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Crimson Green

Chapter Text

Carson

“Ich bin Arzt. Ich kann helfen.“ Bat Carson zögerlich an. Die große, grüne Kreatur in der Alien Maschine wirkte beängstigend. Gefährlich. Nichtsdestotrotz sah Carson deutlich den Schmerz in den Augen des Wesens. Verdammte Axt, er war Arzt! Wie konnte er so tief sinken mit einer geladenen Waffe auf einen Verletzten zu zielen?! Hatte er nicht geschworen niemals einem Lebenden Wesen etwas anzutun? Sehr langsam, auf jede Bewegung des Wraiths achtend, trat er vorsichtig näher. „Lassen sie mich Ihnen helfen. Bitte.“ Zum Zeichen des Vertrauens verstaute der Doktor seine Waffe in seinem Waffengürtel, und hob beschwichtigend die Hände.

Bevor er jedoch einen weiteren schritt auf den Wraith zugehen konnte, ließ ein lautes Fauchen aus dessen kehle ihn zusammenzucken und innehalten. Der Wraith wirkte angespannt, die Zähne gefletscht, der Blick wild – wie ein Raubtier, das kurz vor dem Angriff stand. Carson sollte eigentlich Todesängste durchleben – ein Teil von ihm tat das auch, doch etwas an dem Wraith sagte ihm, dass dessen Feindseligkeit nicht auf Carson gerichtet war. Begreifend wirbelte der Doktor herum und suchte die Gegend mit Blicken ab. Dann sah er sie: Colonel Sheppard und seine Marines traten aus dem Wald hervor – die Maschinengewähre angehoben, die Finger am Abzug. Carson reagierte blitzschnell und sprang, ohne nachzudenken in die Schussbahn zwischen Sheppard und den Wraith. „STOPP! Er ist verletzt!“ rief er den Soldaten zu. Sheppard hielt tatsächlich inne, senkte aber nicht seine Waffen. „Treten sie zur Seite, Doktor. Er ist eine Gefahr für uns alle!“ „Im Moment sind Wir die einzige Gefahr hier! Ich werde nicht erlauben, dass sie auf einen meiner Patienten schießen!“ Carsons Stimme klang fest und entschlossen. In Überraschung verschluckte Colonel Sheppard sich, und hustete auf. „Habe ich mich gerade verhört? Patient? Carson, pfuscht das Ding in ihrem Kopf herum? Er ist ein Wraith!“ Was der Colonel sagte, gefiel Carson gar nicht, der abfällige Ton machte ihn beinahe wüten. Dennoch wurde ihm plötzlich sehr bewusst, dass er mit dem Rücken zugewandt in unmittelbarer Reichweite eines verletzten, vermutlich sehr hungrigen Wraith stand…

‚Reiß dich zusammen! du bist Arzt, du Idiot! Genau das ist es, was du geschworen hast zu tun!‘ ermahnte er sich in Gedanken selbst ehe er beschloss, dass ihm dieses Risiko egal war. „Ich bin vollkommen bei Sinnen und der Einzige, der in meinem Kopf herumpfuscht. Sehen sie ihn sich an! Er ist kaum in der Lage sich in seinem Sitz zu halten! Glauben sie wirklich in DIESEM zustand wäre er in der Lage meine Gedanken zu kontrollieren? Jetzt stecken sie ihre verdammten Waffen weg! Es sei denn sie wollen mich mit ein paar Kugeln durchlöchern. Eine andere Möglichkeit den Wraith zu treffen, werde ich ihnen nämlich nicht geben.“ „Das ist exakt das, was ein Wraith, der in ihren Gedanken herumpfuscht sie sagen lassen würde!“ Antwortete der Colonel unbeeindruckt. Dennoch senkte er vorsichtig seine Pistole und wies seinen Marines an dasselbe zu tun. Erleichtert atmete Carson aus. Ihm war klar, dass John ihn niemals mutwillig verletzen würde. Doch wenn er dies als Notsituation eingestuft hätte, hätte er sicherlich ein paar Wahnschüsse abgegeben, um Carson aus dem Weg zu bekommen. Zum Glück hat er das nicht getan. Stattdessen wies er nun seine Soldaten an, den Jäger und seinen Piloten zu umstellen, und jeden Atemzug des Wraiths zu beobachten. Sollten sie nur machen, solange sie Carson bei der Behandlung nicht in die Quere kamen.

Als Carson sich umdrehte, um endlich die Verletzungen des Aliens zu untersuchen, bemerkte er, dass er wohl unbewusst immer weiter vor Sheppard zurückgetreten ist, und nun direkt vor dem Wraith stand.  Der uralte Alien Krieger hätte ihn mit Leichtigkeit überwältigen und sich an ihn nähren können. Zum glück hatte er davon abgesehen. Stattdessen betrachtete er den Hilfsbereiten Menschen jedoch nur. In seinem Blick erkannte Carson unterdrückten Schmerz und… Neugier?

 

Crimson

Seine Ganze Welt war Schmerz. Crimson hatte sich seit Wochen nicht genährt. Er konzentrierte seine verbliebende Kraft darauf, die bedrohlichsten Verletzungen zu heilen. Der Absturz hat jedoch schwer gewesen. Er fühlte zahlreiche innere Blutungen, eine Rippe hatte sich in seine Lunge gebohrt, außerdem blutete er aus zahlreichen Mal mehr, mal weniger tiefen Wunden über seinen ganzen Körper verteilt. Wraith konnten eine Menge überleben… Aber es gab grenzen…

Er fühlte die Mentale Verbindung zu seinen Brüdern. Sie trauerten um ihn… Hunderte von Stimmen, Gefühlen und Gedanken… Einer war besonders stark – eine Weibliche Präsenz. Seine Königin.

‚Es gibt keine Möglichkeit dich rechtzeitig zu erreichen, um Kraft mit dir zu teilen… Du hast mur und unserem Schiff gut gedient, Crimson. Du verlässt uns voller Ehre und in dem Wissen, dass all deine Brüder und deine Königin dich niemals vergessen werden‘

Crimson erzitterte, als er die sanfte Gedankenstimme seiner Königin wahrnahm. Es war also wirklich hoffnungslos. Furcht und Bedauern fluteten seinen Körper… Er war noch jung, noch nicht einmal seine ersten fünfhundert Jahre hat er durchlebt. Crimson wollte noch nicht sterben… Doch er würde es bald. Seine Brüder spürten es. Auch Crimson nahm wahr – seine Kräfte verließen ihn und seine Sicht verschwamm… traurig öffnete er die Kapsel seines Jägers. Er wollte wenigstens noch einmal ungefilterte Luft atmen und den Himmel sehen, bevor ins Jenseits hinüber ging. Vielleicht konnte er ja noch ein letztes Mal den Schatten seines Basisschiffes, auf dem er fast sein ganzes Leben verbracht hatte, in der Atmosphäre schweben sehen…

Das erste, was er sah, als er hinausblickte, war jedoch ein verängstigter Mensch, der eine Waffe auf ihn richtete. Die verzweifelte Hoffnung, dass er sich doch noch nähren konnte, bevor seine Zeit um war regte sich in Crimson. Es sah einfach aus. Die Waffe war nicht sonderlich groß und die Hand des Menschen zitterte. Er wäre leicht zu überwältigen. Seine letzte Kraft realisierend versuchte der Wraith sich aus seinem Sitz hochzustemmen und auf die Beine zu kommen…

Doch er schaffte es nicht einmal sich von der Lehne zu lösen, geschweige denn seine Beine zu benutzen, …

Crimson musste einen erbärmlichen Anblick abgeben, wie er da mit seinem Sitz kämpfte… Die Nahrung war so nah, und doch unerreichbar… Für eine Sekunde wünschte er sich, der Mensch würde ihn mit seiner kleinen Waffe doch endlich erlösen… Doch das tat er nicht. Im Gegenteil, er senkte sie und steckte sie weg.

„Ich bin Arzt. Ich kann helfen.!

Beinahe lachte Crimson. Der Mensch würde ihn nur einsperren und Experimente an ihm durchführen, so wie Alle Menschen es tun würden. Niemals. Crimson bevorzugte den Tod.
Noch einmal bemühte Crimson sich, sich von seiner Lehne abzustützen. Diesmal jedoch um das Kontrollpult zu erreichen, und die Selbstzerstörung seines Jägers zu aktivieren. Mitten in der Bewegung hielt er jedoch inne. Seine Sinne alarmierten ihn. Mehr Menschen. Er hörte sie kommen. Aufmerksam sondierte er die Umgebung. Dann sah er sie Kommen: Sechs Männer mit großen Waffen. Ganz anders als dieser sogenannte ‚Arzt‘ Wirkten diese Männer, als wüssten sie ihre Waffen zu benutzen. Sie würden Crimson erschießen, bevor er die Kontrollen aktivieren konnte. Was dann geschah hätte Crimson niemals erwartet. Der Arzt sprang vor ihn und beschützte ihn mit dem eigenen Körper., während er energisch auf die anderen Menschen einredete. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt für den Wraith die Selbstzerstörung zu aktivieren. Die Explosion würde sie alle mit in den Tod reißen. Doch er tat es nicht. Die Szene, die sich ihm bot, war viel zu absurd und weckten Crimsons Neugier. Was dachte der Mensch, was er da tat? Sein Leben verschonen, um Crimson doch noch gefangen zu nehmen? Naja, lange hätten sie nichts von ihm, die Verletzungen rissen ihn nach und nach immer weiter aus seinem Leben heraus.
Dennoch, etwas in dem Wraith wollte durchhalten, sich an jede Hoffnung klammern und überleben.
Jeder Wraith würde einen Tod in Ehre einem Leben in Gefangenschaft vorziehen. Doch Crimson war jung und naiv – alles, was er wollte, war leben!

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf kappte er seine Mentale Verbindung zu seinem Basisschiff, seine Brüder in dem Glauben lassend, er sei Tod, und ergab sich seiner Schwäche…

 

Als Crimson das nächste Mal die Augen öffnete, lag er auf kaltem, steinigem Boden. Seine Brust war entblößt und etwas brannte entsetzlich in seinen wunden. Jede Berührung sandte Schockwellen durch seinen ganzen Körper. Entfernt nahm er das leise Summen eines Kraftfeldes und kalte, angespannte Befehle die streng gerufen wurden wahr. Er blinzelte – zumindest glaubte er das, denn er befand sich plötzlich auf einer trage und war in Bewegung. Dann wieder – er lag auf etwas kaltem, metallenem, um ihn herum strahlten helle lichter und ein scharfer stich bohrte sich seinen arm und injizierte etwas in seine adern. Danach verließ ihn vollends das Bewusstsein.

 

__________________

 

Langsam kamen seine Empfindungen zu ihm zurück. Zuerst ein leises Summen, dann die kalte Luft, die ihn umgab, und schließlich wie ein eiserner Faustschlag der schmerz in seinem ganzen Körper. Ein gequältes Keuchen entkam seinen Lippen als er sich in Agonie auf dem Boden krümmte. Minuten vergingen. Stunden. Tage? Crimson hat jedes Gefühl für zeit verloren. Jede Sekunde der Pein kam ihm wie Jahre vor.

Plötzlich hörte er stimmen. Der junge Wraith war nicht mehr allein. Mit aller macht biss er die zähne zusammen, setzte sich auf, und bemühte sich jedes Anzeichen von Schmerz auf seinen Zügen zu verbergen. Er war ein Wraith. Er zeigte sich anderen nicht leidend. Tief einatmend schloss er die Augen und zwang sich, sich zu beruhigen. Als die schere Eisentür ihm gegenüber sich öffnete, hockte er an der Wand, einen entschlossenen Ausdruck im Gesicht, bereit jederzeit aufzuspringen und sich zu verteidigen. Was ihn erwartete waren allerdings keine bewaffneten Soldaten, bereit ihn zu foltern und zu töten. Naja, bewaffnet waren die Soldaten schon, und wenn er ihre Blicke richtig beurteilte, waren sie mehr als bereit ihm alles Mögliche anzutun. Jedoch wurden sie geführt von einem aufgebracht meckernden Mann, der seine Wut auf sie – nicht auf den Wraith vor ihm richtete. Nach einigen Momenten erkannte Crimson den ‚Doktor‘, der ihm nach seinem Absturz begegnet war.

„Wraith, Wraith, Ja verdammt, ich weiß, dass er ein Wraith ist. Und ja mir ist bewusst, dass seinesgleichen uns, ohne mit der Wimper zu zucken ausweiden und verspeisen würden. Aber das heißt verdammt nochmal nicht, dass wir genauso handeln müssen! Nicht zu glauben, diese sturen marines und ihre Intoleranz…“ Die letzten Worte murmelte der Doktor eher zu sich selbst als zu irgendjemandem im Raum, ehe er wütend die Hand erhob und mit genervter stimme befahl: „Jetzt deaktiviert das verdammte Kraftfeld. Nur weil sie ihn nicht in meiner Krankenstation erlauben, heißt das nicht, dass ich seine wunden nicht untersuche, nachdem sie ihn hier so gefühlskalt in den Dreck geschmissen haben.“

Trotz höllischer Schmerzen musste der junge Wraith ein Schmunzeln unterdrücken. Seine Situation war alles andere als optimal, aber der Zwiespalt dieser Menschen, die eigentlich auf derselben Seite standen amüsierte ihn.

Das Lachen verging ihm allerdings ganz schnell wieder, als das Kraftfeld, das ihn in seiner Zelle hielt, deaktiviert wurde und er beinahe in derselben Sekunde von einem betäubungsstrahl getroffen wurde. Wütend knurrte der junge Wraith auf, als sein Körper paralysiert zu Boden fiel, und der harte Aufprall neue wellen der Agonie durch seine Adern jagte…

„OI! Habe ich euch erlaubt meinen Patienten zu betäuben? Jetzt reißt euch zusammen, sonst erkläre ich euch als Leiter der medizinischen Abteilung für arbeitsunfähig!“ Ich drohte der Doktor wütend, ehe er an Crimsons Seite in die Knie ging.

„Sie sollten Ihren Soldaten Danken ‚Doktor‘“ Das letzte Wort sprach Crimson mit einem spöttischen Ton aus. „Ich würde Ihnen sofort, ohne zu zögern das Leben aus dem Leib reißen und dann jedem einzelnen ihrer Freunde den Hals umdrehen.“

Herausfordernd blickte er dem Menschendoktor in die Augen. Dieser lächelte nur traurig und nickte. „Ich weiß“ antwortete er, ehe er einen Koffer neben sich abstellte und öffnete. Crimson spürte, wie sein Hemd geöffnet wurde und klebende Stoffstreifen von seinen Wunden entfernt wurden. Oh, wie gerne würde Crimson dem Mann alle Knochen brechen… Er hasste es hilflos zu sein!

 

Carson

Es war eine einzige Tortur. Seid Carson ihren außerirdischen Gast nach Atlantis gebracht hat, musste er ständig aufpassen, dass keinem der schießwütigen Marines der Finger am Abzug ausrutschte. Und wäre das nicht schon schlimm genug, hingen ihm diese Bürokraten von der Erde an den Fersen und verlangten eine Rechtfertigung für das, was er tat. Verdammt, war er denn wirklich der einzige Mensch in der Galaxie, der auch nur ein bisschen Vernunft und Mitgefühl in den Knochen hatte?

Ja, dieser Wraith würde sie, ohne mit der Wimper zu zucken alle Töten, wenn er könnte. Aber so, wie sich seine Kollegen verhielten, konnte Carson ihm das nicht einmal richtig übelnehmen.

Als er neben dem betäubten Wraith in die Knie gegangen ist, bereitete er seine medizinische Ausrüstung vor, und zog sich ein paar sterile Handschuhe über, bevor er seinen Patienten berührte. Vor fast einer Woche hatte er den Wraith operiert, als sie ihn hierhergebracht haben. Carson kannte sich nicht besonders mit Wraith Biologie aus, aber gebrochene Knochen waren bei jedem Wesen Gleich. Und wenn zerbrochene Rippenbögen Organe durchstießen, mussten diese gerichtet, und die Verletzungen genäht werden. Carson musste zugeben, dass diese Operation ihm ein paar interessante Einblicke gewährt hatte und er vieles über die fremde Rasse gelernt hatte. Dennoch war sein einziges Ziel den Wraith am Leben zu halten.

Colonel Sheppard and Elizabeth hatten ihm nicht erlaubt den Wraith zur Beobachtung auf der Krankenstation zur Beobachtung zu behalten. Noch bevor die Anästhetika den Blutkreis des Aliens verlassen hatten, wurde er in die Katakomben der Stadt in eine Zelle befördert. Zu seinem Glück hat er heute das erste Mal das Bewusstsein wieder erlangt - Dieser arme Wraith musste Höllenqualen leiden. Keine Schmerzmittel, keine Nahrung, keine Sterile Umgebung, nicht mal seine eigene Kleidung wurde dem Alien gelassen. Nur eine Dunkle, kalte Zelle.

„Das wird jetzt brennen und höllisch weh tun. Es hätte sich vermeiden lassen, hätten sie mir früher erlaubt dich zu besuchen. Es tut mir leid.“ Seufzte Carson, als er das viel zu luftige leinen Hemd des Wraith geöffnet hatte, und die Kompressen von seinen wunden entfernt hatte.

Einige der wunden hatten sich entzündet und sonderten eine Flüssigkeit ab, die wohl mit Eiter zu vergleichen war. Carson hatte es nicht geschafft diese schon bei der Operation zu behandeln, da die Soldaten ihm seinen Patienten vom Tisch geschnappt hatten, kaum dass er die gefährlichsten Verletzungen behandelt und ihn zugenäht hatte. Was er jetzt tat, würde dem armen Wraith weit mehr Schmerzen bereiten, als es sein müssten. Vorsichtig begann er mit Watte Stäbchen und kompressen die zahlreichen Wunden am Körper des Gefangenen zu säubern. Der Wraith gab dabei keinen Ton von sich – dank der Betäubungswaffe konnte er nicht zucken und Carson den Prozess erschweren, aber er wusste, dass sein Patient höllische Qualen mit jeder Berührung des brennenden Desinfektionsmittels leiden musste.  Einige der Verletzungen konnte er nähen, andere mussten offenbleiben, damit er sie täglich reinigen konnte. Vorerst bedeckte er aber alles mit frischen, sauberen binden, und knotete das Leinen Hemd, das man dem Wraith angezogen hatte, wieder zu. Carson nahm sich vor herauszufinden, wo man die Kleidung des Aliens hingebracht hatte, oder ihm wenigstens ein paar andere, angemessenere Kleider zu besorgen, die ihm passen. Feind oder nicht, wenigstens seine Würde könnte man ihm doch lassen…

„Ich werde morgen wiederkommen. Ihre Wunden müssen versorgt werden. Ich weiß, Sie wollen sich von keinem von uns etwas sagen lassen, aber… versuchen Sie sich etwas auszuruhen. Und halten Sie die wunden Sauber.“ Der Wraith würdigte ihm keines weiteren Blickes. Er konnte nur hoffen, dass ihr ‚Gast‘ sich an seine Empfehlungen hielt. Für ihn hieß es nun allerdings erstmal zurück in Elizabeths Büro und die Diskussionen ob er den Wraith besuchen durfte oder nicht erneut starten…

 

Crimson

Nachdem das Kraftfeld wieder aktiviert wurde, und die Wachen den Raum verlassen hatten, erlaubte Crimson es sich endlich schmerzlich aufzuatmen. Er schmeckte Blut, da er sich während der Behandlung auf die eigene Zunge gebissen hat. Bewegen konnte er sich noch immer nicht. Sosehr er es jedoch hasste es zugeben zu müssen, seine Wunden brannten weit weniger, nachdem der Arzt sie mit seinen Techniken – seien sie noch so archaisch und primitiv – gesäubert und geschlossen hatte.

Lediglich sein Hunger brannte unverändert unter seiner Haut wie Feuer durch seine Adern. Es forderte all seine Konzentration nicht verrückt zu werden. Aber er lebte. Und er würde hier rauskommen. Vielleicht noch nicht heute oder morgen, aber wenn eins sicher war, dann dass die Wraith eine Geduldige Rasse waren. Seine zeit würde kommen.

 

Wie angekündigt besuchte der Doktor ihn am nächsten Tag wieder. Trotz lautstarkem Widerspruch des Menschen, schossen die Wachen erneut einen Betäubungsstrahl auf ihn. Verdammt, das war vielleicht ein unangenehmes Gefühl… Aber er wehrte sich ein bisschen weniger, als am Vortag gegen diesen Zustand, da er wusste, dass die Behandlung ihm zumindest die Pein seiner Verletzungen lindern würde.

Die Tage vergingen, und der gleiche Ablauf widerholte sich jeden Abend. Oder war es Mittag? Crimson hatte lange jedes Zeitgefühl verloren. Die ganze Zeit über sprach er kaum ein Wort. Zuerst aus Trotz und Widerwillen, dann aber mehr und mehr aus Schwäche. Seine Wunden heilten nicht, auch nicht nach Wochen der Behandlungen. Diese Prozedur half vielleicht Menschen, aber sein eigener Körper funktionierte anders. Er brauchte Nahrung, musste den Heilungsprozess bewusst antreiben, vorher würde sich keine Zelle regenerieren. Dank des Doktors verschlimmerten sich die Verletzungen in dieser Kalten, schmutzigen Zelle aber auch nicht.

An einem Abend kam der Doktor plötzlich ein zweites Mal zu ihm in die Zelle. Heimlich diesmal, ohne bewaffnete Begleitung. In der Hand ein Schwarzes Bündel, dessen Beschaffenheit ihm bekannt vorkam.

„Hör zu, wenn es nach meinen Vorgesetzten ginge, wären Sie schon längst Tod und für Wissenschaftliche Untersuchungen freigegeben. Ich will Sie nicht bedrohen. Nur daran erinnern, dass Ich der einzige auf dieser Station bin, der zwischen Ihnen und dem Obduktionstisch Steht, bevor ich reinkommen.“
Die Stimme des Menschen klang unsicher und zitterig. Das weckte Neugier in Crimson. Tatsächlich tippte der Mensch etwas in eine Schaltfläche vor seiner Zelle ein, und das leise Surren des Kraftfeldes verstimmte. Crimson war sich nicht sicher ob dieser Mensch nun dumm oder mutig war. Seine Hand zuckte an seiner Seite. Das Nährorgan öffnete sich verkrampft und sandte schmerzliche Schockwellen durch seinen Körper. Doch Crimson ballte die Hand zur Faust und trat einen schritt zurück. Der Mensch hatte Recht. Stände er nicht zwischen ihm und den Soldaten, hätte man ihn schon längst getötet. Crimson beschloss zumindest diesem Exemplar vorerst nichts zu tun, sosehr sich sein Körper auch dagegen sträubte.

Entgegen jeder Vernunft kam der Mensch näher. „Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe sie gefunden. Ich habe mir die Freiheit genommen das Blut heraus zu waschen.“ Verkündete wachsam, während er Crimson das Bündel hinhielt. Als er hinunter schaute erkannte er plötzlich – feinstes Zinoa Leder – seine Kriegeruniform. Er hatte sich schon gefragt, ob er in diesem würdelosen Fetzen der Menschen sterben würde. Mindestens genauso achtsam und misstrauisch wie der Mensch vor ihm, streckte er seine linke aus, und ergriff die Kleidung.
„Warum tun Sie das?“ entglitt ihm die Frage, noch bevor er sich beherrschen konnte.

„Das hat viele Gründe.“ Ich antwortete der Mensch ernst. „Ich bin Arzt. Ich will das beste für meine Patienten. In diesem Fetzen sind Ihre Verletzungen nur unzureichend geschützt. Außerdem bin ich der festen Meinung, dass Jeder – auch gefangene – das Recht auf ein bisschen Würde haben.  Was sagt es über uns Menschen aus, ein Wesen so leiden zu sehen, und dabei Freude zu empfinden. Ich stimme dem allen hier“ der Arzt machte eine umfassende Geste durch den Raum „kein Stück zu. Sie hätten Sie nach der Behandlung zurück zu Ihrem Jäger bringen sollen. Oder mir erlauben sollen Ihnen direkt vor Ort zu helfen, und dann wieder unserer Wege zu gehen. Ich hätte nie gedacht, dass aus Atlantis ein korruptes Gefängnis wird.“ Die letzten worte sprach er mit Abscheu aus, die Angst vor ihm für einen Moment komplett aus seinen Zügen verschwunden.

Einen Moment später schüttelte er jedoch den Kopf, und sah ihm direkt in die Augen.
„Wie auch immer, man wird merken, dass ich hier war. Es wird wohl auffallen, dass der Gefangene plötzlich andere Kleidung trägt. Ich gehe davon aus, dass das ärger und Diskussionen für mich bedeutet – die nächsten Tage werde ich deshalb vermutlich nicht vorbeikommen, um Ihre Wunden zu versorgen.“
Der Doktor Griff in die Taschen seines Kittels und zog eine kleine Plastikflasche sowie Stoffklebestreifen hervor.

„Ich habe Ihnen Desinfektionsgel, frische binden mitgebracht. Versuchen sie ihre wunden rein zu halten. Und das hier…“ der Doktor hielt einige der stoffstreifen extra hoch“ Sind Fentanylpflaster. Sie sind mit einem starken Schmerzmittel bestrichen, das über die Haut aufgenommen wird. Wenn der schmerz unerträglich wird, kleben sie sich eines davon auf den Oberarm. Ich bin mir nicht sicher, welche Dosierung für Wraith empfohlen wird“ ein beinahe belustigter Ton schlich sich in die Stimme des Menschen „Aber versuchen sie nicht mehr als eines dieser Pflaster alle 2-3 Tage zu benutzen. Die Wirkung hält lange an.“

Mit diesen Worten drückte der Doktor ihm die Materialien in die Hände – leider in beide Hände, ein zucken durchfuhr Crimsons Körper, als sein Nährorgan die fremden Materialien berührte - und wandte sich zur Tür um. Enttäuscht beobachtete er, dass der Mensch das Kraftfeld wieder aktivierte bevor er ging. Aber wirkliche Hoffnung auf einen Ausbruch hatte er sich ohnehin nicht gemacht. „Warten sie!“ rief Crimson, überrascht über sich selbst, dem Menschen hinterher. Dieser drehte sich ebenso erstaunt um, und blickte Crimson fragend an. „Verraten sie mir ihren Namen.“ Er sprach es eher wie eine Frage als wie eine Forderung aus. Der Mensch lächelte flüchtig. „Carson Becket.“

Seine folgenden Worte überraschten ihn noch mehr, aber Crimson entschied sich bewusst sie auszusprechen. Es kam ihm in diesem Moment einfach richtig vor: „Danke… Carson Beckett.“

 

Carson

Es dauerte nicht lange, bis Carson auf der Krankenstation besuch bekam. Er war darauf vorbereitet und er ließ sich nicht einschüchtern, als Elizabeth Weir mit vor Wut sprühendem blick in sein Büro platzte.

„Carson, was haben sie sich dabei gedacht? Schlimm genug, dass sie dieses Ding verarzten, jetzt brechen sie auch noch das Protokoll und statten ihm unberechtigte Besuche ab?“

Carson zuckte mit keiner Wimper, als die kleinere Frau immer näher an ihn herantrat, und ihn fest in die Augen sah. Carson erwiderte den Blick mit gewollter Lässigkeit und unbeeindruckter Ruhe.

„Gerade von Ihnen hätte ich erwartet, dass sie die Meinung des Militärs nicht teilen, Doktor Weir.“ Carson stritt sich in letzter Zeit oft, beinahe täglich mit seiner Vorgesetzten wegen ihres ungewollten Gastes. Aber diesmal schwang zum ersten Mal eine tiefe Enttäuschung und Traurigkeit in der Stimme des Doktors mit. „Ja, er ist ein Wraith. Ja, er hat schreckliches in seiner Vergangenheit vollbracht. Aber er hat keine andere Wahl? Er MUSS sich nähren. Das gibt uns lange nicht das Recht unsere Menschlichkeit zu begraben, und ihn wie ein Tier zu behandeln. Nein, streichen sie das. Tiere behandeln wir besser. Keiner nimmt es dem Löwen übel, wenn er die Antilope frisst. Wir respektieren ihn sogar dafür.“ Redete Carson sich in Rage. Diese Diskussion hatten sie unzählige Male geführt. Wie so oft, fiel Doktor Weir ihm ins Wort bevor er ausgesprochen hat. „Doktor Becket. Ihr Mitgefühl in allen Ehren, sie haben einen Direkten Befehl von mir missachtet und Atlantis in Gefahr gebracht! Ihr Verhalten ist untragbar. Haben sie denn gar keine Auen im Kopf? Die Wraith ernähren sich von uns. Kein Anzeichen des Mitgefühls. Die einzige Reue, die sie spüren ist die, dass sie sie alle paar Dekaden in Kryostasis versetzen müssen, damit ihre Beute sich wieder ernähren kann! Ja, sie sind weiterentwickelt als wir. Aber nutzen sie auch nur einen Funken ihrer Intelligenz dazu an einer anderen Lösung für ihr Nährverhalten zu suchen?“ „Bei Allem Respekt, das können sie nicht wissen, Doktor Weir. Bis vor einem Monat wussten wir noch nicht einmal, dass sie unsere Sprache beherrschen, woher wollen wir wissen, ob sie nicht an einer Lösung für ihren Hunger forschen?
Und überhaupt, haben sie jemals ein Schlechtes Gewissen der Kuh gegenüber verspürt, während sie in ihren Burger gebissen haben? Fühlen sie sich schlecht, dass die armen Tiere nach der Schwangerschaft ihrer jungen beraubt werden und an Maschinen angeschlossen werden, damit sie ihre Muttermilch trinken können? Sagen sie jetzt nicht schonwieder, dass das was anderes ist, da Kühe nicht intelligent sind. Im vergleich mit den Wraith sind unsere Hirnkapazitäten weit unter derer von Kühen.“ Stille legte sich über den Raum. Nur ihrer beider aufgeregter Atemgeräusche und die regelmäßigen Geräusche der Maschinen im Hintergrund waren zu hören. Oh ja, sie hatten diese Diskussion oft geführt. Und sie waren immer wieder in derselben Sackgasse gelandet. Carson hatte Recht. Aber Elizabeth hatte die befehlsgewallt.

„Ich dachte einen Zivilisten als Leiter der Atlantis Expedition einzusetzen wäre ein Segen. Aber sie setzen dem Militär nichts entgegen. Weil sie Angst haben, unterstützen sie die Kriegshandlungen der anderen. Aber sie vergessen: Wir sind Wissenschaftler. Keine Krieger.“ Damit wandte der Arzt sich von Elizabeth ab, und wandte sich wieder seinen Forschungen zu. Seine Vorgesetzte würdigte ihn keines weiteren Wortes mehr. Auch sie wandte sich um und ging auf die Tür der Krankenstation zu. Im Tür Ramen stand seit einigen Minuten Colonel Sheppard, der seine Nase mal wieder in fremde Angelegenheiten gesteckt hat, und sie scheinbar beobachtet hatte. „John, bitte sorgen sie dafür, dass Doktor Becket unter ständiger Beobachtung steht. Wenn er sich dem Gefangenen noch einmal nähert, setzen sie ihn unter Hausarrest.“

Carson knirschte mit den Zähnen. Genau das hatte er erwartet. Er hatte gehofft, dass seine Vorgesetzte zur Vernunft kam, aber sie enttäuschte ihn. Wenigstens hatte er den Wraith für die nächsten Tage versorgt. Carson hatte einen Plan. Er würde sich Still verhalten und auf seine Forschungen konzentrieren. So sehr ihn die ewigen Streitigkeiten mit seiner eigentlich guten Freundin und Vorgesetzten Elizabeth mitnahmen, so hatte sie ihn doch auf eine Idee gebracht. Seit einigen Wochen hatte Carson es sich zum persönlichen Ziel gesetzt den Hunger des Wraith zu stillen. Nicht auf die Herkömmliche Art und Weise. Nein, er war drauf und dran eine Formel zu entwickeln, mit der er einen Nahrungsersatz für den Wraith entwickeln konnte. Noch endeten die simulierten Tests, die er durchführte, unbefriedigend, aber Carson spürte, dass er seinem Ziel näher kam…

So verbrachte der Doktor die nächsten Tage konzentriert über seiner Arbeit. Hin und wieder kamen Patienten rein, die er behandeln musste, aber das dauerte in der Regel nie länger als 30 Minuten. Das Marines hatten ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den gefangenen Wraith gelenkt, weshalb es weniger Außeneinsetze gab und dementsprechend weit weniger Arbeit auf der Krankenstation.

Es dauerte fast eine Woche, bis Carson auf die Idee kam, die Zusammensetzung des Wraithenzymes zu verwenden! Natürlich, das war der entscheidende Faktor, der fehlte! Das Enzym war bei jedem Nährvorgang dominant und veränderte die Biomasse die Aufgenommen wurde! Für einen Moment überlegte Carson ihrem Gast einen Besuch abzustatten, und um eine frische Probe zu bitten. Dank Sheppards Männern, die ihn keine Sekunde aus den Augen ließen, konnte er diesen Plan jedoch schnell wieder verwerfen. Carson musste sich wohl mit den alten proben zufriedengeben. Hoffentlich verfälschte die beginnende Verwesung der abgetrennten Wraith Hand die Ergebnisse nicht… Sie hatten schnell gehandelt, sobald Carson einen Zellverfall feststellen konnte, haben sie das Körperteil eingefroren. Dennoch war das Gewebe bereits angegriffen.

Mit äußerster Vorsicht entnahm Carson das Exemplar, öffnete die Futteröffnung in der Handfläche mit einem Spreizer, und schabte mit einem Skalpell vorsichtig einige Gewebeproben aus der inneren von der Schleimhaut ab. Carson war bewusst, dass eigentlich Stimulation von Nöten war, damit das Wraithorgan das Enzym produzierte. Doch er hoffte, dass sich noch genügend Rückstände in den Proben befand, damit er ihre Eigenschaften entschlüsseln und verarbeiten konnte. Sorgfältig verteilte er die Proben auf mit Immersionsöl bestrichene Objektträger, und ließ den Computer sie analysieren…

 

Crimson

Es verging über einen Monat. Die wachen wechselten sich alle 3 Stunden ab. 5 Mal am Tag, 5 Mal in der Nacht. 70-mal in der Woche. 280-mal im Monat. Crimson konnte die einzelnen Wachmänner mittlerweile an ihrer Gangart unterscheiden. Die ganze zeit über hatte der Wraith kein Wort gesprochen. Hin und wieder spuckte man ihm Beleidigungen entgegen oder warf mit Gegenständen gegen sein Kraftfeld, um ihn zu provozieren. Doch Crimson wandte sich nicht einmal zu seinen Gefängniswärtern um. Mit dem Rücken zum Eingang saß er in einer meditativen Haltung auf den Boden. Seiner Umgebung war sich der Junge Wraith die ganze Zeit über bewusst. Er erlaubte es sich nicht das feindliche Territorium auch nur eine Sekunde aus dem Auge zu lassen. Die einzigen Ausnahmen, die er sich erlaubte, waren einige Minuten alle paar Tage, in denen er seinen Geist in eine echte, schlafähnliche Meditation sinken ließ. Frisch genährte Wraith konnten Wochen ohne Schlaf auskommen. Er jedoch hielt es kaum drei Tage aus, ehe sein Körper ihn drängte in eine Hibernation zu verfallen. Das letzte, was Crimson sich jetzt leisten konnte, war in einen jahrelangen schlaf zu versinken, deshalb erlaubte er sich diese kleinen ‚Nickerchen‘ um seinem Körper vorzugaukeln er hätte sich ausgeruht.
Die Schmerzen seines Hungers waren mittlerweile so ausgeprägt und allgegenwärtig, dass er seinen Körper kaum noch spüren konnte. Der Schmerz war sein Körper. Vor einigen Wochen war er bereits so schlimm, dass Crimson sich auf dem Boden wälzen und schreien wollte. Mittlerweile war er zum Schreien viel zu schwach. Crimson bemühte sich angestrengt zu verbergen, dass er im Moment nicht die geringste Gefahr für die Menschen darstellte. Selbst wenn sich jetzt einer von Ihnen unter seine Hand legen und sich anbieten würde, so war der Wraith viel zu erschöpft und geschwächt, um mit seinem Nährorgan die haut der Menschen zu durchstoßen.

Die Schmerzmittel, die der Doktor ihm besorgt hatte, waren schon längst zur Neige gegangen. Am Anfang hatten sie geholfen – sie hatten den ewigen Schmerz des Hungers betäubt. Aber entgegen der Vermutungen des Doktors, wirkten sie kaum einen ganzen Tag, ehe die Pein zurückkam. Dementsprechend schnell hatte er alle Vorräte aufgebraucht. Seine Wunden reinigte der Wraith auch schon seit Tagen nicht mehr. Er hatte kaum noch die Kraft überhaupt aufrecht sitzen zu bleiben, er schaffte es nicht mehr seinen Mantel auszuziehen und sich selbst zu versorgen. Aber das war mittlerweile auch zur Nebensache geworden. Der Hunger war so alleseinnehmend, Crimson spürte seine Verletzungen überhaupt nicht mehr. Crimson fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis sein Körper endgültig aufgeben würde und in den ewigen Schlaf verfiel...

In dieser Nacht jedoch nahm er etwas seltsames wahr. Die Wache – Major Lorne, wie er in den letzten Wochen gelernt hatte – beendete ihren Dienst, aber es kam keine Neue Wache. Jedenfalls keine ihm bekannte. Ein Mensch mit ihm unbekannten Schrittgeräuschen nahm vor seiner Tür Stellung. Für einen Moment öffnete Crimson verwirrt die Augen. Was geschah dort draußen? Dann schloss er sie allerdings schnell wieder. Das licht tat ihm in seinen Augen weh, und Menschen waren zerbrechliche Wesen. Vermutlich hatte die eigentliche Wache sich verletzt oder war erkrankt, und musste jetzt von einem ihm unbekannten Kollegen vertreten werden. Gleich würde der Neuling reinkommen, ihn anstarren wie eine Attraktion im Zoo, und versuchen ihn zu Provozieren und zu beleidigen. Jedoch geschah nichts. Für einen Moment musste der Mensch ihn scheinbar einfach nur still anstarren. Sollte er doch machen, was er wollte. Crimson würde sich nicht zu ihm umdrehen. Dann jedoch hörte er flinke Finger über das Display vor seinem Kraftfeld huschen und ein ihm allzu bekannter Geruch wehte ihm in die Nase „Carson…!“ seine stimme klang leise, heiser, kaum ein krankes Flüstern, während er sich ruckartig umdrehte. Naja, ruckartig fühlte es sich zumindest für ihn an. In Wirklichkeit bewegte sein Körper sich nur langsam. In der Bewegung verlor er das Gleichgewicht und kippte ohne jegliche Schutz Reflexe schmerzhaft vorwärts auf dem Boden.
Im fall hatte er einen kurzen Blick auf den Arzt erhaschen können. Er sah blass und geschockt aus. Er konnte sich aber auch irren.
Es verging kaum ein Augenblick ehe der Mensch an seiner Seite war. Warme arme schlangen sich um seine Taille und richteten ihn unglaublich vorsichtig wieder in eine sitzende Position auf. Crimson ließ es sich kommentarlos gefallen. Er würde eh nichts bewirken können. Etwas in ihm verwehrte allerdings auch jede Gegenwehr, weil dieser Mensch der einzige war, der ihn immer mit Respekt und Würde behandelt hatte. Etwas in ihm wusste, dass Carson Beckett ihm nichts antun würde.

Erschöpft von diesem Sturz gelang es Crimson nicht mehr selbst sein Gleichgewicht wieder zu finden. Würde der Mensch ihn loslassen, würde er direkt wieder fallen. Zur Hölle, wie weit war es nur mit ihm gekommen…
Der Mensch schien sich seiner Unfähigkeit ebenfalls bewusst zu sein, denn er ließ Crimson nicht mehr los. Im Gegenteil, er konnte spüren, wie Carson sich hinter ihm zu Boden setzte, und den Wraith an sich lehnte. Für einen Moment überstrahlte die Körperwärme des Menschen Crimsons unbändigen Hunger. So lange hatte er niemanden mehr berührt, so lange war das einzige, wozu er Kontakt hatte der kalte Steinboden unter sich… Lange hielt dieser Zustand der Erlösung leider nicht an. Sein Körper realisierte wie nah seine Nahrungsquelle war, seine Muskeln verkrampften sich, sein Blickfeld flimmerte. Ein Arm löste sich von seiner Taille, der andere umfing ihn fester. Der Mensch sagte etwas, Crimson verstand jedoch kein Wort, da war nur noch der Hunger. Der Wunsch zu sterben, oder wenigstens das Bewusstsein zu verlieren drängte sich ihm das erste Mal auf. Er brannte, jede Zelle in seinem Körper schrie vor Verzweiflung. Er würde zerbrechen. Das hielt er keinen weiteren Augenblick aus, Schmerz, Verzweiflung, wortloses Flehen, dann…

„Rrraghhh“

Ein Schrei – halb animalisches Knurren, halb verzweifeltes Stöhnen verließ seine Kehle. Etwas stülpte sich über Crimsons Hand. Erst fühlte es sich kalt an, dann umfing eine Flüssigkeit seine Handfläche, brachte sein Organ dazu sich ruckartig so weit zu öffnen, dass seine Haut in den winkeln beinahe einriss, und schließlich strömte süße Erlösung über ihn ein…

Gierig, beinahe gewaltsam verschlang er die delikate Flüssigkeit. Sie schmeckte künstlich, anders als alles, was er je geschmeckt hat. Aber sie stillte seinen Hunger, streichelte seine gequälten Eingeweide und beruhigte sein Geist. Himmel, das war das köstlichste, was er je geschmeckt hatte!

Seine Muskeln begannen sich zu entspannen, die Beine, die seit Wochen nur die Position des Schneidersitzes innehatten, streckten sich aus und sein Kopf sank nach hinten auf die Schulter des Menschen. Crimson konnte seinen Körper wieder spüren! Nicht nur das, er nahm deutlich wahr, dass sich die Wunden, die ihn so lange gequält hatten, endlich schlossen.

Schweigend verweilte Crimson in seiner derzeitigen Position. Noch Minuten, nachdem der letzte tropfen dieser göttlichen Flüssigkeit versiegt und von ihm verschlungen war. Sein Atem ging schwer, doch sein Körper war zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten schmerzlos…

Chapter Text

Carson

Es dauerte etwas über einen Monat, bis Carson sein Forschungsprojekt soweit vorangetrieben hatte, dass er die ersten Tests am Lebenden Wesen unternehmen konnte. Wenn das ein Erfolg wurde, könnte er damit das Leben in der Pegasus-Galaxie revolutionieren. Wraith und Menschen wären in der Lage ein Friedensverhältnis zu erreichen! Der Doktor machte sich jedoch nicht allzu große Hoffnungen das mitzuerleben. Wüsste Elizabeth von seinem Vorhaben, würde sie es vermutlich in keinster Weise billigen. Natürlich, man konnte ihn nicht davon abhalten in seiner privaten Zeit an den Projekten zu arbeiten, die er sich selbst aussuchte. Die Erlaubnis zu Testzwecken mit ihrem Gefangenen zusammen zu arbeiten, würde man ihm allerdings niemals geben. Carson hatte beschlossen den Weltfrieden einmal außen vor zu lassen, und sich nur auf diesen einen Wraith zu konzentrieren. Ihm zu helfen war sein Ziel. Keine Allianz mit dem Feind oder weltverändernde biologische Neuerung auf den „Weidegründen“ der Wraith. Er wollte nur wieder gut machen, was seine Spezies diesem Individuum angetan hat.

In dieser Nacht schlich sich der Doktor aus seinem Quartier nach zu den Zellen. Das Positive daran, dass er so lange für die Entwicklung gebraucht hat war, dass seine kontinuierliche Überwachung nachgelassen hatte. Soldaten hielten sich – abgesehen davon, wenn sie seine Patienten waren – nur noch Tagsüber in seiner Nähe auf und selbst dann, immer unbewaffnet. 

Dennoch musste Carson sein vorhaben gut Timen. Das Schicksal hat ihm dabei gut in die Hand gespielt: Einer der Marines, die zur Bewachung der Zellen eingeteilt war, hatte sich auf dem Festland etwas eingefangen. Carson hatte ihn dienstunfähig erklärt, dabei aber ganz versehentlich vergessen, dem Colonel zu melden, dass einer seiner Soldaten heute Nacht nicht seinen Dienst antreten würde. Das war eine recht riskante Angelegenheit – ein falsches Wort von dem Erkrankten, und die ganze Sache fiele auf. Wenn es jedoch gut lief, hatte er drei Stunden, in denen er alles mit seinem Patienten klären konnte, und erste Tests vornehmen konnte.

Als Carson den Zellentrakt erreichte, und den Raum des Wraith betrat, sah er jedoch, dass die Sache etwas anders laufen würde als geplant. Der Wraith saß mit dem Rücken zur Tür und rührte sich nicht. Auch wenn er eine gerade, aufrechte Position hielt, merkte der Arzt sofort, wie schwach der Gefangene war. Schwach genug, dass es vielleicht zu spät sein würde ein vernünftiges Gespräch mit ihm zu führen und sich darauf verlassen zu können, dass der Wraith ihn nicht attackierte, sobald das Kraftfeld deaktiviert wurde…

‚Wenn du es jetzt nicht tust, war alles umsonst!‘

Sprach er in Gedanken zu sich selbst. Er musste es tun!
entschlossen huschten seine Finger über das Eingabefeld, um das Kraftfeld zu deaktivieren. Der Wraith reagierte sofort auf die leisen Tastgeräusche seiner Finger.
„Carson…!“

Der Arzt zuckte zusammen, als er die brüchige Stimme des Wesens hörte. Das Leid der ganzen Welt klang darin… Seine Vermutungen bestätigten sich, als der Schwung der Bewegung des sich umdrehenden Wraith diesen aus dem Gleichgewicht brachte und er unsanft zu Boden fiel.

Schnell tippte er die Deaktivierungs-Schaltfläche des Kraftfeldes an, und eilte, ohne darüber nachzudenken dem Wraith, kniete sich hinter ihn und zog ihn vorsichtig in eine aufrechte Haltung.

Krämpfe schüttelten den hilflosen Körper in seinen Armen. Es brach Carson das Herz so etwas ansehen zu müssen… und es machte ihn wütend… wütend darüber, was Menschen ihrem Umfeld antun konnten…
„Hör zu, ich habe an etwas gearbeitet. Ein Fluid, das dazu in der Lage sein könnte, deinen Hunger zu stillen. Ich wollte eigentlich zuerst ein paar Verträglichkeitstests durchführen, bevor du dich daran Nähren solltest, aber wie es aussieht bleibt dafür keine Zeit. Es könnte schief gehen und dir das Leben kosten, vielleicht wirkt es aber auch. Bist du einverstanden es auszuprobieren?“
Carson hatte das Gefühl das Verständnis des anderen zu erfragen, es überraschte ihn aber nicht als der Wraith nicht auf seine Worte reagierte.

Er biss sich auf die Unterlippe. Nervös, aber entschlossen. Wenn er es jetzt nicht tat, würde er den Wraith verlieren. Mit einer Hand ergriff er die Nährhand des Wraiths, während er ihn mit der anderen sicher aufrechterhielt. Geschockt darüber, dass sein Gegenüber nicht mal auf die Berührung seines Nährorganes reagierte, öffnete er die Thermoskanne, die er mitgebracht hatte – eine Tarnung zur Sicherheit; falls ihn jemand gefragt hätte, hätte er der Wache nur eine Kanne Kaffee mitgebracht – und führte die Hand des Wraith in die kühle Flüssigkeit.

Die Reaktion kam unmittelbar. Der Wraith bäumte sich in seinem Griff auf und stöhnte laut auf. Für einen Moment befürchtete Carson, dass es Schmerz war, der den Wraith zum Schreien brachte. Vergiftete das Präparat den Wraith etwa? Nie hätte er für möglich gehalten, dass diese unnahbaren, stoischen Krieger derart verletzlich wirken konnten.

Carsons sorgen wurden aber schnell zerschlagen. Die Thermoskanne verlor immer mehr an Gewicht - der Wraith verschlang den Inhalt geradezu. Es dauerte keine volle Minute, ehe die Kanne geleert war, und der Körper des anderen sich schwer atmend aber entspannt gegen ihn lehnte.

Minuten vergingen, in denen nichts zu hören war als ihrer beider Atemzüge. Carson wagte es nicht sich zu bewegen. Er wollte dem Wraith diesen Augenblick der ruhe gönnen und hielt ihn, bis der andere sich von selbst bewegen würde. Das tat er auch, jedoch nicht, wie Carson vermutet hätte, um Abstand zwischen sie beide zu bringen. Der Wraith hob lediglich den Arm und blickte auf seine Hand.
„Was haben Sie mir da gegeben, Carson Beckett?“ fragte er, die Stimme noch immer heiser, aber nicht zu vergleichen mit ihrem Klang vor wenigen Minuten. Ein zufriedenen Lächeln huschte über Carsons Züge.

„Als mein Team sie als Gefangenen mit nach Atlantis genommen hat, habe ich damit begonnen an einem Nahrungsersatz für sie zu forschen. Schließlich muss jedes Lebewesen sich nähren, richtig?“ Carson wartete einen Moment, um dem Wraith Gelegenheit für eine Antwort zu geben. Als jedoch nichts kam, sprach er weiter. „Ich wollte in Ihnen keine falsche Hoffnung erwecken, da ich nicht sicher war, ob ich es schaffen würde. Ganz zu schweigen davon, dass meine Vorgesetzten mir niemals erlaubt hätten mit ihnen zusammen zu arbeiten. Eine Erlaubnis habe ich immer noch nicht. Es könnte jeden Moment auffallen, dass ich hier bin. Aber wenn alles gut läuft, haben wir drei Stunden.“ „Sie brechen ihre so sorgsam gehüteten Gesetze für einen Wraith?“ unterbrach der andere ihn ungläubig. Nun löste Carson sich doch von sich aus von dem Wraith, aber nur um ihn an den schultern zu sich umzudrehen, und ihn ernst anzusehen. „Es ist meine Schuld, dass sie von uns gefangen genommen wurden. Ich bin kein Soldat. Ich bin Arzt. Ich verteidige mich, wenn es sein muss, aber ich füge keinem Lebewesen gerne Schaden zu.“ Einen Moment lang sahen sie sich still in die Augen, ehe der Wraith beschloss ihm zu glauben und dankbar nickte. „Wie fühlen Sie sich? Hat es Nebenwirkungen? Ich wollte eigentlich noch eine gründliche Testreihe mit ihnen durchführen, bevor sie sich daran Nähren können. Aber in dieser Situation ging es nicht anders…“
„Ich fühle mich Gut, Carson Beckett. Mein Hunger ist gestillt, die Schmerzen versiegt. Sie haben mir das Leben gerettet. Ich stehe in ihrer Schuld.“  Carson schüttelte entschieden den Kopf. „Sie schulden mir gar nichts. Naja, wenn sie mich nicht umbringen und aussaugen, das wäre schon nett. Aber ansonsten, sehen sie es als Wiedergutmachung für das, was meine Leute ihnen angetan haben.“ Der Wraith richtete sich auf. Carson tat es ihm gleich und sah ihn fragend an. „Lassen sie mich ihre Verletzungen behandeln?“ nun, da der Wraith um einiges stärker schien, würde Carson ihm keineswegs ungefragt den Mantel öffnen, um seine Verbände zu wechseln. Zu seinem erstaunen lächelte der Wraith aber nur. „Es gibt keine Verletzungen mehr Carson Beckett. Ich habe mich genährt.“ Wie, um es ihm zu beweisen, öffnete der Außerirdische von selbst seinen langen, schwarzen Mantel und zog sein Oberteil hoch. Als er einen der deutlich lange nicht gewechselten Verbände hochschob, verbarg sich darunter nichts als blasse Narben und gesunde Haut. „Faszinierend.“ Murmelte der Arzt. „Also kann ich davon ausgehen, dass die Wirkung des Präparates die Gleiche ist, als würden sie sich an einem Menschen nähren.“ Der Wraith hielt einen Moment inne, als würde er in sich hineinhorchen. „Ja.“ Antwortete er dann nickend. „Es wirkt sogar stärker als Menschliche Energie. Die natürlichen Abwehrmechanismen und Viren fehlen. Es wird länger dauern, bis ich mich wieder nähren muss, als wenn ich es auf die herkömmliche weise getan hätte.“ Ein triumphierendes Grinsen breitete sich über Carsons ganzes Gesicht aus, als er die Worte des anderen Hörte. Vor einem Moment war er vollkommen damit zufrieden, dass das ungetestete Fluid den anderen nicht umgebracht hat. Mit so einem unerwarteten Erfolg hatte er wahrlich nicht gerechnet. „Das ist fantastisch! Das bringt mich in meinen Forschungen einen riesigen Sprung vorwärts! Ich werde sie Dr. Weir präsentieren können.“ Als Carson begriff, was das bedeutete, ging er einen Schritt näher auf den Wraith zu, und fasste ihn bei den Schultern als wären sie alte Freunde. „Sie wird mir die Erlaubnis erteilen mit ihnen zu arbeiten! Es wird sicher noch eine Weile dauern, aber das ist der erste Schritt auf ihre Freilassung zu! Sie werden doch mitarbeiten, wenn es darauf ankommt, oder?“

„Mich den Regeln derer beugen, die mich Gefangen halten und verhungern lassen?“

Carson zog die Hände zurück, und blickte schuldbewusst zu Boden. Doch eine kühle, grüne Hand schloss sich um sein Handgelenk, ehe er sich ganz zurückziehen konnte, und zwang ihn sich anzusehen. „Ich werde kooperieren, Carson Beckett. Aber ich werde nur Ihren Anweisungen folgen.“
Überrascht sah der Doktor den anderen An. Der Wraith bot ihm damit fast schon ein Bündnis an. Man könnte es Privatbündniss zwischen ihnen beiden nennen. Erfreut nahm er eine offizielle Haltung ein, und reichte dem Wraith die Hand. „Abgemacht.“ Der Wraith blickte fragend auf die Ausgestreckte Hand des Menschen. Ein Schmunzeln huschte über Carsons Lippen, ehe er mit der anderen Hand die Rechte des Wraith ergriff, und sie in seine Legte. „Das ist so ein Menschending. Wenn wir Abmachungen treffen, schütteln wir unsere Hand. Es ist eine Art Vertrauensgeste.“ Nachdem er es ausgesprochen hatte, merkte der Doktor wie wahr diese Worte waren. Er schüttelte einem Wraith die Hand. Von allen Körperteilen war die Nährhand eines Wraiths die gefährlichste. Er sollte sich besser ganz genau überlegen, welchem Wraith er die Hand schüttelte. „Willkommen im Team…“ verkündete Carson, ehe er stockte. „Wie soll ich Sie eigentlich nennen? Ich kann Sie ja schlecht nur ‚Der Wraith‘ nennen, wenn wir zusammen arbeiten…“  

Sein gegenüber zögerte als würde er über etwas nachdenken. Hatten Wraith überhaupt Namen? Wie redeten sie miteinander, wenn sie keine hatten? Carson musste ein Glucksen unterdrücken, als er daran zurückdachte, wie Colonel Sheppard einen Wraith ‚Steve‘ genannt hatte. Dann wurde ihm bewusst, dass sie schon einmal einem Wesen so etwas angetan haben, wie seinem Gegenüber. Auch er konnte sich nicht Nähren, während er hier war. Aber sein Leid hatte deutlich schneller ein Ende als das, seines Patienten…

Dieser riss ihn mit seinen nächsten Worten aus den Gedanken. „Namen sind etwas sehr Persönliches für Wraith. Wir teilen sie nur mit unseren Königinnen und unseren vertrautesten Brüdern.“

„Verstehe.“ Sagte Carson, nicht erwartend, dass der Wraith weiterreden würde. Dieser drückte jedoch seine Hand, als er Anstalten machte sie zurück zu ziehen, und blickte ihn fest an. „Verraten sie ihn also keinem ihrer ‚Freunde‘. Mein Name lautet Crimson.“

 

Crimson

Crimson fühlte sich stärker denn je, und das hatte er nur diesem Menschen zu verdanken. Wie er es geschafft hatte eine künstliche Nahrungsquelle zu erschaffen, war ihm ein Rätsel. Die Wraith forschten schon seit Generationen an etwas ähnlichem. So gut die Lebenskraft der Menschen auch schmeckte, sie waren keine sonderlich effektive Nahrungsquelle. Nach jeder Ernte musste seine Rasse Jahrhundertelang im Kryoschlaf verbringen, damit sich die Bevölkerung auf den Planeten wieder erholen konnte. Die Arbeit des Doktors eröffnete ihnen plötzlich ganz neue Aussichten. Crimson fühlte sich, als würde er schweben. Die letzten Monate hatte er sich so sehr an das allgegenwärtige Leiden gewöhnt, nun da er satt und geheilt war, fühlte er sich unglaublich stark. Es kribbelte ihm in den Fingern Dr. Beckett zu überwältigen und zu fliehen. Es wäre ganz einfach. Der Mensch war unbewaffnet und hatte selbst dafür gesorgt, dass sie unbewacht waren.
Aber Crimson verdankte Carson sein Leben. Er hatte ihn gerettet. Nicht nur heute. Carson hat mehrmals für ihn gegen seine eigenen Gesetze verstoßen. Man konnte über Wraith sagen, was man wollte, aber sie waren nicht ehrlos. Niemals würde Crimson diesem Menschen ein Haar krümmen, gleich wie sehr ihn die Freiheit auch rief. Mehr noch, er würde auch nicht zulassen, dass ein anderer Carson Becket ein Leid zufügte. Das war er ihm schuldig.

Der Mensch hatte verdächtig lange nichts gesagt, nachdem Crimson ihm seinen Namen verraten hatte. Erst als der Mensch verunsichert nach unten blickte, viel dem Wraith auf, dass er noch immer seine Hand festhielt. Augenblicklich lies er sie los.
Sich räuspernd trat der Mensch rückwärts auf den Ausgang seiner Zelle zu. „Es tut mir leid, aber ich werde Sie wieder einsperren müssen. Die anderen dürfen nicht bemerken, dass ich hier war. Ich muss Doktor Weir von unserem Fund überzeugen, bevor ich ihr beichte, dass ich hier war. Aber ich werde bald wiederkommen. Versprochen.“

Crimson war nicht überrascht. Er nickte nur. Er würde weiter den geschwächten Gefangenen mimen.

„Bis bald… Crimson“ der Doktor sprach die Worte leise aus, kurz bevor das Kraftfeld wieder aktiviert wurde, und er aus der Tür verschwand.
Crimson ließ sich in derselben Stellung auf den Boden gleiten, in der er so lange gesessen hatte. Zu gerne würde er stehen, umherwandern, oder wenigstens in einer anderen Position sitzen. Aber er wollte unter keinen Umständen misstrauen erwecken. Alles musste genauso scheinen, wie immer. Lediglich der Wachmann, dessen Schicht der Doktor ‚übernommen‘ hatte, hatte in den Augen seines Vorgängers ein paar Minuten zu früh Schluss gemacht, und befand sich nicht mehr an seinem Posten.

 

Crimson erwartete nicht den Doktor so bald wieder zu sehen. Frühstens in einer Woche oder zwei. Zu seinem erstaunen kam Carson aber in der Nächsten Nacht schon wieder. Er wandte sich um, stellte sicher, dass er nicht in Begleitung kam und stand dann auf.

„Sie sind schnell.“ Merkte Crimson an, der Mensch schüttelte jedoch nur den Kopf.
„Nein, ich habe noch nichts erreicht. Es ist nur… Sie sitzen hier allein seit Monaten… Das muss schrecklich langweilig sein. Ich dachte mir, ich leiste ihnen ein bisschen Gesellschaft.“ Carson hielt ein Kartendeck hoch, während er das aussprach. „Spielen Wraith Karten?“
Der Mensch zögerte keinen Augenblick ehe er das Kraftfeld deaktivierte, und sich in der Zelle auf den Boden setzte. Er klopfte mit der Hand auf den Boden, um Crimson zu bedeuten sich zu ihm zu setzen. „Sie schleichen sich zu mir, um mir die Langeweile zu vertreiben?“ fragte dieser verwirrt, lies sich jedoch vor dem Doktor wieder zu Boden sinken. „Sagten sie nicht, es sei riskant?“ Carson winkte lächelnd ab. „Ich habe mich darum gekümmert. Major Jurek ist ans Bett gebunden während sein Team im Außeneinsatz ist.“ Erklärte der Mensch. Crimson war verwirrt. Dr. Beckett hatte seinen eigenen Kollegen ans Bett gefesselt? Würde das nicht viel mehr Schwierigkeiten mit sich bringen? Crimson verstand die Menschen nicht. „Ich danke Ihnen für alles, was sie für mich tun. Aber sie hätten wirklich nicht ihren Kollegen fesseln müssen, um mir ein paar Stunden Beschäftigung anzubieten.“ Merkte der Wraith kopfschüttelnd an. Carson sah ihn einen Moment verständnislos an, ehe seine Augen sich weitete und Verständnis über seine Züge huschten. Im nächsten Moment hallte ein lautes Lachen durch die Zelle. Nun war es an Crimson verwirrt zu gucken. Lachte der Mensch ihn aus? Es dauerte eine Weile, ehe Carson sich beruhigte und zu erklären begann. „Das ist nur eine Redensart unter uns Menschen. Natürlich kennen sie die nicht, mit ihrer fortgeschrittenen Physik sind sie vermutlich nicht sonderlich oft krank… ‚Ans Bett gebunden sein‘ bedeutet nichts anderes, dass man krank oder verletzt ist, und sich von der Arbeit und allen Anstrengungen erholen muss.“
„Sie haben recht, Carson Beckett. So etwas gibt es unter Wraith nicht. Wir teilen unsere Kraft oder Sterben ehrenvoll, bevor wir uns ans Bett binden…“ Carson grinste erneut, sagte aber nichts dazu. Fragend sah Crimson ihn an, beließ es dann aber dabei. Wenn er hier noch länger eingesperrt blieb, verblieb ihm ja noch mehr als genug Zeit, um über die Eigenarten der menschlichen Sprache zu diskutieren.
„Nun, dann zeigen Sie mir Ihr Kartenspiel.“

Geduldig begann der Mensch Crimson die Regeln zu erklären. Canasta nannte er dieses Spiel. Crimson wusste zuerst nicht viel mit diesen seltsamen Vorgängen anzufangen. Er fand es auch ein bisschen Albern. Wraith spielten auch Spiele, um sich zu erfreuen und die Zeit zu vertreiben. Aber keines davon beinhaltete das Austauschen bemalter Papierstückchen… Doch je länger Carson erklärte, vorführte, und Crimson abfragte, desto bewusster wurde ihm, dass der Mensch recht hatte. Nun, da er nicht mehr jede Faser seines Körpers darauf konzentrieren musste, vor Schmerzen nicht den Verstand zu verlieren, bemerkte er, wie unsagbar er sich langweilte in diesem abgeschirmten, kleinen Laserquadrat… Und wie sehr er es genoss Carson zuzuhören und sich immer wieder dumm  zu stellen, wenn er etwas gefragt wurde. Als Crimson begann sich darauf einzulassen, verstand er schnell, begann sich sogar zu amüsieren.
Nach fast einer Stunde seufzte der Mensch ergeben. „Ich dachte ihr Wraith seid eine so fortgeschrittene Rasse. Sie sind echt ein hoffnungsloser Fall!“ Crimson hatte sich mittlerweile oft genug mit dem Menschen unterhalten, dass er mit ziemlicher Sicherheit sagen konnte, dass diese Worte nicht ernst gemeint waren. Ein amüsierte Schmunzeln zog sich über seine Züge. „Versuchen wir es doch mit einem Spiel, bevor Sie mich aufgeben, Doktor.“ bot der Wraith dann mit einem herausforderndem Grinsen, das seine spitzen Zähne aufblitzen lies an. Oh, er würde Carson beweisen, wie hoffnungslos es mit ihm war. Allerdings wäre Carson derjenige, für den es keine Hoffnung auf den Sieg gab.

„Wie zum Teufel machen Sie das?! Eben haben sie sich noch dämlich wie drei Meter Feldweg angestellt! Lesen Sie heimlich meine Gedanken, oder wie machen sie das?!“ Regte der Mensch sich in einer herrlichen Schimpftirade auf. Crimson ließ sich nichts anmerken, und behielt eine ruhige, undeutbare Miene bei. „Ich würde es nicht wagen gegen ihren Willen in Ihren Geist einzudringen.“ Raunte Crimson leise, als er seine letzte Karte ablegte, und somit seine vierte runde gewann. Oh, innerlich amüsierte der Wraith sich prächtig! Die Reaktionen des Menschen waren zu köstlich – der erste Sieg war glück, der zweite Zufall, beim Dritten begann er zu fluchen, und jetzt war Carson kurz davor die Karten zu zerreißen. „Sind sie etwa ein schlechter Verlierer, Carson Beckett?“ Crimson konnte sich nicht zurückhalten, eine Spur der Belustigung in seiner Stimme schwingen zu lassen.

So in ihr Spiel vertieft, bemerkten beide nicht, dass sie die Zeit vergessen hatten. Carson hatte viel länger hier bei ihm gesessen, als gut für ihn gewesen wäre.  Crimson amüsierte sich – doch das machte ihn unaufmerksam. Er hörte nicht, wie Schritte sich dem Zellentrakt näherten. Noch bevor der Wraith begriff, was überhaupt los war, traf ihn ein starker Stromstoß. Die Karten, die er gerade neu mischen wollte, fielen ihm aus der Hand. Ein weiterer Stoß – geschockt blickte er in Carsons Augen. Dann noch einer und Schwärze umfing den Wraith…

 

Carson

 

Geschockt beobachtete er, wie rote Blitzwellen durch den Wraith zuckten. Er erkannte sofort, worum es sich handelte. Jemand beschoss Crimson mit Betäubungsschüben. Im Hinterkopf spürte Carson pure Erleichterung, dass Crimson nicht tödlich beschossen wurde. Trotzdem machte er einen flotten Satz nach vorne, um den Wraith aufzufangen, bevor er unsanft auf den Boden prallte. Seinen Blick auf den Angreifer gerichtet, begann er zu fluchen. „Verdammte Axt, das war vollkommen unnötig! Warum haben sie das getan?! Er ist keine Gefahr!“ Carson legte den Wraith vorsichtig auf dem Boden ab – nach allem, was er durchgemacht hatte, um endlich zu heilen, sollte er nicht direkt wieder mit einer Gehirnerschütterung aufwachen.
Als Carson sich aufrichtete, und auf den Soldaten zulief, der die Waffe nun auf ihn richtete, feuerte dieser einen Wahnschuss direkt vor Carsons Füßen ab. „Sind sie verrückt geworden?!“ keuchte er erschrocken zurückweichend auf. „Der Wraith kontrolliert sie, Doktor Beckett! Folgen sie mir. Sie sind mit sofortiger Wirkung unter Hausarrest gestellt!“ leise fluchte der Arzt in sich hinein. „Cr… Der Wraith kontrolliert mich nicht! Sie sind nur zu verdammt intolerant zu kapieren, dass genug Ehre in diesem Wesen steckt, nicht den einzigen Menschen zu töten, dem etwas an seiner Gesundheit liegt!“ Carsons versuch dem Soldaten Vernunft einzureden, stieß auf taube Ohren. „Sie werden jetzt mit mir kommen. Ganz ruhig. Die Hände da, wo ich sehen kann.“ Der Ton des Soldaten verriet Carson, dass das kein Spaß mehr war. Er hielt ihn tatsächlich für eine Bedrohung… beschwichtigend hob der Arzt die Hände. „Ganz ruhig. Ich habe nicht vor ihnen den Kopf abzureißen. Auch, wenn das nicht auf Gegenseitigkeit zu beruhen scheint.“ Mit einer harschen Geste bedeutete der Marine ihm vor zu gehen. Angespannte ruhe breitete sich überall dort aus, wo die beiden langgingen.  Hin und wieder wurde diese von einer kühlen Wegweisung des Soldaten unterbrochen, was Carson für vollkommen hirnrissig hielt – als würde er nicht selbst wissen, wie er auf sein eigenes Quartier kam. Gleichwohl wagte er es nicht dies anzumerken, wer weiß wie sicher der Finger des Mannes am Abzug seiner Waffe war.

 

Zwei Tage vergingen, in denen Carson in sein eigenes Zimmer gesperrt war. Geschlafen hatte er nicht, er hatte sich die ganze Nacht Gedanken gemacht. Was, wenn während seiner Gefangenschaft Notstände auf der Krankenstation ausbrachen? Waren durch seine Unachtsamkeit nun Menschenleben gefährdet? Und vor allem: Haben sie Crimson etwas angetan? Die Ungewissheit machte den Doktor verrückt. Carsons Kommunikationswege waren ausnahmslos unterbunden, nicht mal Klopfzeichen hätte er geben können, da ein Kraftfeld sein Zimmer geräuschundurchlässig dämmte. Vielleicht konnte er ja durch den Boden ausbrechen – Wenn Carson weiter unruhig im Zimmer hin und her lief, würde er bald einen Graben im Boden schaffen. Lediglich einmal am Tag wurde ihm von einem Soldaten – selten einem, den er persönlich kannte – eine Mahlzeit durch die Tür geschoben.

So aufgewühlt und mit seinen Gedanken beschäftigt, schrie Carson beinahe vor Überraschung auf, als die Tür sich plötzlich unplanmäßig öffnete. Hindurch trat kein Gefängniswärter, nein, Elizabeth Weir persönlich stattete ihm einen Besuch ab. „Oh, die Chefin bemüht sich selbst hier her. Steht es so schlimm um mich? Bin ich besessen? Müssen sie mich unschädlich machen?“ Carson klang streitlustiger und respektloser, als man es eigentlich von ihm gewöhnt war. Vielleicht lag es an der Schlaflosigkeit, vielleicht an der allgegenwärtigen Sorge um seinen neuen Freund, aber er war unglaublich wütend über die Gesamtsituation.
„Sie sehen schrecklich aus, Carson.“ Überging seine Vorgesetzte einfach Carsons Kommentar. „Würden sie jetzt bitte erklären, was der Wraith mit ihnen gemacht hat? Das sind doch nicht Sie, Carson. Sie würden niemals Sich selbst und das Leben aller anwesenden auf dieser Station derart gefährden.“ Carson warf die Arme in die Luft und stöhnte frustriert auf. „Genau das ist es doch! Keiner von uns ist in Gefahr! In diesem Moment ist der Wraith vermutlich die am wenigsten gefährliche Person hier. Sie drehen alle komplett durch, nur weil Sie zu stur sind, zu sehen, dass nicht ALLE Vertreter einer Spezies bösartig sein müssen, wenn sie schlechte Erfahrungen mit einigen von ihnen gemacht haben!“  „Carson, sind sie schon jemals einem Wraith begegnet, der ihnen Gutes wollte?“ der Arzt ließ sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch fallen, und vergrub das Gesicht in den Händen. Wie immer stieß er bei Elizabeth auf taube Ohren. „Das hatten wir doch schon… Haben sie jemals einen Delfin pupsen sehen? Nein. Trotzdem passiert es. Das ist so TYPISCH Mensch. Ich kann verstehen, warum andere Spezies uns nicht kennen lernen wollen. Ignorant bis zum geht nicht mehr. Erst die Rassentrennung, dann die Verleugnung der Klimaerwärmung und jetzt die Wraith. Wenn sie diesen hier foltern oder verletzen, werde ich ihnen das nicht verzeihen.“  Carson seufzte resigniert und schüttelte den Kopf, als Elizabeth erneut zum Sprechen ansetzte. Er war des Streitens müde, genauso gut könnte er mit einem Meerschweinchen diskutieren. Eine Weile legte sich stille um sie. Mit verschränkten Armen blickte Dr. Weir ihn einfach nur streng an, ehe auch sie seufzte und den Kopf sinken ließ. „Also gut. Sie sagen uns nicht, was der Wraith mit Ihnen angestellt hat. Verraten sie mir wenigstens, was Sie mit dem Wraith gemacht hat.“ Verwirrt blickte Carson seine Vorgesetzte an und hob fragend eine Augenbraue. „Jetzt stellen sie sich nicht dumm, Carson. Wir haben alle gesehen wie schwach der Wraith bis vor kurzem war. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Plötzlich ist er das blühende Leben, rennt wütend im Käfig umher, und fragt ständig nur nach ihnen. Also. Raus damit, was haben sie getan.“ Der Ton der Wissenschaftlerin klang plötzlich etwas versöhnlicher, was Carson stutzig machte. Viel mehr überraschte ihn allerdings etwas anderes. „Er fragt nach mir?“ Rutschte es Carson raus, bevor er darüber nachdenken konnte, wie das klingen mochte. Klasse. Jetzt dachten sie erst recht, dass der Wraith ihn hypnotisiert hatte… leise seufzte der Arzt und schüttelte den Kopf. „Sie werden es ohnehin früher oder später erfahren. Ich habe ein Nahrungsersatz für den Wraith entwickelt. Ich habe mich zu ihm geschlichen, damit er sich Nähren konnte. Er war dabei zu sterben. Ich bin Arzt, kein Soldat, ich lasse so etwas nicht zu!“ Als Carson wieder aufblickte, begegnete er Elizabeths ungläubigen blick. „Was, habe ich Sie endlich mal sprachlos gemacht?“
„Carson! Warum haben sie das nicht früher gesagt?! Das hätte ALLES verändert!“ Elan klang in dem Ton der Wissenschaftlerin mit, sie klang geradezu begeistert. „Hätten sie etwa zugelassen, dass ich mit dem Ihnen so verhassten Gefangenen zusammenarbeite? Nicht als Versuchskaninchen, sondern als gleichberechtigte Projektpartner?“ Carson unterdrückte den Drang zurückzuweichen, als seine Vorgesetzte schnellen Schrittes auf ihn zu kam und ihn bei den Schultern packte. „Wenn sie mir einen Bären aufbinden, werde ich sie persönlich in den Allerwertesten treten, bis sie wieder zur Erde zurückfliegen“ drohte Elizabeth ihm. Ihr Unterton ließ dagegen vermuten, dass Carson in diesem Moment gar nichts zu befürchten hatte.

„Ich will es Sehen. Ich kann ihnen aufgrund so einer Aussage nicht erlauben mit einem gefährlichen Gefangenen zu verkehren. Zeigen sie mir, wie der Wraith sich an ihrem Mittel nährt. Dann erledigt sich das mit ihrem Hausarrest vielleicht.“

 

Crimson

 

Der junge Wraith lief unaufhörlich in seinem Käfig hin und her. Die Hände hinter seinem Rücken verschränkt und den Kopf gesenkt. Jedes Mal, wenn sich jemand dazu herabließ ihm einen Besuch abzustatten und ihm Fragen zu stellen, knurrte Crimson die Menschen nur feindselig an.
„Ich rede nur mit Carson Beckett!“ fauchte er immer wieder, wenn einer seiner Besucher ihn so hartnäckig nervte, dass er ihn am liebsten mit Gewalt durchs Kraftfeld zu sich in den Käfig reißen würde. Crimson kannte sich so nicht, so unbalanciert war er noch nie gewesen. Lag es daran, dass es um den Menschen ging, dem er nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach sein Leben schuldete? Es war möglich. Anders, als die Menschen lag es nicht in der Wraithnatur sich selbst zu belügen, und etwas zu leugnen, was ganz klar dort war. Carson Beckett war ihm ohne Zweifel wichtig. Ob nun als Retter oder als Freund… das würde sich noch rausstellen.

„Wenn sie ihm etwas antun, werde ich jeden einzelnen Menschen auf dieser Station ohne Rücksicht auf Verluste umbringen.“

„Ich fühle mich sehr geschmeichelt von ihrem Angebot, aber ich würde es bevorzugen, wenn sie meine Freunde nicht töten.“ Crimson blieb abrupt stehen, und wirbelte zu der Stimme herum, die gesprochen hatte. Er war hier, und es ging ihm gut! Seinen Schwur Carson zu schützen hatte er also noch nicht gebrochen. Trotz allem könnte sich das schnell ändern. Carson war nicht allein. Neben der Leiterin dieser Station, flankierten ihn zwei schwer bewaffnete Menschen, die weder Crimson noch den Doktor auch nur eine Sekunde lang aus den Augen ließen. Langsam trat der Wraith näher an das Kraftfeld heran, sodass er Carson direkt gegenüberstand. Einen Moment hielt er den Blick des Menschen, ehe er die Soldaten und die Wissenschaftlerin betrachtete. „Was wollen Sie?“ Crimson konnte spüren, wie sich die Nackenhärchen aller beteiligten unter seinem drohenden Blick aufstellten. Naja, fast aller beteiligten. Von Carson konnte er keine Spur von Angst riechen oder spüren. Erneut erstaunte es den Wraith, wie sehr dieser Mensch ihm vertraute, obwohl sie doch eigentlich natürliche Feinde sein sollten. Crimson würde es ihn nicht bereuen lassen.

„Treten sie zurück, Wraith. Dr. Beckett hat mir von seiner Entdeckung berichtet. Ich will sehen, dass es funktioniert.“ Erhob die Frau das Wort. Crimson warf ihr einen Blick zu, der verdeutlichte, wie wenig er auf das Gab, was die anderen Menschen behaupteten, und blickte fragend den Arzt an. Dieser blickte ihn beruhigend an und lächelte etwas überfordert. Schließlich schilderte er Crimson die Situation. „Dr. Weir sagt die Wahrheit. Unsere Entdeckung hat ihre Aufmerksamkeit erweckt, und sie hat mir endlich zugehört.“ Carson hob ein Glas, in dem sich eine in allen Blautönen schillernde Flüssigkeit befand. Crimson hatte damals keine Gelegenheit gehabt, die Flüssigkeit zu betrachten, die er halb verhungert verschlang, aber er war sich sicher, dass dies eben diese Flüssigkeit war. „Ich habe ihr zugesagt, dass wir ihr den Beweis vorführen werden, dass Sie sich daran tatsächlich nähren können. Bitte hören sie auf das, was Dr. Weir verlangt. Treten sie zurück. Ich werde reinkommen.“ Carson hob die Hand, als seine Vorgesetzte dazu ansetzte ihm zu widersprechen. „Ich werde reinkommen. Und die bewaffneten Soldaten werden draußen bleiben!“ Wiederholte Carson eindringlicher. Crimson nickte unmerklich und trat zur gegenüberliegenden Wand seiner Zelle zurück. Schweigend beobachtete, wie Carson mit seinem Code den Käfig deaktivierte, und zu ihm hereintrat. Der Arzt war schon oft zu ihm in die Zelle gekommen – heute waren sie beide deutlich angespannter als sonst. Erst, als das Kraftfeld wieder ansprang, nachdem Carson eingetreten war, entspannte der Arzt sich wieder. Crimson verstand. Ihm war es auch lieber, dass sich eine undurchdringliche Energiewand zwischen ihm und den Waffen, die auf sein Herz zielten, befand…

„Werde ich meine Freiheit wiederbekommen, wenn wir Ihren Erfolg bewiesen haben?“ Fragte Crimson tonlos, jedoch mit einem unüberhörbaren hoffnungsvollen Unterton in der Stimme.
„Im Moment bin ich genauso ein gefangener, sie Sie. Aber ich werde dafür sorgen. Wenn wir in diesem Gebiet weiter forschen sollen, dann nur, wenn wir beide frei sind.“ Carson wandte sich um, und warf seinen Kollegen einen herausfordernden Blick zu, während er das sagte. Crimson konnte nicht anders als zu schmunzeln. Da war so viel Kampfgeist und Feuer in diesem Menschen. Ihre beiden Arten waren sich vielleicht gar nicht so unähnlich. „Ich vertraue ihnen, Carson.“ Sprach er leise, nur für die Ohren des Doktors aus. Langsam erhob Crimson seine Nährhand, und bot sie dem Doktor mit offener Handfläche an. Warme Finger griffen, ohne zu zögern nach ihr, und zogen sie näher an sich. Crimson brachte sein Nährorgan dazu sich zu öffnen. In diesem Zustand könnte Carson ihm unsagbare schmerzen bereiten, wenn er das wollte. Das innere des Nährorganes war die empfindlichste Stelle am Körper eines Wraiths. Naja, mit einer Ausnahme. Aber Carson hatte bereits mehr als einmal bewiesen, dass er Crimson niemals absichtlich verletzen würde. Vorsichtig setzte er den Rand des Glases an Crimsons Hand an, und ließ die Flüssigkeit langsam, vorsichtig, aber stetig in die Öffnung fließen. Crimson konnte nicht anders als aufzukeuchen und die Augen zu schließen. Diese Art sich zu nähren war so fremd und aufregend. Seine Hand begann leicht zu Zittern, Carsons Hand hielt seine jedoch bestimmt fest, damit kein Tropfen des köstlichen Gutes daneben ging. Leben floss in einer Intensität durch seine Adern, dass ihm beinahe schwindlig wurde. Nur sein eiserner Wille sich nicht verletzlich vor den vielen, ungewollten Zuschauern zu zeigen hielt ihn davon ab, der köstlichen Schwäche nachzugeben und sich in Carsons Berührung zu lehnen. Viel zu schnell versiegte der genussreiche Fluss. Crimson atmete leicht zitterig aus und öffnete die Augen wieder. Das Glas war komplett geleert, der Blick des Arztes zufrieden. Erst, als Dr. Weir sich räusperte wurde ihm bewusst, dass die neugierigen Zuschauer auf etwas warteten. Sofort wurde sein blick wieder etwas Härter, doch Carson übernahm das Sprechen, bevor Crimson ihnen etwas zuknurren konnte.

„Da haben Sie Ihren Beweis, Elizabeth. Und nicht nur für unsere Entdeckung. Dieser Wraith würde mir nie etwas tun. Auch ihnen nicht, wenn sie aufhören würden mit scharfen Waffen auf ihn zu zielen. Sie sollten sich daran gewöhnen ihm ein bisschen mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Denn solange er hier eingesperrt ist, werde ich an gar nichts weiterarbeiten.“ Während er sprach, stellte Carson sich schützend vor ihn. Neugierig beobachtete er den Menschen, der sich so für ihn einsetzte. Seine ganze Haltung veränderte sich, als seine Vorgesetzte schließlich widerwillig zustimmte. Seine Finger, die sich um das leere Glas krallten, entspannten sich, sein Gewicht verlagerte sich leicht zurück. Die Körpersprache der Menschen war ein seltsames Phänomen. So leicht zu lesen und doch so verirrend. Beinahe sofort revidierte sich dieser Effekt jedoch, als Dr. Weir sprach: „Wir werden ihm mehr Freiheiten gewähren. Er bekommt ein ‚Gästequartier‘. Er wird sich nicht, ich wiederhole, NICHT frei in Atlantis bewegen. Zu bestimmten Zeiten darf er im Labor mit ihnen arbeiten, er wird sich jedoch ausschließlich in ihrer oder der Begleitung eines Sicherheitsmannes bewegen. Wenn er gegen diese Auflagen verstößt, wird Waffengewalt freigegeben.“

Crimson spürte, wie Carson sich darauf vorbereitete einen Streit mit seiner Vorgesetzten zu beginnen. Doch ihm war bewusst, dass diese Abmachung vorerst das beste war, was sie erreichen konnten. Der Doktor sollte sich nicht noch mehr in Zwietracht mit seinen Vorgesetzten manövrieren. Das war ein Arrangement, auf dem sie aufbauen konnten. Crimson legte beschwichtigend eine Hand auf Carsons Schulter. „Abgemacht.“ Sprach er an seiner statt, was Carson dazu brachte sich verwirrt zu ihm umzubringen. „Vertrauen muss verdient werden. Sie vertrauen mir nicht. Ich vertraue ihnen nicht. Das lässt sich nur ändern, wenn beide Seiten das Feuer einstellen. Carson Beckett ist auf mich zugekommen. Für ihn werde ich auf Sie zukommen“ ein unsicheres Schweigen legte sich über den Raum, nachdem Crimson seine kleine Ansprache gehalten hat. Weitere worte fielen nicht, bevor Dr. Weir das Kraftfeld wieder ausschaltete. Endgültig dieses Mal. Sofort breitete sich Unwohlsein im ganzen Raum aus, und die Soldaten richteten sofort wieder die Waffen auf ihn. Crimson hätte es nicht anders erwartet, Carson jedoch schnaubte wütend. „Keine Waffen.“ Diesmal ging Weir tatsächlich auf die Forderung des Arztes ein. Mit einer Geste befahl sie den Soldaten sich zurück zu halten, und trat angespannt einen schritt zur Seite, um dem Wraith und seinem Arzt platz zu machen.

„Er wird das Quartier neben Meinem beziehen. Es ist unbewohnt. So kann ich besser aufpassen, dass Ihnen nicht versehentlich doch der Finger am Abzug ausrutscht.“ Mit diesen trotzigen Worten umgriff Carson Crimsons Handgelenk, und zog ihn zügig an den bewaffneten Männern vorbei in die verzweigten Gänge der Stadt…

Chapter Text

Crimson

Etwas überrumpelt lies Crimson sich von dem Menschen durch die Stadt führen. Die Soldaten und Dr. Weir blieben einen Moment perplex stehen, als Carson und er sich so plötzlich aus dem Staub gemacht hatten. Es dauerte aber nicht lange, bis die bewaffneten Wachen aufholten und sie durch die Stadt begleiteten. Crimson spürte, wie alle Gespräche um sie herum starben und erschrockene Blicke ihnen folgten. Nein, Freiheit konnte Crimson diesen Zustand nicht nennen. Um Längen besser als die kalte, leere Zelle, in der er bis jetzt festgehalten wurde, war es aber definitiv. Der Wraith war frisch genährt – dank ihrer kleinen Vorführung hatte er sogar weit mehr Energie, als er brauchte, es wäre ein leichtes für Crimson jetzt die feindlichen Soldaten zu überwältigen und durch das Stargate zu verschwinden. Aber der Mensch, der seinen Arm hielt, und ihn stetig durch die Gänge zog, hielt ihn davon ab. Carson hat viel für Crimson riskiert – zu viel, um jetzt enttäuscht zu werden. Würde der Wraith jetzt Schwierigkeiten bereiten, würde man dem Arzt das Leben auf Atlantis zur Hölle machen… Nein, Crimson blieb bei Carson...

Kurze Zeit später erreichten sie ihr Ziel – Carson öffnete die Tür zu einem schlicht eingerichteten Raum, zog Crimson herein und warf die Tür ins Schloss, bevor irgendwer ihnen in den Raum folgen konnte. Der Arzt hatte sichtlich genug von den anderen Menschen. Diese schienen das ebenfalls begriffen zu haben, denn niemand folgte ihnen nach drinnen. Zufrieden sah der Mensch allerdings nicht aus. „Das ist nicht die Freiheit, die ich dir versprochen habe, hm? Es tut mir leid.“

Crimson schmunzelte leicht und schüttelte den Kopf auf Carsons Aussage. „Ich lebe. Ich bin frisch genährt. Dank Ihnen fühle ich mich stärker denn je. Ich habe ein Zimmer. Die Wraith sind eine sehr geduldige Rasse. Heute sind wir einen großen Schritt vorangekommen. Ich werde frei sein, Und das habe ich nur Ihnen zu verdanken“ Sprach der Wraith beruhigend.
„Außerdem haben sie etwas Außergewöhnliches entdeckt, Doktor. Ich würde ohnehin freiwillig bleiben, um mit Ihnen an ihrer Formel zu arbeiten.“ Carsons Augen wurden groß, als er Verstand, was Crimsons Worte bedeuteten. Der Mensch schien zu unterschätzen, was sein Nährersatz für ihre gesamten Spezies bedeuten könnte. Der Doktor war ein seltsamer Mensch. Er rettete einem Feind das Leben, veränderte mit fantastischen Erfindungen alles, und verlangte nichts als Gegenleistung. Die Menschen kannten die Wraith nicht und schätzten sie in vielem falsch ein. Aber Crimson musste zugeben, dass die Wraith auch sehr viel über die Menschen nicht wussten…

 

„Hören Sie... Sie haben sehr viel Zeit im Zellentrakt verbracht. Sie wollen sich doch bestimmt… Frisch machen? Waschen Wraith sich? Oder sind sie… selbstreinigend? Oh Mann, komm ich mir gerade dämlich vor… Wie dem auch sei… Dort ist das Bad. Tun sie, was sie tun müssen… oder auch nicht müssen. Ich äh…“ Carson redete immer weiter, schien seinen Punkt vollkommen verloren zu haben. Einen Moment hörte der Wraith ihn mit schief gelegtem Kopf zu, bald konnte er jedoch ein amüsiertes glucksen nicht mehr zurückhalten.
„Ja, Doktor Beckett. Wir waschen uns tatsächlich. Wir bürsten uns auch die Haare. Und manchmal, wenn wir uns sehr feierlich fühlen, wechseln wir sogar unsere Kleidung.“ Es war nicht zu überhören, dass Crimson seinen Spaß mit dem Menschen trieb. Dieser blickte ihn verlegen an, wärend seine Gesichtsfarbe sich auffällig verdunkelte. Wo Crimson sich eben noch lustig gemacht hat, so weckte dieses Phänomen nun seine eigene Neugier. „Ihr Körper leitet ihr Blut in ihren Kopf um. Geht es ihnen gut? Ist das eine art... Abwehrmechanismus?“ Die Farbe vertiefte sich noch weiter, während Crimson diese Frage stellte. Auch der Geruch des Doktors veränderte sich. Dieser räusperte sich jedoch nur verlegen, ehe er antwortete.
„Nun, ähm… Wenn ein Mensch rot wird, sollten sie ihm den Gefallen tun, und dies nicht ansprechen.“ Stammelte Carson, mit einem vorsichtigen Schmunzeln auf den Lippen.
„Es ist ein Anzeichen für Verlegenheit oder Scham. Wir können das nicht kontrollieren.“
Crimson betrachtete den Menschen weiterhin neugierig. „Sie Schämen sich? Ist es so unangenehm für sie, wenn ich mit ihnen Scherze, Carson Beckett?“ Crimson hob eine Hand, und strich mit zwei Fingern vorsichtig über Carsons Wange. Wie er sich gedacht hatte. Viel wärmer als seine gewöhnliche Körpertemperatur…
„Interessant…“ Viel zu spät merkte Crimson, wie sehr sich der Doktor verspannte, als er ihn berührte. Sofort zog er sich zurück und entfernte sich einen Schritt von dem Arzt. „Sie haben Recht, Carson. Ich würde sehr gerne eine Dusche nehmen. Ich währe ihnen sehr dankbar, wenn sie mir ein paar Wechselkleider bringen könnten. Nach Monaten des Blutens beginne ich mich unwohl zu fühlen in meinen eigenen Kleidern...“ mit diesen Worten zog sich der Wraith ganz zurück, und ging auf die Tür am anderen Ende des Zimmers zu. Crimson spürte Carsons Blick sehr deutlich im Rücken. Er drehte sich jedoch nicht mehr um, da der Mensch im Moment überfordert zu sein schien, und betrat das Bad.

 

Carson

Herrgott, was war denn plötzlich los mit Carson? Angst war es nicht, die ihm das Denken so sehr erschwerte, als er plötzlich ganz allein mit dem Wraith war. Hätte Crimson ihm etwas antun wollen, hätte er schon oft genug die Gelegenheit dazu gehabt. Carson war schon oft allein mit dem Wraith gewesen. War es die Tatsache, dass sie sich nicht mehr in der dunklen Zelle, sondern in einem richtigen Zimmer befanden? Es fühlte sich auf einmal anders an, dem Wraith gegenüber zu stehen. Der Außerirdische hatte plötzlich eine ganz andere Ausstrahlung. Majestätisch, würdevoll und unglaublich stark. Natürlich, er hatte sich gerade genährt, so schwach, wie vor ein paar Tagen würde Carson Crimson hoffentlich nie wiedersehen. Unbewusst rieb Carson sich die Wange, an der Stelle, an der der Wraith ihn so vorsichtig berührt hatte. Carson wusste gar nicht, dass die uralte Kriegerrasse in der Lage war so zärtlich zu sein.
Das Geräusch des fließenden Wassers, dass aus dem Bad drang, riss Carson wieder aus den Gedanken. ‚Richtig. Wechselkleidung.‘ erinnerte er sich an die Gegenwart, und zog sich aus dem ‚Gästequartier‘ zurück.

Als Carson aus der Tür trat, zuckte er stark zusammen, als er sich zwei muskulösen, bewaffneten Riesen gegenüber wiederfand, die ihn grimmig betrachteten. „Herrgott, haben sie mich erschreckt!“ Keine Reaktion. Die beiden schienen ihre Aufgabe ernst zu nehmen, und ließen sich nicht im Geringsten von Carson ablenken. „Es sollte verboten sein, dass bedrohliche Muskelberge wie sie sich so geräuschlos anschleichen können…“ murmelte Carson mehr in sich hinein als zu den Männern, ehe er um sie herumtrat und die Kaserne ansteuerte. Der Wraith war groß, Carsons Kleider würden ihm hoffnungslos zu klein sein. Ronon hatte eine ähnliche Statur wie Crimson. Doch der Arzt war sich sicher, dass der Satedaner lieber sein Schwert verspeisen würde, als dem Wraith etwas aus seinem Kleiderschrank zu überlassen. Die schlichten Tunikas der Gefangenen oder die luftigen Kittel die die Patienten auf der Krankenstation zur Verfügung gestellt wurden, wollte er Crimson nicht zumuten – es hat lange genug gedauert Crimson aus der Zelle zu holen, jetzt wollte er ihm nicht direkt wieder seine Würde nehmen. Das nächst beste, das Carson einfiel, waren die Uniformen der Marines, mit denen auch Zivilisten ausgestattet wurden, wenn sie für Gate Missionen eingeteilt wurden. Es würde schon niemanden stören, Wenn die ein oder andere Ausstattung aus diesem Lager verschwand…

Als er den Umkleideraum betrat, in dem er sich selbst schon so oft umgezogen hatte, bevor er mit Sheppards Team fremde Welten betreten hat, begegnete er drei Marines, halb umgezogen, deren Gespräch sofort erstarb. Carson trafen grimmige Blicke – als wäre er derjenige, der sie jederzeit anspringen und aussaugen könnte. Seine Züge verhärteten sich. Nein, er würde das nicht auf sich beruhen lassen. „Guten Morgen, die Herren.“ Er bekam ein knappes, erzwungenes „Doktor“ zur Antwort, ehe er weitersprach. „Warum haben sie sich damals für die Atlantis Mission gemeldet?“ Keiner der Männer antwortete ihm. Das hatte er sich schon gedacht, unbeirrt sprach der Arzt weiter. „Sie wollten fremde Welten kennen lernen. Mit fremden Zivilisationen interagieren, richtig? Sie wollten neues kennen lernen. Aber neues ist nicht immer gleich gut. Sie müssen ihre rosarote Brille abnehmen. Fremde Welten können feindlich sein. Aber das heißt nicht, dass sie feindlich BLEIBEN müssen! Ja, er ist ein Wraith. Wraith MÜSSEN sich von Menschen ernähren. Sie hatten bislang keine Wahl. Jetzt haben sie eine. Und dieser Wraith hat seine Wahl getroffen. Er hat sich bewusst dafür entschieden, nicht zu töten, wenn er das nicht musst. Ist es nicht genau das, was wir als ‚Menschlichkeit‘ definieren? Die bewusste Entscheidung anderen Wesen nicht zu schaden? Sie sollten ihre Prioritäten in den griff bekommen. Für Vorurteile ist hier in Atlantis kein Platz.“
Mit diesen Worten griff sich der Arzt zwei Hosen, drei Oberteile und eine Weste, und stürmte aus der Umkleide heraus. Er hoffte, dass die Marines sich ihre Gedanken über seine Worte machten. Grimmig machte er sich auf den Rückweg. Carson legte noch einen Zwischenstopp in der Kantine ein, wo er sich einen Kaffee holte, um sich ein bisschen abzureagieren, ehe er zurück zu Crimsons Quartier ging.

Vorsichtig trat er um die Bulligen Wachmänner vor Crimsons Tür herum. Sie würdigten ihn keines Blickes. Doch Carson war sich sicher, dass ihre Haltung sich vollkommen verändern würde, wenn sie Crimson erst einmal gegenüber standen… Als er gegen die Tür klopfte, bekam er keine Antwort. Er hörte aber auch nichts von drinnen, der Wraith war bestimmt noch im Bad. Carson konnte bestimmt schnell hinein huschen, und ihm die Sachen aufs Bett legen. Als Carson die Tür öffnete und eintrat, erstarrte er jedoch. Der Wraith stand nur in einem viel zu Kurzen Handtuch gekleidet, noch immer tropfend Nass vor dem Spiegel am Kleiderschrank, und kämmte sich behelfsmäßig mit den Fingern die gröbsten Knoten aus den Haaren. Verlegen wandte Carson den Blick ab und legte die Mitgebrachten Kleider auf die Kommode neben der Tür. Er sollte gehen. So leise wie möglich versuchte er die Tür zu öffnen, und…

„Warum gehen Sie wieder, Carson Beckett?“ hielt ihn Crimsons Ruhige Stimme auf. „Ich… habe Ihnen Kleider gebracht. Ich wollte Sie nicht stören.“ Carson hatte den Wraith schon mit weniger Bekleidung gesehen, als er seine Verletzungen versorgt hatte. Als Arzt hatte er einen distanziert-professionellen Blick auf seine Patienten. Nun, da er allerdings mehr oder weniger privat hier war, machte so viel nackte Haut ihn dagegen sichtlich verlegen…

„Ihre Gesichtsfarbe verändert sich schonwieder, Doktor.“ Irrte Carson sich, oder klang der Wraith neckisch? Machte er sich lustig über ihn? Leicht trotzig verschränkte der Arzt die Arme und blickte zu Boden. „Haben Sie Spaß daran mich verlegen zu machen? Falls sie es genau wissen wollen, unter Menschen ist es nicht sonderlich angebracht andere zu überraschen während diese unbekleidet sind. Ihnen macht das vielleicht nichts aus, aber ich würde gerade am liebsten im Boden versinken!“ Die Tatsache, dass er diese Situation auch noch erklären musste, machte es ihm kein bisschen angenehmer… ein dunkles Lachen kam aus Crimsons Richtung. Dieser Wraith war unmöglich! „Jaja, lachen sie nur. Ich weiß nicht, ob es mir nicht doch lieber wäre, wenn sie versuchen würden, mir das Leben aus dem Leib zu saugen. Viel unangenehmer als dieses Gespräch konnte das nicht sein. Carson hätte jedoch aufpassen sollen, was er vor dem Wraith sagt, denn ehe er sich versah, stand der Außerirdische plötzlich unmittelbar vor ihm, und streckte eine Hand nach ihm aus. Carson erstarrte erschrocken. Eine Hand legte sich sanft auf seine Brust. „Wenn dies Ihr Wunsch ist, lässt sich das einrichten, Doktor.“ Ja, Carson war erschrocken. Doch als er dem Wraith ins Gesicht blickte, wusste er sofort, dass er vor Crimson nichts zu befürchten hatte. Sein Blick funkelte amüsiert, kein Anzeichen von Hunger oder Feindseligkeit war darin zu erkennen. Für einen Augenblick bemerkte Carson, wie weich Crimsons silbernes Haar aussah, nun da es Sauber und mehr oder weniger entwirrt war. Seine noch immer feuchte Haut war glatt und spannte sich über die Muskeln des Kämpfers. Einige Narben zogen sich über seine Brust. Wie schmerzhaft diese Verletzungen wohl gewesen sein mussten, als sie frisch waren, wenn nicht einmal die außergewöhnliche Selbstheilung der Wraith sie rückstandslos heilen konnten.
Carson wurde bewusst, dass er den Körper eines Wraiths noch nie aus so einer nähe hatte betrachten können, wenn dieser noch lebendig war. Seine Verlegenheit schwand langsam, und machte wissenschaftlicher Neugier Platz. „Darf ich?“ Fragend streckte Carson eine Hand nach Crimson aus, wagte es aber nicht ihn, ohne seine Zustimmung zu berühren. Crimson ließ langsam seine Hand von Carsons Brust sinken, und nickte dem Menschen mit ruhigem Blick zu.

Vorsichtig legte Carson die Finger an Crimsons Brust. Seine Haut fühlte sich ganz anders an als die eines Toten Wraith. Carson bildete sich ein die Energie durch Crimsons Adern fließen zu spüren. Seine Haut war kühl. Aber nicht unangenehm. Crimson bewegte sich nicht, doch Carson konnte seine Muskeln unter der Haut arbeiten spüren. Vorsichtig fuhr er einigen der hellgrünen narben nach. Das Narbengewebe war weich – weicher als bei Menschen, jedoch mit einer rauen Oberfläche.

„Sie sind ein seltsamer Mensch, Doktor. Andere Menschen führen die furchtbarsten Experimente an meinesgleichen durch, und Sie fragen nach meiner Erlaubnis, bevor sie mich berühren.“
langsam ging der Arzt um den Wraith herum. Crimson bewegte sich nicht, hob seine Arme leicht an, als würde er sich präsentieren, und ließ Carson alle Zeit, die er brauchte. „Nicht alle Menschen sind so, Crimson. Die, denen sie begegnet sind, waren Soldaten. Oder sie hatten Angst um ihr Leben. Wir sind in der Lage dazu schreckliches zu tun, wenn wir glauben unser Leben schützen zu müssen. Aber die meisten von uns haben kein Spaß daran anderen Wesen leid zuzufügen.“
Der Rücken des Wraith war nicht minder beeindruckend, als seine Vorderseite. Ein feiner Schuppenkamm zog sich entlang der Wirbelsäule, und verschwand unter dem Handtuch. Eine Narbe – breiter und länger als diejenigen, die er schon betrachtet hat, zog sich schräg über Crimsons rücken. Dort, wo sie seine Wirbelsäule kreuzte, fehlten einige der rundlichen schuppen. Carson griff nach den Haaren des Wraith und schob diese langsam über seine Schultern nach vorne, sodass der Mensch freien Blick auf seinen Rücken hatte. Einige Haare verfingen sich dabei in den Schuppen. Vorsichtig griff Carson nach den feinen Strähnen, und zog sie vorsichtig heraus. Carson spürte ein Zittern durch den Körper des Wraith gehen. Scheinbar war der feine Kamm empfindlicher, als der Rest seiner haut. Neugierig fuhr Carson mit der Fingerspitze seines Zeigefingers hauchzart über die Spitzen der einzelnen wirbelschuppen. Die Reaktion kam sofort. Ein leises Knurren vibrierte in Crimsons Brust, als dieser sich abrupt umdrehte, und nach den Handgelenken des Doktors griff, ehe Carson reagieren konnte. Die Pupillen des Wraith waren erweitert, seine sonst so leuchtend goldenen Augen wirkten beinahe schwarz. „Der Wirbelgrat eines Wraith ist äußerst… empfindlich. Ich würde es begrüßen, wenn sie mich dort nicht berühren. Es sei denn sie wünschen, dass ich… über sie herfalle.“ Der Ton des Wraith verriet, dass er keineswegs mehr mit Carson scherzte. Carson spürte, wie ihm die Hitze wieder ins Gesicht stieg. Diesmal wandte er sich jedoch nicht ab, und hielt den Blick seines Gegenübers. „Verzeihen Sie. Das war nicht meine Absicht.“ Einige lange Sekunden standen die beiden sich einfach gegenüber, und blickten sich schweigend in die Augen. Dann kam Carson allerdings langsam wieder zu sich. Verdammt, was tat er hier?! Der Wraith war noch immer beinahe nackt! Wissenschaftliches Interesse hin oder her, das, was Carson hier tat war KEIN angemessenes verhalten! Vorsichtig entzog er Crimson seine Hände, und trat einen Schritt zurück.

„Ihre Kleider liegen auf der Kommode. Ich werde versuchen ihnen in den nächsten tagen ein paar Zivile Kleidungsstücke zu besorgen. Bis dahin müssen sie sich mit der Uniform der Einsatzteams zufriedengeben.“ Erklärte Carson sich räuspernd.

„Hören Sie, Sie haben viel durchgemacht Crimson, ich kann vollkommen verstehen, wenn sie erstmal ein bisschen allein sein möchten, deshalb-„ Carson hatte den Satz gerade halb ausgesprochen, da unterbrach der Wraith ihn mit fester Stimme. Jedenfalls bemühte Crimson sich sie fest klingen zu lassen, aber Carson hörte etwas heraus, das da nicht hingehörte. Unsicherheit?
„Nein!“ Crimson betonte das Wort energisch. „Ich war lange allein. Nicht nur körperlich.“ Einen Moment wirkte der Wraith unentschlossen, so als wäre er sich nicht sicher, ob er seine folgenden Worte aussprechen sollte. Er tat es aber und sah Carson dabei vollkommen ehrlich und etwas wehmütig an. „Auf meinem Basis-Schiff… Ein Wraith ist ständig mental mit seinen Brüdern verbunden. Wir können ohne eine Königin leben, aber vollkommen allein ohne die geistige Geborgenheit unserer Brüder…“ Crimson seufzte und wandte den blick von Carson ab. So unsicher hatte der Mensch ihn noch nie erlebt. Nicht mal als er mit dem Hungertod gekämpft hat. „Es ist eine Qual. Ich würde es bevorzugen nicht mehr allein zu sein.“ Die Worte des Wraiths gingen Carson nahe. Die ganze zeit über hat er nicht einmal daran gedacht, dass die Wraith eine Telepathische Rasse waren. Natürlich, er war von seinem natürlichen Lebensraum vollkommen isoliert. Selbst wenn er sich mit Menschen telepathisch in Verbindung setzen könnte, so würde er hier auf dem Planeten nichts als Abneigung und Furcht erfahren. Seufzend ging der Arzt wieder einen Schritt nach vorne, und legte eine Hand auf Crimsons Schulter. „Mit einem Assistenten ist die Arbeit auf der Krankenstation ohnehin viel einfacher. Nalos. Trocknen sie sich richtig ab und ziehen sie sich etwas an.“ Carson lächelte ihn zuversichtlich an. Er hatte keine Ahnung, wie er den Wraith in die Arbeit in der Krankenstation einbinden würde. Er würde sicherlich nicht dazu beitragen, dass die Patienten die Ruhe bewahrten. Aber Carson würde sich schon was einfallen lassen.

Seine Zuversicht vergas er allerdings schnell wieder, als der dankbar lächelnde Wraith nach seinem Handtuch griff, und es sich von der hüfte zog. Schnell wirbelte der Doktor herum und kniff die Augen zu „Aber doch nicht sofort! Ich hätte vor der Tür auf sie gewartet, bis sie sich angezogen hätten!“ Carsons Stimme rutschte eine Oktave höher, als beabsichtigt. Ein dunkles Glucksen erklang von dem, nun vollkommen nackten, Wraith hinter ihm. Also wenn Crimson sich hier länger aufhielt, würde Carson ihm unbedingt ein paar gesellschaftliche Regeln beibringen müssen. „Warum schämen sie sich für das, was jeder hat Doktor?“ „Das ist etwas, das ich nicht mit ihnen besprechen werde, Crimson. Sind sie bekleidet?“ Einen Moment hörte Carson nichts als leises Nesteln von Stoff. „Sie müssen keine Angst mehr vor meiner Nacktheit haben, Doktor.“ Kündigte der Wraith schließlich trocken an. Etwas misstrauisch öffnete der Mensch die Augen wieder, und blickte in Crimsons Richtung. Erleichtert stellte er fest, dass der Wraith tatsächlich voll bekleidet war. Diese so menschliche Kleidung wirkte seltsam an dem hochgewachsenen Außerirdischen. Sie stand ihm, aber sie wirkte irgendwie… falsch. Vielleicht lag es auch daran, dass es genau die Uniform war, die die meisten Soldaten trugen, wenn sie mit den Wraith kämpften…

 

Crimson

„Gut. So kann ich mich mit ihnen blicken lassen.“ Verkündete der Arzt schmunzelnd. „Bevor wir gehen… kann ich darauf vertrauen, dass Sie sich im Griff haben? Ich weiß nicht, wie die Menschen auf sie reagieren werden. Menschen haben Angst vor dem, was sie nicht kennen. Das liegt in unseren Genen. Man wird Sie vermutlich nicht sonderlich gut behandeln. Es wird dauern, bis alle Sie kennen lernen, wie ich Sie kennen lernen durfte.“ Crimson blickte ihn lange an, dann nickte er. „Ich werde mich nicht provozieren lassen, Carson Beckett. Ich hoffe, dasselbe gilt auch für Sie.“ Merkte der Raith an, daran denkend, wie wütend der Mensch immer wieder wird, wenn er Crimson schlecht behandelt sieht. Es rührte den Wraith, wie viel Carson an seinem Wohlergehen lag. Aber auf Dauer würde der Mensch sich damit mehr in Schwierigkeiten bringen als ihm zu helfen. Crimson nahm sich vor den Doktor zurück zu halten, wenn er sich wieder zu sehr aufregte.
Gemeinsam verließen sie das Zimmer. Crimson folgte dem Menschen dicht. Die beiden Wachen, die vor seiner Tür warteten, setzten sich ebenfalls sofort in Bewegung, als sie sahen, dass der Wraith sein Zimmer verließ. Crimson wusste, dass ihre harte Fassade nur eine Maske war. Er konnte ihre Angst riechen. Er verbarg ein Lächeln und schritt vollkommen ruhig neben Carson her.

Als sie die Krankenstation erreichten, war das erste, was Crimson wahr nahm der Starke Geruch nach Desinfektion und Chemikalien. Carson hatte einen ähnlichen Geruch an sich. Carsons Geruch war allerdings viel sanfter. Dieser hier blendete seinen Geruchssinn beinahe mit Intensität. Eine Menschliche Frau arbeitete an einem Computer – als sie Carson und ihn entdeckte, schreckte sie von ihrem Platz auf, und drängte sich Rückwärts gegen die Wand. Erbärmlich. Also sie das vor einem Wraith schützen würde, wenn er sie angreifen wollte… Crimson war sich nicht sicher, wie er darauf reagieren sollte. Sollte er überhaupt reagieren? Wie funktionierte die Psyche der Menschen? Zu gerne würde der Wraith einen Blick hinter ihre Stirn wagen… doch ein unerlaubtes Eindringen in die Gedanken eines anderen, war schmerzhafter als jede Körperliche Verletzung. Crimson verspürte keinerlei verlangen das einem anderen anzutun. Ob Mensch oder nicht.
Erleichtert beobachtete der Wraith allerdings, dass Carson die Sache für ihn in die Hand nahm. Mit einer beruhigenden, sanften stimme sprach er auf die Frau ein.
„Haben sie keine Angst. Das ist Cr…“ Ein Stich zuckte durch Crimsons innerstes, als er für einen Moment dachte, dass Carson leichtfertig seinen Namen weitergab. Doch der Mensch überraschte ihn zum wiederholten Male, denn er unterbrach sich selbst, bevor er weitersprach. „Cr…a…ig. Craig. Er wird uns nichts tun. Im Gegenteil, ich glaube er kann viel zu unseren Forschungen und Techniken beitragen. Ich vertraue ihm voll und ganz.“ Carsons worte schienen die Frau nicht vollkommen zu überzeugen, aber sie rückte zumindest langsam von der wand ab, und bewegte sich langsam zurück zu ihrem Schreibtisch. Sie ließ den Wraith keine Sekunde lang aus den Augen. Sie öffnete den Mund, als würde sie etwas sagen wollen, doch nichts kam heraus. Beinahe tat die Frau ihm leid. Der Geruch ihrer Angst ließ den Chemischen Duft der Station schwach erscheinen. Für einen Moment dachte der Wraith darüber nach etwas Beruhigendes zu sagen, doch Carsons Blick nach zu urteilen, war das keine gute Idee. Auf sein Zeichen hin folgte Crimson dem Arzt in dessen Büro.

 „Sie haben ihr meinen Namen nicht verraten.“ Merkte Crimson an, als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten. Seine Stimme klang dankbar und ein wenig überrascht.

„Natürlich. Sie haben mir ziemlich deutlich gemacht, was ihre Namen für ihresgleichen bedeuten. Ich respektiere das.“ Der Mensch klang vollkommen ernst. Crimson wusste, dass sein Name sicher bei Carson war.

„Danke Doktor. Und danke dafür, dass sie mir einen Menschlichen Namen gegeben haben. Das ist ein erster schritt auf eine Zusammenarbeit zwischen unseren Völkern zu.“
Carson blickte den Wraith entgeistert an, ehe er energisch den Kopf schüttelt.  

„Oh nein. Sie werden nicht Craig heißen!“
„Was spricht gegen diesen Namen?“
„Er ist absolut bescheuert für einen Wraith!“ Crimson legte den Kopf schief und blickte den Doktor verständnislos an. Er kannte sich mit Menschlichen Namen nicht aus. Für ihn klang ‚Craig‘ genauso fremdartig wie alle anderen Namen, die er bisher in Atlantis aufgeschnappt hatte.
„Welcher Menschliche Name wäre denn angemessen für einen Wraith?“ fragte er deshalb.
„Keine Ahnung, aber ganz bestimmt NICHT Craig!“
„Mir gefällt Craig.“

„Was zur Hölle gefällt ihnen dann an Craig?“ Carson klang fast verzweifelt angesichts der Absurdität dieser Situation. Er schien diesen Namen wirklich nicht zu mögen. Ein ehrliches Lächeln spielte um Crimsons Mundwinkel.

„Es ist der erste Name, der mit auf diesem Planeten gegeben wurde, um mich zu schützen. Nicht um mich zu verletzen oder provozieren.“
Der Mensch schwieg. Er schien abzuwägen, wie ernst es dem Wraith war. Dann seufzte er ergeben. „Also schön… ‚Craig‘ Verdammte Axt, ich werde mir so dumm vorkommen, wenn ich sie so nenne…

Ich schwöre, das nächste Mal, wenn ich einen Wraith benenne, werde ich mir vorher eine Liste machen… Jetzt kommen sie. Ich zeige Ihnen meine Arbeit, dann können wir schauen, wie sie mich am besten unterstützen können…“

So arbeiteten sie den Großteil des Tages zusammen. Carson machte ihn mit seinen täglichen Aufgaben und Pflichten als Leiter der Krankenstation vertraut. Crimson hörte sich aufmerksam alles an. Die Technik der Menschen war fortgeschrittener, als er gedacht hätte. Natürlich, einige der Behandlungstechniken, die angewendet wurden, waren schlicht barbarisch… Dann wiederrum musste man den Fakt bedenken, dass Menschen nicht die Möglichkeit hatten, ihre eigene Lebenskraft weiterzugeben, damit ihre Brüder heilen konnten… Die technischen Geräte der Menschen kamen jedoch beinahe denen der Wraith gleich.

Als Carson aus einigen getrockneten pflanzen und gezüchteten Pilzen vom Festland begann in feinen Dosierungen ein Schmerzmittel herzustellen, stellte sich heraus, dass Crimson ein Talent zur Medikamentenherstellung hatte. Mit seinem empfindlichen Geruchssinn und seinem feinen Fingerspitzengefühl konnte er die Mischverhältnisse derart genau abschätzen, dass er nicht mal einen Waage brauchte. Nicht nur das, er konnte auch voraussagen welche Inhalts Stoffe genau mit denen der anderen zutaten reagierten, und konnte Carson somit einige Rezepte für weitere Mittel geben, die auf eine andere Art und Weise auf die Patienten wirkten.

Natürlich untersuchte Carson die neuen Mischungen genau, und würde sie durch einige Testläufe schicken, ehe er sie für Patienten freigeben würde. Aber Crimson konnte ihm ansehen, wie erfreut er über die neuen Entdeckungen war, und wie sehr er sich für seine Arbeit begeisterte.

Am Mittag begleitete Crimson den Doktor in die Kantine. Der Mensch brauchte etwas zu essen. Natürlich verstummten sofort alle Gespräche, als das ungleich paar und ihre Wachmänner den Saal betraten. Crimson spürte die Feindseligkeit der Menschen, und roch die allgegenwärtige Angst. Er nahm es ihnen nicht übel. Seine Art tat schreckliche dinge mit den Menschen, und die Wraith waren ihnen körperlich und geistig überlegen, Angst war eine vollkommen natürliche Reaktion. Dennoch tat es ihm leid für den Doktor, der wegen ihm so viel Ablehnung erfuhr.
Als er zu Carson blickte, schien der sich allerdings nicht daran zu stören. Zufrieden hielt er sein Tablett und bedeutete Crimson zurück zu gehen. „Ich werde in meinem Büro essen. Hier stiften wir im Moment zu viel Unruhe an. Brauchen Sie eigentlich auch bald wieder Nahrung?“

Der Wraith schüttelte den Kopf. „Wir nähren uns nicht täglich. Für gewöhnlich haben wir einen 10-Tages-Zyklus. Auf unseren Schiffen werden wir in gruppen eingeteilt und nacheinander auf die ‚Jagt‘ geschickt, damit wir nicht alle gleichzeitig dieselbe Welt ausbeuten und die Bevölkerungen zerstören. Aber ich habe es ihnen bereits gesagt. Ihr mittel hat mich stärker gesättigt als jede Ausdünnung, an der ich bisher teilgenommen habe. Es ist möglich, dass es diesmal länger dauert, bis ich wieder Nahrung brauche.“ Carson lauschte seiner Erklärung genau. Dafür, dass Crimson so leichtfertig über die Tötung seiner Art redete, reagierte der Arzt verdächtig gleichgültig auf das Thema. Er ließ sich auch nicht den Appetit verderben, als sie die Krankenstation wieder erreichten, und Carson zu essen begann. Es schien, als würde er sogar mehr hören wollen. Verwirrt blinzelte Crimson den Menschen an, der ihn immer wieder überraschte. „Sind sie denn gar nicht verängstigt oder verärgert, wenn ich von unseren Nährritualen erzähle?“
Carson schenkte ihm ein breites Lächeln und schüttelte den Kopf. „Verängstigt... nein.  Sie haben mir mehr als einmal bewiesen, dass ich vor Ihnen nichts zu befürchten habe. Und verärgert? Im Gegenteil. Die Tatsache, dass ihre Art sich darüber Gedanken macht, die bevölkerten Planeten nicht zu sehr zu schwächen, beweist für mich nur, dass Wraith nicht die kaltblütigen, Gewissenslosen Mörder sind, für die wir sie halten. Sie MÜSSEN essen. Ihr leben hängt davon ab. Aber sie machen sich Gedanken darüber, wie sie den Schaden, den sie anrichten einschränken können.“

So hatte Crimson darüber noch nie nachgedacht. Wraith machten sich keine großen Gedanken darüber, wie sie mit Menschen umgingen. Allein aus dem Grund, weil sie verrückt werden würden, wenn sie mit jeder Mahlzeit, die sie hatten, mitfühlen würden. Es war ein mentaler Selbstschutz. Aber Carson hatte recht – sie handelten intuitiv so, dass die Völker sich immer wieder gut erholen könnten zwischen den Ausdünnungen. Oft ließen sie den Menschen sogar mehr Zeit, als nötig wäre, um das Fortbestehen der Völker zu sichern. Wenn diese Vermutung der Wahrheit entsprach, bestanden realistische Chancen, dass Carsons Formel das Töten für immer beenden könnte...