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Die Abenteuer der Puppenliese

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Es war ein sonniger Frühsommertag. Der Lärm der Autos und der Elektrischen auf den Straßen wehte gedämpft herüber. In der Luft schwirrte ein kleines Sportflugzeug, das ein Werbebanner für Kaschunkes Echten Bohnenkaffee zog.

'Warum willst du immer in diesem Park deine Spaziergänge machen?' fragte Dora ihren Geliebten, nicht zum ersten Mal. 'Nie fahren wir aufs Land oder an den Wannsee, da ist es auch schön.'

'Du weißt, wie es um mich bestellt ist', sagte der Mann. 'Ich kann nie zu weit von meinem Schreibtisch entfernt sein. Und du schätzt dich immer so glücklich, dass dein Kavalier nicht zu denjenigen gehört, die ihr Geld und ihre Zeit in Kneipen vergeuden. Zufriedenheit mit dem eigenen Schicksal ist das Beste, was ein Mensch erreichen kann…Gleich wollen wir bei der Reinecke eine Tüte Kirschen kaufen, damit auch dein Tag versüßt wird, meine Liebe.'

Diese Voraussicht zauberte ein Lächeln auf Doras hübsches Gesicht. Sie blieb stehen, rückte seinen Schlips zärtlich zurecht und fuhr ihm sanft mit den Fingern über die mit Tweed verhüllten Schultern.

Sie standen auf einem Seitenweg. Es waren keine anderen Spaziergänger zu sehen.

Das Säuseln der Baumblätter schwoll an, als ob ein Herbstwind wehen würde. Es hörte sich wie die Klage eines Menschen an, unterbrochen von gedämpftem Schluchzen.

'Mein Gott, Franz', flüsterte Dora. 'Sieh nur da….ein kleines Mädchen. Was fehlt ihr wohl?'

Er drehte sich um und sah ein etwa sechsjähriges Kind in einem grobwollenen Schürzenkleidchen mit und heruntergerutschten Strümpfen, das weinend über die Wiese wanderte und Unverständliches stammelte. Es war alleine.

Er dachte an seinen eigenen Vater, an die Rutenschläge, die er selber als Kind zu Hause für schlechte Schulnoten bekommen hatte.

Er ging auf das Kind zu, sank in die Knie und versuchte, ihm in die Augen zu sehen. 'Was hast du denn, Kleines?' fragte er. Sie fuhr zusammen, wohl weil sein Akzent verriet, dass er kein Berliner war, oder schlicht und einfach weil sie gelernt hatte, unbekannte erwachsene Männer zu meiden.

'Liese', stammelte sie. 'Die Liese...Sie war…'

Er dachte an seine Schulzeit. An die Jungen, die sich über seine Nase oder seine Aussprache lustig gemacht hatten. 'Jud, Jud, hast einen Wasserhahn im Gesicht.' 'Tschechenferkel.'

Er dachte an die anderen, die auf dem Nachhauseweg aufgelauert worden waren und Lektionen erteilt bekommen hatten, zum Beispiel weil sie ihre jüdischen Mitschüler verteidigt hatten.

'Wer ist Liese?' fragte er nun das Mädchen. 'Ist sie deine Spielgefährtin? Hat sie dir Böses getan?'

Das Mädchen schüttelte den Kopf und weinte lauter. 'Oder deine Eltern?' wollte er wissen. 'Haben sie dich bestraft? Ha, vielleicht weil du heimlich von Muttis Kompott genascht hast, nicht wahr?'

Er lächelte, obwohl er immer noch nicht verstand, warum Kinder wegen kleinster Missetaten, die sie oft nicht mal begangen hatten, verprügelt wurden, während die Erwachsenen nach Lust und Laune und unversehrt über Menschenschicksale verfügen konnten.

'Die Liese ist meine Puppe', schluchzte das Mädchen. 'Sie ist meine beste Freundin. Ich hab sie gestern zum Spielen hierhin mitgenommen, aber ich hab sie verloren.'

'Wie sieht sie denn aus?' fragte er. Das Kind beruhigte sich und beschrieb sie. Ein blaues Schürzenkleidchen, weiße Strümpfe, blonde Zöpfe und eine Baumwollkappe mit Spitzen dran.

'Komm', sagte Dora. 'Wir wollen jetzt Kirschen bei der Reinecke kaufen.'

'Wie heißt du?' fragte er das Mädchen. Ihr Name war Ute. 'Nun, Ute', lächelte er, 'sei morgen nach der Kaffeezeit wieder hier. Wir wollen zusammen nach der Liese suchen. Geh jetzt zu deinen Eltern. Sie werden dir schon nicht böse sein. 'Oder vielleicht doch', bemerkte Dora. 'Kleine Mädchen sollten nicht alleine herumwandern.'

Als sie den Park verließen und der Allee entlangliefen, musste er sich anhören, dass er ein weltfremder Tor sei, dem die Schriftstellerei das Hirn verdorben hätte. Kein Interesse am Weltgeschehen, dafür aber an einer dummen Alltagsgeschichte. Es gäbe überall Kinder, die um verlorenes Spielzeug weinten, was sollte man sich da groß aufregen. 'Kirschen wollen wir', sagte er nur. Sich mit einer Frau anlegen war ein zu weites Feld für ihn.

***

Am nächsten Tag war Ute wieder an derselben Stelle. Vorsichtshalber fragte er sie, ob ihr ihre Eltern erlaubt hätten, alleine in den Park zu gehen. 'Mutti ist es schon recht, dass ich nicht da bin', sagte das Kind. 'Sie muss sich um meine kleinen Brüder kümmern und aufpassen, dass das Dienstmädchen nichts vermasselt beim Kochen oder Plätten. Und Vati ist immer im Geschäft. Er kommt erst nach Hause, wenn es Zeit ist fürs Abendbrot.' 

Diese Eltern möchte ich mir mal vorknöpfen, dachte er. Er sagte aber: 'Wir wollen nun die Liese suchen.'

Sie suchten überall. Unter den Büschen, hinter den Bänken, im verlassenen Musikzelt. Sie riefen den Namen, auf den sie getauft worden war -  Puppenliese - hundertmal, aber jede Antwort blieb aus.

Als die Abendbrotzeit heranrückte, versprach er Ute, am nächsten Tag wieder da zu sein um ihr beim Suchen zu helfen. Am Nachmittag, nach der Schule. 'Da gehe ich aber noch nicht hin', seufzte sie. 'Mutti sagt immer, sie kann den Tag kaum erwarten, an dem ich in die erste Klasse komme. Da werde ich endlich meine Ruhe haben, sagt sie dann. Aber ich bin immer ganz leise und ganz brav.'

'Ich werde morgen da sein', wiederholte er. Er sah ihr nach, als sie den Weg zum Parktor hinunterrannte.

Er  zündete sich eine Zigarette an, schaute auf seine Armbanduhr und setzte sich auf eine Bank. Mein Abendessen kann noch ein bissel warten, sagte er sich selber. Auf eine halbe Stunde mehr oder weniger bis ich Dora bei Tee und Brot gegenübersitze kommt es ja nicht an.

***

Es war kurz nach Mitternacht. Er saß am Schreibtisch, rauchte, trank kalten Tee und starte auf einen kaum beschriebenen Bogen. Ich habe schon ganze Romane geschafft, dachte er belustigt, aber nun will und will die Muse nicht kommen. Mein Gott, wenn mein Verleger mich jetzt so sehen würde, der hätte seine Gaudi daran.

'Kommst du jetzt endlich?' tönte es aus dem Schlafzimmer. 'Mir ist kalt und langweilig.'

'Eine Minute, Liebes', rief er zurück. 'Nur noch schnell einen Brief zu ende schreiben, gelt.'

Die Turmuhr der nahegelegenen Kirche schlug vier als er, erkaltet und mit brennenden Augen, ins Bett stieg und sich an die schlafende Dora schmiegte.

***

'Schau, was ich heute Morgen in meinem Briefkasten gefunden habe', sagte er zu Ute. Sie standen auf dem Seitenweg,  neben den Rhododendronbüschen. Es war ein Wochentag, und so war kaum jemand im Park unterwegs.

Er zeigte ihr einen cremefarbenen Umschlag, auf dem in unbeholfener Schrift An Ute stand. Auf der Rückseite befand sich der Name des Absenders: Puppenliese.

'Deine Freundin hat dir einen Brief geschrieben und ihn zu mir nach Hause geschickt', erläuterte er.

Utes Gesicht erhellte sich. Dann verfinsterte sich ihre Miene wieder. 'Ich kann noch nicht lesen', murmelte sie.

Mein Kleines, dachte er. Du hast auch nicht bemerkt, dass keine Briefmarke darauf ist.

Er zog seine Brille aus der Brusttasche, bedeutete Ute, dass sie sich neben ihn auf den Rasen setzen sollte und schnitt sorgfältig den Umschlag auf. 'Wollen wir nun mal sehen, was dir die Liese schreibt', sagte er fröhlich.

Er las seine neu erfundene, krakelige Puppenschrift. Liebe Ute, ich hoffe, es geht Dir gut. Es tut mir leid, dass ich im Park davongelaufen bin. Das war nicht  wegen Dir. Du warst immer lieb zu mir. Ich wollte nur etwas von der Welt sehen und viel lernen. Und so bin ich in den Zug gestiegen und irgendwo hingefahren wo ich zur Puppenschule gehen kann. Ich will besser lesen und schreiben lernen, und auch Rechnen und Religion und Erdkunde. Sobald ich alle diese Dinge gelernt habe, komme ich zurück zu Dir, weil du meine beste Freundin bist. Ich werde Dir oft schreiben. Die Briefe schicke ich nicht zu Dir nach Hause, weil Deine Eltern sie vielleicht vor dir verstecken würden. Ich schicke sie an meine Freunde, Onkel Franz und Tante Dora. Der Onkel wird sie Dir vorlesen. Ich vermisse Dich und wünsche Dir alles Gute - Deine Dir treu ergebene Puppenliese.

'Wie schön', seufzte Ute, als er vom Bogen aufblickte. 'Glauben Sie, dass es ihr auch gut geht? Wird sie in der Puppenschule auch bestimmt nicht gehänselt?'

'Nein, sie wird dort nur nette Klassenkameraden haben', beruhigte er sie. 'Puppenkinder sind immer brav und gut erzogen, und genauso lieb wie du. Sie wird dir weitere Briefe schicken. An meine Adresse, versteht sich. Sei jeden Tag hier, damit ich sie dir vorlesen kann…Und bitte, nenn mich Onkel Franz. Das tut die Puppenliese schließlich auch.'

***

Das junge Fräulein im blauen Schürzenkleidchen berichtete vieles über ihr Leben in einer weit entfernten Stadt, wo sie in die Schule ging und bei einem netten Ehepaar wohnen durfte, wo es jeden Tag heiße Schokolade und Napfkuchen zum Frühstück gab. Sie ging auch viel auf Reisen und erzählte über ihre Besuche beim König von England und sogar beim amerikanischen Präsidenten, der mit ihr und einer lustigen Kuhhirtentruppe eine wunderbare Fahrt durch die Wüste gemacht hatte.

Ute ging kein einziges Wort der Briefe ab. Sie versuchte, die Puppenschrift zu entziffern, wobei die einzelnen Buchstaben allmählich vertraut wurden, obwohl sie noch nicht in die Schule ging. Als der Sommer sich dem Ende zuneigte, konnte sie schon ganze Zeilen lesen.

Onkel Franz, übernächtigt weil er nur an Lieses Geschichte arbeiten konnte wenn Dora schlief, nahm immer öfter Apfelschnitten oder Orangen mit in den Park. Sie aßen, besprachen alles was eine Puppe noch zu lernen hatte und freuten sich schon auf den nächsten Brief.

'Sie müsste doch bald wiederkommen', sagte Ute eines Tages, als der erste Herbstwind schon durch den Park fegte. 'Irgendwann hat man ausgelernt, das sagt Vati immer.'

Am darauffolgenden Tag zeigte ihr Onkel Franz einen Brief, in dem Puppenliese verkündete, sie hätte die Schule abgeschlossen. Sie hätte sich obendrein mit Puppenheini, einem ihrer Klassenkameraden, verlobt. Sie bereue es sehr, dass ihre beste Freundin der Hochzeit nicht beiwohnen dürfe. Für Menschenkinder sei dies nun mal verboten.

'Ich werde ihr schreiben', entschied Ute. 'Schickst du dann bitte den Brief ab, Onkel Franz?'

Und so brachte er ihr am nächsten Tag einen Bleistift und Papier. Sie setzte sich auf eine Parkbank und malte angestrengt einige unbeholfene Lettern hin. Er half ihr und nannte jeden Buchstaben. Als sie fertig war, las er Libe Liese ich wünsch dir alles Gut und fiehl Glück und hoffe das Puppenheini genauso liep ist wie der Onkel Frantz. Mit fielen Grüssen deine Ute.

'Das ist ein schöner Brief', lobte er. 'Ich werde ihn gleich mitnehmen und die Tante Dora wird ihn zur Post bringen.'

Bevor er ging, zeigte er ihr eine Höhle in einer alten Ulme, in die er an Tagen, an denen er sie nicht im Park treffen konnte, Puppenlieses Briefe ablegen würde.

***

Es war Herbst und bereits zu kalt für tägliche Spaziergänge. 'Deine Lungen, Franz', ermahnte ihn Dora oft. 'Du wirst dir noch den Tod holen.'

Aber er ging raus, im Wintermantel, mit seiner Kappe tief in die Augen gezogen, sniefend und oft hüstelnd.

Ute war in die Schule gekommen, wo es ihr nicht gefiel. Die Frau Lehrerin sei gar zu streng. Wer kichere oder in der Nase bohre, bekäme mit einem Lineal einen Schlag auf die Finger. Lesen sei allerdings schön.

Mutti und Vati wollten aber keine Bücher für zu Hause besorgen. Alles Unsinn, meinten sie, wenn du groß bist, kommst du eh als Verkäuferin in unser Geschäft, was brauchste da solche Kinkerlitzchen. Addieren und subtrahieren solltst du lernen, damit du später ordentlich Rechnungen schreiben kannst.

Er verstand nun umso besser, warum sie sich immer stärker nach Lieses Rückkehr sehnte, vor allem, da er spürte, wie seine Kräfte schwanden und er bald nicht mehr jeden Tag in den Park gehen könnte.

Was er Ute sagen konnte, gelang ihm nur mit Mühe, weil er immer kurzatmiger wurde. 'Du solltest verstehen, dass Liese mittlerweile arg viel zu tun hat', erklärte er. 'Sie muss für Heini kochen und waschen und nähen und die Betten machen. Bald wird sie Puppenkinder haben. Die kann sie nicht im Stich lassen. Aber sie denkt immer an dich. Sie schreibt es ja.'

Er sah, wie Ute die Tränen übers Gesicht liefen. Hier durfte sie weinen, denn nur er war zugegen und er ermahnte sie nie. In der Schule hatte jedes Mädchen tapfer zu sein, wie jeder Junge auch, denn sie waren die künftigen Erwachsenen, die sich immer stärker zu zeigen hatten als die sogenannten Weichlinge, Papieresel und unlauteren Geschäftemacher. Für vergnügliche Stunden mit der abwesenden besten Freundin wurde die Kleine langsam zu groß.

Er wollte der Geschichte ein Ende bereiten, einen glücklichen Ausgang, der Ute darüber hinwegtrösten sollte, dass Onkel Franz vermutlich bald nicht mehr im Park sein würde.

***

Die Berliner Einkaufsstraßen erstrahlten schon in bester Vorweihnachtsstimmung als er eines Tagens hustend und fiebernd aus der Elektrischen stieg und ein Spielwarengeschäft aufsuchte.

Er erkundigte sich beim Verkäufer nach einer Puppe mit blondem Haar. 'Tut mir leid', sagte der Mann. 'Die sind schon alle. Brünette ham wir noch, die sind ooch schön.' Er zeigte ihm einige Exemplare, die alle ähnlich aussahen. Erwachsen, mit langen, feierlichen Kleidern, Mänteln und Damenhütchen.

Der Kunde bezahlte und ließ sich das Gekaufte in graues Papier einwickeln, was der Verkäufer mit Staunen entgegennahm. 'Ach so', lächelte er dann. Sie feiern ja keine Weihnachten, ne…Trotzdem schöne Feiertage, und beehren Sie mein Geschäft bald wieder.'

***

'Das ist nicht die Puppenliese', sagte Ute. 'Diese sieht doch ganz anders aus. Braunes Haar, ein richtiges Kleid und ein Mantel.'

'Doch, das ist sie', sagte er. Gestern Abend stand sie bei mir vor der Tür. Sprechen kann sie nicht, alo hat sie nichts gesagt, aber sie hatte einen Brief dabei. Sie hat sich so nach dir gesehnt, sie wollte zu dir.'

Er zog einen Umschlag aus der Innentasche, der in Puppenschrift an Onkel Franz und Ute adressiert war. Er las  Das Reisen hat mich verändert, und meine Ehe mit Puppenheini auch. Alles war gut und schön, aber bei Dir ist es viel schöner. Darf ich jetzt wieder bei Dir wohnen?

'Ja, du darfst', sagte Ute, 'auch wenn du jetzt ganz anders aussiehst', und sie drückte die Puppe an ihre Brust.

Er stand da, steckte sich eine Zigarette an und sah, wie sie ihrer besten Freundin Worte ins Ohr flüsterte und sie auf die künstlich geröteten Wangen küsste.

Es kamen zwei Erwachsene des Weges, eine Frau in den Vierzigern mit einem hastig aufgesetzten Pelzhut und einem Wollkleid und einem Leinenkittel unter ihrem offenen Mantel. Neben ihr ging ein Mann, der nur mit einer Filzkappe und einem schäbigen Tweedanzug bekleidet war.

'Da bist du ja', sagte die Frau zu Ute. 'Wir haben überall nach dir gesucht. Du solltest heute sofort nach der Schule nach Hause kommen, um auf deine kleinen Brüder aufzupassen, weil ich ja im Geschäft aushelfen musste. Ich konnte nicht hingehen. Wat denkste, dass das Geld einfach so auf den Bäumen wächst, he?

Sie verpasste Ute eine schallende Ohrfeige. Die Puppe fiel zu Boden.

'Und wer sind Sie denn?' fragte der Vater.

'Der Vater einer ihrer Spielkameradinnen', sagte er ruhig. 'Meine Tochter ist zu ihrer Tante aufs Land gefahren. Da wird sie ab jetzt auch zur Schule gehen. Es tat ihr so leid, dass sie sich nicht von Ihrer Ute verabschieden konnte. Deshalb hat sie mich gebeten, ihr ihre Lieblingspuppe zu schenken.'

'Das ist aber nett', sagte die Mutter. 'Ute, hast du dich schon bei dem Herrn bedankt? Wie heißen Sie eigentlich?'

Bevor er antworten konnte, fragte der Vater: 'Sind Sie ein Deutscher? Wohl eher nicht.'

'Nein, ich bin aus Prag', lächelte er. 'Ein Österreicher also. Meine Frau ist eine Berlinerin.'

'Sind Sie Jude?' wollte der Mann wissen. 'Ach nee, lassen Sie man, das sieht man auch so. Nix wie Flausen im Kopf…Gut, dass meine Tochter nicht mehr mit Ihrer spielen wird. So was jeht ja nu man gar nicht. Aber trotzdem, danke für das Geschenk. Mal sehen, ob wir es verkaufen können. Die Ute ist ja eh zu groß für Spielzeug, und das Jeld ist in letzter Zeit knapp…Schönen Tach noch, der Herr…Komm, Emmi, komm, Ute…Dieser Park ist nichts für uns.'

***

Die Frau schaltete den Staubsauger aus, stieg über das Gerät und setzte sich an den Tisch,  wo Kaffee und Zigaretten auf sie warteten. Sie steckte sich eine an und versank in Gedanken, wie so oft in letzter Zeit.

Ihre kleine Wohnung in einem Kölner Außenbezirk verließ sie nur, um ins Büro zu fahren oder zum Einkaufen. Ihre Freundinnen bekam sie kaum zu Gesicht. Nach Jahren anstrengender Mutterschaft hatten sie nun alle Enkel, die sie betreuen mussten, weil Kindergärten bekanntlich nicht das Gelbe vom Ei waren. Zu Hause war es schöner. Mit der Einschulung und dem Ernst des Lebens sollte man nicht vor dem richtigen Zeitpunkt anfangen.

Ja, schön habe ich es auch, sagte sie sich, als sie langsam von ihrem Kaffee trank und das Regal voller Bücher betrachtete. Ich hatte nie einen Ehemann, dessen Unterhosen ich waschen musste und auch keinen Nachwuchs, der zu Unzeiten Essen oder saubere Kleidung oder Nachhilfe verlangte. Und auch keine Verwandten, denn meine Eltern und meine Brüder haben mir meinen Umzug in den Westen nie verziehen.

Ihr Blick wanderte zum Stuhl ihr gegenüber, wo die Puppe saß, auf einem Stapel Sofakissen, damit sie über den Tisch gucken konnte. Das Porzellangesichtchen war nach dem Sturz im Park, der nunmehr über fünfzig Jahre zurücklag, notdürftig geflickt, was sie unverkäuflich gemacht hatte, aber die braunen Augen schauten so lieb und sanft drein wie immer.

Die Frau stand auf und öffnete Puppenlieses Wintermantel. In der Innentasche befand sich noch der kleine Papierstreifen, vergilbt und spröde. Die elegante Männerhandschrift war immer noch leserlich.

Alles, was du liebst, geht wahrscheinlich verloren, stand da. Aber am Ende wird die Liebe auf eine andere Art zurückkehren - Franz Kafka.

Die Frau steckte das Zettelchen wieder in Lieses Innentasche. Dann setzte sie sich an ihren Platz, nahm ihre Brille ab und fuhr sich mit einem Taschentuch über die Augen. In der verschwommenen Welt saß er wieder neben ihr, als wäre er noch am Leben, der elegante, dunkelhaarige Mann mit dem zärtlichen Blick und den langen Wimpern und dem heilsamen Lächeln, der Mann, über den sie auch nach so langer Zeit mit niemandem sprechen würde, denn keiner würde ihr je glauben, dass sie ihn so oft im Park getroffen hatte, in Köln würde man so etwas als eine Jeckengeschichte abtun, aber der Mann war in dieser Wohnung immer anwesend, nach der Arbeit und in der Nacht, für ewig Ende dreißig, der Mann, wegen dem sie als junge Frau etliche Heiratsanträge abgelehnt hatte, auch nachdem sie durch Zufall erfahren hatte, dass er im Jahr nach ihrer letzten Begegnung gestorben war.