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Irgendwo in Frankfurt

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Leo verabschiedete sich unter nur oberflächlichem Protest von Caro und ihren Freundinnen. Er war nur mit ihnen auf diesem Städtetrip weil jemand so kurzfristig abgesagt hatte, dass das Hotelzimmer nicht mehr storniert werden konnte und sie schnell einen Ersatz gebraucht hatten. Er musste auch zugeben, dass sich alle bemüht hatten ihm nicht das Gefühl zu geben das fünfte Rad am Wagen zu sein aber es war einfach ein Unterschied ob man mit seinen besten Freundinnen einen Trinken ging oder mit seinen besten Freundinnen und dem Bruder von einer dieser Freundinnen. Er wollte intimeren Gesprächen nicht länger im Weg stehen. Also wünschte er den drein noch einen schönen Abend und floh dann nach draußen.

Irgendwo zwischen Bar und Hotel blieb er stehen und lehnte sich in einer halbwegs ruhigen Ecke an eine Wand. Eigentlich könnte er auch noch irgendwoanders hin. Frankfurt mangelte es ja nicht gerade Lokalitäten und eigentlich hatte er es beim Abschied auch so klingen lassen, als ob ihm einfach die Bar in der sie gelandet waren nicht besonders zusagte. Das stimmte zwar wirklich (zu laut und mit einer Deko die schien als sollte sie Gäste anziehen die noch nicht alt genug waren das zu trinken was auf der Karte stand) aber er hatte auch wenig Lust nach einer zu suchen die ihm zusagte. Andererseits wirkte war die Aussicht auf einen Wein in einer ruhigeren Ecke doch verlockend.

„Verdammt noch Mal Leo!“

Irritiert schaute er sich um. Das war von dem Mann gekommen der gerade ein paar Meter vor ihm stehengeblieben war. Es dauerte einige Sekunden bis ihm klar wurde, dass er telefonierte. „Ja, ich weiß.“ sagte er jetzt mit kaum unterdrücktem Ärger. Das klang nicht wie ein Gespräch bei dem man gerne Zuhörer hatte. Aber Leo hatte keine Lust wegzugehen weil er sich immer noch nicht entschieden hatte was er jetzt tun wollte. Und wer kein Publikum wollte sollte seine Gespräche halt nicht auf offener Straße führen.

„Ich brauche einfach ein bisschen Zeit. Verstehst du das nicht?“ Der Mann stand mit dem Rücken zu ihm aber Leo hatte das Gefühl im trotzdem die Anspannung anzusehen. Oder vielleicht bildete er sich das nur ein weil er das Gespräch überhörte. Generell machte er sich wahrscheinlich zu viel Gedanken über die Probleme von anderen Menschen. Aber das war einfacher als über seine eigenen nachzudenken.

„Du verschwindest zwanzig Jahre von der Bildfläche und kannst jetzt nicht noch ein oder zwei Tage warten?“

Leo hätte beinahe geschrien. Das hatte er jetzt davon, dass er beschlossen hatte fremde Menschen zu belauschen. Da hörte man auch Dinge die man überhaupt nicht hören wollte, weil man dann plötzlich über Dinge nachdachte über die man wirklich nicht nachdenken wollte.

Was würde er machen wenn Adam plötzlich wieder vor ihm stehen würde? Morgen? In zehn Jahren. Würde das einen Unterschied machen?

Wenn er doch nur überhaupt wiederkommt. Er schob den Gedanken zur Seite.

Du hast es doch nicht Mal für nötig gehalten mich wissen zu lassen, dass du noch lebst.“

Leo sollte sich jetzt wirklich umdrehen und gehen. Diesem Gespräch zuzuhören tat ihm gar nicht gut. Er ging aber nicht.

Einmal, etwa drei Jahre nachdem Adam verschwunden war hatte er seinen Namen gegoogelt. Er hatte einen Journalisten einer Lokalzeitung irgendwo an der Ostsee gefunden (kurzes Suchen verriet ihm, dass dieser Adam Schürk schon über 50 war), den Saarbrücker Fußballverein in dem Adam Mitglied gewesen war und der übermotiviert alle Spielberichte online stellte und sonst nur Adams mit einem so ähnlichen Nachnamen. Dann hatte er einmal darüber nachgedacht, was er tun würde wenn er Adam wirklich finden würde. Und noch viel länger darüber was er über Adam finden könnte und hatte es seitdem nicht mehr versucht.

Inzwischen hörte der Mann nur dem Anderen – Leo erinnerte er sich – zu und außer einem „aber du…“ sagte er selbst nichts mehr.

Noch einmal versuchte Leo sich zu überzeugen, dass er jetzt gehen sollte. Er tat es immer noch nicht. Vielleicht sollte er doch noch einmal nach Adam suchen. Vielleicht war Gewissheit doch besser als...was auch immer er da mit sich herumschleppte.

„Doch“, er war jetzt sehr leise und klang gar nicht mehr so verärgert wie vorhin, „natürlich freu ich mich, dass du wieder da bist.“

Nein. Gewissheit war viel zu riskant. Was wenn er die Gewissheit hätte, dass er Adam wirklich nie wiedersehen würde?

Der Mann hatte jetzt beschlossen das Gespräch doch im Gehen weiterzuführen und war um eine Ecke verschwunden. Schon drangen nur noch zusammenhanglose Fetzen bis zu im herüber.

Würde er Adam irgendwann sagen können, dass er sich freute ihn wiederzusehen? Er schüttelte sich als ob er damit auch den Gedanken loswerden könnte. Dann drehte er sich um und ging wieder ein Stück den Weg zurück den er gekommen war. Aus der ersten Bar an der er vorbeikam drang laute Musik und die grellbunte Karte die neben der Tür hing pries eine Menge überteuerter Cocktails an. Er öffnete die Tür und ging hinein.