Actions

Work Header

Kleines Mädchen

Work Text:

„Ich will sie nicht hier haben! Ihr habt versprochen, dass wir ans Meer fahren!“ brüllte die fünfjährige Alex Wilson durch die Küche. Ihre Eltern hatten ihr ganz fest versprochen, mit ihr ans Meer zu fahren, als letzter Ausflug zu dritt, da sie sowieso nicht nicht besonders begeistert darüber war, ein Geschwisterchen zu bekommen. „Aber Alex, wir konnten doch nicht wissen, dass deine Schwester schon vorher zu uns möchte! Wir versuchen es, nächste Woche ans Meer zu fahren!“ versprach der Vater seiner kleinen Tochter. Tränen traten in die Augen des kleinen Mädchens, sie wollte aber heute fahren! „Na schön!“ rief sie traurig und lief auf ihren kleinen Beinen in ihr Zimmer.

Alex hatte das Gefühl, ihre Eltern hätten sie nicht mehr lieb, sondern nur noch ihr neues Baby. Würde es da auffallen, wenn sie alleine ans Meer laufen würde? Ohne nachzudenken packte das kleine Mädchen ihren Rucksack zusammen, besonders wichtig war ihr Elefant Anila, ein Kuscheltier, welches sie seit ihrer Geburt hatte. Neben ihrem Kuscheltier packte sie auch noch eine ihrer Puppen ein und schnappte sich ihre Schwimmente.

Leise schlich das Mädchen sich aus dem Haus. Ihre Eltern bemerkten sie gar nicht, sondern achteten auf ihre kleine Schwester Zoey. Ein letztes Mal blickte sie das Haus ihrer Eltern an und winkte ihnen. Heute Abend würde sie ja wieder zu Hause sein, da war sie sich sicher.

Lächelnd verließ sie das Grundstück und lief durch die Nachbarschaft, vorbei an ihrem Kindergarten, ihrer zukünftigen Schule und den Häusern ihrer Freunde, bis sie irgendwann im Industriegebiet der Stadt ankam. Hier war Alex noch nie, jedoch machte sie sich darüber eher weniger Sorgen. Die Kleine war sich nämlich ganz sicher, einfach die ganze Zeit gradeaus laufen zu müssen, um am Meer auszukommen. Fröhlich hüpfte sie durch die Gegend und überquerte die Straße, bis sie auf einmal ein Auto auf sich zufahren sah. Bewegungsunfähig sah sie auf das Auto und wartete schon auf den Aufprall. Kurz bevor das Auto sie erwischen musste, schloss sie die Augen. Eine Sekunde verging. Zwei Sekunden. Hatte das Auto sie vielleicht doch nicht erwischt? Konnte es noch regelmäßig bremsen, oder war es ausgewichen?

Vorsichtig öffnete sie die Augen, in Erwartung, auf der Straße im Industriegebiet ihrer Stadt zu stehen, stattdessen war sie jedoch in einem Wald. Überall standen meterhohe Bäume und viele Büsche. So unglaublich grüne Pflanzen hatte sie noch nie gesehen. Neugierig auf den Ort lief sie durch den Wald. Alex wusste nicht wieso, doch irgendwie fühlte sie eine tiefe Verbundenheit mit dem Ort.

Nach einer Weile hatte sie jedoch genug vom rumlaufen, sie war erschöpft und bekam es auch langsam mit der Angst zu tun. Das kleine Mädchen setzte sich an einen Baum, legte ihre Schwimmente neben sich und kramte ihren Elefanten aus dem Rucksack. Langsam bekam sie Hunger und auch Durst, sie würde alles tun, für eine ordentliche Mahlzeit. „Anila, wo sind wir bloß?“ fragte Alex ihr Kuscheltier.




Nur ein paar hundert Meter entfernt arbeitete Omar an einem Blumenstrauß für seine Liebste, als er die Stimme eines kleinen Mädchens vernahm. Verwundert blickte er sich um und lauschte. Zuerst dachte er, er hätte sich verhört, doch dann kam wieder die Stimme. „Anila, langsam bekomme ich Angst.“ sagte sie. Ohne groß drüber nachzudenken ging Omar in die Richtung, aus welcher er die Stimme vermutete.

An einem Baum gelehnt sah er ein kleines Mädchen sitzen, welches mit einem kleinem Stoffelefanten kuschelte. Omar sah sich das kleine Mädchen an und erkannte sofort, wer dort saß. Mit schnellen Schritten ging er zu Alex und bückte sich zu ihr. Jetzt musste er seine Worte sorgsam wählen, durfte er ihr doch nicht verraten, dass sie seine Tochter war.

„Ist alles in Ordnung mit dir, Kleine?“ fragte Omar seine leibliche Tochter. Besorgnis war in seinen Augen zu sehen. Wie kam sie hierher? „Ich habe mich verlaufen und bin schon ganz lange unterwegs.“ erzählte Alex Omar. „Wie bist du denn hier hin gekommen?“ fragte der Berater der Königin, auch wenn er es genau wusste, immerhin gab es nur einen Weg: Anjala.

„Ich weiß es nicht. Ich stand grade auf der Straße als ein Auto auf mich zugefahren kam und dann war ich hier.“ erzählte sie mit gesenktem Kopf, sodass sie nicht den verwirrten Blick Omars bemerkte. Autos? Waren ihm vollkommen fremd, er hoffte jedoch, es war nichts gefährliches. Sofort steigerte sich seine Sorge noch mehr, bekam er den Gedanken, dass diese Autos sie umbringen könnten, nicht mehr los. Seiner kleinen Tochter durfte nichts passieren, auch wenn sie womöglich niemals von ihm erfahren würde – er liebte sie.

„Hast du einen Elefanten gesehen?“ fragte der Mann das Mädchen, welche zu kichern begann. Wie kam der Mann bloß auf so eine Idee? „Nein, Elefanten gibt es doch nur im Zoo!“ erklärte sie ihm. Diese Aussage verwirrte den Manjipoorianer noch mehr. Zoo? „Du hast gesagt, du bist schon länger unterwegs? Dann bist du doch bestimmt hungrig und durstig, oder?“ fragte Omar, die Kleine, welche heftig nickte. Wie um ihrem Nicken noch einmal Nachdruck zu verleihen knurrte auch ihr Magen. „Okay, dann komm mit, du musst mir aber versprechen, dass du mit niemandem redest und ganz still bist!“ sagte Omar und sah seine Tochter streng an. „Ich verspreche es!“ sagte Alex. Omar nahm ihre Hand um sie aus dem Wald zu führen. „Wer bist du überhaupt?“ fragte das Mädchen den Mann. „Ich bin Omar. Und wer bist du?“ fragte er das kleine Mädchen, auch wenn er ihren Namen ganz genau wusste: Liliuokalani Parasha Khaled Persphone Amanirenas. „Ich bin Alexandra, aber du kannst mich Alex nennen!“ stellte Alex sich Omar vor. Verblüfft sah Omar seine Tochter an, hatten ihre Eltern in der anderen Welt ihr einen anderen Namen gegeben? Aber wieso, der Name war doch schön, einer Prinzessin würdig. Omar war kurz davor, sie zu berichtigen, Alexandra, dieser Name gehörte sich doch nicht für eine Prinzessin, doch er blieb ruhig, sie durfte nichts von ihrem Stand als Prinzessin wissen, eigentlich sollte sie nicht mal in Manjipoor sein, geschweige denn ins Schloss geführt werden, doch er konnte sie doch nicht mit Hunger und Durst wieder zurück schicken! Außerdem, gestand Omar sich ein, freute er sich ein wenig, Zeit mit seiner Tochter verbringen zu dürfen.




Nur ein paar Minuten später kam Omar mit Alex am Schloss an. Er führte sie in sein Zimmer und bat sie, auch dort sitzen zu bleiben, damit er ihr etwas zu Essen und zu Trinken besorgen konnte. Artig nickte das kleine Mädchen und blieb alleine, während Omar in die Küche ging.

Auf den Weg dorthin überlegte Omar, seiner Frau bescheid zu geben, auch sie würde sicherlich gerne einmal ihre Tochter kennenlernen, doch er entschied sich letztendlich dagegen – sie würde sich sicherlich unnötig Sorgen machen und die Trennung würde ihr wieder unglaublich schwer fallen – wie beim ersten Mal. Er beschloss, dass es definitiv reichte, wenn er mit der Trennung erneut klarkommen musste.

In der Küche bereitete er schnell etwas Obst und Brot vor und füllte etwas Kakao in ein Glas. Das alles stellte er auf ein Tablett und ging wieder zurück in sein Zimmer. Dort saß Alex auf seinem Bett und kuschelte mit ihrem Elefanten.

Omar erinnerte sich noch genau an den Tag, als er ihn gekauft hatte. Es war kurz vor der Geburt seiner Tochter. Er ging über den Markt um seiner Frau frische Erdbeeren zu besorgen. Seit sie schwanger war, liebte sie diese Frucht. Da kam er an einem Stand mit ganz vielen Kuscheltieren vorbei und eines davon war ein Elefant, welcher ihn direkt an Anjala erinnerte. Er wusste, sie würden ihre Tochter nicht behalten können, es war einfach viel zu gefährlich in dieser Welt, dass hatten sie nach dem Tode des Königs schmerzlich erfahren müssen. „Ich hätte gerne diesen Stoffelefanten!“ sagte Omar zu dem Verkäufer des Standes.

Schmerzlich dachte der Berater schon an den Abschied von seiner Tochter. „Ich hoffe, du magst Obst, Brot und Kakao.“ sagte er zu ihr und stellte das Tablet auf seinem Bett ab. „Danke Omar!“ bedankte sie sich brav. Kurz schweiften Omars Gedanken ab. Wie es wohl wäre, seine kleine Tochter immerzu um sich zu haben?

Eine halbe Stunde später hatte Alex alles aufgegessen und ausgetrunken und schlief fast im sitzen ein. Omar witterte seine Chance, sie wieder zu sich nach Hause zu bekommen, ohne dass sie Anjala sah. Er brachte das Tablet weg und tatsächlich war Alex in den paar Minuten tief und fest eingeschlafen. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, nahm er Alex hoch und trug sie zu Anjala, welche im Palastgarten stand und ihre Datteln vernaschte. „Anjala, du musst mir helfen! Liliuokalani muss wieder in die andere Welt, kannst du mich mit ihr zu sich nach Hause transportieren?“ fragte er den Elefanten. Wie zur Bestätigung gab Anjala eine Art brummen von sich, bevor ihre Kristalle aufleuchteten und sie gemeinsam mit Omar und Alex auf Manjipoor verschwand und im Garten eines kleinen Einfamilienhauses wieder auftauchte. „Okay, ich gehe sie jetzt ins Bett bringen, warte bitte auf mich, Anjala!“ bat er den Elefanten wieder und schlich sich in das Haus. Alles war still im Haus, es war also niemand da. Intuitiv suchte er das Zimmer seiner Tochter und fand es auch recht schnell. Vorsichtig legte er seine Tochter auf ihrem Bett ab und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich liebe dich, meine Kleine!“ flüsterte er und verließ das Zimmer wieder. Auf den Rückweg zu Anjala musste er seine Tränen zurückhalten, er durfte sich diese Art der Gefühle erst in seinem eigenen Zimmer leisten, sonst würde man noch fragen stellen.