossen sich dafür zu rächen.