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„Das ist er! Das ist Han Wenqing mit seinem Faustkämpfer Da Mo Gu Yan. Ran, jetzt musst du aufpassen. Überlege dir, wie viele seiner Techniken du auch hinbekommen würdest!“, rief Sera Masumi zu ihrer Mitschülerin Mori Ran.

Sie saßen in einem großen Stadium inmitten einer Menge Fans, die mit lautem Gegröle und Geklatsche Wenqings Weg über die Bühne zur Spielerkabine begleitete. Es kostete bereits einiges an Mühe, sich bei all den Anfeuerungen zu unterhalten, und es wurde noch dadurch, dass sich zwischen den beiden Mädchen ein weiterer Sitzplatz befand, anstrengender.

Auf diesem Platz saß Kudo Shinichi. Obschon er im selben Alter wie die Mädchen war, sah er ein ganzes Jahrzehnt jünger aus und führte das Leben eines Grundschülers namens Edogawa Conan. Es war keineswegs angenehm, in dem Körper seines kindlichen Selbst gefangen zu sein. Man war schwächer, wurde seltener ernst genommen. Shinichi verfluchte seine Situation beinahe täglich, doch bis er einen weiteren Hinweis bekommen würde, wie er zurück in sein altes Leben als Oberschüler finden konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit seiner Lage zurechtzufinden. Immerhin war er heute mit drei Mädchen unterwegs, von denen zumindest zwei meistens kein Kind in ihm sahen, wenngleich keine von ihnen wusste, dass er in Wirklichkeit nicht Edogawa Conan hieß.

„Okay“, rief Ran derweil über Shinichis Kopf hinweg zurück zu Masumi.

„Und? Wie gefällt es dir soweit, Conan-kun?“, fügte Ran an den nur scheinbar Jüngeren gerichtet an. „Die Projektionstechnik ist umwerfend, nicht?“

Zu ihm hatte sie ihren Kopf soweit gesenkt, dass sie nicht zu sehr zu schreien brauchte. Dabei berührte ihr Atem Shinichis Ohr. Diese Nähe erfüllte ihn mit viel mehr Aufregung als das Geschehen auf der Bühne. Auf dieser zeigte eine holografische Projektion den virtuellen Wettkampf. E-Sport. Noch dazu ein Fantasy-MMO. Shinichi war ein Liebhaber des sportlichen Wettbewerbs, doch was er hier sah, sprach ihn nicht an. Da explodierte ein Körperteil eines virtuellen Charakters und dieser lief nach ein paar Sekunden weiter über das Kampffeld als ob nichts gewesen wäre. Noch dazu bestand der Wettbewerb darin, wer schneller tippen, die Computermaus präziser steuern und sich länger auf den Bildschirm konzentrieren konnte. Das war mit einem richtigen physischen Sport wie Fußball, Karate oder Jeet-Kun-Do gar nicht zu vergleichen. Dabei war das Quartett gerade deswegen hier, weil Masumi meinte, die Faustkämpfer-Klasse des chinesischen MMORPGs Glory würde so viele Techniken verwenden, die man auch im echten Leben einsetzen konnte, und der Profi-E-Sportler Han Wenqing würde das zeigen wie kein anderer. Nun, tatsächlich war es auch noch dem Geldbeutel der Familie der dritten Oberschülerin im Bunde, Suzuki Sonoko, zu verdanken, dass sie für ein Wochenende einen Trip nach China machen konnten.

„Ja, umwerfend. Es ist interessant“, antwortete Shinichi Ran schließlich mit einem falschen Lächeln.

Ran lächelte erfreut und richtete ihr Augenmerk auf die Bühne. Auf dieser begann soeben der nächste Kampf. Das aktuelle Kampfformat wurde als Gruppenarena bezeichnet. Es war ein Drei-gegen-Drei, allerdings kämpften immer nur zwei Spieler gegeneinander. War einer besiegt, kam der Nächste seines Teams dran, während der Gegner mit seinem restlichen Leben in den folgenden Kampf zog. Waren alle drei Spieler einer Mannschaft gefallen, war der Gruppenkampf vorbei und zwei Punkte gingen an die andere Mannschaft. Allein dieses Format, dass zwei Spieler warteten, bis ihr Kamerad am Boden lag, bevor der Nächste von ihnen den Kampf aufnahm, wirkte nicht sehr realistisch. Insbesondere, da das Kampffeld kein Arenafeld war, auf dem man sich wie in einem sportlichen Wettbewerb Regeln vorstellen konnte, sondern eine Felsschlucht in einer kargen Landschaft.

In dieser Landschaft kämpften nun der Faustkämpfer Da Mo Gu Yan, gespielt von Han Weqing, Kapitän der Mannschaft Batu, gegen den Scharfschützen Yi Quiang Chuan Yun, gespielt von Zhou Zekai, Kapitän der Gastmannschaft Lunhui. Das Aufeinandertreffen der beiden Mannschaftskapitäne sorgte dafür, dass das Gegröle gar kein Ende mehr nahm, sondern den Kampf ununterbrochen und so laut, dass einem das Trommelfell zu reißen schien, begleitete. Dabei war der heutige Spieltag ansonsten gar nicht allzu besonders. Es war nur ein gewöhnliches, reguläres Spiel der chinesischen Glory-Liga.

Der Schützte Yi Quiang Chuan Yun besaß zwar nur noch die Hälfte seiner Lebenspunkte, doch da sich das nicht auf seine Leistung auswirkte, schien er gegen den Nahkämpfer im Vorteil zu sein. Da Mo Gu Yan stürmte direkt auf den Schützen zu, wich den Kugeln aus, wie es in der Realität nicht möglich wäre, stieß sich mit einer Kraft vom Boden ab und sprang so hoch in die Luft, wie es Shinichi selbst mit seinen Powerkickboots nicht schaffte.

Shinichi lehnte sich entspannt zurück und verfolgte den Kampf eher unaufmerksam. Er sah zu seiner Rechten, zu Ran. Sie blickte aufmerksam und beeindruckt auf die Projektion sowie auf die von der Stadiumsdecke hängenden Bildschirme, auf denen bestimmte, interessante Konfrontationen aus verschiedenen Perspektiven wiederholt wurden und sämtliche statistische Werte wie die Lebenspunkte oder ein Kombizähler eingeblendet wurden.

Sein Blick glitt weiter an Ran vorbei zu Sonoko. Selbst diese wirkte vom Kampf begeistert, wobei die Art, wie sie hin und her schwank und ihre Hände an ihre Wangen drückte, nahelegte, dass ihr irgendwelche schwärmerischen Vorstellungen durch den Kopf gingen. Womöglich träumte sie davon, zwei Männer würden einmal so leidenschaftlich um sie kämpfen.

Zu seiner Linken war es um einiges lauter. Masumi feuerte Wenqing so laut sie konnte an. Sie fieberte mit diesem E-Sportler und Da Mo Gu Yan mit als ob sie selbst ein Teilnehmer dieses Kampfes sei.

Shinichi blickte auf seine Füße. Sie berührten nicht einmal den Boden. Was für eine Zeitverschwendung das hier doch war. Er befand sich für ein ganzes Wochenende in der Stadt Q in China, in der er nicht hoffte, eine Spur auf die Männer in Schwarz, die seinen Körper mit einem Gift in den eines Kindes verwandelt hatten, zu finden. Er langweilte sich.

Ein lauter Knall ertönte.

„… und Kopfschuss!“, brüllte der Moderator wenige Sekunden nach dem Laut.

Die Menge um Shinichi herum buhte, doch im Vergleich zu den Fans auf der anderen Stadiumshälfte war sie recht ruhig. Die Jubelrufe der Lunhui-Fans drangen ebenso wie die weiteren Worte des Moderators zu Shinichi durch.

„Zur Erinnerung: Die Level-70-Scharfschützen-Fertigkeit Barrett-Scharfschütze verursacht doppelten Schaden, wenn der Kopf getroffen wird. Oh, das sieht nicht gut für Han Wenqing aus. Der Angriff hat einen Betäubungseffekt ausgelöst. Da Mo Gu Yan kann sich nicht bewegen. Zhou Zekai nutzt das gekonnt aus. Yi Quiang Chuan Yun feuert einen mächtigen Schuss nach dem anderen auf Da Mo Gu Yan ab! In diesen wenigen Sekunden hat Da Mo Gu Yan schon ein Viertel seiner Lebenspunkte verloren!“

„Da stimmt was nicht“, kam es ernsthaft und ruhig von Masumi.

Shinichi hob eine Braue.

„Ja, das Loch in Da Mo Gu Yans Kopf hätte nicht so schnell zuwachsen können“, kommentierte er, suchte jedoch selbst nach Anzeichen, die auch im Bezug zu dieser virtuellen Spielwelt, in der vieles, das nicht möglich sein sollte, möglich war, ungewöhnlich war.

Er wusste, dass Masumis plötzliche Nachdenklichkeit etwas zu bedeuten hatte. Dass ihr Idol gerade am Einstecken war, sollte ihre Anfeuerungsrufe gewöhnlicherweise nicht verstummen lassen. Es sollte wie bei den übrigen Batu-Fans sein, die um sie herumsaßen und riefen: „Los, schlag zurück!“, „Gegenangriff!“, „Lass dich nicht wieder und wieder betäuben!“

Masumi sprang auf ihre Beine und daraufhin auf den Stuhl.

„Unglaublich! Zhou Zekai lässt Han Wenqing gar nicht mehr zum Zug kommen! Da Mo Gu Yan hat nur noch ein Drittel seines Lebens!“, rief der Moderator.

„Aus dem Weg“, brüllte derweil Masumi, bevor sie über die Reihe vor ihr sprang und auf der Sitzlehne eines Platzes in der darauf folgenden Reihe zum Stehen kam.

Der dort Sitzende erschrak und schrie auf, wollte schon von seinem Platz springen, als Masumi einen Fuß auf seiner Schulter platzierte, um sich von ihm abzustoßen und näher an die Absperrung zwischen Tribüne und Bühne heranzukommen.

„Was macht Sera-chan da?“, äußerte sich Ran verwirrt.

Sie und Sonoko, ebenso wie einige weitere um sie herum vergaßen ganz das Anfeuern und waren von der Aktion Masumis abgelenkt.

Doch nicht nur diese verstummten. Unter den Batu-Fans ersetzte mehr und mehr nachdenkliches Raunen die Anfeuerungsrufe.

„Wieso schlägt Han Wenqing nicht zurück? Hätte er, in dem Augenblick zwischen den beiden Betäubungseffekten nicht handeln können?“, lautete die Hauptfrage, die sich durch die Menge zog.

Dieses Raunen breitete sich langsam auch auf der Seite der Lunhui-Fans aus, bis schließlich die Projektion verschwand, die Bildschirme über der Bühne schwarz wurden und das Licht im Stadium plötzlich anging.

„Ähm … aus technischen Gründen muss der Kampf abgebrochen werden. Es … ähm … ist nicht möglich, den Kampf heute Abend fortzusetzen. Bitte verlassen Sie ruhig das Stadium“, erklärte der Moderator zögerlich.

Sofort waren die Fans in Aufruhr, buhten und beklagten sich, doch bemerkten nicht, dass Zhou Zekai der einzige Spieler war, der verwirrt die Spielerkabine verließ und zu seiner Mannschaft ging, um mit dieser gemeinsam die Stadiumshalle zu verlassen, während zu Han Weqings Kabine Kollegen und weitere Mitarbeiter eilten.

Masumi hatte Recht. Etwas stimmte hier nicht. Shinichi warf einen Blick auf die Schülerdetektivin, die inzwischen die Absperrung zur Bühne erreicht hatte, an welcher ihr mehrere Sicherheitsmänner gegenüberstanden, die sie zu beruhigen versuchten. Er sprang von seinem Stuhl, um sich selbst dorthin zu begeben.

„Junge, sei vernünftig. Verlasse das Stadium wie alle anderen auch“, sprach einer der insgesamt drei Sicherheitsmänner zu Masumi.

„Über die Absperrung zu klettern ist gefährlich“, appellierte ein anderer an ihren Verstand.

„Letzte Warnung. Geht mir aus dem Weg!“, rief Masumi, die mit den Worten die Absperrung erklomm und sogleich auf ihr stand.

Das Sicherheitspersonal kam ihren Worten nicht nach. Immerhin war es unter anderem dafür da, die Spieler vor anstandslosen Fans zu schützen.

Masumi seufzte. Mit einer Hand fasste sie sich an die Kante des Hutes, den sie trug, dann sprang sie nach oben, zog ein Bein an, bevor sie all ihr Gewicht auf ihr anderes Bein verlagerte, mit dem sie gleich darauf einem der Sicherheitsmänner gegen den Kopf trat. Während der Mann rückwärts dem Boden entgegen fiel, drehte sich Masumis Fuß auf seinem Gesicht, folgte der Bewegung ihres Körpers um ihre eigene Achse. Noch ehe der Aufprall erfolgte, stieß sie sich erneut ab und attackierte einen zweiten Sicherheitsmann mit ihrer Kniescheibe. Sie traf den Mann unter seinem Kinn, dann landete sie fest auf ihren beiden Füßen, während ihr Gegenüber benommen zurücktaumelte. Im nächsten Moment packten zwei große Hände von hinten ihre Oberarme. Masumi knurrte, bevor sie sich um ihren dritten Gegner kümmerte.

Nicht nur beschäftigte die Oberschülerin drei Sicherheitsmänner, die einzigen Sicherheitsmänner, die noch in diesem Bereich des Stadiums standen, sie zog auch die Aufmerksamkeit einiger weiterer Personen auf sich. Shinichi machte sich das zu Nutze. Er kletterte selbst ein paar Meter von Masumi entfernt über die Absperrung, dann rannte er hinüber zu der Spielerkabine Han Wenqings und schlüpfte an den Erwachsenen vorbei hinein.

Ein Sanitäter stand bereits neben dem Profispieler, der auf dem einzigen Stuhl in der Kabine saß und seinen Oberkörper auf der Tastatur liegen hatte.

Ein Angestellter des Stadiums stand daneben und rief per Handy bereits einen Krankenwagen.

„Brauchen wir auch die Polizei? Ja, oder?“, fragte der Mann, der noch immer telefonierte.

„Er ist nach allem … angeschossen worden. Also ich schätze, ja“, bestätigten der Sanitäter.

Shinichi, der nur einen eingeschränkten Blick auf Wenqing hatte, hob daraufhin den Kopf und sah sich in der Kabine um. Da Wenqing nach vorne gekippt war, musste der Angriff von hinten erfolgt sein. Er sah sich die Rückwand der Kabine an und fand ein kleines Einschussloch.

„Hey! Was machst du denn hier? Das ist kein Ort für Zuschauer“, ertönte sogleich eine Stimme nahe bei Shinichi.

Man hatte seine Anwesenheit inzwischen bemerkt. Shinichi sah auf. Neben ihm stand ein schwarzhaariger, junger Mann mit Brille, gekleidet in der Trainingsuniform Batus, und schenkte ihm einen besorgten Blick.

„Informationen sammeln, um den Fall zu lösen“, antwortete Shinichi unbeirrt.

Der Mann ging in die Hocke, um mit dem scheinbaren Grundschüler auf Augenhöhe zu sein.

„Tut mir leid, aber das hier ist kein Spiel für dich. Komm mit, ich bring dich raus und zu deinen Eltern.“

Der Unbekannte reichte Shinichi die Hand. Die Umherstehenden musterten die beiden nur kurz, wirkten froh darüber, sich nicht selbst um das verirrte Kind kümmern zu müssen, als eine weitere, ihnen fremde Gestalt in der Kabinentür auftauchte. Masumi. Sie lehnte sich kurz gegen den Türrahmen und verschnaufte, während sie ihren Hut zurechtrückte.

„Keine Sorge, er gehört zu mir. Er weiß, dass das kein Spiel ist und kann helfen“, sprach sie.

Der Mann an Shinichis Seite warf über die Schulter einen Blick zu Masumi, musterte sie skeptisch.

„Und du bist …?“, fragte er schließlich.

„Sera Masumi. Detektivin. Freut mich, dich kennen zu lernen, Vizekapitän Zhang Xinjie“, stellte Masumi sich vor, trat dabei näher an den Mann und Shinichi heran und entblößte grinsend einen scharfen Schneidezahn.

Einige Anwesende stießen einen überraschten Laut aus, musterten die Fremde, die eher wie ein Junge als wie ein Mädchen aus.

„Also, was ist passiert?“, fügte Masumi sogleich an.

„Das ist kein Ort für Zuschauer. Was treibt denn das Sicherheitspersonal?“, seufzte Xinjie.

„Das hält ein Nickerchen“, antwortete Masumi.

„Er hat die Männer fertiggemacht“, erklärte Song Qiying, ein Spieler Batus, der außerhalb der Kabine stand und Masumi weiterhin für einen Kerl hielt, ausführlicher, „… mit Tretender Adler und Vorstoßende Faust …“

Xinjie hob eine Braue.

„Han Wenqing lebt. Er ist angeschossen worden. Der Täter muss von der obersten Tribünenreihe in Block C aus geschossen haben. Du solltest dir das Überwachungsvideo ansehen, ich überprüfe Block C“, beantwortete derweil Shinichi Masumis Frage.

Masumi blickte zu Wenqing. Ganz eindeutig wollte sie sich die Verletzung genauer ansehen, allerdings näherte sie sich nicht ihrem bewusstlosen Idol.

„Okay. Männer, schließt die Stadiumstüren, bevor der Täter entkommt! Die Leute dürfen nicht raus, klar?“, wies Masumi die Umherstehenden an, dann drehte sie sich um und rannte, gefolgt von Shinichi, los.

„Hey, Moment!“, rief Xinjie, allerdings nützte es nichts.

Die beiden waren bereits im nächsten Moment außer Reichweite.

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Mit der Überzeugungskraft ihrer Fäuste hatte Masumi es geschafft, das Personal zu überreden, ihr die Aufnahmen der Überwachungskamera zu zeigen. Es war nur eine Kamera, über die man die oberste Tribünenreihe in Block C sehen konnte und die Qualität der Aufnahme war nicht sonderlich gut. Trotz allem konnte man den Schützen auf dem Video ausmachen, der zurselben Zeit feuerte, zu der auch Zhou Zekai Barrett-Scharfschütze einsetzte. Es war eine schlanke Gestalt, die eine Batu-Kappe und eine schwarze Jacke trug. Nach der Tat nahm sie direkt den nächsten Ausgang. Vor der Tat ließ sich nur feststellen, dass sie selbst einen Sitzplatz in Block B haben musste, denn dort verlor sich ihre Spur in den schwungvollen Bewegungen zahlreicher Batu-Fans, die ebenso Batu-Kappen trugen.

Sobald Masumi die genaue Position des Schützen herausgefunden hatte, hatte sie diese an Shinichi weitergegeben. Dieser besah sich dem Ort des Abschusses. Das Einzige, was er vorfand, war eine dezente Pulverspur am Boden.

Dennoch war er schneller als Masumi in dem überfüllten Eingangsbereich, in dem nun zahlreiche Batu-Fans warten mussten. Nachdem Masumi eine erste Beschreibung zum Täter an das Personal weiterleiten konnte, hatte dieses beschlossen, wenigstens die Lunhui-Fans, die auch in Lunhuis Tribünenhälfte einen Sitzplatz bezogen hatten, aus dem Stadium zu lassen. Masumi war dagegen gewesen. Ein Gast hätte einfach zwei Platzkarten vor dem Spiel kaufen können, um auf diese Weise schneller zu entfliehen. Diese Spekulation hielt das Sicherheitspersonal allerdings nicht für wahrscheinlich.

Ohnehin reichten die Informationen aus, um drei Personen zu finden, auf die die Beschreibung zutraf und die eine Karte für einen Platz in Block B besaßen, auf den sie allerdings zum Tatzeitpunkt nicht gewesen waren. Das hatte eine grobe Befragung einiger Gäste aus Block B ergeben. Leider jedoch war die Schusswaffe bei keinem der Drei oder auch einem der übrigen Gäste gefunden worden.

Bis diese Befragung vorbei war, waren ebenso Polizei und Krankenwagen eingetroffen. Die Sicherheitsmänner, begleitet von Masumi und Shinichi, trieben die drei gefundenen Verdächtigen zu den Polizisten, die von Xinjie sowie Batus Eigentümer bereits in einen ruhigen, unbenutzten Raum für die Befragungen gebracht wurden. Nach allem waren sie hier in Batus Heimstadium.

„Ich kann es nicht fassen. Du Ming. Du Ming ist einer unserer Verdächtigen, Conan. Er ist ein Lunhui-Spieler. Allein, dass er Batu-Merchandise trägt, macht ihn umso verdächtiger!“, klärte Masumi Shinichi über die Identität eines Mannes auf, der etwas vor ihnen lief und jedes Wort hören konnte.

Ganz offensichtlich war diesem mehr als unwohl in seiner Haut, er war blass und zittrig, schien gar etwas zu schwitzen.

Als die Gruppe den Raum betrat, erstarrten sogleich Xinjies Gesichtszüge, während einer der Sicherheitsmänner erklärte, dass sie den Kreis der Verdächtigen auf diese Drei hatten einschränken können.

„Jia Shiming?!“, fragte Xinjie daraufhin überrascht.

Einer der Verdächtigen sah beschämt zu Boden, schwieg jedoch.

Auch die Beamten blickten überrascht, hinterfragten jedoch erst das Ausfindigmachen der Verdächtigen. Der Sicherheitsmann erklärte das Vorgehen und stellte dabei mit eigenem Unwohlsein Masumi und Conan vor.

Einer der Polizisten räusperte sich daraufhin. „Nun gut. Vielen Dank. Dann dürft ihr beide nun gehen und den Rest uns überlassen.“

„Das wäre nicht fair! Lassen Sie uns der Befragung beiwohnen! Ich verdiene es, Han Wenqings Angreifer zu überführen!“, protestierte Masumi.

„Ich kann keine Kinder in meine Arbeit pfuschen lassen, Junge“, knurrte der Polizist zur Antwort.

„Ich bin kein Kind. Ich bin ein Profi!“, widersprach Masumi.

„Lassen Sie die beiden doch zuhören. Wir haben nichts zu verbergen, nicht wahr?“, sprach der dritte Verdächtigen und blickte dabei zu den weiteren beiden im Bunde.

Die Aufmerksamkeit der Umherstehenden lag nicht etwa auf den beiden anderen Verdächtigen, sondern auf dem Sprecher. Dieser trug einen Bart, unter seiner Kappe kurzes Haar und Männerklamotten, doch seine Stimme war eindeutig die einer Frau.

„Su Mucheng?“, stellte Xinjie eine Vermutung auf.

„Ganz wie man es von einem Meistertaktiker erwartet, du hast mich durchschaut, Zhang Xinjie“, entgegnete der Verdächtige, ehe ein Kichern folgte.

Er griff nach der Kappe und nahm diese mitsamt seinem Haar ab. Langes, hellbraunes Haar fiel daraufhin über seine Schultern, dann zog er sich mit der anderen Hand den falschen Schnurbart ab.

Mit offenen Mündern wurde die junge Frau angestarrt. Die meisten im Raum kannten sie und damit waren nun drei Profispieler als Verdächtige versammelt.

„Nun“, erhob der leitende Ermittler seine Stimme, „mir scheint, Sie kennen sich, aber bevor mich jemand nun aufklärt, wer unsere Verdächtigen genau sind, ihr beide verschwindet.“

Sein Blick lag auf Masumi und Shinichi. Die beiden tauschten nachdenkliche Blicke aus, blieben jedoch hartnäckig im Raum stehen.

„Wir beginnen mit der Befragung des Mädchens. Der Rest wartet vor der Tür“, fügte der Polizist an.

Mit dieser Aussage ließen sich die beiden Schülerdetektive beschwichtigen und verließen nun doch nach einer höflichen Verabschiedung den Raum. Es dauerte nur einen Augenblick, da kamen die Sicherheitsmänner, begleitet von Batus Eigentümer, Xinjie, einem Polizisten und den beiden männlichen Verdächtigen ebenso aus dem Zimmer.

„Der Raum dort drüben ist noch frei. Dort können Sie warten“, erklärte Batus Eigentümer und führte die Gruppe einen Raum weiter.

Shinichi und Masumi hefteten sich an deren Fersen. Die Sicherheitsmänner waren bereits vor Masumi eingeknickt, Batus Eigentümer hatte bereits durch Han Wenqings erhabene Ausdrucksstärke wenig Motivation, sich Auseinandersetzungen zu stellen und auch der Polizist allein konnte nicht viel ausrichten, um die beiden unschuldigen Detektive freundlich daran zu hindern, seine Arbeit zu behindern. Letztendlich war es ohnehin für ihn ebenso vorteilhaft, sollte eine neue Spur ans Licht geraten, egal, auf welche Weise und so verwandelte sich der provisorische Warteraum in einen zweiten Verhörsaal.

„Also Du Ming, fangen wir mit dir an. Du spielst für Lunhui. Wieso bist du nicht auf der Spielerbank gesessen?“, begann Masumi ihre Befragung.

Sie stand mit verschränkten Armen vor der Bank, auf der Ming und Shiming nebeneinander und zwischen einem Sicherheitsmann und einem Polizisten saßen. Shinichi setzte sich neben Xinjie auf eine Bank den anderen gegenüber und hörte ebenso wie der Vizekapitän aufmerksam zu.

Dabei fiel sein Blick allerdings auf eine Zeitschrift, die aufgeschlagen auf einem Tisch neben ihm lag. Auf der einen Seite war eine Tabelle abgebildet, die das aktuelle Punkteranking der Vereine darstellte. Auf der anderen Seite war die Spielerin, die sich nun im Verhör bei den Polizisten befand, abgebildet. Sie war Model einer Werbeanzeige für eine Marke für Computerzubehör. Obwohl der Fokus der Anzeige auf einer kabellosen Gamingmaus lag, die Mucheng nach vorne hielt, blieb Shinichis Blick an dem Ohrring, den Mucheng auf dem Bild trug, hängen. Er erkannte diese Ohrringe als die Gleichen wieder, die Ran ihrer Mutter zum letzten Geburtstag geschenkt hatte, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihren Vater dazu zu überreden, die Ohrringe ihrer Mutter zu schenken. Für einen Augenblick waren Shinichis Gedanken ganz bei Ran. Er fragte sich, ob sie inzwischen mit Sonoko das Stadium verlassen habe oder ob sie nach ihm und Masumi suche. Doch für diese Fragen war nun kein Platz, er sollte seine Aufmerksamkeit wieder auf die Verdächtigen richten.

„Ich bin nicht für das Spiel aufgestellt worden“, antwortete derweil Ming.

„Das ist nur eine Ausrede. Normalerweise hockst du auch als Ersatzspieler bei deinem Team. Und wenn schon nicht da, dann doch auf der Tribünenseite der eigenen Mannschaft. Du aber warst in Block B, auf Batus Seite, und trägst sogar eine Batu-Kappe“, sprach Masumi.

„Die Kappe ist zur Tarnung! Würde ein Batu-Fan mein Gesicht erkennen, wer weiß, was er mir antun würde. Durch die Kappe ist das schwerer zu erkennen und ich falle nicht auf“, erklärte sich Ming.

„Und wieso ein Platz in Block B?“, hakte Masumi weiter nach.

Ming seufzte. „Ich bin nicht zum Spiel aufgestellt, weil ich Fieber hatte. Das hat mich gestern ziemlich ausgeknockt, deswegen bin ich nicht mit der Mannschaft in die Stadt Q gereist. Ich sollte daheimbleiben und mich ausruhen. Aber heute Vormittag ging es mir gut, ich wollte das Spiel unbedingt live sehen. Also bin ich nachgekommen. Meine Kollegen würden mich sicherlich rügen, wenn sie mich sehen würden, also wollte ich mich vor ihnen verstecken. Immerhin, wenn das Fieber durch den Ausflug zurückkommt und länger bleibt, falle ich länger im Training aus und das wäre alles meine Schuld. Ich wollte einfach nicht, dass das rauskommt.“

„Wie hast du spontan eine Karte bekommen? Die Karten waren schon seit Wochen ausverkauft.“

„Bai Yanfei. Weil Bai Yanfei nur ein Jahr vor mir debütiert ist, kommen wir recht gut mit einander aus und chatten gelegentlich. Ich habe ihm geschrieben und gefragt, ob er mir eine Karte besorgen kann.“

„Bai Yanfei hat sich heute tatsächlich darum bemüht, an eine Karte zu kommen“, mischte sich Xinjie ein. „Ich bekam es mit, wie er unseren Fanclub kontaktierte.“

„Wann war das?“, fragte Shinichi an seinen Sitznachbarn gerichtet, während er aus der Unterhaltung geschlussfolgert hatte, dass Yanfei ein Profispieler aus Team Batu war. Anders als bei Masumi sagten ihm all die Namen der Spieler schließlich nichts.

Xinjie richtete musternd seinen Blick auf den kleinen Jungen. „11:32 Uhr. Er hat verkündet, dass er eine Karte sucht und im Gegenzug mit dem Fan, der seine Karte abgibt, ein Foto machen will, das er signieren wird. Und natürlich die Kosten erstattet.“

Derweil hatte Masumi Mings Handy eingefordert. Sie ging den Chatlog zwischen den beiden Profispielern durch. Soweit schienen Mings Worte zu stimmen. Um 9:50 Uhr hatte Ming Yanfei gefragt, ob es möglich sei, noch an eine Karte zu kommen, da er sich das Spiel live ansehen, aber nicht bei seinen Kameraden hocken und sich Vorwürfe anhören wollte. Die beiden hatten daraufhin etwas diskutiert, ob das eine gute Idee sei, ob es Ming wirklich gut genug dafür ging und, als Ming meinte, er würde sich bereits auf den Weg machen, wo er am besten hocken sollte. Es war Yanfei, der geäußert hatte, dass ein Platz auf Batus Seite sicherer für Ming sei, um nicht erkannt zu werden, wenn er sich etwas tarne. Er hatte Ming gleich mehreres angeboten: Eine Batu-Jacke, einen Schal und die Kappe. Ming schien die Kappe zu reichen und Yanfei hatte zugestimmt, zu versuchen, an eine Karte zu kommen. Ein konkreter Block oder Platz nahe der Treppen, um die Tribüne zu verlassen, wurde nie erwähnt. Um 12:04 Uhr kam schließlich Yanfeis Antwort, dass er einen Batu-Fan gefunden hatte, der bereit war, sein Ticket abzutreten. Masumi durchsuchte den Chat der vergangenen Wochen nach Hinweisen darauf, dass die beiden schon einmal eher über dieses Vorhaben gesprochen hatten, jedoch sie wurde nicht fündig.

Sie gab das Handy zurück und sah zu Shinichi, dessen Blick inzwischen auf ihr lag.

„Es scheint zu stimmen, dass er spontan zum Stadium gekommen ist. Ich bezweifle allerdings, dass der Anschlag eine spontane Aktion war.“

Shinichi nickte zustimmend.

„Hast du noch dein Flugticket?“, wandte sich Masumi daraufhin erneut an Ming.

Sie hatte aus dem Chat entnommen, dass Ming hergeflogen war. Bei kürzeren Strecken ließ sich meist noch relativ spontan ein Platz bekommen.

„Eh? Äh … ja“, entgegnete Ming und zog daraufhin aus seiner Hosentasche eine abgerissene Seite eines Flugtickets und reichte es Masumi.

Der Flug hatte laut Plan um 16:30 Uhr in der Stadt Q landen sollen. Da blieb keine Zeit, in Q eine Waffe zu besorgen und eine Schusswaffe in ein Flugzeug zu schmuggeln sollte für Ming unmöglich sein. Die Tat hätte demnach vorbereitet sein müssen. Wenn Ming ihr Täter war, dann lag es nahe, dass es noch einen Komplizen gab, der die Waffe in das Stadium gebracht oder ihm auf dem Weg zum Stadium ausgehändigt hatte. Jedoch brauchte jeder Täter noch etwas Weiteres neben einer Tatwaffe und einer Gelegenheit, seine Tat auszuführen: Ein Motiv.

„Mit Han Wenqing scheinst du nicht gechattet zu haben. Hattet ihr überhaupt miteinander zu tun?“, hakte Masumi weiter nach und reichte das Ticket zurück.

„Nicht wirklich. Wir haben natürlich in den Wettkämpfen gegen einander gekämpft. Aber das war in einem normalen Verhältnis. Ich hatte kein Problem mit Han Wenqing“, antwortete Ming.

„Aber ohne Han Wenqing hätte Lunhui sicher gewonnen. Und hätte heute Batu mit mindestens einem 7:3 gewonnen, dann hätte Batu in der Punkteliste die Führung übernommen“, warf Shinichi ein.

Er kannte sich mit der Glory-Liga nicht aus, doch so viel hatte Masumi ihm, Ran und Sonoko bereits auf dem Weg hierher erklärt und auch die Tabelle, die er in der Zeitschrift neben sich gesehen hatte, zeigte diesen Umstand.

„Das ist doch bloß ein reguläres Spiel! Solange die Mannschaft in die Playoffs kommt, ist die Punktezahl egal. Deswegen muss man doch niemanden umbringen, es sei denn, man fürchtet Han Wenqing in den Playoffs, aber dann hätte der Täter von jedem der anderen sieben Mannschaften kommen können. Oder einem der anderen Teams, die noch hoffen, es in die Playoffs zu schaffen“, kam es von Masumi.

Xinjie räusperte sich. „Han Wenqing wurde nicht ermordet. Er lebt noch. Der Arzt sagte zudem, dass er nicht mit einer gewöhnlichen Kugel, sondern einer Nadel angeschossen wurde und es demnach nicht nach einem Tötungsversuch aussieht.“

„Oh? Eine Nadel?“, fragte Masumi an Xinjie gewandt.

Diesbezüglich lagen ihr und Shinichi noch kaum Informationen vor.

„Ja. Eine winzige Nadel, die kaum in das Fleisch eingedrungen ist. Der Arzt sagte, die Nadel selbst hätte keinen nennenswerten Schaden verursachen können. Sie muss durch ein Mittel präpariert worden sein.“

„Gift?“, fragte Shinichi.

„Ich weiß es nicht. Der Arzt sagte, Han Wenqing sei stabil, müsse aber ins Krankenhaus gebracht werden und solange man nicht wisse, mit welchem Mittel die Nadel präpariert wurde, könne man keine vollständige Entwarnung geben“, antwortete Xinjie.

Masumi legte nachdenklich einen Finger an ihr Kinn.

„Dann war es also auch kein gewöhnliches Geschoss, die Patrone, wie auch immer sie nun genau ausgesehen haben mochte, muss selbst zusammengesetzt worden sein“, murmelte sie.

„Ja. Unser Täter muss das wirklich genau vorbereitet haben“, folgerte Shinichi.

„Ich habe so etwas nicht vorbereitet. Ich habe von Schusswaffen keine Ahnung“, meldete sich Ming zu Wort.

„Ich kenne mich damit genauso wenig aus!“, rief Shiming.

„Das wird jeder sagen“, sprach Masumi.

„Aber gut. Conan, fallen dir noch Fragen an Du Ming ein?“, fuhr die Detektivin fort.

„Ja. Wo warst du zur Tatzeit? Als Zhou Zekai Barrett-Scharfschütze abfeuerte“, fragte Shinichi.

Ming sah zu Boden. Er vergrub eine Hand in der anderen und drückte seine Hände unwohl zusammen.

„Mir war schwindlig. Ich bin auf die Toilette gegangen, die Toilette in Block B. Äh … es war noch ein Junge, schätzungsweise ein Schüler, 15 bis 18 Jahre alt, denke ich, da. Er sollte mich gesehen haben. Vielleicht erinnert er sich …“, murmelte Ming zur Antwort.

„Das wird sich überprüfen lassen“, entgegnete Masumi.

Sie warf dem Polizisten einen auffordernden Blick zu, allerdings schien er nicht daran interessiert, dieses scheinbare Alibi nun überprüfen zu wollen. Das Mädchen schnaubte unzufrieden, sagte aber nichts.

„Okay. Dann zu Jia Shiming. In welcher Verbindung steht er zu Batu und Han Wenqing?“, fragte Shinichi, wobei er in erster Linie Xinjie ansah, immerhin hatte Masumi Shiming vorhin nicht erkannt.

„Er spielt für die Mannschaft Xukong, aber er war früher ein Mitglied bei Batu. Er spielt einen Faustkämpfer, genauso wie Han Wenqing. Jia Shiming sollte damals sein Nachfolger sein“, erklärte Xinjie, als Masumi ihn mit geweiteten Augen und einem „Ehh?!“ unterbrach.

Ganz offensichtlich waren diese Informationen neu für sie. Sofort schnellte ihr Blick zu Shiming.

„Ist das wahr? Wann war das?“, fragte sie.

„Vor der sechsten Saison, aber da ist mir klar geworden, dass ich Han Wenqing nicht allzu bald ablösen werde. Und wie wir sehen, spielt er immer noch“, entgegnete Shiming.

„Also hast du Batu verlassen, weil du nicht warten wolltest, bis Han Wenqing zurücktritt, um im Rampenlicht zu stehen?“, hakte Masumi nach.

Der Angesprochene nahm die Batu-Kappe ab und kratzte sich am Hinterkopf.

„Kann man wohl so sagen“, äußerte er dabei seufzend.

„Was heißt das?“, fragte Shinichi.

Shiming sah auf den Jungen, lächelte schwach, dann erklärte er zögernd: „Das heißt, dass ich das so geplant hatte. Ich bin in Saison sechs Huang Feng beigetreten, aber auch da bin ich nicht so groß rausgekommen. Ich wurde in Batu als Han Wenqings Nachfolger behandelt, dementsprechend wollte ich der Kern einer Mannschaft sein, sogar Kapitän werden.“ Shiming seufzte. „Ich dachte, das steht mir zu und bei Batu sei es bloß Han Wenqings Hartnäckigkeit, die das verhindert. Aber in Huang Feng habe ich das auch nicht erreicht, also bin ich in der achten Saison Xukong beigetreten und auch da bin ich nicht Kapitän oder Vizekapitän geworden. Ich bin noch nicht einmal ein Stammspieler, weswegen ich heute selbst an keinem Wettkampf teilnehme.“

Shiming seufzte erneut und lehnte seinen Rücken gegen die Wand hinter der Bank, auf der er saß.

„Also wolltest du dich an Han Wenqing dafür rächen, dass er dir die Chance verwehrt hat, seinen Platz einzunehmen?“, nannte Masumi grinsend das Motiv und doch schimmerte in ihren Augen eine Mordlust, die Shiming frösteln ließ.

„Nein! Was soll mir das denn bringen? Jetzt werde ich doch eh nicht mehr in seine Fußstapfen treten können“, widersprach Shiming.

„Genugtuung“, beantwortete Masumi die gestellte Frage.

„Ich war das nicht! Ich habe meinen Platz nur verlassen, weil ich einen Anruf bekommen habe und es im Stadium zu laut war!“

Shiming zog sein Handy aus seiner Hosentasche, tippte etwas darauf herum, ehe er es Masumi reichte.

„Hier. Das Anrufprotokoll, da siehst du, dass ich wirklich angerufen wurde“, erklärte er sein Tun.

Masumi nahm das Mobiltelefon entgegen und musterte das Display mit einem langgezogenen „Hm …“

„Wo bist du zum Telefonieren hingegangen?“, fragte Schinichi derweil.

„Einfach vor die Türen in den Gang zwischen Tribüne und Eingangshalle. Hätte ich gewusst, dass ich ein Alibi brauche, wäre ich ganz in die Eingangshalle gegangen“, seufzte Shiming.

„Du spielst inzwischen für Xukong. Weswegen trägst du Batu-Merchandise?“, fuhr Shinichi fort.

Shimings Blick fiel auf die Batu-Kappe in seiner Hand.

„Das ist … letztendlich ähnlich wie bei Du Ming. Die Kappe verdeckt das Gesicht und die Fans erwarten bei Merchandise keinen Profispieler einer anderen Mannschaft. Und als ehemaliges Mitglied Batus habe ich immer noch Freunde in der Mannschaft, die ich unterstützen will, wenn sie nicht gerade gegen meine Mannschaft kämpfen.“

Masumi reichte ihm sein Handy zurück.

„Ich finde darauf keine Hinweise, dass er vorhatte, Han Wenqing etwas anzutun“, erklärte sie seufzend.

„Natürlich nicht! Ich war es nicht!“, betonte Shiming ein weiteres Mal.

Während er sprach, öffnete sich die Tür. Ein Polizist führte die dritte Verdächtige in den Warteraum.

„Als nächstes: Jia Shiming“, verlangte der Polizist nach dem Xukong-Mitglied.

Dieser erhob sich und eilte zur Tür, scheinbar froh, weiteren Fragen der Schülerdetektive zu entfliehen, obwohl das Verhör der Polizei für ihn nicht angenehmer sein dürfte.

Die eintretende Mucheng winkte einmal den Anwesenden zum Gruß lächelnd zu, dann setzte sie sich auf den Platz, auf dem bis eben Shiming gesessen war.

Derweil schloss sich die Tür hinter Shiming und dem Polzisten wieder.

Masumi seufzte. „Da wir unsere Befragung mit Jia Shiming nicht fortsetzen können, kommen wir gleich zu dir, Su Mucheng.“

Die Detektivin verschränkte ihre Arme vor der Brust und musterte die Profispielerin, die kein bisschen eingeschüchtert zu sein schien.

„Okay“, willigte Mucheng gelassen ein.

„Du warst ein Mitglied Jia Shis, Batus Erzrivalen, und Anhängsel Han Weniqings Erzfeind Ye Xiu.“

„Das ist ziemlich übertrieben“, unterbrach Mucheng Masumis Erklärung. „Diese Feindschaft besteht eher zwischen den Fans als zwischen uns Spielern. Ye Xiu und Han Wenqing verstehen sich echt gut, nicht wahr, Zhang Xinjie?“

Der Angesprochene rieb sich die Schläfe. „Die beiden sind außerhalb des Spiels keine Feinde und jeder der beiden würde einen Glory-Kampf vorziehen als den anderen mit solch niederträchtigen Mitteln außerhalb des Spiels zu behindern. Davon bin ich fest überzeugt.“

„Absolut“, stimmte Mucheng zu, „und ich würde nie entgegen dem, was Ye Xiu will, handeln.“

„Und was hast du dann hier als Mann und Batu-Fan verkleidet zu suchen?“, fragte Masumi.

Mucheng kicherte. „Das Spiel ansehen, natürlich!“

„Das beantwortet die –“ begann Masumi, wurde allerdings sogleich von Mucheng unterbrochen: „Ich weiß, ich weiß. Also: Ich bin mit Chu Yunxiu hier und wir hielten es für witzig, wenn ich ihren Freund spiele. Auch sie ist verkleidet, immerhin würden wir die Fans nicht mehr loswerden, sollten sie uns erkennen, aber sie ist nicht als Mann verkleidet. Und gerade, weil ich früher für Jia Shi gespielt habe, hielten wir es für besonders witzig, uns als Batu-Fans auszugeben.“

„Chu Yunxiu ist auch eine Profispielerin, sogar Mannschaftskapitänin bei Yanyu“, erklärte Masumi an Shinichi gerichtet.

„Seid ihr beiden denn nicht zu alt für so kindische Spielerein?“, fragte der scheinbar Jüngste skeptisch.

Mucheng sah ihm verwirrt entgegen. „Man ist nie zu alt, um Spaß zu haben.“

Sie lächelte wieder. Shinichi starrte sie einfach nur ausdruckslos an.

„Hätte Chu Yunxiu nicht bei dem Spiel ihrer Mannschaft antreten sollen und du bei dem Spiel deiner Mannschaft Xing Xin gegen Qing Cai?“, fragte Masumi.

„Qing Cai ist kein starkes Team, da können meine jüngeren Kollegen gut Erfahrung sammeln. Sie brauchen mich nicht. Und Chu Yunxiu hat zurzeit etwas Stress, sie brauchte mal etwas anderes, also wollten wir zur Abwechslung einmal Zuschauer sein“, erklärte Mucheng.

„Aha … Also weiter: Du spielst einen Kanonenmeister, Su Mucheng. Schusswaffen faszinieren dich al-“ „Ich glaube nicht, dass Han Wenqing von einer Kanone angeschossen wurde. So etwas könnte ich in echt sicherlich gar nicht tragen, wäre zu schwer. Und nur weil ich in einem virtuellen Spiel einen Schützen spiele, weiß ich noch lange nicht, wie man eine echte Waffe bedient. In Glory aktiviere ich einfach bloß Skills, da muss ich die Waffe nicht an der richtigen Stelle entsichern, laden oder sonst was“, fiel Mucheng Masumi erneut ins Wort.

„Aber du wärst in der Lage, einen Schuss perfekt zu timen, so dass er genau dann fällt, wenn auch der Schuss von Barrett-Scharfschütze ertönt“, fuhr Masumi fort.

Mucheng lächelte unerschrocken. „Welcher Profispieler könnte das auch nicht? Also vorausgesetzt, dass er mit einer echten Pistole umgehen kann. Was ich meine, ist, jeder von uns würde genau wissen, wenn er Yi Quiang Chuan Yun Barrett-Scharfschütze vorbereiten sieht, wann der Schuss ertönt.“

„Wo warst du zur Tatzeit? Als du deinen Platz verlassen hast“, stellte Shinichi eine andere Frage.

„Auf der nächsten Toilette.“

„Frauen- oder Herrentoilette?“, fragte Masumi in Anbetracht Muchengs Verkleidung nach.

„Herrentoilette. Sonst hätte ich mich immerhin verraten können.“

„War denn jemand anderes auf den Toiletten, der dein Alibi bezeugen kann?“, fragte Shinichi.

Mucheng verneinte mit einer Kopfbewegung. „Nein, ich glaube nicht, aber mich könnte jemand gesehen haben, als ich die Toilette verließ. Da haben immerhin alle die Tribüne verlassen.“

„Block C?“, fragte Masumi. „Der Block, von dem aus auf Wenqing geschossen wurde?“

Mucheng warf einen fragenden Blick zu Masumi, ehe sie wieder lächelte.

„Nein. Wie gesagt, die nächste Toilette. Ich habe den Block nicht verlassen“, antwortete Mucheng.

Die Profispielerin richtete daraufhin ihr Wort an Xinjie: „Im Übrigen: Wie steht es um Han Wenqing? Die Polizei wollte mir nichts sagen. Ist er schlimm verletzt? Er wird doch bald wieder spielen können?“

„Sein Leben ist wohl nicht in Gefahr, aber mehr wissen wir auch noch nicht“, antwortete Batus Vizekapitän.

„Okay. Wir sind hier fertig. Conan, lass uns gehen!“, kam es von Masumi, die sogleich auf den scheinbaren Grundschüler zuging, um ihn am Arm zu packen und aus dem Raum zu ziehen.

Shinichi kam dem allerdings auch so nach. Im nächsten Augenblick bereits waren die beiden Detektive außerhalb des Warteraumes und eilten durch den Gang.

„Selbst wenn wir den Jungen, der bei Du Ming auf der Toilette war, finden, reicht das nicht aus, um den Täter zu überführen. Wir brauchen noch einen Beweis“, sprach Shinichi.

„Wir müssen die Schusswaffe finden. Vielleicht sind daran Spuren“, überlegte Masumi.

„Ich würde eher die Spielerkabine noch einmal untersuchen. Was mich wundert, ist, dass das Einschussloch zu erkennen war. Han Wenqing wurde bloß von einer Nadel getroffen. Wäre nur eine Nadel durch die Kabinenwand geschossen, das Einschussloch wäre kaum zu erkennen gewesen.“

Masumi entfuhr ein nachdenklicher Laut, während die beide in einen Gang zum Stadium abbogen, der eigentlich bloß von Personal sowie antretenden Spielern benutzt wurde. Zwei Polizeibeamte traten in diesem Moment ebenso auf den Gang. Sie kamen aus der Halle und den beiden Detektiven entgegen. Sofort ergriff Masumi Shinichis Schulter und zog ihn zur Wand, an welcher sie selbst stehen blieb, ihren Hut tiefer ins Gesicht zog, um möglichst unauffällig das Gespräch der Polizisten zu belauschen.

„So etwas habe ich noch nie gesehen. Das kann man nicht einmal mehr eine Kugel nennen. Was ist das?“, fragte einer der Polizisten und hielt einen kleinen Plastikbeutel vor sich hoch.

Shinichi und Masumi erhaschten einen groben Blick auf den Inhalt. Ein winziger, metallener Kegel und ein noch kleinerer metallener Brocken. Dieser grobe Blick reichte nicht.

Shinichi riss sich von Masumi los und lief zu den Polizisten, schnell sprang er dem einen entgegen und griff nach dem Beutel, während der andere, der bereits zu einer Antwort angesetzt hatte, innehielt und die neue Situation einschätzte. Es dauerte bloß einen Augenblick, da entriss der Polizist Shinichi den Plastikbeutel.

„Besucher haben hier keinen Zutritt. Das ist kein Kinderspielplatz“, begann der Polizist, Masumi und Shinichi wie bereits einige seiner Kollegen nach draußen zu verweisen.

Shinichi beachtete die Worte gar nicht, dachte stattdessen darüber nach, wie das Geschoss konkret ausgesehen haben mochte und was das bedeuten konnte.

Masumi musterte den scheinbar Jüngeren kurz, ging dann auf ihn zu und griff nach seinen Schultern. Sie lächelte den Polizisten entgegen, entschuldigte sich und drehte sich dann mit Shinichi um, um in die Richtung zurückzugehen aus der sie gekommen waren. Ihr schien, sie brauchten die Kabine nicht mehr aufzusuchen, denn Conan habe bereits alles gesehen, was ihre Fragen beantworten würde.

„Und?“, fragte sie lediglich, als sie wieder in einen anderen Gang bogen, der zur Eingangshalle führte, während die Polizisten zu dem provisorischen Verhörraum gingen.

Shinichi hob den Blick zur Schülerdetektivin und schenkte ihr ein Grinsen.

„Wir haben genug, um den Täter zu überführen. Trotzdem sollten wir noch Du Mings Alibi überprüfen. Schau du, ob du den Jungen findest, ich –“

„Stopp!“, fiel Masumi Shinichi ins Wort. “Der Fall gehört mir! Ich werde ihn auflösen, also sag mir, was du gesehen hast und dann werde ich ein Geständnis aus Shiming pressen, während du den Schüler suchen darfst.“

Conan schmunzelte, ehe er nickte und schließlich Masumi in seine Gedanken einweihte. Das Mädchen weitete überrascht die Augen, spiegelte bald Verwirrung in ihrer Mimik wider. Sie brauchte einen Moment zum Nachdenken und musste dabei widerwillig einsehen, dass sie ohne Conan, doch selbst wenn sie selbst einen Blick auf den Fund am Tatort geworfen hätte, kaum einen wahrlich handfesten Beweis gegen den Täter in der Hand gehabt hätte.

Chapter Text

Während Shinichi den Jungen suchen ging, den Du Ming angeblich auf der Toilette angetroffen hatte, eilte Masumi zurück zum provisorischen Verhörraum. Als sie ankam, riss sie sofort die Tür auf und wurde sogleich von mehreren Beamten angestarrt. Die drei Verdächtigen waren allesamt abwesend.

„Ich weiß, wer der Täter ist!“, rief sie.

Der leitende Ermittler, der inzwischen die Tüte vom Tatort in der einen Hand und eine Tüte mit einem alten Revolver in der anderen Hand hielt und die jeweiligen Inhalte musterte, hob seinen Blick zu Masumi. Allein sein Blick verriet der Schülerin, dass er selbst noch keine Antwort kannte, und damit, dass die Tatwaffe wohl weder Fingerabdrücke, noch sonstige auf die Identität des Täters hinweisende Spuren enthalten hatte.

„Und ich kann ihn überführen“, fuhr Masumi fort, als sie die Aufmerksamkeit der Anderen hatte.

Der Ermittler räusperte sich. „So funktioniert das eigentlich nicht, aber gut, wenn du meinst, unsere Arbeit besser machen zu können als wir, bitte, erleuchte uns mit deinem Wissen.“

Die Worte waren von einem beißenden Unterton begleitet. Sie klangen für Masumi wie eine Herausforderung und ließen sie breit grinsen.

„Die Verdächtigen sind im Warteraum? Ich möchte es vor allen erklären“, sprach Masumi.

„Dann gehen wir zu ihnen und bringen es hinter uns. Sollte deine Ausführung nicht ausreichen, hältst du dich endlich aus den Ermittlungen raus, verstanden?“, knurrte der Polizist.

Masumi willigte mit einer Kopfbewegung scheinbar ein, drehte sich um und ging gefolgt von den Beamten einen Raum weiter.

Auf der Bank zwischen Polizist und Sicherheitsmann saßen nun alle drei Verdächtigen. Weiterhin lächelte Mucheng sorglos, während Ming aussah, als würde er jeden Moment das Bewusstsein verlieren und auch Shiming wirkte inzwischen deutlich nervöser als vor seinem Gespräch mit den Polizeibeamten. Von diesen Drein war Mucheng die Einzige, die Masumi ansah, als diese sich vor ihnen positionierte und zu sprechen begann.

„Unser Täter hatte von Anfang an nicht die Absicht, Han Wenqing zu töten, deswegen hat er für seine Tat keine gewöhnliche Patronenkugel benutzt, sondern eine Nadel und das hier.“

Masumi deutete auf die Plastiktüte in der linken Hand des Ermittlers. Dieser brauchte einen Augenblick, bis er die Tüte für die Anwesenden sichtbar hochhob.

„Der kegelförmige Gegenstand ist die Verschlusskappe eines Ohrrings“, erklärte Masumi.

Inzwischen lagen viele Blicke auf Mucheng. Als einzige Frau unter den Verdächtigen, war sie die einzig Verdächtige, die selbst Ohrringe trug.

„Dann war Su Mucheng es?“, fragte sogar Ming.

„Der Täter muss nicht selbst Ohrringe tragen, um die Verschlusskappe eines Ohrrings zu besitzen. Immerhin wurde die Verschlusskappe offensichtlich zweckentfremdet. Ich wette, würdest du einen Ohrring finden, den Tang Rou getragen hat, würdest du ihn auch behalten ohne ihn selbst zu tragen, nicht wahr?“, entgegnete Mucheng an Ming gewandt, wobei ihr sorgloses Lächeln trotz allem verschwand.

Sofort bekam Mings Gesicht etwas Farbe und er wendete beschämt den Blick ab.

„Tatsächlich muss unser Täter keine Ohrringe tragen“, fuhr Masumi fort. „Der Täter hat die Verschlusskappe benutzt, um die eigentliche Waffe, die Nadel, gezielter abfeuern und die Flugbahn besser kontrollieren zu können. Die Nadel war sehr kurz, kaum länger als die Verschlusskappe und passte gut hinein, so dass lediglich die Spitze aus dem spitzen Ende des Verschlusses herausschaute. Der andere Metallklumpen wurde benutzt, um das flache Ende der Verschlusskappe zu verschließen. Ich vermute, es ist Blei und der Täter hat es erhitzt und dann die Kappe hineingedrückt. Er hat wohl nicht bedacht, dass sich die verschiedenen Metalle beim Aufprall voneinander lösen können.“

Masumis Blick glitt über die Gesichter der Verdächtigen. Keiner zeigte eine besondere Regung, die bereits dafürsprach, dass der Verdächtige bereit war, seine Tat zu gestehen.

„Am flachen Ende des Verschlusses befindet sich jedoch eine Gravur und durch das Lösen des Bleis ist diese wieder sichtbar.“

Während Masumi nun sprach, überprüfte der Ermittler sogleich ihre Worte mit einem weiteren Blick auf den metallenen Kegel.

„RJ. Die Abkürzung für Rong Jewelries, einer aktuell im asiatischen Raum sehr beliebten Schmuckmarke. Und wir wissen, dass du, Su Mucheng, Ohrringe dieser Marke besitzt. Diese hier.“

Masumi ging zu dem Tisch, auf dem die Zeitschrift lag, in der die Werbeanzeige mit Mucheng abgebildet war. Sie hob die Zeitschrift und deutete mit einem Finger auf den Ohrring, den Mucheng in der Anzeige trug.

„Ich … gebe ja zu, dass ich Ohrringe von Rong Jewelries besitze, aber … das beweist doch nichts. Wie du sagst, die Marke ist beliebt, etliche Leute haben Schmuck davon“, rechtfertigte sich Mucheng.

„Von unseren Verdächtigen aber bist du die Einzige und ich wette, wenn die Polizei deine Wohnung durchsucht, wird sie feststellen, dass einem deiner Rong Jewelries Ohrringe eine Verschlusskappe fehlt, falls sie überhaupt Ohrringe dieser Marke bei dir finden werden und du sie nicht sicherheitshalber entsorgt hast.“

„Das ist doch lächerlich. Eben hast du selbst gesagt, dem Täter musste der Ohrring nicht selbst gehören. Also was ändert es, dass ich Ohrringe derselben Marke habe?“, seufzte Mucheng.

Auch der Ermittler der Polizei wirkte nicht überzeugt, dass dieser Hinweis ausreichte, wenngleich dieser für ihn wichtig war. „Ist das alles, was du herausgefunden hast?“

„Nein. Ich habe noch mehr. Theoretisch jedenfalls, aber eigentlich sollten Sie bereits wissen, dass Du Mings und Su Muchengs Aussagen, wo sie jeweils zur Tatzeit waren und wer sie gesehen hat, sich widersprechen. Einer von beiden hat also gelogen und mein Assistent sucht gerade nach dem Jungen, den Du Ming getroffen hat. Suchen ein paar Ihrer Kollegen auch nach ihm? Dann sollte er schneller gefunden werden“, fragte Masumi.

Der Kommissar hob eine Augenbraue und warf dann einen musternden Blick zu Ming und Mucheng.

„Was hat einer von Ihnen beim Verhör verschwiegen? Ihre Aussagen widersprachen sich nicht, Su Mucheng hat nur ebenso wie Jia Shiming keinen Zeugen, der ihr ein Alibi geben kann und den Jungen, den Du Ming getroffen hat, lassen wir bereits in der Eingangshalle ausrufen“, kam es von dem Ermittler.

Ming und Mucheng schwiegen.

„Also …“, sprach Masumi, „Sie haben wohl nicht gefragt, auf welcher Toilette Su Mucheng war?“

„Selbstverständlich haben wir das nachgefragt. Block B“, knurrte der Polizist.

„Ja, Block B, aber wissen Sie auch, dass sie behauptet hat, zur Tatzeit auf der Herrentoilette in Block B gewesen zu sein? Genau dort, wo Du Ming zu dieser Zeit gewesen sein soll“, erklärte Masumi.

Der Beamte guckte verdutzt, warf einen fragenden Blick zu Mucheng.

„Sie haben nicht gesagt, dass Sie auf der Herrentoilette waren“, äußerte er sich vorwurfsvoll.

„Nun, ich dachte, das sei anhand meiner Verkleidung offensichtlich“, sprach Mucheng, nachdem sie mit angespanntem Blick von Ming, über den Polizisten, der die ganze Zeit neben ihnen im Wartezimmer gehockt war, und Xinjie schließlich zu dem leitenden Ermittler sah.

Der Beamte richtete seinen Blick auf einen seiner rangniedrigeren Kollegen.

„Frag nach, ob der Junge schon gefunden wurde“, wies er an, als es bereits an der Tür klopfte.

Gleich darauf ging diese auf und ein weiterer Polizist stand mit Shinichi im Türrahmen.

„Wir konnten Du Mings Alibi bestätigen“, verkündete der Polizist.

Masumi entblößte stolz ihren Schneidezahn.

„Da sehen Sie es. Damit muss Su Mucheng gelogen haben. Das sollte Grund genug für eine Wohnungsdurchsuchung sein und dafür, anzunehmen, dass es sich bei der Marke des Ohrrings nicht bloß um einen Zufall handelt“, sprach sie.

„Es wäre allerdings ratsamer, gleich die Tat zu gestehen. Als bekannte Persönlichkeit ziehen solche Durchsuchungen viel Aufmerksamkeit auf sich und man wird auch nach Hinweisen suchen, die das Präparieren der Nadel oder der Patrone anzeigen. Schießpulver, das Blei, alle Spuren wirst du nicht beseitigt haben können. Es könnte nicht bloß dir, sondern auch dem Ruf deiner Mannschaft schaden. Du wolltest Han Wenqing – nein, deinem relativ willkürlichen Opfer - nicht schaden und hast ihn lediglich mit einem schwachen Betäubungsmittel, das ihn für maximal eine halbe Stunde außer Gefecht setzt, angeschossen. Trotzdem handelt es sich um eine Körperverletzung und zudem illegalen Schusswaffenbesitz. Das sind Straftaten, denen die Polizei nachgehen muss“, riet Shinichi.

Su Muchengs Blick fiel zu Boden.

Der leitende Ermittler warf unterdessen einen fragenden Blick zu dem Polizisten, der mit Shinichi eingetroffen war.

„Äh, ja, wir haben noch eine Nachricht aus dem Krankenhaus bekommen. Han Wenqing ist inzwischen wieder aufgewacht und die Lösung, mit der die Nadel präpariert wurde, hat man feststellen können“, erklärte dieser.

„Was heißt das? ‚Willkürliches Opfer‘?“, fragte Batus Eigentümer.

„Der Täter konnte nicht im Vorfeld wissen, welcher Spieler wann und gegen wen auftritt. Wenn Han Wenqing als Opfer feststand, dann hieße das, er hätte bloß auf diesen gewartet, doch was, wenn Han Wenqing gegen keinen Schützen angetreten wäre?“, entgegnete Shinichi.

„Natürlich!“, rief Masumi, deren Gedanken bisher selbst zu sehr auf Wenqing fixiert gewesen waren. „Dann hätte der echte Schuss die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich gezogen und die Wahrscheinlichkeit, dass er sogleich ertappt wird, ist höher. Also wäre die Wahl, das zu riskieren oder auf eine bessere Gelegenheit, die auch erst in einer Woche sein könnte, zu warten. Aber wozu all diese Mühe, wenn selbst ein erfolgreicher Treffer unter gewöhnlichen Umständen nicht mehr bewirkt als eine halbstündige Bewusstlosigkeit?“

„Demnach hat der Täter auf Zhou Zekai gewartet, denn Zhou Zekai würde auf jeden Fall spielen und irgendwann eine Fertigkeit abfeuern, die laut genug ist und lang genug vorbereitet werden muss, so dass der Täter seinen Schuss richtig timen kann“, sagte Xinjie nachdenklich. „Sein Ziel war demnach Batu im Allgemeinen.“

Mucheng verweilte derweil in Schweigen. Es wirkte regelrecht wie ein stummes Geständnis, so dass Xinjie sich mit ruhiger Stimme sprach: „Wieso? Welchen Grund hattest du, Batu zu schaden, Su Mucheng?“

Die Angesprochene hob den Kopf und blickte dem Vizekapitän mit schwachem Lächeln entschuldigend entgegen.

„Es ging auch nicht um Batu. Der Kampf Lunhui gegen Batu war der Einzige, der mir eine Gelegenheit bot und zu dem ich Chu Yunxiu überreden konnte, mit mir in Verkleidung hinzugehen ohne dass es für sie zu seltsam wird. Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich damit durchkommen kann ohne erwischt zu werden. Es sollte ja niemand zu schaden kommen und letztendlich ist ja auch nichts passiert. Gute Arbeit. Ihr habt die richtigen Fragen gestellt und kennt euch gut aus“, sprach Mucheng, wobei ihr Lob insbesondere an Shinichi und Masumi gerichtet war.

„Das ist doch unerhört!“, rief nun Batus Eigentümer, der sich alles mit angehört hatte.

Er sprang von seinem Platz und trat vor Mucheng.

‚Nichts passiert‘? Han Wenqing war bewusstlos! Das Spiel musste abgebrochen und die Polizei gerufen werden. Da sind zusätzliche Kosten, die anfallen, ein Spiel, das wiederholt werden muss, was mehr Druck für die Spieler Lunhuis und Batus bedeutet. Das ist nicht nichts! Und das alles wegen eines so albernen Grunds?“

„Woher haben Sie den Revolver?“, fragte der leitende Ermittler, als der Eigentümer mit seinen Worten fertig war.

„Ich habe ihn eines Abends beim Spazierengehen im Gebüsch gefunden. Ich wollte ihn erst zur Polizei bringen, aber als ich gesehen habe, dass die Seriennummer unkenntlich gemacht wurde, ist mir die Idee gekommen, ihn selbst zu gebrauchen. Aber ich habe davor geschaut, ob ich Fingerabdrücke darauf finden kann. Es gibt ja genügend Videos im Internet, die erklären, wie das geht. Aber es waren keine drauf, also dachte ich, die Polizei wird damit auch nichts anfangen können.“

„Das ist … echt dumm“, seufzte Shiming, wenngleich er nun erleichtert wirkte, nicht mehr unter Verdacht zu stehen.

Auch Xinjie beäugte Mucheng kritisch. „Das kann doch nicht dein einziger Grund sein.“

Mucheng sah zu dem Vizekapitän, ehe sie nach einem Moment ihr Augenmerk auf den leitenden Ermittler richtete.

„Meine Mannschaft Xing Xin und auch Chu Yunxiu wissen von nichts. Es wird für sie keine Konsequenzen haben, richtig?“, fragte sie.

„Solange sich nicht herausstellt, dass einer von ihnen doch involviert ist, werden Ihre Kollegen nichts zu befürchten haben, aber wir werden sie in unsere Ermittlung mit einbeziehen müssen. Wie es den Ruf Ihrer Mannschaft beeinflusst liegt nicht in unseren Händen“, sagte der Polizist.

„Verbessern wird der sich dadurch bestimmt nicht!“, spottete Shiming. „Dir muss doch klar sein, dass du jetzt wahrscheinlich aus der Liga fliegst. Wird sie doch, oder?“

Shiming blickte durch die Runde.

Bevor jemand darauf eine Antwort gab, meldete sich Mucheng zu Wort: „Ich hatte sowieso vor, aufzuhören.“

Jeder, der sich etwas aus der professionellen Glory-Szene machte, starrte sie ungläubig an, so dass sich ein Moment des Schweigens einstellte.

„Sie hätten das dennoch sein lassen sollen. Fräulein Su Mucheng, begleiten Sie uns bitte auf’s Revier“, brach der Ermittler das Schweigen.

Mucheng kratzte sich unwohl an einem Ellbogen, stand nach einem kurzen Zögern jedoch auf und verließ begleitet von den Polizeibeamten, dem Sicherheitsmann und den Blicken der übrigen Anwesenden den Raum.

„Wieso will sie aufhören? Sie ist doch noch in Topform“, fragte Ming.

„Liegt es an Ye Xiu? Dass er nicht weiterspielt?“, äußerte Masumi.

„Möglich. Oder sie hat etwas gefunden, in dem sie mehr als in Glory aufgeht. Sie war eine herausragende Spielerin, aber sie hat sich nie danach gesehnt, an vorderster Stelle im Rampenlicht zu stehen“, erklärte Xinjie.

„Die Karriere zu riskieren, wenn man aufhören will, ist das Eine“, begann Shiming, der sich ebenso wie Ming erhob, „die Freiheit zu riskieren das Andere. Müsste sie nicht sogar ins Gefängnis kommen?“

„Auch, wenn das nicht ihre Waffe war?“, fragte Ming, wobei sein Blick nun auf Masumi hängen blieb.

Diese bemerkte den Blick und zuckte anschließend mit den Schultern.

„Was fragt ihr mich? Ich lebe in Japan, nicht in China. Ich kenne eure Gesetze doch nicht auswendig. Was meinst du dazu, Conan?“, reichte Masumi die Frage weiter, obwohl der Angesprochene ebenso kein Chinese war.

„Ihre Strafe wird davon abhängen, wie gut ihr Anwalt ist“, sprach Shinichi.

„Wie dumm“, wiederholte Shiming, während er sich mit einer Kopfbewegung verabschiedete.

Auch Ming verabschiedete sich und folgte Shiming aus dem Raum.

Xinjie und Batus Eigentümer waren bald darauf neben Shinichi und Masumi die einzig übrigen Personen im Raum und stellten sich nun vor die beiden.

„Vielen Dank für eure Mithilfe bei der Aufklärung“, sprach Xinjie höflich.

Masumi kicherte stolz. „Wie wäre es, wenn ich zum Dank euch ins Krankenhaus zu Han Wenqing begleiten kann. Dorthin wollt ihr doch nun, nicht?“

Der Eigentümer, dessen Zorn auf Mucheng seinen Kopf rot leuchten ließ, verneinte mit einer Kopfbewegung. „Selbst wenn es Han Wenqing besser geht, ich kann keine rüpelhaften Fans zu ihm lassen. Glaubst du etwa, ich hätte nicht erfahren, dass du drei Sicherheitsmänner k.o. geschlagen hast? Sei froh, dass ich heute darüber hinwegsehen werde, weil ich weder Zeit noch Nerven habe, um mich um noch ein Problem zu kümmern.“

Masumi kratzte sich im Nacken.

„Ich … wollte einfach unbedingt nach Han Wenqing sehen“, erklärte sie. „Aber dann richten Sie ihm bitte meine Grüße aus. Und gebt ihm bitte meine Nummer. Zhang Xinjie, bitte! Ich will unbedingt gegen ihn kämpfen, wenn es ihm wieder besser geht!“

Die Schülerdetektivin zog eine Karte aus ihrer Hosentasche, während die beiden Männer sich bereits in Bewegung setzten, um den Raum zu verlassen. Sie drückte die Karte mit ihrer Nummer Xinjie entgegen.

„Na gut, ich gebe ihm das, aber versprechen kann ich nichts. Das ist seine Entscheidung“, seufzte Batus Vizekapitän.

„Ist gut. Danke!“, entgegnete Masumi.

„Auf Wiedersehen“, kam es nur noch vom Eigentümer, wobei es nicht danach klang, als würde er Masumi und Shinichi wirklich wiedersehen wollen.

Es folgten weitere Verabschiedungen, die freundlicher geäußert wurden, dann gingen ihre Wege auseinander. Shinichi und Masumi suchten im Eingangsbereich nach Ran und Sonoko, wobei Shinichi einmal zu der grinsenden und vorfreudig kichernden Schülerin hinaufsah.

„Du glaubst nicht wirklich, dass dieser Han Wenqing zu einem echten Kampf mit dir bereit ist, oder? Wahrscheinlich wissen er und sein Kollege nicht einmal, dass du auf keinen Glory-Kampf hoffst. Und eine Gelegenheit zu einem echten Kampf wirst du auch nicht haben, weil wir morgen schon zurück nach Tokyo fliegen“, sprach er.

Masumi blickte zu Shinichi herab.

„Sei nicht so negativ. Missverständnisse lassen sich auflösen und man darf die Hoffnung nicht aufgeben, bloß weil die Chancen schlecht stehen. Das denkst du in anderer Hinsicht doch auch, nicht?“

Ein wissendes Funkeln erschien in Masumis Augen, mit denen sie Shinichi durchdringend fixierte. Ein Schauder überkam Shinichi bei diesem Blick. Er fragte sich, was Masumi meinte, musterte sie, doch der Ausdruck war schnell wieder aus ihren Zügen verschwunden, als sie fortfuhr: „Ah, da sind Ran-chan und Sonoko-chan. Lass uns gehen.“