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Eine zufällige Begegnung

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Fellbacher Marktplatz, 1876

Mist, Jasemine war schon wieder zu spät. Eigentlich wollte sie schon längst das Paket für den Schied abgegeben haben, aber heute lief einfach überhaupt nichts nach Plan.

Die Kutsche, die sie nach Fellbach bringen sollte, steckte im Schlamm fest, und sie musste die vier Meilen bis zum Dorfplatz zu Fuß laufen, nur um dort festzustellen, dass Maike schon die besten Lieferungen des Tages abgeholt hatte.

Für Jasemine blieb nur noch der Block Eisen, den der Schmied monatlich bestellte. Eine undankbare Arbeit, denn das Eisen war schwer, und in der Schmiede verschwendete niemand auch nur einen Gedanken an Trinkgeld. Und da alle anderen Pakete schon weg waren, würde der Lohn also wieder karg ausfallen.

Nichts, woran sie nicht gewöhnt war, und doch ärgerte Jasemine sich an diesem Morgen besonders darüber.

Gehetzt stürzte sie also die Marktstraße hinunter, das Mittagsgeläut des Kirchturms noch im Ohr. In der Schiede wurde sie schon erwartet.

„Was treibst du dich immer so lange rum, Mädel? Früher hat man sein Eisen noch zum Morgengrauen geliefert bekommen, und mit euch jungen Gören warte ich hier, bis ich graue Haare habe.“ Schnauzte der Schmied sie an, noch bevor sie überhaupt anhalten konnte.

„Tut mir leid“, stammelte Jasemine, „meine Kutsche ist im Schlamm stecken geblieben.“

„Kutsche“, grummelte der Schmied sofort, „das hätte ich mir ja denken können, dem feinen Fräulein ist also die Kutsche stecken geblieben. Früher sind wir noch gelaufen. Aber das würde euch Pack ja niemals in den Sinn kommen. Verwöhnte Göre…“

„Verwöhnte Göre?“, dachte Jasemine sich nur, „wohl kaum, wenn ich für solche Ekel wie Sie arbeiten muss, um abends überhaupt was auf den Tisch zu kriegen.“

Doch sie erwiderte bloß betont freundlich: „Tut mir leid, wird nicht wieder vorkommen.“

So schwer es ihr auch fiel, zum Schmied freundlich zu sein, bei ihm musste sie sich echt am Riemen reißen, denn er würde nicht zögern, sie bei ihrem Chef anzuschwärzen. Die Arbeitszeiten bei „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“ waren zwar eigentlich unzumutbar, und der Lohn ein Witz, doch immerhin vermochte diese Anstellung es, sie und ihre kranken Eltern zu ernähren. Sie durfte diese Arbeit einfach nicht verlieren.

Trotzdem wagte Jasemine es, nicht eilig davonzurasen, sondern den Schmied abwartend anzuschauen. Vielleicht konnte dieser sich doch noch dazu durchringen, ihr wenigstens ein kleines Trinkgeld zu geben. Sie konnte jeden Pfennig gebrauchen.

Heute war anscheinend nicht ihr Glückstag.
„Mach, dass du wegkommst, Göre“, schnauzte der Schmied, und Jasemine machte sich schleunigst von dannen. Man musste sein Glück auch nicht zu sehr herausfordern.

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„Dann verschwinde halt!“

„Mach ich auch!“ wutentbrannt stürmte Pauline als dem Haus. „Mit dem hält man es ja echt keine zwei Minuten aus“, grummelte sie vor sich hin.

Steve ging ihr schon den ganzen Vormittag auf die Nerven. Ständig versuchte er, sie herumzukommandieren, und dass, obwohl die beiden noch nicht einmal miteinander verheiratet waren. Doch wenn es nach Pauline ging, würde es eh nie so weit kommen. Sie hatte viele Pläne für ihr Leben, und einen tobsüchtigen Trinker zu heiraten gehörte auf keinen Fall dazu.

Immer noch vor Wut schäumend, knallte sie die Gartentür hinter sich zu und ging schnellen Schrittes die Gasse entlang.

Sie wollte einfach nur noch weg von Steve und diesem Bunker. So schön das Haus auch war, sie würde niemals mit ihm dort wohnen wollen. Seine Anwesenheit ließ die großen, lichtdurchfluteten Räume eng und dunkel wirken, und auch der leichte Alkoholdunst, der Steve überallhin folgte, trug nicht gerade dazu bei, dass Pauline sich in ihrem zukünftigen Zuhause wohl fühlte.

„Nein, warte, mein neues Zuhause wird das garantiert nicht! Das werde ich nicht zulassen!“ versprach sie sich.

Sie beruhigte sich erst wieder, als das große Fachwerkhaus, das Steve für sie beide erstanden hatte, hinter einer Ecke verschwand.

Einige Zeit später hatten ihre Füße sie, ohne dass es ihr bewusst war, bis vor die Tür der Schenke zur „Wilden Rose“ getragen. „Das kommt mir jetzt tatsächlich nicht ungelegen“, sagte sie sich. Die Entscheidung, sich auf einen Tee und einen Plausch mit Chris, dem Wirt der „Wilden Rose“, niederzulassen, war schnell gefallen.

Pauline raffte ihre bodenlangen samtenen Röcke und stieß die Tür zur Schenke auf. „Hallo meine sehr geehrte Lieblingskundin“, begrüßte Chris sie von hinter der Theke. „Ich hätte wirklich nicht wieder so schnell mit Ihnen gerechnet. Sie haben uns doch erst gestern Abend mit Ihrer Anwesenheit beehrt.“

„Eine Dame weiß nie, wann sie ein überbordendes Bedürfnis nach etwas zum Trinken überkommt, Chris“ sagte sie.

„Das stimmt wohl“, grinste er, „solange Sie nur weiter Ihren Tee hier trinken, muss ich mir um die Miete schonmal keine Sorgen mehr machen.“

Schon ein paar Minuten später schien die Welt wieder in Ordnung. Vorsichtig pustete sie in den Dampf des Tees, den Chris ihr reichte. Wie sehr sie das jetzt gebraucht hatte! Es gab nichts, was eine Tasse Tee und ein gutes Buch nicht wieder richten konnten.

„Wobei“, dachte sie sich grimmig, „für Steve kommt jede Hilfe zu spät. Und wenn er jeden Abend in Tee baden würde, es würde doch nichts Gescheites aus ihm werden!“
Chris riss sie aus ihren düsteren Gedanken.

„So die Dame, darf ich präsentieren? Das Buch des Tages. Ich habe es gestern fertiggelesen und ich glaube wirklich, dass es Ihnen gefallen wird.“

Chris lächelte sie verschmitzt an, seine blauen Augen funkelten, und sein hellbraunes Haar glänzte im durch das Fenster hereinfallende Licht golden. Er reichte ihr ein schmales, in Leder gebundenes Buch, strich sich das glänzende Haar aus der Stirn, und machte sich wieder auf den Weg hinter den Tresen.

Es waren Momente wie diese, in denen Pauline verstand, warum ihre Freundinnen so von Chris schwärmten. Amelie und Lorelei verdächtigten sie regelmäßig, gar nicht aufgrund des Tees regelmäßig in die „Wilden Rose“ zu kommen. Sie versuchte dann immer möglichst desinteressiert zu widersprechen.

Sie war nicht an Chris interessiert, obwohl sie von Zeit zu Zeit durchaus den Eindruck hatte, dass er von dem Gedanken einer Beziehung zwischen ihnen nicht so sehr abgeneigt war wie sie. Doch auch in diesem Moment war das warme Gefühl in ihrem Bauch wohl weniger Schmetterlinge, als sie Vorfreude auf ein neues Buch.

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Entspannt schlenderte Jasemine durch die engen Gassen von Fellbach. Sie hatte an diesem Tag zwar noch nicht viel gearbeitet, aber es war unwahrscheinlich, dass an diesem Nachmittag noch ein Paket ausgeliefert werden musste. Trotzdem wollte sie ihr Glück versuchen, und so steuerte sie „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“ an.

Dort angekommen kramte sie ihren Schlüssel aus der Tasche ihrer baumwollenen Hose und öffnete das Tor zur Lagerhalle. Wie Jasemine schon erwartet hatte, herrschte innen gähnende Leere. Doch gerade als sie sich abwenden und gehen wollte, stach ihr etwas ins Auge: ein gelblicher Umschlag lag auf dem Tresen für kleine Waren. Gespannt kam sie näher. Wie gewohnt lag auf dem Brief ein Zettel, der beschrieb, wo die Lieferung abgegeben werden wollte.

„Ah, „Gasthaus zur Wilden Rose“, das ist doch ganz in der Nähe“, sagte Jasemine sich. Die neun Pfennig, die ihr eine Brieflieferung wie diese einbringen würden, konnte sie gut gebrauchen, und so steckte sie den Brief ein und verließ das Gelände von „Köhler Lieferungen“.

Der Weg zur „Wilden Rose“ war schnell gefunden. Zwar hatte Jasemine dort noch nie etwas gegessen oder getrunken, denn die Speisen waren definitiv außerhalb ihrer Preisklasse, doch vorbeigekommen war sie schon oft, denn das Gasthaus war mit seiner Lage direkt am Marktplatz kaum zu übersehen.

Jasemine zog die schwere Holztür auf, und betrat den Schankraum. Drinnen musste sie erst einmal blinzeln, denn nach dem gleißenden Sonnenschein draußen, waren ihre Augen nicht an den dunklen Raum gewöhnt.

Als sie dann doch endlich wieder etwas zu sehen vermochte, schaute sie sich staunend um.

Von außen war die „Wilde Rose“ mit ihrem farbenfrohen Bewuchs aus Kletterrosen, die dem Lokal seinen Namen verliehen, ein echter Hingucker auf dem Marktplatz, doch auch ihr Inneres konnte sich sehen lassen. Dunkle Holzvertäfelung säumte die Wände, und die Stühle waren mit Samt gepolstert, der die Farbe der Rosenblüten außen am Gebäude widerspiegelte. Durch die großen Bleiglasfenster schien trübes Licht in breiten Strahlen. Der Schankraum war angenehm kühl, eine willkommene Abwechslung nach der Hitze in den Gassen und auf dem Marktplatz.

Rums! Jasemine wusste nicht wie ihr geschah, als sie auf einmal plötzlich auf dem Boden lag. Ihr Schuh musste sich in etwas verfangen haben, und sie war viel zu abgelenkt vom Ambiente des Gasthofes gewesen, um auf ihren Weg zu achten.

Verlegen rappelte sie sich auf. Zu ihrem Unglück schien das etwas, das sich um ihre Fuß geschlungen und sie so zu Fall gebracht hatte, der lange Rock einer Dame zu sein.

„Entschuldigung“, stammelte sie, „tut mir echt leid, ich muss Sie übersehen haben.“

„Alles gut, ist ja nichts passiert“, antwortete die jungen Trägerin des Rocks. Sie hatte blondes, zu einem tiefen Dutt zusammengefasstes Haar, und schien durch Jasemines Sturz aus der Lektüre eines in ledernen Buchs gerissen worden zu sein.

Eilig setzte Jasemine ihren Weg zur Theke fort, sie wollte dieser peinlichen Situation einfach nur noch entkommen.

„Guten Tag, ich habe einen Brief, den ich hier abgeben soll“, sagte sie und streckte dem Schankwirt selbigen entgegen. „Ah, vielen Dank, den habe ich schon erwartet“, antwortete dieser und strich sich die hellbraunen Haare aus der Stirn. Nach einem kurzen Blick auf den Umschlag wandte sich in Richtung Küche und rief: „Konrad, es gibt Post für dich.“

Der Mann, der anscheinend auf den Namen Konrad hörte, kam schnaufend aus der Küche, wischte sich die Hände an seiner Schürze über seinem dicken Bauch ab, und nahm seinen Brief an sich. Dann bemerkte er Jasemine, die sich abwartend auf einem Barhocker am Tresen niedergelassen hatte.

„Ah, jungen Frau, du wartest sicher noch auf dein Trinkgeld,“ er kramte in der Tasche seiner Schürze und reichte ihr ein paar Pfennigmünzen. „So, bitteschön, die Dame.“ Vor sich hin grummelnd quetschte er sich durch die Schwingtür und verschwand wieder in der Küche.

Jasemine ließ sich vom Hocker gleiten. Ihre Arbeit war hier getan. Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken: „Halt, warte doch mal. Es ist so heiß, willst du nicht noch etwas trinken, bevor du da raus musst? Ich bin übrigens Chris.“

„Äh, ja natürlich, danke. Ich heiße Jasemine.“ Sie ließ sich wieder am Tresen nieder und nahm den Becher entgegen, den Chris ihr reichte.

„Tee,“ fragte sie verwirrt, „ist es denn nicht schon heiß genug?“

Lachend erwiderte der Barmann: „Soll kühlend wirken, habe ich gehört. Meine Kunden sagen, dass es funktioniert. Versuchs mal.“

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Pauline konnte sich einfach nicht mehr auf ihr Buch konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Wer war dieses fremde Mädchen, das sich gerade an der Theke mit Chris unterhielt, und dabei ihren blonden Pferdeschwanz neu band? Sie erwischte sich dabei, wie ihr Blick immer wieder zu ihr glitt. Auf einmal schaute das Mädchen hoch, und sie beide blickten sich direkt in die Augen.

„OhneinOhneinOhnein,“ dachte Pauline bestürzt, „wie unangenehm.“ Um diese blamable Situation etwas zu entspannen, rief sie zur Theke herüber: „Was musstest du denn so eilig abgeben?“

Das Mädchen nahm ihren Tee und setzte sich zu Pauline an den Tisch. „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht,“ antwortete sie, „viel kann es aber nicht gewesen sein, der Brief war nämlich sehr leicht.“

„Na gut, geht mich ja auch nichts an“, sagte Pauline.

„Ich weiß, aber es ist trotzdem so interessant zu sehen, was sich die Leute alles so liefern lassen.“

„Was war denn das letzte, was du geliefert hast?“

„Also vor dem Brief? Ein Block Eisen.“

„Eisen? Das muss schwer gewesen sein.“

„Man gewöhnt sich mit der Zeit dran, dann geht es schon. Aber was ich am liebsten liefere ich auf jeden Fall Zeitschriften aus. Da lese ich dann immer heimlich ein paar Seiten, bevor ich sie einwerfe. Und du liest anscheinend auch gern“, fragte Jasemine und nickte in Richtung des Buches, das aufgeschlagen neben Pauline auf dem schmalen Tisch lag.

„Ja, das hier zum Beispiel hat mir Chris geliehen. Apropos Chris, wo ist er jetzt hin“, wunderte Pauline sich, denn Chris hatte einen Stammplatz hinter der Theke offensichtlich verlassen.

„Kann ich Ihnen noch etwas bringen, Pauline?“ fragte selbiger, der unbemerkt an ihren Tisch herangetreten war.

„Ah, Chris, ein weiterer Tee wäre schön“, sagte Pauline, „und willst du auch noch etwas? Ich lade dich natürlich ein.“ Der zweite Teil war an Jasemine gerichtet.

„Danke, ich nehme gerne auch noch einen Tee, das ist echt nett von dir.“

„Vielen Dank“, rief Pauline Chris hinterher, der sich schon umgedreht hatte, um die Bestellung an die Küche weiterzugeben.

„Warte, wie heißt du eigentlich?“ wandte sie sich wieder Jasemine zu.

„Jasemine, und du?“

„Pauline. Jasemine ist echt ein schöner Name.“

„Danke, ich mag meinen Namen auch sehr. Meine Mutter hat ihn ausgesucht, weil sie die Blume Jasmin so mag.“

„Das ist schön. Ich wünschte, meine Mutter hätte mich auch nach einer Blume benannt. Leider ist die Idee ihr nicht gekommen, und so wurde ich nach der Schwester von Napoleon benannt. Die heißt auch Pauline.“

„Ah, das ist ja kreativ. Wenigstens hat sie dich nicht Napoleon genannt“, lachte Jasemine.

„Oh Gott, erinnere mich nicht daran. So heißt nämlich ihre Katze und das ist kein Scherz!“

Die beiden lachten noch, als Chris mit der gewünschten Teekanne an ihren Tisch trat und ihnen einschenkte. „Was ist denn so lustig“, wollte er wissen.

„Die Katze ihrer Mutter heißt Napoleon“, prustete Jasemine.

„Na und? Die Katze meiner Tante heißt genauso. Was ist daran denn so schlimm,“ fragte Chris, doch Jasemine und Pauline lachten nun so heftig, dass er sich von ihnen keine Antwort erhoffen konnte.

Nach einigen Minuten, in denen der Tee Zeit zum Abkühlen und Jasemine und Pauline Zeit um sich zu beruhigen hatten, fingen beide an, an ihren Bechern zu nippen.

“Das mit dem Tee funktioniert tatsächlich. Ich hätte es am Anfang nicht für möglich gehalten. Aber jetzt ist mir gar nicht mehr so heiß,“ sagte Jasemine plötzlich in die entstandene Stille hinein.

„Danke, ich habe das hier sogar vorgeschlagen,“ sagte Pauline stolz lächelnd.

Doch ihre Unterhaltung wurde ein weiteres Mal unterbrochen. Keuchend kam Konrad, der Koch der „Wilden Rose“, aus der Küche gestürzt. „Es gibt Nachrichten“, japste er zwischen zwei Atemzügen.

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Chris, der bis gerade damit beschäftigt war, Gläser zu spülen, ließ den Lappen sinken und lehnte sich seitlich gegen die Theke. Pauline drehte sich auf ihrem Stuhl halb um, um Konrad in ihr Sichtfeld zu bekommen, und Jasemine neigte ihren Kopf, um an ihr vorbei zum Eingang der Küche schauen zu können. Auch die wenigen anderen Gäste des Lokals reckten neugierig ihre Köpfe.

„Was ist denn passiert, Konrad,“ fragte Chris mit gerunzelter Stirn.

Konrad sammelte sich einen Moment, glättete den Brief in seinen Händen mit zittrigen Fingern und verkündete: „Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Pauline, aber dein Verlobter Steve, er… er war anscheinend in betrügerische Bankgeschäfte verwickelt. Das alles ist nur aufgeflogen, weil sein Partner versucht hat, ein Gestüt zu kaufen, obwohl er doch letztes Jahr erst bankrott war. Das ist anscheinend jemandem in der Bank aufgefallen. Sie werden ihn wahrscheinlich noch diesen Abend verhaften. Es tut mir leid, dass du es so erfahren musst.“

Erschrocken wandte Jasemine sich Pauline zu. Sie hatte nicht gewusst, dass die junge Frau verlobt war. Wobei, die Verlobung war angesichts der neusten Entwicklungen wohl Geschichte. Wie schrecklich musst es sein, solch schlechte Nachrichten erhalten zu müssen?

Pauline, die inzwischen kalkweiß geworden war, stand auf einmal so hastig auf, dass ihr Stuhl polternd zu Boden fiel. Sie schien es jedoch nicht zu bemerken, raffte ihre Röcke zusammen und stürmte aus dem Gastraum.

Inzwischen waren zwei Wochen vergangen, doch Pauline und ihr trauriges Schicksal gingen Jasemine nicht aus dem Kopf. Von einer Sekunde auf die andere musste sich ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben, ein Sturm durch das Fundament ihres Lebens gebraust sein, kein Stein wurde auf dem anderen gelassen. Jasemine, ihres Zeichens schon immer notorisch beziehungslos und durchaus zufrieden damit, konnte sich fast nichts Schlimmeres vorstellen.

Ihren Gedanken nachhängend, trottete sie, wie so viele Morgen zuvor, die verwinkelten Straßen Fellbachs entlang. Den Weg zur Lagerhalle von „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“ war sie schon so oft gelaufen, dass er sich nachhaltig in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Selbst im dichtesten Schneesturm war es ihr einmal gelungen, die richtigen Abzweigungen zu finden.

Ihren Gedanken nachhängend trugen ihre Füße sie zielsicher bis vor die Tore der Halle. Jasemine kramte noch nach ihrem Schlüssel in den Taschen ihrer dünnen Leinenhose, da stach ihr ein hellblauer Umschlag ins Auge.

Er klemmte zwischen den eisernen Einfassungen der Tore, und schien auf jemanden zu warten, der ihn an seinen Adressaten bringen konnte.

Genervt rupfte sie ihn aus seinem Spalt hervor. Es kam immer mal wieder vor, dass Leute ihre Aufträge nicht ordnungsgemäß abgaben, und dann an die Bezahlung zu kommen, war äußerst schwierig. Jasemine spielte mit dem Gedanken, den Brief einfach wieder zurückzustecken, sobald sie das Gelände verließ, und die anderen Liefermädchen und -jungen entscheiden zu lassen, ob sie das Risiko eingehen wollten, doch ein schneller Blick auf die Adresse konnte nicht schaden.

Vielleicht wohnte der Empfänger in der Nähe, und ein Trinkgeld würde ausreichen, um sie angemessen für ihren Weg zu entschädigen.

Überrascht musst sie feststellen, dass auf dem Brief nur ein einzelner Name prangte.

Jasemine.

Noch nie hatte sie hier eine Nachricht an sich gefunden. Die unzähligen Rechnungen und Mahnungen, die sich ihr regelrecht aufdrängten, steckten immer in ihrem Briefschlitz zu Hause.

Doch bei diesem Brief schien es sich nicht um eine Rechnung zu handeln. Zu fein war das edle Papier, zu kräftig der teuer aussehende Tintenstrich, und zu verführerisch der sanfte Blumenduft, der sich von dem Papier erhob.

Obwohl Jasemine nichts lieber getan hätte, als den Brief sofort zu öffnen und seinen Inhalt zu verschlingen, dachte sie sich doch, dass es besser wäre, sich noch ein wenig zu gedulden, um einen weniger öffentlichen Ort für die Lektüre aufzusuchen.

Denn dass der Inhalt dieses Schreibens privater Natur sein würde, das hatte sie schon im Gefühl.

Eilig öffnete sie also das Tor, durchquerte den kleinen Hof des Lieferdienstes, kramte eine zweiten Schlüssel für die Eingangstür hervor, und drehte diesen ungeduldig im Schloss.

Innen empfing sie beruhigende Kühle. Und leider auch ihr Chef.

„Guten Morgen Herr Stauber! Was führt Sie schon so früh morgens hier her?“ fragt Jasemine betont freundlich. Sie konnte es sich echt nicht mit ihm verscherzen, zu gut war die Bezahlung bei „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“, zumindest im Vergleich zu anderen Lieferfirmen, und dementsprechend umkämpft waren auch die Stellen als Liefermädchen. Jasemine war auf den Job angewiesen, doch ihr Chef nicht auf sie, und so konnte sie sich keinen Fehltritt erlauben.

Emsig durchwühlte sie ihr Gedächtnis nach dem Fauxpas, der sie jetzt wahrscheinlich ihre Stelle kosten würde. Hatte sie etwa ein wichtiges Paket zu spät abgegeben, oder gar an der falschen Adresse abgelegt? Oder war ihr unbemerkt ein Brief aus der Tasche geglitten und sogleich im Schlamm der Fellbacher Straßen versunken? Sie konnte sich an nichts erinnern.

„Jasemine, gut, dass ich dich hier treffe. Heute Nachmittag wird ein sehr schweres Paket hier abgegeben werden, das bis zum Abend in Rommelshausen sein muss. Du und Jana werdet es sicher dort hinbringen. Ich habe dir das Geld für die Karrenfahrt auf den Tisch gelegt.“

„Alles klar, Sir!“ Erleichtert sammelte Jasemine die Münzen vom Tisch und verstaute sie sorgfältig in ihrem Lederbeutel.

Es kam nicht oft vor, dass sie für eine Lieferung Geld für eine Karrenfahrt bekam, kilometerweite Spaziergänge standen für sie als Liefermädchen an der Tagesordnung. Umso mehr freute es sie nun, dass sich ihr heute anscheinend eine der seltenen Gelegenheiten eröffnen würde. Für eine Fahrt auf dem Ochsenkarren würde sie sogar versuchen, ausnahmsweise einmal nett zu der nervigen Jana zu sein.

Vor lauter Aufregung hatte Jasemine fast den mysteriösen blauen Brief, der in ihrer Tasche auf sie wartete, vergessen. Aber nur fast, und so machte sie sich auf den Weg in die Enge Personalkammer, entzündete einen Kerzenstummel, der den Raum nur notdürftig zu beleuchten vermochte, und ließ sich auf einem fadenscheinigen Sofa nieder.

Nach was sich wie Stunden anfühlte, konnte Jasemine sich nun endlich wieder dem hellblauen Brief widmen, der bis soeben brav in ihrer Hosentasche auf sie gewartet hatte.