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Einfach nur Wir

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Das Tagewerk ist getan. Wir haben gegessen und setzen uns noch ein wenig an den Kamin. Ich erwarte keine tiefschürfenden Gespräche mehr, nicht an diesem Abend. Aber du überraschst mich. Und gehst gleich Jahre zurück.

„Sag mal, was könntest du von deinen alten Herrschaften mitbekommen haben?“

Ein unseliges Thema. Weg damit.
„Lass gut sein.“

Du bist selbst kein Freund solcher Fragen. Und wir haben eine stumme Absprache darüber. Also warum … ?

„Sag nicht, dass du darauf kommst, weil wir heute bei den Byrnes waren.“ Sie hatten gutes Brot. Aber ihre Kinder waren einfach nur naseweis, und das schien die Eltern nicht zu kümmern.

„Niemals.“ Du grinst mich an, wirst dann wieder ernst. „Ich meine das damals im Dorf.“

Na danke … Wie ich es liebe, mich daran zu erinnern – vor allem an meinen schweren Patzer am Ende.
„Was?“

„Diese Drohung, dass du jeden erschießt, der … Du weißt schon. Wie du da ausgerastet bist. War das nur so, oder …?“

„Keine Ahnung, verdammt.“ Die Worte sind heraus, ehe ich wirklich darüber nachgedacht habe.

Du zweifelst es nicht an und sagst auch sonst nichts mehr, lässt mir alle Zeit.

Ich weiß tatsächlich nicht, wo ich was herhabe. Was ich schon mit auf die Welt brachte. Was ich zu Hause mitbekam. Was im Krieg. Und was danach.

Andererseits …

Es könnte passen. Dass Sotero uns einfach hatte wegschicken wollen. Dass der Vertrag mit uns plötzlich hinfällig war. Dass unser Wort nichts galt. Als hätten wir uns verstellt. Als hätten wir keine festen Prinzipien. Und er hatte sich aufgespielt, als hätte er die Macht über uns. Über mich. Das war eine Beleidigung gewesen. Darauf musste man antworten, sofort. Schlagkräftig. Als Kind. Und als Mann. Sonst verlor man so ziemlich alles.

„Verletzte Ehre", bemerke ich schließlich. „Musterbild des Südens.“

„Die wilden Buben dort sind also kein Märchen.“

Ich winke nur ab, lasse mich nicht von deinem lockeren Tonfall mitziehen.

Ich meide New Orleans, als wäre es vergiftet. Schon sehr lange. Nicht, dass ich froh darüber wäre. Man verließ Familie und Zuhause nicht – ich hatte es getan. Aus Gründen. Der Beginn eines verkorksten Lebens …

Was hätten sie zu meinem Verhalten gesagt? Hätten sie sich gefreut, dass ich wenigstens das gelernt hatte? Ich werde es nie erfahren. Ich weiß nicht einmal, wer von ihnen noch da ist. Und nun denke ich wieder an sie, sinnloserweise.

Mir schnürt sich die Kehle zu. Verdammt. Ich wende mich ab.

Unbeirrt nimmst du meine Hand, spielst ein wenig mit meinen Fingern. Mir ist erst gar nicht danach. Aber ich lasse dich machen, und nach einer Weile tröstet es mich. Warum auch immer.

„Von meinem habe ich gelernt, nicht zu tief ins Glas zu sehen“, sagst du schließlich leise, und mir ist klar, dass du deinen Vater meinst. „Wobei … gelernt trifft's nicht so ganz. War mehr das abschreckende Beispiel.“

Ich sehe dich an. Du hast einen scherzenden Tonfall. Zu gelöst für das, was dahintersteht. Natürlich.

Und dann schüttelst du es ab. Das Feuer ist inzwischen fast heruntergebrannt.
„Komm, Zeit für Nachtisch. Lass uns Bratäpfel machen.“

„Solange sie nicht in Flammen aufgehen.“ Wundern würde es mich nicht.

Du knuffst mich in die Seite.
"Wir passen eben auf."

Als die ganze Freude vor sich hin brutzelt, setzen wir uns wieder, diesmal auf eine Decke, und warten einfach nur und sind zusammen. Ich spreche nicht aus, was ich denke, weil es zu verflucht schmalzig wäre. Ich suche nur nach deiner Hand. Vielleicht weißt du es auch so.