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Eine zufällige Begegnung

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Entspannt schlenderte Jasemine durch die engen Gassen von Fellbach. Sie hatte an diesem Tag zwar noch nicht viel gearbeitet, aber es war unwahrscheinlich, dass an diesem Nachmittag noch ein Paket ausgeliefert werden musste. Trotzdem wollte sie ihr Glück versuchen, und so steuerte sie „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“ an.

Dort angekommen kramte sie ihren Schlüssel aus der Tasche ihrer baumwollenen Hose und öffnete das Tor zur Lagerhalle. Wie Jasemine schon erwartet hatte, herrschte innen gähnende Leere. Doch gerade als sie sich abwenden und gehen wollte, stach ihr etwas ins Auge: ein gelblicher Umschlag lag auf dem Tresen für kleine Waren. Gespannt kam sie näher. Wie gewohnt lag auf dem Brief ein Zettel, der beschrieb, wo die Lieferung abgegeben werden wollte.

„Ah, „Gasthaus zur Wilden Rose“, das ist doch ganz in der Nähe“, sagte Jasemine sich. Die neun Pfennig, die ihr eine Brieflieferung wie diese einbringen würden, konnte sie gut gebrauchen, und so steckte sie den Brief ein und verließ das Gelände von „Köhler Lieferungen“.

Der Weg zur „Wilden Rose“ war schnell gefunden. Zwar hatte Jasemine dort noch nie etwas gegessen oder getrunken, denn die Speisen waren definitiv außerhalb ihrer Preisklasse, doch vorbeigekommen war sie schon oft, denn das Gasthaus war mit seiner Lage direkt am Marktplatz kaum zu übersehen.

Jasemine zog die schwere Holztür auf, und betrat den Schankraum. Drinnen musste sie erst einmal blinzeln, denn nach dem gleißenden Sonnenschein draußen, waren ihre Augen nicht an den dunklen Raum gewöhnt.

Als sie dann doch endlich wieder etwas zu sehen vermochte, schaute sie sich staunend um.

Von außen war die „Wilde Rose“ mit ihrem farbenfrohen Bewuchs aus Kletterrosen, die dem Lokal seinen Namen verliehen, ein echter Hingucker auf dem Marktplatz, doch auch ihr Inneres konnte sich sehen lassen. Dunkle Holzvertäfelung säumte die Wände, und die Stühle waren mit Samt gepolstert, der die Farbe der Rosenblüten außen am Gebäude widerspiegelte. Durch die großen Bleiglasfenster schien trübes Licht in breiten Strahlen. Der Schankraum war angenehm kühl, eine willkommene Abwechslung nach der Hitze in den Gassen und auf dem Marktplatz.

Rums! Jasemine wusste nicht wie ihr geschah, als sie auf einmal plötzlich auf dem Boden lag. Ihr Schuh musste sich in etwas verfangen haben, und sie war viel zu abgelenkt vom Ambiente des Gasthofes gewesen, um auf ihren Weg zu achten.

Verlegen rappelte sie sich auf. Zu ihrem Unglück schien das etwas, das sich um ihre Fuß geschlungen und sie so zu Fall gebracht hatte, der lange Rock einer Dame zu sein.

„Entschuldigung“, stammelte sie, „tut mir echt leid, ich muss Sie übersehen haben.“

„Alles gut, ist ja nichts passiert“, antwortete die jungen Trägerin des Rocks. Sie hatte blondes, zu einem tiefen Dutt zusammengefasstes Haar, und schien durch Jasemines Sturz aus der Lektüre eines in ledernen Buchs gerissen worden zu sein.

Eilig setzte Jasemine ihren Weg zur Theke fort, sie wollte dieser peinlichen Situation einfach nur noch entkommen.

„Guten Tag, ich habe einen Brief, den ich hier abgeben soll“, sagte sie und streckte dem Schankwirt selbigen entgegen. „Ah, vielen Dank, den habe ich schon erwartet“, antwortete dieser und strich sich die hellbraunen Haare aus der Stirn. Nach einem kurzen Blick auf den Umschlag wandte sich in Richtung Küche und rief: „Konrad, es gibt Post für dich.“

Der Mann, der anscheinend auf den Namen Konrad hörte, kam schnaufend aus der Küche, wischte sich die Hände an seiner Schürze über seinem dicken Bauch ab, und nahm seinen Brief an sich. Dann bemerkte er Jasemine, die sich abwartend auf einem Barhocker am Tresen niedergelassen hatte.

„Ah, jungen Frau, du wartest sicher noch auf dein Trinkgeld,“ er kramte in der Tasche seiner Schürze und reichte ihr ein paar Pfennigmünzen. „So, bitteschön, die Dame.“ Vor sich hin grummelnd quetschte er sich durch die Schwingtür und verschwand wieder in der Küche.

Jasemine ließ sich vom Hocker gleiten. Ihre Arbeit war hier getan. Eine Stimme riss sie aus ihren Gedanken: „Halt, warte doch mal. Es ist so heiß, willst du nicht noch etwas trinken, bevor du da raus musst? Ich bin übrigens Chris.“

„Äh, ja natürlich, danke. Ich heiße Jasemine.“ Sie ließ sich wieder am Tresen nieder und nahm den Becher entgegen, den Chris ihr reichte.

„Tee,“ fragte sie verwirrt, „ist es denn nicht schon heiß genug?“

Lachend erwiderte der Barmann: „Soll kühlend wirken, habe ich gehört. Meine Kunden sagen, dass es funktioniert. Versuchs mal.“