Actions

Work Header

Eine zufällige Begegnung

Chapter Text

„Dann verschwinde halt!“

„Mach ich auch!“ wutentbrannt stürmte Pauline als dem Haus. „Mit dem hält man es ja echt keine zwei Minuten aus“, grummelte sie vor sich hin.

Steve ging ihr schon den ganzen Vormittag auf die Nerven. Ständig versuchte er, sie herumzukommandieren, und dass, obwohl die beiden noch nicht einmal miteinander verheiratet waren. Doch wenn es nach Pauline ging, würde es eh nie so weit kommen. Sie hatte viele Pläne für ihr Leben, und einen tobsüchtigen Trinker zu heiraten gehörte auf keinen Fall dazu.

Immer noch vor Wut schäumend, knallte sie die Gartentür hinter sich zu und ging schnellen Schrittes die Gasse entlang.

Sie wollte einfach nur noch weg von Steve und diesem Bunker. So schön das Haus auch war, sie würde niemals mit ihm dort wohnen wollen. Seine Anwesenheit ließ die großen, lichtdurchfluteten Räume eng und dunkel wirken, und auch der leichte Alkoholdunst, der Steve überallhin folgte, trug nicht gerade dazu bei, dass Pauline sich in ihrem zukünftigen Zuhause wohl fühlte.

„Nein, warte, mein neues Zuhause wird das garantiert nicht! Das werde ich nicht zulassen!“ versprach sie sich.

Sie beruhigte sich erst wieder, als das große Fachwerkhaus, das Steve für sie beide erstanden hatte, hinter einer Ecke verschwand.

Einige Zeit später hatten ihre Füße sie, ohne dass es ihr bewusst war, bis vor die Tür der Schenke zur „Wilden Rose“ getragen. „Das kommt mir jetzt tatsächlich nicht ungelegen“, sagte sie sich. Die Entscheidung, sich auf einen Tee und einen Plausch mit Chris, dem Wirt der „Wilden Rose“, niederzulassen, war schnell gefallen.

Pauline raffte ihre bodenlangen samtenen Röcke und stieß die Tür zur Schenke auf. „Hallo meine sehr geehrte Lieblingskundin“, begrüßte Chris sie von hinter der Theke. „Ich hätte wirklich nicht wieder so schnell mit Ihnen gerechnet. Sie haben uns doch erst gestern Abend mit Ihrer Anwesenheit beehrt.“

„Eine Dame weiß nie, wann sie ein überbordendes Bedürfnis nach etwas zum Trinken überkommt, Chris“ sagte sie.

„Das stimmt wohl“, grinste er, „solange Sie nur weiter Ihren Tee hier trinken, muss ich mir um die Miete schonmal keine Sorgen mehr machen.“

Schon ein paar Minuten später schien die Welt wieder in Ordnung. Vorsichtig pustete sie in den Dampf des Tees, den Chris ihr reichte. Wie sehr sie das jetzt gebraucht hatte! Es gab nichts, was eine Tasse Tee und ein gutes Buch nicht wieder richten konnten.

„Wobei“, dachte sie sich grimmig, „für Steve kommt jede Hilfe zu spät. Und wenn er jeden Abend in Tee baden würde, es würde doch nichts Gescheites aus ihm werden!“
Chris riss sie aus ihren düsteren Gedanken.

„So die Dame, darf ich präsentieren? Das Buch des Tages. Ich habe es gestern fertiggelesen und ich glaube wirklich, dass es Ihnen gefallen wird.“

Chris lächelte sie verschmitzt an, seine blauen Augen funkelten, und sein hellbraunes Haar glänzte im durch das Fenster hereinfallende Licht golden. Er reichte ihr ein schmales, in Leder gebundenes Buch, strich sich das glänzende Haar aus der Stirn, und machte sich wieder auf den Weg hinter den Tresen.

Es waren Momente wie diese, in denen Pauline verstand, warum ihre Freundinnen so von Chris schwärmten. Amelie und Lorelei verdächtigten sie regelmäßig, gar nicht aufgrund des Tees regelmäßig in die „Wilden Rose“ zu kommen. Sie versuchte dann immer möglichst desinteressiert zu widersprechen.

Sie war nicht an Chris interessiert, obwohl sie von Zeit zu Zeit durchaus den Eindruck hatte, dass er von dem Gedanken einer Beziehung zwischen ihnen nicht so sehr abgeneigt war wie sie. Doch auch in diesem Moment war das warme Gefühl in ihrem Bauch wohl weniger Schmetterlinge, als sie Vorfreude auf ein neues Buch.