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Eine zufällige Begegnung

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Fellbacher Marktplatz, 1876

Mist, Jasemine war schon wieder zu spät. Eigentlich wollte sie schon längst das Paket für den Schied abgegeben haben, aber heute lief einfach überhaupt nichts nach Plan.

Die Kutsche, die sie nach Fellbach bringen sollte, steckte im Schlamm fest, und sie musste die vier Meilen bis zum Dorfplatz zu Fuß laufen, nur um dort festzustellen, dass Maike schon die besten Lieferungen des Tages abgeholt hatte.

Für Jasemine blieb nur noch der Block Eisen, den der Schmied monatlich bestellte. Eine undankbare Arbeit, denn das Eisen war schwer, und in der Schmiede verschwendete niemand auch nur einen Gedanken an Trinkgeld. Und da alle anderen Pakete schon weg waren, würde der Lohn also wieder karg ausfallen.

Nichts, woran sie nicht gewöhnt war, und doch ärgerte Jasemine sich an diesem Morgen besonders darüber.

Gehetzt stürzte sie also die Marktstraße hinunter, das Mittagsgeläut des Kirchturms noch im Ohr. In der Schiede wurde sie schon erwartet.

„Was treibst du dich immer so lange rum, Mädel? Früher hat man sein Eisen noch zum Morgengrauen geliefert bekommen, und mit euch jungen Gören warte ich hier, bis ich graue Haare habe.“ Schnauzte der Schmied sie an, noch bevor sie überhaupt anhalten konnte.

„Tut mir leid“, stammelte Jasemine, „meine Kutsche ist im Schlamm stecken geblieben.“

„Kutsche“, grummelte der Schmied sofort, „das hätte ich mir ja denken können, dem feinen Fräulein ist also die Kutsche stecken geblieben. Früher sind wir noch gelaufen. Aber das würde euch Pack ja niemals in den Sinn kommen. Verwöhnte Göre…“

„Verwöhnte Göre?“, dachte Jasemine sich nur, „wohl kaum, wenn ich für solche Ekel wie Sie arbeiten muss, um abends überhaupt was auf den Tisch zu kriegen.“

Doch sie erwiderte bloß betont freundlich: „Tut mir leid, wird nicht wieder vorkommen.“

So schwer es ihr auch fiel, zum Schmied freundlich zu sein, bei ihm musste sie sich echt am Riemen reißen, denn er würde nicht zögern, sie bei ihrem Chef anzuschwärzen. Die Arbeitszeiten bei „Köhler Lieferungen — wir liefern Ihre Waren zuverlässig seit 1704“ waren zwar eigentlich unzumutbar, und der Lohn ein Witz, doch immerhin vermochte diese Anstellung es, sie und ihre kranken Eltern zu ernähren. Sie durfte diese Arbeit einfach nicht verlieren.

Trotzdem wagte Jasemine es, nicht eilig davonzurasen, sondern den Schmied abwartend anzuschauen. Vielleicht konnte dieser sich doch noch dazu durchringen, ihr wenigstens ein kleines Trinkgeld zu geben. Sie konnte jeden Pfennig gebrauchen.

Heute war anscheinend nicht ihr Glückstag.
„Mach, dass du wegkommst, Göre“, schnauzte der Schmied, und Jasemine machte sich schleunigst von dannen. Man musste sein Glück auch nicht zu sehr herausfordern.