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Übersetzung - (my) Destruction Within Your Mouth

Chapter Text

Es hätte nicht passieren sollen. Sie hätte sich mit den anderen zusammen in Sicherheit bringen sollen, hätte die Zähne zusammenbeißen sollen und das tun sollen, was verantwortungsvoll, erwartet, Clarke war.

Aber als sie in das Autowrack steigen wollte, hatte sie einen Augenblick der Klarheit – des Wahnsinns? – als ihr Blick über Wells Gesicht streift und sie denkt: Ich will ihn umbringen.

Es erschreckt sie zu Tode.

Sie erstarrt.

Sie hat diese Wut zu lange heruntergeschluckt, sich mit geballten Fäusten zurückgehalten. Und jetzt schaut sie in diesen engen, dunklen Ort hinein, sieht die Qual im Gesicht ihres besten Freundes und eine kleine Stimme in ihrem Kopf flüstert: Tu es hier, vielleicht wird er sich nicht mal wehren.

Clarke dreht sich um und rennt.

Es ist das Wahnsinnigste, das sie je getan hat – der Alarm dröhnt in ihren Ohren, Finn und Wells schreien ihr hinterher, als wären sie vom Teufel besessen. Aber zwischen dem Schrecken, der in der Luft auf sie zu wabert und das Monster in Clarke, das versucht, aus ihr herauszubrechen, weiß sie, was ihr mehr Angst einjagt.

~*~

Sie überlebt.

Gerade so.

Beim Rennen stolpert sie und fällt mit dem Gesicht voran auf die Erde. Sie merkt, dass sie über eine Stahltür gestolpert ist, welche im Boden eingelassen ist. Als sie sich aufrichtet, entdeckt sie alte, aneinandergereihte Steine, die in etwa ein Rechteck bilden – die alten Grundmauern eines Hauses. Ihre Hände ziehen an der Klappe, ehe ihr Gehirn das Wort Sturmkeller hervorbringt, und das alte, rostige Schloss bricht nach einem kräftigen Ruck auf. Sie lässt sich gerade in dem Moment in die Dunkelheit hinab, in dem der giftige, orange Nebel zwischen den umliegenden Bäumen hervortritt.

Clarke fällt in die Dunkelheit und landet unglücklich auf einem Bein. Sie verdrängt den Schmerz, macht sich kleiner und lässt die Klappe mit einem Krachen zufallen. Sie kann in der absoluten Dunkelheit des Kellers – Dinge – rascheln hören. Sie kauert sich zusammen und wartet.

Sie zwingt sich, langsam bis zweitausend zu zählen, ehe sie die Luft anhält und die Klappe öffnet.

Der Nebel ist verschwunden.

Doch sie hat keine Ahnung, wo sie ist.

~*~

Am Anfang zählt sie genau, wie viele Tage sie nun unterwegs ist.

Am Anfang.

Sie braucht zwei Tage, um den Fluss wiederzufinden und als das passiert, taucht sie ihre Hände gierig in das kalte, klare Wasser und trinkt. Scheiß auf Kontamination. Wenn sie sich zwischen dem Tod durch Verstrahlung oder Verdursten entscheiden müsste, würde sie das Erstere wählen.

Sie liegt auf dem Rücken, schwelgt einige lange Augenblicke in dem Gefühl nicht mehr durstig zu sein, ehe sie sich aufrafft. Nun, sie hat keine Ahnung, wo sie ist und keine Möglichkeit Wasser zu transportieren. Sie muss also entlang des Flusses wandern. Irgendwann würde sie dort ankommen, wo sie die Algen gefunden hatten – hier war es nicht, die Umgebung kommt ihr nicht bekannt vor – und irgendwann werden die anderen wieder dort hinkommen, um nach Nahrung oder nach ihr zu suchen. Oder vielleicht kann sie von dort aus den Weg selbst finden.

Also gut. Alles wird gut. Menschen können wochenlang nur von Wasser leben, das weiß sie noch vom Survivalunterricht. Sie muss nur dem Fluss folgen.

Natürlich verläuft der Fluss in zwei Richtungen.

Sie verschwendet einen halben Tag damit nachzugrübeln. Sie versucht sich an die Position der Sonne zu erinnern, als sie mit Finn und Wells unterwegs war, an die Topografie der Landschaft, die Fließrichtung des Flusses. Doch all das ist mit dem Lärm des Alarms vermischt, durchzogen von Schlieren von dunklem Hass in ihrem Herzen.

Sie entscheidet sich, dem Fluss nach Osten zu folgen. Sie schlingt die Arme um sich selbst und zittert, während die Sonne untergeht. Es kann nicht weiter entfernt sein als, naja, so maximal drei Tagesmärsche. Sie schafft das. Es wird alles gut.

~*~

Am siebten Tag gibt ihr Armband den Geist auf.

Es war ein stets präsentes Summen an ihrem Handgelenk gewesen, seit sie im Dropship aufgewacht war. Nichts, was man hören konnte, doch die im Armband arbeitende Hardware – die maß, bewertete, verknüpfte – schuf eine Vibration, die man nicht hundertprozentig vergessen konnte. Und dann geht es einfach. Kaputt.

Clarke lässt sich augenblicklich auf den Boden plumpsen. Sie ist sowieso schon durch den Hunger geschwächt (und von ihrer Angst, ihren Zweifeln und ich muss wahnsinnig gewesen sein und vielleicht bin ich immer noch wahnsinnig, warum sonst würde ich weiterlaufen, aber vielleicht bin ich ja fast da), doch das lässt sie zusammenbrechen.

Sie starrt das Armband an, verschwendet kostbare Minuten Tageslicht damit, zu warten, dass es wieder angeht, wieder los summt, so also wäre dies eine Art technischer Scherz gewesen.

Sie bekommt einen Kloß im Hals. Sie hatte sich keine Tränen erlaubt, seit sie erkannt hatte, wie dumm sie gehandelt hatte. Sie hat weder Zeit noch Wasser zu verschwenden. Doch sie hatte bis zu diesem Augenblick nicht verstanden, wie sehr sie sich auf das Armband verlassen hatte – darauf zu wissen, dass irgendwo über ihr ihre Mutter jeden Herzschlag und jeden Atemzug verfolgen würde. Sie konnte nicht wirklich verloren sein, nicht wenn Abby ihre Vitalwerte sehen konnte. Etwas in ihr klammerte sich an den kindischen Glauben, dass ihre Mutter allmächtig war, dass sie verhindern würde, dass ihr einziges Kind sterben würde.

Wie war das hier passiert? Lag es an der Ark, war dort oben etwas schiefgelaufen? Oder lag der Grund dafür beim Dropship – ein weiteres Manöver von Bellamy, um sie von den Erwachsenen auf der Ark zu trennen?

Oh. Nun konnte niemand mehr wissen, ob sie noch lebte.

(Ihr kommt ein grauenvoller Gedanke: Vielleicht gab es den Geist auf, weil sie gestorben war. Vielleicht wusste sie das nur noch nicht.)

Sie zieht panisch an dem kaputten Metall, also ob es sie krank machen könnte. Sie bricht es zwischen zwei Steinen auf – einem relativ flachen Stein auf dem Boden und einem zweiten faustgroßen, den sie aus dem Fluss gefischt hatte. Das Armband fällt von ihrem Arm und sie spürt ein leises Stechen.

Clarke wirft die Metallstücke in den Fluss. Kurz fragt sie sich, ob ihre Fähigkeit, logische Entscheidungen zu treffen, von Hunger, kalten Nächten und Übermüdung beeinflusst ist. Im negativen Sinne.

Es ist egal. Sie muss weiterlaufen.

~*~

Clarke denkt wie besessen darüber nach, wie sie Nahrung finden kann. Sie sucht die Wasseroberfläche des Flusses nach Fischen ab oder sogar nach größeren Tieren, da dies bedeuten würden, dass es Fische im Fluss gibt. Sie weiß nicht genau, wie sie irgendwas fangen würde, aber Fische zu finden, wäre ein guter Anfang. Sie kann sich nicht überwinden, sich außer Hörweite des Flusses zu begeben, aber alles in diesem Umkreis ist frei von Nahrung, wahrscheinlich wegen der Tiere, die am Fluss trinken.

Sie ist dankbar, als sie einen schnellen Schatten tiefer im Wald entlanghuschen sieht und eine Familie nicht mutierter Rehe entdeckt, die Pflanzen mit dicken, knolligen Wurzeln fressen. Sie fliehen, als Clarke laut ruft und ihre Hände zittern, als die die Wurzeln ausgräbt, die noch nicht gefressen wurden. Sie nutzt den vorderen Teil ihres T-Shirts als eine Art Beutel und nimmt die Wurzeln mit zum Fluss. Dieser liegt nun tiefer in der Erde und wird breiter und ungezügelter. Die Strömung ist mittlerweile gleichmäßig und stark. Sie muss die Knollen nur gut festhalten und in den Fluss tauchen, schon sind sie sauber.

Sie isst Stück für Stück alle Knollen auf einmal auf, während sie im Schneidersitz am Fluss sitzt. Sie ist zu hungrig, um sich zurückzuhalten und ein bisschen besorgt, dass jemand anderes aus dem Wald hervortritt und sie ihre wegisst. Wurzeln sind gut, erinnert sie sich. Kartoffeln, Möhren, sie haben allerlei Vitamine und Kohlenhydrate. Die Knollen kann man gut roh essen. Sie sind fest, aber lassen sich gut kauen, die Haut ist papierartig. Schmecken tun sie vielleicht nicht so besonders gut, aber es ist ihr egal – das Gefühl etwas zu kauen, zu schlucken, ihren Magen zu füllen ist köstlicher als alles andere auf der Welt. Sie stört sich nicht mal an dem leicht säuerlichen Geschmack oder daran, dass ihre Zunge und Lippen sich nach dem Essen etwas empfindlich anfühlen.

Dann schläft sie ein. Es ist keine bewusste Entscheidung und im Nachhinein versteht sie, dass das zu erwarten war. Sie hatte ihren Körper absolut überansprucht. Schließlich hat sie sozusagen neue Vorräte an die metaphorischen Truppen geschickt und jetzt brauchen sie eine Pause, um sich neu zu ordnen und sich zu erholen. Müdigkeit drückt sie zu Boden, als würde sie wirklich von etwas nach unten gedrückt werden und sie ist gerade noch wach genug, um sich mit dem Rücken zu einem größeren Stein hinzulegen, ehe der Schlaf sie übermannt.

Als sie aufwacht, ist es fast Nacht und der Himmel ist von Farben durchzogen, wie ein Gemälde. Sie fühlt sich unglaublich gut, also sie aufsteht, sich streckt und wohlig seufzt.

Nur, das sie das nicht tut.

Sie öffnet den Mund und es kommt nichts hervor.

~*~

Sie wartet den Rest des Abends auf andere Symptome. Sie geht alle Möglichkeiten im Kopf durch – Übelkeit, Erbrechen, blutiger Stuhl, Fieber – und als sie das Ende der Liste erreicht, die selbst für die Tochter einer Ärztin umfangreich ist, fängt sie wieder von vorne an. Sie sitzt einfach da, betrachtet, wie sie im weichen Licht der vielen Sterne ihre Fäuste ballt und wieder entspannt, und denkt darüber nach, wie sie vielleicht sterben wird.

Doch als das Licht wärmer wird, da die Sonne aufgeht, starrt sie immer noch auf ihre Hände und ist noch am Leben.

Außerdem kann sie etwas aus dem Wald hören.

Vor ein paar Tagen wäre sie vielleicht weitergewandert, und zwar schnell. Jetzt allerdings ist es schwer irgendwas zu spüren – sie hat keine Eile irgendwas zu tun, kein Bedürfnis etwas zu tun. Ihr wird klar, dass sie einen Schock hat, aber es fällt ihr schwer, sich darüber Sorgen zu machen.

Vielleicht ist es eine weitere Rehfamilie, die ihr etwas zu essen zeigt. Vielleicht wird sie diesmal blind. Sie lacht, lautlos.

Doch als Clarke unvorsichtig zwischen den Bäumen hindurchstapft und ignoriert, dass die Geräusche des Flusses leiser und leiser werden, sieht sie, dass es keine Tiere sind.

Es sind Kinder.

~*~

Sie denkt, dass sie auf alles gefasst war, nur nicht auf das.

Sie sind klein – sehr klein, kaum alt genug, um allein hier draußen zu spielen. Sie erstarrt und kauert sich auf den Waldboden. Sie robbt vorwärts, bis sie hinter ein paar besonders dichten Büschen einen guten Sichtpunkt hat. Hier kann sie starren und starren und starren, bis ihren Augen trocken sind und ihr Herz zufriedengestellt.

Es gibt Menschen auf der Erde.

Und sie sehen aus wie Menschen, oder zumindest die Kinder: ein Kopf, zwei Hände, und sie kann von ihrem Blickpunkt keine Hauer oder deformierten Köpfe erkennen. Vielleicht passiert das, wenn sie älter werden.

(Vielleicht lagen die Leute auf der Ark einfach falsch, bezüglich allem.)

Sie sprechen kein Englisch. Das ist eines der Dinge, die Clarke davon überzeugen, dass dies alles echt ist, dass sie es wirklich sieht, dass es nicht ein weiteres Symptom ist (Halluzinationen) oder eine letzte Vision vor ihrem Tod. Ihre Kleidung ist ein weiterer Beweis – wenn sie ein Teil einer Einbildung ihres fiebrigen Gehirns wären, dann hätten sie keine Lumpen an, Schicht über Schicht, wegen der diversen Risse und Löcher. Sie denkt ein paar Minuten darüber nach, ob sie so wie sie selbst allein sind – ausgesetzt – doch dann fallen ihr weitere Details auf. Ihre zu langen Ärmel sind hochgekrempelt und an den Handgelenken befestigt, sie tragen Schals und breite Bänder, an Körperteilen, die warm gehalten werde müssen. Sie erinnert sich plötzlich daran, wie Abby sie jeden Morgen vor der Grundschule mustern würde und Falten aus der weichen Tunika streichen würde, die die jüngeren Kinder als Schuluniform tragen mussten. Clarke blinzelt, um Tränen zurückzuhalten und drückt eine Hand auf ihren Mund, um das Geräusch ihres unregelmäßigen Atems zu verstecken.

Die Kinder bekommen nichts mit. Sie sind zu sehr in ihr Spiel vertieft. Es ist einfach: Sie haben einen kleinen Bereich zwischen einer niedrigen Höhle und einem Bach ausgewählt und ihn von Gestrüpp befreit. Eines der Kinder kommt, mit einem löchrigen Fell um die Schultern gelegt, aus der Höhle und die anderen heißen sie mit erhobenen Armen und einem rhythmischen Sprechchor willkommen. Das Kind nimmt die Rufe entgegen, stolziert über die Lichtung und erteilt, so wie es scheint, Befehle, denen die anderen schnell Folge leisten. Dann werden Teams ausgewählt, die Gruppe teilt sich und stellt sich gegenüber voneinander auf. Das Kind – die Anführerin? – stößt einen markerschütternden Schlachtruf aus, das ist scheinbar das Signal dafür, dass die Kinder aufeinander zu rennen und beginnen so zu tun, also ob sie kämpfen.

Doch Augenblick, sie tun nicht so.

Sie kämpfen nicht richtig – kein Blut und es scheint so, als hätten sie sich vorher geeinigt, dass Angriffe auf den Kopf nicht erlaubt sind – aber der Rest sieht sehr echt aus. Sehr… kompetent. Die Kinder kämpfen immer eins gegen eins, alle mit angewinkelten Beinen und ihr Gewicht ist auf die Fußballen verlagert. Sie umtanzen einander mit absolut ernsten Gesichtern. Ihre Hände sind schnell, wenn sie zuschlagen. Clarke sieht, wie sie schmerzerfüllt das Gesicht verziehen, wenn jemand trifft, aber niemand weint, niemand setzt sich auf den Boden und fordert eine Pause ein.

Ihr läuft ein Schauer über den Rücken. Was für Erwachsene ziehen so welche Kinder auf?

Es gibt ein Signal, das sie verpasst und plötzlich spielen sie wieder: Die eine Hälfte der Kinder wankt, stöhnt, greift sich an die Brust, während sie sich langsam auf den Boden fallen lassen. Ihre Gegner jubeln, springen siegestrunken umher und beginnen wieder mit ihrem Sprechgesang: „Heda! Heda! Heda!

Das Ganze dauert weniger als zehn Minuten und dann fangen sie wieder von vorne an. Das Einzige, was sich ändert, ist das Kind, welches den mottenzerfressenen Anführer-Mantel trägt. Das jeweilige Kind darf außerdem Dreck in sein Gesicht schmieren. Beim ersten Mal hatte Clarke diesen Teil des Kostüms übersehen. Die Kinder kämpfen wieder und wieder und wieder.

Ungefähr nach dem fünften Durchgang bemerkt Clarke zwei Dinge. Erstens: Sie langweilt sich. Das ist wahrscheinlich ein weiteres Zeichen dafür, dass dies wirklich passiert. Sie glaubt nicht, dass es in Gifthalluzinationen in der Regel Langeweile gibt. Zweitens: Das Anführerkind ist immer ein Mädchen.

Eines der Kinder hört auf zu kämpfen, deutet in die Richtung, wo die Sonne durch die Bäume scheint und ruft etwas. Die anderen stoppen ebenfalls. Sie krempeln heruntergerutschte Ärmel wieder hoch, waschen ihre Gesichter und legen das Fell sorgsam zurück in die kleine Höhle. Dann gehen sie, rufen und lachen, während sie immer tiefer in den Wald verschwinden.

Clarke zwingt sich bis dreihundert zu zählen, um sicher zu gehen, dass sie nicht zurückkommen, und kommt hinter ihrem Busch hervor.

Sie durchsucht die Höhle und erinnert sich kurz daran zurück, wie sie mit Wells auf der Ark gespielt hatte. Es gab nicht viele Verstecke, aber Kinder finden Geheimnisse spannend. Sie muss sich herunterbücken, um weit genug in die Höhle hineinzureichen. Sie findet ein paar grob gehauene Messer, klein genug für Kinderhände, einen Haufen Kleider, die noch heruntergekommener aussehen als die der Kinder, und ein paar kleiner Felle. Hasen, denkt sie. Sie sind gut erhalten, auch wenn sie klein sind.

Und es gibt Essen. Es ist so gut versteckt, dass sie es fast übersieht, aber da ist ein Seil um einen der Steine auf einem Felshaufen in der Ecke der Höhle gewickelt. Als sie den Stein anhebt, zieht sie am Ende des Seils einen weichen Beutel aus dem Freiraum darunter. Es dauert einen Augenblick, bis sie den Knoten aufbekommt und in dem Beutel findet sie Äpfel und Streifen getrockneten Fleischs.

Sie geht nach draußen, um sich hinzusetzen und ihre Beute zu essen. Ihr Körper ist noch immer am Rande der Erschöpfung – was auch immer sie bei ihrem letzten Schlaf wiederhergestellt hatte, war mit dem Schock danach verloren gegangen – also zwingt sie sich zu entspannen, die Wärme der Sonne aufzunehmen. Das Fleisch ist seltsam gewürzt und ihr Magen protestiert etwas, aber sie isst es. Der Beutel, den sie gefunden hat, ist ebenfalls seltsam. Sie dreht ihn in ihren Händen. Die Oberfläche ist glatt. Es ist Baumwolle oder ein anderes natürliches Material, wird ihr klar, das mit etwas behandelt wurde, das es wasserfest macht.

Die Kinder haben vielleicht die Hasen gefangen, deswegen die kleinen Felle, aber das haben sie nicht gemacht. Und das Fleisch ist zäh und schmeckt nach Wild, wahrscheinlich Reh. Sie glaubt nicht, dass so junge Kinder allein ein Reh erlegen können, ganz egal wie gut sie kämpfen können.

Als die Kinder im Wald verschwanden, haben sie sich so verhalten, als ob sie woanders erwartet werden würden. Also gab es hier um Wald irgendwo in der Nähe ein Dorf oder ein Lager. Von Leuten, die hier die ganze Zeit auf der Erde gelebt haben.

Sie ist so in Gedanken versunken, dass sie das Rascheln im Unterholz nicht hört, bis es zu spät ist. Ihr starren geweitete Augen von der gegenüberliegenden Seite der Lichtung entgegen.

Das kleine Mädchen dreht sich so schnell um und rennt so flink, so leise, dass Clarke sich für einen Moment fragt, ob sie sie wirklich gesehen hat – aber dann wird ihr klar, dass sie keine Zeit hat, an ihren Sinnen zu zweifeln, sie muss jetzt verschwinden. Sie schnappt sich den Beutel mit Essen, die Messer, sogar die Hasenfelle und ihr Herz pocht wie wild. Sie weiß nicht, ob sie die Kraft oder die Mittel hat, um zu den anderen zu gelangen, aber sie muss es versuchen und–

Sie hört einen einzelnen, schmerzerfüllten Schrei tief aus dem Wald und dann ist alles still.

Clarke erstarrt.

Es ist nicht ihr Problem. Sie geht weiter und versucht eine Geschwindigkeit zu finden, die sie voranbringt, mit der sie aber keine zu deutliche Spur hinterlässt. Das kleine Mädchen rannte zurück in die Sicherheit und Sicherheit bedeutet Erwachsene und Erwachsene bedeutet Clarke hat andere Probleme als–

Keines der Kinder hatte geschrien, wenn es geschlagen wurde oder zu Boden ging. Wie schlimm musste das Kind verletzt sein, um so ein Geräusch zu machen?

Nein. Sie musste an ihre eigenen Leute denken. Wenn sie noch lebten. Wenn das kaputte Armband nicht das Anzeichen eines größeren Problems war. Wenn sie es mit nur drei Äpfeln und einigen Bissen Fleisch zurückschafft.

Das Mädchen war so klein. Die Jüngste. Als sie die glorreiche Anführerin gespielt hatte, trugen die anderen sie auf ihren Schultern. Sie hatte begeistert die Beine baumeln lassen, während sie bejubelt wurde.

Clarke beißt ihre Zähne so fest zusammen, dass es fast schon wehtut. Sie geht zu dem nächsten tiefhängenden Ast und knotet den Essensbeutel außerhalb der Reichweite von Tieren fest. Dumm, sagt sie zu sich selbst. Weichherzig, scheltet sie sich, als sie die Felle ebenfalls über den Ast wirft. Bellamy hat Recht, du hast nicht das Zeug dazu zu überleben, schon gar nicht dazu anzuführen, denkt sie, während sie sich die kleinen Messer in die Schuhe und den Gürtel steckt.

Dann dreht sie sich um und geht los.

~*~

Das Mädchen war in eine Fallgrube gefallen, wahrscheinlich eine, die ihre älteren Freunde ausgehoben hatten, um noch mehr Hasen zu fangen. Clarke wundert sich, dass das Mädchen nicht einfach selbst herausgeklettert war, doch dann sieht sie, dass das Kind den einen Arm an die Brust gepresst hält. Sie hat Schmerzen, doch die Tränen laufen lautlos an ihren Wangen herunter. Das einzige Geräusch, dass sie macht, ist ein scharfer Atemzug, als Clarke in ihr Blickfeld tritt.

Clarke denkt kurz daran, wie sie nach tagelangem Wandern und auf dem Boden schlafen aussieht – naja. Es ist nicht so, als hätte sie Zeit für ein kleines Bad im Fluss gehabt. Sie kauert sich an den Rand der Fallgrube und streckt ihre Hände aus. Sie streckt sie langsam in Richtung des Mädchens, das sich an den Rand presst und um sich tritt. Ihr entfährt ein Wimmern, da ihre Bewegungen auch den verletzten Arm bewegen. Clarke nutzt diesen Augenblick der Ablenkung durch den Schmerz und packt den unverletzten Arm des Kindes. Das Mädchen erstarrt und Clarke wartet, lässt sich das Kind an die Situation gewöhnen – siehst du, ich will dich nicht irgendwo hin zerren, ich will dich nur davon abhalten, mich zu schlagen, ich will dich nicht verletzen – ehe sie die andere Hand mit geöffneter Handfläche zu dem Mädchen ausstreckt. Sie nickt in Richtung des Arms, den das Mädchen gegen die Brust gepresst hält.

Die Schultern des Mädchens sacken herunter und sie streckt den verletzten Arm aus. Clarke krempelt den Ärmel nach oben und drückt vorsichtig an dem Unterarm herum. Das Mädchen stößt ein Zischen aus. Es ist nur eine Grünholzfraktur, wenn überhaupt. Clarke lässt den anderen Arm los, zeigt erneut langsam ihre leeren Hände und greift vorsichtig nach einem der kleinen Messer. Das Mädchen erstarrt, doch Clarke dreht sich so hin, dass das Kind sehen kann, wie sie ein Stück von einem dickeren Stock auf dem Boden abschneidet und dann die Rinde entfernt, um eine weitestgehend glatte Oberfläche zu schaffen. Sie legt das Messer zur Seite und zeigt dem Kind, wie es den Stock gegen seinen Arm halten und am Handgelenk festhalten soll. Clarke hat glücklicherweise die Lumpen mit dabei, die sie zuvor in der Höhle gefunden hatte. Diese reißt sie zu langen Streifen und wickelt sie rundherum um den Arm des Mädchens und den Stock. So wird der Arm mithilfe der Schiene gerade gehalten. Das Mädchen ächzt ein paar Mal, hält aber still und mustert abwechselnd Clarke und ihren eigenen Arm.

Es gelingt gut, findet Clarke. Als sie fertig ist, rutscht der Ärmel über das Ganze. Clarke streckt ihre Arme aus und das Mädchen schreckt nicht zurück. Sie lässt sich aus der Grube heben. Das Gewicht des Mädchens bringt Clarke aus dem Gleichgewicht und sie landet auf dem Boden. Als sie sich wieder aufrichtet, ist das Mädchen zwischen den Bäumen verschwunden.

~*~

Und dann bleibt Clarke.

Sie weiß nicht genau, warum.

Ein Teil von ihr kann sich dem Rückweg einfach nicht stellen, tagelang ihre Schritte zurückzuverfolgen. Einem Teil von ihr widerstrebt es, die ersten Menschen zu verlassen – selbst, wenn diese vielleicht in irgendeiner Weise von dem Nuklearausbruch verändert sind – die sie nach so langer Zeit allein entdeckt hat. Falls das Mädchen die Erwachsenen holt, sagt sie ihnen vielleicht, dass Clarke ihr geholfen hat. Vielleicht wollen sie dann ihr helfen. Vielleicht kann Clarke sie zum Dropship führen und diese Menschen, die wissen, wie man Fleisch konserviert und wasserdichtes Material herstellt, können den Hundert beim Überleben helfen.

(Oder, wie man einen Speer herstellt, aber sie glaubt, dass es vielleicht gar nicht diese Menschen waren, da sie so viele Tagesmärsche entfernt sind. Vielleicht wissen sie, wer die Hundert angegriffen hatte und können helfen.)

Doch als sie zu Sonnenaufgang aufwacht und sich auf den Weg zu der Lichtung macht, vorsichtig, um nicht aufzufallen, ist sie leer. Da ist nur – Clarke kneift die Augen zusammen – ein kleiner Gegenstand in der Mitte der Lichtung, in große, grüne Blätter gewickelt.

Natürlich, natürlich zieht sie in Erwägung, dass dies eine Falle sein könnte. Doch ihre Neugierde piesackt sie, bis sie es nicht mehr aushält. Sie sagt sich: Du wolltest hierbleiben, um zu sehen, was passiert.

Also betritt sie die Lichtung. Sie nimmt sich einen Stock und berührt damit die Blätter. Als sie sich etwas aufrollen, geht von ihnen ein Duft aus, der Clarke das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Etwas Süßes, Nussiges und Gutes. Sie setzt sich hin, um den Rest der Blätter zu entfernen und entdeckt einen kleinen, runden Kuchen, der mit Kernen übersät ist und ist das Zucker, die kleinen Kristalle, die im Licht glitzern?

Sie bricht ein Stück ab, um es in ihren Mund zu stopfen, ehe sie richtig nachdenkt. Ein Teil von ihr denkt: Hab ich mir nicht genau so vor kurzem noch Probleme eingehandelt? Doch der Rest von ihr schreit: Klappe, klappe, es ist SO LECKER. Es ist unglaublich lecker. Nach unzähligen Tagen gefüllt von Wandern und nur Wasser trinken, ist es das Beste, was sie je gegessen hat. Sie schließt genussvoll die Augen.

Als sie sie wieder aufmacht, starren ihr sieben Augenpaare entgegen.

Die Älteste macht als erstes einen Schritt auf sie zu. Clarke erinnert sich an sie, als die Kinder spielten und daran, dass ihre Kriegsschreie so überzeugend waren, dass Clarke zusammengezuckt war. Das Mädchen hält ihr Kinn genauso hoch wie bei dem Spiel als sie jetzt etwas sagt, eine fast schon kaiserliche Forderung stellt.

Clarke, den Mund noch voller Kuchen, deutet auf ihre Kehle und schüttelt den Kopf.

Es ist erkennbar, dass sie sie verstehen. Die Kinder flüstern miteinander, bis das älteste Mädchen etwas zischt und sie alle verstummen. Doch sie scheinen keine Ahnung zu haben, was sie jetzt tun sollen.

Clarke schluckt und streckt eine Hand mit einem Stück Kuchen aus, ein Angebot.

Die Anführerin nähert sich ihr, vorsichtig, Schritt für Schritt. Sie kommt gerade nah genug heran, um ihre Hand auszustrecken und das Stückchen mit den Fingerspitzen entgegenzunehmen. Sie riecht daran – Clarke zieht eine Augenbraue hoch. War es nicht von ihnen? Aber vielleicht denken sie, dass Clarke es irgendwie verwandelt hat, es mit ihrer Berührung verändert hat. Das Mädchen beißt ab und kaut langsam.

Sie verkündet den anderen etwas, lässt Clarke aber nicht aus den Augen. Was auch immer sie sagt, die anderen Kinder entspannen sich und kommen näher heran. Das kleine Mädchen vom Tag zuvor drängelt sich nach vorne und klettert auf Clarkes Schoß, so als ob sie sich den besten Platz sichern wollte. Clarke verspannt sich. Sie ist nicht wirklich an kleine Kinder gewöhnt, eigentlich hatte sie sie nur gesehen, wenn sie medizinische Hilfe brauchten, und dann waren sie ängstlich und hatten sich an ihre Eltern geklammert. Aber dieses kleine Mädchen plappert vor sich hin, unbefangen, während sie ihren einen Ärmel hochkrempelt, um Clarke die provisorische Schiene von gestern zu zeigen. Sie ist noch immer intakt und Clarke lächelt das Mädchen an. Dieses lächelt zurück und wirft dann einen erwartungsvollen Blick auf den Samenkuchen. Clarke gibt ihr ein Stück, das Mädchen lehnt sich zurück und isst.

Die älteren Kinder sind zurückhaltender. Eines nach dem anderen lehnen sie vorsichtig Stücke von dem Kuchen ab und bringen Clarke selbst dazu, den Kuchen zu essen. Sie stellt sich vor, den Eltern zu gratulieren: Ihr habt sie zu furchteinflößenden Krieger*innen UND großzügigen Gastgeber*innen erzogen. Sie rücken näher an sie heran, inspizieren ihre Haare, das Profil ihrer Schuhe und werden weniger vorsichtig, wenn sie sich gegenseitig zu Seite schubsen, um einen bessern Blick auf Clarke zu werfen. Als Clarke mit Essen fertig ist, erkennen sie sofort, dass ihre Augen zufallen. Sie schieben sie in die Höhle, drücken und ziehen an ihrer Kleidung, befehlen ihr (glaubt sie) in der Höhle zu schlafen. Als sie sich hinlegt, legen sie das löchrige Fell über Clarke. Die Älteste zeigt erst auf sie, dann auf den Boden und wiederholt ein Wort mehrfach.

Okay, denkt Clarke, als sie in den Schlaf sinkt. Ich bleibe.

~*~

Ihre Namen vom größten zum kleinsten Kind sind: Baya, Jeffer, Balti, Anka, Chesa, Largo und Thesda. Sie haben für Clarke ebenfalls einen Namen, etwas Flüssiges und Gurgelndes, das Clarke nicht richtig versteht. Sie tut ihr Bestes, ihre Sprache zu lernen. Sie ist nicht so weit von Englisch entfernt, findet sie. Fast so als würde man Englisch rückwärts und unter Wasser sprechen, die Silben sind locker und unzusammenhängend. Manchmal, wenn sie den Kopf in den Nacken legt und versucht nicht zu viel nachzudenken, kann sie es fast verstehen.

Die Kinder machen es deutlich leichter, sie wiederholen unendlich oft Wörter für sie, sprechen langsam und deutlich. Sie scheinen sich überhaupt nicht daran zu stören, dass sie kaum etwas versteht, und nennen ihr gerne die Worte für jegliche Objekte, auf die sie zeigt. Als würden sie etwas für eine wohlwollende Lehrerin wiedergeben und jedes Kind möchte mal dran sein. Sie hat Glück in der Hinsicht, sie vermutet, dass Erwachsene misstrauischer sein würden.

Erwachsene würden sie wahrscheinlich auch nicht zu einer Art Haustier machen. Die Kinder bringen ihr am Morgen und am späten Nachmittag Essen, wenn die Älteren es schaffen. Was auch immer sie für Aufgaben oder Unterrichtsstunden haben, die sie von der Lichtung fernhalten, Thesda scheint nicht davon betroffen zu sein. Sie hat auch mittags Zeit. Clarke hätte es vielleicht geschafft, sich an dem Tag davonzuschleichen, als sie ihr den Samenkuchen gaben, nachdem die Kinder verschwunden waren – doch Thesda kam zurück, als sie gerade gehen wollte und der Blick des Mädchens ließ Clarke seufzend ihr Bündel fallen lassen. Sie muss sich sowieso ein paar Tage erholen, sagt sie sich, langfristig kann es nur helfen. Sie ignoriert die Schuldgefühle, wenn Thesda sie ein bisschen zu eng umarmt oder nochmal zurück zur Lichtung kommt, als ob Clarke jede Sekunde verschwinden könnte.

Sie bringen ihr auch andere Dinge als Essen: Decken und sogar Kleidung. Nichts davon ist neu oder in so guter Verfassung, dass es vermisst werden würde. Sie sind kluge Kinder, denkt Clarke und grinst. Sie kann sich vorstellen, wie aufregend ist sein musste, so ein Geheimnis zu haben.

Sie fühlt sich mit jedem Tag etwas besser, ein wenig stärker. Sie schafft es dank dem Bach, den schlimmsten Dreck loszuwerden, doch ihre alte Kleidung ist aussichtslos dreckig und verschwitzt. Es stellt sich raus, dass es nicht schlimm ist, da die Kleidung, die die Kinder für sie schmuggeln, wenn auch zerschlissen, überraschenderweise viel wärmer als gedacht ist. Sie treiben sogar ein Paar nicht zusammenpassende Stiefel auf. Sie sind zu groß, aber mit Fell gefüttert. Die Nächte werden mit jedem Sonnenuntergang kälter, also ist dies eine gute Sache – dies sind Dinge, die Clarke brauchen wird, wenn sie sich dann endlich auf den Rückweg macht.

Sie sagt sich das wieder und wieder – sie ruht sich aus, die sammelt Nahrung für die Reise zurück, sie lernt die Sprache und das wird hilfreich sein (auf irgendeine Weise) – währen die Tage vergehen.

Bis sie entdeckt wird.

 

 

 

(nächstes Kapitel)

„Commander, wir müssen das richtig stellen. Ihre Familien denken, dass sie ein wildes Tier füttern.“

Es fällt leicht, die Augen der Frau auszumachen, sie stechen zwischen der dunklen Farbe hervor, als sie Clarke mustert. „Sind wir sicher, dass es nicht genau das ist?“ erwidert sie trocken.