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Eine zufällige Begegnung

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Chris, der bis gerade damit beschäftigt war, Gläser zu spülen, ließ den Lappen sinken und lehnte sich seitlich gegen die Theke. Pauline drehte sich auf ihrem Stuhl halb um, um Konrad in ihr Sichtfeld zu bekommen, und Jasemine neigte ihren Kopf, um an ihr vorbei zum Eingang der Küche schauen zu können. Auch die wenigen anderen Gäste des Lokals reckten neugierig ihre Köpfe.

„Was ist denn passiert, Konrad,“ fragte Chris mit gerunzelter Stirn.

Konrad sammelte sich einen Moment, glättete den Brief in seinen Händen mit zittrigen Fingern und verkündete: „Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Pauline, aber dein Verlobter Steve, er… er war anscheinend in betrügerische Bankgeschäfte verwickelt. Das alles ist nur aufgeflogen, weil sein Partner versucht hat, ein Gestüt zu kaufen, obwohl er doch letztes Jahr erst bankrott war. Das ist anscheinend jemandem in der Bank aufgefallen. Sie werden ihn wahrscheinlich noch diesen Abend verhaften. Es tut mir leid, dass du es so erfahren musst.“

Erschrocken wandte Jasemine sich Pauline zu. Sie hatte nicht gewusst, dass die junge Frau verlobt war. Wobei, die Verlobung war angesichts der neusten Entwicklungen wohl Geschichte. Wie schrecklich musst es sein, solch schlechte Nachrichten erhalten zu müssen?

Pauline, die inzwischen kalkweiß geworden war, stand auf einmal so hastig auf, dass ihr Stuhl polternd zu Boden fiel. Sie schien es jedoch nicht zu bemerken, raffte ihre Röcke zusammen und stürmte aus dem Gastraum.

Inzwischen waren zwei Wochen vergangen, doch Pauline und ihr trauriges Schicksal gingen Jasemine nicht aus dem Kopf. Von einer Sekunde auf die andere musste sich ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt haben, ein Sturm durch das Fundament ihres Lebens gebraust sein, kein Stein wurde auf dem anderen gelassen. Jasemine, ihres Zeichens schon immer notorisch beziehungslos und durchaus zufrieden damit, konnte sich fast nichts Schlimmeres vorstellen.

Ihren Gedanken nachhängend, trottete sie, wie so viele Morgen zuvor, die verwinkelten Straßen Fellbachs entlang. Den Weg zur Lagerhalle von „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“ war sie schon so oft gelaufen, dass er sich nachhaltig in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Selbst im dichtesten Schneesturm war es ihr einmal gelungen, die richtigen Abzweigungen zu finden.

Ihren Gedanken nachhängend trugen ihre Füße sie zielsicher bis vor die Tore der Halle. Jasemine kramte noch nach ihrem Schlüssel in den Taschen ihrer dünnen Leinenhose, da stach ihr ein hellblauer Umschlag ins Auge.

Er klemmte zwischen den eisernen Einfassungen der Tore, und schien auf jemanden zu warten, der ihn an seinen Adressaten bringen konnte.

Genervt rupfte sie ihn aus seinem Spalt hervor. Es kam immer mal wieder vor, dass Leute ihre Aufträge nicht ordnungsgemäß abgaben, und dann an die Bezahlung zu kommen, war äußerst schwierig. Jasemine spielte mit dem Gedanken, den Brief einfach wieder zurückzustecken, sobald sie das Gelände verließ, und die anderen Liefermädchen und -jungen entscheiden zu lassen, ob sie das Risiko eingehen wollten, doch ein schneller Blick auf die Adresse konnte nicht schaden.

Vielleicht wohnte der Empfänger in der Nähe, und ein Trinkgeld würde ausreichen, um sie angemessen für ihren Weg zu entschädigen.

Überrascht musst sie feststellen, dass auf dem Brief nur ein einzelner Name prangte.

Jasemine.

Noch nie hatte sie hier eine Nachricht an sich gefunden. Die unzähligen Rechnungen und Mahnungen, die sich ihr regelrecht aufdrängten, steckten immer in ihrem Briefschlitz zu Hause.

Doch bei diesem Brief schien es sich nicht um eine Rechnung zu handeln. Zu fein war das edle Papier, zu kräftig der teuer aussehende Tintenstrich, und zu verführerisch der sanfte Blumenduft, der sich von dem Papier erhob.

Obwohl Jasemine nichts lieber getan hätte, als den Brief sofort zu öffnen und seinen Inhalt zu verschlingen, dachte sie sich doch, dass es besser wäre, sich noch ein wenig zu gedulden, um einen weniger öffentlichen Ort für die Lektüre aufzusuchen.

Denn dass der Inhalt dieses Schreibens privater Natur sein würde, das hatte sie schon im Gefühl.

Eilig öffnete sie also das Tor, durchquerte den kleinen Hof des Lieferdienstes, kramte eine zweiten Schlüssel für die Eingangstür hervor, und drehte diesen ungeduldig im Schloss.

Innen empfing sie beruhigende Kühle. Und leider auch ihr Chef.

„Guten Morgen Herr Stauber! Was führt Sie schon so früh morgens hier her?“ fragt Jasemine betont freundlich. Sie konnte es sich echt nicht mit ihm verscherzen, zu gut war die Bezahlung bei „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“, zumindest im Vergleich zu anderen Lieferfirmen, und dementsprechend umkämpft waren auch die Stellen als Liefermädchen. Jasemine war auf den Job angewiesen, doch ihr Chef nicht auf sie, und so konnte sie sich keinen Fehltritt erlauben.

Emsig durchwühlte sie ihr Gedächtnis nach dem Fauxpas, der sie jetzt wahrscheinlich ihre Stelle kosten würde. Hatte sie etwa ein wichtiges Paket zu spät abgegeben, oder gar an der falschen Adresse abgelegt? Oder war ihr unbemerkt ein Brief aus der Tasche geglitten und sogleich im Schlamm der Fellbacher Straßen versunken? Sie konnte sich an nichts erinnern.

„Jasemine, gut, dass ich dich hier treffe. Heute Nachmittag wird ein sehr schweres Paket hier abgegeben werden, das bis zum Abend in Rommelshausen sein muss. Du und Jana werdet es sicher dort hinbringen. Ich habe dir das Geld für die Karrenfahrt auf den Tisch gelegt.“

„Alles klar, Sir!“ Erleichtert sammelte Jasemine die Münzen vom Tisch und verstaute sie sorgfältig in ihrem Lederbeutel.

Es kam nicht oft vor, dass sie für eine Lieferung Geld für eine Karrenfahrt bekam, kilometerweite Spaziergänge standen für sie als Liefermädchen an der Tagesordnung. Umso mehr freute es sie nun, dass sich ihr heute anscheinend eine der seltenen Gelegenheiten eröffnen würde. Für eine Fahrt auf dem Ochsenkarren würde sie sogar versuchen, ausnahmsweise einmal nett zu der nervigen Jana zu sein.

Vor lauter Aufregung hatte Jasemine fast den mysteriösen blauen Brief, der in ihrer Tasche auf sie wartete, vergessen. Aber nur fast, und so machte sie sich auf den Weg in die Enge Personalkammer, entzündete einen Kerzenstummel, der den Raum nur notdürftig zu beleuchten vermochte, und ließ sich auf einem fadenscheinigen Sofa nieder.

Nach was sich wie Stunden anfühlte, konnte Jasemine sich nun endlich wieder dem hellblauen Brief widmen, der bis soeben brav in ihrer Hosentasche auf sie gewartet hatte.