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Irgendwo in Peru

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Die Bar ist stickig und trotz der Tageszeit schon ziemlich voll. Er sieht keinen freien Einzelplatz, aber ganz hinten sitzt ein dunkelhaariger Typ alleine an einem großen Tisch, direkt unter dem einzigen Fenster im Raum. Adam hat keine große Lust auf ein Gespräch, egal wie oberflächlich, aber er hat noch weniger Lust sein Bier im stehen zu trinken. Und vielleicht ließ sich ein Gespräch ja vermeiden wenn er es richtig anstellt.

Er geht auf den Kerl zu, fragt in seinem schlimmsten Spanisch „Ist hier noch frei?“ und übertreibt dabei auch seinen Akzent maßlos. Wenn er die Bar richtig eingeschätzt hat, hat die Kundschaft hier wenig Lust drauf für Touristen mit schlechtem Schulspanisch extra langsam und deutlich zu sprechen.

„Setz dich“, sagt der Typ auf Deutsch. OK, sein Plan hatte da wohl einen Haken. Aber wer rechnet bitte damit, dass er in so einem Kaff in Peru nicht der einzige Deutsche ist? Zu seiner Erleichterung scheint sein Tischnachbar keinen Drang zu verspüren diesen Zufall zu kommentieren und so sitzen sie beide da und trinken schweigend ihr Bier.

Das Fenster ist so klein, dass auch direkt darunter die Luft nicht frischer ist. Dafür lässt es den Lärm von der Straße herein. Gerade eben führen zwei Männer eine angeregte Diskussion über Fußball, deren Feinheiten Adam nicht versteht weil ihr Dialekt zu stark ist. Die Fußballexperten entfernen sich wieder und Adam vertieft sich gelangweilt in das Etikett seiner Bierflasche. Nicht, dass es besonders spannend wäre, aber er versucht auszustrahlen, dass er wirklich kein Interesse an einem Gespräch mit seinem Nachbarn hat.

Nur vage registriert Adam, dass sich draußen wieder jemand dem Fenster nähert und dass es beim Gespräch diesmal wesentlich aggressiver zugeht. Und das es nicht auf Spanisch stattfindet.

Du verdammter Versager! Du bist ja wirklich zu gar nichts zu gebrauchen!

Es ist so laut, dass sich auch einige der Gäste die weiter weg vom Fenster sitzen überrascht umdrehen. So laut, dass Adam zusammenzuckt weil das deutschsprachige Geschrei Erinnerungen in ihm weckt, von denen er dachte, er hätte sie auf einem anderen Kontinent gelassen. Eigentlich hat er sich ja ganz gut im Griff. Nur hat er heute außer seinem kargen Hotelfrühstück nur ein genauso karges Supermarkt-Sandwich gegessen, dafür aber schon vor einer Stunde in einer anderen Bar ein Bier getrunken. Das war seiner Selbstbeherrschung nicht gerade dienlich. Und wer rechnet hier auch mit Deutschen? Also zusätzlich zu dem Typen neben ihm. Der Typ der wie Adam gerade bemerkt seine Bierflasche plötzlich sehr fest umklammert und für einen kurzen Moment sein Gesicht zu einem Ausdruck verzieht, den Adam zu gut kennt, der den meisten anderen aber wahrscheinlich gar nicht aufgefallen wäre. Er schaut weg, auch wenn es zu spät ist. Er hat gesehen was er gesehen hat und der Kerl genauso.

Sie schweigen weiter. Irgendwann steht sein Nachbar dann auf, verschwindet nach vorne und kommt mit zwei Flaschen zurück. Eine stellt er vor Adam.

„Danke“, sagt er. Und als sie beide ihre Flaschen schon wieder halb geleert haben: „Ich bin Adam.“

„Leo“, sagt der Kerl und das trifft Adam so unvorbereitet, dass er einen Laut ausstößt der Lachen, Heulen und Schreien in einem ist. Der Typ – Leo – schaut ihn verwirrt an.

„Sorry“, sagt Adam und starrt auf sein Bier. Dann: „Kannte Mal jemand der so hieß…Ein Freund. Hab lange nicht mehr an ihn gedacht.“ Adam hat in seinem Leben schon verdammt viel gelogen aber diese Lüge ist so groß die nimmt schon einen Medaillenrang ein. „Ist eine lange Geschichte“, sagt er dann noch, nur für den Fall dass der Kerl plötzlich doch ein Gespräch anfangen will. Aber er schweigt und nimmt noch einen Schluck.

„Kenn ich“, sagt Leo und starrt auf die gegenüberliegende Wand, „mit den Freunden und den langen Geschichten.“ Adam bezweifelt, dass die Geschichte zwischen diesem Leo und seinem Freund so lang ist wie die zwischen ihm und seinem Leo, aber er ist nicht so betrunken, dass er das jetzt laut sagt. Stattdessen starrt er auch auf die Wand und meint dann nur: „Ist scheiße sowas.“

Leo nickt.

Adam holt ihnen beiden noch ein Bier obwohl er weiß was für eine dumme Idee das ist.

„Du bist nicht nur auf Urlaub hier?“ Leos Sonnenbräune sieht aus aus als wäre sie wesentlich älter als ein paar Tage. Er nickt. „Ich bin schon eine ganze Weile hier...naja nicht genau hier. Die Gegend hier halt.“ Weg. Von ihm. Das sagt er nicht, aber Adam hört es trotzdem. Leo schweigt solange, dass Adam schon denkt er will zu dem Thema nichts mehr sagen, aber dann flüstert er: „Fast zwanzig Jahre.“

„Oh.“ Er ist höchstens 40. Er muss bei seinem Aufbruch etwa so alt gewesen sein wie Adam bei seinem. Vielleicht ist die Geschichte ja doch länger als er ursprünglich gedacht hatte. Zwanzig Jahre und ein anderer Kontinent sprechen doch sehr dafür. Wenn er nicht schon so betrunken wäre wäre würde er jetzt nicht darüber nachdenken. Und er würde auch nicht sagen: „Knapp zehn Jahre.“ Neun Jahre. Acht Monate. Und die Tage kann er nur ausrechnen wenn er nüchtern ist.

„Oh.“, sagt jetzt Leo und rechnet wahrscheinlich gerade das gleiche aus wie Adam vorhin.

Er ist immer noch betrunken und deswegen sagt er jetzt: „Also nicht hier. Ich mach nur Urlaub. Eigentlich…“ bin ich nur weit genug weg, dass die Wahrscheinlichkeit jemanden zu treffen der mich kennt verschwindend gering ist.

Leo nickt nur. Ob er das tut weil er weiß was Adam sagen will, weil ihm gerade klar wird, dass er das Thema doch nicht vertiefen will oder weil er vermutet, dass Adam es später bereuen wird, wenn er das Thema jetzt weiter vertieft weiß Adam nicht aber er sagt nichts mehr.

Leo nimmt einen großen Schluck aus seiner Bierflasche. „Manchmal frage ich mich ob es Zeit ist zurück zu gehen.“ Dann presst er fest die Lippen so fest aufeinander, dass Adam vermutet, dass er das auch nur gesagt hat, weil er nicht mehr ganz nüchtern ist.

Dann geh doch. Das sagt Adam nicht. Weil es eben nicht so einfach ist. Wer könnte das besser verstehen als er? Deswegen sagt er nur: „Vielleicht ist es das. Vielleicht auch nicht. Das musst du wissen“, und leert seine Bierflasche.