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Loyalitäten

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Die brünette Schönheit neben ihm schlief tief und fest. So war es immer: Nach dem Sex kuschelte sie sich an ihn, schnurrte leise ihre wohlige Befriedigung hinaus, und schlief dann ein. Normalerweise tat er es ihr gleich, hielt sie fest an seine Brust gepresst, lauschte ihrem regelmäßigen Atem und ließ sich davon in den Schlaf wiegen. Nicht so heute. Heute saß er auf der Bettkante, die Ellbogen auf die Knie gestützt, und starrte in die Dunkelheit der Nacht hinaus, die alles hinter dem kleinen Fenster zu verschlucken schien.

Wie hatte er so blind sein können? Es war ja nicht so, dass er sie nicht schon vorher gekannt hatte. Im Gegenteil, sie waren sich immer wieder über den Weg gelaufen. Gewiss, bei ihrer ersten Begegnung war sie noch ein Kind gewesen, doch er hatte sie danach zu verschiedensten Zeitpunkten wieder getroffen. Unabsichtlich, aber aus jetziger Perspektive beinahe schicksalhaft.

Seufzend erhob er sich aus dem Bett und trat an das Fenster. Es war kühl im Zimmer, und durch den alten Holzrahmen des Fensters kam kalte Zugluft, die über seine nackte, noch verschwitzte Haut strich. Was sollte er jetzt tun? Er hatte gestern erfahren, wer diese umwerfende Frau wirklich war. All die Monate, in denen sie nun schon ihre leidenschaftliche Affäre führten, hatte er nie etwas vermutet. Oder hatte er es unterbewusst verdrängt? Er hatte sie heute damit konfrontieren wollen, denn immerhin wusste sie ganz genau, wer er war. Wenn er gewusst hätte, wer sie war, er hätte sich niemals auf sie eingelassen. Und umgekehrt hätte es genauso sein müssen. Warum also hatte sie ihre Identität verborgen, hatte ihn an sich heran und in ihr Bett gelassen?

Was Haare alles ändern konnten. Ihre langen, glatten, braunen Haare hatten an jenem Abend vor so vielen Monaten verlockend im Schein des Kaminfeuers geglänzt, er hatte seinen Blick nicht von ihr abwenden können. Schon damals war ihm das Gesicht entfernt bekannt vorgekommen, doch er hatte es darauf geschoben, dass er in seinem Leben schon sehr vielen Hexen und Zauberern begegnet war, deren Gesichter er sich nicht alle merken konnte. Er hatte sich gewundert, dass sie trotz seines Charmes und seines galanten Verhaltens so voller Hass und Abneigung gewesen war, doch auch dafür hatte er schnell eine Erklärung gefunden.

Er war Lucius Malfoy, verurteilter Insasse von Azkaban. Jeder wusste, dass er in der Mysteriumsabteilung des Ministeriums an der Seite des Dunklen Lords gestanden und gegen Harry Potter, den Auserwählten, gekämpft hatte. Natürlich begegnete man ihm mit Hass.

Dass er sich wieder mit Hilfe seines Vermögens und seines Familiennamens hatte freikaufen können, war selbst ihm als Wunder erschienen. Sogar seine Frau hatte sich von ihm abgewandt, so hoffnungslos war der Fall erschienen. Offiziell waren sie noch verheiratet, doch direkt nach seiner Festnahme hatte sie sein Haus verlassen und der Zaubererwelt deutlich gemacht, dass sie in sein Tun und Treiben weder eingeweiht war noch verwickelt werden wollte. Er konnte es ihr nicht verübeln. Vermutlich war er auch nur frei gekommen, weil ein Todesser im Ministerium über seinen Antrag hatte entscheiden können. Anders war es ihm selbst nicht zu erklären.

Eigentlich hatte er geplant, sich längere Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen, bis Schnee über die Sache gewachsen war oder bis der Dunkle Lord die Herrschaft übernommen hätte. Doch er war für ein Leben in Abgeschiedenheit nicht geschaffen, die Gesellschaft seines Sohnes war ihm nicht genug, gerade weil Draco sich angewidert von seinem Versagen gezeigt hatte. Draco hatte sich damals sehr schnell dazu entschieden, nicht seiner Mutter zu folgen, sondern im Gegenteil selbst ein Todesser zu werden und dem Dunklen Lord zu beweisen, dass wenigstens ein Malfoy zu etwas taugte. Sonderlich erfolgreich war er dabei, rückblickend betrachtet, nicht gewesen. Zumindest bis jetzt. Seine Ablehnung jedenfalls hatte das Leben auf dem Anwesen beinahe unerträglich gemacht.

Und so hatten seine Schritte ihn an jenem schicksalshaften Sommerabend in den Tropfenden Kessel in der Winkelgasse geführt.

Schon als er die Gaststube betreten hatte, war sein Blick unmittelbar auf sie gefallen. Sie hatte alleine an einem Tisch am Kamin gesessen, nur ein Glas Wein vor sich, und war ganz offensichtlich in Gedanken versunken gewesen, als er eingetreten war. Natürlich hatte sie ihn sofort erkannt, jeder wusste, wie Lucius Malfoy aussah und er hatte sich keine Mühe gemacht, seine Identität zu verbergen. Er hatte ihr freundlich zugelächelt und dafür einen so hasserfüllten Blick bekommen, dass seine Neugier geweckt war. Nicht viele Menschen wagten es, ihm mit so offener Ablehnung zu begegnen, selbst nach seiner Inhaftierung.

Wie hatte er sie nur nicht erkennen können? Ihr Gesicht hatte mit den glatten Haaren so anders gewirkt, so viel weicher, femininer, anziehender. Und warum hatte sie ihren wahren Namen vor ihm verborgen?

Wenn er jetzt darüber nachdachte, hatte sie tatsächlich überrascht gewirkt, als er sie nach ihrem Namen gefragt hatte. Und sie hatte einen merkwürdig langen Moment gezögert, ehe sie sich schließlich als Jean vorgestellt hatte. Ein wunderschöner Name, französisch für Johanna, so passend für eine mutige Frau wie sie. Natürlich hatte er sich eine Bemerkung über Johanna von Orléans nicht verkneifen können und zu seiner Freude hatte sie tatsächlich mit einem Lächeln geantwortet. Warum war ihm nur nicht aufgefallen, dass sie dieses Lächeln offensichtlich sofort bereut hatte? Er hatte mit ihr geflirtet oder zumindest hatte er gedacht, dass es ein Flirt gewesen war. Mit seinem jetzigen Wissen war er sich nicht mehr so sicher, ob sie ihre ablehnenden, spitzen Bemerkungen nicht ernst gemeint hatte.

Doch all das beantwortete nicht die Frage, warum sie sich auf ihn eingelassen hatte. Gewiss, sie hatte noch drei weitere Gläser Wein getrunken und war am Ende nicht mehr vollständig bei kühlem Verstand gewesen, aber dennoch. Sie hatte gewusst, wer er war. Was war passiert? Wie hatte sie alles, was zwischen ihnen stand, über Bord werfen können? Es war sein Ziel gewesen, sie an dem Abend in sein Bett zu holen, er hatte alles in seiner Macht stehende getan, um sie zu verführen. Doch jetzt, da er wusste, wer sie war - es hätte ihm niemals gelingen dürfen.

Niemals hätte sich Hermine Granger auf Lucius Malfoy einlassen dürfen.