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Verlieren lernen

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Nicht zum ersten Mal fragte sich Pirmin insgeheim, ob er auf dem richtigen Weg war. Als er vor einigen Jahren angefragt worden war, hatte er begeistert zugesagt. Damals hatte er gedacht, das Schicksal hätte es endlich gut gemeint mit ihm; nach all den Verletzungen war die Anfrage gerade das Richtige gewesen um ihn wieder zu motivieren, noch einmal alles zu geben für das grosse Fest zuhause.

Heute war er sich nicht sicher, ob es wirklich Schicksal gewesen war, oder nicht eher die Falle einer weitaus schlaueren, weitaus getriebeneren Person als Pirmin selber.

Der Kellner trat mit den drei Getränken auf die Terrasse und verteilte sie an ihrem Tisch.

Mike lächelte ihn über den Tisch hinweg an. Trotz seiner plumpen Statur hatte er etwas von einem Haifisch, was Pirmins Eindruck einer Falle nicht entkräftete.

Es war nicht einmal das Geld gewesen, mit dem er Pirmin angelockt hatte.

Doch, natürlich war es das Geld gewesen.

Auch.

Unter anderem.

Aber vor allem hatten Pirmin sein Auftreten und seine Geschichten gewonnen. Nach dem ersten Gespräch war es Pirmin gewesen, als hätte jemand einen Schleier von seinen Augen gehoben und ihm die ganze, stinkende Verlogenheit des Schwingsports offenbart.

"Ich muss dir die Zahlen nicht herunterleiern", hatte Mike begonnen und dann ebendies getan: "56'500 Plätze in der Arena, 350'000 Besucher insgesamt erwartet, vier Kilometer Kamerakabel, 36 Millionen Franken Budget. Verstehst du die Dimensionen, Pirmin?"

Pirmin hatte genickt, obwohl er es nicht tat. Bis heute nicht. Etwas in Mikes Blick veranlasste einem, alles richtig machen zu wollen und zur Not auch zu lügen.

Mike hatte nur wissend gelächelt und seinen Monolog weitergeführt: "Aber verstehst du auch, warum es gemacht wird? Was veranlasst jemanden, 36 Millionen Franken in die Hand zu nehmen, damit du und deine Kameraden euch messen könnt? Jammern sie nicht allenthalben, das sei viel zu viel und verfälsche das Schwingen und nächstes Mal machen wir alles kleiner, familiärer und überhaupt?"

Pirmin hatte eine Antwort im Kopf gehabt, Zeitgeist und weil Schwingen halt angesagt ist, aber etwas an Mikes spöttischem Ton hatte ihn wissen lassen, dass er falsch lag.

"Geld und Einfluss", hatte Mike geantwortet. "Nur das. Der einzige Grund, warum jemand 36 Millionen Franken ausgibt ist das Wissen, dass viel, viel mehr Millionen in seine Tasche zurückkommen werden und dazu Macht. Macht, Pirmin! Sieh dir zum Beispiel das Marketing an! Ein kleiner Einmann-Betrieb wie ich könnte so ein Projekt niemals stemmen, dazu braucht es ein grösseres Unternehmen. Weisst du, wer für Zug das Marketing macht?"

Pirmin hatte pflichtbewusst den Kopf geschüttelt.

"Das gleiche Unternehmen, das schon für Burgdorf die Werbung gemacht hat", antwortete Mike. "Aber das ist nicht das einzige…Tätigkeitsfeld dieses…Unternehmens. Sie sind nicht wie ich, weisst du. Ich arbeite mit Sportlern und Künstlern zusammen, versuche, ihnen ein Auskommen für ihre Leidenschaft zu ermöglichen und ihnen das Leben ein bisschen einfacher zu machen. Es ist nichts Grosses, nichts Wichtiges, aber es erfüllt mich, es macht mir Freude. Die Leute, die für Zug die Werbung organisieren aber, das sind Lobbyisten." Beim letzten Wort war seine Stimme leiser, gehässiger geworden und Pirmin hatte sich näher zum ihm beugen müssen.

"Sie beraten grosse Unternehmen, Krankenversicherungen, Banken und internationale Konzerne. Sie haben Zugang zur Wandelhalle und ihre Leute sitzen im Nationalrat. Nun überleg einmal, Pirmin: Warum sollte ein Staatsrat des reichsten Kantons der Schweiz seine knappe Freizeit opfern, um für Spesen und ein paar Schulterklopfer an einem Schwinget als OK-Präsident zu fungieren? Und er ist lange nicht der einzige Politiker im OK, das geht hinunter bis zum Gemeinderat in irgendeiner Stabsstelle."

Er hatte sich mit einem dünnen Lächeln zurückgelehnt und Pirmin alleine über der Tischplatte zurückgelassen. "Das ist nur eine der vielen verborgenen Seiten, die das Eidgenössische Schwingfest zu dem aufblähen, was es in den letzten Jahren geworden ist. Es ist ein Werkzeug geworden für Leute, die auf Einfluss aus sind und ohne dir hier zu nahe treten zu wollen, Pirmin, aber euer Verband wird von denen herumgeführt wie die Lebendpreise beim Rundgang durch die Arena."

Pirmin hatte sich auch wieder im Stuhl zurückgelehnt und gedankenversunken auf seinen Lippen herumgekaut. Mike hatte mit der Hand winken müssen, um ihn wieder zu sich zu holen.

"Ich will dich nicht entmutigen", hatte er mit grossem Lachen gesagt, "im Gegenteil! Ich sage dir das alles nur, um dir deine eigene Macht vor Augen zu führen. Um 350'000 Leute an einen Ort zu locken muss man etwas bieten. Spektakel! Mit 36 Millionen kann man eine sehr professionelle Infrastruktur aufziehen und ein tolles Rahmenprogramm bieten, aber das alles ist nichts wert, wenn ihr nicht liefert, was das Publikum erwartet. Die im Hintergrund, die wissen das und es wird Zeit, dass ihr Schwinger das endlich auch tut!" Hier hatte er tatsächlich auf den Tisch gehauen und im Nachhinein, mit drei Jahren Erfahrung, war das doch ein wenig zu theatralisch gewesen. Damals aber hatte Pirmin ob dem Ausbruch nervös gelacht.

"Sie erwarten, dass ihr eure Bestes zeigt. Und euer Bestes ist schon lange nicht mehr das, was früher Schwingen gewesen ist. Wenn das OK den 350'000 Leuten Schwingen wie vor fünfzig Jahren zeigen würde, würde man sie in der Luft zerreissen. Ihr trainiert wie Spitzensportler. Das weiss ich, ich betreue sie schliesslich. Aber während meine anderen Athleten sich voll aufs Training konzentrieren dürfen, müsst ihr daneben noch arbeiten und eure mageren Einkommensmöglichkeiten werden im Namen von Tradition und Kultur beschnitten wo es nur geht."

Er hatte sich wieder vornüber gebeugt und Pirmin fest in die Augen geblickt, sein Arm aber hatte zum Fenster gezeigt, irgendwo in die Ferne. "All die Sponsoren, der Supermarkt, die Bank und wer sonst noch alles mitmischt, sie geben Millionen aus, damit die Zuschauer ihre Logos auf Hüten und anderem Firlefanz in die Arena tragen. Das ganze Fest generiert mehrere Jahre Arbeit für eine ganze Region und nicht wenige Akteure erhoffen sich politischen Kredit aus ihrem Einsatz. Aber die Schwinger sollen bitteschön von Alpenluft und Bergkäse leben? Ist das gerecht?"

Pirmin hatte sich nicht bewegt.

"Es gibt kein Zurück", hatte Mike ruhig angefügt und seinen Arm wieder eingezogen. "Auch wenn es vielleicht schade ist, dass etwas Echtes, Wahres so verloren gehen musste, das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest wird nicht zurückkommen, Pirmin. Jedenfalls nicht, solange du mit den Besten mithalten kannst. Das könnt ihr Schwinger nicht zurückbringen. Alles, was euch bleibt, ist das ESAF. Und meine Meinung ist, dass du einen grösseren Anteil daran verdienst, als du bislang bekommen hast."

 

So hatte Pirmin seinen Anteil bekommen. Er war noch nicht sicher, ob es so viel war, wie er verdiente. Dazu hätte er aber zuerst auch wissen müssen, was ihm überhaupt zustand. Er lächelte Mike zurück und nahm einen Schluck Eistee.

Der Nidwaldner hatte stilles Wasser bestellt und nippte daran. Sein Lächeln wirkte weitaus echter als Mikes und wahrscheinlich auch Pirmins.

Marco stellte das Glas zurück und beugte sich leicht vor. "Ich weiss, du musst es sicher jeden Tag sagen, aber ich will es einfach wissen: Wie gross bist du?"

"Eins achtundneunzig", antwortete Pirmin und seine Augen wanderten von Marcos Haar zum Geländer der Terrasse zur Tischplatte und zurück. "Hundertdreissig", fügte er in Erwartung der zweiten Frage an.

Marco lachte und warf einen Blick zu Mike, der nun grinste. "Wahnsinn!", kommentierte er.

Pirmin zuckte verlegen mit den Schultern. "Und du?"

Marco lehnte im Stuhl zurück und breitete seine Arme ein wenig aus, um Pirmin die bestmögliche Aussicht auf seinen Körper zu geben. Seinen äusserst einladenden Körper. "Eins vierundachtzig und einundachtzig."

Unter Marcos wachem Blick fiel Pirmin das Lächeln nicht schwer. "Ich dachte, Abfahrer müssten schwer sein."

Marcos schallendes Lachen hallte über die Terrasse. "Verglichen mit anderen Skifahrern bin ich ein Stucki", sagte er und sah Pirmin mit einer Herausforderung an, die ihm den Atem raubte.

"Stucki?", rief Mike entsetzt aus. "Also Marco! Hierzulande sagt man dem Reichmuth."

Marco hob entschuldigend die Hände. "Verzeiht! Mein Fehler. Aber eigentlich bin ich kein richtiger Abfahrer. Das mache ich einfach zur Freude." Er zuckte mit den Schultern und Pirmin lachte leise.

Zur Freude.

Heute trug Marco ein gewöhnliches T-Shirt mit gewöhnlichen Jeans und sah ganz anders aus als auf den Bildern, die Pirmin von ihm kannte. Klar, das Lächeln war dasselbe und der kecke Blick aus seinen golden braunen Augen und das wellige Haar, das ihm das Freche nahm, das war unverändert. Auf den Bildern aber war dies alles überdeckt mit Aufnähern, Schriftzügen, Logos und Accessoires, alles Werbung für seine Sponsoren. Er hatte viel mehr als Pirmin, viel mehr Verpflichtungen und Auflagen, die es zu erfüllen galt.

Ihm war ein Rätsel, wie Marco darunter nicht zerbrach.

"Es freut mich ungemein, können wir endlich einmal zusammensitzen", sagte Mike und begann eine seiner Monologe, die Pirmin mittlerweile zur Genüge kannte. Es war so, wie er von Anfang an gedacht hatte: Mike hatte sie eingeladen, um Pirmin einen mehr oder weniger dezenten Hinweis auf seine Pflichten zu geben und ihm klarzumachen, dass demnächst Zahltag käme für den Kredit, den er in den letzten drei Jahren erhalten hatte.

"Ich dachte schon, dass ihr euch verstehen würdet. Ihr habt viel gemeinsam, auch wenn ihr aus ganz unterschiedlichen Sportarten kommt. Beide gehört ihr zu den Besten und gehört zu den Favoriten. Und während Marco seine Prüfung schon hatte, wird deine erst kommen, Pirmin."

"Es kommen immer wieder neue", warf Marco ein und nahm einen weiteren Schluck Wasser. Über den Rand des Glases zwinkerte er Pirmin zu.

"Natürlich, aber manche sind zugegeben wichtiger als andere. Und die Jugendweltmeisterschaften in Davos waren eine wichtige Prüfung."

Marco zuckte mit den Schultern und stützte das Kinn auf die Hand.

Bevor Mike seine Erläuterungen vertiefen konnte, klingelte und vibrierte das Telefon vor ihm auf dem Tisch. Stirnrunzelnd warf er einen Blick auf das Display, dann hob er es hoch.

"Es tut mir wahnsinnig leid, aber ich muss mich kurz entschuldigen", erklärte er und zerstob in Richtung Parkplatz.

Marco sah ihm lächelnd nach bis er um die Ecke verschwunden war, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder auf Pirmin.

"Er hält mich dir immer als Beispiel vor, wenn ich nicht genug für die Sponsoren mache."

Pirmin verzog den Mund und versteckte sich hinter seinem Eistee. "Ich glaube, ich bin einfach nicht talentiert genug für Smalltalk und Fototermine und all das", sagte er schliesslich.

"Das ist nicht, was ich meine", lachte Marco und sah ihn mit seinen goldenen Augen so lange an bis Pirmin auch lächelte.